Eine Stunde später war im Hause Roderich großer Aufruhr. Fräulein war
fortgegangen und nicht wiedergekommen. Emma hatte es berichtet und war
erstaunt, durch Fanny in ihrer Wache nicht abgelöst zu werden. Nun war
Kornelia alles klar, und die Eltern teilten ihre Ueberzeugung, daß nur
die Schwester es gewesen sein könne, die den Bruder zu dem raschen
Aufbruch veranlaßt habe. Man horchte das Hausmädchen aus, ohne die
gewünschte Aufklärung zu bekommen. Auch der Kandidat hatte sich nicht
mehr sehen lassen, und so war auch kein Grund zu der Annahme, er könnte
die Veranlassung zu Fannys Flucht gewesen sein; denn nicht anders war
ihre Handlungsweise aufzufassen. Sang- und klanglos war sie davon
gegangen, ohne ihre Sachen mitzunehmen.
Kornelia, von dunklen Ahnungen erfüllt, stieg hinauf zu Rudi und
klopfte: das Nest war leer. Das Rätsel blieb für sie ungelöst, da
Emma berichtete, »der junge Här« sei gleich nach acht Uhr fortgegangen
und habe ausdrücklich zum Diener gesagt, daß er erst spät wiederkommen
werde; man möchte es den Eltern bestellen, falls sie fragen sollten.
Frau Agathe, die heute nach all der Aufregung die blühendste Einbildung
hatte, war sofort geneigt, die Skandalszene im Hause nach ihrer Art
auszulegen. »Ihr irrt Euch alle, sie war gar nicht drüben! Die hat
Rudi angestiftet, mit ihr auszureißen. Paßt auf, es ist so! Jetzt wird
endlich alles ans Licht kommen. Und wer wird recht haben? Ich! Sie hat
neulich schon alles umgedreht, als die Sprache darauf kam.«
»Worauf denn?« warf Roderich überrascht ein. »Das ist ja etwas ganz
Neues?«
»Na, jetzt kannst Du es ja auch wissen, Papa,« sagte Kornelia ruhig.
»Sie hat schon viel unter Rudis Unausstehlichkeiten zu leiden gehabt,
und ich ahne beinahe etwas Schlimmes, aber anders, wie Mama es tut.«
»Und das habt Ihr mir alles nicht gesagt?« Der Bankdirektor vergaß ganz
die Nachtruhe, die ihm heute besonders nötig tat, denn er hatte sich
schließlich müde gekneipt. Erregt ging er in dem großen Familienzimmer
auf und ab, in jener Stimmung, die fleißige Sekttrinker oft überkommt,
wenn sie von plötzlicher Munterkeit gepackt werden. Er war heute
besonders kampflustig, das sah man ihm an. »Es wäre ja ein Skandal für
unsere ganze Familie, wenn der Junge von schlimmen Instinkten geleitet
worden wäre. Und so etwas spielt sich hinter meinem Rücken ab!«
»Der arme Kandidat, er tut mir wirklich leid,« fuhr Agathe, unberührt
davon, in ihrer Meinung fort. Sie sah ihn plötzlich wieder in den
Vordergrund gerückt, nachdem das Traumbild der Uniform so schnell
verflogen war. Sie ahnte selbst, daß schlimme Dinge heranziehen würden.
»Bekümmere Dich nur nicht wieder um den Kandidaten, der wird sich schon
ohne Dich helfen. Geh nur und leg Dich schlafen! Morgen ist auch noch
ein Tag, und da wird sich das weitere finden!«
»Adolf, Du wirst wieder brutal. Das hab' ich nun davon. Ich wollte
gleich nicht in den Zoologischen gehen. Aber Ihr hattet Euch beide
gegen mich verschworen! Ihr steckt ja immer unter einer Decke. So einen
kleinen Leutnant anzuschleppen, von dem zwölfe auf ein Dutzend gehen.
Das war wieder so Nelis Art --. Immer nach ihrem Kopf, darin kommt sie
ganz nach Dir!«
»Gott sei Dank!« brauste Roderich wieder auf.
Frau Agathe lachte, weil sie dieses Lob lächerlich fand. Die
Sektgeister rumorten ebenfalls in ihr, und so waren ihre Nerven heute
merkwürdig abgestumpft, was sie durch ihren Widerstand zu erkennen gab.
»Ihr solltet doch lieber sehen, ob Rudi nicht seinen Koffer gepackt
hat. Vielleicht hat er gar Geld von Dir genommen. Geh und sieh einmal
nach! Ich hab' ihn nicht erzogen. Gute Nacht!«
Ungeniert hatte sie sich bereits die Taille aufgeknöpft, und so ging
sie nun in ihr Ankleidezimmer, wo Emma bereits auf sie wartete.
