Der Kampfplatz

Vor einem halben Jahrhundert war Ostafrika noch ein völlig verschlossenes

Land. Man hielt es für eine wasserarme Wüste. Die Anregung, dieses Land

geographisch zu erschließen, haben vornehmlich evangelische Missionare

gegeben. 1844 eröffnete der sprachenkundige deutsche Missionar L. Krapf

in Mombas an der Ostküste die erste ostafrikanische Missionsstation. Zwei

Monate später begrub er Weib und Kind. Selbst schwer krank schrieb er an

die »Christliche Missionsgesellschaft«: »Sagen Sie unseren Freunden,

daß in einem einsamen Grabe an der ostafrikanischen Küste ein Glied Ihrer

Mission ruht. Das ist ein Zeichen, daß Sie den Kampf mit diesem Weltteil

begonnen haben. Da die Siege der Kirche über die Gräber von vielen ihrer

Glieder führten, können Sie desto mehr überzeugt sein, daß die Stunde

naht, in welcher Sie berufen sind, Ostafrika von der Ostküste aus zu

bekehren.« In dem württembergischen Landsmanne Joh. Rebmann erhielt Krapf

einen heldenhaften Mitarbeiter. Beide Männer haben sich um die Mission

sehr verdient gemacht durch ihre sprachlichen Arbeiten. Außerdem haben

sie große geographische Verdienste besonders durch die Entdeckung der

innerafrikanischen Schneeberge Kilimandscharo und Kenia.

Ihre Berichte von dem Vorhandensein eines großen Binnenmeeres im Inneren

Afrikas riefen großes Erstaunen wach und führten zur Entsendung einer

ganzen Reihe von Entdeckungsexpeditionen.

Seit Jahrtausenden barg dieses Landgebiet ein viel umstrittenes Rätsel,

das uralte Geheimnis der Nilquelle. Die Mitteilungen der deutschen

Missionare regten den Forschergeist aufs neue mächtig an und gaben

wichtige Winke zur Lösung des harten und alten Rätsels.

Die englischen Forscher Speke und Grant wagten sich zunächst soweit vor,

daß sie die beiden großen Binnenseen, den Tanganjika und den Ukerewe,

entdeckten. Bei einer zweiten Expedition, die Speke allein unternahm, blieb

er drei Jahre in dem dunkeln Gebiet ohne Lebenszeichen an die Außenwelt

und überraschte plötzlich die ganze Welt mit dem in Ägypten aufgegebenen

Telegramm: »Die Nilquelle ist entdeckt.« Speke meinte in dem Ukerewesee

die langgesuchte Nilquelle gefunden zu haben. Speke verfolgte den Lauf

des Nilstromes aufwärts bis in diesen See. Da er aber keine Zuflüsse am

Viktoria Niansa, wie Speke den See nannte, fand, sah er den See selbst als

Quelle des großen Stromes an. Spätere und genauere Forschungen führten

aber doch zur Entdeckung eines Zuflusses. Man verfolgte denselben und fand

seine Quellen in den Schnee- und Eisregionen des Mondgebirges im Südwesten

des Sees. Die Wasser dieser Hochgebirge fließen als Alexandranil in den

Viktoria Niansa, von diesem durch die Ripponfälle als Somersetnil in den

Albertsee und von hier als Nil weiter nach Norden und Ägypten. Das ist des

uralten Rätsels endliche Lösung.

Schon durch Spekes treffliche Reisebeschreibungen wurde die Aufmersamkeit

auf den herrlichen Viktoriasee und seine bevölkerten Uferländer gelenkt

und Uganda am Nordufer als das schönste und mächtigste Reich im Inneren

bezeichnet. Die Missionsstationen, welche heute so zahlreich im Seengebiet

der Nilquelle sich finden, sind das Denkmal des Missionars Livingstone, des

Königs unter den Entdeckern, der, von Süden kommend, bis zum Nordende des

Tanganjika vordrang. Den äußeren Anstoß zur Ugandamission aber gab der

kühne Amerikaner Stanley, der sich aufgemacht hatte, den verschollenen

Livingstone zu suchen und ihn zur Freude der zivilisierten Welt in

Udschidschi am Ufer des langgestreckten Sees Tanganjika auffand. Der

Amerikaner wurde durch den Engländer bei dieser Gelegenheit für die

Interessen der Mission gewonnen. Stanley weihte sich der Fortsetzung des

Livingstoneschen Werkes, Afrika für die christliche Kultur und Predigt

zu erschließen und den furchtbaren Sklavenhandel abzuschaffen. Nach

Livingstones Tode -- er starb auf den Knien betend 1873 in Tschitambo im

Inneren Afrikas -- trat Stanley seine erste große Reise durch den dunkeln

Weltteil an, welche den Lauf des Kongo festlegte. Auf dieser Tour hielt er

sich einige Monate bei dem König Mtesa von Uganda auf und schrieb von

hier aus jenen enthusiastischen Brief an die englischen Christen, der die

bekannte elektrisierende Wirkung ausübte und zur Gründung der Mission in

Uganda führte.

Das Königreich Uganda, dessen Einwohner auf eine Million geschätzt

wurden, machte auf alle Entdeckungsreisende äußerlich den besten

Eindruck. Das Land ist bergig und schön gelegen, der Boden fruchtbar und

birgt Eisen, Kristall und Töpfererde. Die Täler werden von Sümpfen und

Mooren durchzogen, in denen sich Elefanten und Büffel aufhalten. Produkte

sind Kaffee, Tabak, Zuckerrohr, Mais, Bohnen und Bananen von vorzüglicher

Qualität. Das ganze Gebiet ist ein Bananenwald.

Die Einwohner heißen Waganda. Sie unterscheiden sich vorteilhaft von

anderen Völkern des Nilquellengebiets durch Reinlichkeit, zureichende

Bekleidung aus Pflanzenstoff oder Fellen und durch den Mangel jeglicher

Tätowierung oder Verstümmelung des Körpers. Sie wohnen in sorgfältig

gebauten, kegelförmigen Grashütten, die sie sehr schnell herstellen

können. Stanley sah am Viktoriasee Mtesas Armee in 30000 rasch gebauten

Hütten lagern. Ihre primitiven Hausgeräte, ihre Bänder, Schnüre und

Werkzeuge verraten industriellen Sinn. Die Männer beschäftigen sich mit

Hüttenbau, Kriegführen und Jagen. Den Frauen überlassen sie Ackerbau

und Viehzucht. Hauptnahrungsmittel sind Bananen und süße Kartoffeln. Der

Kaffee wird nicht gekocht, sondern als Delikatesse gekaut. Wer da weiß,

was sich in Uganda schickt, der hat stets Kaffeebohnen bei sich, um sie

Freunden anzubieten. Aus den Bananen bereiten sie verschiedene Sorten Wein

in großen Mengen. Die Waganda sind Helden im Saufen und Fressen. Einem

Reisenden zeigte man einen Mann, der eine ganze Ziege auf einen Sitz

verzehren konnte. Bei Festlichkeiten saufen sie den leichten Wein aus

Trögen wie das liebe Vieh. Schnupfen und Tabakkauen überlassen die Frauen

den Männern. Im Rauchen aber geben sie ihnen nichts nach.

An Waffen haben sie Schild, Speer, Bogen und vergiftete Pfeile. Jeder Mann,

der die Waffen führen kann, ist Soldat. Ertönt die Kriegstrommel, dann

entledigen sie sich der Kleider bis auf ein Lendentuch, bemalen das Gesicht

und eilen mit den Waffen zum Sammelplatz. Die Jugend übt sich in Spiel und

Wettkampf. Der Geselligkeit dienen Musik, Gesang und Tanz. Sie haben ein

verhältnismäßig gutes Zahlensystem.

Die Regierungsform ist ein eingeschränktes Königtum. Dem König stehen

drei Oberhäuptlinge zur Seite, die einen bedeutenden Einfluß auf die

Regierung besitzen. Trotzdem verfügt der König noch über eine große

Macht, z. B. über Leben und Tod sämtlicher Untertanen. Für die Masse

des Volks ist er unnahbar. Seine ständigen Begleiter sind der erste Beamte

des Reichs (der Katikiro), der Hofkoch und der Hofbräuer. Diese drei

bilden mit vier anderen Häuptlingen den sogenannten Luchiko (Hohen Rat).

Am Hofe herrscht ein übertriebenes, unwahres Zeremoniell. Fremde werden

stets mit großem Pomp empfangen. Seine Majestät sitzt dann auf seinem

Thron, umkauert von Hofschranzen und Zauberern aller Art. Als der englische

Forschungsreisende Speke Audienz hatte, saß er, unfähig, sich zu

unterhalten, etwa eine Stunde stumm vor dem König, gaffend und begafft,

bis Mtesa sich mit der Frage erhob, ob er ihn nun gesehen habe. Dann

entfernte er sich mit einem nach außen gespreizten Gang. Das soll dem

Löwen abgesehen sein und in Uganda als majestätisch gelten. An

Zauberei ist soviel vorhanden, daß der König stets in einer Wolke von

abergläubischem Unsinn wandelt und handelt.

Die Gerichtsbarkeit üben die Häuptlinge. In besonderen Fällen

entscheiden die Hofbeamten oder der König. Auf Ehebruch steht Todesstrafe.

Mord wird gewöhnlich durch Geldstrafen, Diebstahl durch Verlust der Hände

oder Ohren oder Nase gesühnt. Mtesa hält ein Heer von Scharfrichtern,

die am fantastischen Kopfputz erkenntlich und sehr gefürchtet sind. Der

Kontrast zwischen ihrem grausigen Treiben und der friedlichen Natur

wird von einem Reisenden auf dem Wege von der Hauptstadt Rubaga nach dem

Viktoria Niansa sehr scharf gezeichnet. »Wie durch einen Garten wandeln

wir durch Bananenwälder und Hütten dahin. Beständig wechseln künstliche

und natürliche Gärten. Ein schönes und gesegnetes Land mit seinem roten

Boden, seinen grünen Gärten, seinen luftigen Bergen, seinen lauschigen

und dunkeln Tälern. Verschwenderisch hat die Natur ihre Reize gespendet,

und nur der Mensch stört die Harmonie des Bildes. Kadaver mitten auf dem

Wege zwingen uns, auszuweichen. Rauschenden Fluges verlassen die Geier eine

grausige Mahlzeit. Vier Leichen liegen da; alt und jung hat sie der

Henker hier zusammengerafft, dem einen die Kehle bis zur Wirbelsäule

durchschneidend, dem anderen mit wuchtigem Hiebe den Hinterkopf

zerschmetternd. Und täglich und stündlich ziehen an ihnen die Leute

vorüber, vielleicht bald selbst ähnlichem Geschick verfallend.«

Zur Grausamkeit gesellt sich eine große Sittenlosigkeit, eine Folge der

Vielweiberei. Der König hat etwa 7000 sogenannte Frauen. Die Großen

seines Reiches tun es ihm nach, und in den niederen Klassen herrscht ein

empfindlicher Mangel an Frauen.

