*Ἑαυτὸν τιμωρούμενος*
kam auf uns durch des ~Terenz~ Komödie
*Heautontimorumenos,*
"Der Selbstpeiniger".
* * * * *
Die nach ~Diogenes Laërtius~ (VII, 1 n. 19, 23) von dem Stoiker *Zeno*
(geb. 340 v. Chr.) aufgestellte (von ~Porphyrius~ im "Leben des
Pythagoras" aber auf diesen zurückgeführte, in ~Plutarchs~ Schrift "Die
Menge der Freunde" und in dem ~Pseudo-Aristotelischen~ Buch "Magna
Moralia" II, 15 citierte) Definition des Freundes "Ἄλλος ἐγώ"
wenden wir an in der lateinischen und deutschen Form:
*Alter ego,*
*Ein zweites Ich.*
Bei ~Cicero~ findet sich "me alterum" "ad. fam." 7, 5, 1; "ad Attic."
3, 15, 4; 4, 1, 7; "Alterum me" "ad fam." 2, 15, 4; "verus amicus
est tanquam alter idem" "de amic." 21, 80; bei Ausonius "alter ego"
praef. 2, 42 (4. Jahrh. n. Chr.). Der griechische Romanschreiber
~Eustathius~ [6. Jahrh.? 12. Jahrh.?] sagt dreist von sich: "Ein
zweites Ich; denn also bezeichne ich den Freund". ~Hercher~ "Erotici
Graeci" 2, p. 164, 25; vrgl. 165, 18. Späterhin nahm "Alter ego" die
Bedeutung eines Stellvertreters der souveränen Gewalt an.--
* * * * *
Am Schlusse jeder Beweisführung des Mathematikers *Euklid* (bl. um 300
v. Chr.) heisst es:
ὅπερ ἔδει δεῖξαι,
*quod erat demonstrandum,*
was zu beweisen war.--
Des (um 270 v. Chr. bl.) Philosophen *Bion* Witz: "Εὔκολον τὴν
εἰς Ἅιδου ὁδόν· καταμύοντας γοῦν κατιέναι", "der Weg zum Hades ist
leicht; man kommt ja mit geschlossenen Augen hinab" (s. Diog. Laërt.
IV, c. 7, n. 3, § 49) wird von uns in der kürzeren Form des Vergil
citiert ("Aen." 6, 126):
*Facilis descensus Averno,*
Das Hinabsteigen in die Unterwelt ist leicht;
worauf dann folgt, dass das Wiederauftauchen daraus schwer sei.--
* * * * *
*Philo Judaeus* († 54 n. Chr.) sagt ("de migr. Abrahami" 15, p.
449, Mangey) von den ägyptischen Zauberern: "ἀπατᾶν δοκοῦντες
ἀπατῶνται" (sie glaubten zu betrügen und wurden betrogen). Danach
schreibt der gern citierende Apostel ~Paulus~ im 2. Briefe an
Thimotheus 3, 13 auch von den Magiern Ägyptens: "Mit den bösen Menschen
aber und verführerischen wird es je länger je ärger, "verführen
und werden verführt" ("πλανῶντες καὶ πλανώμενοι"). Dann
sagt ~Porphyrius~ in seines Lehrers Plotin Leben (16): "οἳ--ἐξηπάτων
καὶ αὐτοὶ ἠπατημένοι" ("die betrogen und selbst betrogen
waren") und ~Augustinus~ ("Bekenntnisse" 7, 2): "deceptos illos et
deceptores", und G. E. ~Lessing~ ("Nathan" 3, 7) verdeutschte in der
Parabel von den drei Ringen das Wort also:
*Betrogene Betrüger.*
{vrgl. ~Margarete von Navarra~ in dem 1543 erschienenen "Heptameron"
Novelle 1, 6, 15, 23, 25, 28, 45, 51, 62; ~Cardanus~ († 1576) "De
subtilitate", 1663, III, 551; ~Cervantes~ "Don Quijote" 2, 33 (1615)
u.s.w.; ~Moses Mendelssohn~ ("Ges. Schr.", 1843, III, 115; Brief vom
9. 2. 1770 an Bonnet über eine Sekte): "Wollen wir sagen, dass alle
ihre Zeugen Betrogene und Betrüger sind?" Eine komische Oper von
Guilet et Gaveaux (1799) heisst "Le trompeur trompé".}--
* * * * *
Flavius *Josephus* (37 n. Chr.--nach 93) sagt in seiner Schrift "Gegen
Apion" (II, 16) von Moses im Gegensatze zu Minos: "Ὁ δὲ ἡμετέρος
νομοθέτης εἰς μὲν τούτων οὐδοτιοῦν ἀπεῖδεν, ὡς δ' ἄν τις εἴποι
βιασάμενος τὸν λόγον,
θεοκρατίαν
ἀπέδειξε τὸ πολίτευμα, Θεῷ τὴν ἀρχὴν καὶ τὸ κράτος ἀναθείς"--"Unser
Gesetzgeber richtete jedoch auf Alles Dieses gar nicht sein Augenmerk;
er machte die Staatsverfassung zu einer
*Theokratie*
(Gottesherrschaft), wenn man sich so gewaltsam ausdrücken darf, indem
er Gott die obrigkeitliche Macht beilegte".--
* * * * *
Einen Spruch des *Epiktet* (geb. um 50 n. Chr.) teilt ~Aulus Gellius~
17, 19, 6 in der lateinischen Form mit:
*Sustine et abstine,*
ἀνέχου καὶ ἀπέχου,
*Leide und meide.--*
* * * * *
*Plutarch* (geb. um 50 n. Chr., † 120 n. Chr.) erzählt in seiner
Biographie des L. ~Aemilius Paullus~ (Kap. 5), dass dieser sich aus
unbekannten Gründen von seiner Gattin, Papiria, habe scheiden lassen.
Plutarch vermutet, dass der Scheidungsgrund ein ähnlicher gewesen
sei, wie derjenige eines gewissen Römers. Dieser habe sein Weib
fortgeschickt und alsdann auf die Fragen seiner Freunde: "Ist sie
denn nicht sittsam? Nicht schön von Gestalt? Schenkte sie Dir denn
keine Kinder?" ihnen seinen Schuh hingestreckt und gefragt: "Ist er
nicht fein? Ist er nicht neu? Aber Niemand von Euch sieht, an welcher
Stelle mein Fuss gedrückt wird, (οὐκ ἂν εἰδείη τὶς ὑμῶν. καθ' ὅτι
θλίβεται μέρος οὑμὸς πούς)". Hierauf fusst die Stelle
des ~Hieronymus~ (adv. Jovin. 1, 48): "Legimus quendam apud Romanos
nobilem, cum eum amici arguerent, quare uxorem formosam et castam et
divitem repudiasset, protendisse pedem et dixisse eis: Et hic soccus,
quem cernitis, videtur vobis novus et elegans, sed nemo scit praeter
me, ~ubi me premat~." Hier findet sich zuerst das bekannte Bild unseres
Sprachschatzes:
*Nicht wissen* _und_ *wissen, wo Einen der Schuh drückt.--*
Durch *Lucian*s (um 160 n. Chr.) Abhandlung "wie man Geschichte
schreiben müsse" wurde die thracische Stadt
*Abdera*
für immer als lächerlich gebrandmarkt; und sie wurde als solche in
Deutschland berühmt durch ~Wielands~ im "teutschen Merkur" 1774, 1. und
2. erschienene "Geschichte der
*Abderiten".--*
* * * * *
Bei *Sextus Empiricus* (Ende des 2. Jahrh. n. Chr.; "Adversus
mathematicos", 287; Imm. Bekker, Berl. 1842; S. 665) steht:
ὀψὲ θεῶν ἀλέουσι μύλοι, ἀλέουσι δὲ λεπτά.
Lange zwar mahlen die Mühlen der Götter, doch mahlen sie Feinmehl.
(Ähnlich in "Orac. Sibyll." 8, 14. ed. Friedlieb, Lpz. 1852.)
In Eiseleins "Sprichwörtern" wird das Wort ohne jeglichen Beleg auf
~Plutarch~ zurückgeführt. ~Sebastian Franck~ ("Sprichwörter", 1541, II,
119'b) führt an: "Sero molunt deorum molae, Gottes Mühl stehet oft lang
still" und "die Götter mahlen oder scheren einen langsam, aber wohl",
ferner einige Zeilen weiter unten "Der Götter Mühl machen langsam Mehl,
aber wohl", und ~Logau~ (1654) III, 2, 24 macht daraus:
*Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich klein.*
(Ob aus Langmut er sich säumet, bringt mit Schärf
er alles ein.)
Daraus dürfte die bekannte Redensart: "Langsam, aber sicher" entstanden
sein.--
* * * * *
*Plotin* († 270 n. Chr.) bereichert unsere Sprache um zwei
"geflügelte Worte". Wir lesen bei ihm (Enn. I, 6 p. 57; Ausg. v.
Kirchhoff I, S. 12): "οὐ γὰρ πώποτε εἶδεν ὀφθαλμὸς ἥλιον,
ἡλιοειδὴς μὴ γεγενημένος, οὐδὲ τὸ καλὸν ἂν ἴδοι ψυχὴ μὴ καλὴ
γενομένη", "Nie hätte das Auge je die Sonne gesehen, wäre es nicht
selbst sonnenhafter Natur; und wenn die Seele nicht schön ist, kann sie
das Schöne nicht sehen". Hieraus stammt
*Schöne Seele*
und der ~Goethe~sche Vers (1823. "Zahme Xenien". Bd. 3):
*Wär' nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt' es nie erblicken.*
Mit diesem Gedanken lehnte ~Plotin~ sich an ~Plato~ an, der in seinem
"Staat" p. 508 sagt: "Das Gesicht ist nicht die Sonne ... aber das
sonnenähnlichste ... unter allen Werkzeugen der Wahrnehmung", und der
ebenda weiter unten "Erkenntnis und Wahrheit, wie Licht und Gesicht,
für sonnenartig" erklärt.--
* * * * *
*Julianus Apostata* (331-363 n. Chr.) meint (oratio VI ed. Ez.
Spanhemius, 1696, p. 184), "es dürfe nicht Wunder nehmen, dass wir
zu der, gleich der Wahrheit, einen und einzigen Philosophie auf den
verschiedensten Wegen gelangen. Denn auch wenn Einer nach Athen reisen
wolle, so könne er dahin segeln oder gehen und zwar könne er als
Wanderer die Heerstrassen benutzen oder die Fusssteige und Richtwege
und als Schiffer könne er die Küsten entlang fahren oder wie Nestor das
Meer durchschneiden". Damals galt noch Athen als Ziel der Gebildeten,
später wurde es Rom. "Es führen viele Wege nach Athen" liegt im obigen
Satz und mochte sich in das uns geläufige Wort verwandeln:
*Es führen viele Wege nach Rom,*
wofür jedoch sichere Belege noch zu suchen sind.--
* * * * *
*Proclus* (412, 485 n. Chr.) nennt in seinem Commentar zu Platos
"Timaeus" (154c) den "οὐρανός" (Himmel) die
*πέμπτη οὐσία*
*Quintessenz*
(Das fünfte Seiende)
und auch in dem "Leben des Aristoteles" von ~Ammonius~ (Westermann,
"vitarum scriptores Graeci minores", 1845, p. 401) wird die "εʹ οὐσία"
erwähnt. Damit ist nach Aristoteles ("De mundo", Kap. 2) der
Äther gemeint, der dort "ein anderes Element als die vier, ein
göttliches, unvergängliches" genannt wird. (Aristot. "Meteor." 1, 3;
"de coelo", 1, 3; "de gen. an.", 2, 3.) Proclus ist die Quelle für das
Wort. Viel später jedoch wurde der heut damit verknüpfte Begriff des
feinsten Extrakts, der innersten Wesenheit oder des Kerns einer Sache
in dies Wort hineingelegt. ~Raimundus Lullus~ gab 1541 sein Buch "De
secretis naturae sive Quinta essentia" heraus, in dem er zu Anfang
des zweiten Teiles diese "Quintessenz" als Allheilmittel preist, und
1570 erschien Leonhart ~Thurneysser~ zum Thurns "Quinta essentia, das
ist die höchste Subtilitet, Krafft und Wirkung ... der Medicina und
Alchemia" ... In der Vorrede stellt er die "Quinta Essentz Olea" neben
den "Stein der Weisen", den "lapis philosophorum". Im 13. Buch nennt er
sich einen Schüler des Theophrastus ~Paracelsus~, der also der Vater
des Schwindels mit der "Quintessenz" sein wird, wie er so manchen
anderen Schwindels Vater gewesen ist.--