*Weltschmerz*
anzusehen. In seinem 1810 begonnenen posthumen Werke "Selina oder
über die Unsterblichkeit" (ersch. 1827; s. Bd. 2, S. 132) sagt er
von Gott: "~Nur sein~ Auge sah alle die tausend Qualen der Menschen
bei ihren Untergängen. Diesen Weltschmerz kann er, so zu sagen, nur
aushalten durch den Anblick der Seligkeit, die nachher vergütet."
Hier also bedeutet das Wort entweder "Qualen aller Menschen" oder
"schmerzliches Mitgefühl Gottes für das Weltelend". ~Heine~ jedoch
verlegte den "Weltschmerz" dann in die empfindsame Menschenseele, indem
er in seiner pariser Schrift "Aus der Gemälde-Ausstellung von 1831"
bei der Besprechung des Bildes von Delaroche: "Oliver Cromwell vor
Karls I. Leiche" ausruft: "Welchen grossen Weltschmerz hat der Maler
hier mit wenigen Strichen ausgesprochen". Es bedeutet hier "Schmerz
für den fühlenden Menschen über die Vergänglichkeit alles Irdischen".
An Jean Paul und Heine lehnte sich dann Julius ~Mosen~ an, der da sang
("Gedichte" 1836, S. 93: "Weltsünde" Str. 2):
"Und meine Seele riss entzwei der Schmerz,
Doch der mich schlug, den hört' ich also sagen:
Das ist der Weltschmerz, den einst Gott getragen!"
und ferner ("Ahasver" 1838, Gesang 1 Str. 10) im Sinne eines die ganze
Welt umfassenden heroischen Schmerzes:
"Zur Zeit nur eines Volkes Todesschmerzen,
Zur Zeit die Noth nur einer einz'gen Stadt,
Trägt er den Weltschmerz bald in seinem Herzen".
~Heine~ wiederum wendet dann das Wort in der Vorrede (1854) zu den
"Geständnissen" ironisch an im Sinne des Mitleids für das Weltelend,
das auch "Schufte von Gefühl" hegen. Wir aber brauchen "Weltschmerz"
heut im Sinne von "schmerzlichem oder eingebildetem Ekel an Welt und
Leben"; und dazu schlug abermals ~Heine~ die Brücke, obwohl er das
Wort da in "Weltqual" ummodelt, durch folgende 1840 geschriebene Stelle
("Ges. W." Strodtmann, 12, 230): "Wenn ich auch am Tage wohlbeleibt
und lachend dahinwandle durch die funkelnden Gassen Babylon's, glaubt
mir's! sobald der Abend herabsinkt, erklingen die melancholischen
Harfen in meinem Herzen, und gar die Nacht erschmettern darin alle
Pauken und Cymbeln des Schmerzes, die ganze Janitscharenmusik der
Weltqual, und es steigt empor der entsetzlich gellende Mummenschanz
..."--
* * * * *
Das 1793 von Johann Martin *Usteri* (1763-1827) verfasste Lied:
*Freut euch des Lebens,
Weil noch das Lämpchen glüht;
Pflücket die Rose,
Eh' sie verblüht!*
erschien zuerst als Einzeldruck 1793 in Zürich und dann mit Nägelis
Komposition in Böheims "Freimaurer-Liedern mit Melodien" (Berlin
1795).--
* * * * *
Ludwig Ferdinand *Huber* (1764-1804) nannte Goethes 1803 zuerst in
Weimar aufgeführtes und 1804 erschienenes Trauerspiel "Die natürliche
Tochter" (im "Freimütigen" von 1803, No. 170, S. 678)
*marmorglatt und marmorkalt.*
(L. F. Hubers "Sämtliche Werke seit dem Jahre 1802", 2. T., S. 240.)--
* * * * *
Der Prediger Friedr. Wilh. Aug. *Schmidt* zu *Werneuchen* (1764-1838)
hat in seinem Gedichte "Der Mai 1795" ("Neuer Berliner Musen-Almanach
für 1797", S. 86) Anlass zu der Redensart gegeben:
*Sich freuen wie ein Stint,*
indem er sang:
"O sieh; wie alles weit und breit,
Von lindem Schmeichelwind
Mit Wonneblüten überstreut,
An warmer Sonne minnt!