Über die Religion der Waganda sei zum besseren Verständnis der folgenden

Kapitel hier auch einiges vorausgeschickt. Sie glauben an ein höchstes

Wesen, das Welt und Menschen schuf und das sie Katonda nennen, d. h.

Schöpfer. Da er aber zu erhaben ist, um sich um Menschen zu kümmern,

leisten sie ihm keine Verehrung, sondern nur den niederen Göttern oder

Dämonen, die sie Lubare nennen. Diese Dämonen lassen sich an

bestimmten Orten nieder und beherrschen bestimmte Gegenden und Dinge. Der

gefürchtetste Lubare ist Mukasa, der Gott des Niansa, der wie eine Art

Neptun im Wasser lebt, den See beherrscht und auf Uganda großen Einfluß

hat. Von Zeit zu Zeit zieht er aber vor, in irgend einer Person zu wohnen,

die sein Orakel wird, übernatürliche Kräfte besitzt, Kranke heilen,

Regen machen, Krieg, Teurung und Seuchen bringen und weissagen kann und

auf die Regierung, sowie auf das Volksgemüt einen furchtbaren Einfluß

ausübt. Vor Antritt einer Reise wird diesem Geist ein Fruchtopfer geweiht

und unter Gebet ins Wasser geworfen. Die Kriegsgötter Chikwuka und Neuda

wohnen auf Bäumen. Ihnen bringt man schwarze Tiere zum Opfer, ehe es

in den Krieg geht. Die Flußgötter begnügen sich meistens nur mit

Menschenopfer. Die verstorbenen Könige werden ebenfalls als Götter

betrachtet. Die über ihren Gräbern erbauten Hütten werden von

Häuptlingen bewacht, gelten als Orakelstätten und sehen oft

Menschenopfer. Eine Schar von Medizinmännern fabrizieren und verkaufen

dem abergläubischen Volke, dessen Glaube wie überall im Heidentum in der

Furcht vor bösen Geistern besteht, allerlei merkwürdig geformte Talismane

gegen die bösen Mächte. Die mohammedanischen Händler, die sich schon

vor sechzig Jahren im Lande angesiedelt haben, machten die ersten

Bekehrungsversuche. Sie haben aber wenig Erfolg. Wohl nennt sich Mtesa

einen Anhänger des Islam, unterwirft sich aber nicht der Beschneidung.

Hundert Jünglinge, die sich diesem Ritus unterzogen, ließ der König

einfach verbrennen.

Durch Handelsbeziehungen mit der Ostküste und Sansibar wurde die

Suahelisprache eingeführt und viel neben der einheimischen angewandt, ein

Umstand, der für Mackay und seine Kampfgenossen sehr wertvoll war.

Nachdem wir nun mit Uganda etwas bekannt geworden, werden wir mit viel

größerem Interesse die Erstlingsschar der Streiter Christi auf ihrem

Marsche nach diesem Felde begleiten.

[Illustration: #König Mtesa.# (Text siehe Seite 26.)]

Fünftes Kapitel.

Auf dem Marsche.

Wir haben Mackay verlassen, als er sich in Kottbus zur Rückreise nach

England rüstete. Daß er sobald von der Missionsgesellschaft angenommen

wurde, verdankte er u. a. auch der guten Empfehlung, die ihm sein

väterlicher Freund in Berlin, der Hofprediger Baur, gab: »Ein Kind

frommer Eltern, unermüdlich im Studium der Heiligen Schrift und von einem

glühenden Verlangen beseelt, das Evangelium, dessen Kraft er an sich

erfahren hat, auch anderen mitzuteilen, erscheint er mir als hervorragend

geeignet für das Missionsfeld. Er ist selbstverleugnend im Lebensgenuß,

bereit, anderen zu helfen, und ich kann mir gut vorstellen, daß er

vermöge seiner selbstlosen Hingabe im Verein mit seinem klaren Verstand

und entschiedenen Willen auch in schwierigen Lagen seinen Weg finden und

nicht nur durch die Predigt des Wortes, sondern auch durch seine ganze

Lebenshaltung einen wohltätigen Einfluß auf seine Umgebung ausüben

wird.«

Im März 1876 ist er schon in London und rüstet sich zur Ausreise. Nach

seinen persönlichen Angaben und unter seiner Aufsicht wird rasch ein

zerlegbares Boot und ein zerlegbarer Dampfkessel zur Mitnahme gebaut. Dann

galt es sich noch zu üben in allerlei Künsten, die auf dem Felde

not sind, z. B. Impfen, Photographieren und Handhaben geographischer

Instrumente. Dazu noch die tausenderlei Dinge, die eingekauft und

mitgenommen sein wollten. Kaum nahm er sich Zeit, dem Vater und der

Schwester Lebewohl zu sagen. Für weitere Verwandte oder Freunde war er in

dieser Zeit überhaupt nicht zu haben.

Die Abordnung und Aussendung der ersten Ugandamissionare fand in London

am 25. April 1876 in aller Stille statt. Es waren acht junge, blühende

Menschenleben, die sich hier auf den Altar Gottes legten, ein Pfarrer,

ein Architekt, ein Beamter, ein Handwerker, ein Arzt, ein Kaufmann, ein

Ingenieur und als Leiter der Expedition der frühere Leutnant Smith,

welcher in Afrika gedient, dort die Leute liebgewonnen und nun keinen

größeren Wunsch hatte, als ihnen das Evangelium zu predigen. Der Sitte

gemäß sagte jeder Missionar bei der Feier ein Abschiedswort. Mackay kam

als jüngster -- er war jetzt 26 Jahre alt -- zuletzt an die Reihe. Er

schlug einen ernsten Ton an, als er sagte: »Eins haben meine lieben

Brüder noch nicht gesagt, das möchte ich noch erwähnen. Ich möchte das

Komitee daran erinnern, daß es binnen eines halben Jahres wahrscheinlich

hören wird, daß einer von uns -- tot ist. Ja, ist es irgend

wahrscheinlich, daß acht Engländer, die nach Zentralafrika gehen, nach

sechs Monaten alle noch leben? Wenigstens einer von uns, vielleicht bin

ich es, wird zuvor fallen. Aber was ich sagen möchte, ist dies: Wenn die

Nachricht kommt, so werdet nicht mutlos, sondern sendet sogleich einen

anderen für den erledigten Posten.«

Als später im Missionshause in London eine Todesnachricht nach der anderen

aus Zentralafrika einlief, hat man sich dieser Abschiedsworte unseres

Helden wohl erinnert. Nach Gottes unerforschlichem Ratschluß war er

nach drei Jahren allein übriggeblieben von den Acht, die hoffnungsvoll

hinauseilten, um die Hölle zu besiegen. Die anderen wurden zum Teil

ermordet, zum Teil erlagen sie dem ungesunden Klima.

In Southampton, einer bedeutenden Hafenstadt an der Südküste Englands,

verließ die mutige Streiterschar den heimatlichen Boden, begleitet von den

heißen Gebetswünschen aller, die ein warmes Interesse für die Mission

und ein Herz für Afrika hatten. Vor der Ausreise schrieb Mackay noch

einmal seinem Vater. Der Brief spricht die Sprache des Mutes, der

Zuversicht und des demütigen Glaubens: »Es ist ja Gottes Werk. Es muß

gelingen, ob ich nun seine Vollendung erlebe oder nicht. Der Herr möge mir

Gesundheit und Kraft verleihen und mich zu einer so herrlichen Arbeit wie

die Ausbreitung Seines Reiches geschickt machen. Betet für mich, daß ich

Gnade habe, dieses große Ziel allezeit vor Augen zu haben.«

Die Fahrt ging durchs Mittelländische und Rote Meer nach der Insel

Sansibar. Seine Reiseeindrücke vertraute Mackay sorgfältig einem

Tagebuche an, das er später bei dem ersten Unfall an der Ostküste Afrikas

verlor. Es wurde aber am Strand aufgefunden und durch den Sultan von

Sansibar wieder seinem Herrn zugestellt. Am ersten Sonntag auf dem Schiff

empörte ihn das Verhalten einiger blasierter Männer, die den Gottesdienst

im Salon nicht besuchten, sondern auf Deck blieben, um zu rauchen. Beim

Anblick Spaniens bedauert er das arme Volk in dem herrlichen Land, dessen

Lebensader durch die Regierung eines heruntergekommenen Fürstengeschlechts

und durch Roms Einfluß ebensosehr unterbunden sei wie in Italien. Die

Umrisse der Nordküste Afrikas lassen ihn daran gedenken, daß dieses Land

Jahrhunderte hindurch ein dunkler Hort des Aberglaubens und menschlicher

Grausamkeit ist; im Geiste aber sieht er über dem Lande Hams die Sonne der

Gerechtigkeit mit Heil unter ihren Flügeln aufgehen. Gelobend ruft er

aus: »Ich will mit der Hilfe und im Namen Gottes an den Ufern des Viktoria

Niansa meine Druckerpresse aufstellen und nicht ruhen noch rasten, bis das

Evangelium von Jesu in der Karagua- und Ugandasprache gedruckt ist und

alle gelehrt werden können, die frohe Botschaft zu lesen und daran zu

glauben!«

Die Insel Sansibar mit ihrer an der Westküste gelegenen gleichnamigen

Hauptstadt ist der Ostküste Afrikas etwa vierzig Kilometer vorgelagert

und bildet den Hauptstapelplatz und Verkehrsmittelpunkt für Ostafrika. Die

Bevölkerung, welche etwa eine halbe Million zählt, stellt eine Mischung

von Suaheli und Arabern dar. Der Religion nach gehören sie zum Islam.

