Als Bezeichnung Berlins findet sich

*Spree-Athen*

wohl zuerst in dem Gedichte des Erdmann *Wircker* zu Friedrichs I. Lobe

"An seiner königl. Majestät zu Preussen im Nahmen eines andern", worin

es heisst:

"Die Fürsten wollen selbst in deine Schule gehn,

Drumb hastu auch für Sie ein Spree-Athen gebauet".

(In dem Buche "Märkische neun Musen, welche sich unter dem

allergrossmächtigsten Schutz Sr. koenigl. Majestät in Preussen als

Ihres allergnädigsten Erhalters und ändern Jupiters bey glücklichen

Anfang Ihres Jubel-Jahres auff dem Franckfurtischen Helicon

frohlockend aufgestellt" Erste Assemblée verlegts Johann Völcker

1706. S. 59.)--

* * * * *

*Bramarbas*

für "Prahlhans" ist dem satirischen Gedichte eines nicht bekannten

Verfassers "Cartell des Bramarbas an Don Quixote" entnommen, das

Philander ~von der Linde~ (Burchard Menke 1675-1732) in der zu

seinen "Vermischten Gedichten", (Leipz. 1710) den Anhang bildenden

"Unterredung von der deutschen Poesie" mitteilt. Hiernach gab

~Gottsched~ ("Deutsche Schaubühne", Leipz. 1741, III) dem Lustspiele

~Holbergs~ "Jacob von Tyboe eller den stortalende Soldat" (oder der

grosssprecherische Soldat), das er in der Übersetzung ~Dethardings~

veröffentlichte, den Titel "Bramarbas oder der grosssprecherische

Officier", weil, wie er sich in der Vorrede äussert, der Name Tyboe "in

unserer Sprache keine Anmut gehabt haben würde"; er setzt hinzu, dass

er diesen Namen dem Philander von der Linde entlehnt habe.--

* * * * *

Ein sorglos bei seinem Tagewerk Singender und überhaupt ein laut

Vergnügter wird gern

*Johann, der muntre Seifensieder*

genannt nach der Anfangs- und Schlusszeile des Friedrich *von

Hagedorn*schen (1708-54) Gedichtes "Johann der Seifensieder" ("Versuch

in poetischen Fabeln und Erzehlungen" 1. Buch, Hamb. 1738). Auch

spricht man kurzweg von einem

*muntren Seifensieder,*

wie denn schon ~Gleim~ ("An die Freude". S. Voss: "Musenalm." f. 1798;

S. 88) dichtet:

"Alle muntren Seifensieder

Sind verschwunden aus der Welt!

Hagedorns und meine Lieder

Singt kein Trinker und kein Held!"

~Hagedorn~ schöpfte den Stoff aus ~La Fontaines~ ("Fables" VIII, 2)

"Le savetier et le financier", nur machte er aus dem "Schuhflicker"

einen "Seifensieder", indem er wohl "savetier" von "savon" ableitete.

Die Moral der Geschichte stammt aus Horaz (Epist. 1, 7, 95): "vitae

me redde priori"; "gieb mich meiner alten Lebensart zurück!"--

* * * * *

*von Haller* (1708-77) sagt in dem Gedichte "Falschheit menschlicher

Tugenden" im "Versuche schweizerischer Gedichte" (1732 in Bern zuerst

anonym erschienen):

"Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist;

Zu glücklich, wann sie noch die äussre Schale weist".

Dieser Behauptung widerspricht ~Goethe~ heftig in den Gedichten

"Allerdings" (1820, 3. Heft der Morphologie) und "Ultimatum" (zuerst in

der Ausg. von 1827). Aus dem Ersteren citieren wir ~Hallers~ Wort also:

*In's Innre der Natur

Dringt kein erschaffner Geist,

Glückselig! wem sie nur

Die äussre Schale weis't!--*

In demselben Buche Hallers (S. 47) steht zu lesen:

"Unselig Mittelding von Engeln und von Vieh!

Du prahlst mit der Vernunft und du gebrauchst sie nie".

~Brockes~ trat in seinem "Irdischen Vergnügen in Gott" (1748; 133. 9,

S. 344) diesen Gedanken breit, dem der Altonaer Goldschmied Joachim

Lorenz ~Evers~ die knappe Form gab:

*Was ist der Mensch? Halb Tier, halb Engel.*

So nämlich beginnt seine Nr. 369 der 1797 erschienenen "Vierhundert

Lieder", die "der geselligen und einsamen Fröhlichkeit gewidmet" sind.

