Aus "Emilia Galotti" (1772) 1, 4 ist

*Weniger wäre mehr*

durch ~Wielands~ Vermittelung entstanden, welcher im Neujahrswunsche

der Zeitschrift "Merkur" von 1774 den Ausspruch des Prinzen:

"Nicht so redlich, wäre redlicher"

folgendermassen umformte:

"Und minder ist oft mehr, wie Lessings Prinz uns lehrt".

(Siehe ~Hesiod~: "die Hälfte ist mehr als das Ganze" und ~Cervantes~,

in dessen "Don Quijote" [1, 6 g. E.] der Pfarrer den "Schatz

mannichfaltiger Dichtungen" also kritisiert: "como ellas no fueran

tantas, fueran mas estimadas", "wären es nicht so viele, so hätten

sie mehr Wert").--

Das oft wiederholte Wort aus "Emilia Galotti":

*Raphael wäre ein grosser Maler geworden, selbst wenn er ohne Hände

auf die Welt gekommen wäre,*

lautet in derselben Scene eigentlich also:

"Oder meinen Sie, Prinz, dass Raphael nicht das grösste malerische

Genie gewesen wäre, wenn er unglücklicher Weise ohne Hände wäre

geboren worden?"

(~Seneca~ "De beneficiis", IV, 21: "Artifex est etiam, cui ad

excercendam artem instrumenta non suppetunt", "auch der ist ein

Künstler, dem zur Ausübung der Kunst die Werkzeuge mangeln").--

Aus "Emilia Galotti" 2, 7 u. 8 wird citiert:

*Perlen bedeuten Thränen,*

womit ~Lessing~ einen Aberglauben wieder auffrischt, der bereits im 9.

Jahrh. verbreitet war. Zu jener Zeit erschienen die "Traumlehren" des

~Astrampsychus~ und des ~Nicephorus~ (her. v. Rigaltius. Par. 1603),

in denen es heisst: "οἱ μάργαροι (bei Niceph.: "μαργαρῖται")

δηλοῦσι δακρύων ῥόον", "Perlen bedeuten einen Thränenstrom".--

Aus "Emilia Galotti" 4, 7 stammt:

*Wer über gewisse Dinge den Verstand* (_5, 5:_ *seinen Verstand*)

*nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.*

Gewiss kam der in spanischer Litteratur so bewanderte ~Lessing~ auf

diese Wendung durch Baltazar ~Gracians~ Wort: "Muchos por faltos de

sentido, no le pierden"-- "Viele verlieren den Verstand deshalb nicht,

weil sie keinen haben" ("Oraculo manual" § 35, 1637 zuerst erschienen,

übersetzt von Arth. ~Schopenhauer~: "Handorakel" 3. Aufl. 1877, S.

22).--

In "Emilia Galotti" 4, 7 heisst es ferner:

(_Ha, Frau,_) *das ist wider die Abrede.*

~Schiller~ lässt in "Kabale und Liebe", 2, 3, Ferdinand, und im

"Fiesco", 2, 9, den Mohren diese Worte sagen. Fr. ~Kind~ legt sie in

der Wolfschluchtscene des "Freischütz" dem Jägerburschen Max in den

Mund.--

"Emilia Galotti", 5, 2 steht:

*Hohngelächter der Hölle;*

und 5, 6:

*Wer lacht da?* (_Bei Gott, ich glaub', ich war es selbst_).--

Ebenda 5, 7 ruft Emilia, als sie die Rose zerpflückt hat, die ihrem

gemordeten Verlobten Appiani galt, und sie nun, den Dolch im Herzen,

niedersinkt:

*Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert.--*

"Nathan der Weise" (1779) enthält 1, 2:

*Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche,*

wobei ~Lessing~ wohl an Romeos Worte in "Romeo und Julia", 5, 2:

Come cordial, not poison,

Komm Medizin, nicht Gift,

gedacht hat, und 1, 3 (ähnlich 3, 10):

*Kein Mensch muss müssen.--*

Als Bekräftigung dient uns das in Lessings "Nathan" 1, 5 sechsmal

vorkommende Wort des Klosterbruders:

*Sagt der Patriarch.--*

Viel citiert werden auch die Worte Nathans 2, 5:

*Nur muss der Eine nicht den Andern mäkeln,

Nur muss der Knorr den Knubben hübsch vertragen,

Nur muss ein Gipfelchen sich nicht vermessen,

Dass es allein der Erde nicht entschossen.--*

Der Schluss vom 2. Akt des "Nathan" ist:

*Der wahre Bettler ist*

(_Doch einzig und allein_) *der wahre König!--*

4, 2 steht dreimal:

*Thut nichts, der Jude wird verbrannt.--*

und 4, 4:

*Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.--*

* * * * *

Aus Christoph Martin *Wieland*s (1733-1813) "Idris und Zenide", 3, 10

(1768) citieren wir:

*Ein Wahn, der mich beglückt,

Ist eine Wahrheit wert, die mich zu Boden drückt,*

was vielleicht dem Worte ~Grays~ aus "On the Prospect of Eton College"

nachgebildet ist:

Where ignorance is bliss,

't is folly to be wise.

Wo Nichtwissen Seligkeit,

Ist es Thorheit klug zu sein.--

~Wieland~ ist ferner durch seine Worte in "Musarion" (1768 B. 2, V.

142, in späteren Ausgaben, V. 135):

Die Herren dieser Art blend't oft zu viel Licht;

Sie seh'n den Wald vor lauter Bäumen nicht,

der Schöpfer der Redensart:

*Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen*

geworden, die er in seiner "Geschichte der Abderiten" (1774), V. 2

wiederholt. ~Blumauer~ bestätigt diese Autorschaft Wielands durch

"Aeneis", B. 2, Str. 9:

Er sieht oft, wie Herr Wieland spricht,

Den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Eigentlich aber hat Wieland nur ein älteres Wort "die Stadt vor lauter

Häusern nicht sehen" umgeändert, welches J. Eiselein ("Sprichwörter" S.

576) falsch auf Agricola zurückführt, und das französischen Ursprungs

ist.[23] Auch fühlt man sich erinnert an Ovids (Trist. 5, 4, 9 und 10):

"Nec frondem in silvis, nec aperto mollia prato

Gramina, nec pleno flumine cernit aquas."

"Weder die Blätter im Wald, noch auf sonniger Wiese die zarten

Gräser, noch im Fluthstrom weiss er das Wasser zu seh'n."

und an des Properz (1, 9. 16): "Medio flumine quaerere aquam", mitten im

Fluss das Wasser suchen".--

[Fußnote 23: Edouard Fournier "l'Esprit des Autres", 7. Ausg., S. 2

citiert ein Lied eines poitevinischen Bauern:

La hauteur des maisons

Empêch' de voir la ville.

Dies Citat scheint aus der Luft gegriffen. Die Redensart steht vielmehr

in "Les bigarrures et touches du seigneur des Accords. Avec les

Apophthegmes du Sieur Gaulard. Et les Écraignes dijonnoises. Dernière

édition, revue et beaucoup augmentée. Paris. Jean Richter 1603". Der

besondere Titel des zweitgenannen Werkes ist: "Les contes facétieux du

sieur Gaulard, gentilhomme de la Franche Comté Bourguignotte" (sic!).

(1. Ausg. 1582.) S. 21 heisst es: "Als er in Paris war und durch die

Strassen ging, sprach er: Jeder sagte mir, ich würde eine so grosse

und schöne Stadt sehen; aber man machte sich über mich lustig; denn

man kann sie nicht sehen wegen der Menge von Häusern, die den Umblick

verhindern". Sam. ~Gerlach~ teilt dann in "Eurapeliae" (Lübeck 1639),

3. Hundert, No. 7-29 närrische Reden und Wendugen des M. Gaulard mit

und erzählt No. 24 die eben erwähnte Äusserung.--~Zincgref-Weidner~

("Apophthegmata", 3. T. 1653 S. 55 und 5. T. 1655 S. 112) wiederholt

die Geschichte und nennt den Erzähler (S. 118) Herrn Gaulardt, Baron

aus Burgundien.]

Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes · 第 146 / 438 题