Einmal hinterbrachten sie dem König eine schreckliche Lüge über das

Vorleben Mackays. Er sei ein landflüchtiger Verbrecher, habe zweier Morde

wegen sein Vaterland verlassen müssen und dann das Schiff, auf dem er

floh, in die größte Gefahr gebracht; der Kapitän hätte ihn in Sansibar

ans Land gesetzt. Aber auch auf dieser Insel wäre seines Bleibens nicht

gewesen. Nachdem er wieder einen Doppelmord auf dem Gewissen gehabt, sei er

nach Uganda gekommen. Einem Sklaven, der das alles wisse, hätte er hohes

Schweigegeld geboten. Ein andermal erzählten sie am Hofe, die Königin von

England hätte Mtesa eine Spieldose, tausend Flinten und viel Zeug gesandt,

aber die Missionare hätten alles unterschlagen. In der Spieldose seien

übrigens lauter lebendige Teufel; wenn Mackay pfeife, fingen sie an zu

spielen; wenn er ihnen »Halt!« zuriefe, würden sie still.

Als Mackay am Missionshaus baute, raunten sie dem König und seinen

Räten ins Ohr, das sollte eine Festung werden und das sei der Anfang

zur Eroberung des Landes. Fünfzig Sklaven wären schon einexerziert, und

andere Soldaten kämen von der Küste. Das politische Motiv spielten sie

übrigens in allen Tonarten, um Mißtrauen gegen die Fremden und besonders

gegen die Missionare zu säen. Diese seien nur politische Spione und

Agenten. Nach ihnen kämen die Engländer, um das Land »aufzuessen«.

Im Gottesdienst am Hofe erschwerten sie die Lehrtätigkeit durch lästige

Zwischenbemerkungen, z. B.: die Weißen seien Bilderanbeter, hätten eine

falsche Religion, äßen Schweinefleisch, hielten Hunde und seien schlecht,

am schlechtesten aber wären die Engländer. Solange Mackay in Uganda

war, kämpften sie mit allen Mitteln gegen ihn, und als er endlich die

Hauptstadt verließ, wozu sie viel beigetragen hatten, frohlockten

sie, freilich zu früh, denn ihre Zeit ging damals zu Ende und die des

Christentums begann erst recht.

Neben den Muselmännern stellten sich aber noch andere Gegner ein, denen

Mackay zu begegnen hatte und zu begegnen wußte.

Am 23. Februar 1879, einem Sonntag, gingen die Missionare nach ihrer

Gewohnheit an den Hof, um zu predigen. Aber dort war große Aufregung, und

niemand kam zum Gottesdienst. Es sollten zwei Weiße als Gäste des Königs

angekommen sein. Die Missionare hatten keine Ahnung, wer das sein könnte.

Es waren jesuitische Gegenmissionare, französische Untertanen von den

Vätern des Kardinals Lavigerin aus Algier. Vergebens erinnerte sie

Mackay an ein altes Abkommen, daß man Mohammedanern und Heiden nicht das

bedauerliche Schauspiel einer in sich gespaltenen Religion bieten, sondern

auf getrennten Feldern arbeiten wolle. Die Priester erklärten, sie seien

an jenes Abkommen von Bagamoyo nicht gebunden, da sie einem anderen Orden

angehörten.

Dem König, dem die Franzosen sehr wertvolle und sorgfältig ausgewählte

Geschenke machten, war es ganz willkommen, wenn er die beiden Missionen

gegeneinander ausspielen und aus beiden Vorteile ziehen konnte, ohne sich

für das eine oder für das andere entscheiden zu müssen.

Bald kam es zu häßlichen Auftritten am Hofe. An einem Sonntag hielt

Mackay Gottesdienst. Lourdel und sein Genosse, den Mackay noch nicht

kannte, waren auch zugegen. Die Grüße des Engländers erwiderten sie

kaum. Der Gottesdienst begann. Mackay schlug sein »Prayerbook« auf, und

alle knieten nieder zum Gebet. Nur die römischen Priester blieben sitzen

und schwatzten dabei. Mtesa stellte sie darüber zur Rede und fragte, ob

sie nicht an Christum glaubten und Ihn anbeteten. Lourdel erging sich nun

in den beleidigendsten Ausdrücken, nannte Mackay einen Lügner und die

Bibel ein Lügenbuch. Mackay seufzte innerlich um Gnade, sich jetzt recht

verhalten zu können. Der Herr stand ihm bei, so daß er in aller Ruhe

und Klarheit erzählen konnte, was die Protestanten von Rom trennt. Die

Römischen hätten den Papst als Oberhaupt, die Evangelischen hätten die

Bibel als einzige Autorität und verehrten keinen anderen Herrn als Jesum

Christum. Um die Gemüter zu beruhigen, setzte er hinzu, in vielen Dingen

stimmten beide Konfessionen überein. Der aufgeregte Priester wollte aber

nichts vom Frieden wissen und wiederholte seine Schmähungen. Niemals

hörte Mackay so oft das Wort =muongo= (Lügner) auf sich anwenden als von

jenem römischen Pater. Die Verwirrung unter den Zuhörern war schließlich

so groß, daß Mtesa erklärte: »Die Araber lehrten mich, an einen Gott zu

glauben, Mackay sagte mir von zweien (Gott und Christus), und die Franzosen

haben gar drei (Gott, Jesus und Maria); nun glaube ich keinem mehr. Jeder

weiße Mann hat ja eine andere Religion.«

Vierzehn Tage nach den Jesuiten traf ein Brief des englischen

Generalkonsuls in Sansibar ein, in dem u. a. stand, die englischen

Missionare hätten nichts mit der Politik zu tun; sie seien aus eigenen

Antrieb gekommen und nicht direkt von der Königin gesandt. Dadurch sollte

bei Mtesa der Verdacht zerstreut werden, daß die Missionare politische

Agenten seien. Mtesa befahl den Arabern, den Brief zu übersetzen. In ihrem

Hasse gegen die Christen übersetzten sie nun falsch und lasen, daß »kein

Engländer in Uganda von der englischen Königin komme oder Briefe von

der englischen Regierung habe«. Nun hatten aber wenige Wochen vorher

drei Missionare, die zu Mackays Unterstützung kamen, ein Schreiben vom

Premierminister im Namen der Königin überreicht.

Es gab einen neuen, schrecklichen Auftritt. Mtesa nannte Mackay und

seine Mitarbeiter Betrüger und erklärte den Brief von England als eine

Fälschung. Die Einsicht in den Brief des Konsuls wurde ihnen vorenthalten.

Sie mußten alles über sich ergehen lassen und stellten es Gott anheim,

der da recht richtet und den Wahrhaftigen hilft. Da sie trotzdem noch

geduldet wurden, fuhren sie desto eifriger in der Ausbreitung der Wahrheit

fort.

»Es scheint mir,« schreibt Mackay, »daß Gott das Eindringen der

falschen Lehren zugelassen hat, damit wir die Wahrheit um so eifriger

verbreiten. O, daß wir die kurze uns zur Verfügung stehende Zeit mehr zur

Verherrlichung Gottes gebrauchen könnten und wollten! Wir taten, was wir

konnten, zu verhindern, daß Unkraut unter den Weizen gesät würde, als

die ersten Papisten im Anzuge waren, und nun werden sie sich neben uns

festsetzen. -- Wir müssen alle Kraft daransetzen, dem Volke die Heilige

Schrift in ihrer eigenen Sprache zu geben und sie lehren, dieselbe zu lesen

und zu glauben.«

Darin sah Mackay mit Recht die beste Waffe und das beste Abwehrmittel

gegen alle Feinde, auch gegen die katholische Propaganda. Bald nach

seiner Ankunft in Uganda begann er eine beträchtliche Anzahl Lesetafeln

herzustellen. Er verfertigte große Lettern aus hartem Holz und druckte

mit Hilfe seiner kleinen Presse Buchstaben, Silben, Wörter und auch ganze

Sätze auf zugerichtete Tafeln. Die Fibeln gab er den herzuströmenden

Lernbegierigen und unterrichtete sie dann in der Lesekunst. Den

Fortgeschrittenen händigte er gedruckte Bibelsprüche ein und unterwies

sie zugleich in den geoffenbarten Wahrheiten.

Das größte Verdienst erwarb sich Mackay aber durch seine

Übersetzungsarbeiten. Seine Mitarbeiter wechselten oft, zu oft, um mit

der Landessprache völlig vertraut zu werden und zuverlässige

sprachliche Arbeiten anfertigen zu können. Mackay dagegen war neun Jahre

ununterbrochen am Orte und stand nach seiner Verdrängung noch zweieinhalb

Jahre im regen Verkehr mit den Waganda, deren Sprache er wie seine eigene

kannte. Im Januar 1880 begann er mit der Übersetzung des Evangeliums

Matthäi mit dem Gebete: »Möge der Heilige Geist, der das Wort zuerst

eingab, mir Herz und Hand zu dieser Arbeit reinigen und dieselbe heiligen

zur Ehre meines hochgelobten Herrn und Meisters Jesus Christus!« In diesem

Geiste und der ihm eigenen Sorgfalt und Gründlichkeit übersetzte er im

Laufe der Jahre nicht nur das Matthäus-, Lukas- und Johannesevangelium,

sondern auch ausgewählte Psalmen, Gebete und Lieder in die Landessprache.

Dann druckte er sie auch und band die Bücher, wobei ihm seine Mitarbeiter

fleißig Handreichung taten. Außerdem wurde auch das Suahelitestament

in Uganda sehr verbreitet, besonders im Anfang, weil viele dieser Sprache

mächtig waren.

Das Übersetzte wurde wiederholt unter dem Beistand seiner Mitarbeiter und

geförderter Wagandachristen revidiert und korrigiert. Mit ihnen saß er

auch in der schweren Verfolgungszeit nach Mtesas Tode (1884) manchen Tag

und manche Nacht über dem heiligen Texte. Die meisten Exemplare wurden

verkauft, nicht verschenkt, und gingen so rasch ab, daß immer neue

Auflagen gedruckt werden mußten. Das bereitete Mackay neben der Freude

auch manche Not, da die Mittel und Hilfsmittel so dürftig waren, wie sie

nur sein konnten.

