Gedenkblatt.[1]

*Georg Büchmann* wurde geboren zu Berlin am 4. Januar des Jahres 1822.

Er besuchte daselbst das Joachimsthalsche Gymnasium bis zum Jahre 1841,

besonders gefördert durch die trefflichen Pädagogen August ~Meineke~

und Ludwig ~Wiese~, und er studierte, ebenfalls in Berlin, anfänglich

Theologie, bald aber, angezogen durch ~Boeckh~ und ~Panofka~,

klassische Philologie und Archäologie bis zum Jahre 1844.

[Fußnote 1: Das Gedenkblatt für Georg Büchmann schrieb ~Walter

Robert-tornow~; den Lebensabriss Robert-tornows verfasste Dr. ~Georg

Thouret~.]

Durch die damals noch herrschende Hegelsche Philosophie gewann er

früh eine glänzende Dialektik. Die Jugendgenossen wissen von seiner

Redegewandtheit und von seinem schlagenden Witz zu berichten; doch

trieb er keinen Missbrauch mit diesen Gaben, denn sein bester Freund

aus jenen und späteren Tagen schreibt über ihn: "Mit der Freude an

seinem Schaffen vereinte er die anspruchsloseste Bescheidenheit. Streng

gegen sich selbst, war er liebevoll gegen Andere, anerkennend und voll

Wohlwollen. Nur der Lüge und hohlen Phrase, oder der Unduldsamkeit

gegenüber konnte er schroff werden."

Nach Absolvierung der Universität nahm ~Büchmann~ in der Nähe von

Warschau eine Hauslehrerstelle an, erlernte dort die polnische Sprache

und erwarb sich im Oktober 1845 in Erlangen den philosophischen

Doktorgrad auf Grund seiner Dissertation "~Über die charakteristischen

Differenzen zwischen den germanischen und slawischen Sprachstämmen~".

Demnächst ging er nach Paris, befestigte seine Kenntnisse in der

französischen Sprache und gab Unterricht an einem dortigen Institut.

Im Jahre 1848 in seine Vaterstadt zurückgekehrt, machte ~Büchmann~

das Lehrerexamen, erledigte das Probejahr am "Collège" und wurde,

nachdem er drei Jahre lang an der Saldernschen Realschule zu

Brandenburg a. d. Havel unterrichtet hatte, im April 1854 Oberlehrer

an der Friedrich-Werderschen Gewerbeschule in Berlin. Hier gehörte

er dreiundzwanzig und ein halbes Jahr hindurch zu den geachtetsten

Lehrkräften und zählte in der von Professor ~Herrig~ gegründeten

"Gesellschaft für neuere Sprachen" zu den Leitsternen.

Hervorragend war Georg ~Büchmanns~ Leichtigkeit in der Aneignung

lebender Sprachen. Das Griechische, Hebräische und Lateinische trieb

er lediglich in den Jugendjahren (nur dass er letzteres noch in

seinen romanischen Abzweigungen, besonders im Provençalischen, eifrig

verfolgte), wählte dann das Französische und Englische zu seinem

Spezialstudium und Lehrgegenstand und machte sich daneben vertraut mit

dem Spanischen, Italienischen, Polnischen, Dänischen und Schwedischen.

Die Ergebnisse seiner Forschungen legte er gelegentlich nieder in

Schulprogrammen und Zeitschriften. So findet sich in den Programmen der

Saldernschen Realschule ausser seiner obenerwähnten Doktordissertation

eine Abhandlung "~Über Wort- und Satzfügung im Neuschwedischen~", in

dem Jahresbericht für 1858 der Berliner Gewerbeschule ein feinsinniger

Essay über ~Longfellow~ und im Herrigschen "Archiv" eine vielbelobte

Arbeit "~Beiträge zur englischen Lexikographie~". Ferner hatte er den

wesentlichsten Anteil an der Neubearbeitung zur sechzigsten Auflage

des ~französischen Wörterbuches von Thibaut~, die er mit ~Wüllenweber~

herausgab.

Auf weitere Kreise suchte Georg ~Büchmann~ zu wirken, als er mit

seinem Schulfreunde Ludwig ~Pomtow~ eine Reihe anmutiger "~Märchen~"

herausgab, deren einige noch heute in Sammlungen fortleben. Auch

hielt er am 22. Januar 1862 im Saale des Berliner Schauspielhauses

einen zündenden Vortrag "~Über den Berliner Adresskalender~", worin

er seine vielseitige Sprachkenntnis zur Erklärung der üblichsten

und der seltsamsten Familiennamen benutzte. Aber das Gebiet seiner

eigensten Befähigung ging ihm erst auf, als er die Bekanntschaft zweier

Werke machte, in denen Engländer und Franzosen ihren Reichtum an

landesüblichen Citaten auszubreiten versuchten.

Diese Bücher führen den Titel: "Handbook of Familiar Quotations"

[Chiefly from English Authors (by J. R. P.). A new Edition. London

1853]--und: "L'Esprit des Autres" [par Edouard ~Fournier~. Paris

1855]. Sie regten Georg ~Büchmanns~ launiges Naturell und seinen durch

grosse Belesenheit unterstützten Scharfsinn zu Forschungen an über die

geistige Scheidemünze aus aller Herren Ländern, welche in Deutschland

umläuft. Bald gelang es ihm, seine Vorgänger durch Stofffülle und

Zuverlässigkeit weit zu übertreffen.