Der Sultan von Sansibar, damals noch unabhängiger Herrscher, stellte sich

freundlich gegen die Expeditionen, die von Sansibar aus ins Innere gingen.

Von hier aus brach Stanley mit zweihundert Trägern auf, als er Livingstone

aufsuchte. 1873 schloß England mit dem Sultan einen Vertrag zur

Unterdrückung des Sklavenhandels, der hier in besonderer Blüte stand.

Dieses Abkommen wurde zuerst als ein großer Sieg gefeiert, erwies sich

aber als toter Buchstabe. Der Strom des scheußlichen Menschenhandels wurde

dadurch nicht verstopft, sondern nur in ein anderes Bett gelenkt.

Ende Mai 1876 landete Mackay mit seinen Genossen in Sansibar. Die

eigentliche Reise sollte aber jetzt erst beginnen. Uganda liegt etwa

tausend Kilometer von der Küste entfernt, etwa so weit wie Paris von

Berlin oder Hamburg von Venedig. Fahrstraßen oder etwas Ähnliches gab es

damals noch nicht. Die Reise war also ein umständliches Unternehmen. Der

ganze Weg mußte zu Fuß zurückgelegt und sämtliches Gepäck auf den

Köpfen oder Schultern eingeborener Träger befördert werden. Dazu

mußte es in Lasten von sechzig bis siebzig Pfund verpackt, wasserdicht

verschlossen und so fest vernäht und verschnürt sein, daß es allen

Unbilden des Transportes und der Witterung ein Jahr lang und noch länger

trotzen konnte. Wie viele Lasten aber waren da zu schnüren! Die Missionare

mußten ja alles mit sich führen, was sie an Hilfsmitteln der Kultur

auf der Reise gebrauchten oder nach Uganda verpflanzen wollten. Da waren

Bücher, Kleider, Betten, Stühle, Zelte, Kochgeschirre, Konservenbüchsen,

Eßgeschirre, Gewehre und Munition, Werkzeuge aller Gattung vom

Schmiedeamboß und Blasebalg bis zum kleinsten Nagel, Pflüge,

Gartengeräte, Sämereien, allerlei wissenschaftliche Instrumente, eine

kleine Druckmaschine, ein ganzes Dampfboot mit Dampfkessel und allem

Zubehör. Und dann das Reisegeld! Was wir in einer Brieftasche in einigen

Dutzenden von Hundertmarkscheinen bequem mitnehmen, müssen dort sechzig

bis siebzig Träger in Lasten a siebzig Pfund fortschaffen. Das ist

das schwerfällige Tauschgeld, welches in Tauschwaren von Zeug, Kaliko,

Glasperlen, Messingdraht und Kaurimuscheln besteht. Damit werden auch die

Träger bezahlt. Eine ganze Zahl von ihnen war also schon nötig, um den

Lohn derselben fortzuschaffen.

Nun werden wir uns nicht wundern, daß zu dieser Ugandamissionskarawane

vierhundert Träger erforderlich waren. Die alle in Zucht und Ordnung zu

halten und immer genügend Lebensmittel für sie zu besorgen, das war

keine geringe Aufgabe für unsere Missionare. Dazu noch allerlei andere

Schwierigkeiten, z. B. das böse Klima, die wilden Tiere im Urwald und

vor allem die wilden Volksstämme, durch deren Gebiete der Weg führte.

Wahrlich, eine solche Reise ist an sich schon eine Heldentat. Wir bewundern

darum den tapferen Mut, das feste Gottvertrauen und die freudige Liebe zum

Missionsdienste, welche diese und andere Männer vor Not und Gefahr nicht

zurückschrecken ließen, um Seelen für Christum zu gewinnen.

Der Expedition, die Leutnant Smith leitete, war angeraten, auf einem der

beiden Küstenflüsse den Wasserweg soweit als möglich zu benutzen. Zu

diesem Zweck unternahmen Smith und Mackay eine achttägige Probefahrt auf

dem Wami, der Sansibar gegenüber mündet. Die Fahrt war beschwerlich und

gefährlich. Je weiter sie kamen, desto seichter wurde das Wasser. Die

Uferbewohner zeigten sich feindlich, und später erfuhr Mackay, daß sie zu

den Menschenfressern gehören. Ihr Nachtlager suchten sich die Missionare

im Dickicht des Ufers, und Gott schützte sie vor Überfall. Als Leutnant

Smith dann einen heftigen Fieberanfall bekam und still im Boot liegen

mußte, wandte Mackay um und fuhr stromabwärts. In der Mündung geriet das

Boot unter Wasser. Nur mit Mühe retteten sie sich und ihre Habe. Mackay

brachte den kranken Freund beim Häuptling zu Sadani unter, mietete ein

arabisches Boot und ruderte hinüber nach Sansibar, wo er nach sechs

Stunden ankam. Glücklicherweise war inzwischen das Missionsschiff

»Lassin« angekommen. Mit diesem fuhr Mackay wieder nach Sadani, um das

Boot zu bergen und den Leutnant Smith zu holen.

Als sie sich der Küste näherten, war es schon dunkel geworden. Das Schiff

setzte ein Boot aus, mit dem Mackay und Robertson an Land ruderten. Sie

befanden sich auf einer schlammigen Uferpartie. Nach einigen Untersuchungen

wollten sie in ihr Boot, fanden es aber im Dunkel nicht mehr, denn die

eingetretene Ebbe hatte es zurückgezogen. Durch den Uferschlamm wateten

sie nun nach dem festen Lande, wo sie neben einem großen Holzfeuer einen

schlafenden Knaben entdeckten und weckten. Er war hier den ganzen Tag mit

Holzsammeln beschäftigt gewesen und hatte sich das Feuer zum Schutz gegen

wilde Tiere angelegt. Die Engländer erfuhren von ihm, daß sie sich etwa

zwölf Kilometer südlich von Sadani befanden. Sie kampierten die Nacht

über mit dem schwarzen Jungen am Feuer und trockneten ihre Kleider. Am

Morgen gewahrten sie das vermißte Boot, und auch das Schiff kam wieder

in Sicht. Es hatte sich die Nacht über in der Nähe gehalten und auf die

beiden mit ihrem Boot gewartet. Nachdem sie an Bord gegangen, holten sie

in Sadani den Kranken ab, bargen das unter Wasser liegende Boot und fuhren

nach Sansibar zurück.

Der Gedanke an den Wasserweg, den Stanley empfohlen, wurde aufgegeben

und die gewöhnliche Karawanenstraße durch das heutige Deutsch-Ostafrika

gewählt. Vor Aufbruch erfüllten sie eine traurige Pflicht und bestatteten

den ersten Gefallenen. Der Kaufmann Robertson, welcher sein Geschäft

verkauft und Weib und Kind daheim gelassen hatte, um auf seine eigenen

Kosten Missionar zu werden, war der Ruhr erlegen, ehe er das afrikanische

Festland betrat.

In vier Kolonnen brachen die Missionare auf. Mackay führte die dritte,

welche mit zweihundert Trägern am 26. August den Küstenort Bagamoyo

verließ. Auf dem Marsche durch Ugogo erkrankte er und mußte nach der

Küste zurück. Sein Edinburger Freund =Dr.= Smith hätte ihn gern

begleitet, wenn es Mackay erlaubt hätte. Er verzichtete im Interesse der

Expedition, die den Doktor auch nötig hatte, auf die Hilfe des Freundes

und trennte sich von ihm in der Hoffnung, ihn bald wiederzusehen. Die

Hoffnung sollte sich auf Erden nicht erfüllen. Als die Karawane schon am

Viktoria Niansa war, ergriff den gesunden Arzt das Fieber und raffte ihn

bald dahin -- ein unersetzlicher Verlust für die Missionskarawane, die

jetzt nur noch aus drei Missionaren bestand, denn außer Mackay mußten

noch zwei andere krank zurückreisen, ehe sie den See erreichten.

Von den übrigen blieb O'Neill in Kagai am See, um das mitgebrachte Boot

»Daisy« instand zu setzen, und die anderen beiden, Leutnant Smith und

Pastor Wilson, fuhren in einem Kanu über den See und erreichten glücklich

Uganda, nachdem sie ein Jahr, drei Monate und neunzehn Tage auf der Reise

waren. Der König Mtesa empfing sie freundlich und gewährte ihnen sofort

Lehrfreiheit. Dann kehrte Smith nach dem See zu O'Neill zurück und wurde

mit diesem vom Häuptling Lukonge erschlagen. Von den acht Missionaren, die

Ende Mai 1876 Sansibar erreichten, waren nun noch zwei in Afrika: Pastor

Wilson allein am Ziel in Uganda und Alexander Mackay an der Küste.

[Illustration: #Transport des Gepäcks.# (Text siehe Seite 35.)]

Sechstes Kapitel.

Durchs heutige Deutsch-Ostafrika.

Mackay hatte die Gesundheit wiedererlangt, ehe er die Küste erreichte,

erhielt aber die Weisung, vor Verlauf der Regenzeit nicht wieder

aufzubrechen und bis dahin soweit als möglich eine Fahrstraße

für Ochsenwagen ins Innere zu bauen. Vorher rüstete er noch zwei

Unterstützungskolonnen aus und sandte sie den vorausgezogenen Brüdern

nach. Eine davon fiel unterwegs den Ruga-Ruga (Freibeutern) in die Hände,

welche den Führer, einen Engländer, ermordeten und die Karawane ihrer

wertvollen Habe beraubten.

Bald kam Mackay mit dem schändlichen Gewerbe des Sklavenhandels in

unangenehme Berührung. Durch Sadani, wo er sich aufhielt, zogen trotz des

Verbots immer wieder Sklavenzüge. Einmal gelang es ihm, den Händler in

die Flucht zu jagen und die Sklaven, unter denen viele Weiber und Kinder

waren, zu befreien. Bei einem anderen Befreiungsversuch setzten sich die

arabischen Händler zur Wehr und erschossen einen seiner eingeborenen

Leute. Er mußte nun, so leid es ihm auch tat, die Menschenhändler ruhig

ihre teuflischen Pfade ziehen lassen, merkte er doch auch, daß der Herr

Häuptling und seine Leute heimlich den Handel begünstigten. Und das alles

trotz des Vertrags, den der Sultan von Sansibar mit England geschlossen

hatte!