Das Wort Gottes wurde unter dem Volke ein Same der Wiedergeburt und die

tägliche Seelenspeise der Bekehrten. Stanley, der 1889 in der Nähe

Ugandas war, beobachtete mit Staunen die christlichen Flüchtlinge aus

Uganda -- es war gerade zur Zeit der Verfolgung --, wie »fast jeder von

ihnen ein Buch hatte, Gebete und das Evangelium Matthäi, wie sie in ihren

Hütten sich auf den Boden legten, ihre Bücher hervorzogen und darin

lasen« und ihm erzählten, sie seien alle -- etwa 2500 -- Mackays Schüler

und gehörten zu Mackays Mission; jeder hätte persönlich das Buch von ihm

empfangen.

So kämpfte der Held von Uganda mit dem Schwert des Geistes unermüdlich

gegen die furchtbare Macht der Finsternis im dunkelsten Afrika. Zur

Bekämpfung des abscheulichen Sklavenhandels hat er in seinen Briefen an

Londoner Zeitungen viel Anregung und wertvolle Winke gegeben. Er klagt

darin besonders über den Freihandel, durch den es den Arabern gestattet

war, sich und ihre Helfershelfer mit Pulver und Gewehren zur Menschenjagd

auszurüsten. Ohne diese Mordwaffen könnten weder die Araber noch die

Eingeborenen die Sklavenjagd betreiben. Die uneingeschränkte Einführung

von Mordwaffen in Afrika sei die reine Wahnsinnspolitik. »Die englischen

Schiffe, welche Missionare und Bibeln zur Bekehrung Afrikas hierherführen,

bringen in weit größerer Anzahl Gewehre mit, die diesen Weltteil in eine

Hölle verwandeln. Immer wieder haben mir die Waganda gestanden, daß ihnen

nur die Gewehre ihre Raubzüge in die Nachbargebiete möglich machten. Die

schwarzen Könige würden sich bald vertragen, wenn ihre Pulverkammern leer

wären.«

[Illustration: #Afrikanischer Häuptling.#]

Zwölftes Kapitel.

Mtesa, ein Heide durch und durch.

Die Afrikaforscher, welche durch ihre günstigen Berichte über den

»humanen König« von Uganda die Missionare in die Höhle dieses Löwen

lockten, lernten während ihres kurzen Aufenthaltes nur die Außenseite

kennen, die allerdings einen guten Eindruck machte. Die Waganda zeichneten

sich durch einen gewissen Grad von Zivilisation von den übrigen Stämmen,

die in trostlosem Zustande lebten, vorteilhaft aus. Ihr König regierte

als absoluter Herrscher zeitweilig mit rechtlichem Sinn und in

fortschrittlichem Geiste. Bei den Untertanen genoß er göttliches Ansehen.

Sie brachten ihm das Beste ihres fruchtbaren Landes als Steuer dar. Die

Araber waren schon seit Generationen am Hofe heimisch. Die Fremden wurden

stets freundlich und großartig am Hofe empfangen, freilich nicht aus

königlicher Tugend, sondern aus heidnischer Eitelkeit. Der Reisende Speke,

welcher den Niansa entdeckte, lernte Mtesa noch als Heide kennen. Stanley

fand ihn bei seinem ersten Besuch als Mohammedaner vor und brachte ihn

soweit, daß er vor versammeltem Hofe eine Art öffentliches Bekenntnis zum

Christentume ablegte. Ein religiöses Verlangen lag diesem Wechsel aber nie

zugrunde, sondern die unersättliche Gier nach Ansehen, Ehre und Macht. In

seiner Eitelkeit verstieg er sich soweit, daß er an Mackay das Ansinnen

stellte, ihm die Tochter der Königin Viktoria von England zur Frau zu

verschaffen. Diese »Heirat« leuchtete ihm um so mehr ein, nachdem man ihm

klargemacht hatte, daß er, statt tausend Elefantenzähne zu zahlen, einen

Brautschatz bekommen würde.

»Wenn man länger hier lebt,« berichtet Mackay, »dann verschwindet Glanz

und Gastfreundschaft schnell. Man wird über die barbarischen Zustände

am Hofe selbst mit Ekel erfüllt. Erhebt man erst die Stimme gegen die

Treulosigkeit, Verlogenheit und Lasterhaftigkeit, gegen die Mordgier und

Grausamkeit, dann wendet sich das Blatt, und der wahre Charakter des Volkes

kommt zum Vorschein. Statt Gastfreundschaft findet man Haß, anstatt des

täglichen Brotes kann man dem Hunger ausgesetzt werden. Man wird nicht

mehr als willkommener Wohltäter des Volkes, als Lehrer der Wahrheit, als

Führer zum Licht und Recht, sondern als lästiger Spion betrachtet, der

neue Sitten einführen und das gute Alte stürzen will.«

»Mtesa ist ein Heide durch und durch. Er besitzt alle teuflischen

Eigenschaften und ist unfähig, seine tierischen Leidenschaften zu zügeln.

Alles dreht sich bei ihm ums liebe Ich.« Mehrjährige Erfahrung und

Beobachtung lehrte Mackay und seine Mitarbeiter, daß alle scheinbaren

großmütigen Handlungen des Königs darauf berechnet waren, Ruhm zu

ernten. Eitelkeit war die Mutter seiner Tugenden. Nach seiner Ansicht ist

Uganda und die ganze Welt nur seinetwegen da.

Im Jahre 1881 sandte er ein Heer nach Osten und eins nach Westen, nicht

um Krieg zu führen, sondern um zu morden, zu rauben und zu plündern. Ein

Jahr später gab er den Befehl, jeder Mann im Lande müsse am Handgelenk

eine Perlenschnur tragen; wer dem Befehl nicht nachkomme, dem werde die

Hand abgehackt werden. Jede Frau hingegen solle eine Perlenreihe um die

Taille tragen, sonst werde an dieser Stelle der Körper durchschnitten

werden.

Jedes Verbrechen und jede Scheußlichkeit war in dem Lande zu Hause.

Täglich wurden aus schändlichem Mutwillen viele unschuldige Opfer

umgebracht. Lange Zeit hindurch wußten die Missionare nichts davon. Man

tat es aus Rücksicht auf sie nicht so öffentlich wie früher. Nach

und nach erst durchschauten sie das grausige Treiben der zahlreichen

königlichen Scharfrichter, welche abends auf den einsamen Wegen ihren

Opfern auflauerten, sie knebelten und am anderen Tage ermordeten, nicht

weil sie etwas verbrochen hatten (danach fragte man nicht), sondern weil

der König geruhte zu wünschen, daß täglich ein Quantum Menschenblut zur

Mehrung seiner Ehre und Macht fließe. Die Scharfrichter mußten zusehen,

wie sie ihre Beute finden konnten. Und das niedere Volk, welches keine

mächtigen Häuptlinge zu Beschützern hatte, mußte diese Opfer stellen.

»Es ist dunkel, 10 Uhr abends. Alles ist ruhig. Auch drüben auf der

anderen Seite des kleinen Tales ist der letzte Trommelwirbel verklungen,

weil dort der Scharfrichter seine Opfer für den Tag beisammen hat. Ihr

Blut wird morgen fließen. Plötzlich ertönt ein gräßlicher Schrei

vom Wege nach dem Missionsgehöft herüber, dann das Geschrei verworrener

Stimmen, wiederum ein Schrei, der das Blut erstarren macht -- und alles ist

wieder still. ›Hihihi! -- hast du's gehört?‹ grinste einer der

jungen Burschen, die bei Mackay waren, ›sie haben ihm die Kehle

durchgeschnitten! Hihihi!‹ Und er lachte. Es war das teuflische Lachen

der Waganda aus Freude an der Grausamkeit.« -- Der arme Mensch war allein

und spät auf dem Wege von den Aufpassern des Königs, welche abends für

Ruhe und für Sicherheit zu sorgen haben, aufgefunden und sofort getötet

worden, weil es dem blutgierigen Hofe also gefällt und die Aufpasser nur

dann höher in der Gunst steigen, wenn sie durch solche Aufmerksamkeit ihre

Tüchtigkeit erweisen. »Wer kann sie alle zählen, die am Morgen Gottes

Sonne schauen und ehe der andere Morgen dämmert, gewaltsam in die Ewigkeit

befördert sind!«

Daß »der humane König«, wie er oft genannt wurde, als er zum Islam

übertrat, an einem Tage zweihundert Jünglinge lebendig verbrennen ließ,

weil sie bei Annahme der neuen Religion etwas weiter gingen als er selbst

und sich noch beschneiden ließen, haben wir früher schon angedeutet.

Mit den Einzelhinrichtungen begnügt sich die teuflische Mordgier jedoch

nicht. Fast alljährlich fanden Massenabschlachtungen, sogenannte Kiwendo

statt. Mtesas Vater pflegte solche öfters anzuordnen, und der Sohn durfte

nicht hinter dem Beispiel seines Vaters zurückbleiben. Zu einem zünftigen

Kiwendo gehörten zweitausend Opfer, die man vorher mit großer List

einfing und dann an einem Tage abschlachtete. Solche Kiwendos fanden statt,

während die Missionare am Hofe jahrelang und täglich lehrten.

Im Jahre 1880 ließ der König die Grabstätte seines Vaters neu aufbauen.

Um dieselbe her sind hundert kleine Hütten errichtet worden. Sie dienen

den vielen Zauberinnen als Wohnort, in die der Geist des verstorbenen

Königs gefahren sein soll. Als der Umbau sich der Vollendung näherte,

wurden die Scharfrichter angewiesen, ein Kiwendo vorzubereiten. Am Tage

der Vollendung wurde dem abgeschiedenen Geiste des mordgierigen Suma

zweitausend unschuldige Menschen als Sühnopfer dargebracht. Überwacht

wurde der Hüttenbau sowohl wie die Massenhinrichtung von drei

Häuptlingen, die bei den Missionaren lesen und Gottes Wort kennen gelernt

hatten.

Ein Jahr später befahl Mtesa abermal ein großes Kiwendo. Ein Zauberer

hatte es ihm im Interesse seiner königlichen Genesung angeraten. Die

Häscher waren fleißig bei der Sache, und bald hatten sie ihre Zahl

(zweitausend) beisammen. Fünf Personen ergriff man vor dem Tore

des Missionshofes. Bei der Abschlachtung wurden einigen die Hälse

abgeschnitten, andere aber zu Tode gefoltert. Man schnitt ihnen die Ohren

ab, stach ihnen die Augen aus oder schnitt ihnen Stücke Fleisch aus Armen

und Beinen und briet sie vor ihnen. Dann erst verbrannte man die Ärmsten

bei lebendigem Leibe.

