»Ich muß jede Vertraulichkeit zurückweisen. Sie haben sich gestern
gegen das Fräulein Schwester meines Herrn Auftraggebers eine tätliche
Beleidigung erlaubt, wofür auf alle Fälle Genugtuung gefordert wird.
Ob Sie sie zu geben imstande sind, entzieht sich noch meiner Kenntnis.
Aber ich möchte um eine bestimmte Erklärung darüber ersuchen -- um eine
~ganz~ bestimmte.«
Rudi war blaß geworden, seine Sicherheit sank, aber sein Hochmut kam
nun stammelnd zum Ausdruck. »Ich verstehe Sie ganz und gar nicht. Mir
alles schleierhaft, was Sie da sagen.«
»Sie leugnen also?«
»Leugnen? Ich muß mir einen derartigen Ausdruck verbitten, denn ich
war gar nicht zu Hause. Habe erst heute davon erfahren.«
»Können Sie mir das mit Ihrem Ehrenwort versichern?«
»Ich gebe Ihnen durchaus nicht die Berechtigung, eine derartige Frage
an mich zu richten.«
»Sie leugnen also doch?« fuhr der Referendar kalt fort.
Rudi sah nach der Uhr und nahm eine herausfordernde Stellung ein. »Ich
verbitte mir jede anzügliche Redensart. Was wünschen Sie also?«
»Vor allem eine bestimmte Erklärung darüber, ob Sie die tätliche
Beleidigung gestern zugeben.«
»Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich von der ganzen Angelegenheit
nichts weiß. Ich bedaure sehr, meine Zeit ist gemessen!«
»Das genügt mir vorläufig. Ich werde meinem Auftraggeber davon
Mitteilung geben.« Referendar Kurz machte denselben gemessenen
Kopfnicker wie zuerst und entfernte sich.
Kornelia stand im Verandasaal und hatte alles mit angehört. Sie war
Emil gerade begegnet, als er mit der zweiten Karte zu ihrem Bruder
hinaufstieg, war diesem vorausgeeilt und hatte ahnungsvoll hier Platz
genommen. »Pfui, was bist Du für ein schlechter Mensch,« sagte sie,
noch zitternd vor Erregung. »Weißt Du, wie die Studenten so etwas
nennen? Kneifen! Wirklich zuviel Ehre, die man Dir antut. Jetzt aber
sitzt Du in der Schlinge. Morgen kommt der Herr sicher wieder, und dann
wird's mit Deiner Feigheit ein Ende haben.«
»Feigheit?« schrie er sie an. »Laß Deine kecken Worte!«
»Ja, Feigheit. Ich wiederhole es. Walter hat Dich wieder nach Hause
kommen sehen und hörte auch, wie Du zum zweiten Male fortgingst. Du
warst also doch oben! Fräulein Frank lügt nicht, aber Du bist voll
Unwahrheit. Laß nur Papa nach Hause kommen, Du sollst schon klein
werden und Abbitte leisten!«
»Ich?«
Es sollte noch ausfallend klingen, aber er verlor seine Haltung und
stand mit verzerrtem Gesicht vor ihr, wie eine entthronte Größe, die
jämmerlich zusammengeschrumpft ist. »Dieser Gnom soll sich lieber um
seine Schularbeiten kümmern!« sprach er hinter ihr her, als sie die
Wendeltreppe hinaufging.
Der Bankdirektor nahm heute sein Diner auffallend rasch ein, so daß
Emil sich beeilen mußte, ihm den üblichen Bericht zu erstatten.
Kaum hatte Roderich die Serviette weggelegt, so ließ er seinen Sohn
herunterrufen. Wenn der Bankdirektor etwas durchführen wollte, ging
er gerade auf sein Ziel los. So sagte er denn kurz: »So, mein Junge,
nun setze Dich hier an meinen Platz, schreibe ein paar höfliche Zeilen
an Fräulein Frank und bitte sie um Verzeihung für Deine -- sagen wir
milde: Unart. Mach, mach -- ich will den Brief gleich wegschicken. Das
übrige mit dem Leutnant werde ich selbst besorgen, damit Du nicht gar
zu beschämt dastehst.«
Rudi strich lächelnd sein Bärtchen. »Aber, Papa, ich bitte Dich, -- das
ist doch nicht Dein Ernst?«
Der Bankdirektor beherrschte sich noch. »Rasch, ich warte nicht lange,
die Brücke ist Dir gebaut.«
Als dann wieder eine Zwischenbemerkung folgte, erhob er in maßlosem
Zorne die Hand. Aber er hatte es nicht nötig, zu schlagen, denn sein
Blick bezwang den Sohn, der unter dieser Drohung sich dazu bequemte,
den Wunsch zu erfüllen.