Bemerkt sei hier, dass ~Hallers~ Verse wohl ~Goethe~ ("Faust",

"Prolog im Himmel", 43-44) zu den Worten des Mephistopheles über den

Menschen anregten:

"Er nennt's Vernunft und braucht's allein,

Nur tierischer als jedes Tier zu sein".--

* * * * *

*Sternwarte*

ist ein von *Popowitsch* ("Untersuchungen vom Meere", Frankf. u. Leipz.

1750, S. 89) geschaffener Ausdruck. Nicht ~Haller~ bildete das Wort,

wie ~Jahn~ ("Deutsches Volkstum", VIII, 1, 6) angiebt.--

* * * * *

*Baumgarten* (1714-62) hielt 1742 zu Frankfurt a. O. über die

Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis Vorlesungen, welche er unter dem

Namen "Aesthetica", Frankfurt a. O. 1750-58, herausgab. Daraus entstand

*Aesthetik.--*

* * * * *

*Gellert*s (1715-69) Fabel "Der Tanzbär" (B. 1 der "Fabeln u.

Erzählungen", Lpz. 1746) liefert uns das Begrüssungswort für einen

Heimkehrenden:

*Petz ist wieder da!*

womit die Bären des Waldes sich freudig anbrummen, als der Tanzbär zu

ihnen zurückgekommen ist.--

Aus ~Gellerts~ Erzählung (B. 1): "Die Widersprecherin" haben wir uns

zur Bezeichnung einer Widerspruch liebenden Frau das Wort:

*Der Hecht, der war doch blau*

zurecht gemacht, welches in dieser Form nicht darin vorkommt. Es

handelt sich in der Fabel darum, ob ein Hecht zu blau oder zu wenig

blau gesotten ist; dem Hausherrn ist er's zu wenig, der Hausfrau zu

sehr. Da Jener bei seiner Meinung beharrt, so fällt Ismene darob in

Ohnmacht, aus der sie Nichts zu erwecken vermag. Ihr Tod scheint

gewiss. Der tiefbetrübte Mann bricht in die Klage aus:

"Wer hiess mich dir doch widerstreben,

Ach der verdammte Fisch! Gott weiss, er war nicht blau!"

Den Augenblick bekam sie wieder Leben.

"Blau war er", rief sie aus, "willst Du Dich noch nicht geben?"--

~Gellerts~ Erzählung "Der Greis" (B. 1) schliesst:

(_Er ward geboren,_)

*Er lebte, nahm ein Weib und starb.*

Hiermit ahmte Gellert des ~Chr. Gryphius~ Epigramm nach ("Poetische

Wälder". Anderer Teil. Bresl. u. Leipz. 1718, S. 439):

"Ein sechzigjähr'ger Mann ward unlängst beigesetzt;

Er kam auf diese Welt, ass, trank, schlief, starb zuletzt.--

Die Schlussworte aus ~Gellerts~ Erzählung "Der sterbende Vater" (1748;

B. 2), worin der Vater dem ältesten Sohn ein Juwelenkästchen, dem

jüngeren nichts vermacht, heissen:

*Für Görgen ist mir gar nicht bange,

Der kommt gewiss durch seine Dummheit fort.--*

Aus ~Gellerts~ Erzählung "Das junge Mädchen" (B. 2) wird citiert:

*Vierzehn Jahr' und sieben Wochen,*

womit dies heiratslustige Wesen eine irrige Angabe ihres Vaters

verbessert, als er ihre vierzehn Jahre als Einwand gegen einen

Eheschluss anführt. Es ist die Bearbeitung einer Anekdote im

"Kurtzweiligen Zeitvertreiber" von 1666, S. 351.--

Aus ~Gellerts~ Erzählung "Der Bauer und sein Sohn" (B. 2) führen wir an:

*Die Brücke kommt. Fritz, Fritz! wie wird dir's gehen?*

was auch umgestaltet wird zu:

*Fritz, Fritz! Die Brücke kommt!--*

Weit verbreitet ist eine geschmacklose Travestie des Beginns von

~Gellerts~ "Morgengesang" ("Geistliche Oden und Lieder" 1757):

"Mein erst Gefühl sei Preis und Dank!"--

Aus ~Gellerts~ Liede "Zufriedenheit mit seinem Zustande" (a.a.O.) sind

die Verse:

*Geniesse, was dir Gott beschieden,

Entbehre gern, was du nicht hast.

Ein jeder Stand hat seinen Frieden,

Ein jeder Stand auch seine Last.*

In dem folgenden Liede "Vom Tode" beginnt die zweite Strophe:

*Lebe, wie du, wenn du stirbst,

Wünschen wirst, gelebt zu haben.*

Vielleicht ist dieser Gedanke dem frommen Spruchdichter ~Antoine Faure~

(1551-1624) entlehnt, dessen Quatrain No. 48 (Ausg. v. 1612) lautet:

Puisque tu sais quel moyen il faut suivre

Pour vivre bien, pourquoi ne vis-tu pas

Pour bien mourir ainsi, qu'à ton trépas

Tu voudrais bien avoir su toujours vivre?

Faures Quatrains waren noch im 18. Jahrh. ein sehr verbreitetes

Spruchbuch. Doch mögen Faure und Gellert aus ~Marc Aurel~ geschöpft

haben, der (5, 29) lehrt: "Wie du beim Hinscheiden gelebt zu haben

wünschest, so kannst du jetzt schon leben" (Ὡς ἐξελθὼν ζῆν διανοῇ,

οὕτως ἐνταῦθα ζῆν ἔξεστιν). In des Christian ~Germann~ aus

Memmingen Stammbuch schrieb 1766 ~Gellert~ zu einem Todtenkopf die

Worte:

"Fac ea, quae moriens facta fuisse velis".

(s. "Deutsche Stammbücher" der Brüder Keil. 1893 Nr. 1729).--

* * * * *

*Lichtwer* (1719-83) gab 1748 zu Leipzig "Vier Bücher Aesopischer

Fabeln" ohne Namen heraus. In der 22. Fabel des 1. Buches "Die Katzen

und der Hausherr" lautete, wie in der Ausgabe von 1758, der 1. Vers der

2. Strophe:

Mensch und Tiere schliefen feste,

während in der zu Berlin und Stralsund 1762 mit Namen erschienenen

Ausgabe die Fabel umgeändert ist, mit den Worten

*Tier' und Menschen schliefen feste,*

beginnt und ferner die Worte

*So ein Lied, das Stein erweichen,

Menschen rasend machen kann,*

enthält, welche in den beiden früheren Auflagen gar nicht vorkommen.

Die Fabel schliesst:

*Blinder Eifer schadet nur.--*

Der Anfang von ~Lichtwers~ Fabel (4, 24) "Die Kröte und die

Wassermaus":

"Von dem Ufer einer See

Krochen annoch Abends späte

Eine Wassermaus und Kröte

An den Bergen in die Höh"

begeisterte den Berliner Hofschauspieler ~Rüthling~ zu folgenden

Versen:[20]

"Eines Abends noch sehr späte

Gingen Wassermaus und Kröte

Einen steilen Berg hinan".

"Da sprach die Wassermaus zur Kröte:

Eines Abends es war schon späte

Gehen wir diesen Berg hinan".

"Da sprach zur Wassermaus die Kröte:

Eines Abends noch sehr späte

Gehen wir diesen Berg hinan!"

"Und so gingen Wassermaus und Kröte

Eines Abends noch sehr späte

Diesen steilen Berg hinan".

[Fußnote 20: Zu finden in der Intendanturbibliothek des Berliner Kgl.

Schauspielhauses (Französischestr. 36) als Einlage im Souffleurbuch von

"Richard's Wanderleben" (Lustspiel in 4. Aufz. nach d. Englischen des

John O. Keefe frei bearbeitet v. G. Kettel), zuerst aufgeführt 1831.]

Hieraus hat sich das "geflügelte Wort" gebildet:

*Eines Abends spöte

Gingen Wassermaus und Kröte

Einen steilen Berg hinan ...*

was dann verschieden fortgesetzt zu werden pflegt.--

* * * * *

*Gleim* (1719-1803) sagt in den "Fabeln", Berlin 1756 (anonym), S. 9 am

Schlusse der 4. Fabel: "Der Löwe, der Fuchs":

(_Denn_) *was von mir ein Esel spricht,

Das acht' ich nicht.--*

Im "Musenalmanach für das Jahr 1798", hrsg. von J. H. Voss, dichtet

~Gleim~:

"Beim Lesen eines wizreichen Buchs".

"Wiz auf Wiz!

Bliz auf Bliz!

Schlag auf Schlag!

Ob's auch einschlagen mag?"

Hieraus entstammt unser:

*Witz auf Witz! Schlag auf Schlag!*

vrgl. ~Raupachs~ "Schleichhändler" (1828)2, 9, wo der Bader Schelle

sagt: "Und so ging der Witz immer weiter, Schlag auf Schlag".--

* * * * *

Fr. K. *von Moser* (1723-98) schrieb an ~Hamann~ ein "Treuherziges

Schreiben eines Layen-Bruders im Reich an den

*Magum im Norden*

oder doch in Europa, 1762" (Mosers "Moral. u. pol. Schrift." Bd. 1,

Frankf. a. M. 1766, S. 503). Hamann adoptierte das Wort sofort und

nannte sich

*Magus im Norden* _und_ *Magus des Nordens.--*

* * * * *

Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes · 第 139 / 438 题