Um diesen Massenmord zu verhindern, schrieben Mackay und sein Mitarbeiter

Pierson an den König einen Brief und erbaten dazu auch die Unterschrift

der katholischen Missionare. Die Jesuiten aber weigerten sich, dieselbe

zu geben. Obwohl sie auch täglich am Hofe waren, erhoben sie nicht ihre

Stimme, um dem grauenvollen Treiben zu steuern. In dem Briefe erinnerte

Mackay den König an das Gebot: »Du sollst nicht töten«, an die

Entvölkerung des Landes, die durch diese Morde entstand, und an die Sage,

Kintu, der Begründer des Landes, sei verschwunden, weil Uganda mit Blut

überschwemmt gewesen sei. Die kühne Bitte der edeln Missionare fand kein

Gehör. Sie hatten aber ihre Pflicht getan und überließen die Folgen dem

allmächtigen Gott.

Mackays Geschicklichkeit und Dienstwilligkeit wirkten oft besänftigend

auf den grausamen König und stimmten ihn freundlich gegen die Mission.

Bei allen Schwankungen der Stimmungen im Gemüt dieses Tyrannen und am Hofe

fügte es Gott doch so, daß die Missionare Schutz hatten, wenngleich ihr

Leben auch einigemal in großer Gefahr stand. Solange Mtesa lebte, hatten

sie gewisse Rechte und Lehrfreiheit trotz der vielen Verbote und Drohungen

und trotz der Wühl- und Hetzarbeit der Mohammedaner. Gott lenkte auch

diesem Könige das Herz, daß er wider Willen dem Evangelium zum Eingang in

seinem Lande verhalf.

Ergreifend ist der Bericht, in welchem Mackay erzählt, wie er Mtesa zum

letztenmal zur Rettung seiner Seele aufforderte. Sie hatten miteinander

eine Unterredung über Tod und Ewigkeit. Mtesa antwortete auf das Zeugnis

Mackays mit seinen gewöhnlichen Ausreden: »Liest der Araber sein Buch

(Koran), so sagen die Weißen, das seien Lügen. Lesen die Weißen ihr Buch

(Bibel), dann rufen die Araber: ›Das sind Lügen!‹ Was ist nun wahr?«

Mackay stand nun auf und trat vor den König an der Matte, auf welcher der

Katikiro saß. Dort kniete er nieder und sagte mit heiligem Ernste: »O

Mtesa, mein Freund, gebrauche nicht immer diese Ausreden. Wenn du und ich

am großen Tage des Gerichts vor Gott stehen werden, kannst du dann dem

Allmächtigen sagen, du hättest nicht gewußt, was du glauben solltest,

weil Masudi (ein Araber) dir das und Mackay dir etwas anderes sagte? Nein!

Du hast das Neue Testament, lies es doch! Gott wird dich danach richten.

Es hat noch niemand darin die Wahrheit gesucht, der sie nicht gefunden

hätte.«

Mtesa blieb, was er war: ein Heide durch und durch. Charakteristisch ist

eine Erklärung, die er Mackay einmal vor versammeltem Hofe gab: »Nehmen

wir das Christentum an, so dürfen wir nur eine Frau haben. Werden wir

Mohammedaner, so dürfen wir kein Fleisch essen.« Man muß es als eine

besondere Fügung Gottes betrachten, daß Mackay dennoch der erklärte

Liebling Mtesas blieb und mit der königlichen Gunst auch den königlichen

Schutz genoß, solange Mtesa lebte. Die Hoffnung, den König für Jesum

zu gewinnen, mußte der Pionier Ugandas endlich aufgeben. Er tat's mit

schwerem Herzen, hatte aber die Genugtuung, daß sich die Pagen und Diener

des Hofes immer empfänglicher für die Wahrheit zeigten.

Nach vierjähriger Wirksamkeit konnten im März 1882 die Erstlinge der

Waganda getauft werden. Es waren fünf hoffnungsvolle Jünglinge. Der erste

unter ihnen nannte sich in dankbarer Anerkennung dessen, was sein Lehrer

ihm geworden, Sembera Mackay. Wir können es verstehen, daß Mackays Herz

voll Freude und Dank war über diese Erstlingsfrucht und daß er auf

sie mit derselben zärtlichen Liebe blickte wie eine Mutter auf ihr

erstgeborenes Kind.

Im gleichen Jahre starb die Königinmutter. Sie war der biblischen

Lehre stets abhold gewesen und verschied unter den Zaubersprüchen der

Götzenpriester. Mtesa ließ sie mit großem Gepränge beisetzen. Auf

seinen Wunsch hatte Mackay dazu drei ineinandergehende Särge, darunter

einen aus Kupfer, angefertigt. Diese Arbeit nahm einen ganzen Monat in

Anspruch. Während dieser Zeit war große Landestrauer vorgeschrieben; es

durfte keine weitere Arbeit verrichtet, keine Reise unternommen, keine Last

getragen werden. Nach der Beerdigung wurde Mackay reichlich beschenkt.

Im folgenden Jahre baute Mackay am Ufer des Niansa das Missionsboot

»Eleonore«. Die Arbeit hielt ihn monatelang fern. In der Hauptstadt

wurde unterdessen das Missionswerk unter der treuen Arbeit der Missionare

O'Flaherty und R. Ashe im Segen fortgesetzt.

In der ersten Hälfte des Jahres 1884 war die Zahl der Bekehrten schon auf

68 gestiegen. Dann aber zog eine dunkle Wolke herauf und hing schwarz und

schwer über dem hoffnungsvollen Erntefeld. Die oft erwähnte Krankheit des

Königs verschlimmerte sich mehr und mehr. Man erwartete unter

allgemeiner Spannung seine baldige Auflösung und damit das Signal zur

Christenverfolgung in Uganda. Die junge Gemeinde stärkte sich in Gott und

bereitete sich täglich im Glauben auf schwere Stürme vor.

Am 29. Oktober 1884 flog die Trauerkunde vom Königshügel durch die Stadt

und die Dörfer des Landes, daß der König Mtesa verschieden sei. Unseren

Helden Mackay erreichte die Botschaft am See, wo er das Missionsboot

ausbesserte, um es zu einer eventuellen Flucht benutzen zu können. Nach

Empfang der Todesnachricht sandte er vier seiner Leute zur Hauptstadt,

um Erkundigungen einzuziehen. Sie wurden unterwegs schon überfallen und

beraubt. Ihr Leben retteten sie durch die Flucht. Das waren böse Vorboten.

Am nächsten Tage erschienen hundert Krieger und holten im Auftrage des

Kanzlers (Katikiro) Mackay nach der Hauptstadt ab, um den Sarg für Mtesa

zu machen. Er unterzog sich gern diesem Auftrage und hoffte sich damit die

Gunst der maßgebenden Häuptlinge und des noch unbekannten Thronfolgers zu

erwerben.

Dreizehntes Kapitel.

Die Feuertaufe.

Als Nachfolger auf dem Thron wurde von den Großen des Landes Muanga, der

siebzehnjährige Sohn Mtesas, gewählt. Von seinem Vater hatte Muanga wohl

die Fehler, aber nicht die Vorzüge geerbt. Er besaß dessen grenzenlose

Eitelkeit ohne seine Intelligenz und war trotz seiner Jugend und seiner

Bekanntschaft mit der Mission und Gottes Wort schon ein Meister in allen

heidnischen Lastern. Seinen Brüdern und den Ministern des Vaters ließ er

gegen die Landessitte das Leben, aber den Missionaren machte er bald das

Leben schwer. Er war ein Spielball der fremden- und christusfeindlichen

Parteien am Hofe und schwankte wie ein Rohr hin und her in seinen Meinungen

und Handlungen. Eine seiner ersten »königlichen« Handlungen war, daß er

die katholische Gegenmission, welche dem Lande den Rücken gekehrt hatte,

wieder zurückrief.

Um recht zu verstehen, was nun folgt, müssen wir im Auge behalten, daß

damals die Zeit der kolonialen Erwerbungen an der Ostküste war, wo die

Deutschen einen Landstrich nach dem anderen in Besitz nahmen und die

Engländer ebenso taten. Der alte Argwohn und die alte Furcht von der

Eroberung des Landes durch die Weißen lebte dadurch neu auf und setzte

sich besonders in Muangas engbegrenztem Gehirn mit der Macht einer fixen

Idee fest. Und die Missionare wurden mehr denn als je als Vorläufer und

Spione feindlicher Überfälle und Eroberungen beargwöhnt und bewacht. Ihr

Leben schwebte nun täglich in Gefahr.

Im Januar 1885 erbat sich Mackay vom König die Erlaubnis, nach Kagai zu

reisen. Sie wurde ihm gewährt und zugleich angekündigt, daß ihn ein

Araber begleiten solle. Das war verdächtig. Denn der Muselmann galt als

Erzfeind Mackays. Trotzdem wurde aus der Begleitung nichts, und Mackay

reiste mit Missionar Ashe und einigen bekehrten Wagandajungen ab. Auf

dem Wege nach dem Hafen wurden sie in einem dichten Walde von einer

bewaffneten, von jenem Araber befehligten Bande überfallen und zur

Rückkehr gezwungen. Die Knaben aber wurden gefangen, mißhandelt und

gefesselt zurücktransportiert. Mackay wandte sich in der Hauptstadt

beschwerdeführend an den Kanzler, erhielt aber statt einer Genugtuung nur

die Drohung, sie würden am nächsten Tage sämtlich aus dem Lande gejagt

werden. Das auszuführen hatte der heuchlerische Katikiro glücklicherweise

nicht den Mut, an den armen Wagandaknaben aber ließ er seinen ganzen

Zorn aus. Die Missionare ahnten das Schlimmste und boten alles auf, ihre

Lieblinge zu retten. Es half nichts. Sie wurden am 31. Januar 1885 in der

Nähe der Stadt unter ausgesuchten Martern über langsamem Feuer geröstet

und verbrannt. Aus den Flammen aber erscholl der Gesang: »=killa siku

tansifu!=« (täglich, täglich loben wir Dich!). Die ersten Märtyrer

Ugandas! Sie starben wie Helden mit Lobgesängen auf den Lippen und

besiegelten ihren Glauben mit ihrem Blute. Es waren drei Knaben im Alter

von zwölf bis fünfzehn Jahren.