»So,« sagte Roderich wieder gemütlich und schloß den Brief. »Und nun
noch eins, mein Junge. Berlin ist nichts für Dich, das sehe ich schon.
Es ist zu klein für Deine weitgehenden Ansichten über Fleiß und Moral.
Zum Offizier bist Du verdorben, das wirst Du selbst einsehen, denn die
nötige Tapferkeit bringst Du nicht mit ... Du mußt in ein größeres
Reich mit freieren Anschauungen. Wir wollen den letzten Versuch machen.
Spremberg ist auch eine schöne Gegend, dort kannst Du's noch einmal in
einer Fabrik wagen. Ich werde morgen gleich an einen Geschäftsfreund
schreiben.«
»Ganz wie Du willst, Papa.« Er biß die Zähne zusammen und ging davon.
Noch am selben Tage setzte sich Roderich mit Leutnant Frank in
Verbindung und drückte ihm sein lebhaftes Bedauern über den Vorfall
aus, der durch die bereits erfolgte Abbitte seines Sohnes dem Fräulein
Schwester gegenüber etwas abgeschwächt sei. Trotzdem sei er auch zu
jeder andern Genugtuung bereit, soweit sie sich mit seinem Gefühle
vertrage. Als dann Fröhlich sich bei ihm melden ließ, dauerte die
Aussprache nicht lange, denn Roderich hatte alles getan, was in seinen
Kräften lag.
Schon am Morgen des zweiten Tages schrieb Frank höflich, daß er auf
Wunsch seiner Schwester die Angelegenheit nunmehr für erledigt halte
und zugleich seinen Dank abstatte für das Eingreifen Roderichs, was ihm
völlig genüge.
Agathe atmete auf, denn das Leben Rudis war gerettet. Er hatte ihr
schon einen Schreck eingejagt dadurch, daß er von der »Notwendigkeit
eines Pistolenduells« sprach, bei dem »einer auf dem Platze bleiben«
müsse. Sie konnte nicht einmal im Geiste Schüsse knallen hören, und
schon der Anblick eines Revolvers, den er in seinem Zimmer hatte, ließ
ihre Nervenmusik schrill ertönen.
Fanny kam eines Abends und packte selbst ihre Sachen, und Roderich
benutzte diese Gelegenheit, ihr noch einmal persönlich sein Bedauern
über alles auszusprechen.
Nach einer Woche trat Rudi seine Fahrt an, um sich nun endlich die
»Hörner abzulaufen«, wie sein Vater meinte. Es gab einige Tränen der
Mutter, die aber schließlich fand, daß es so das beste sei. Nun war die
Luft rein, und Kornelia konnte die gelockerten Fäden zwischen Berlin
und Spandau wieder straffer ziehen.
Leutnant Frank kam und machte seinen Besuch, um sich bei Roderich
nochmals für die rasche Erledigung der Angelegenheit zu bedanken,
eigentlich aber war es ihm darum zu tun, sich der Dame seines Herzens
mit einem gewaltigen Schritt zu nähern. Er merkte bald, daß ihm von
Seiten ihres Vaters nichts im Wege stand, und so schied er mit der
Zuversicht, noch vor der Sommerreise der Familie die erste offene
Einladung zu erhalten.
Seitdem Agathe das Wort »Sanatorium« hatte fallen hören, war sie
auffallend liebenswürdig zu ihrem Manne und steckte sich hinter den
Hausarzt, der Roderich plötzlich Vorwürfe machte, wie er ihm zutrauen
könne, jemals einen derartigen Gedanken geäußert zu haben. Er habe das
nur bildlich gemeint und finde die Frau Bankdirektor überhaupt seit
einiger Zeit sehr ruhig. Vier Wochen Schwarzwald oder Tirol würden gute
Dienste tun.
