*Ut pictura poësis: ...*
(Ein Gedicht gleicht darin einem Gemälde, dass ...)
herausgerissen citiert worden, als bedeute es: "Malerei und Poesie
haben die gleichen Gesetze". (vrgl. Kap. X: "Simonides").--
Von einer Schrift, zu deren Lektüre man gern zurückkehrt, citiert man
den Ausgang des 365. Verses:
*Decies repetita* (_poësis_) *placebit.*
Zehnmal wiederholt, wird sie gefallen.
Solche Schrift wird zu jenen gehören, deren Verfasser das berühmte:
*Nonumque prematur in annum,*
Und bis ins neunte Jahr muss sie verborgen bleiben (d.h. gefeilt
werden),
den Ausgang des 388. Verses, beherzigt haben.--
Von Einem, der sich als Mann bewährt, sagen wir mit Vers 413:
*Multa tulit, fecitque puer, sudavit et alsit,*
Viel hat, in Hitze und Frost, schon als Kind er gethan und
erlitten.--
* * * * *
Des *Livius* (59 v.-17 n. Chr.) Redewendung (4, 2, 11):
"potius sero, quam nunquam,"
(Lieber spät, als niemals),
citieren wir französisch:
*Mieux vaut tard, que jamais.--*
Im ~Livius~ steht (38, 25, 13): "cum iam plus in mora periculi quam in
ordinibus conservandis praesidii esset, omnes passim in fugam effusi
sunt"--"Als schon mehr Gefahr im Verzuge, als Hilfe im Aufrechterhalten
der Heeresordnung lag, strömten Alle in planloser Flucht auseinander".
Hieraus bildete sich das Wort:
*periculum in mora,*
*Gefahr im Verzuge.*
39, 26, 9 enthält das Drohwort "nondum omnium dierum solem
occidisse"--"es sei noch nicht die Sonne aller Tage untergegangen", was
wir kürzen zu:
*Es ist noch nicht aller Tage Abend.--*
* * * * *
Bei *Tibull* (54-19 v. Chr.) 2, 5, 23 steht:
*Roma aeterna.*
*Das ewige Rom.--*
* * * * *
*Propertius* (48-16 v. Chr.) bietet uns 2, 10, 5-6:
"Quod si deficiant vires audacia certe
Laus erit: *in magnis et voluisse sat est,"*
Wenn auch die Kräfte versagen, so wird doch das kühne Beginnen
Rühmlich sein: schon genügt's, hat man nur Grosses gewollt.
Joh. ~Agricola~ von Eisleben ("Terent. Andria" Berl. 1544, d. 4, 1)
nennt dies eine Sentenz Platonis. Wieso?--Anklingt ~Tibulls~ (4, 1,
7): "Est nobis voluisse satis"--"Uns genügt's, gewollt zu haben".--
Aus des ~Propertius~ Pentameter (3, 21, 10):
Quantum oculis, animo tam procul ibit amor,
Wie aus den Augen sie schwand, schwand auch die Lieb' aus dem
Sinn,
scheint herzurühren:
*Aus den Augen, aus dem Sinn.--*
* * * * *
Aus dem Pentameter des *Ovid* (43 v.-17 n. Chr.) "Heroiden" 13, 84:
"Bella gerant alii! Protesilaus amet" ist offenbar das berühmte
Distichon entstanden:
*Bella gerant alii! tu, felix Austria, nube!
Nam quae Mars aliis, dat tibi regna Venus!*
Kriegführ'n lasse die Andren! du, glückliches *Österreich*,
freie!
Mehrer des Reiches ist Mars Anderen, Venus nur dir!
"Felix Austria" findet sich schon auf einem Siegel Herzog Rudolfs
IV. vom Jahre 1363 (vrgl. Dr. Franz Kürschner: "Herzog Rudolfs IV.
Schriftdenkmale"). Dass, wie man meinte, Matthias Corvinus des
Distichons Urheber sei, erwies Béla von Tóth als Irrtum (s. dessen
"Szájrul szájra" (von Mund zu Munde), Budapest 1895, S. 22-25). Bis
jetzt ist der ovidkundige Verfasser der Verse noch unerforscht.--
Aus Ovids "Amores" 3, 4, 17 stammt:
*Nitimur in vetitum semper, cupimusque negata,*
Zu dem Verbotenen neigen wir stets und begehren Versagtes;
oder wie es in einem Altdorfer Stammbuch v. J. 1722 übersetzt wird:
"Unser Tichten, Trachten, Ringen
Geht nur nach verbotnen Dingen."
(vrgl. "Deutsche Stammbücher" von den Gebrüdern Keil, 1893 No. 912).--
"Amor" 3, 8, 55 (und "Fasti" 1, 217) bieten:
*Dat census honores,*
Die Einkünfte geben die Ehren;
"Amor." 3, 11, 7 vrgl. "Ars amandi" 2, 178:
*Perfer et obdura* (_dolor hic tibi proderit olim_)
Trage und dulde: dir wird ~der~ Schmerz dermaleinst noch nützen.