Den Missionaren blutete das Herz, als sie hörten, was vorgefallen war.

Sie stärkten sich aber durch den Glauben, daß die Pforten der Hölle die

Gemeinde Christi nicht überwältigen können und arbeiteten in der Stille

rüstig weiter. Den Unterricht erteilten sie geheim an verschiedenen Orten,

um ihre Zöglinge, die gar nicht abgeschreckt waren, vor den Häschern

zu schützen. Einige Zeit erfreuten sie sich der Ruhe, und es schien, als

sollten bessere Tage wiederkehren. Der König versicherte Mackay, daß

das Blutbad an den Christen nicht von ihm, sondern nur von dem Kanzler

ausgegangen sei, und forderte den Missionar auf, ihn auf seiner üblichen

Reise durchs Land zu begleiten. Auf dieser Reise befand sich außer Mackay

auch der Pater Lourdel als Vertreter der katholischen Mission im

Gefolge des Königs. Ugandas Könige liebten es, durch ein aus allerlei

Nationalitäten zusammengesetztes Gefolge den Untertanen zu imponieren.

Nach einem Volksglauben sollten die schlimmsten Feinde Ugandas nicht aus

dem Süden, sondern vom Osten her zu erwarten sein. Es herrschte deshalb

eine abergläubische Furcht vor allen Fremden, die sich an dieser

»Hintertür« des Landes zeigten. Mackay und alle seine Mitarbeiter kamen

vom Süden über den See ins Land. Unglücklicherweise wählte aber in

dieser Zeit ein anderer die Route von Mombas durch Usoga nach dem Nil, um

Uganda auf diesem kürzeren Wege zu erreichen. Er mußte also durch die

gefürchtete Hintertür kommen. Es war der Bischof Hannington, der als

Missionsbischof sich dem Werke widmen wollte. Kurz vorher waren auch die

deutschen Kriegsschiffe vor Sansibar an der Ostküste zur Unterstützung

der Besitznahme unserer heutigen Kolonie Ostafrika erschienen. Das erregte

Muangas Argwohn aufs äußerste. Es erschien ihm zweifellos, daß nun die

Weißen kämen, um auch sein Land zu »essen«, und daß der Bischof nur

ein Vorbote dazu war. Er sandte deshalb heimlich Botschaft an den von ihm

abhängigen Häuptling Luba in der Landschaft Usoga und befahl ihm, den

Bischof zu ermorden. Hannigton war mittlerweile in Lubas Dorf am Nil

angelangt. Nur die brausenden Wasser, die sich aus dem Viktoriasee durch

die Ripponfälle nach Norden wälzen, trennten ihn noch von dem Lande

seiner Sehnsucht. Von brennendem Verlangen getrieben, stieg er auf

eine Anhöhe, um, wie Moses vom Pisga, das ersehnte Land zu schauen. Da

überfielen die Häscher Lubas den Wehrlosen, banden ihn, stießen ihn vor

sich her und setzten ihn gefangen.

Mackay hatte von Muangas Blutbefehl gehört und versuchte alles, den armen

Bischof zu retten. Täglich erbat er sich Audienz beim Könige, ohne sie

zu erlangen. Er klammerte sich dann in seiner Herzensangst an die Hoffnung,

daß Gott die Gebete um Rettung Hanningtons erhören und ein Wunder

zu seiner Befreiung tun werde. Vorher hatte er auch heimlich einen

Warnungsbrief an den Bischof geschickt. Der Bote aber kam zu spät. Am

29. Oktober 1885 wurde Hannington mit fünfzig seiner Leute auf erneuten,

strengen Befehl Muangas ermordet!

In den Briefen Mackays aus jener Zeit zittert die Erregung und das Weh

über diesen Mord in allen Schwingungen nach. »Unsere Sache steht in

Gottes Hand; Sein Wille geschehe auch an uns. Es ist aber eine peinliche

Lage, wenn einem das Schwert immer über dem Haupte hängt. Der höchste

Minister oder Richter (Katikiro) ist unser schlimmster Feind. Dieser Brief

wird vielleicht aufgefangen, denn wir müssen ihn heimlich abschicken....

Wir leben noch in großer Angst, aber bisher hat uns der Herr gnädig vor

diesem gott- und sinnlosen Menschen geschützt. Er, der von Anfang an auch

das Ende sieht, ist unsere einzige Hoffnung und Zuflucht, denn hier kann

uns jetzt keine Macht der Erde schützen.«

Wir hören aus diesen Mitteilungen, daß seit dem Auftreten des

Missionsbischofs und der deutschen Flotte an der Küste das Leben der

Missionare in größter Gefahr schwebte. Nach einer geheimen Verabredung

des Königs und der vornehmsten Häuptlinge sollten sie alle umgebracht

werden. Sofort rafften sie ihre wertvollsten Sachen zusammen, um sie Muanga

als Geschenke zu überbringen, verrieten aber nicht, wer ihnen den Plan

hinterbracht hatte. Der König überhäufte sie, nachdem er die Geschenke

angenommen, mit Droh- und Schimpfreden. Er werde alle, die ins Missionshaus

gehen, töten und die Missionare in den Stock legen lassen. Dann möge ganz

Europa kommen, um sie zu befreien! Lukonge, der Ukerewekönig, hätte doch

auch zwei weiße Männer getötet, und die Engländer hätten ihm nichts

anhaben dürfen. Mackay schwieg still und wagte nicht, auf den Tod des

Bischofs anzuspielen.

Ein Lieblingspage des Königs, der die anderen Diener zu befehligen hatte,

wagte eines Tages zu sagen, daß es nicht recht war, den Bischof zu

töten, da die Weißen nur dem Wohle des Landes dienen wollten. Der

kühne Sprecher, ein katholischer Christ, wurde sofort dem Scharfrichter

übergeben und lebendig verbrannt.

Mackay dachte nun, es sei an der Zeit, sich aus Uganda zu entfernen und

bessere Tage zur Wiederkehr abzuwarten. Er und die anderen Missionare

wurden aber so beobachtet, daß an eine heimliche Abreise nicht mehr zu

denken war. Der König erklärte, er ließe sie nicht ziehen und wenn

siebzig Briefe von England kämen. »Ein großer König, wie ich bin,«

fügte er anmaßend hinzu, »darf auch nie ohne einen Mann sein, der ihm

seine Gewehre und andere Sachen in Ordnung halten kann.«

Unter der Hand konnte der erkrankte Missionar O'Flaherty fortgeschafft

werden. Mackay und Ashe waren nun allein auf dem Kampfplatz. Sie erfreuten

sich noch einige Zeit größerer Freiheit und geringerer Ungnade. Dann

brannte Muangas »Palast« völlig nieder. Man beschuldigte die Christen

der Brandstiftung, fand aber beim König kein Gehör. Am Tage nach dem

Brande schlug der Blitz dicht neben dem Hause ein, das der König bezogen

hatte. Halbtoll vor Furcht floh Muanga und wählte sich eine andere

Residenz am See. Dort besuchte ihn Mackay einige Male und tröstete ihn

durch Geschenke.

Trotz des Verbots, daß bei Todesstrafe sich niemand dem Missionsgehöft

nähern dürfe, wuchs die Zahl der Christen beständig. Die zuvor

eingesetzten eingeborenen Ältesten taten treu ihre Pflicht, und die

bekehrten Waganda verbreiteten in ihren Dörfern die Botschaft vom Heil in

Christo. Unter dem Schutze der Nacht wagten heilsbegierige Seelen den

Gang zum Missionshaus und ließen sich unterweisen und taufen. Anfang 1886

bestand die Gemeinde aus 150 Seelen.

Unter den neubekehrten war auch eine Prinzessin namens Nalumasie. Sie warf

die ihrer Obhut anvertrauten Amulette, Zaubersachen und Ahnenreliquien ins

Feuer. Das wurde dem König hinterbracht, der darüber sehr ungehalten war.

Kurz darauf mutete er einem seiner Pagen eine unnennbare Schandtat zu,

der sich der christliche Jüngling mutig und entschieden widersetzte. Das

erregte des Königs heidnischen Zorn in hohem Maße. Er schlug den Pagen

und den Palastmeister, der auch »lesen« konnte, mit seinem Speere blutig

und befahl, sofort alle Christen zu fangen und niederzumetzeln. Alle

Häuptlinge erhielten die strenge Weisung, ihre christlichen Untertanen

anzuzeigen und auszuliefern.

Noch am selben Tage wurden zwölf Jünger Jesu auf offener Straße mit

Keulen erschlagen oder von Speeren durchbohrt. Viele andere wurden gefangen

gesetzt. Im Missionshaus war gerade Unterricht, als ein Eilbote vom Hofe

die drohende Gefahr ansagte. Die Schüler hatten eben noch Zeit, sich den

Häschern durch schnelles Verschwinden durch Seiten- und Hintertüren zu

entziehen. Der Gemeindeälteste Munjago war in seiner Hütte mit anderen

zum Gebet versammelt, als die Scharfrichtergehilfen erschienen. Die

erschreckten Christen brachen durch die Rohrwände der Hütte und suchten

das Weite, aber Munjago blieb. Angesichts einer an der Tür stehenden

Flinte wagten die Häscher nicht, näher zu kommen. »Fürchtet nicht, daß

ich euch erschieße,« rief ihnen der Älteste zu und ließ sich dann ruhig

fassen und fesseln.

Die evangelischen Missionare wandten sich an die katholische Mission

und baten um ihre Mitwirkung zu dem Versuch, das Leben der Gefangenen zu

retten. Der Bischof lehnte es aber mit einer nichtssagenden Begründung ab,

sich in dieser Angelegenheit mit den Evangelischen zu verbinden. Nun trat

Mackay allein den sauren Gang zum König an. Kurz vorher hatte er

Muangas Lieblingsflinte repariert. Als Dank dafür wurde ihm ein Wunsch

freigestellt. Daran erinnerte er jetzt den König. »Was willst du denn

haben?« fragte Muanga. »Ich bitte um das Leben derer, die noch verhaftet,

aber noch nicht hingerichtet sind.« Der König erwiderte: »Sie sind alle

tot.« Als Mackay dies bezweifelte, gab ihm Muanga das Versprechen, daß

den Gefangenen kein Leid geschehen solle. Ein Strahl der Freude glitt über

das sorgenvolle Antlitz unseres Kämpfers. Aber wer konnte dem Wort dieses

wankelmütigen Blutmenschen trauen? Die Christen blieben in Haft, und

Mackay erhielt trotz wiederholter Anfragen und Bitten keine weitere Audienz

in dieser Sache.