»Ich werde meine Frau nächstens selbst behandeln,« sagte Roderich
grimmig.
»Das sollten Sie nur tun,« warf der Sanitätsrat höflich ein und
bürstete wie gewöhnlich seinen Zylinderhut mit dem Aermel ab. »Aber
liebevoller, wie es sich für Nervöse gehört. Essen Sie wieder zusammen
an einem Tische!«
Roderich lachte, sagte aber nichts. Schließlich versteckte sich auch so
ein alter Junggeselle hinter dem Unterrock seiner Patientin.
Es war am Tage vor der Abreise, als der Bankdirektor noch einmal den
Kandidaten sprach, der nun Ferien bekam und sich verabschieden wollte.
Er hatte sich inzwischen öffentlich verlobt und schwamm in den Wonnen
der Bräutigamszeit, die höher gingen bei dem hoffnungsvollen Ausblick
in die Zukunft.
»Sie haben sich mal beleidigt gefühlt über das Wort ›Familiensklave‹,«
sagte Roderich. »Das war nicht schön von meinem Sohn, aber eine kleine
Genugtuung möchte ich Ihnen doch noch geben. Sehen Sie mich an, ich bin
der größte Sklave meiner Familie, den Sie sich denken können. Sozusagen
einer von sechs Köpfen. Ich bin Direktor einer großen Bank, habe zwei
Häuser und eine Villa und bin das, was man einen reichen Mann nennt.
Aber glauben Sie, daß ich wahrhaft glücklich bin? Ihnen kann ich's ja
sagen, Sie wissen ja, wie's im Hause steht. Etwas Sklaventum steckt in
uns allen, und wenn wir auch noch so stolz den Kopf erheben, heimlich
beugen wir doch den Nacken um des lieben Friedens willen, der uns das
Salz des Lebens ist ... Auf Wiedersehen!«
Der Kandidat nickte aus Höflichkeit. Als er aber dann hinaus war,
dachte er: »Der kann klug reden bei seinen sechs Gängen.« Und seine
Gedanken gingen zurück in all die trübe Zeit, die er durchlebt hatte
in der Demütigung eines gebildeten Mannes. Freiwilliges Sklaventum
war eben ein anderes, als das »der Not gehorchend, nicht dem eigenen
Triebe«.
+Verlag Continent+, Theo Gutmann
Berlin W. 50.
Marie Madeleine:
+Aus faulem Holze+
Novellen
broschiert Mk. 2,50 elegant gebunden Mk. 3,50
Man kann die Verfasserin nicht einen weiblichen Tovote nennen, denn
neben ihr erscheint Tovote grob, in Deutschland bilden diese Skizzen
eine Gattung für sich. In die Hände jugendlicher Personen gehören sie
nicht ...
+Hamburger Fremdenblatt.+
Marie Madeleine, eine ohne Frage sehr impulsive Individualität, ist
ein Vulkan, der glühende Lava und heiße Steine auswirft.
+Königsberger Hartung'sche Zeitung.+
Die Verfasserin vereinigt in diesen Novellen die Grazie eines
Boccacio, die künstlerisch-freie, virtuose Darstellung eines
Maupassant mit der bewußten und absichtlichen Schlüpfrigkeit eines
Paul de Kock ...
+Frankfurter Oder-Zeitung.+
Dreizehn leichtfüßige Geschichtchen, die so graziös erzählt werden,
daß man die Verfasserin für eine Französin halten könnte. Man liest
das geschmackvoll modern ausgestattete Büchlein in einem Zug bis
zu Ende, um es dann -- noch einmal zu lesen. Der poetische Reiz,
der den Geschichtchen eigen ist, erhebt sie turmhoch über die
bekannte »Lektüre für die Lebewelt«, obwohl sie ausnahmslos sehr
freie Stoffe in einer noch freieren Weise behandeln. Die Grazie
der Wiedergabe läßt aber nicht das leiseste Unbehagen aufkommen.