Den vom Komitee in London gewünschten, aber unzeitgemäßen Wegebau

führte er mit vierzig Arbeitern, die zu allem erst mühsam angelernt

werden mußten, in hundert Tagen unter vielen Schwierigkeiten aus. »Man

stelle sich einen Wald voll hoher, schlanker Bäume vor, die durch ein

dichtes Gewebe dorniger Schlingpflanzen verbunden sind und unten solch

undurchdringliches Gestrüpp haben, daß kaum eine Katze durchkriechen

kann; alles verzweigt, zugewachsen und verworren.« Durch dieses Gestrüpp

mußte er sich einen Weg bahnen, überall breit genug, daß die größten

Ochsenwagen sich ausweichen konnten. Die Vorüberziehenden sperrten Mund

und Augen weit auf ob der »=njia kubwa=«, der großen Straße des weißen

Mannes, und erzählten überall mit negerhafter Übertreibung von dem

geschauten Wunder. Der Häuptling eines Dorfes, in dessen Nähe Mackay

eine Brücke schlug, erklärte ihm mit soviel Würde, als sein schmutziges

Gesicht nur zuließ, er wolle hundert Dollar dafür haben, daß ihm seine

Bäume niedergeschlagen würden. Mackay setzte ihm darauf auseinander, daß

der Herr Häuptling hundert Dollar für die Brücke zahlen solle, die er

später doch als sein Eigentum betrachten und von der er sicher ein hohes

Brückengeld von den Karawanen erheben würde.

Mit den Häuptlingen im Umkreise schloß er Freundschaft, und alle

erkannten ihn als »Bruder« an. Das will in Afrika viel besagen und

ist von großem Nutzen für die Sicherheit des Lebens und des Eigentums.

Stanley war der »Bruder« von Mtesa und Miramba. Das brachte ihm viel

Vorteil im ganzen Land.

Besondere Schwierigkeiten machten Mackay die Ochsenwagen. Vor einen

Karren mußten 26 Ochsen gespannt werden, um ihn durch alle die Löcher

fortzubringen. Die Leute verstanden nichts vom Fahren und die Ochsen erst

recht nicht. Bald waren Bäume angefahren, bald lag die Karre in einem

Loche. »Es ist zum Verzweifeln,« schreibt er, »wenn man einen Fluß

überschreiten will und ein Ochs legt sich, ein anderer reißt sich los

und läuft davon, andere kehren statt des Schwanzes die Hörner nach dem

Wagen --.« Tagebuch und Briefe schrieb er abends auf dem Boden beim

Schein eines trüben Schiffslaternchens, gequält von den Moskitos und

umheult von Raubtieren, die es auf Ochsenbraten abgesehen hatten. Neben

der Feder mußte er immer das Repetiergewehr für diesen ungebetenen Besuch

bereitliegen haben.

Der Straßenbau war 230 englische Meilen weit gediehen. Da hörte Mackay,

daß Leutnant Smith und O'Neill ermordet seien und Mtesa beabsichtige,

zur Züchtigung des Häuptlings Lukonge eine Flotte von tausend Kanus

hinzusenden. Diese Rache konnte das Unglück nicht ungeschehen machen, aber

der Mission viel schaden. So schnell als möglich eilte daher unser Held

vorwärts an die Stätte des Unglücks, um alle, die dem Häuptlinge Rache

geschworen, zu besänftigen und weiteres Blutvergießen zu verhindern.

Der Eilmarsch dauerte ein ganzes Vierteljahr, von März bis Juni 1878.

Es ging oft durch riesenhafte Landstriche, die von erbarmungslosen

Sklavenhändlern verheert waren. Die Erlebnisse Mackays würden Bände

füllen, hätte er Zeit und Lust gefunden, alles niederzuschreiben.

Nur einiges konnte er aufzeichnen und nach Hause berichten. Ein großer

Häuptling verweigert ihm aus Furcht für sein kostbares Leben das

Nachtquartier, aber ein kleiner teilt mit ihm die schmutzige Hütte, die

zugleich Kuh- und Schafstall ist. Da kommt ein Streifzug der Wahehe, führt

einen Kriegstanz vor der Hütte auf und verlangt einen Ochsen, den

sie sofort erhalten. An Mackays Warenbündel zeigen sie ein besonderes

Interesse, sind aber schließlich mit einer Elle Zeug zufrieden. Dann

kam der Abschiedsgruß. Mackay saß auf dem Boden, neben sich die

doppelläufige Flinte, die er aber nicht anrühren durfte. Er regte kein

Glied, als sie mit eingelegten Speeren auf ihn losstürzten und hinter

den großen bemalten Schilden aus Fellen einen Halbkreis um ihn schlossen.

Einen Augenblick verharrten sie in dieser Stellung, dann senkten sie die

Schilde und verneigten sich höflich. Hätte Mackay nur einmal nach

seinem Gewehr gegriffen, wäre aus diesem Waffenspiel ein grausiger Ernst

geworden.

Ein strömender Regen ging in der Nacht nieder, drang durchs Dach und

machte die Hütte voll flüssigen Dunges. Über die Verpflegung während

dieses Marsches schreibt er: »Ich bekomme jetzt einen dicken Brei von

=mwere= und manchmal von =mtama=, das etwas besser ist zu essen, da die

Diebe an meinem kleinen Vorrat von Zwieback Gefallen fanden. =Mwere=

schmeckt wie Sägemehl und Asche, aber man gewöhnt sich mit der Zeit daran

und würde es schließlich ganz genießbar finden, wenn nicht unter dem

Mehl soviel Sand wäre. Tag für Tag auf die Nahrung angewiesen, die hier

zu kaufen ist, lernt man so recht beten: ›Unser täglich Brot gib uns

heute!‹ Oft bekommt man außer dem Korn noch ein Huhn. Aber schlimm

ist es doch, nach dem ermüdeten Tagesmarsche sich erst etwas zum Essen

auftreiben und dann warten zu müssen, bis das Korn zerstoßen und gekocht

ist. Holz zur Feurung ist auch nur mit Mühe zu bekommen, und Trinkwasser,

wenn man es so nennen darf, muß ebenfalls weit hergeholt werden.

Frühstück und Mittagessen fallen da meistens zusammen. Da diese Mahlzeit

erst gegen Abend zu bekommen ist, dient sie zugleich als Abendbrot. Aber

wie im Psalm 104 geschrieben steht: ›die jungen Löwen, die da brüllen

nach Raub und ihre Speise suchen von Gott‹, so wahr ist es, daß ich nie

Mangel hatte und sicher nie haben werde.«

Endlich erblickte er »den silberschimmernden See« und rief mit Inbrunst

wie einst die Griechen des Anabasis: »Das Meer, das Meer!« Am 13. Juni

erreichte er das Dorf Kagai am Südufer des Niansa, aber noch ein halbes

Jahr sollte vergehen, ehe er seinen Fuß auf das jenseitige Ufer des

Riesensees setzen und in Uganda Einzug halten konnte.

In einer großen, von dem Häuptling des Orts entliehenen Hütte, befand

sich alles, was von dem wertvollen Eigentum der ihm vorausgegangenen

Expeditionen noch übrig war. Die fürchterlichste Unordnung herrschte

hier. Bücher, Muscheln, Gießformen, Papier, Angeln, allerlei

Handelsartikel, Drucklettern, Zeltstangen, Patronen, Karbol, Sägen, Samen,

Koffer, Konserven, Pumpen, Pflüge, Maschinenteile -- alles durcheinander.

Verzweifelt starrte Mackay nach der anstrengenden Reise auf diese

Bescherung. Das Boot »Daisy«, welches in einzelnen Teilen auf den Köpfen

der Träger den Weg von der Küste zum See gemacht hatte und von O'Neill

zusammengesetzt worden war, lag in traurigster Verfassung da. Die heißen

Strahlen der Tropensonne, die weißen Ameisen und Zähne der Flußpferde

hatten ihm arg zugesetzt. Mehrere Wochen hatte Mackay vollauf zu tun, um

einigermaßen Ordnung in dies Durcheinander zu bringen und das Boot flott

zu machen.

Mit den Eingeborenen lebte er bald auf freundschaftlichem Fuße. Ihre

Sprache ist mit der suahelischen, die Mackay bereits erlernt hatte,

ziemlich verwandt. Er konnte sich also mit ihnen unterhalten und, dem

Drange seines Herzens folgend, etwas von Gott und dem Heiland erzählen.

Kam der Sonntag und die Arbeit ruhte, so fragten alle: Warum? Dann zeigte

er seine Bibel, setzte ihnen auseinander, daß dies Buch Gottes Wort sei

und Gott den Ruhetag eingesetzt hat. Viele zeigten Lust, lesen zu lernen,

um selbst hören zu können, was Gott in diesem Buche für sie geschrieben

hat.

Die missionarische Tätigkeit machte Mackay besondere Freude, offenbarte

ihm aber auch die große Schwierigkeit derselben und die Notwendigkeit

langer, gründlicher Pionierarbeit unter dem tief umnachteten Volk.

Siebentes Kapitel.

Blutsbrüderschaft mit dem Ukerewekönig Lukonge.

Etwas nördlich von dem Karawanenort Kagai liegt die Insel Ukerewe. Ihr

König ist der berüchtigte Lukonge, welcher vor drei Monaten die beiden

Missionare erschlagen ließ. Zu einem Rachekrieg der arabischen Händler

für den ermordeten Songoro war es dank ihrer Feigheit noch nicht gekommen.

Als Mackay den Arabern sagte, er sei nicht als Rächer der Bluttat, sondern

als ein Bote Christi gekommen, der nicht wie Mohammed die Schuld räche,

sondern vergebe, waren sie aufs höchste überrascht.

Dem Häuptling (oder König) von Ukerewe sandte er Botschaft, daß er ihn

sehen wolle, aber aus friedlicher Absicht. Die Bewohner von Kagai

waren über Mackays Vorhaben sehr bestürzt und überzeugt, daß er nie

wiederkehre. Er aber stärkte sich in seinem Gott wie David in Ziklag und

bestand darauf, Lukonge zu besuchen, wenn derselbe es wünsche.

Nach einer Woche landete ein Kanu mit einer Gesandtschaft vom

Ukerewefürsten, um Mackay zum Besuch ihres Gebieters abzuholen. Er hatte

sich entschlossen, um jeden Verdacht auszuschalten, allein und ohne Waffen

mitzufahren. Gleichwohl prüfte er die Gesinnung der Gesandtschaft, indem

er verlangte, daß drei von ihnen als Geiseln in Kagai zurückblieben.