Unter schrecklicher Spannung, die oft schlimmer als die gefürchtete

Gewißheit ist, kam der denkwürdige 5. Juni heran. An diesem Tage wurden

32 von den gefangenen Christen lebendig verbrannt. Einigen hackten sie

zur Mehrung ihrer Qual zuerst Arme und Beine ab; dann warf man die

verstümmelten Körper in die Glut. Die Märtyrer gingen alle freudig in

den Tod und beteten wie Jesus und Stephanus noch für den König, für das

Vaterland und für ihre Mörder. Auf den obersten Scharfrichter machte dies

einen so tiefen Eindruck, daß er es dem König berichtete und hinzufügte,

er hätte noch nie Leute mit solcher Tapferkeit und solchem Mut sterben

sehen. Der grausame Nero aber hatte für dieses Heldentum nur den

leichtfertigen, vom Hofe mit satanischem Gelächter unterstrichenen Spott:

»Aber ihr Gott hat sie doch nicht aus meiner Hand gerettet!«

Aber »das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche«. Diese alte

Wahrheit sollte sich auch hier aufs neue bestätigen. Obwohl der Besuch des

Missionsgehöftes jedem Eingeborenen bei Todesstrafe verboten war und die

Missionare ihr Haus nicht mehr verlassen durften, konnten doch in dieser

schwersten Zeit noch elf Taufen vollzogen werden. Diese Täuflinge wurden

tatsächlich in den Tod hineingetauft, wie der Apostel Paulus von sich und

den Gläubigen in Rom zu Neros Zeit aussagt. Mackay war in diesen

dunkeln Tagen wohl gebeugt und traurig, unsagbar traurig im Blick auf

die bleichenden Gebeine seiner Brüder, aber nicht hoffnungslos, denn er

schreibt: »So gewiß wie wir wissen, daß morgen die Sonne wieder aufgeht,

wissen wir auch, daß dies unglückliche Land wieder lichtere Tage sehen

wird. Und bei alledem haben wir noch viel Ursache zur Dankbarkeit.«

Wie oft war seit seinem Wirken in Uganda unserem Helden schon das

Todesurteil gesprochen! Aber der Herr war mit ihm, und Muanga fürchtete

sich mehr, das Todesurteil vollziehen zu lassen, als Mackay sich

fürchtete, es zu empfangen. Er hatte jenen Heldenmut, der auf die Drohung:

»Vor der Menge der Pfeile und Lanzen werdet ihr die Sonne nicht sehen!«

die überraschende Antwort gab: »Also kämpfen wir im Schatten!«

[Illustration: #König Muanga.# (Text siehe Seite 92.)]

Vierzehntes Kapitel.

Auf einsamem Posten.

Als die Lage sich immer schwieriger gestaltete, hielten es die beiden

Missionare für weise, das Land im Interesse der eingeborenen Christen für

einige Zeit zu verlassen. Aber nur einer erhielt die Erlaubnis zur Abreise.

Mackay mußte als Geisel im Lande zurückbleiben. Der König fürchtete

die Rache der Engländer für das Blut des Bischofs und die übrigen

Metzeleien, die er auf dem Gewissen hatte. Am 25. August 1886 trennten

sich die tapferen Männer schweren Herzens voneinander, und Ashe kehrte

nach England zurück in der Hoffnung, die englische Regierung werde

durch seine Berichte veranlaßt, energische und geeignete Maßregeln zu

ergreifen, um Muanga zur Vernunft zu bringen. »Ich muß mich«, schreibt

Mackay, »damit zufriedengeben, allein hierzubleiben -- aber doch nicht

allein. Noch kann ich den wenigen Übriggebliebenen unserer jungen Gemeinde

durch meine Gegenwart dienen, und unser Gott wird bessere Zeiten für uns

kommen lassen.«

Bisher hatte Mackay immer einen oder mehrere Mitarbeiter, von denen einige

treue und brave Kampfgenossen waren. Wir erinnern uns noch an den ersten,

der mit dem Leutnant Smith den Boden Ugandas betreten hatte, an den Rev.

Wilson. Er holte seinerzeit Mackay von Kagai ab und führte ihn nach

Rubaga. Nach zwei Jahren aber mußte dieser mit gebrochener Gesundheit

heimkehren. Von den anderen Genossen ist besonders O'Flaherty zu erwähnen,

der am längsten dem Klima widerstehen und vier Jahre an Mackays Seite

wirken konnte. O'Flaherty stand bei Mtesa gut angeschrieben. Seine

ausgezeichneten Kenntnisse des Koran und seinen treffenden Witz konnte er

im Kampfe mit den Muselmännern gut verwerten.

Einmal klagte der Araber Suliman die Engländer als die gierigsten

Länderfresser beim Könige an und prophezeite, daß sie ganz Afrika

aufessen würden. Mtesa ließ darauf O'Flaherty rufen, und dieser sagte:

»Ja, ja, wir haben ganz Sansibar aufgegessen, Menschen, Häuser und

Vieh und Bäume und alles. Nichts ist dort übrig als die Steine, die am

Meeresufer liegen, und auch diese werden wir nächstens verschlingen. Auch

dies Land werden wir verschlingen. Aber erst müssen wir etwas stärker

werden, und da möchte ich den König bitten, mir einen großen Ziegenbock

zu schenken, daß ich kräftiger werden kann.« Dieser Witz löste

bei Mtesa ein wohlgefälliges Lachen aus. Als Anerkennung ließ er dem

freimütigen Missionar eine fette Ziege geben.

Bei einer anderen Gelegenheit suchte der Araber dem Könige zu imponieren

mit dem Hersagen eines langen arabischen Glaubensbekenntnisses, von dem

niemand ein Wort verstand. O'Flaherty aber sang einen Vers der englischen

Nationalhymne, worauf Mtesa meinte, das wäre gerade so schön wie das

Arabische, er solle nur noch mehr singen.

O'Flaherty hatte Mtesa einmal gesagt, wenn er ihm Eisen zu Werkzeugen und

Leute zur Arbeit liefere, wolle er nach Lehm graben, Ziegel brennen und

ihm ein schönes Haus bauen. Für das Gelingen setze er seinen Kopf ein;

vielleicht finde man bei dem Graben auch Silber im Boden. Dies Wort wirkte

wie ein Funke im Pulverfaß. Alle schrien nach Silber, der Weiße habe

seinen Kopf dafür verpfändet, jetzt solle er nach Silber graben. Auch der

König stimmte schließlich bei und erklärte, am Hause liege ihm nichts,

aber Silber wolle er haben. Dann ließ er seine Scharfrichter kommen und

fragte den Missionar feierlich: »Willst du jetzt nach Silber graben oder

deinen Kopf verlieren?« O'Flaherty suchte noch einmal das Mißverständnis

aufzuklären und sagte dann bestimmt: »Da dir am Hause doch nichts gelegen

ist, werde ich jetzt auch nicht nach Lehm graben; willst du aber meinen

Kopf -- hier ist er!« Die Araber triumphierten, die Häuptlinge riefen:

»Recht so!« und ein hoher Beamter fing an, den Weißen zu verhöhnen.

O'Flaherty aber fuhr ihn an: »Wie darfst du es wagen, des Königs Gast zu

beleidigen?« Nun nahm Mtesa wieder das Wort, winkte den Scharfrichtern,

sich zu entfernen, lobte den Missionar und sagte, nicht er, sondern Mackay

wäre es, der sich weigere, für sie nach Silber zu graben. Alles stimmte

natürlich auch jetzt wieder dem Könige bei; O'Flaherty aber nahm seinen

Kollegen kräftig in Schutz und erklärte: »Wenn Mackay stirbt, sterbe

ich auch. Er und ich sind eins.« Ein Muselmann brachte dann noch andere

Anklagen vor, aber O'Flahertys Geistesgegenwart und witzige Gegenreden

imponierten dermaßen, daß ihm kein Leid geschah und die Häuptlinge ihm

nach der Versammlung allerlei Schmeichelhaftes sagten.

O'Flaherty erlebte den Regierungswechsel in Uganda nicht mehr. Noch

vor Mtesas Tode mußte er gesundheitshalber die Arbeit einstellen und

heimreisen. Unterwegs auf der Fahrt durch das Rote Meer erlag dieser

wackere Kampfgenosse dem Fieber. Er durfte auf der Reise nach der irdischen

Heimat in die himmlische eingehen.

Mackays trautester und treuester Freund, der die trübsten Stunden mit ihm

durchwacht hatte, war der Missionar P. Ashe. Er stand drei Jahre, von

1883 bis 1886, an Mackays Seite und kämpfte mit ihm für Gottes Reich und

Gottes Ehre. Mackay schreibt von ihm: »Ashe ist ein prächtiger Kamerad,

ein sehr ernster Christ und ein treuer Missionar. Er ist mein anderes Ich.

Wenn er zu euch kommt, so denkt, ich käme.«

Nun mußte er auch diesen Trost entbehren und auf dem gefährlichen Posten

allein noch neun Monate aushalten. Daheim lebten die Seinen in beständiger

Sorge um ihn. Er tröstete sie aber in seinen Gefangenschaftsbriefen und

versicherte ihnen, daß er sich wohlbefinde und solange ausharren wolle,

als es möglich sei. Heimlich zu fliehen, hätte er wohl Gelegenheit,

er würde aber sich dazu nur in der äußersten Not entschließen. Mit

fieberhafter Eile arbeitete er unterdessen an der Vollendung seines

Lieblingswerkes, an der Übersetzung des Matthäusevangeliums. Die

zuverlässigsten Wagandachristen halfen ihm tapfer dabei, die klarsten

Ausdrücke für ihre Sprache zu finden. Was fertig war, wurde sofort

gedruckt und von der Presse weg verkauft. Der Hunger nach Gottes Wort war

zu dieser Zeit so groß, daß eine große Kiste mit Testamenten, die von

England geschickt wurden, innerhalb zehn Tagen ausverkauft war.

Mackay ahnte, daß bei dem zunehmenden Einfluß der Araber am Hofe seines

Bleibens nicht allzulange mehr sein würde. Nun hatten die Christen doch

wenigstens ein ganzes Evangelium in ihrer Sprache in der Hand, um daraus

selbst ihre Seelen nähren und stärken zu können, falls sie des Lehrers

und Hirten beraubt würden.

