XXI.

Eine Stunde später war im Hause Roderich großer Aufruhr. Fräulein war

fortgegangen und nicht wiedergekommen. Emma hatte es berichtet und war

erstaunt, durch Fanny in ihrer Wache nicht abgelöst zu werden. Nun war

Kornelia alles klar, und die Eltern teilten ihre Ueberzeugung, daß nur

die Schwester es gewesen sein könne, die den Bruder zu dem raschen

Aufbruch veranlaßt habe. Man horchte das Hausmädchen aus, ohne die

gewünschte Aufklärung zu bekommen. Auch der Kandidat hatte sich nicht

mehr sehen lassen, und so war auch kein Grund zu der Annahme, er könnte

die Veranlassung zu Fannys Flucht gewesen sein; denn nicht anders war

ihre Handlungsweise aufzufassen. Sang- und klanglos war sie davon

gegangen, ohne ihre Sachen mitzunehmen.

Kornelia, von dunklen Ahnungen erfüllt, stieg hinauf zu Rudi und

klopfte: das Nest war leer. Das Rätsel blieb für sie ungelöst, da

Emma berichtete, »der junge Här« sei gleich nach acht Uhr fortgegangen

und habe ausdrücklich zum Diener gesagt, daß er erst spät wiederkommen

werde; man möchte es den Eltern bestellen, falls sie fragen sollten.

Frau Agathe, die heute nach all der Aufregung die blühendste Einbildung

hatte, war sofort geneigt, die Skandalszene im Hause nach ihrer Art

auszulegen. »Ihr irrt Euch alle, sie war gar nicht drüben! Die hat

Rudi angestiftet, mit ihr auszureißen. Paßt auf, es ist so! Jetzt wird

endlich alles ans Licht kommen. Und wer wird recht haben? Ich! Sie hat

neulich schon alles umgedreht, als die Sprache darauf kam.«

»Worauf denn?« warf Roderich überrascht ein. »Das ist ja etwas ganz

Neues?«

»Na, jetzt kannst Du es ja auch wissen, Papa,« sagte Kornelia ruhig.

»Sie hat schon viel unter Rudis Unausstehlichkeiten zu leiden gehabt,

und ich ahne beinahe etwas Schlimmes, aber anders, wie Mama es tut.«

»Und das habt Ihr mir alles nicht gesagt?« Der Bankdirektor vergaß ganz

die Nachtruhe, die ihm heute besonders nötig tat, denn er hatte sich

schließlich müde gekneipt. Erregt ging er in dem großen Familienzimmer

auf und ab, in jener Stimmung, die fleißige Sekttrinker oft überkommt,

wenn sie von plötzlicher Munterkeit gepackt werden. Er war heute

besonders kampflustig, das sah man ihm an. »Es wäre ja ein Skandal für

unsere ganze Familie, wenn der Junge von schlimmen Instinkten geleitet

worden wäre. Und so etwas spielt sich hinter meinem Rücken ab!«

»Der arme Kandidat, er tut mir wirklich leid,« fuhr Agathe, unberührt

davon, in ihrer Meinung fort. Sie sah ihn plötzlich wieder in den

Vordergrund gerückt, nachdem das Traumbild der Uniform so schnell

verflogen war. Sie ahnte selbst, daß schlimme Dinge heranziehen würden.

»Bekümmere Dich nur nicht wieder um den Kandidaten, der wird sich schon

ohne Dich helfen. Geh nur und leg Dich schlafen! Morgen ist auch noch

ein Tag, und da wird sich das weitere finden!«

»Adolf, Du wirst wieder brutal. Das hab' ich nun davon. Ich wollte

gleich nicht in den Zoologischen gehen. Aber Ihr hattet Euch beide

gegen mich verschworen! Ihr steckt ja immer unter einer Decke. So einen

kleinen Leutnant anzuschleppen, von dem zwölfe auf ein Dutzend gehen.

Das war wieder so Nelis Art --. Immer nach ihrem Kopf, darin kommt sie

ganz nach Dir!«

»Gott sei Dank!« brauste Roderich wieder auf.

Frau Agathe lachte, weil sie dieses Lob lächerlich fand. Die

Sektgeister rumorten ebenfalls in ihr, und so waren ihre Nerven heute

merkwürdig abgestumpft, was sie durch ihren Widerstand zu erkennen gab.

»Ihr solltet doch lieber sehen, ob Rudi nicht seinen Koffer gepackt

hat. Vielleicht hat er gar Geld von Dir genommen. Geh und sieh einmal

nach! Ich hab' ihn nicht erzogen. Gute Nacht!«

Ungeniert hatte sie sich bereits die Taille aufgeknöpft, und so ging

sie nun in ihr Ankleidezimmer, wo Emma bereits auf sie wartete.