Nach einigem Zögern willigten sie ein. Nun wußte Mackay, daß sie nichts

Böses im Schilde führten und verzichtete zu aller Erstaunen auf die

Geiseln. Mackay bestellte sein Haus für alle Fälle, steckte Chinin und

Pulver gegen Fieber und Ruhr, sowie einige Mittel als Gegengift ein, da

Lukonge als Giftmischer berüchtigt war, und trat nur in Begleitung eines

Dolmetschers die Reise an.

In zwei Tagen kam das Boot ans Ziel. Nach einer kurzen Rast hatte er die

erste Audienz. Lukonge saß in seiner Baraza, einer nach vorn offenen

Hütte. Sein Thron bestand aus einem Holzschemel mit einem Bein. Um ihn

her kauerten die Höflinge im Sand. Seine Majestät ging dem Missionar

entgegen, gab ihm die Hand und setzte sich wieder mit großer Würde. Er

trug mit sichtbarem Stolze ein Gewehrfutteral, das jedenfalls einem der

ermordeten Missionare gehörte. Zur Feier des Ereignisses hatte er noch ein

rotes Taschentuch als Kopfschmuck verwandt. An Armen und Beinen glänzten

viele Ringe aus Eisen und Messing.

Die erste Audienz war der Sitte gemäß sehr kurz. Am folgenden Tage machte

der König seinen Gegenbesuch in Begleitung seiner Häuptlinge. Dabei

erzählte er Mackay die Geschichte von dem Unglück. Er habe nicht die

weißen Männer töten, sondern nur den Araber Songoro, der ihm aus der

Schuldhaft entlaufen sei, für seine Verräterei züchtigen wollen. Der

Araber sei aber zu den Weißen gelaufen, die von ihm ein Boot gekauft

hatten, und habe sie bewogen, ihn mit ihren Waffen zu schützen. O'Neill

habe zehn seiner Leute erschossen und dreißig schwer verwundet. Als dem

Araber und den Weißen die Munition ausging, hätten sie auf einem Kahn

fliehen wollen; der Kahn sei aber verschwunden gewesen und ein weiterer

Ausweg nicht vorhanden. Seine Leute wären sehr erbittert gewesen und

hätten alle, den Araber mit zwanzig seiner Leute und leider auch die

beiden Weißen, niedergemacht.

Mackay, der die Schwerverwundeten noch sah, erkannte, daß die Boten des

Kreuzes durch die Rache eines Heiden für die Falschheit eines Muselmannes,

der sich unter ihren Schutz stellte, das Leben verloren haben, weil sie

leider ihre Waffen gebrauchten, um einen anderen zu verteidigen. Er ließ

Lukonge wissen, daß er ihm glaube und das Vorgefallene bereue. Nun sei er

aber gekommen, um Frieden zu machen. Er wisse noch nicht, was die mächtige

Königin Viktoria, die mehr Soldaten habe, als Lukonge zählen könne, als

Rache für ihre Söhne tun werde, er wolle aber bemüht sein, die Sache zu

schlichten, wenn Lukonge bereit sei, Missionare auf seine Insel zu lassen,

damit sie sein Volk lehren können.

Der schwarze König lachte über die Idee, als gäbe es einen mächtigeren

Herrscher als ihn, und erwiderte, seine Leute hätten Furcht vor den

Weißen. Nun lachte Mackay, daß die Leute des großen Königs von Ukerewe

sich vor drei weißen Männern fürchten, wenn sie als Missionare kommen.

Schließlich erhielt er die nachgesuchte Erlaubnis. Es sollten aber nicht

so viele Lehrer kommen, fügte Lukonge noch hinzu.

Vor der Abreise trug Lukonge Mackay die Blutsbrüderschaft an, was dieser

dankbar annahm. Unter feierlichem Zeremoniell wurde der Bund geschlossen.

In einem Kreis von Zuschauern stand eine Ziege. Lukonge erfaßte ihre

Vorderbeine und Mackay die Hinterbeine. Dann erklärte ein Dritter, daß

dies das Siegel eines ewigen Bruderbundes sei, und schnitt mit scharfem

Messer die Ziege in zwei Stücke. Hierauf erhoben alle Anwesenden unter

Johlen ihre Hände gen Himmel, und die Sache war beendet. Als Gegengeschenk

für die königliche Huld überreichte Mackay seinem nunmehrigen »Bruder«

einen Schlafrock. Unter Freundschaftsbeteurungen aller Art wurde der

Gast verabschiedet. Nach neuntägiger Abwesenheit landete er sicher und

fröhlich wieder in Kagai.

Beim Landen wurde er vom wilden Freudengeheul der Eingeborenen begrüßt.

Die Frauen tanzten wie toll auf dem Strande herum. Eine Tochter des

Häuptlings Kaduma hatte sich dazu mit einer Last von Perlen behangen. Der

alte Häuptling Kaduma aber zeichnete den Tag leider dadurch aus, daß

er noch mehr Pombe (eine Art Bier) trank als sonst. Zu Mackays Leidwesen

endete die Freudenfeier -- echt europäisch -- mit total betrunkenen

Leuten. Auf seinem bisherigen Wege hatte er immer wieder Gelegenheit zu

sehen, daß die Trunksucht der Fluch Afrikas ist. War genug Bier da, sah

man nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder betrunken stehen und liegen.

Mackay wurde dadurch ein Abstinent. Er äußerte, daß die Enthaltsamkeit

das Geheimnis zur Erhaltung der Gesundheit in den Tropen sei und die erste

Bedingung der Zivilisation in Afrika. »Die Westküste ist dem Rum zum

Opfer gefallen; die Kaffern im Süden leiden ebenfalls daran; auf der

Ostküste in Sansibar wird aus Zuckerrohr ein scheußlicher Trank gebraut,

der überall an der Küste zum Ruin des Suahelistammes verzapft wird. Die

Wanika bohren den Kokosnußbaum an und saugen mit Strohhalmen den Saft.

Fast jedes Dorf gleicht morgens schon einem Saufgelage. Im Inneren wird

das Getreide zu berauschendem Getränk verwandt. Am Niansa bereiten sie

aus Pisang einen Wein, der König und Volk mit den Banden der Trunksucht

umschlingt.«

Achtes Kapitel.

Ankunft in Uganda.

Aus der heiligen Geschichte wissen wir, daß der Nil durch seine

Überschwemmungen mit fettem Tonschlamm den Boden Ägyptens befruchtet

und so der Schöpfer und Erhalter der Fruchtbarkeit jenes Landes ist.

Wir befinden uns, wie wir früher schon hörten, jetzt mit Mackay in dem

interessanten Quellgebiet des mächtigen Nilstromes oder, wie die Geologen

sich ausdrücken: »im Seengebiet der Nilquelle«. Das Steigen und Fallen

des Wassers im Viktoria Niansa entscheidet eigentlich über den Verlauf der

Ernten in Ägypten. Mackay gibt in seinen geistreichen Briefen auch eine

beachtenswerte Erklärung über die sieben fetten und mageren Jahre zur

Zeit Josephs. Nach seiner Ansicht bildete die im Süden des Niansa liegende

Landschaft Usukuma mit diesem See zusammen früher ein großes Binnenmeer.

Da habe sich eines Tages das Bett des heutigen Niansa gesenkt, der große

See floß allmählich aus, und die abfließenden Wasser riefen die sieben

fetten Jahre in Ägypten hervor. Der riesige Wasserbehälter schrumpfte

dann in den See zusammen, den wir heute Viktoria Niansa nennen. Kein

Wunder, daß nun die stark verminderten Wasserzuflüsse durch die

Ripponfälle (Somersetnil) die Hungersnot in dem Kornlande zur Folge

hatten. Nach und nach wurde das durch den Seeausfluß hervorgetretene Land

Usukuma von Regengüssen getränkt, der Überfluß an Wasser strömte in

den See und von da in den Nilstrom. Dadurch wurde nach sieben Jahren

das Gleichgewicht wiederhergestellt, und jetzt steigt und fällt der Nil

alljährlich wie in alter Zeit.

Als Mackay diese lehrreichen Beobachtungen machte, kam der in Rubaga

stationierte Pastor Wilson nach Kagai, um seinen Mitarbeiter abzuholen. So

rasch ging es aber noch nicht mit der Abreise. Mackay mußte sich erst noch

von einem heftigen Fieberanfall erholen. Dann wurde das Boot noch einmal

nachrepariert. Endlich schlug die Stunde der Abfahrt nach Uganda. Vier

Tage lang hatten sie gute Fahrt. Dann warf ein Sturm die »Daisy« an das

Gestade von Nsougora. Mit Mühe und Not konnten die Missionare sich und

ihre wertvolle Habe retten. Die herbeigeeilten Eingeborenen blickten

neidisch auf das Gepäck der Schiffbrüchigen, weigerten sich aber

hartnäckig, ihnen in den Bemühungen um das Boot beizustehen. Die

unbarmherzigen Wellen rissen schnell das ganze Fahrzeug auseinander. Um

es einigermaßen wiederherzustellen, bedurfte es acht Wochen angestrengter

Arbeit. Mackay sagt, es sei so gewesen, als wenn man aus einem Stiefel

einen Pantoffel zu machen sucht. Sie rafften die Trümmer zusammen, ließen

in der Mitte etwa acht Fuß wegfallen, setzten zusammen, was vom Vorder-

und Hinterteil geblieben war, und flickten es mit dem aus der Mitte

gefallenen Holze wieder aus. Dann stachen sie aufs neue in See und setzten

mutig ihre Reise fort.

Aus einer Zeitung erfuhr Mackay, daß Stanley früher an demselben Orte

gestrandet war und mit knapper Not der Niedermetzelung entging. Ein Glück,

daß er sich nachher nicht rachsüchtig zeigte. Hätte er nachträglich

auch nur einen Schuß auf sie abgegeben, so hätten sie sich jetzt

jedenfalls an diesen weißen Schiffbrüchigen gerächt. Aber Gott hat in

Seiner Güte und Vorsehung über Seinen Boten gewacht und sie nach vielen

Erfahrungen Seiner leitenden Liebe und helfenden Treue endlich an das Ziel

ihrer Reise gebracht.

