Da die Bibel unter allen Büchern der Erde das bekannteste ist, so sind
die Sprachen mit volkstümlichen Ausdrücken aus ihr reichlich getränkt.
So die deutsche Sprache:
"Der Mensch wird nackt geboren wie Adam, er ist keusch wie Joseph,
weise wie Salomo, stark wie Simson, ein gewaltiger Nimrod, der wahre
Jakob, ein ungläubiger Thomas; er ist ein langer Laban, ein Riese
Goliath, ein Enakskind; er lebt wie im Paradiese, dient dem Mammon
und hat Mosen und die Propheten, oder er stimmt, arm wie Lazarus
oder ein blinder Tobias, Jeremiaden an, sehnt sich zurück nach den
Fleischtöpfen Ägyptens, bekommt eine Hiobspost über die andere und
muss Uriasbriefe bestellen, wobei er von Pontius zu Pilatus zu laufen
hat. Vielleicht ist er ein Saul unter den Propheten, ein barmherziger
Samariter oder ein Pharisäer, der Judasküsse giebt; noch schlimmer,
wenn er ein Kainszeichen an der Stirn trägt oder wenn man ihn
zur Rotte Korah zählen muss, aber möglicherweise gehört er zu dem
unschädlichen Geschlechte der Krethi und Plethi, oder er ist nichts als
ein gewöhnlicher Philister. Jedenfalls müssen ihm der Text, die Epistel
und die Leviten gelesen werden, damit er den alten Adam ausziehe und er
nicht länger wie in Sodom und Gomorrha lebe, in ägyptischer Finsternis
und babylonischer Verwirrung. Doch wie dem auch sei, er sehnt sich
danach, alt zu werden wie Methusalem, und wenn es mit ihm Matthäi am
letzten ist, wird er aufgenommen in Abrahams Schoss."
[Fußnote 6: Aus diesem Kapitel (15. Aufl.) ging des Pfarrers Paul
~Grünberg~ sorgfältige Studie "über den Gebrauch und Missbrauch der
Bibel in der deutschen Volks- und Umgangssprache" hervor ("Biblische
Redensarten" Henninger, Heilbronn 1888), der wiederum unsere 17.
Auflage manchen Aufschluss verdankte.]
Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, dass "wahrer Jakob", "langer
Laban", "von Pontius zu Pilatus" (statt: von Herodes zu Pontius
Pilatus) Anlehnungen oder Entstellungen sind.
Neben solchen der Bibel entnommenen Worten, Namen und Redensarten
sind eine Menge biblischer Sprüche im Munde des Volkes, die oft zu
bequemerem Gebrauch umgestaltet, ja sogar profaniert worden sind.
Es wird in dem Folgenden Luthers Bibelübersetzung citiert,[7] denn
diese allein ist seit mehr als drei Jahrhunderten Volksbuch; und so
findet man denn auch, weil sie das Volk aus der Bibel citiert, Worte
hier eingereiht, die streng genommen nicht biblisch, sondern luthersch,
ja sogar manchmal vorluthersch sind. Auch bleibt in diesem Kapitel die
Reihenfolge der Bücher so unchronologisch, wie sie uns durch Luther zur
Gewohnheit wurde.--
[Fußnote 7: Wo in diesem Buche Luthers Werke ohne weiteren Zusatz
citiert werden, ist die Erlanger Ausgabe gemeint.]
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