Kornelia stand schweigend am Fenster und weinte. Als Roderich das sah,

trat er auf sie zu und fragte leise nach dem Grund. Sein Rausch war

plötzlich verflogen, denn diese Ereignisse gingen ihm durch den Kopf.

»Wenn man schon ein bißchen Glück in Aussicht hat, dann wird's einem

wieder gründlich verdorben,« schluchzte sie auf. »Wenn nur endlich

einer käme und würde mich hier herausnehmen, ich wollte ihm schon

folgen bis ans Ende der Welt. Was sind wir denn, wir reichen Mädels!

Wahl bringt immer Qual.«

Er wurde gerührt und tröstete sie, indem er mit der Hand über ihre

Wange fuhr und sie auf ihr seidenweiches Haar küßte, dessen natürlichen

Duft er mit väterlicher Liebe so gerne einsog. »Laß nur, was ich tun

kann zu Deinem Glück, das tu ich. Mein Wort darauf. Schlaf nur jetzt

erst!«

Er drückte noch einen Kuß auf ihre Stirn und ging dann noch einmal

hinunter in sein Arbeitszimmer, weil er die Ruhe noch nicht finden

konnte.

In dieser Nacht blieb Rudi außer dem Hause. Es kam öfters vor,

daß er bei einem Freunde in Lichterfelde übernachtete, wenn er an

schönen Tagen hinausgefahren war, und so traf auch richtig am Morgen

von dort ein Telegramm ein, daß er erst mittags kommen werde. Der

Bankdirektor war heute früher als sonst aus den Federn und zeigte sich

sehr ungemütlich über diese Nachricht, denn gerne hätte er sich den

Aeltesten gleich beim Kaffee vorgenommen. Er mußte heute früher fort,

und so konnte er sich mit dem Vorgang nicht weiter befassen. Man müsse

abwarten, was am Tage kommen werde, sagte er zu seiner Frau; auf alle

Fälle solle man ihn sofort durch den Fernsprecher benachrichtigen.

Zehn Uhr war längst vorüber und Fröhlich erschien nicht, wodurch die

Angelegenheit noch verwickelter wurde und Frau Roderich Grund bekam,

neue ungeheuerliche Vermutungen zu hegen. Sie übertrug nun die Rolle

Rudis auf den Kandidaten. Entschieden sei das Brautpaar gestern abend

zusammengetroffen, habe sich in Berlin vergnügt, und Fräulein habe

darüber ihre Pflicht vergessen.

Kornelia war ratlos; sie konnte nur dasselbe befolgen, was der Vater

für das Beste erklärt hatte: abzuwarten. Erst um zwölf Uhr erschien

der Kandidat und wünschte sehr aufgeregt die Hausherrin zu sprechen.

Gleich am frühen Morgen hatte er in einem Rohrpostbriefe von Fanny

die nötige Mitteilung erhalten, war sofort zu ihr geeilt und nun

hierhergekommen, um bittere Klage zu erheben. Nun aber erlebte er eine

kleine Enttäuschung, als ihn die Gnädige höflich aber kühl empfing. Ihr

Traum hatte ein Ende, das sah sie ein, und so wollte sie die Ehre des

Hauses nach jeder Richtung wahren.

»Ich stehe der ganzen Angelegenheit völlig interesselos gegenüber,«

sagte sie mit einem Heben ihrer runden Schultern, ohne diesmal den

leisesten Versuch zu machen, ihn zum Platznehmen zu bewegen. »Ich muß

Sie schon bitten, sich heute nachmittag an meinen Mann zu wenden.