Wahre Kabinettstücke sind die Novellen »Aus faulem Holze«, »Einsam«,
»Gentleman«, »Prinzessinnen« und »Das Renommee«. Daß diese amüsante
Novellensammlung fleißig gekauft werden wird, ist sicher.
+Das litt. Deutsch-Oesterreich, Wien.+
Eine gewisse prickelnde Grazie, die mit zierlicher Eleganz über
trübe Lachen hinwegzutänzeln weiß, wird man diesen Novellen nicht
absprechen können, und zuweilen erfreut man sich an einem fein und
duftig gemalten Pastellbildchen.
+Schlesische Zeitung, Breslau.+
* * * * *
Marie Madeleine:
+Arme Ritter+, Roman
broschiert Mk. 3,50 elegant gebunden Mk. 5,--
* * * * *
Marie Madeleine:
+Frivol+, Roman
broschiert Mk. 3,-- gebunden Mk. 4,--
Max Kretzer:
+Treibende Kräfte+, Roman
broschiert Mk. 4,-- gebunden Mk. 5,--
....... Von einzelnen Zügen muß gerühmt werden, daß sie ~nur
ein Meister~ wiedergeben kann: Das lukullische Mahl in der
Wannsee-Villa des Kommerzienrates, die Abrechnung Leos mit Vater
und Brüdern. Das Düstere, das über dem Ganzen schwebt, durchbricht
der ewig heitere Humor des Münchener Dichters Pauli. Obgleich nur
Nebenfigur, gehört dieser Heitere mit zu den Besten von Kretzers
»Treibenden Kräften.«
+Dr. S. B. Vossische Zeitung.+
Der Mitschöpfer des Berliner Romans bleibt auch diesmal seinem immer
meisterlich behandelten Milieu, dem der grandiosen Maschinenarbeit,
treu und baut auf diesem Plan ein Bild treibenden Schaffens auf von
~packender~ und manchmal ~dramatischer Wucht~, ohne dabei
der intimen Detailzeichnung, die die einzelnen Figuren zu geradezu
plastischer Gestaltung bringt, Abbruch zu tun. ~Zweifelsohne eines
der bedeutendsten Werke der letzten Zeit.~
+Neueste Nachrichten, Chemnitz.+
...... Berlin, das brodelnde, das unternehmungslustige, schaut
uns entgegen, Berlin, wie es lacht und weint, arbeitet, faulenzt,
spekuliert. Berlin mit seinen Lastern und Lüsten, seiner Ueppigkeit
und seinem Elend, seiner bestrickenden und erstickenden,
weltstädtischen und doch wieder lokalen Eigenart. Es gehört schon ein
Meister dazu, um aus diesem Milieu eine klassische Großstadtpoesie zu
gestalten, und ~solch ein Meister ist Max Kretzer~.
+D. A. S. Leipziger Neueste Nachrichten.+
Fred Schirokauer:
+Ilse Isensee+, Roman
broschiert Mk. 3,-- elegant gebunden Mk. 4,--
von der Kritik als hervorragendes Werk bezeichnet.
Es ist eine farbenprächtige, doch von jeder Ueberschwenglichkeit
freie Schilderung, die er in Ilse von Isensee gibt, einem Vollweib
an Körper und Geist, das in edlem Streben und im Kampfe mit den
konventionellen Lügen der Gesellschaft aus ihrem Leben »etwas
Lichtes, so eine Art Kunstwerk« machen will, um dessenwillen es sich
lohne, all das Häßliche zu tragen, welches das Menschendasein mit
sich bringt. Die Sehnsuchtsgedanken der Heißblütigen nehmen etwas
eigentümlich Renaissancehaftes an und streifen manchmal scharf an
der Grenze der Sinnlichkeit entlang. Für sie ist das große Rätsel
des Lebens gelöst, wenn sie ergründen und finden kann, was die Welt
zusammenhält, die Liebe. Im ganzen betrachtet aber, ist Schirokauers
»Ilse Isensee« ein Werk, ~das verdient, aus der Romanflut unserer
Tage gerettet zu werden~.
+Vossische Zeitung, Berlin.+
* * * * *
~Soeben erschienen~:
Fred Schirokauer:
+Satan+, Roman
broschiert Mk. 3,50 gebunden Mk. 5,--
Stefan von Kotze: