*Weniger wäre mehr*
durch ~Wielands~ Vermittelung entstanden, welcher im Neujahrswunsche
der Zeitschrift "Merkur" von 1774 den Ausspruch des Prinzen:
"Nicht so redlich, wäre redlicher"
folgendermassen umformte:
"Und minder ist oft mehr, wie Lessings Prinz uns lehrt".
(Siehe ~Hesiod~: "die Hälfte ist mehr als das Ganze" und ~Cervantes~,
in dessen "Don Quijote" [1, 6 g. E.] der Pfarrer den "Schatz
mannichfaltiger Dichtungen" also kritisiert: "como ellas no fueran
tantas, fueran mas estimadas", "wären es nicht so viele, so hätten
sie mehr Wert").--
Das oft wiederholte Wort aus "Emilia Galotti":
*Raphael wäre ein grosser Maler geworden, selbst wenn er ohne Hände
auf die Welt gekommen wäre,*
lautet in derselben Scene eigentlich also:
"Oder meinen Sie, Prinz, dass Raphael nicht das grösste malerische
Genie gewesen wäre, wenn er unglücklicher Weise ohne Hände wäre
geboren worden?"
(~Seneca~ "De beneficiis", IV, 21: "Artifex est etiam, cui ad
excercendam artem instrumenta non suppetunt", "auch der ist ein
Künstler, dem zur Ausübung der Kunst die Werkzeuge mangeln").--
Aus "Emilia Galotti" 2, 7 u. 8 wird citiert:
*Perlen bedeuten Thränen,*
womit ~Lessing~ einen Aberglauben wieder auffrischt, der bereits im 9.
Jahrh. verbreitet war. Zu jener Zeit erschienen die "Traumlehren" des
~Astrampsychus~ und des ~Nicephorus~ (her. v. Rigaltius. Par. 1603),
in denen es heisst: "οἱ μάργαροι (bei Niceph.: "μαργαρῖται")
δηλοῦσι δακρύων ῥόον", "Perlen bedeuten einen Thränenstrom".--
Aus "Emilia Galotti" 4, 7 stammt:
*Wer über gewisse Dinge den Verstand* (_5, 5:_ *seinen Verstand*)
*nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.*
Gewiss kam der in spanischer Litteratur so bewanderte ~Lessing~ auf
diese Wendung durch Baltazar ~Gracians~ Wort: "Muchos por faltos de
sentido, no le pierden"-- "Viele verlieren den Verstand deshalb nicht,
weil sie keinen haben" ("Oraculo manual" § 35, 1637 zuerst erschienen,
übersetzt von Arth. ~Schopenhauer~: "Handorakel" 3. Aufl. 1877, S.
22).--
In "Emilia Galotti" 4, 7 heisst es ferner:
(_Ha, Frau,_) *das ist wider die Abrede.*
~Schiller~ lässt in "Kabale und Liebe", 2, 3, Ferdinand, und im
"Fiesco", 2, 9, den Mohren diese Worte sagen. Fr. ~Kind~ legt sie in
der Wolfschluchtscene des "Freischütz" dem Jägerburschen Max in den
Mund.--
"Emilia Galotti", 5, 2 steht:
*Hohngelächter der Hölle;*
und 5, 6:
*Wer lacht da?* (_Bei Gott, ich glaub', ich war es selbst_).--
Ebenda 5, 7 ruft Emilia, als sie die Rose zerpflückt hat, die ihrem
gemordeten Verlobten Appiani galt, und sie nun, den Dolch im Herzen,
niedersinkt:
*Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert.--*
"Nathan der Weise" (1779) enthält 1, 2:
*Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche,*
wobei ~Lessing~ wohl an Romeos Worte in "Romeo und Julia", 5, 2:
Come cordial, not poison,
Komm Medizin, nicht Gift,
gedacht hat, und 1, 3 (ähnlich 3, 10):
*Kein Mensch muss müssen.--*
Als Bekräftigung dient uns das in Lessings "Nathan" 1, 5 sechsmal
vorkommende Wort des Klosterbruders:
*Sagt der Patriarch.--*
Viel citiert werden auch die Worte Nathans 2, 5:
*Nur muss der Eine nicht den Andern mäkeln,
Nur muss der Knorr den Knubben hübsch vertragen,
Nur muss ein Gipfelchen sich nicht vermessen,
Dass es allein der Erde nicht entschossen.--*
Der Schluss vom 2. Akt des "Nathan" ist:
*Der wahre Bettler ist*
(_Doch einzig und allein_) *der wahre König!--*
4, 2 steht dreimal:
*Thut nichts, der Jude wird verbrannt.--*
und 4, 4:
*Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.--*
* * * * *
Aus Christoph Martin *Wieland*s (1733-1813) "Idris und Zenide", 3, 10
(1768) citieren wir:
*Ein Wahn, der mich beglückt,
Ist eine Wahrheit wert, die mich zu Boden drückt,*
was vielleicht dem Worte ~Grays~ aus "On the Prospect of Eton College"
nachgebildet ist:
Where ignorance is bliss,
't is folly to be wise.
Wo Nichtwissen Seligkeit,
Ist es Thorheit klug zu sein.--
~Wieland~ ist ferner durch seine Worte in "Musarion" (1768 B. 2, V.
142, in späteren Ausgaben, V. 135):
Die Herren dieser Art blend't oft zu viel Licht;
Sie seh'n den Wald vor lauter Bäumen nicht,
der Schöpfer der Redensart:
*Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen*
geworden, die er in seiner "Geschichte der Abderiten" (1774), V. 2
wiederholt. ~Blumauer~ bestätigt diese Autorschaft Wielands durch
"Aeneis", B. 2, Str. 9:
Er sieht oft, wie Herr Wieland spricht,
Den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Eigentlich aber hat Wieland nur ein älteres Wort "die Stadt vor lauter
Häusern nicht sehen" umgeändert, welches J. Eiselein ("Sprichwörter" S.
576) falsch auf Agricola zurückführt, und das französischen Ursprungs
ist.[23] Auch fühlt man sich erinnert an Ovids (Trist. 5, 4, 9 und 10):
"Nec frondem in silvis, nec aperto mollia prato
Gramina, nec pleno flumine cernit aquas."
"Weder die Blätter im Wald, noch auf sonniger Wiese die zarten
Gräser, noch im Fluthstrom weiss er das Wasser zu seh'n."
und an des Properz (1, 9. 16): "Medio flumine quaerere aquam", mitten im
Fluss das Wasser suchen".--
[Fußnote 23: Edouard Fournier "l'Esprit des Autres", 7. Ausg., S. 2
citiert ein Lied eines poitevinischen Bauern:
La hauteur des maisons
Empêch' de voir la ville.
Dies Citat scheint aus der Luft gegriffen. Die Redensart steht vielmehr
in "Les bigarrures et touches du seigneur des Accords. Avec les
Apophthegmes du Sieur Gaulard. Et les Écraignes dijonnoises. Dernière
édition, revue et beaucoup augmentée. Paris. Jean Richter 1603". Der
besondere Titel des zweitgenannen Werkes ist: "Les contes facétieux du
sieur Gaulard, gentilhomme de la Franche Comté Bourguignotte" (sic!).
(1. Ausg. 1582.) S. 21 heisst es: "Als er in Paris war und durch die
Strassen ging, sprach er: Jeder sagte mir, ich würde eine so grosse
und schöne Stadt sehen; aber man machte sich über mich lustig; denn
man kann sie nicht sehen wegen der Menge von Häusern, die den Umblick
verhindern". Sam. ~Gerlach~ teilt dann in "Eurapeliae" (Lübeck 1639),
3. Hundert, No. 7-29 närrische Reden und Wendugen des M. Gaulard mit
und erzählt No. 24 die eben erwähnte Äusserung.--~Zincgref-Weidner~
("Apophthegmata", 3. T. 1653 S. 55 und 5. T. 1655 S. 112) wiederholt
die Geschichte und nennt den Erzähler (S. 118) Herrn Gaulardt, Baron
aus Burgundien.]