Zunächst hielt ~Büchmann~ nun im Herrigschen Verein, 1863, einen

Vortrag über "gefälschte Citate" und er sprach dann, 1864, im Saale des

Berliner Schauspielhauses über "landläufige Citate" im allgemeinen,

denen er in bestimmter, erweiterter Auffassung (vrgl. die Einleitung)

bei dieser Gelegenheit den seitdem weltbekannten Namen "Geflügelte

Worte" gab. In demselben Jahre noch erschien im bescheidenen Umfange

von 220 Seiten sein Buch "~Geflügelte Worte. Der Citatenschatz des

deutschen Volkes~". Schon aus dem Inhalte dieser ersten Auflage ist

ersichtlich, welche weiten, über den engeren Kreis der landläufigen

Citate im gewöhnlichen Sinne erheblich hinausgehenden Grenzen

~Büchmann~ dem neuen, von ihm geschaffenen sprachwissenschaftlichen

Begriffe des "geflügelten Wortes" zog. In der dreizehnten Auflage, der

letzten von ihm herausgegebenen (1882) schrieb er:

"Die ganz willkürlich gewählte Benennung 'Geflügelte Worte',

welche ich diesem Buche gab, ist allgültig geworden und über

Deutschlands Grenzen hinausgedrungen. Es erschien 1871 in Holland

unter dem Titel 'Gevleugelde Woorden' ein klägliches Machwerk,

welches mich ausbeutete, ohne dass mein Name darin auch nur

erwähnt wurde. Eine sehr erfreuliche, in der Anlage sich eng an

mein Buch anschliessende, aber trotzdem selbständige dänische

Bearbeitung des Stoffes hat 1878 Oscar ~Arlaud~ in Kopenhagen

unter dem Titel 'Bevingede Ord' geliefert und die Citate der

dänischen Sprache hinzugefügt. Im Jahre 1881 liess er ein ebenso

lobenswertes Supplement erscheinen. Arvid ~Ahnfeld~ gab 1880 in

Stockholm eine Citatensammlung unter dem Titel 'Bevingade Ord'

heraus, zu welcher die meinige und Oscar ~Arlauds~ benutzt worden

sind und welche ausserdem die schwedischen und finnischen Citate

bringt".[2]

[Fußnote 2: Italien und Ungarn traten hinzu. "Chi l'ha detto?" des

~Giuseppe Fumagalli~, Mailand 1895 und "Szájrul szájra" (d.h. "von Mund

zu Mund") von ~Tóth Béla~, Budapest 1895.]

Selbstverständlich lockte ~Büchmanns~ und seiner Mitarbeiter

Bienenfleiss bis in die jüngste Zeit hinein manche litterarische

Drohnen herbei, die ihren Plagiaten ein mehr oder minder schäbiges

Mäntelchen umhingen, sich Wörter und Namen aus dem Büchmannschen

Buchtitel aneigneten und die Ausbeutung so gründlich betrieben, dass

sie sogar die Druckfehler mit übernahmen. Einen wesentlichen Abbruch

konnten sie indessen dem Werke ~Büchmanns~ nicht thun, weil die

gebildeten Kreise des deutschen Volkes eine feine Empfindung in Dingen

des litterarischen Anstandes besitzen, und weil ~Büchmanns~ Werk in

jeder neuen Auflage für sich selbst sprach.

Ausserdem, dass seine vortreffliche Arbeit den wohlverdienten Anklang

in den weitesten Kreisen fand, wurde Georg ~Büchmann~ erfreut durch

die Verleihung des Professortitels und des Ordens vom roten Adler.

Es war gut für ihn, dass er nun eine eigene Thätigkeit besass, welche

ihn alle Unbilden des Lebens vergessen machte; denn, krankend an den

Folgen eines schweren Sturzes, musste er sich im Jahre 1877 in den

Ruhestand versetzen lassen. "Alle seine Schüler", so heisst es in dem

Programm der Gewerbeschule vom Jahre 1878, "bewahren der anregenden

und bildenden Kraft seines Unterrichts und der persönlichen Wärme,

die er ihnen entgegentrug, das dankbarste und ehrenvollste Andenken;

alle seine Kollegen zollen ihm ihre Hochachtung, viele verehren in ihm

dankbar ihr Vorbild und Muster in ihrem amtlichen Wirken".

Fortan lebte Georg ~Büchmann~, gepflegt von seiner Gattin, der

bekannten Malerin Helene ~Büchmann~, der wir sein wohlgetroffenes

Bildnis verdanken, das in einer Radierung von Hans Meyer unser Buch

schmückt, ganz der Ausgestaltung seines Werkes, versenkt in das

Studium der Weltlitteratur und angeregt durch einen schliesslich über

neunhundert Namen aufweisenden Briefwechsel.[3]

[Fußnote 3: D.h. die überwiegende Zahl dieser Korrespondenten

wandte sich ~Einmal~ an Büchmann, einige öfters; ein regerer

Gedankenaustausch, wie z.B. mit dem Germanisten Robert ~Hein~, konnte

nur mit sehr Wenigen stattfinden.]

Er hatte in der "Einleitung" jeder Auflage um Zusätze und

Berichtigungen gebeten, und ein solcher Appell an die Philologie

findet in deutschen Herzen immer ein Echo. In der damals von Paul

Lindau redigierten "Gegenwart" vom 27. September 1879 sprach Georg

~Büchmann~ in dem Aufsatz "~Sechshundert Korrespondenten~" seinen

lebhaften Dank aus für den vielfältigen Nutzen, der seiner Sammlung aus

solcher freiwilligen Mitarbeiterschaft erwachsen sei. Gegen Ende dieses

Artikels heisst es:

"'Geflügelte Worte' sind vorhanden. Es war meine Pflicht, sie

zu sammeln und ihren Quellen nachzuspüren. Die Frage, ob ihre

Anwendung nützlich oder schädlich, zu empfehlen oder abzuraten

sei, hatte ich mir nicht vorzulegen. Sie sind als eine Ergänzung

des deutschen Wortvorrats und Wörterbuches zu betrachten. Das

lesende Publikum zollt ihrer Sammlung einen Beifall, der mich

erfreut und mich anspornt, die betretene Bahn nach Kräften zu

erweitern und noch gangbarer zu machen".

