V.

Geflügelte Worte aus französischen Schriftstellern.

Einen Menschen, dem die Wahl zwischen zwei gleich wertvollen

Gegenständen schwer wird, vergleichen wir mit

*Buridans Esel.*

Um zu beweisen, dass keine Handlung ohne einen bestimmenden Willen

stattfinden könnte, soll sich ~Buridan~, ein französischer Philosoph

des 14. Jahrh., des Bildes eines Esels bedient haben, der in gleichem

Abstande von zwei Bündeln Heu, gleichmässig von beiden angezogen,

notwendigerweise verhungern müsse. Er mag dies mündlich gethan haben,

denn in Buridans Werken ist der entsprechenden Stelle vergeblich

nachgespürt worden. Durch ~Schopenhauer~ ("Die beiden Grundprobleme der

Ethik" 2. Aufl., S. 58) wissen wir, dass ~Bayle~ († 1706) im Artikel

"Buridan" die Grundlage alles seitdem darüber Geschriebenen ist.

Schopenhauer sagt daselbst ferner:

"Auch hätte Bayle, da er die Sache so ausführlich behandelt, wissen

sollen, was jedoch auch seitdem nicht bemerkt zu sein scheint, dass

jenes Beispiel .... weit älter ist als Buridan. Es findet sich im Dante,

der das ganze Wissen seiner Zeit inne hatte, vor Buridan lebte und

nicht von Eseln, sondern von Menschen redet, mit folgenden Worten,

welche das vierte Buch seines Paradiso eröffnen:

Intra duo cibi distanti e moventi

D'un modo, prima si morria di fame

Che liber' uomo l'un recasse a' denti.

(Zwischen zwei gleich entfernten und gleich anlockenden Speisen würde

der Mensch eher sterben, als dass er bei Willensfreiheit eine von ihnen

an die Zähne brächte.) Ja, es findet sich schon im Aristoteles 'über

den Himmel', 2, 13 mit diesen Worten: 'Ebenso was über einen heftig

Hungernden und Dürstenden gesagt wird, wenn er gleich weit von Speise

und Trank absteht, denn auch dieser muss in Ruhe verharren'. ~Buridan~,

der aus diesen Quellen das Beispiel überkommen hatte, vertauschte

den Menschen gegen einen Esel, bloss weil es die Gewohnheit dieses

dürftigen Scholastikers ist, zu seinen Beispielen entweder Sokrates

oder Plato oder asinum zu nehmen".--

* * * * *

(_Mais_) *où sont les neiges d'antan?*

Wo ist der Schnee des verflossenen Jahres?

ist der Kehrreim der "Ballade des Dames du temps jadis" François

*Villon*s (1431-61), in der er die Vergänglichkeit aller weiblichen

Schönheit des Leibes und der Seele besingt.--

* * * * *

*L'appétit vient en mangeant*

Je mehr man hat, je mehr man will,

eigentlich: "Die Esslust kommt beim Essen", steht in des François

*Rabelais* (1483-1553) "Gargantua", Kap. 5. Das im "Leben des Gargantua

und Pantagruel" vorkommende und seitdem für Nachäfferei angewendete

*Les moutons de Panurge*

Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes · 第 181 / 438 题