Das Wort

*dilatorische Behandlung*

für "hinhaltende Behandlung" bürgerte sich seitdem in Parlamenten und

Zeitungen ein.--

* * * * *

*Vor Paris nichts Neues*

schloss eine Depesche des Generals Eugen Anton Theophil *von

Podbielski* (1814-79) aus Ferrières vom 25. Sept. 1870, seine Depeschen

aus Versailles vom 8. und 11. Okt. 1870 und eine aus Versailles vom 26.

Jan. 1871, während die vom 18. Okt. 1870 so beginnt.--

* * * * *

Heinrich *von Treitschke* (1834-96) gebrauchte in den "Historischen

und politischen Aufsätzen" (1. Aufl., Lpz. 1870) in dem Aufsatze

"Fichte und die nationale Idee" den Ausdruck "~Brustton der tiefsten

Überzeugung~", was viel citiert wird als

*Brustton der Überzeugung.--*

* * * * *

~Heinrich Bernhard~ *Oppenheim* (1819-80) richtete (nach dem Feuilleton

"Pamphletliteratur" der "Nationalzeitung" vom 20. April 1872) gegen die

jugendlichen Professoren der Nationalökonomie das Wort

*Kathedersocialisten*

und gab i. J. 1872 die Schrift heraus: "Der

*Kathedersocialismus".*

Dieser Spottname rief eine Flut von Gegenschriften hervor und blieb

haften.--

* * * * *

Am 14. Mai 1872 sagte Fürst *Bismarck* im deutschen Reichstage:

*Nach Canossa gehen wir nicht.--*

* * * * *

~Emil~ *du Bois-Reymond* (1818-96) schloss seine 1872 zu Leipzig

gehaltene und erschienene, dann in mehreren Auflagen, sowie in

französischer, englischer, italienischer und serbischer Übersetzung

verbreitete Rede über die "Grenzen des Naturerkennens" mit den Worten:

"In Bezug auf die Rätsel der Körperwelt ist der Naturforscher längst

gewöhnt, mit männlicher Entsagung sein ignoramus auszusprechen. In

Rücksicht auf die durchlaufene siegreiche Bahn, trägt ihn dabei das

stille Bewusstsein, dass, wo er jetzt nicht weiss, er wenigstens unter

Umständen wissen könnte und dereinst vielleicht wissen wird. In Bezug

auf das Rätsel aber, was Materie und Kraft seien und ~wie sie zu denken

vermögen~, muss er ein für allemal zu dem viel schwerer abzugebenden

Wahrspruch sich entschliessen:

*Ignorabimus".*

"Wir werden es nie wissen."

Dies Wort wiederholte er 1881 in der Rede über "Die sieben Welträtsel"

und es ist nun aus den Kreisen der Fachmänner in weitere, besonders in

gläubige Schichten gedrungen.

Im Juli 1858 hatte ~du Bois-Reymond~ in der "Gedächtnisrede auf

Johannes Müller" gesagt, es habe ~Müller~ nie verdrossen, "als das

Ergebnis nach so langer und mühsamer Erörterung den altschottischen

Wahrspruch niederzuschreiben: 'Ignoramus'". Dies "Ignoramus" ("wir

wissen es nicht") ist somit der Keim seines "geflügelten Wortes".

"Ignoramus" war die Formel der Geschworenen Altenglands im Fall ihrer

Unentschiedenheit, ob eine Anklage begründet oder unbegründet sei.

Nach R. ~Gneist~ ("Englische Verfassungsgeschichte" 1882, S. 604,

Anm.) suchte König Karl II. dies "Ungeheuer", wie er es nannte, zu

beseitigen, das "in den Jahren 1680-82 in der City von London gewütet

habe", als es sich für die Krone um die Frage handelte, "ob Verrat

und Aufruhr in London und Middlesex strafbar sei oder nicht".--

* * * * *

*Kulturkampf,*

von Rudolf *Virchow* (geb. 1821) in einem von ihm 1873 verfassten

Wahlprogramme der Fortschrittspartei angewendet, ist dadurch zum

"geflügelten Worte" geworden. In diesem Programme heisst es:

"Aber obwohl sie (die Fortschrittspartei) dabei nur zu oft unterlegen

ist, so hat sie es doch als eine Notwendigkeit erkannt, im Verein

mit den andern liberalen Parteien die Regierung in einem Kampfe zu

unterstützen, der mit jedem Tage mehr den Charakter eines grossen

Kulturkampfes der Menschheit annimmt".

