Geflügelte Worte aus der Bibel.[6]

Da die Bibel unter allen Büchern der Erde das bekannteste ist, so sind

die Sprachen mit volkstümlichen Ausdrücken aus ihr reichlich getränkt.

So die deutsche Sprache:

"Der Mensch wird nackt geboren wie Adam, er ist keusch wie Joseph,

weise wie Salomo, stark wie Simson, ein gewaltiger Nimrod, der wahre

Jakob, ein ungläubiger Thomas; er ist ein langer Laban, ein Riese

Goliath, ein Enakskind; er lebt wie im Paradiese, dient dem Mammon

und hat Mosen und die Propheten, oder er stimmt, arm wie Lazarus

oder ein blinder Tobias, Jeremiaden an, sehnt sich zurück nach den

Fleischtöpfen Ägyptens, bekommt eine Hiobspost über die andere und

muss Uriasbriefe bestellen, wobei er von Pontius zu Pilatus zu laufen

hat. Vielleicht ist er ein Saul unter den Propheten, ein barmherziger

Samariter oder ein Pharisäer, der Judasküsse giebt; noch schlimmer,

wenn er ein Kainszeichen an der Stirn trägt oder wenn man ihn

zur Rotte Korah zählen muss, aber möglicherweise gehört er zu dem

unschädlichen Geschlechte der Krethi und Plethi, oder er ist nichts als

ein gewöhnlicher Philister. Jedenfalls müssen ihm der Text, die Epistel

und die Leviten gelesen werden, damit er den alten Adam ausziehe und er

nicht länger wie in Sodom und Gomorrha lebe, in ägyptischer Finsternis

und babylonischer Verwirrung. Doch wie dem auch sei, er sehnt sich

danach, alt zu werden wie Methusalem, und wenn es mit ihm Matthäi am

letzten ist, wird er aufgenommen in Abrahams Schoss."

[Fußnote 6: Aus diesem Kapitel (15. Aufl.) ging des Pfarrers Paul

~Grünberg~ sorgfältige Studie "über den Gebrauch und Missbrauch der

Bibel in der deutschen Volks- und Umgangssprache" hervor ("Biblische

Redensarten" Henninger, Heilbronn 1888), der wiederum unsere 17.

Auflage manchen Aufschluss verdankte.]

Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, dass "wahrer Jakob", "langer

Laban", "von Pontius zu Pilatus" (statt: von Herodes zu Pontius

Pilatus) Anlehnungen oder Entstellungen sind.

Neben solchen der Bibel entnommenen Worten, Namen und Redensarten

sind eine Menge biblischer Sprüche im Munde des Volkes, die oft zu

bequemerem Gebrauch umgestaltet, ja sogar profaniert worden sind.

Es wird in dem Folgenden Luthers Bibelübersetzung citiert,[7] denn

diese allein ist seit mehr als drei Jahrhunderten Volksbuch; und so

findet man denn auch, weil sie das Volk aus der Bibel citiert, Worte

hier eingereiht, die streng genommen nicht biblisch, sondern luthersch,

ja sogar manchmal vorluthersch sind. Auch bleibt in diesem Kapitel die

Reihenfolge der Bücher so unchronologisch, wie sie uns durch Luther zur

Gewohnheit wurde.--

[Fußnote 7: Wo in diesem Buche Luthers Werke ohne weiteren Zusatz

citiert werden, ist die Erlanger Ausgabe gemeint.]

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Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes · 第 20 / 438 题