SO WURDE ICH

Ich saß im 34. Jahre meines gottlosen Lebens, Details kann eine

Tageszeitung unmöglich bringen, ich saß im Café Central, Wien,

Herrengasse, in einem Raume mit gepreßten englischen Goldtapeten. Vor

mir hatte ich das „Extrablatt“ mit der Photographie eines auf dem Wege

zur Klavierstunde für immer entschwundenen fünfzehnjährigen Mädchens.

Sie hieß Johanna W. Ich schrieb auf Quartpapier infolgedessen,

tieferschüttert, meine Skizze „Lokale Chronik“. Da traten Arthur

Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Richard Beer-Hofmann,

Hermann Bahr ein. Arthur Schnitzler sagte zu mir: „Ich habe gar nicht

gewußt, daß Sie dichten!? Sie schreiben da auf Quartpapier, vor sich ein

Porträt, das ist verdächtig!“ Und er nahm meine Skizze „Lokale Chronik“

an sich. Richard Beer-Hofmann veranstaltete nächsten Sonntag ein

„literarisches Souper“ und las zum Dessert diese Skizze vor. Drei Tage

später schrieb mir Hermann Bahr: „Habe bei Herrn Richard Beer-Hofmann

Ihre Skizze vorlesen gehört über ein verschwundenes fünfzehnjähriges

Mädchen. Ersuche Sie daher dringend um Beiträge für meine neugegründete

Wochenschrift ‚Die Zeit‘“ Später sandte Karl Kraus, auch der

Fackel-Kraus genannt, weil er in die verderbte Welt die Fackel seines

genial-lustigen Zornes schleudert, um sie zu verbrennen oder wenigstens

„im Feuer zu läutern“, an meinen jetzigen Verleger S. Fischer, Berlin

W., Bülowstraße 90, einen Pack meiner „Skizzen“, mit der Empfehlung, ich

sei ein Original, ein Genie, Einer, der anders sei, nebbich. S. Fischer

druckte mich, und so wurde ich! Wenn man bedenkt, von welchen

Zufälligkeiten das Lebensschicksal eines Menschen abhängt! Nicht?! Hätte

ich damals, im Café Central, gerade eine Rechnung geschrieben, über die

seit Monaten nicht bezahlten Kaffees, so hätte Arthur Schnitzler sich

nicht für mich erwärmt, Beer-Hofmann hätte keine literarische Soiree

gegeben, Hermann Bahr hätte mir nicht geschrieben. Karl Kraus freilich

hätte meinen Pack Skizzen unter allen Umständen an S. Fischer

abgeschickt, denn er ist ein „Eigener“, ein „Unbeeinflußbarer“. Alle

zusammen jedoch haben mich „gemacht“. Und was bin ich geworden?! Ein

Schnorrer!

"Semmering 1912" · 第 148 / 325 题