Kornelia stand schweigend am Fenster und weinte. Als Roderich das sah,
trat er auf sie zu und fragte leise nach dem Grund. Sein Rausch war
plötzlich verflogen, denn diese Ereignisse gingen ihm durch den Kopf.
»Wenn man schon ein bißchen Glück in Aussicht hat, dann wird's einem
wieder gründlich verdorben,« schluchzte sie auf. »Wenn nur endlich
einer käme und würde mich hier herausnehmen, ich wollte ihm schon
folgen bis ans Ende der Welt. Was sind wir denn, wir reichen Mädels!
Wahl bringt immer Qual.«
Er wurde gerührt und tröstete sie, indem er mit der Hand über ihre
Wange fuhr und sie auf ihr seidenweiches Haar küßte, dessen natürlichen
Duft er mit väterlicher Liebe so gerne einsog. »Laß nur, was ich tun
kann zu Deinem Glück, das tu ich. Mein Wort darauf. Schlaf nur jetzt
erst!«
Er drückte noch einen Kuß auf ihre Stirn und ging dann noch einmal
hinunter in sein Arbeitszimmer, weil er die Ruhe noch nicht finden
konnte.
In dieser Nacht blieb Rudi außer dem Hause. Es kam öfters vor,
daß er bei einem Freunde in Lichterfelde übernachtete, wenn er an
schönen Tagen hinausgefahren war, und so traf auch richtig am Morgen
von dort ein Telegramm ein, daß er erst mittags kommen werde. Der
Bankdirektor war heute früher als sonst aus den Federn und zeigte sich
sehr ungemütlich über diese Nachricht, denn gerne hätte er sich den
Aeltesten gleich beim Kaffee vorgenommen. Er mußte heute früher fort,
und so konnte er sich mit dem Vorgang nicht weiter befassen. Man müsse
abwarten, was am Tage kommen werde, sagte er zu seiner Frau; auf alle
Fälle solle man ihn sofort durch den Fernsprecher benachrichtigen.
Zehn Uhr war längst vorüber und Fröhlich erschien nicht, wodurch die
Angelegenheit noch verwickelter wurde und Frau Roderich Grund bekam,
neue ungeheuerliche Vermutungen zu hegen. Sie übertrug nun die Rolle
Rudis auf den Kandidaten. Entschieden sei das Brautpaar gestern abend
zusammengetroffen, habe sich in Berlin vergnügt, und Fräulein habe
darüber ihre Pflicht vergessen.
Kornelia war ratlos; sie konnte nur dasselbe befolgen, was der Vater
für das Beste erklärt hatte: abzuwarten. Erst um zwölf Uhr erschien
der Kandidat und wünschte sehr aufgeregt die Hausherrin zu sprechen.
Gleich am frühen Morgen hatte er in einem Rohrpostbriefe von Fanny
die nötige Mitteilung erhalten, war sofort zu ihr geeilt und nun
hierhergekommen, um bittere Klage zu erheben. Nun aber erlebte er eine
kleine Enttäuschung, als ihn die Gnädige höflich aber kühl empfing. Ihr
Traum hatte ein Ende, das sah sie ein, und so wollte sie die Ehre des
Hauses nach jeder Richtung wahren.
»Ich stehe der ganzen Angelegenheit völlig interesselos gegenüber,«
sagte sie mit einem Heben ihrer runden Schultern, ohne diesmal den
leisesten Versuch zu machen, ihn zum Platznehmen zu bewegen. »Ich muß
Sie schon bitten, sich heute nachmittag an meinen Mann zu wenden.
Uebrigens war es durchaus unrecht von Fräulein, so ohne weiteres das
Haus zu verlassen. Ich bin in die größte Verlegenheit gekommen.«
»Recht war es, durchaus recht, Frau Bankdirektor,« erwiderte er mit
scharfer Betonung. »Meiner Braut muß Genugtuung nach jeder Richtung
werden.«
Sie erhob sich zu ihrer ganzen Größe. »Ja, was für eine Sprache führen
Sie denn, Herr Kandidat!«
»Die Sprache des anständigen Mannes, der über gewisse Dinge mit sich
einig ist. Ich bitte ergebenst, mich von dem Unterricht heute zu
entbinden. Ich bin nicht in der Verfassung --.«
»O gewiß, gewiß,« säuselte sie. »Sicher wird mein Mann Sie auch ganz
und gar von Ihrer Verpflichtung entbinden, falls Sie es wünschen.«
Er war betroffen und sagte nichts mehr, denn auf diese Wendung war er
nicht gefaßt gewesen. Er hatte Sonnenschein sehen wollen, und empfing
nun das Dunkel der drohenden Zukunft, das ihn mit Bangen erfüllte. Er
verbeugte sich stumm und ging. Draußen drückte er nur flüchtig seinem
Schüler die Hand, der sich aber an seinen Arm hängte und ihn bis auf
den Treppenflur begleitete. »Ich kann mir schon denken, Herr Kandidat,
weshalb Sie Kummer haben,« sagte er zum Abschied. »Aber ich stehe auf
Ihrer Seite. Ich lasse mich von keinem andern unterrichten. Sie sollen
sehen, ich halte Wort.«
Eine Stunde später kam ein eleganter Herr, wünschte Herrn Roderich
junior zu sprechen und übergab dem Diener seine Karte mit dem Bemerken,
daß er nachmittag zwischen drei und vier Uhr in einer dringenden
persönlichen Angelegenheit wiederkommen werde.