Am 6. November 1878 zogen sie in Rubaga, der Hauptstadt Ugandas, ein. Nach

zweieinhalbjährigem Reisen und Harren hatte unser Held seinen Kampfplatz

erreicht, auf dem er zwölf Jahre ununterbrochen bleiben, leiden, streiten

und schließlich sterben sollte.

Von Mtesa und seinen Häuptlingen wurde Mackay glänzend empfangen. Der

König liebte es, sich mit dem Pomp und Glanz eines morgenländischen

Herrschers zu umgeben. Die Missionare wurden von weißgekleideten Pagen

den Königsberg hinaufgeleitet. Dort lag der »Palast«, ein langes, hohes

Gebäude aus Rohr und Gras. In den Höfen standen Soldaten mit Uniformen,

in der großen Empfangshalle saßen und standen die Großen des Landes. Im

Hintergrunde thronte die schwarze Majestät auf einem weißen Lehnstuhl.

Vor ihm war ein Leopardenfell, das Zeichen königlicher Würde,

ausgebreitet. Huldvoll wird Mackay begrüßt, dankbar werden seine

Geschenke entgegengenommen. Dann läßt der König einen Freudenwirbel

trommeln. Alle Häuptlinge nicken taktmäßig mit dem Kopfe, klatschen in

die Hände und rufen: »=njausig, njausig!=« (danke, danke!). »Das ist

für den Namen Jesu,« erklärte der König herablassend, und der erste

Empfang war beendet. Abends sandte Mtesa seine Gegengeschenke: zehn Ochsen,

Tabak, Kaffee und Honig.

Von ihrem Lande und ihrer Größe haben König und Volk hohe Begriffe. Sie

halten sich für das mächtigste Reich der Welt. Mtesa versicherte Mackay

großmütig: »Wenn England nicht mit mir Streit sucht, ich werde nie

Händel mit ihm anfangen.« Ein König, der nichts als die Schmeichelei

seiner Höflinge kennt, deren Leben er ganz in seiner Gewalt hat, ist

selbstverständlich schwer zu behandeln. Die Missionare gebrauchten hier

viel Schlangenklugheit und Taubeneinfalt, um das Wort der Wahrheit recht zu

teilen.

Aus Unvorsichtigkeit hätte sich Mackay im ersten Monat beinahe selbst

vergiftet. Er sammelte Rizinussamen und aß etwa ein halbes Dutzend der

Körner. Heimgekehrt, las er in seinem medizinischen Ratgeber, daß die

Körner Gift enthalten und drei genügen, den Tod herbeizuführen. Mackay

nahm Gegengift, befahl sich, die Seinen und sein Werk dem Herrn und legte

sich hin zum Sterben. Nach sechs Tagen aber konnte er wieder, wenn auch zum

Skelett abgemagert, an den königlichen Hof gehen. Der Herr hatte Seinen

Diener gerettet, wie Er Mark. 16 zugesagt hat.

Am Hofe wurde die Suahelisprache fast allgemein verstanden. Mackay hatte

diese Sprache schon unterwegs erlernt und besaß viele Teile der Bibel in

Suahelisch. So konnte er dem König und seinem Hofe oft daraus vorlesen und

sonntäglich Gottesdienst halten. Durch Stanley war der König ja der Form

nach für das Christentum gewonnen. Das Volk zeigte regen Eifer zum Lernen.

Viele drängten sich zum Unterricht, lernten lesen und studierten dann die

übersetzten Teile der Heiligen Schrift. Anfang des Jahres 1879 erließ der

König ein Gesetz, das den Sklavenhandel und die Sonntagsarbeit in Uganda

verbot. Wenn es auch unmöglich war, diese Gesetze durchzuführen, so sind

sie doch ein Beweis, daß die Missionare bereits in hohem Ansehen

standen und großen Einfluß ausübten. Mackay durfte die Baraza, die

Ratsversammlung, besuchen, in der die öffentlichen Angelegenheiten

besprochen wurden, und war bald die wichtigste Persönlichkeit in Uganda.

[Illustration: #Mackays Empfang beim König Mtesa.# (Text siehe Seite 54.)]

Neuntes Kapitel.

Ein Meister in allerlei Erz- und Eisenwerken.

Stanley schreibt irgendwo: »Der praktische Christ -- einer, der Gottes

Wort lehrt, Krankheiten heilt, Häuser baut, den Ackerbau versteht, kurz,

alles tun kann -- ist hier vonnöten. Wenn ein solcher hierher käme,

würde er zum Heile Afrikas werden.« Ein solcher Christ war Mackay im

besten Sinne des Wortes. Er sagt selbst einmal, als er enttäuscht

den Unstern beklagt, der über der Sendung von Handwerkern nach Uganda

schwebte, und nach einem Gehilfen seufzte: »So muß ich denn fortfahren

wie bisher: bald mit dem Buche in der Hand, bald mit Hammer und Zange.«

Seine steigende Beliebtheit beim Volke und bei Hofe verdankte er zunächst

dem Umstande, daß er ein Tausendkünstler war. Seine in der Nähe des

Palastes errichtete Schmiedewerkstatt und Schlosserei mit Esse, Amboß,

Drehbank, Schraubstock, Schleifstein und allen anderen Werkzeugen wurde von

Großen und Kleinen umlagert und viel bewundert. Mackay war für sie ein

Mann, der alles konnte. Eine Grenze für sein Können gab es nach ihrer

Ansicht nur in seinem Willen, nicht in seiner Macht und Geschicklichkeit.

Darum eilten sie mit ihren großen und kleinen Leiden, mit ihren kindischen

Wünschen und heidnischen Erwartungen zu ihm und waren ärgerlich, wenn er

ihnen nicht nach Wunsch half.

Vom König und seinem Hofe wurden Mackays Talente vielfach und oft

ungebührlich in Anspruch genommen. Seine Bereitwilligkeit, innerhalb der

Grenzen des Gewissens sich den königlichen Launen zu fügen, Flinten und

dergleichen Dinge zu reparieren, hat der Mission gute Dienste getan und

manchen Sturm verhindert. Die Existenz des Werkes hing doch immerhin von

der Gunst des Hofes ab. Mackay ließ sich's nicht verdrießen, den König

in die Geheimnisse der Eisenbahn, der Elektrizität und der Sternkunde

einzuweihen, weil ihm dies stets Gelegenheit schaffte, Gunst und Vorteile

für die Mission zu erzielen. Als Namosali, die Königinmutter, starb,

mußte Mackay aus zahlreichen Geräten, die man ihm lieferte, einen

kupfernen Sarg herstellen. Das Begräbnis sollte echt königlich sein. Der

Kupfersarg wurde über und über mit wertvollem Tuch umwickelt und dann in

eine Gruft gesenkt, die verschwenderisch mit Tuch ausgebettet war. Es soll

für dreißigtausend Mark Zeug und Tuch verbraucht worden sein.

Später, als Mtesa das Zeitliche gesegnet hatte, mußte Mackay für

das »Mausoleum«, eine kolossale Hütte von vierzig Fuß Höhe, einen

Blitzableiter liefern. Die Errichtung eines Flaggenmastes auf dem

»Schloß« des neuen Königs nahm ihn einen ganzen Monat in Anspruch. Bald

darauf zerstörte ihn eine Feuersbrunst. »So ist meine ganze Arbeit dahin,

aber nicht verloren,« schreibt Mackay, »denn ich glaube, sie ist der

Mission zum Nutzen gewesen. So unlieb es mir ist, meine Zeit mit solchen

Kindereien zu vergeuden, sehe ich doch die darauf verwandte Zeit nicht

für verloren an, wenn es dazu beiträgt, Vorurteile zu zerstreuen und die

Herren günstig zu stimmen.«

Als Schiffsbauer haben wir ihn bereits kennen und schätzen gelernt. Die

bekannte »Daisy« wurde bald in der Tropensonne zerstört. Von England aus

wurden die Teile zu einem neuen Boote an das Südufer des Viktoria Niansa

geschickt. Ein nachgesandter Handwerker sollte das Schiff zusammensetzen,

fand aber die Planken ganz verbogen und von der Hitze gespalten. Ein

Häuptling hatte nämlich das Schutzdach gestohlen, unter dem sie lagerten.

Der Handwerker erklärte, nichts damit anfangen zu können. Da kam Mackay

zu Hilfe. In seinem Wörterbuch stand das Wort »unmöglich« nicht.

Monatelang arbeitete er in der brennenden Sonne, oft vom Fieber befallen

und abends stets von Moskitos geplagt. Alles mußte er allein tun,

jede Planke zurichten, jeden Nagel einschlagen. Endlich konnte er die

»Eleonore« vom Stapel lassen, auftakeln und sie der Ugandamission als

Weihnachtsgeschenk überbringen.

Von 1888-89 baute er an der Küste des Niansa sogar an einem Dampfboot.

Ein Ingenieur, der ihn unterstützen wollte, konnte eines Aufstandes wegen

nicht zu ihm stoßen. Mit erfinderischem Scharfsinn und bewundernswerter

Ausdauer ging er auch hier allein, nur mit Hilfe der Eingeborenen, ans

Werk. In einem mehrere Stunden entfernten Walde fällte er große Bäume.

Um sie zur Werft zu schaffen, baute er einen starken, vierräderigen

Wagen, den ersten, den diese Gegend je gesehen. Um das Schiff aus diesem

Rohmaterial im Schatten bauen zu können, errichtete er einen Schuppen

aus Backsteinen, von denen er sich mit Hilfe der Schwarzen in zehn Tagen

zehntausend Stück geformt hatte. Die Kesselteile waren schon mit der

ersten Expedition 1876 hergeschafft worden und lagen verrostet da. Ehe

Mackay sie zusammennieten konnte, mußte er das Eisen erwärmen. Dazu stand

ihm nur ein kleiner, tragbarer Ofen zur Verfügung. Den Stapellauf dieses

Schiffes hat er nicht mehr erlebt.

In Rubaga machte ein zweiräderiger Ochsenkarren großes Aufsehen. Der

König sandte zwei Häuptlinge, das Ding zu besehen. Sie fanden, daß das

Wunder ein Werk Mackays war. Der Karren hatte sogar Bremsvorrichtung und

wurde von Ochsen gezogen, die mit vieler Mühe eingelernt und ans Joch

gewöhnt waren. Dann kam ein neues Wunder. Es war ein Pflug, dessen

Hauptteile auf der Reise verloren gegangen, aber nun von Mackay neu

geschmiedet worden waren. Als Kuriosum staunte man in der Hauptstadt auch

des »weißen Mannes Topf zum Kochen trockener Speise« an. Es war ein

ehrsamer Backofen mit hohem Schornstein und eiserner Tür, der aber den

Fetischhütten zu Ehren des Lubari sehr ähnlich sah.