Hierüber sagte ~Virchow~ am 16. Okt. 1876 in Magdeburg:

"M. H., bei der vorigen Wahl hat die Fortschrittspartei ein

Wahlmanifest erlassen, in dem zuerst das Wort ~Kulturkampf~ gebraucht

worden ist. Vielleicht wissen Sie nicht, dass ich der Erfinder

dieses Wortes bin. Ich habe es zuerst in dieses Manifest, das ich

verfasst habe, hineingeschrieben und zwar mit vollem Bewusstsein;

denn ich wollte damals den Wählern gegenüber konstatieren, dass

es sich ~nicht um einen religiösen~ Kampf handle, nicht um einen

konfessionellen Kampf, sondern dass hier ein ~höherer, die ganze

Kultur betreffender Kampf vorliege~, ein Kampf, der von diesem

Standpunkte aus weiter zu führen sei".

Vor ~Virchow~ hatte jedoch Ferdinand *Lassalle* (1825-64) in den

"Demokratischen Studien" (Hamb. 1861, II, 505, hersg. v. L. Walesrode)

einen im Nov. 1858 geschriebenen Aufsatz "Gotthold Ephraim Lessing"

über Adolf ~Stahrs~ "Leben Lessings" veröffentlicht, an dessen Ende er

"Kulturkampf" also anwendet:

"Die Katharsis, welche dieses Werk in jedem eines geistigen Eindrucks

nur einigermassen fähigen Gemüt hinterlassen wird, ist die, es zu

erheben über die Qualen und Konflikte, die ihm selber zustossen.

Eines edlen, eines nur irgend ~wahrhaft~ bescheidenen Gemüts wird

sich eine edle Gleichgültigkeit bemächtigen gegen Alles, was uns

selbst widerfahren kann in einem Kulturkampf, in welchem die Grössten

und Besten langsam und qualvoll verblutet sind".

Also ist ~Virchow~ nur der Urheber der besonderen Bedeutung des

Wortes "Kulturkampf", für den Kampf des Staates gegen die Macht der

katholischen Kirche.--

* * * * *

*Diokletianische Verfolgung*

ist ein Wort des Bischofs *Martin* von Paderborn († 1879).--

* * * * *

Eine Äusserung Graf Gyula (Julius) *Andrassy*s (1823-90) gegenüber

der Delegation, dass in Berlin anlässlich der Verhandlungen über das

Berliner Memorandum nichts Bindendes in Betreff der Orientpolitik

entschieden worden sei, sondern dass die Mächte ganz einfach

beschlossen hätten, sich über ihre Haltung gegenüber den einzelnen

Phasen der Orientereignisse ~von Fall zu Fall~ zu verständigen, ist

von Oppositionsblättern dahin generalisiert worden, als hätte er im

Allgemeinen die

*Politik von Fall zu Fall*

als den Grundsatz seiner Staatskunst ausgesprochen. Er hat später

selbst gegen die Auffassung Widerspruch erhoben.--

* * * * *

*Vom Vornehmsten herab bis zum Künstler*

entstand in der Sitzung des deutschen Reichstages vom 25. Jan. 1876,

in der Graf *Frankenberg* sagte, dass im Palazzo Caffarelli, der

deutschen Botschaft in Rom, "alle Gesellschaftsklassen, von den

vornehmsten Fremden bis zu den dort einheimischen Künstlern" (Unruhe

und Heiterkeit links) "ihren Centralpunkt der Geselligkeit finden". In

der weiteren Debatte griff Prof. Albert *Hänel* (geb. 1833) das Wort

in der Form auf: "bis zu den Künstlern herunter", eine Deutung, der

Graf Frankenberg also entgegentrat: ... "wenn ich es gesagt haben soll,

so verwahre ich mich entschieden dagegen, dass ich der Aristokratie

der Kunst und des Geistes eine niedrigere Stufe einräumte, als der

Aristokratie des Blutes und der Geburt" (Bravo!).--

* * * * *

Franz *Reuleaux* (geb. 1829) bezeichnete als Vertreter des deutschen

Reiches auf der Weltausstellung zu Philadelphia die, in der Ausstellung

vorgeführten deutschen Massenartikel in seinen "Briefen aus

Philadelphia" (1876) mit dem Ausdrucke:

*Billig und schlecht.*

In der Reichstagssitzung vom 10. Mai 1879 behauptete der Abgeordnete

~Zimmermann~, dass ~Reuleaux~ seinen Ausdruck dem kurz vorher

erschienenen Artikel des amerikanischen Blattes "the Sun" entnommen

habe, welches als Motto für die deutsche Ausstellung in Philadelphia

die Worte "ugly and cheap" (hässlich und billig) vorgeschlagen habe.

Diese Bezeichnung beruht offenbar auf dem "Cheap and nasty" "billig und

garstig", das schon Th. ~Carlyle~ (Collect. Works. Vol. XI, Essays vol.

VI, "Shooting Niagara". Chap. 7. August 1867) als ein "vulgar proverb"

anführt und es der "Shoddy-Wirtschaft" ins Gesicht wirft. Das Wort

~Reuleauxs~ ist eine Variation auf dasselbe Thema. Reuleaux wurde wegen

seines Ausspruches vielfach angegriffen und antwortete auf die Angriffe

u.A. in der Morgennummer der "Nationalzeitung" vom 13. August 1892, wo

er erklärte, dass sein Wort nur eine epigrammatische Bedeutung hätte

haben sollen.

Schon ~Hans Sachs~ sagt in seinem, 1527 geschriebenen Spruchgedichte

"Der Eygennutz":

"All's auf die Eil, wolfeil und schlecht,

Man findt weng Arbeit mehr gerecht."--

* * * * *

~Richard~ *Wagner* (1813-83) sprach zum Publikum nach der Aufführung

der "Götterdämmerung" am 18. Aug. 1876 in Bayreuth: "Sie haben jetzt

gesehen, was ~wir~ können; wollen ~Sie~ jetzt;--Und wenn Sie wollen,

werden wir eine Kunst haben". So citiert ~Wagners~ Worte Paul ~Lindau~

in seinen "Nüchternen Briefen aus Bayreuth" (1. Aufl. 1876). Gewöhnlich

wird gesagt:

*Wenn Sie eine Kunst haben wollen, so haben Sie eine.--*

* * * * *

(_Königliche Hoheit_), *kommen Sie 'rein in die gute Stube!*

redete im Sept. 1876, als Kaiser ~Wilhelm I.~ Leipzig besuchte, eine

Leipzigerin den ihrem Hause als Gast zugewiesenen Prinzen ~Friedrich

Karl von Preussen~ an.--

* * * * *

Im Reichstage sagte Fürst *Bismarck* am 19. Febr. 1878: "Die

Vermittelung des Friedens denke ich mir nicht so, dass wir nun bei

divergierenden Ansichten den Schiedsrichter spielen und sagen: so soll

es sein, und dahinter steht die Macht des deutschen Reiches, sondern

ich denke sie mir bescheidener, ja--ohne Vergleich im übrigen stehe ich

nicht an, Ihnen etwas aus dem gemeinen Leben zu citieren--mehr die eines

*ehrlichen Maklers,*

der das Geschäft wirklich zustande bringen will".--

* * * * *

*Der sogenannte arme Mann*

ist ein Ausdruck, den Graf Franz *von Ballestrem* (geb. 1834) im

Reichstage am 5. Juli 1879 gebrauchte.--

* * * * *

In der Sitzung des preussischen Abgeordnetenhauses vom 12. Nov. 1879

sprach Minister Albert *von Maybach* (geb. 1822):