Uebrigens war es durchaus unrecht von Fräulein, so ohne weiteres das

Haus zu verlassen. Ich bin in die größte Verlegenheit gekommen.«

»Recht war es, durchaus recht, Frau Bankdirektor,« erwiderte er mit

scharfer Betonung. »Meiner Braut muß Genugtuung nach jeder Richtung

werden.«

Sie erhob sich zu ihrer ganzen Größe. »Ja, was für eine Sprache führen

Sie denn, Herr Kandidat!«

»Die Sprache des anständigen Mannes, der über gewisse Dinge mit sich

einig ist. Ich bitte ergebenst, mich von dem Unterricht heute zu

entbinden. Ich bin nicht in der Verfassung --.«

»O gewiß, gewiß,« säuselte sie. »Sicher wird mein Mann Sie auch ganz

und gar von Ihrer Verpflichtung entbinden, falls Sie es wünschen.«

Er war betroffen und sagte nichts mehr, denn auf diese Wendung war er

nicht gefaßt gewesen. Er hatte Sonnenschein sehen wollen, und empfing

nun das Dunkel der drohenden Zukunft, das ihn mit Bangen erfüllte. Er

verbeugte sich stumm und ging. Draußen drückte er nur flüchtig seinem

Schüler die Hand, der sich aber an seinen Arm hängte und ihn bis auf

den Treppenflur begleitete. »Ich kann mir schon denken, Herr Kandidat,

weshalb Sie Kummer haben,« sagte er zum Abschied. »Aber ich stehe auf

Ihrer Seite. Ich lasse mich von keinem andern unterrichten. Sie sollen

sehen, ich halte Wort.«

Eine Stunde später kam ein eleganter Herr, wünschte Herrn Roderich

junior zu sprechen und übergab dem Diener seine Karte mit dem Bemerken,

daß er nachmittag zwischen drei und vier Uhr in einer dringenden

persönlichen Angelegenheit wiederkommen werde.

Emil fand nichts Besonderes darin und legte die Karte in des jungen

Herrn Zimmer, ohne den Damen etwas davon zu sagen.

Kurz vor zwei stellte sich Rudi wie ein ahnungsloser Engel ein. Er

hatte gestern auf alles geachtet, was Fanny tat, bevor sie das Haus

verließ, und war zum zweiten Male fortgegangen, wenigstens beruhigt

darüber, daß sie den Lärm unten nicht fortgesetzt hatte. Und so spielte

er den Erstaunten, als Frau Roderich ihn mit den Worten überfiel:

»Rudi, was hast Du getan! Du wirst uns noch die Polizei ins Haus

bringen! Papas Zorn kennt keine Grenzen.«

Auf dem Korridor hatte ihm Emma bereits gesteckt, daß Fräulein

»ausgerissen« sei, und so war er auf alles gefaßt. Seine Schauspielerei

hätte der Mutter in der Zeit ihrer schönsten Triumphe Ehre gemacht.

Die durchzechte Nacht noch in den Gliedern, der ein schlechter Schlaf

gefolgt war, wehrte er sich mit großer Entrüstung, so daß es laut durch

das Zimmer dröhnte. »Das traust Du mir zu, Mama? Na, da hört aber alles

auf! Das ist ja wieder mal der reine Ueberfall von Euch, für alles

soll ich verantwortlich sein! Wer weiß, wer ihr da oben einen Schreck

eingejagt hat. Bräute sehen ja überall männliche Gespenster. Ich war

nicht hier, was geht mich die Geschichte an.«

Das Essen wurde schon aufgetragen, und da die Kinder diesmal wieder bei

Tisch waren, schwieg man sich in dumpfer Schwüle aus. Endlich sagte er,

um zu beweisen, daß er alle Vorgänge in der Familie überwache: »Wann

werden denn die Verlobungsringe bestellt, Neli? Heimliche ist wohl

gestern schon gefeiert worden? Ihr habt ja da sehr gemütlich mit meinem

zukünftigen Schwager zusammengesessen. Ich bin auch mal so'n bißchen

drüben durchgestrichen, aber nicht lange. Ich wollte Euch nicht stören!«

»Ja, weshalb bist Du denn nicht heraufgekommen?« warf Frau Roderich

ein. »Wir dachten, Du wärst ganz wo anders.«

»Er hatte vielleicht ein böses Gewissen, Mama,« sagte Kornelia und

erhob sich mit den Kindern, da sie fertig mit dem Essen war. Er lachte

spöttisch hinter ihr her und rief ihr nach: »Na, mit Deinem Leutnant

nehm ich's noch auf.«

»Renommiere nur nicht zu früh,« war ihre Antwort, bevor sie die Türe

schloß.

Er war kaum in seinem Zimmer und hatte die Karte gelesen, als auch

schon der Diener kam und zum zweiten Male denselben Herrn meldete,

der unten im Empfangssalon warte. Rudi konnte nicht anders, er mußte

hinunter. Zuvor aber warf er einen Blick in den Spiegel, zog seine

kleinen Taschenbürsten hervor, strich sich die Haare glatt und

versuchte auch dem kleinen Schnurrbärtchen die möglichste Form »Es ist

erreicht!« zu geben.

Unten erwartete ihn ein sehr forsch aussehender junger Mann mit einem

Schmiß auf der Stirn, der in einem hellgrauen Anzug steckte und es für

nötig gefunden hatte, weder Hut noch Stock wegzulegen.

»Referendar Kurz,« stellte er sich mit einer gemessenen Verbeugung vor.

Rudi machte einen erhabenen Kopfnicker. »Darf ich bitten, Platz zu

nehmen?«

»Danke sehr. Unsere Angelegenheit kann im Stehen erledigt werden. Ich

komme im Auftrage des Herrn Leutnants Frank. Es dürfte Ihnen nicht

unbekannt sein, worum es sich handelt.«

Familiensklaven · 第 29 / 33 题