("Tristia" 5, 11, 7 lautet: "Perfer et obdura, multo graviora
tulisti", eine Übertragung von ~Homers~ "Odyss." 20, 18 [s. Kap. X].
Vor ~Ovid~ sang ~Catull~ 8, 11: "Obstinata mente perfer, obdura", und
~Horaz~ "Sat." 2, 5, 39: "Persta atque obdura").--
Brief 17, 166 steht:
*An nescis longas regibus esse manus?*
Weisst du denn nicht, wie weit reichet der Könige Hand?
Schon bei ~Herodot~ (8, 140) heisst es von Xerxes: "καὶ γὰρ δύναμις
ὑπὲρ ἀνθρώπον ἡ βασιλέος ἐστι καὶ χεὶρ ὑπερμήκης", denn
der König hat auch die Gewalt über den Menschen und eine über die
Maassen lange (d.h. weitreichende) Hand".--
Aus ~Ovids~ "Kunst zu lieben" ("Ars amandi") 1, 99 ist das Wort über
die Frauen bekannt:
*Spectatum veniunt, veniunt spectentur ut ipsae,*
Zum Seh'n kommen sie hin, hin kommen sie, dass man sie sehe.
Aus 2, 13 der "Kunst zu lieben" wird citiert:
Nec minor est virtus, quam quaerere,
*Parta tueri.*
Weniger schwer, als Erwerben, ist's nicht:
Erworb'nes bewahren;
wohl eine Reminiscenz aus ~Demosthenes~ ("Olynth.") 1, 23, der da
sprach: "πολλάκις δοκεῖ τὸ φυλάξαι τἀγαθὰ τοῦ κτήσασθαι χαλεπώτερον
εἶναι", "oft scheint es schwerer zu sein, Schätze zu bewahren,
als sie zu besitzen".-- Der 91. Vers der Ovidischen "Mittel
gegen die Liebe" ("Remedia amoris") heisst:
*Principiis obsta* (_sero medicina paratur_).
Sträube dich gleich im Beginn (zu spät wird bereitet der
Heiltrank).
Auch wird "Principiis obsta" oft aus dem Zusammenhange gerissen und
"wehre dich gegen Principien!" darunter verstanden. ~Ovid~ mag dabei an
des ~Theognis~ Rath gedacht haben (v. 1133):
"Κύρνε, παροῦσι φίλοισι κακοῦ καταπαύσομεν ἀρχήν,
ζητῶμεν δ' ἕλκει φάρμακα φυομένῳ."
"Heilen wir, wo Freunde weilen,
Böses, Kyrnos, gleich zur Stunde!
Lass' uns mit dem Balsam eilen,
Wenn im Wachsen ist die Wunde!"--
Aus ~Ovids~ "Metamorphosen" 1, 7 ist die Bezeichnung des Chaos
verbreitet:
*Rudis indigestaque moles*
Eine rohe, verworrene Masse;
"Met." 2, 13 und 14, bringt die Schilderung der Nymphen:
*Facies non Omnibus una,
Nec diversa tamen* (_qualem decet esse sororum_):
Nicht gleich sind alle von Antlitz,
Und doch auch nicht verschieden (so wie sich's gehöret bei
Schwestern);
"Met." 2, 137:
*Medio tutissimus ibis*
In der Mitte wirst du am sichersten gehen.
"Met." 3, 136 und 137:
*Dicique beatus
Ante obitam nemo supremaque funera debet,*
Niemanden soll man
Glücklich heissen, bevor er gestorben und eh' er begraben.
(vrgl. Kap. XII: "nemo ante mortem beatus".)
"Met." 5, 416-7:
*Si componere magnis parva mihi fas est,*
Wenn es mir erlaubt ist, Kleines mit Grossem zu vergleichen,
(s. Kap. X: Herodot 2, 10 und 4, 99.);
"Met." 6, 376 die das Quaken der Frösche malenden Worte:
*Quamvis sint sub aqua, sub aqua maledicere tentant,*
Ob in der Tiefe sie quaken, sie quaken doch, nur um zu schimpfen;
"Met." 7, 20-1 die Worte der sich in aufkeimender Liebe zu Iason
überraschenden Medea:
*Video meliora proboque;
Deteriora sequor.*
Wohl seh' ich das Bess're und lob' es:
Aber ich folge dem Schlecht'ren.
(vrgl. Euripides: "Medea", 1078-9 und "Hippol." 380.)--
Aus "Met." 9, 711 stammt:
*Pia fraus,*
*Frommer Betrug;*
und aus "Met." 15, 234:
*Tempus edax rerum,*
Die Zeit, welche die Dinge zernagt;
(auch in den "Epistolis ex Ponto" 4, 10, 7 wendet Ovid "tempus edax"
an. "Edax vetustas" [zernagendes Alter] steht "Metam." 15, 872; vrgl.
oben: "Zahn der Zeit").--
Aus ~Ovids~ "Fasti" (Festkalender) 1, 218 wird citiert:
*Pauper ubique iacet,*
Ein Armer hat allerwärts einen niederen Stand,
und aus 6, 5:
*Est deus in nobis, agitante calescimus illo,*