nannte man während der Zeit der Fronde (1648-53) eine politische
Partei, an deren Spitze der grosse ~Condé~, dessen Bruder ~Conti~
und der Herzog ~von Longueville~ standen, weil sie die Herren (les
maîtres) des Staats sein wollten. Voltaire, der dies ("Louis XIV" ch.
3) berichtet, fügt hinzu: "Man giebt jenen Namen heutzutage anmassenden
und schlechterzogenen jungen Leuten". Heute versteht man darunter so
viel wie "Stutzer".
Nach den Mémoiren der Mdme de Motteville (Amst. 1739: I p. 407)
nannte man die jungen vornehmen Waffengefährten und Günstlinge des
Condé, mit denen er in dem Salon der Königin Anne d'Autriche zu
erscheinen liebte, deswegen "petits-Maîtres", weil er selbst der Herr
des Staates zu sein schien.--
* * * * *
Das Wort *Ludwig*s *XIV.* (reg. 1643-1715):
*L'État c'est moi,*
Der Staat bin ich,
ist unverbürgt und jedenfalls nicht im April 1655 vor dem Parlamente
gesagt worden, wie erzählt wird. ~Chéruel~ (1855, "Administration
monarchique en France", B. II, S. 32-34) sagt:
"Hierher versetzt man nach einer verdächtigen Tradition die Erzählung
von der Erscheinung Louis' XIV. im Parlament, im Jagdrock, eine
Peitsche in der Hand, und hierhin verlegt man die berüchtigte Antwort
auf die Bemerkung des ersten Präsidenten, der das Interesse des
Staates hervorhob: 'Ich bin der Staat'. Statt dieser dramatischen
Scene zeigen uns die zuverlässigsten Dokumente den König, wie
er allerdings dem Parlament Schweigen gebietet, aber ohne einen
unverschämten Hochmut zur Schau zu tragen".
Ein handschriftliches Journal, das ~Chéruel~ erwähnt, schliesst die
Erzählung der Scene im Parlament also:
"Nachdem Seine Majestät sich schnell erhoben hatten, ohne dass irgend
Jemand in der Versammlung ein einziges Wort gesagt, kehrten Sie nach
dem Louvre und von da nach dem Walde von Vincennes zurück, woher
Sie am Morgen gekommen waren und wo Sie vom Herrn Kardinal erwartet
wurden".
Hierzu fügt Edouard ~Fournier~ ("l'Esprit dans l'histoire", 3. Auflage,
S. 271):
"Also Mazarin erwartet den König, um von ihm zu erfahren, wie Alles
abgelaufen ist, und namentlich um zu hören, wie der junge Fürst seine
gewiss vom Kardinal selbst angefertigte Lektion aufgesagt hat; und
in diese vom Kardinal eingegebene Lektion, von der der Schüler nicht
mit einem Worte abweichen durfte, sollte sich eine für die Macht des
alten Ministers wenigstens ebenso beunruhigende, wie für das Ansehen
des Parlaments drohende Phrase, wie 'Ich bin der Staat' plötzlich
eingeschlichen haben? Das ist unmöglich. Der Staat war noch nicht
Ludwig XIV.; er war noch immer Mazarin".
~Dulaure~ ("Histoire de Paris", 1853, S. 387) behauptet freilich:
"Er unterbrach einen Richter, der in einer Rede die Worte 'der König
und der Staat' gebrauchte, indem er mit Hoheit ausrief: 'L'État c'est
moi'".
Ludwig XIV. hätte damit allerdings nur ausgesprochen, was seine
Höflinge empfanden. Sein Bewunderer und Günstling, der Bischof
~Bossuet~, schrieb (Oeuvres XXIII, p. 643; Par. 1864) vom Fürsten:
"tout l'état est en lui" und verglich ihn mit Gott. Nach der "Revue
britannique" (Mai 1851, S. 254) wäre aber Königin Elisabeth von England
Urheberin des Wortes.--
* * * * *
*Tant de bruit pour une omelette* (_au lard_)!
So viel Lärm um einen Eierkuchen (mit Speck)!
führen französische Schriftsteller auf den Dichter *Desbarreaux* (†
1675) zurück. Dieser bestellte während eines Ungewitters an einem
Freitag, also einem Fasttage, im Wirtshause einen Eierkuchen mit Speck.
Als der fromme Wirt dies Gericht widerstrebend auftrug, erfolgte
ein heftiger Donnerschlag, so dass der Ärmste vor Entsetzen in die
Kniee sank. Da ergriff Desbarreaux seinen Eierkuchen und warf ihn zur
Beruhigung des Mannes mit jenen Worten aus dem Fenster ("Oeuvres de
Voltaire", édit. Beuchot, tom. 43, p. 511).--
* * * * *
Der Herzog *von Montausier* (1610-90) von Ludwig XIV. 1668 zum
Gouverneur des Dauphin ernannt, lies durch ~Bossuet~ und ~Huet~
Ausgaben der alten Klassiker
*in usum delphini*
zum Gebrauch für den Dauphin
besorgen, worin die anstössigen Stellen aus dem Texte weggelassen und
erst am Schlusse zusammengestellt sind. Seitdem wendet man diesen
Ausdruck auf alle aus Sittlichkeitsgründen verstümmelte Schriften an.--
* * * * *
Aus der Zeit seiner Regentschaft (1715-23) stammt des Herzogs *Philipp
von Orléans* Wort
*Roué*
Geräderter, Galgenschwengel,
womit dieser Fürst die lichtscheuen Genossen seiner Gelage zu
bezeichnen liebte (s. "Mémoir. compl. et authent. du duc de
~Saint-Simon~". Nouv. édit. 40 voll. Par. 1843. Tome XXIII, p. 20, Tome
XXV, 61). Heute wird es gebraucht wie "vornehmer Wüstling".--
* * * * *
Der Grosskaufmann und Handelsintendant Jean Claude Marie *Vincent*,
Seigneur *de Gournay* (1712-59) sprach in einer Versammlung von
Physiokraten, vermutlich im September d. J. 1758, das zur Parole der
Freihandelsschule gewordene Wort:
*Laissez faire, laissez passer!*
Gewerbefreiheit! Handelsfreiheit!
