Aus einem uns verlorenen Gesange ~Pindars~ hat sich ein Bruchstück
erhalten (s. Boeckh: "Frgm." 151 und Plato: "Gorgias" 484 b), worin es
mit Bezug auf die Tötung und Beraubung des Geryon durch Herkules heisst:
"νόμος ὁ πάντων βασιλεὺς
θνατῶν τε καὶ ἀθανάτων
ἄγει δικαιῶν τὸ βιαιότατον
ὑπερτάτᾳ χειρί."
"Das Gesetz (sc. der Natur, das dem Stärkeren Recht giebt),
der König über alle Sterblichen und Unsterblichen, waltet
mit allmächtiger Hand, das Gewaltsamste billigend".
~Herodot~ (3, 38) citiert ausser dem Zusammenhang: "[ὀρθῶς μοι
δοκέει Πίνδαρος ποιῆσαι νόμον πάντων βασιλέα φήσας εἶναι".--"Pindar
scheint mir in seinem Dichten recht zu haben, wenn er sagt:
'das Herkommen ist König über Alle'"; und wiederum anders
(7, 104): "ἔπεστι γάρ σφι δεσπότης νόμος ... (ἐπικρατέειν
ἢ ἀπόλλυσθαι)"--"über ihnen steht nämlich als Despot das Gesetz (zu
siegen oder zu sterben)". Diesen Stellen entsprang das Wort:
*Usus tyrannus,*
Der Brauch ist Tyrann,
was im Hinblick auf des ~Horaz~ ("A. P." 71-72) "usus Quem penes
arbitrium est et ius et norma loquendi", "Über die Sprache verfügt
der Gebrauch, Recht giebt er und Regel", gewöhnlich auf Sprachliches
bezogen wird, wie denn schon Luther (29, S. 258) sagt: "Die natürliche
Sprache ist Frau Kaiserin".--
* * * * *
Auf *Heraklit* (bl. um 500 v. Chr.) wird der bekannte Satz
zurückgeführt, dass Alles ewig wechsle (vrgl. oben Kap. III: Börne):
*Πάντα ῥεῖ,*
Alles fliesst.
Nach ~Aristoteles~ "de coelo" 3, 1 (vrgl. "Metaph." 1, 6 n. "de anima"
2, 2), während er nach ~Plato~ ("Kratyl." 402 a.) gesagt haben soll:
"πάντα χωρεῖ" ("Alles bewegt sich fort").--
* * * * *
*Sophokles* (496-406 v. Chr.) sagt im "Oedipus auf Kolonos" 1026-7:
"... τὰ γὰρ δόλῳ
τῷ μὴ δικαίῳ κτήματ' οὐχὶ σώζεται".
Wir citieren dies nach ~Paulus Diaconus~ (p. 222. Muell.) aus ~Naevius~
(† 204) also:
*Male parta male dilabuntur*
(vrgl. dasselbe bei ~Cicero~ "Philipp." II, 27 ohne Quellenangabe und
~Plautus~ "Poenulus" 4, 2, 22: "Male partum, male disperit") und auf
Deutsch, aber aus den "Sprüchen ~Salomonis~" 10, 2 schöpfend, in der
Form:
*Unrecht Gut gedeiht nicht.--*
Auch citieren wir den Anfang des herrlichsten Chors der "Antigone"
(331-2) des ~Sophokles~:
*Πολλὰ τὰ δεινὰ, κοὐδὲν ἀν-
θρώπου δεινότερον πέλει,*
Vieles Gewalt'ge lebt, und nichts
Ist gewaltiger, als der Mensch;
sowie der Titelheldin sanftes Wort (516):
*Οὔ τοι συνέχθειν, ἀλλὰ συμφιλεῖν ἔφυν,*
*Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.--*
Die in dem Scholion zu des ~Sophokles~ "Antigone", 620, angeführten
Verse eines ~unbekannten griechischen Tragikers~:
Ὅταν δ' ὁ δαίμων ἀνδρὶ πορσύνῃ κακά,
Τὸν νοῦν ἔβλαψε πρῶτον, ᾧ βουλεύεται,
citieren wir in der schlecht lateinischen Form:
*Quos Deus perdere vult, dementat prius,*
Die, welche Gott verderben will, verblendet er vorher.
(~Velleius Paterculus~ II, 118: "Ita se res habet, ut plerumque
fortunam mutaturus deus consilia corrumpat". ~Publilius Syrus~, 490 bei
Ribbeck: "Stultum facit Fortuna, quem vult perdere".) Ein Fragment bei
Lykurg advers. Leocratem § 92 lautet ähnlich:
ὅταν γὰρ ὀργὴ δαιμόνων βλάπτῃ τινά,
τοῦτ' αὐτὸ πρῶτον ἐξαφαιρεῖται φρενῶν
τὸν νοῦν τὸν ἐσθλόν.--
* * * * *
*Vier Elemente,*
Feuer, Wasser, Luft, Erde, stellte *Empedokles* (geb. 490 v. Chr.) in
seinem Lehrgedichte "über die Natur" auf.--
* * * * *
*Herodot* (484-428 v. Chr.) sagt (2, 10), das Land zwischen den
Gebirgen nördlich von Memphis sei einst ein Meerbusen gewesen, gerade
wie das Gebiet um Ilion u.s.w., "wenn es erlaubt ist, so Kleines mit
Grossem zu vergleichen"--"ὡς ... εἶναι σμικρὰ ταῦτα μεγάλοισι
συμβαλεῖν", und er braucht dieselbe entschuldigende Wendung
(4, 99; nur steht dort ταῦτα vor σμικρά), als er die Küste
Skythiens mit der Attikas vergleicht. Daher rührt wohl ~Vergils~ Wort
("Georgica" 4, 176) gelegentlich des Vergleichs der Bienen-Arbeit mit
der der blitzeschmiedenden Cyclopen:
*Si parva licet componere magnis,*
Wenn man Kleines mit Grossem vergleichen darf.
(vrgl. "Ecl." 1, 24; Ovid "Met." 5, 416-7 u. "Trist." 1, 3, 25 u. 1,
5, 28).--