Bald nach dem Erscheinen der dreizehnten Auflage der "Geflügelten

Worte", vom Herbst des Jahres 1882 an, sah sich der leidende Autor

genötigt, jeder ernsten Thätigkeit zu entsagen. Ein allmähliches

Hinschwinden aller Lebenskräfte trat ein, und am 24. Februar 1884 gab

ein erlösender Tod ihm die ewige Ruhe.

Sein Name wird unvergessen bleiben, so lange es auf Erden gebildete und

gründliche Deutsche giebt.

* * * * *

*Walter Robert-tornow* wurde am 14. Juli 1852 auf Ruhnow

in Hinterpommern geboren. Zeit seines Lebens blieb ihm das

"Horizontgefühl" seiner Jugend, wie er es nannte, lebendig, und

immer von neuem ergriff ihn die Sehnsucht nach den "weissen, reinen"

Wolken des pommerschen Himmels, nach den rauschenden Buchenkronen

und den hochwipfligen Fichten an den stillen, tiefen Landseen voll

Wasserrosen, und nach den in duftigem Schimmer wogenden Getreidefeldern

seiner vielverlästerten, hinterpommerschen Heimat. Leider war ihm das

köstliche Erbteil des Pommernstammes, die derbe Leibesgesundheit,

versagt. Nie empfand er seine körperliche Gebrechlichkeit schmerzlicher

als im Jahre 1870.

Während einer Kur auf Helgoland lernte der dreijährige Knabe spielend

lesen, d.h. die Kunst, die er später und bis zum letzten Atemzuge als

Handwerk betrieb. Die gehaltvolle Bücherei des Vaters, der nicht nur

in der Landwirtschaft, sondern auch in den Wissenschaften heimisch war,

und die gesunde Luft eines wohlhabenden und hochgebildeten Elternhauses

begünstigten die geistige Entwicklung des begabten Jünglings. Mit

besonderer Vorliebe pflegte gerade er die künstlerischen Traditionen

der Familie, der eine Rahel, die Gattin Varnhagens von Ense, und ihr

Bruder, der Dichter Ludwig Robert, entsprossen waren. Sein Lehrer in

Ruhnow und für immer sein Freund wurde der Philologe Dr. Isler, und

die originelle Lebensanschauung dieses ausgezeichneten Mannes, bei

dem sich Stoizismus und humorvolle Skepsis wundersam mischten, wirkte

nachhaltig auf den Schüler ein. Aus den Epigrammen in ~Robert-tornows~

"Begleitbuch" (Berlin 1888) sprechen verwandte Überzeugungen und

Stimmungen.

Im Sommer 1870 bezog unser Freund die Berliner Universität, um

philologische und kunsthistorische Vorlesungen zu hören. Am meisten zog

ihn zunächst die klassische Philologie an, und er hatte bei gediegenen

Kenntnissen und einem angeborenen Spürsinn das Zeug zum Philologen.

Zum Abschlusse jahrelanger, aber oft unterbrochener Studien schrieb er

eine lateinische Abhandlung "über die symbolische und mythologische

Bedeutung der Bienen und des Honigs bei den Alten", liess aber die

Arbeit liegen und veröffentlichte sie erst volle achtzehn Jahre

später.[4]

[Fußnote 4: De apium mellisque apud veteres significatione et

symbolica et mythologica. Berolini 1893. In das philologische Gebiet

gehört ausserdem seine Herausgabe der 2. Auflage von Abels "deutschen

Personennamen", Berlin 1889.]

Eine Zeit lang zeichnete er neben den Universitätsstudien auf der

Berliner Kunstakademie, weil ein der Familie befreundeter Maler

Portraitiertalent bei ihm entdeckt haben wollte. Diesen Versuch gab er

bald auf; denn Neigung und Talent zogen ihn mächtig zur Poesie. Er übte

und verstand die Kunst, Verse aller Art zu schmieden. Schon bei seiner

Arbeit über die Bienen übertrug er für sich das 4. Buch von Virgils

Georgica in deutsche Jamben, dann machte er sich daran, die Elegieen

des Theognis in Reimen nachzudichten; Versuche aus dem Englischen

schlossen sich später an, bis ihm zuletzt, am Ende seines Lebens, auf

diesem Gebiete ein Meisterwerk gelang: die Übersetzung der "Gedichte

des Michelangelo Buonarotti", die erst nach seinem Tode erscheinen

konnte (Berlin 1896).

Durch unausgesetzte Beschäftigung mit der deutschen Litteratur erwarb

er sich eine aussergewöhnliche Belesenheit. Gute Bücher las er immer

wieder und übte sein an sich starkes Gedächtnis durch Auswendiglernen.