In all dieser Arbeit und unter den Ängsten seines für die eingeborenen

Christen so besorgten Herzens hatte Mackay noch Zeit und Freudigkeit, sich

für andere zu verwenden und Gastfreundschaft zu üben. Zwei berühmte

Forscher in der Nähe Ugandas waren damals durch den Mahdistenaufstand

völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Mackay verwandte sich für sie

beim Könige und erwirkte ihnen in dieser politisch überaus aufgeregten

Zeit die seltene Erlaubnis, nach Uganda kommen zu dürfen. Der erste war

der russische Reisende =Dr.= Junker, den Mackay aus der schwierigsten Lage

rettete und ihm zum sicheren Geleit nach der Küste verhalf. Der zweite

war der in ägyptischen Verwaltungsdiensten stehende und um Afrika so

außerordentlich verdienstvolle Deutsche =Dr.= Schnitzer, bekannt unter dem

Namen Emin Pascha, der später (1892) von Arabern ermordet wurde. »Mackay

hat«, so berichtet Emin Pascha, »in der großartigsten und selbstlosesten

Weise für mich gesorgt. Er hat uns geholfen, obgleich er persönlich

dafür büßen mußte, und ist mir ein treuer Freund und Berater gewesen.

Als ich völlig mutlos war, haben mich seine Briefe gestützt und aufrecht

erhalten und mir frischen Mut zu neuem Handeln eingeflößt. Er hat alles,

was er besaß, mit mir geteilt und sich beraubt, um mich mit Geschenken

auszurüsten. Möge Gott, in dessen Schutze wir alle stehen, es ihm

reichlich vergelten. Ich bin nicht imstande, es zu tun.«

Der Khedive von Ägypten verlieh Mackay auf Emin Paschas Mitteilungen

hin den Osmanieorden vierter Klasse. Ein Anerbieten des weithin bekannten

Generals Gordon, eine hohe Stellung in seinem Dienste im Sudan

anzunehmen, nahm Mackay nicht an. Er zog es vor, seine Arbeit in Afrika in

bescheidenerer Weise zu tun.

Fünfzehntes Kapitel.

Zurückgeschlagen.

Mackays Lage wurde immer unhaltbarer. Es war ihm nicht möglich, den

unseligen politischen Verdacht, der sich auf ihn wälzte, gänzlich

abzuschütteln. Einmal wallte sein Hochlandsblut über, als der König ihm

vor versammeltem Hofe zurief: »Oli Mukasa, du bist ein Heuchler!«

»Ich bin kein Heuchler!« fuhr er zornig auf und erwartete dabei einen

blutigen Ausgang. Die Sache nahm aber plötzlich eine komische Wendung,

als Muanga unvermittelt seine Diener anschrie: »Gebt den Weißen ein paar

Kühe, damit sie sich wieder beruhigen!«

Die wachsende Furcht der Machthaber Ugandas vor der Besitznahme ihres

Landes durch die weißen »Länderfresser« war nicht unberechtigt. Denn

heute hat die Selbstherrlichkeit der afrikanischen »Könige« längst

aufgehört. Die Länder, von denen wir in diesem Buche hörten, sind seit

zwanzig Jahren Kolonialbesitz von Deutschland und England. Man darf das

nicht bedauern, denn die schwarzen Fürsten hatten das Maß ihrer Sünde

voll gemacht und ihre Unfähigkeit, menschlich zu regieren, längst

erwiesen. Mackay hat sich hierüber mit rücksichtsloser Offenheit

ausgesprochen und deshalb manchen Tadel in Europa erfahren. »Wir fordern

für uns und unsere schwarzen Brüder das Recht, Gott zu dienen, ohne

dem Feuertode als Strafe dafür ausgesetzt zu sein. -- Das Recht der

Unglücklichen, die in Frieden leben wollen, steht höher als das Recht

königlicher Räuber und Mörder. -- Daraus, daß zu Neros Zeit keine

christliche Macht da war, die dem Blutmenschen in den Arm fallen konnte,

um dem Christentum Duldung zu verschaffen, folgt nicht, daß die kleinen

Könige Afrikas in derselben Weise wirtschaften dürfen, ohne zur

Rechenschaft gezogen zu werden. -- Brutalität und Mord müssen in Gottes

Weltall aufhören, denn die Welt ist Gottes und nicht des Teufels. --

Afrika soll für die Afrikaner sein, aber Afrika wird niemals durch

Afrikaner gerettet werden können. -- Eine starke Hand muß gegen Tyrannei

und Unterdrückung wirksam werden. Das Wort muß freie Bahn bekommen, daß

es laufen und gepriesen werden kann.«

Unter der »starken Hand« verstand Mackay allerdings die sogenannten

christlichen Staaten, besonders England. Er hielt die christlichen

Völker für berufen, den menschenunwürdigen Zuständen in Afrika, dem

Sklavenhandel und der Christenverfolgung, ein Ende zu machen und

erhob freimütig seine Stimme, nicht zur gewaltsamen Ausbreitung des

Christentums, wie man ihm vorgeworfen, sondern in erster Linie um Beistand

und Schutz für die Verfolgten und Unterdrückten. Sein Herz brannte für

sein geliebtes Afrika.

Muangas Argwohn gegen Mackay erhielt durch die fortwährenden

Einflüsterungen der Araber und durch das Achselzucken eines befragten

katholischen Missionars immer neue Nahrung. Als endlich noch die Meldung

kam, daß der große Stanley mit einem zahlreichen Gefolge sich Uganda

nähere, befürchtete der König seine Bestrafung für die Ermordung des

Missionsbischofs und gab Befehl, Mackay solle sofort das Land verlassen.

Der Häuptling Nautinde wurde beauftragt, den Ausgewiesenen zu begleiten

und den Missionar Gordon, dessen Name dem Könige sehr gefiel, als Ersatz

-- eigentlich als Geisel -- mitzubringen.

So war denn die gefürchtete Stunde des unfreiwilligen Scheidens von

dem geliebten Uganda gekommen. Noch einmal versammelte Mackay die

Gemeindeältesten um sich und legte ihnen die Sorge für die Herde Christi

auf Herz und Gewissen. Noch einmal füllte sich das Haus mit seinen

geistlichen Kindern, die mit Tränen von ihrem geliebten Vater Abschied

nahmen. Dann verschloß er das Haus, übertrug die Bewachung desselben vier

treuen Männern und zog schweren Herzens am 21. Juli 1887 von dannen. Am

Hafen besserte er erst das Boot aus und segelte nach Ukumbi am Südende

des Sees, wo er Gordon vorfand, der den lobenswerten Mut hatte, mit dem

Häuptling zu gehen und den verlassenen Posten in Uganda einzunehmen.

Der vertriebene Held wollte seinem lieben Uganda so nahe als möglich

bleiben und schlug deshalb sein Zelt nach verschiedenen Abenteuern in

Usambiro im Gebiete eines befreundeten Häuptlings auf. An ein Ausruhen

dachte er auch jetzt noch nicht, obwohl er hart mitgenommen war, sondern

legte sofort eine neue Missionsstation an. Da galt es monatelang wieder

Häuser zu bauen, Gestrüpp auszuroden, Ställe und Schuppen zu bauen,

kurz gesagt: Pionierdienste zu tun. Daneben widmete er sich einer Schar von

Christen, die aus Uganda zu ihm geflohen waren, und führte sie tiefer in

die Schrift ein, um sie später als Evangelisten zurückzusenden.

Die Missionsgesellschaft, der Mackay angehörte, hatte nun mehrere

Missionare und einen Bischof in den Uferländern des Niansa. Auch Ashe,

unseres Helden treuester Freund, war wieder unter ihnen. Sie versammelten

sich denn bei Mackay zu einer Konferenz. Die herrlichen Tage christlicher

Gemeinschaft und brüderlicher Beratung wurden aber jäh unterbrochen

durch den Tod des Bischofs Parker und des Missionars Blackburn, die ein

Fieberanfall plötzlich aus ihrer Mitte riß. Es war nicht daran zu denken,

Särge zu machen. Die Gefallenen wurden in Tuch gewickelt und von den

weinenden Brüdern in die fremde Erde Afrikas gebettet. Traurig kehrten die

Streiter auf ihre einsamen Posten zurück. Einer, Walker, ging nach Uganda

zu Gordon, und Ashe blieb bei Mackay. Bald darauf mußte Ashe aber

seiner Gesundheit wegen zum zweiten und, ach, zum letzten Male

seinen unermüdlichen Kampfgenossen allein lassen und nach der Heimat

zurückkehren.

Die Briefe Mackays, welche er in dieser Zeit an seine verheiratete

Schwester schrieb, lassen uns einen Blick in seine Gemütsverfassung tun.

»Am 21. Juli ist Dir nicht nur ein Sohn, sondern auch ein Bruder neu

geschenkt worden. Denn ich durfte an diesem Tage Uganda verlassen, hoffe

aber bald wieder dahin zurückzukehren. -- Ich hoffe von Herzen, wenn Gott

dazu die Kraft gibt, Euch alle zu besuchen, ehe ich wieder über den See

nach Uganda gehe. -- Seit ich Uganda verlassen habe, ist mir das Gefühl

des Daheimseins abhanden gekommen. Doch muß ich wohl eine Weile hier

aushalten. -- Manchmal übermannen mich Traurigkeit und Schwermut, daß

ich weinen muß wie ein Kind, aber die wunderbar tröstenden Psalmen Asaphs

machen mein Herz immer wieder froh. -- Die Eroberung Afrikas hat schon

viele Opfer gekostet, doch jeder Tod bedeutet einen Schritt näher dem

Himmel. Das Ziel, das wir im Auge haben, ist des Einsatzes wohl wert. --

Sorge, daß Du jedes Jahr einen Mann findest, der sich unserem Werke weiht.

Dann können wir Fortschritte machen.«

Es folgen nun ununterbrochen hochwichtige Ereignisse im Leben Mackays und

in der Geschichte der ostafrikanischen Mission. Von dem Emin-Entsatzkomitee

war für Stanley eine große Menge Waren bei Mackay angekommen. Das

stachelte die Habgier der Nachbarhäuptlinge an. Sie erklärten dem

Häuptling, in dessen Gebiet Mackay wohnte, den Krieg und versuchten

das Missionshaus zu plündern. Drei Tage lang verteidigte Mackay seine

kostbaren Besitztümer mit dem Häuptling, der zuletzt seine Feinde in

die Flucht schlug. Bald darauf kamen die Missionare Gordon und Walker von

Uganda an. Sie sahen ganz zerlumpt und angegriffen aus und erzählten, daß

Muanga vom Thron gestoßen sei. Durch seine unsinnige Herrschaft hatte er

sich immer mehr Gegner geschafft, selbst die Mohammedaner haßten ihn. Dann

faßte er den wahnwitzigen Plan, alle Christen und Araber mit einem Schlage

auszurotten. Dazu wollte er sich vorher seiner Leibwache, der er nicht

traute, entledigen und schickte sie zu einem Kriegszuge nach einer Insel

im See, von der alle wußten, daß sie unbewohnt war. Ihm blind ergebene

Fischer sollten der Leibwache nach der Landung die Kähne wegnehmen,

damit sie dem Hungertode preisgegeben wären. Der Plan wurde verraten, die

Leibwache marschierte zurück und stürzte den König, der nach dem Süden

des Sees floh. Sein Bruder Kiwiwa wurde König, aber nur für kurze Zeit.

Denn die Mohammedaner kamen ans Ruder, stürzten die alte Ordnung und

vertrieben alle Christen. Die beiden evangelischen Missionare flohen auf

einem Kahn, erlitten noch Schiffbruch und kamen nach vielen Entbehrungen

und Gefahren endlich bei Mackay an, um sich bei ihm auszuweinen und Rat und

neuen Mut zu holen.

Nach ihnen konnte Mackay den auch von ihm vielbewunderten Afrikaforscher

Stanley in seinem Hause begrüßen und zwanzig Tage beherbergen. Den

Eindruck, welchen Stanley von unserem Helden und seinem Werk empfing, hat

er im zweiten Bande seines Buches: »Im dunkelsten Afrika«, S. 386 ff.

niedergelegt. Es ist ein glänzendes Zeugnis für den Heldencharakter

Mackays. Stanley beschreibt das gesunde Aussehen Mackays, schildert seine

Kleidung, seine Werkstätten, Werkzeuge und Haustiere. Dann läßt er uns

in Mackays Zimmer eintreten, das aus Lehm erbaut und mit Missionsbildern

geschmückt ist, zeigt uns die vollen Bücherregale und schildert das

Behagen, mit dem er zum ersten Male seit dreißig Monaten wieder wirklichen

Kaffee trank und sich hausbackenes Brot und Butter als Gast wohlschmecken

ließ. Dann fährt er fort: »Ein bedeutender Schriftsteller hat kürzlich

ein Buch geschrieben über einen Mann, der sich lange in Afrika aufgehalten

hat. Das Buch ist von Anfang bis zu Ende ein langgezogener Seufzer. Der

Verfasser sowohl wie sein Held wären von ihrem Seufzen geheilt worden,

nachdem sie einen Blick in Mackays Leben geworfen hätten. Er hatte keine

Zeit, unglücklich zu sein, zu jammern und zu seufzen. Gott weiß, daß,

wenn irgend ein Mensch Anlaß hat, beim Gedanken an ›Gräber, Würmer und

Vergessenheit‹ traurig zu sein und sich vereinsamt zu fühlen, so

hatte Mackay alle Ursache dazu, als sein Bischof ermordet, seine Schüler

verbrannt, die Christen erwürgt waren und nachdem man seine schwarzen

Freunde erschlagen hatte und Muanga auch ihn mit dem Tode bedrohte. Aber

der kleine Mann sah mit seinem ruhigen Auge allem gefaßt entgegen und

zuckte mit keiner Wimper. Solch einen Mann zu sehen, der zwölf Jahre lang

Tag für Tag unermüdlich gearbeitet hat und keine Klage, keinen Seufzer

über ›öde Wildnis‹ laut werden läßt, und zu hören, wie er seiner

kleinen Herde Gottes Güte am Morgen und Seine Treue am Abend ans Herz

legt, verdient es, daß man seinetwegen eine lange Reise unternimmt und

neuen Mut und Zufriedenheit aus seiner Nähe schöpft.«

Am herrlichen Ufer des schimmernden Niansa sagten sich die beiden großen

Männer Stanley und Mackay Lebewohl und drückten sich zum letztenmal die

Hand. Ein ergreifendes Bild! Jener kehrt zurück und eilt europäischen

Rednertribünen und königlichen Empfängen zu, dieser wendet sich wiederum

dem dunkelsten Afrika und einem Leben voll Selbstverleugnung zu. Während

jener als Held des Tages in England begrüßt, gefeiert und bewirtet werden

wird, trägt dieser still des heißen Tages Bürde auf einsamem Pfad unter

einem wilden Volk! Aber »über ein kleines« und auch Mackays Stunde

schlägt, und auch er hat seinen Willkomm und königlichen Empfang,

freilich nicht an Höfen und in Palästen und vor Fürsten dieser

armen Erde, sondern im Thronsaal des Königs aller Könige, um dort den

unverwelklichen Lorbeerkranz und die Palme des Sieges zu empfangen.

Nur noch ein wenig Arbeit, Kampf und Last,

Nur noch ein wenig Tränen, dann die Rast,

Dann Sieg und Herrlichkeit beim lieben Herrn,

O ew'ge Freude, du bist nicht mehr fern!

Bald ist das Erdentagewerk getan.

Welch sel'ge Scharen gingen schon voran!

Am goldnen Tore harret Jesus dein,

Wie köstlich wird der Tag der Heimkehr sein!

[Illustration: #Negerhütten in Afrika.#]

Sechzehntes Kapitel.

Des Helden Tod.

Der Exkönig Muanga wandte sich von seinem Verbannungsort im Viktoria

Niansa aus brieflich an Mackay und bat um Hilfe zur Wiedergewinnung seines

Thrones. Das bedeutsame Schreiben hat nach dem Eingange folgenden Wortlaut:

»... ich, Muanga, bitte Dich, daß Du mir hilfst. Vergiß alles, was

geschehen ist. Wir sind jetzt übel daran, aber wenn Ihr, meine Väter, zu

mir kommen und mir behilflich sein wollt, mich wieder in mein Königreich

einzusetzen, so sollt ihr Freiheit haben, alles zu tun, was ihr wollt. --

Früher habe ich Gott nicht gekannt. Jetzt aber kenne ich die Religion

Jesu Christi. Denkt daran, daß Kalema (der jetzige König) alle meine

Geschwister (nach Landessitte) ermordet hat. Auch meine Kinder hat er

ermordet. Herr Mackay, hilf mir! Ich habe keine Kraft mehr, aber wenn Du

bei mir bist, werde ich wieder stark sein. Mein Herr, denke nicht, daß,

wenn Du Muanga wieder nach Uganda führst, er wieder schlecht sein wird.

Wenn ich böse werde, darfst du mich vom Throne werfen. Ich bin aber ganz

anders geworden und will jetzt nur Deinem Rate folgen. Ich bin Dein Freund

Muanga.«

Ein Jahr später eroberte Muanga mit Hilfe der Christen seinen Thron

zurück, schlug die Araber aufs Haupt, verteilte die hohen Staatsämter

an die eingeborenen Christen beider Konfessionen und stellte sich unter

britische Oberhoheit, um seiner immer noch sehr lose sitzenden Krone mehr

Festigkeit zu verleihen. Welche Wendung durch Gottes Fügung!

Mackay, der in Usambiro unterdessen emsig weiterbaute, das Evangelium

Johannis in Luganda übersetzte, druckte und versandte, sah dem Umschwung

der Dinge mit den Gefühlen eines Landmannes zu, der nach harter

Geduldsarbeit seine Saaten in die Halme schießen sieht. Von seiner

aufblühenden Station aus sandte er einen Aufruf an die Söhne Englands.

Nachdem er einen kurzen Rückblick auf die wundersamen Ereignisse der

letzten sechs Jahre gegeben und hervorgehoben hat, daß die bedeutendste

und bis vor kurzer Zeit noch tyrannischste Macht in ganz Ostafrika jetzt in

Händen von Männern ruht, die sich glücklich preisen, Christen zu

sein, wirft er die Frage auf: »Aber ruht die Macht in den Händen des

_Christentums_? Wird eine Nation an einem Tage geboren? Sie ist geboren;

aber erst jetzt geboren, befindet sie sich im hilflosesten, kritischsten

Zustande.« Dann schildert er, wie die römische Mission mit ihrer

Wolfsmilch diesen Säugling nähren und für sich zu erziehen beflissen ist

und fragt voll Sorge, ob das christliche England sich nicht ermannen

und das neugeborene Kindlein mit reinem Blute nähren und in Zucht und

Vermahnung zum Herrn großziehen will. »Soll diese herrliche Gelegenheit

versäumt oder für immer verloren sein?«

»Ihr Söhne Englands, hier ist ein Feld für eure Tatkraft. Bringt eure

beste Bildung und die größten Talente, hier findet ihr Raum, mit dem

Pfunde zu wuchern. Ihr Männer Gottes, die ihr euer Leben der Rettung von

Menschenseelen weihen wollt, hier ist das rechte Feld für euch. Nicht um

Zahlen für eine Kirche, sondern um verlorene Seelen zu retten und für

Jesum zu gewinnen, bitte ich euch ... hierherzukommen, wo das Feld weiß

zur Ernte ist. Rom bricht herein mit seinem Seelenfang durch Sakramente,

seiner Religion voll Menschensatzung. Wir brauchen Männer, die Christum,

den Gekreuzigten und Auferstandenen, predigen. ›Gott ist ein Geist‹,

und jeder, der das glaubt, werfe alle Bedenken über Bord und eile zu uns,

um dieses Volk zu lehren, Gott im Geist und in der Wahrheit anzubeten.

Vergiß dein Volk und deines Vaters Haus,

Dann sehnt der König sich nach deiner Schöne,

Und an der Väter Statt umjubeln dich die Kinder,

Und werden Fürsten auf der weiten Erde!«

Dieser Ausruf voll flammender Begeisterung und leidenschaftlicher Liebe

für die unsterblichen Seelen in Uganda ist die letzte Botschaft unseres

Helden. Sie trägt das Datum: »Usambiro, 2. Januar 1890« und langte

am 24. April desselben Jahres in London an. Kurz vorher aber lief ein

Telegramm aus Sansibar ein und meldete den Tod Alexander Mackays. Der

elektrische Funke hatte mit der Trauerkunde den Postdampfer mit dem Aufruf

um zehn Tage überflügelt.

Die Post brachte aber noch eine andere charakteristische Botschaft Mackays.

Von der Missionsgesellschaft war ihm in berechtigter Sorge um seine

Gesundheit dringend nahegelegt, zu einem längeren Erholungsurlaub

heimzukehren. Mackay erwiderte dem Sekretär unter dem 2. Januar: »Aber

wie können Sie mir schreiben: ›Komme heim!‹ Bei diesem schrecklichen

Arbeitermangel darf keiner seinen Platz verlassen. Schicken Sie mir zuerst

zwanzig Männer, dann komme ich vielleicht und helfe Ihnen die zweiten

zwanzig suchen.«

Mackays letzte Tage waren angefüllt mit weitausschauenden Plänen zur

»Lösung des afrikanischen Problems«. Unter diesem Titel veröffentlichte

er kurz vor seinem Heimgang noch einen meisterhaften Artikel voll

missionarischer Weisheit und staatsmännischem Scharfsinn und schrieb

darunter: »Fortsetzung folgt.« Es ist aber keine Fortsetzung mehr

eingetroffen. Der Tod hatte ihm inzwischen die berufene Feder entwandt.

Einige Tage vor seinem Tode hatte sich Mackay bei der Arbeit an einem

Dampfkessel eine Erkältung zugezogen, auf die er aber nicht weiter

achtete. Dann half er seinem Mitarbeiter Missionar Deekes, der erst kurze

Zeit bei ihm war, gesundheitshalber aber wieder abreisen mußte, eifrig

beim Packen. An dem zur Abreise bestimmten Tage lag Mackay aber in so hohem

Fieber, daß Deekes die Träger wieder abbestellte und sich vorläufig der

Pflege seines Kollegen widmete. Das Malariafieber steigerte sich bedenklich

und ließ das Schlimmste befürchten, da keine ärztliche Hilfe zu haben

war. Nach vier Tagen, am 8. Februar 1890, abends um 11 Uhr, drückte der

erschrockene Missionar dem Helden von Uganda die Augen zu.

Aus Brettern, die der Heimgegangene selbst geschnitten und für ein Boot

zugerichtet hatte, wurde ein Sarg gezimmert und die Leiche hineingebettet.

Am folgenden Tage, es war ein Tag des Herrn, senkten sie den schmucklosen

Sarg am Ufer des Niansa in die afrikanische Erde. Wehklagend um den

geliebten Lehrer und Hirten umringten die Wagandachristen die frische

Gruft. Missionar Deekes versuchte einen Bibelabschnitt zu lesen, brach

aber vor Schwäche und Schmerz zusammen. Dann ermannten sich die Schüler

Mackays und sangen: »Laut rühmet Jesu Herrlichkeit!«

Ein weißes Marmorkreuz mit einer arabischen, suahelischen und englischen

Inschrift, gestiftet von einer edeln Gräfin, kündet heute den

Eingeborenen, daß hier einer ruht, der für sie starb und lieber ein Bote

des Kreuzes war als ein König auf dem Thron.

»Eine große Persönlichkeit bemerkt man nicht allein, wenn sie

gegenwärtig ist; man wird ihren Wert dann noch mehr inne, wenn die Stelle

leer ist, die sie einnahm.« In England wurde der Heimgang Alexander

Mackays als ein nationaler Verlust allgemein empfunden und tief betrauert.

Die Zeitungen des ganzen Landes brachten anerkennende Leitartikel über

ihn, ein Beweis, daß die Welt ab und zu doch noch einen Missionar zu

schätzen weiß, wenn er auch nicht auf außergewöhnliche Weise sein

Leben verloren hat wie Hannington. Privatbriefe voll Trauer liefen bei

dem gebeugten Vater aus allen Gegenden ein, und viele kirchliche

Körperschaften sandten besondere Beileidsadressen. Der Anzeiger der

=Church Missionary Society=, der Mackay angehörte, schrieb: »Obwohl wir

A. Mackay sehr hoch schätzten, waren wir doch nicht auf das Maß von

Teilnahme und Bewunderung gefaßt, welches sein Tod hervorrief. Wir

gestehen offen, daß wir nicht wußten, welche hohe Achtung er in der

öffentlichen Meinung gewonnen hatte.«

Colonel Grant, einer der beiden Reisenden, die Uganda zuerst kennen

lernten, bricht in das Lob aus: »Der Verlust, welcher die Zivilisation

in Zentralafrika getroffen, ist nicht leicht wieder wettzumachen. Denn

aus zwanzig unter uns könnte man noch nicht einen Mackay machen.« Ein

Begleiter Stanleys, der Offizier Jephson, welcher drei Wochen Mackays Gast

in Usambiro war, sagt in einem ergreifenden Briefe an den Vater u. a.:

»Als eine Handvoll zusammengebrochener, verbitterter Männer kamen wir

auf seiner Station an, und dank seiner Güte traten wir die Reise nach der

Küste mit frischem Eifer und neuer Liebe zu unserem Werke an. Die

einsame Gestalt, die auf dem Kamm des Hügels stand und uns noch Grüße

nachwinkte, wird mir immer in Erinnerung bleiben. -- Der Name ihres Sohnes

ist auf der Liste der großen Männer, die ihr Leben in der furchtlosen

Ausübung ihrer Pflicht verloren haben. Die Eingeborenen schienen nur ihn

zu lieben und nur ihn zu kennen.«

All diese Lobpreisungen haben freilich vorzugsweise die kulturelle Seite

der Arbeit Alexander Mackays im Auge. Es wäre aber ungerecht, seine

Missionstat so einseitig aufzufassen. »Ein Mann, der heute mit den

Mohammedanern theologische Streitfragen ausfechten muß und furchtlos

Christum als Sohn Gottes und der Welt Heiland bekennt und morgen sich damit

zufriedengibt, stundenlang Knaben lesen zu lehren und einfache Bibeltexte

zu erklären und am dritten Tage geduldig die Worte des Lebens in eine

Sprache übersetzt, die keine Sprachlehre noch Wörterbuch hat -- solch

ein Mann war kein gewöhnlicher Missionar«, ist mehr als ein

Industriemissionar, ist ein Apostel Jesu Christi! Sein treuster Freund

und Waffengefährte, der Missionar Ashe, sagt von Mackay, daß er zu

den Wenigen gehörte, welche furchtlos vorwärtsblicken und auf uns den

Eindruck machen, als ob sie das Antlitz des lebendigen Gottes sähen. Nie

sei er an einem Menschen oder einer Sache verzweifelt, ein Mann, auf den

man bauen konnte. Vierzehn Jahre hat er in Afrika ausgehalten, vierzehn

Jahre voll Widerspruch, Gefahr, Fieber, Herzeleid, Enttäuschung -- und

bei alledem sei er fest und unbeweglich geblieben in dem Werk des Herrn. Er

habe an seinem Leben und seiner geduldigen Liebe gesehen, daß ein frommer

Mensch eine wunderbare Höhe der Christusähnlichkeit erreichen kann.

»Mackay war ein demütiger, reiner, hochherziger Mann -- mit einem Wort:

ein großer Missionar!«

Wir legen diesen Immortellenkranz im Geiste auf jenes einsame Grab mit dem

kleinen Marmorkreuz unter den Palmen Ostafrikas und geloben, uns für

das Große so zu begeistern und im Kleinen so treu zu sein, wie Alexander

Mackay, der Held von Uganda, es war. Wir wissen, daß er zu denen

zählt, die ihre Kränze und Kronen vor dem Throne Gottes und des Lammes

niederlegen, und sprechen: »Herr, Du bist würdig, zu nehmen Preis und

Ehre und Kraft. Denn Du hast alle Dinge erschaffen, und durch Deinen Willen

haben sie das Wesen und sind geschaffen.«

Wir dürfen aber von dem einsamen Kreuze nicht scheiden, ohne noch einen

flüchtigen Blick auf die Hügel und Hütten Ugandas zu werfen. Mackay

hat nicht mehr erlebt den traurigen Bürgerkrieg zwischen katholischen und

evangelischen Christen, zwischen seinen geistlichen Kindern und denen des

Pater Lourdel, in dem die Römischen als Anstifter unterlagen; nicht mehr

erlebt die gewaltige Bewegung zum Evangelium, die in der Missionsgeschichte

beispiellos dasteht. Er sah nicht mehr das Gotteshaus in der Hauptstadt mit

den viertausend Sitzplätzen und die heilshungrigen Scharen den Missionaren

die Häuser stürmen, wenn eine Kiste mit Bibeln angekommen war. Er sah

nicht mehr, was unsere Augen sehen: das einst so blutgetränkte Uganda

überzogen mit einem Netz von Missionsstationen, mit Kapellen und Schulen

und einer Schar eingeborener Evangelisten.

In den letzten fünf Jahren hat die Mission Mackays 35000 meist erwachsene

Heiden in Uganda getauft. Die Gemeinde, welche Mackay 1882 mit fünf

Wagandaknaben gründete, vier Jahre später fast hundert Blutzeugen zählte

und 1887 einer zerstreuten und hirtenlosen Herde glich, in die der Wolf

gefahren ist, diese Gemeinde umfaßt heute mehr als 60000 Glieder, hat

neben den englischen Missionaren dreißig eingeborene, ordinierte Pastoren

und 2500 sonstige Lehrer und Gehilfen, die, soweit sie besoldet sind, von

der Wagandakirche unterhalten werden. In den zahlreichen Schulen werden

jetzt über 32000 Kinder unterrichtet, und der jährliche Zuwachs beträgt

670 Schüler.

Das hat Mackay alles nicht mehr hören und sehen können, und doch ist es

der Baum, den er einst im Glauben gepflanzt und mit aufopfernder Geduld und

Hoffnung bis an sein Ende gepflegt hat. Weil er den Brunnen so tief grub,

springt heute das Wunderwasser so hoch. »Er war gesetzt, Frucht zu bringen

und eine Frucht, die da bleibe« und hat sich den hohen Titel, den ihm

dankbar die Nachwelt gibt, zur Ehre seines Meisters wohl verdient.

Verdrängt, verjagt, besiegt und ausgefegt

Und doch ein Held, der ewig Palmen trägt!

Das ist Alexander Mackay. Möge sein Andenken neue Gnade auf uns bringen!

Der Held von Uganda: Leben und Wirken des Pioniermissionars Alexander Mackay · 第 5 / 7 题