"Laissez-nous faire!" hatte aber schon ein Grosskaufmann Legendre,
wahrscheinlich François Legendre, der Verfasser eines damals
verbreiteten Rechenbuches, in einer von Colbert vermutlich im Jahre
1680 berufenen Versammlung von Kaufleuten gesagt.--
Aus ~Vincent de Gournays~ Munde stammt auch (nach Baron Grimms
"Correspondance", Juli 1764) das Wort:
*Bureaukratie.*
(vrgl. A. Oncken in "Berners Beiträgen zur Geschichte der
Nationalökonomie" No. 2. S. 1-131: "Die Maxime 'Laissez faire et
laissez passer', ihr Ursprung, ihr Werden. Ein Beitrag zur Geschichte
der Freihandelslehre." Bern, 1886).--
* * * * *
*Il n'y a que le premier pas qui coûte*,
Es kommt nur auf den ersten Schritt an,
erklärt uns ~Gibbon~ ("History of the decline" u.s.w. 1776-88, VII,
cap. 39, Anm. 100) mit den Worten:
"Der katholische Märtyrer hatte sein Haupt eine beträchtliche Strecke
entlang in seinen Händen getragen; doch machte einmal bei einer
ähnlichen Erzählung eine Dame meiner Bekanntschaft die Bemerkung: la
distance n'y fait rien, il n'y a que le premier pas qui coûte". Schon
~Condillac~ bringt ("Cours d'études", "Art d'écrire" II, 10, Parma
1775) diese Geschichte, spricht aber ganz allgemein von einer "femme
d'esprit", und auch ~Louvet de Couvrays~ "Faublas" (1787) giebt in der
Vorrede an: "Une femme d'esprit dit: il n'y a que le premier pas qui
coûte". ~Littré~ teilt unter "pas" die Condillacsche Geschichte mit.
~Quitard~ hingegen berichtet im "Dictionnaire des proverbes", Frau *du
Deffand* (1697-1780) habe es zum Kardinal Polignac gesagt, als dieser
die Länge des Weges betonte, den der auf dem Montmartre enthauptete
heilige Dionysius bis nach Saint-Denis mit seinem Haupte in den Händen
zurücklegte; und allerdings rührt es von ihr her, denn sie selbst nennt
sich in einem Briefe vom 7. Juli 1763 an d'Alembert als Verfasserin des
Wortes.
vrgl. "Trois Mois à la Cour de Frédéric." Lettres inédites de
d'Alembert publiées et annotées par Gaston Maugras. Paris, 1886. p.
28.--
* * * * *
Der Zeit Ludwigs XV. (reg. 1723-74) gehört (nach ~Hénault~ "Mémoires",
S. 4) ein Wort des damals mit der Bewachung des Buchhandels betrauten
Grafen *d'Argental* an. Er hatte den Litteraten Abbé ~Desfontaines~ vor
sich laden lassen, um ihm einen Verweis wegen des Missbrauchs seiner
Feder zu erteilen. Als Desfontaines sich folgendermassen entschuldigte:
"Aber ich muss doch leben, Excellenz", antwortete d'Argental:
*Je n'en vois pas la nécessité.*
Ich sehe nicht ein, dass das nötig ist.
~Voltaire~ erzählt dasselbe in einem Briefe vom 23. Dez. 1760 an
den Marchese ~Albergati Capacelli~ in Bologna; doch nennt er nicht
d'Argental, sondern spricht nur von einem Staatsminister.--L.
F. ~Huber~ begann eine Recension in der Jenaer allgemeinen
Litteraturzeitung: "Monseigneur, ich muss ja doch leben, sagte
ein Pasquillant zum Polizeilieutenant *Sartine*, der ihm sehr
aristokratisch antwortete, dass er die Notwendigkeit dessen nicht
einsähe". (L. F. Hubers sämtliche Werke seit dem Jahre 1802. 2. T. S.
151.) Jean Jacques ~Rousseau~ ("Emile", Buch 3, 1761) lässt "einen
Minister" das Wort zu "einem unglücklichen satirischen Schriftsteller"
sagen. Nach dem "Commentaire historique sur les oeuvres de lauteur
de la Henriade" (1776, in ~Voltaires~ "Oeuvres complètes", Gothaer
Ausg., Bd. 48, S. 99) hörte ~Desfontaines~ (1685-1745) dies Wort von
*d'Argenson* (1652-1721), dem Chef der Pariser Polizei. ~Schiller~
notierte im Entwurfe zu einem Trauerspiele "Die Polizei": 'Die bekannte
Replik: Ich muss aber ja doch leben, sagt der Schriftsteller--Das
seh' ich nicht ein, antwortet Argenson'. (Schillers Werke,
Historisch-kritische Ausg. von Karl Goedeke, 1. Bd. S. 262.)--
* * * * *