In Lessings Werken fühlte er sich zu Haus, so dass er getrost die

9. Auflage von Stahrs Biographie des Dichters besorgen konnte. Aber

am vertrautesten von allen Dichtern war und blieb ihm Goethe, "sein

Tröster, der, aus Sturm und Drang zur Weisheit gekommen, der Menschheit

ein Meer von Schönheiten erschuf". Auch Heine gehörte zu seinen

Lieblingen, weil ihn dessen Schreibweise bezauberte und sein Schicksal

rührte. Gern wandte er die Mahnung dieses Dichters: "Baue dein Hüttchen

im Thal!" auf sich selbst an. Schon der Umstand, dass Heine nach den

Musikkatalogen der am häufigsten komponierte deutsche Lyriker sein

soll, genügte ihm, um ihn zäh gegen alle Angriffe zu verteidigen. Die

schöne Schrift "Goethe in Heines Werken" (Berlin 1883) darf als die

reifste Frucht seiner liebsten Studien bezeichnet werden.

Unter den deutschen Prosaikern standen die tiefinnerlichen Humoristen

seinem Herzen am nächsten. Scherrs "Michel", Kellers "Grüner Heinrich",

Vischers "Auch Einer", Roseggers "Waldschulmeister" und Reuters

"Stromtid" waren ihm unentbehrliche Bücher, am unentbehrlichsten der

grüne Heinrich.

Im Februar 1877 trat ~Robert-tornow~ noch von Pommern aus in nähere

Beziehungen zu Büchmann und den "Geflügelten Worten". Damals begann

er dem Verfasser Stoff zuzusenden; beide wechselten dann während

dreier Jahre in steigendem Einverständnisse Briefe und wurden endlich

Freunde, als ~Robert-tornow~ i. J. 1880 mit seinen Eltern nach Berlin

übersiedelte.[5] Vier Jahre später starb Büchmann, aber er hatte

sein Werk bereits ganz in die Hände des Freundes gelegt. Auch hätte

er keinen passenderen Nachfolger finden können. Denn Belesenheit und

Gedächtniskraft, Sprachgefühl und Geschmack, Arbeitslust und Musse,

alles fand sich zusammen, um diesen für das verantwortungsvolle Amt

geschickt zu machen.

[Fußnote 5: In das Haus seines verstorbenen Onkels Ferdinand

Robert-tornow Er schilderte das originelle Heim dieses seiner

Zeit berühmten Sammlers und Kunstkenners in einer formvollendeten

Monographie. Vgl. deutsche Rundschau XVII, Dezember 1890.]

Wie der Ährenleser dem Schnitter, so folgte ~Robert-tornow~ Büchmann

nach und sammelte mit demselben Fleisse, den er an seinem Vorgänger

neidlos pries. Stillschweigend besserte er das Vorhandene und führte

die schon von Büchmann angestrebte chronologische Anordnung des

Stoffes innerhalb der einzelnen Kapitel durch. Das reizvolle Kapitel

"Geflügelte Worte aus Sagen und Volksmärchen" ist sein Werk; im ganzen

buchte er 730 neue Citate und Ausdrücke. Ausserdem arbeitete er ein

umfangreiches, durch die Fülle der Schlagwörter nahezu untrügliches

Register aus, um die Benutzung des Buches so bequem wie möglich zu

machen. Endlich gelang ihm, was dem verdienstvollen Begründer trotz

aller Mühe nicht hatte gelingen wollen, nämlich eine feste Definition

für den Begriff eines geflügelten Wortes in sprachwissenschaftlichem

Sinne, die genau mit Büchmanns Absichten übereinstimmt (s. Einleitung).

Genug, er sparte keine Mühe, um das schöne Buch auf der Höhe zu

erhalten. Es wurde ein Stück auch seines Lebens und beeinflusste seinen

eigenen Stil in Poesie und Prosa. Er dichtete am liebsten und besten in

der Epigrammform und verwuchs mit den geliebten "Geflügelten Worten"

so innig, dass er in der Todesstunde nur in Citaten sprach.

Wenn bei einem Buche wie diesem der Erfolg als Massstab für seinen

Wert gelten darf, so erkannte die gebildete Welt ~Robert-tornows~

Weiterarbeit willig an. Denn während bis zu Büchmanns Tode 13 Auflagen

und 57000 Exemplare der "Geflügelten Worte" verbreitet waren, erlebte

~Robert-tornow~ die Freude und gerechte Genugthuung, mit der 18.

Auflage das hundertste Tausend zu erreichen.

Seit dem Jahre 1888 lebte er als Bibliothekar des Königlichen

Hauses in einem heimlichen und anheimelnden Winkel des alten

Hohenzollernschlosses. Gehört Einsamkeit zur Vertiefung und bedeutet

Geselligkeit das beste Gegengift gegen Vergrübeln, ist also

Abwechselung in Beidem das Beste, so führte er hier ein beneidenswertes

Dasein. Hinter diesen gewaltigen Mauern, welche Stille! Hier hauste

er wie ein Zauberer im Märchen. Aber wer ihn suchte und zu finden

wusste, der traf ihn stets aufgeräumt und immer hilfsbereit. Seine

Zelle öffnete sich für alle ehrlichen Seelen. Allen war er da Etwas,

gar manchem Viel, jedem aber etwas Besonderes. Er verstand sich auf

Menschenschicksale. Denn auch in seinem Herzen hatten Leidenschaften

getobt, auch um seine Seele hatten dunkle Gewalten gestritten: er aber

hatte sich in selbsterlebten Liedern frei gesungen und sich zum Siege,

zum echten Lebenshumor durchgekämpft. Nicht unerwähnt darf bleiben,

dass er dankbar die steigende Anerkennung und Gunst des Hofes empfand

und sich über die äusseren Ehrungen, die ihm zu teil wurden, herzlich

freute.

Ward es ihm in der Grossstadt zu eng und zu laut, so flüchtete er

hinaus in den Frieden der Wälder, oder an die See und nach Helgoland,

seiner "Insel der Seligen", oder pilgerte zusammen mit Herman Grimm in

die Tiroler Berge. Ein Besuch Pommerns schloss gewöhnlich solche Reisen

ab.