Emil fand nichts Besonderes darin und legte die Karte in des jungen
Herrn Zimmer, ohne den Damen etwas davon zu sagen.
Kurz vor zwei stellte sich Rudi wie ein ahnungsloser Engel ein. Er
hatte gestern auf alles geachtet, was Fanny tat, bevor sie das Haus
verließ, und war zum zweiten Male fortgegangen, wenigstens beruhigt
darüber, daß sie den Lärm unten nicht fortgesetzt hatte. Und so spielte
er den Erstaunten, als Frau Roderich ihn mit den Worten überfiel:
»Rudi, was hast Du getan! Du wirst uns noch die Polizei ins Haus
bringen! Papas Zorn kennt keine Grenzen.«
Auf dem Korridor hatte ihm Emma bereits gesteckt, daß Fräulein
»ausgerissen« sei, und so war er auf alles gefaßt. Seine Schauspielerei
hätte der Mutter in der Zeit ihrer schönsten Triumphe Ehre gemacht.
Die durchzechte Nacht noch in den Gliedern, der ein schlechter Schlaf
gefolgt war, wehrte er sich mit großer Entrüstung, so daß es laut durch
das Zimmer dröhnte. »Das traust Du mir zu, Mama? Na, da hört aber alles
auf! Das ist ja wieder mal der reine Ueberfall von Euch, für alles
soll ich verantwortlich sein! Wer weiß, wer ihr da oben einen Schreck
eingejagt hat. Bräute sehen ja überall männliche Gespenster. Ich war
nicht hier, was geht mich die Geschichte an.«
Das Essen wurde schon aufgetragen, und da die Kinder diesmal wieder bei
Tisch waren, schwieg man sich in dumpfer Schwüle aus. Endlich sagte er,
um zu beweisen, daß er alle Vorgänge in der Familie überwache: »Wann
werden denn die Verlobungsringe bestellt, Neli? Heimliche ist wohl
gestern schon gefeiert worden? Ihr habt ja da sehr gemütlich mit meinem
zukünftigen Schwager zusammengesessen. Ich bin auch mal so'n bißchen
drüben durchgestrichen, aber nicht lange. Ich wollte Euch nicht stören!«
»Ja, weshalb bist Du denn nicht heraufgekommen?« warf Frau Roderich
ein. »Wir dachten, Du wärst ganz wo anders.«
»Er hatte vielleicht ein böses Gewissen, Mama,« sagte Kornelia und
erhob sich mit den Kindern, da sie fertig mit dem Essen war. Er lachte
spöttisch hinter ihr her und rief ihr nach: »Na, mit Deinem Leutnant
nehm ich's noch auf.«
»Renommiere nur nicht zu früh,« war ihre Antwort, bevor sie die Türe
schloß.
Er war kaum in seinem Zimmer und hatte die Karte gelesen, als auch
schon der Diener kam und zum zweiten Male denselben Herrn meldete,
der unten im Empfangssalon warte. Rudi konnte nicht anders, er mußte
hinunter. Zuvor aber warf er einen Blick in den Spiegel, zog seine
kleinen Taschenbürsten hervor, strich sich die Haare glatt und
versuchte auch dem kleinen Schnurrbärtchen die möglichste Form »Es ist
erreicht!« zu geben.
Unten erwartete ihn ein sehr forsch aussehender junger Mann mit einem
Schmiß auf der Stirn, der in einem hellgrauen Anzug steckte und es für
nötig gefunden hatte, weder Hut noch Stock wegzulegen.
»Referendar Kurz,« stellte er sich mit einer gemessenen Verbeugung vor.
Rudi machte einen erhabenen Kopfnicker. »Darf ich bitten, Platz zu
nehmen?«
»Danke sehr. Unsere Angelegenheit kann im Stehen erledigt werden. Ich
komme im Auftrage des Herrn Leutnants Frank. Es dürfte Ihnen nicht
unbekannt sein, worum es sich handelt.«