FORELLENFANG

75 Kilometer lang ist das gesamte Gebirgswasser in Naßwald. Es ist

flaschengrün, weiß und graugrün; es steht mäuschenstill in winzigen

Felsbuchten, es schäumt bösartig weiß, es zieht gemächlich graugrün über

flachen Kiesboden. Hinter _jedem_ Stein eine Forelle! Kein Stein ohne

Forelle dahinter, es wäre denn, daß sie gerade weggeangelt wurde. Hinter

jedem Stein also lauert der heimtückische Insektenmörder. Plötzlich wird

er von der Angelrute herausgeschnellt im Bogen. Man sieht etwas

herrliches Silbernes und schon liegt es auf der Wiese. Man schlägt es an

dem Fußabsatz ab, wenn es ein Regenwurmfang war, setzt es in den

Bottich, wenn es ein Kunstfliegenfang war. Es gibt berühmte

Kunstfliegenangler. Ihre Kunst besteht darin, die Kunstfliege so auf das

Wasser hinzuwerfen, daß es wie eine echte aussieht. Das ist ja im Leben

überhaupt oft so. So wird man berühmt. Man wirft den Köder aus, und — —

die Forelle nimmt es für eine echte, und man hat sie! Forellenangeln und

Naturfreund sein, ist eines! Denn man muß wandern, wandern von Stein zu

Stein. Hinter jedem hockt eben eine. Und diese Wanderung befriedigt nur,

wenn man die umgebende Natur herzlich lieb hat. Der Hecht verlangt keine

Naturfreude vom Angler. Er steht irgendwo und man hat zu warten. Man

wartet, wartet, bis das Ereignis eintritt. Dann beginnt die

_Geschicklichkeit_. Aber mit der Natur hat es nichts zu tun. Es ist nur

aufregend.

Der Forellenfänger liebt das Gebirgswasser leidenschaftlich, er vergißt

darüber Weib und Kind, oft sogar das Essen. Er versenkt sich in die

_Details_ der Umgebung, ein _einziges_ Zeichen _wirklichen_ Genießens!

Denn „in Bausch und Bogen“ ist es brutal und wertlos! Er zieht dahin,

von Stein zu Stein, er sieht alles, alles. Und wenn er ermüdet heimkehrt

mit seiner reichen Beute, glaubt er etwas geleistet zu haben. Ja, denn

er hat sich sogar einen urgesunden tiefen Schlaf verschafft!

"Semmering 1912" · 第 147 / 325 题