Obwohl längst mit dem Gedanken an einen frühen Tod vertraut, suchte

und verstand er als echter Lebenskünstler es doch, sein Dasein

auszuspinnen, bis ihn der Tod auf Helgoland am 17. September 1895

überraschte.

~Walter Robert-tornow~ wird seinen bescheidenen Platz in der deutschen

Litteraturgeschichte erhalten. Eine stets schwankende Gesundheit und

übertriebene Selbstkritik beeinträchtigten seine Leistungsfähigkeit.

Auch scheute er die Öffentlichkeit je länger je mehr, obwohl er mit

gespannter Aufmerksamkeit den Kampf der Geister verfolgte. Er liebte

die Arbeit in der Stille, und seine Stärke war die Treue und Sauberkeit

im Kleinen, "in tenui labor", und hierin hat er Grosses für die

"Geflügelten Worte" geleistet. Durch sie wird die Arbeit seines Lebens

Früchte tragen und sein Gedächtnis dauernd fortleben.

Einleitung.

Als Georg ~Büchmann~ im Jahre 1864 zuerst jenen köstlichen Schatz

hob, der unter stetiger Vermehrung den Inhalt des vorliegenden Werkes

bildet, gab er seiner Sammlung den willkürlich gewählten, dem Homer

entlehnten Titel "Geflügelte Worte".

Bis dahin hiess "geflügelte Worte" nur, was es bei Homer heisst,

nämlich "schnell von den Lippen des Redenden enteilende, zum Ohre des

Hörenden fliegende Worte". Weil ~Büchmann~ jedoch unter diesem Namen

einen neuen, von ihm selbst geschaffenen Begriff in die deutsche

Sprachwissenschaft einführte, musste er eine möglichst scharfe

Erklärung Dessen, was er wollte, zu geben versuchen. Er sagte darüber:

"Die allgemeinen Verständigungsmittel der Menschen sind nicht nur

die in ihrer Form fertigen, Jedem zu Gebote stehenden einzelnen

Wörter; es haben sich daneben auch im Laufe der Zeit stehende,

fertige Formen von Wortzusammenstellungen und Gedanken entwickelt,

für welche eine allgemeine Bezeichnung nicht vorhanden ist,

und welche je nach ihrer Natur Redensarten, sprichwörtliche

Redensarten, Sprüche, Sprichwörter u.s.w. genannt werden. Lässt

sich von den meisten dieser Gedankenformen weder die Zeit, in

welcher, noch die Umstände, unter welchen sie entstanden sind,

angeben, so giebt es doch eine Gruppe derselben, die sich auf

einen bestimmten litterarischen oder historischen Ausgangspunkt

zurückführen lassen. Diese sind in dem folgenden Büchlein unter

dem Titel: "Geflügelte Worte" gesammelt und mit den Attesten ihres

oft überraschend versteckten Ursprungs versehen worden; mag der

Name "geflügelte Worte" nun richtig gewählt sein oder nicht. So

viel über den Gedanken und den Namen des Buchs. Der Ausführung des

Gedankens treten namentlich zwei Schwierigkeiten in den Weg; die

Schwierigkeit der Abgrenzung des geflügelten Wortes gegen das

Sprichwort und die andere, festzustellen, ob ein Wort allgemein

genug ist, um den Rang eines geflügelten Wortes beanspruchen zu

dürfen. Was die erstere anbetrifft, so entsteht oft die Frage, ob

ein Schriftsteller ein schon vorher umlaufendes Wort für seine

Zwecke angewendet hat, oder ob er selbst der Schöpfer seines

Worts ist. Denn auch die Sprichwörter fallen nicht wie Manna vom

Himmel; jedes derselben hat seinen speciellen Autor, seinen ersten

Erfinder; viele derselben sind ohne Zweifel Sprüche aus verloren

gegangenen oder noch nicht wieder aufgefundenen Schriftstellern.

Selten nur ist man so glücklich, von dem Schriftsteller selbst zu

erfahren, ob ein Wort, das er anwendet, auf seiner eigenen Mühle

gemahlen oder fremde Ware ist. In zweifelhaften Fällen wird hier

dem Sammler als Regel gelten dürfen, die erste schriftstellerische

Quelle getrost anzumerken und es dann der spätern Forschung

zu überweisen, ob das Wort schon in früheren Tagen im Volke

verbreitet gewesen ist."

Es mag zunächst auffallend erscheinen, dass ~Büchmann~ in der

vorstehenden Erklärung das Wort "Citat" vermeidet. Dies ist kein

Zufall. Der engere Begriff des landläufigen Citates in dem allgemein

üblichen Sinne der ~bewussten Anführung~ eines fremden Satzes deckte

sich nämlich nicht ganz mit dem Inhalte schon der ersten Auflage des

Buches. Schon dort sind als geflügelte Worte verzeichnet die bei uns

landläufigen ~Anwendungen~ von Aussprüchen und Ausdrücken der Dichter,

Denker, Propheten, Redner, Geschichtsschreiber und Mythographen,

~einschliesslich des metaphorischen Gebrauches von Ereignissen und

typisch gewordenen Namen~. Mit dem Untertitel "Citatenschatz des

deutschen Volkes" wollte ~Büchmann~ sein Werk einführen und wenigstens

dem grössten Teile des Inhaltes nach kennzeichnen, soweit er nicht

eine Erweiterung des Begriffes "Citat" überhaupt beabsichtigte. Aus

begreiflichen Gründen wurde denn auch dieser Untertitel beibehalten,

obschon er dem allgemeinen Sprachgebrauche gegenüber zu eng war und

mehrfach zu nicht ganz unberechtigten Bedenken strenger Begriffswächter

Anlass geboten hat. ~Büchmann~ sagte darüber in einer seiner Vorreden,

dass das Buch unter dem alten Titel, unter dem es sich beim Publikum

eingeführt hätte, weiter erscheinen müsse, und dass "weder Autor

noch Verleger das Werk unter einem anderen, als dem gewohnten Namen,

gewissermassen in einer Vermummung dem Publikum vorführen könnten".