_Ich glaube, dass_ *die Börse* _hier als_ *ein Giftbaum* _wirkt

u.s.w._

Der Vergleich schädlicher Einflüsse mit denen eines Giftbaumes ist

selbstverständlich älter.--

* * * * *

Fürst *Bismarck* sagte im Reichstage am 4. März 1881: "Ich habe

mit meinem Gute Varzin früher dem Kreise Schlawe angehört. Der

Kreisausschuss befand sich unter der Leitung ganz fester politischer

Gegner von mir von der äussersten Rechten, und ich habe denn doch als

Minister in meinem Privatleben für meine amtlichen ministeriellen

Sünden zu büssen gehabt, bis ich schliesslich sah, dass ich der

schwächere war und die Flucht ergriff! Mir war die Thür offen. Ich hatte

*die Klinke zur Gesetzgebung*

und bewirkte, dass ich aus dem Kreise Schlawe ausgeschieden und in den

duldsameren Rummelsburger Kreis übergeführt wurde.--

* * * * *

Anlässlich des Ausfeldischen Antrages, betreffend die Abänderung des

Artikels 32 der Reichsverfassung, sagte der Abgeordnete *Sabor* in der

Reichstagssitzung vom 17. Dez. 1884 (s. "Stenogr. Berichte" I, 435):

"Der Herr Reichskanzler will nicht, dass das Wahlrecht in dem Umfange,

wie es jetzt besteht, gelten bleibe" (Widerspruch rechts) "und wenn man

ihm darin nachgiebt, ist er bereit, in eine Verfassungs-Änderung zu

willigen, ist sogar bereit, die Diäten zu bewilligen. Das lässt tief

blicken" (Heiterkeit) "in die Maschine,--lässt einen Einblick thun in

die geistige Werkstatt, in der die soziale Reform bereitet wird" ...

Hieraus stammt die übliche erheiternde Redensart:

*Das lässt tief blicken, sagt Sabor.*

Natürlich ist die Redensart: "Das lässt tief blicken" weit älter. Erst

mit dem scherzhaften Zusatz "sagt Sabor" ist das Wort ein geflügeltes.--

* * * * *

Gegen Ende seiner Reichstagsrede, am 6. Februar 1888, über das Bündnis

Deutschlands und Österreich-Ungarns vom 7. Oktober 1879 sagte Fürst

*Bismarck* mit Bezug auf Russlands drohende Haltung: "Wir können

durch Liebe und Wohlwollen leicht bestochen werden--vielleicht zu

leicht--aber durch Drohungen ganz gewiss nicht! Wir Deutschen fürchten

Gott, aber sonst Nichts in der Welt, und die Gottesfurcht ist es

schon, die uns den Frieden lieben und ehren lässt". Alsbald wurden die

demütig-stolzen Worte dieser Warnrede Bismarcks:

"*Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst Nichts in der Welt!*"

über den Erdball verbreitet und fort und fort citiert. Und so stehen

sie denn hier als Schlussstein des deutschen Citatenschatzes und

zugleich in dankbarer Erinnerung an den gottbegnadeten Schöpfer

geflügelter Worte.

Schon bei ~Livius~ (32, 32, 14) sagt König Philipp von Macedonien:

"neminem equidem timeo praeter deos immortales" ("ich fürchte Niemand

ausser den unsterblichen Göttern"). In ~Konrad von Würzburgs~ (†

1287) Gedicht "Dër Wërlte lôn" (S. 7, her. v. Fr. Roth 1843) spricht

die Frau Welt zum Ritter Wirent von Grafenberg: "Ich entfürhte nieman

âne got, der ist gewaltic über mich." So lässt auch ~Racine~ (1691)

in seiner "Athalie" (1, 1) den Hohenpriester Joas zum Feldhauptmann

Abner sprechen: "Je crains Dieu, cher Abner et n'ai point d'autre

crainte". Mit Auslassung der Anrede setzte ~Chodowiecki~ diese Worte

unter seinen berühmten Stich "Der Abschied des Jean Calas". Dann sagt

E. M. ~Arndt~ in dem Gedichte "Die alten und die neuen Teutschen"

("Lieder für Teutsche im Jahr der Freiheit 1813" S. 76) von unsern

Vätern: "Sie fürchteten Gott und Nichts weiter".--

Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes · 第 407 / 438 题