Ich habe einen scharfen Blick für Mütter, die die „Persönlichkeit“ ihres
geliebten Kindchens achten und berücksichtigen. Es sind das sogenannte
_Künstlernaturen des Lebens selbst_! Sie betrachten ihr Kindchen als ein
von ihnen geschaffenes „lebendiges Kunstwerk“, apart und vor allem den
meisten unverständlich, die mit dem Ausspruche: „ein ganz nettes Kind,
nichts weiter“, ihre künstlerische Unfähigkeit klar erweisen.
Merkwürdigerweise funktionieren so brutal-verallgemeinernd _fast alle
Väter_, die immer nur den Herrn Hofrat wittern, der einst, in der Ferne,
erscheinen soll und zu dem Kindchen sagen soll: „Du bist mein alles!“
Daß das gar kein Kompliment sein wird für das Töchterchen, spüren sie
nicht! Du bist _mein_ alles, ja, aber _wessen_ alles, darauf kommt es
an! Viele Mütter hingegen haben eine künstlerische melancholische
Zärtlichkeit. Sie teilen das Leben ihres Kindchens in „interessante,
spannende, merkwürdige Lebenskapitel“ ein, sind selbst äußerst gespannt,
wie der Roman enden werde, während die Väter ein biblisches Dogma
aufstellen, über das das Leben jedoch nur ein flüchtiges Lächeln hat.
Mütter wissen, wie ihr Kindchen geht, steht, sitzt, wann es verlegen ist
oder düster, Väter wissen höchstens, ob es „Stuhl“ gehabt habe, und das
wissen sie nicht einmal. Ein schreckliches Wort leitet sie durchs ganze
Leben ihres Kindes, das Wort „_gediegen_“. Alles soll „gediegen“ sein,
die Lehrer, die Gouvernanten, der „Zukünftige“, der „Charakter“. Das
ganze kommt mir vor, wie das Wort „gediegenes Gold“, das auszusprechen
schon eine Art Berauschungsmittel ist! Ich glaube nicht, daß Eleonora
Duse, Sarah Bernhardt, Yvette Guilbert, Fanny Elsler, Adelina Patti,
Bird Millman, Barbarina Campanini sehr „gediegen“ waren, jedesfalls war
es eine _höchst nebensächliche_ Eigenschaft dieser Damen, deren Väter
jedesfalls auch nur sich „Gediegenheit“ erwünscht hatten für ihre
Töchterchen! Mütter „_beobachten_“ das Leben ihrer Kinder, Väter
_schreiben_ es _ihnen vor_! Sie sind selbst durch Beruf, Sorge,
Eitelkeit, Ehrgeiz, Konkurrenz, Rücksichten Geknechtete des Daseins,
erwünschen dasselbe daher ihren Sprößlingen. Künstlerisch empfindsame
Mütter hingegen _trauern_ um ihr eigenes _Lebensgefängnis_, möchten
ihren geliebten Töchterchen den weißen Flug gönnen ins „romantische
Land“!