~Büchmann~ musste bald erkennen, dass seine erste Erklärung den

Inhalt seines Buches nicht erschöpfte, und so brachte er denn in der

Einleitung zur achten Auflage vom Jahre 1874 den nachfolgenden kürzeren

Versuch:

"In jeder Sprache, so auch in der deutschen, giebt es neben

der unendlichen Fülle von Sprichwörtern, Stich-, Kraft- und

Schlagworten, deren Urheber gänzlich unbekannt sind, eine

verhältnissmässig kleine Zahl solcher Worte, deren Ursprung sich

urkundlich belegen lässt. Letztere sind, soweit sie dem deutschen

Volke angehören, in diesem Buche unter dem Namen 'Geflügelte

Worte' zusammengestellt."

Doch auch diese Erklärung konnte ~Büchmann~ nicht auf die Dauer

befriedigen, daher fasste er sich bald ganz kurz und urteilte:

"'Geflügelte Worte' nenne ich solche Worte, welche, von

nachweisbaren Verfassern ausgegangen, allgemein bekannt geworden

sind und allgemein wie Sprichwörter angewendet werden".

Diese, den Inhalt des Buches ebenfalls nur teilweise deckende

Definition behielt ~Büchmann~ bis in die dreizehnte Auflage letzter

Hand vom Jahre 1882 bei, indem er annahm, dass sein Buch selbst die

beste Definition enthalte.

Erst ~Robert-tornow~ gelang es, eine feste Umgrenzung des Begriffes

"geflügeltes Wort" im Sinne ~Büchmanns~ zu finden. Diese, auch heute

noch gültige Erklärung lautet:

*"Ein geflügeltes Wort ist ein in weiteren Kreisen des

Vaterlandes dauernd angeführter Ausspruch, Ausdruck oder Name,

gleichviel welcher Sprache, dessen historischer Urheber, oder

dessen litterarischer Ursprung nachweisbar ist. Immer muss

man möglichst bestimmt sagen können: '#da# steht es #zuerst#

geschrieben', oder: 'aus #der# Stelle ist es abgeleitet', oder:

'#Der# hat es hervorgerufen', #und#: 'es hat sich bei den

Gebildeten #eingebürgert#'."*

Diese Begriffsbestimmung umschliesst Alles, was ~Büchmann~ in seiner

Sammlung unter dem Namen "Geflügelte Worte" vereinigt hat und steht

daher, weil ~Büchmann~ einen neuen Begriff in die deutsche Sprache

einführte, ebenso ausserhalb der Kritik, wie die Bezeichnung, die der

Finder eines neuen Sternes seiner Entdeckung giebt.

Wenn nun auch hiermit die Definition des "geflügelten Wortes" im

sprachwissenschaftlichen Sinne erledigt ist, so darf doch nicht

übersehen werden, dass auch ihrer Durchführung zwei erhebliche

Schwierigkeiten sich entgegenstellen.

Die erste wurde schon vorhin erwähnt. Sie besteht darin, dass

der Begriff des "landläufigen Citates" sich nicht voll mit dem

"geflügelten Worte" im Sinne ~Büchmanns~ deckt. Diese, wohl unbewusste

Erweiterung, die ~Büchmann~ dem Begriffe "~Citat~" gab, hat mancherlei

Missverständnisse, auch von hochgeschätzter Seite zur Folge gehabt.

Denn viele "geflügelte Worte" im ~Büchmann~schen Sinne sind längst

als "Wörter" in die deutsche Sprache übergegangen und gehören

trotzdem in diese Sammlung, weil ihr historischer oder litterarischer

Ursprung sich nachweisen lässt. Die zweite Schwierigkeit ist noch

grösser, weil sie es nicht mit Einzelnen zu thun hat, sondern mit

dem deutschen Sprachgebrauche überhaupt, der sich des Ausdruckes

"geflügeltes Wort" nach ~Büchmanns~ Einführung immer mehr und mehr

bemächtigte und in dessen Anwendung weit über die Grenzen, die ihm

~Büchmann~ gezogen hatte, im Laufe der Zeit hinausgegangen ist.

Der vulgäre Sprachgebrauch versteht unter einem geflügelten Worte

jeden Ausspruch, der in allgemeinem Gebrauch als Citat von Mund

zu Mund fliegt, gleichgültig ob der historische Urheber oder der

litterarische Ursprung nachweisbar ist oder nicht, und gleichgültig

auch, ob das Wort schon wirklich ~dauernd~ dem deutschen Sprachschatze

einverleibt ist. Diese, durch einen lässigen Sprachgebrauch entstandene

Begriffserweiterung veranlasst nun wieder manche Freunde und Leser

des Buches in ihm Dinge zu suchen, die in dem, durch ~Büchmann~

geschaffenen sprach~wissenschaftlichen~ Sinne gar nicht hineingehören.