In der ersten Zeit erlaubte der König nicht, daß die Missionare sich

Häuser nach europäischem Muster bauten. Sie wohnten mehrere Jahre in

den ungesunden Grashütten. Dann erhielt Mackay die gütige Erlaubnis, ein

zweistöckiges Haus zu bauen. Es erhielt Türen mit Füllungen, viereckige

Fenster mit Drahtgaze und hatte eine große Freitreppe, die von außen ins

oberste Stockwerk führte. Das Gebäude wurde im Lande der Grashütten eine

Sehenswürdigkeit und für die schwarzen Majestäten ein Gegenstand

des Neides. Mackay zog selbst nicht hinein, sondern überließ es den

Kameraden. Er selbst blieb vorläufig in seiner ärmlichen, baufälligen

Hütte, die zugleich Klinik, Druckerei, Vorratskammer und Schulstube war.

Außerdem schliefen noch stets etwa ein Dutzend Knaben bei ihm, von denen

oft etliche krank waren, so daß der Platz einem Hospitale glich. Erst

später, als ein Missionar abreiste, siedelte er in sein Haus über.

Zum Hause schenkte der König auch einen Garten. Mackay grub darin einen

Brunnen und legte eine Pumpe an, die köstliches Wasser lieferte --

ein wahres Wunder für die Eingeborenen! Sie drängten sich täglich

hunderteweise herzu, um das Wunderwasser zu trinken, das von selbst aus der

Röhre lief. Einige nannten es Lubare, andere ein Werk Gottes. Auch der im

Dienst des Lubari stehende Häuptling Jumba kam und prüfte den Trunk aus

der Tiefe. Mackay nützte die Gelegenheit, dem Wächter des Götzen zu

beweisen, daß ein Lubare nichts ist, da er nicht einmal solches Wasser

beschaffen kann.

»Bliebe das Volk in seinem jetzigen Zustande,« berichtet Mackay im Jahre

1881, »so würden sie entweder faule oder kriegerische Christen. Die

Anleitung, die wir ihnen geben, lehrt sie Augen, Verstand und Hände zu

gebrauchen für die Künste des Friedens, die sie von der Trägheit und den

kriegerischen Gelüsten abziehen und den Gesamtzustand des Landes heben.

Ich versuche jetzt Ziegel zu machen und zweifle nicht, daß diese einfache

Kunst, wenn sie im Lande geübt wird, eine große Umwälzung bewirkt. Schon

jetzt ist der Erfolg bedeutend. Die schmutzigen Straßen und Winkel werden

gereinigt, man bessert den erbärmlichen Fußboden der Hütten aus, die

Toten werden ordentlich begraben und nicht mehr in die pestilenzialischen

Sümpfe geworfen.«

Zehntes Kapitel.

Im Kampf mit heidnischem Aberglauben.

König Mtesa war, wie sich mit der Zeit offenbarte, dem Herzen nach ein

Heide geblieben. Wohl hatte er erkannt, daß das Christentum vor dem Islam

den Vorzug verdient und daß Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das

Leben ist. Er wollte aber sein sündiges Leben nicht ändern und seine

heidnischen Laster nicht aufgeben. Dasselbe muß leider von seinen ersten

Beamten und Häuptlingen auch gesagt werden. Der ganze Hof sank nach einem

kurzen Anlauf der Besserung wieder in das dunkelste Heidentum zurück. Die

Missionare duldete man trotzdem und ließ sie gewähren, weil man äußere

Vorteile davon hatte. Außerdem schmeichelte es der grenzenlosen Eitelkeit

des Königs, Engländer an seinem Hof zu haben. Die selbstverleugnende

Arbeit Mackays und seiner Mitarbeiter schien umsonst zu sein. Es schien

jedoch nur so. In Wirklichkeit keimten alle ausgestreuten Samenkörner im

Verborgenen ruhig fort und gingen später überall auf. Gottes Wort kommt

nie leer zurück. Es richtete auch in Uganda aus, wozu es gesandt ist, wenn

es auch vorläufig schien, als ob alles umsonst sei.

Mtesa litt infolge seines Lasterlebens an einer bösen Krankheit. Mackay

tat, was er konnte, um ihm Heilung zu verschaffen. Die Krankheit war aber

unheilbar. Da hörte Mackay eines Tages zu seinem größten Schmerz, daß

der Hof beschlossen habe, den Erzzauberer Mukasa, den großen Geist des

Niansa, kommen zu lassen, um den König durch ein einziges Wort gesund zu

machen. Schon war der gefürchtete Lubare ganz in der Nähe. Mackay

konnte täglich sein Trommeln hören. Er wartete nur auf den Neumond, um

einzuziehen und seine Zauberei vorzunehmen.

Mackay sah voraus, daß dieser Einzug das Wiederaufleben des Heidentums und

der gänzliche Rückfall des Hofes in heidnische Zauberei bedeute. Mit der

Kühnheit eines alttestamentlichen Propheten trat er dem drohenden Unheil

entgegen, um es womöglich noch abzuwenden. Eines Sonntags, als der

launische Herrscher sich in guter Stimmung befand, faßte Mackay sich ein

Herz, den König zu warnen. Nachdem in öffentlicher Versammlung mehrere

Regierungsangelegenheiten erledigt waren, setzte sich Mackay vor Mtesa und

bat um die Erlaubnis, eine Frage stellen zu dürfen.

Mtesa antwortete: »Sprich!« Mackay fragte: »Was ist ein Lubare?« Die

Frage überraschte alle Umstehenden. Aber der König nahm sie gut auf und

versuchte zu erklären, daß ein Lubare der große Geist sei, der sich in

einem lebenden Menschen aufhalte. Darauf erwiderte Mackay, es gäbe doch in

Uganda viele solche Geister, sie seien aber Lügner, und der Rädelsführer

sei der Lubare Mukasa. Er wisse auch, daß der König selbst kein Vertrauen

zu diesen Zauberern habe, einige Häuptlinge hätten ihm aber geraten,

Mukasa kommen zu lassen. »Hier sitze ich nun vor dir als dein Diener und

der Diener des allein wahren und allmächtigen Gottes, und in Seinem Namen

bitte ich dich: Habe nichts zu schaffen mit dem Lubare, wer dir auch dazu

raten mag!« Der König nickte beifällig und übersetzte die suahelisch

gesprochenen Worte Mackays dem ganzen Hofe. Mackay fuhr fort, auf den

König einzudringen und erklärte ihm, wenn Mukasa ein Gott sei, müsse es

zwei Götter in Uganda geben, den allmächtigen Gott und den Gott Mukasa.

Wäre Mukasa aber nur ein Mensch, dann gäbe es zwei Könige in Uganda,

denn Mukasa gebe sich für einen König aus, verachte Mtesas Befehle und

triebe offene Empörung im Lande. Der König kenne doch den lebendigen

Gott und solle sich nun freimachen von den Zauberern und keinen Feind der

Wahrheit verehren. Die Geschichte bezeuge, daß Gott mit den Königen war,

die Ihn allein fürchteten, und daß alle, die sich von Ihm abwandten, ein

böses Ende nahmen. Gott habe gesagt: »Wer Mich ehrt, den will Ich wieder

ehren; wer Mich aber verachtet, den will Ich wieder verachten.«

Der König war bewegt, wünschte aber jetzt das Thema fallen zu lassen. Er

wolle an Mackays Worte denken. So endete die erste Unterredung über die

große Frage, die jetzt in aller Munde war. In den folgenden Tagen besuchte

Mackay alle einflußreichen Häuptlinge, um sie gegen den Lubare zu stimmen

und für die Wahrheit zu gewinnen. Einige lieferten ihm ihre Fetische

aus und nahmen ein Evangelienbuch in Suaheli an. Andere machten leere

Versprechungen. Alle aber schienen sich ihres Glaubens an den Götzendienst

zu schämen, was Mackay mit neuer Hoffnung erfüllte.

Bald darauf hörte er aber mit Entsetzen, daß Häuptlinge auf Befehl

des Königs in aller Eile einige Häuser im Hofe für den Mukasa erbaut

hätten. Das Herz tat ihm bei dieser Botschaft weh. Zehn Tage lang hatte er

ernstlich mit jedem Häuptling gegen die Torheit des Aberglaubens

geredet, am letzten Sonntag noch im Gottesdienst am Hofe aus der Bibel

das Verdammungswürdige der Zauberei bewiesen -- und jetzt war für den

königlichen Empfang des Erzzauberers Mukasa alles vorbereitet!

So schnell ihn seine Füße trugen, lief er noch einmal zu einigen

Großen. Überall fand er schon Fetische an den Hütten und Amulette an den

Körpern. Die Häuptlinge suchten sich nun herauszulügen und behaupteten,

nichts von der Sache zu wissen. Mit dem Katikiro, dem heuchlerischen

Reichskanzler, konnte er nicht sprechen. Er befand sich wie gewöhnlich in

seinem Harem. In einem seiner Höfe sah Mackay viele Zaubergegenstände an

einem Baum hängen.

Noch einmal bot sich dem unermüdlichen Kämpfer Gelegenheit, vor

versammeltem Hofe gegen den Götzendienst zu Felde zu ziehen. Der

König hielt ein Baraza. Auf dem Wege zum Hofe lachten die Leute schon

verächtlich hinter Mackay her. Im Vertrauen auf Gott wagte er es dennoch,

sich vor den König zu setzen, natürlich auf den Boden. In bescheidener,

aber entschiedener Weise legte er nun Mtesa dar, daß niemand zwei Herren

dienen könne und daß die Missionare aufhören müßten, am Hofe zu

lehren, wenn Mukasa einziehe, der doch nur käme, um Zauberei zu treiben

und den wahren Gott zu beleidigen. Wenn er den König heilen könne, hätte

er es schon längst tun müssen. Er, Mackay, wolle dem König ja nicht

vorschreiben, welche Gäste er empfangen solle. Mukasa aber sei kein

gewöhnlicher Gast, sondern ein Betrüger, der das Volk verführe und

verderbe. Unerschütterlich berief sich Mackay auf Gottes Wort, das alle

Hexengläubigen als Gottes Feinde betrachtet. Mtesa erwiderte, er wisse

nicht mehr, was er tun solle. Seine Mutter und ihr Anhang seien für den

Lubare und wünschten dessen Besuch. Mackay entgegnete, Achtung vor den

Eltern sei tugendhaft, Gott aber sei noch mehr zu achten. Weiter hatte er

ihm nichts mehr zu sagen. Es war ihm klar, daß der König auf ihn hörte,

daß aber die alten Häuptlinge und die Königinmutter gegen ihn waren.