Vom Storche bis zum Spatz sich freut,
Vom Karpfen bis zum Stint!"--
* * * * *
Aus Wenzel ~Müllers~ Singspiele "Das Neu-Sonntagskind" (1793 zuerst
aufgeführt, 1794 zuerst in Pressburg gedruckt), Text von Joachim
*Perinet* (1765-1816), stammt:
Wer niemals einen Rausch hat g'habt,
Der ist ein schlechter Mann,
was in der Form:
*Wer niemals einen Rausch gehabt,
Der ist kein braver Mann*
citiert wird und sein Vorbild hat in den Versen, die wir bei ~Keil~ in
den "Deutschen Studentenliedern des 17. u. 18. Jahrh.", S. 33 finden:
Denn wer sich scheut, ein Rausch zu han,
Der will nicht, dass man ihn soll kennen,
Und ist gewiss kein Biedermann.--
* * * * *
Joh. Friedr. *Kind* (1768-1843) ist zu nennen wegen:
*Komm doch näher, liebe Kleine!*
aus seinem Gedichte "Der Christabend" (das auch Citat aus Mozarts "Don
Juan" sein kann); und aus seinem Text zu Karl Maria von Webers zuerst
am 18. Juni 1821 in Berlin aufgeführtem "Freischütz" citieren wir:
*Glaubst du, dieser Adler sei dir geschenkt?
Werft* (_eigentlich:_ *Stürz't) das Scheusal in die Wolfsschlucht!
Samiel, hilf!* _oder:_ *Hilf, Samiel!
Er war von je ein Bösewicht;
Ihn traf des Himmels Strafgericht!
Was gleicht wohl auf Erden
Dem Jägervergnügen!--*
* * * * *
Von Friedr. Dan. Ernst *Schleiermacher* (1768-1834) rührt her:
*In sieben Sprachen schweigen.*
In "Zelters Briefwechsel mit Goethe" (V. S. 413) sagt Zelter in
einem Briefe vom 15. März 1830: "nun muss ich schweigen, (wie unser
Philologus Bekker, den sie den Stummen in sieben Sprachen nennen)";
und ~Halm~ "Nekrolog auf Immanuel Bekker" ("Sitzungsber. d. bayerisch.
Akad. d. Wissensch." 1872, S. 221) sagt: "Schleiermachers geistreiches
Wort, Bekker schweige in sieben Sprachen, ist zu einem geflügelten
geworden".
*Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden
schafft.*
wird in Berlin auch auf ~Schleiermacher~ zurückgeführt. Wo findet es
sich aber in ~dieser Form~ zuerst gedruckt?--
* * * * *
~Ernst Moritz~ *Arndt* (1769-1860) beginnt sein "Vaterlandslied" (1812):
*Der Gott, der Eisen wachsen liess,
Der wollte keine Knechte;*
und ferner verdanken wir ihm das Wort:
*Soweit die deutsche Zunge klingt,*
welches den dritten Vers der sechsten Strophe seines Gedichtes "Des
Deutschen Vaterland" bildet, das 1813 zu Ostern erschien (s. "Deutsche
Wehrlieder für das Kgl. preuss. Frei-Corps", 1. Samml.) und 1825 von
Gustav ~Reichardt~ komponiert wurde.--
Schliesslich citieren wir auch den Titel von ~Arndts~ 1813 zu Leipzig
bei W. Rein erschienener Schrift: "Der Rhein, Teutschlands Strom, aber
nicht Teutschlands Gränze" in der Form:
*Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze.*