Die Herausgeber dieses Buches wissen von der gewaltigen Anzahl von

Zuschriften zu berichten, die oft mit den Ausdrücken des lebhaftesten

Erstaunens angebliche geflügelte Worte in dem Buche vermissen,

~ohne dass dabei daran gedacht wird, dass ein allgemein bekannter

und gebrauchter Ausspruch u.s.w. erst durch den bestimmten Nachweis

seines historischen Urhebers oder litterarischen Ursprungs zu einem

geflügelten Worte wird~. Nur um Beispiele zu erbringen, die sich leicht

ins Hundertfache vermehren liessen, sei hier gesagt, dass Citate wie

"Als ich noch im Flügelkleide in die Mädchenschule ging", "honny soit

qui mal y pense", "sint ut sunt aut non sint", "sic transit gloria

mundi" darum keine geflügelten Worte sind, weil ihr Ursprung bis jetzt

noch nicht hat nachgewiesen werden können. Manche bekannten Redensarten

und Ausdrücke, die in alten Auflagen des Buches als "geflügelt"

standen, sind später wieder in Fortfall gekommen, weil die angegebene

Quelle sich nicht als stichhaltig erwies. Sie mögen in den Büchern der

Plagiatoren, die sich dieses Ausschusses aus alten ~Büchmann~-Auflagen

bemächtigt haben, um den Eindruck grösserer "Reichhaltigkeit" zu

machen, nachgelesen werden.

Zum Kennzeichen des geflügelten Wortes gehört neben der Nachweisbarkeit

seines Ursprunges und seiner Landläufigkeit auch, dass es ~dauernd~

in den Sprachgebrauch der Gebildeten übergegangen ist. Gerade in

dieser Hinsicht muss der Herausgeber doppelt vorsichtig sein, weil

die wandelbare Gunst der Menge schon nach wenigen Jahren oft nichts

mehr von den Schlagworten weiss, die kurz vorher in aller Munde waren.

Und so ist es denn auch kein Zufall, dass in dem vorliegenden Buche

die letzten geflügelten Worte nach zeitlicher Ordnung aus dem Jahre

1888 stammen. Bedachtsam muss hier weiter gearbeitet werden, und immer

muss man an die Weisung denken, die ~Büchmann~ seinen Nachfolgern

hinterliess, dass nämlich die Prüfung, Ordnung und Sichtung des

vorhandenen Inhaltes weit wichtiger wäre als die Vermehrung.

Nur als Curiosum sei erwähnt, dass von manchen Lesern verlangt wird,

es sollten in das Buch auch solche Citate, insbesondere aus unseren

deutschen Klassikern, aufgenommen werden, die zwar noch nicht allgemein

gebräuchlich sind, aber doch verdienten, wegen der Tiefe und Schönheit

der in ihnen enthaltenen Gedanken zu geflügelten Worten zu werden.

Die Erfordernisse eines "geflügelten Wortes" sind also nach den

vorstehenden Darlegungen:

1. dass sein litterarischer Ursprung oder sein historischer Urheber

~nachweisbar~ ist;

2. dass es nicht nur allgemein bekannt ist sondern auch in den

Gebrauch der deutschen Sprache überging und allgemein gebraucht oder

~angewendet~ wird;

3. dass diese Anwendung nicht nur eine zeitweilige, sondern eine

~dauernde~ ist, wobei natürlich "Dauer" nicht "Ewigkeit" heissen soll.

Hinsichtlich der ersten Bedingung ist, soweit sie nicht schon früher

erläutert wurde, zu bemerken, dass historische Forschungen hier wie

anderwärts leicht bis an die Grenze des Mythus führen nach dem Satze,

dass "alles Gescheite schon gedacht worden ist".

Wenn wir Homer, Aesop, die Bibel, oder die Edda als Quellen angeben, so

schwankt die Beantwortung der Frage, ob das betreffende Wort wirklich

da zuerst geschrieben stehe, ganz beträchtlich, ja sie schwankt

eigentlich immer, denn Niemand kann sicher wissen, ob nicht etwa

mancher aus Goethe viel citierte Spruch seine Form oder seinen Inhalt

befreundetem oder anderem Einfluss verdankt. Und dennoch bleibt er ein

"geflügeltes Wort" aus Goethes Werken, denn für uns steht er bestimmt

da zuerst geschrieben, wenn sich keine ältere Parallelstelle nachweisen

lässt. ~Parallelstellen finden aber nur dann Aufnahme, wenn sie für

die Genesis oder für die Wandlungen des "geflügelten Wortes" von

wesentlicher Bedeutung sind; während Parodien nur dann eingeschaltet

werden, wenn deren Urheber erweislich ist.~

Die zweite Bedingung, die Beantwortung der Frage, ob ein Wort so

allgemein geworden ist, dass es "geflügelt" genannt zu werden verdient,

lässt sich nur durch Beobachtung und Umfrage lösen. Von vornherein

muss sich Jeder vor dem Irrtum hüten, als ob ihm und seinen besonderen

Kreisen geläufige Worte deswegen allein schon geflügelte Worte seien,

und als ob ein ihm nicht geläufiges, vielleicht gar nicht bekanntes

Wort deswegen aus der Reihe der geflügelten Worte zu streichen sei.

Obwohl Mancher daran zweifelt, giebt es dabei doch recht untrügliche

Proben. Wird nämlich ein Wort von unbelesenen Leuten überhaupt, oder

von vielen Gedächtnisschwachen falsch, oder von mehreren Witzigen in

übertragener Bedeutung angeführt, dann ist es gewiss ein "geflügeltes";

ist es aber vielen belesenen und gedächtnisfrischen Leuten fremd, dann

ist es schwerlich "geflügelt".