In einer weiteren Beratung mit dem Hofe riet man dem König, sich nicht

mehr auf die Religion des weißen Mannes einzulassen, da dies nur der

Anfang zur Eroberung des Landes sei. Es solle bei Todesstrafe verboten

sein, etwas von den Weißen zu lernen.

Dann berief Mtesa in dieser Sache die Missionare noch einmal an den Hof.

Mackay sollte der Königinmutter und ihrem Hofe klarmachen, weshalb er

verbiete, den Mukasa zu empfangen. Mackay erkannte, daß ihm hier eine

Schlinge gelegt war und erwiderte, er habe nichts zu verbieten, sondern als

Diener Gottes nur zu mahnen und zu warnen.

Dann redeten einige Häuptlinge, besonders der Katikiro, heftig auf

den König ein. Dieser ließ sich wirklich einschüchtern und erklärte

schließlich unter lautem Beifall des Hofes, sie wollten nunmehr die

Religion der Araber und der Christen verlassen und zu ihrer alten Religion

zurückkehren.

Von nun an wurde Mackay mit heidnischer Unverschämtheit behandelt.

Gefragt, warum er und die anderen Missionare überhaupt gekommen seien,

erwiderte er, daß der König es doch selbst gewünscht habe. Mtesa aber

warf dazwischen, er habe damit nicht gemeint, daß die Weißen ihnen die

Lehre von Gott bringen, sondern ihnen zeigen sollten, wie man Flinten und

Pulver macht. Die Missionare dürften hinfort nicht mehr lehren, sondern

nur noch für ihn arbeiten. Hierauf zeigte ihm Mackay seine Hände, die

schwielig und schwarz waren von der Arbeit für den König und seine

Häuptlinge, und sagte, er habe sich nie der Arbeit geweigert und werde es

nie tun, solange er lehren dürfe; wenn er nichts mehr über die Lehre von

Gott sagen könne, müsse er das Land verlassen. Dann bat er dringend um

Erlaubnis, doch das niedere Volk (Bakopi) lehren zu dürfen, wenn der

Hof nichts mehr davon wissen wolle. Die Bitte wurde aber verneint. In der

Belehrung und Bekehrung der Bakopi sahen die Herren Häuptlinge erst recht

eine Gefahr für ihren Einfluß und einen Angriff auf ihre Machtstellung.

Die alten Götter hielten also wieder ihren Einzug in die Hauptstadt

Ugandas. Furchtbarer Trommellärm, der näher und näher kam, kündete

Mackay eines frühen Morgens an, daß der Lubare sich auf dem Wege nach dem

Hof befinde. Mackay dankte Gott, daß der Zug mit dem gellenden Geschrei

vieler Hunderte von Weibern nicht an seiner Stätte vorbeikam. Wer weiß,

was das fanatisierte Volk angefangen hätte! Noch an demselben Tage wurde

der Lubare vom König empfangen. Von den Häuptlingen und den Zauberern

wurde das Bier in Strömen vertilgt, während Mtesa kaum am Becher genippt

haben und merklich still gewesen sein soll. Die geringen Zauberer spielten

und tanzten, der Lubare sang und prophezeite Krieg mit den Fremdlingen; das

war alles, was er konnte.

Mackay wußte, daß die alten Götter das Herz des Volkes nicht mehr lange

befriedigen würden und keine Macht den Sieg des Kreuzes hindern könne.

»Wir wollen uns ruhig verhalten, wenn Gott uns das Leben läßt, bis

der Sturm vorüber ist.« Das kühne Auftreten Mackays hatte doch den

Lubaridienst stark erschüttert. Der König schämte sich augenscheinlich

desselben, und da seine Krankheit nicht hinweggezaubert wurde, erklärte er

das Ganze für Schwindel, mit dem er nichts zu tun haben wolle. Das kühlte

auch den Eifer der Häuptlinge ab und machte das Lehrverbot illusorisch.

Mackay und seine Brüder unterrichteten vorläufig ungestört weiter.

Die Nichtigkeit des Götzendienstes suchte Mackay auch sonst immer

handgreiflich zu beweisen. Gelegentlich einer Reise über den Niansa sah

er, daß der Kapitän der kleinen Kanuflotte dem Lubare jeden Morgen ein

Bananenopfer ins Wasser warf. Mackay kaufte von den Ruderern einen großen

Fetisch (Schutzzauber) und hielt ihnen ernstlich die Ohnmacht der Götzen

und die Macht und Liebe Gottes vor. Dann fragte er sie, was in dem Fetisch

wäre. »Der Lubare,« antworteten viele.

»Wird er im Feuer verbrennen?«

»O nein, der Lubare brennt nicht.«

»Gut, wir werden ja sehen!« Am Strande angekommen, machte er ein Feuer

und warf den Zauber hinein. In wenigen Augenblicken war er in Asche

verwandelt. Entsetzt lief die Hälfte der Umstehenden davon; die anderen

starrten ihn an und erwarteten, daß augenblicklich ein Strafgericht über

den weißen Mann hereinbrechen würde.

»Nun ist der Teufel tot,« triumphierte Mackay, »und ihr seht alle, daß

keine rettende Kraft in den Fetischen ist und daß Gott allein uns helfen

kann.«

Durch solches Verfahren wurde wohl der Glaube an die Götzen erschüttert,

aber nicht ausgerottet.

»Das erfordert mehr,« schreibt Mackay. »Die alte fleischliche Natur des

Menschen mit all ihrer Feindschaft gegen Gott und das Gute bleibt zurück.

Diese umzuwandeln liegt nicht in des Menschen Macht; aber die Mittel sind

dazu da. Wir kommen mit dem Buche der Offenbarung der ewigen Liebe Gottes

in der Hand und suchen die heiligen Lehren den Herzen nahezubringen. Heute

hören sie uns zu, morgen sagen sie: ›Wir brauchen eure Lehren nicht.

Lehrt uns Pulver und Gewehre anfertigen, so wollen wir euch Land und

Sklaven geben.‹ Heute sind wir Freunde, morgen fragen sie die Zauberer,

und uns verdammt man als die Ursache alles Übels. Sogar unsere Religion

wird von vielen als eine Art Zauberei angesehen, und die Bibel nennen sie

einen Fetisch oder =jembe=, d. h. Götzen. So fluten die Wogen auf und

nieder. Aber immer noch leuchtet hell der Morgenstern, das Zeichen des

Evangeliums des Friedens. Je heftiger eine Zeitlang die Gegenwehr ist,

desto schneller wird sie ihre Kraft verbrauchen, und dann triumphiert die

Wahrheit. Unsere Feinde sind zahlreich, und außer denen, die wir hier

vorfanden, die Araber, sind noch die Katholiken in unser Feld eingedrungen

und machen uns jeden Zoll streitig.«

Elftes Kapitel.

Zwischengefechte mit Arabern und Katholiken.

In seinen Reisebriefen hören wir Mackay oft über die arabischen

Sklavenhändler klagen. Mit flammenden Worten haben vor ihm Livingstone

und Stanley schon die zivilisierte Welt auf das schreckliche Treiben der

mohammedanischen Menschenhändler aufmerksam gemacht. Mackay nennt sie

die »getünchten Gräber«, welche alle Gebetsvorschriften ihres falschen

Glaubens genau erfüllen und sich durch den Sklavenhandel täglich der

grauenhaftesten Schandtaten schuldig machen. Ihre Sklaven schickten sie

auf Plünderung aus, um Weiber und Kinder als Beute zurückzubringen. Ihre

Pfade seien Wege der Hölle.

Als Mackay nach Uganda an den Hof kam, waren die Halbblutaraber schon lange

als Händler im Lande seßhaft. Für ihre Waren tauschten sie aber nur

Sklaven ein. Einige hatten beständig am Hofe Zutritt. Mtesa galt eine

Zeitlang auch als Anhänger Mohammeds. Er war es aber in Wirklichkeit

ebensowenig, als er später ein überzeugter Christ war. Eines Tages bot

ein arabischer Händler am Hofe Flinten und Zeug an, wofür er »nur«

Sklaven haben wollte: für ein Stück rotes Zeug einen, für eine Muskete

zwei männliche Sklaven, für hundert Zündhütchen eine Sklavin. Mackay

trat sofort gegen ihn auf und wies den König auf die Dekrete des Sultans

von Sansibar gegen den Menschenhandel und auf die Greuel hin, welche mit

diesem Handel verbunden sind. Dann gab er eine Lektion über Physiologie

und fragte, warum solch ein Organismus wie der menschliche Leib, den keines

Menschen Hand zu bilden vermöge, für ein Stück Zeug, das jeder an einem

Tage herstellen könne, verkauft werden solle. Das Ergebnis war nicht

nur die Ablehnung des Angebots des Arabers, sondern auch eine königliche

Verordnung, nach welcher bei Todesstrafe in Uganda niemand einen Sklaven

verkaufen dürfe.

Dies Gebot war praktisch damals gar nicht durchführbar, wie Mtesa später

selbst zugab, da der Sklavenhandel fast der einzige Handel Afrikas war.

In Uganda selbst wurden jährlich etwa zweitausend Sklaven von den Arabern

gekauft und zur Küste gebracht. Die Araber wurden jetzt zu heftigen

Gegnern der Mission, nicht aus religiösen Gründen, sondern weil sie

den Markt in Uganda nicht mit den Weißen teilen und im Sklavenhandel

ungestört bleiben wollten. Mackay sollte bald erfahren, daß er in ihnen

am Hofe grimmige und listige Gegner hatte. Mehr als einmal brachten sie

durch Verdächtigungen aller Art sein Werk und Leben in die größte

Gefahr.

Der Held von Uganda: Leben und Wirken des Pioniermissionars Alexander Mackay · 第 4 / 7 题