Mit blossem Taktgefühl oder ästhetischem Belieben kommt man bei diesem

Werke nicht weiter. Der Begriff des geflügelten Wortes zieht dem

Sammler strenge Schranken, und es wäre allerdings viel bequemer, dem

Buche durch hineingesprengte Citate eigener leichtfertiger Wahl den

Anschein grösseren Stoffreichtums zu geben.

Bei der Sorgfalt, mit der die Bearbeitung dieser Sammlung länger als

dreissig Jahre hindurch stattgefunden hat, darf gesagt werden, nicht

nur, dass die Hauptarbeit gemacht ist, sondern auch, dass es kaum

geflügelte Worte in irgendwie erheblicher Anzahl geben wird, die der

"Büchmann" nicht verzeichnet. Was aber von bekannten Aussprüchen und

Redensarten hier fehlt, ist in seinem Ursprünge noch nicht nachweisbar

und darum auch nicht "geflügelt".

Nicht ganz so sicher wird man den vorstehenden Satz umkehren können

dahin, dass alle in dieser Sammlung verzeichneten Worte auch

ausnahmslos "geflügelt" sind oder wenigstens einmal "geflügelt"

waren. Manch ein Wort wird wohl als "blinder Passagier" in dem

Schifflein dieses Buches mitschwimmen, ohne sich genügend über seine

Landläufigkeit, soweit sie wenigstens für die Gegenwart noch in Frage

kommt, ausweisen zu können, oder das mit einem Ursprungsatteste

versehen ist, dessen Angaben spätere historische oder litterarische

Forschungen als unrichtig erweisen werden. Jeder, der sich ernstlich

damit befasst, wird merken, dass es nicht leicht ist, die Klasse

der geflügelten Worte aus dem Gesamtschatz aller heimischen und

eingewanderten Worte und Wendungen herauszuheben, und er muss einsehen,

dass auch dem Erfahrenen bei der Bestimmung eines "geflügelten Wortes"

Irrtümer nicht erspart bleiben.

Wenn nun der Sammler geflügelter Worte mit inniger Freude seinen Vorrat

überschaut, weil es ihm immer und immer wieder dabei vor die Seele

tritt, wie hoch der durchschnittliche Bildungsgrad seines Volkes im

Vergleich zu anderen Nationen ist, so ist er doch keineswegs in der

glücklichen Lage Desjenigen, der es sich zur Aufgabe gestellt hat,

die Perlen und Goldkörner, die in reichster Fülle über die deutsche

Litteratur zerstreut sind, zusammenzulesen; er hat es im Gegenteil oft

genug mit dem Staube der Alltäglichkeit zu thun. Zieht Jenen vielleicht

gerade das Ungewöhnliche und Seltene an, so ist er verpflichtet, auf

das Gewöhnliche und Gebräuchliche sein Augenmerk zu richten, mag er

sich auch oft daran erfreuen können, dass das Gebräuchliche zugleich

ein tiefer, schön ausgeprägter Gedanke ist. Nicht der gediegene Inhalt

nämlich macht Worte zu geflügelten, sondern der oft zufällige Eindruck

auf einen grösseren Kreis von Lesern und mehr noch von Hörern. Die

Kanzel, das Theater, das Schulkatheder, die Rednerbühne, der Gesang,

die Zeitschrift sind die Vermittler derselben. Daher kommt es, dass die

dramatische Litteratur ihrer mehr liefert, als die lyrische oder die

epische, und dass aus der lyrischen Poesie mehr solche fliessen, die

komponiert worden sind und gesungen werden, als andere. Daher kommt es

auch, dass mancher Liebling des Volks und der Musen in diesem Buche

unvertreten bleibt, und dass Meisterstücke der Lyrik, ausgezeichnete

Romane, überhaupt Werke, die in den seltenen Stunden stiller Weihe

die Seele erquicken und deren Publikum stets der einzelne Mensch oder

höchstens ein traulich geschlossener enger Kreis ist, eine überaus

geringe Ausbeute zu den geflügelten Worten geben. Diese entstehen auf

dem Markte des Lebens und im Strudel der Öffentlichkeit.

Viele werden das Werk nur als ~Nachschlagebuch~ wert halten und

benutzen, Manche jedoch werden den in ihm behandelten Stoff tiefer

fassen als eine Hilfswissenschaft zur Erkenntnis des Seelenlebens der

Völker. Diesen, unseren eigentlichen ~Lesern~ kann es nicht darauf

ankommen, sich zu merken, wie man richtig zu citieren habe, geschweige

auf oberflächliche Vielwisserei; sondern ihre Grundfrage wird lauten:

"Welche geistigen Strömungen haben Deutschland im 19. Jahrhundert

befruchtet?" "Und was hat Deutschland an die anderen Nationen

weitergegeben?" werden sie fragen, wenn sie die ähnlichen Werke für

Frankreich, Italien, Ungarn, England, Holland, Dänemark und Schweden

vergleichend lesen.

Im 20. Jahrhundert kommen hoffentlich die Deutschen als Spendende

mehr und mehr in Betracht. Allmählich erfüllt sich ja ~Friedrichs des

Grossen~ Prophezeiung: "Il pourra arriver que notre langue polie et

perfectionnée s'étende, en faveur de nos bons écrivains, d'un bout de

l'Europe à l'autre. Ces beaux jours de notre littérature ne sont pas

encore venus: mais ils s'approchent." Schon sind wir längst nicht mehr

nur die Übersetzenden, sondern wir werden auch fleissig übersetzt, und

~Goethes~ "Weltlitteraturepoche" tritt immer lebendiger ans Licht.

Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes · 第 18 / 438 题