Das berühmte Wort des Generals von Clausewitz: »Der Krieg ist eine
bloße Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln« will nicht besagen,
daß während des Kriegszustandes der Krieg die Politik ersetze.
Clausewitz selbst hat die Auffassung abgelehnt, als »ob der Krieg von
dem Augenblick an, wo er durch die Politik hervorgerufen ist, an ihre
Stelle treten, als etwas von ihr ganz Unabhängiges sie verdrängen
und nur seinen eigenen Gesetzen folgen« könnte. Er hat ausdrücklich
betont, daß, da der Krieg von einem politischen Zweck ausgeht, dieses
erste Motiv, das ihn ins Leben gerufen hat, auch die erste und höchste
Rücksicht bei seiner Leitung bleiben muß, daß die Politik also den
ganzen kriegerischen Akt durchziehen und einen fortgesetzten Einfluß auf
ihn ausüben werde, wozu er allerdings die Einschränkung macht: »soweit
es die Natur der in ihm explodierenden Kräfte zuläßt«. Aber die Politik
muß nicht nur die höchste Rücksicht bei der Leitung des Krieges bleiben,
wie es dem Verhältnis von Zweck und Mittel entspricht, sondern es muß
ihr auch freistehen, neben dem außerordentlichen Mittel des Krieges,
d. h. der militärischen Gewaltanwendung, sich aller anderen ihr während
des Kriegszustandes überhaupt noch zu Gebote stehenden Mittel zu
bedienen. Wenn man diese anderen Mittel nichtkriegerischer Art unter
dem Namen der »Diplomatie« zusammenfaßt, so heißt das: Die Diplomatie
als Mittel der Politik ist durch den Kriegszustand nur so weit
ausgeschaltet, als ihre praktische Anwendung durch den Kriegszustand
unmöglich gemacht ist; im übrigen gehen auch während des Kriegszustandes
die kriegerischen und diplomatischen Aktionen als Mittel der Politik
nebeneinander her. Aufgabe der Staatslenker -- und zwar eine meist nur
mangelhaft gelöste Aufgabe -- ist es, für die Einheitlichkeit und das
planmäßige Ineinandergreifen der beiden Arten von Mitteln zu sorgen, die
Mittel dem Zweck anzupassen und, soweit es sich als nötig herausstellt
-- denn die Politik bleibt die Kunst des Möglichen -- den Zweck nach den
Möglichkeiten, die ihr die Mittel bieten, zu modifizieren -- das was man
kurz die »Einheit von Politik und Kriegführung« nennt.
Der Krieg, der im Sommer 1914 über uns hereinbrach, war für uns die
Fortsetzung der Politik der Verteidigung unseres Rechtes auf nationale
Existenz und auf friedliche Entfaltung unserer Volkskraft gegenüber
einer Koalition, die uns schon vor Kriegsausbruch dieses Recht auf
dem Wege der diplomatischen Einkreisung zu verkümmern gesucht hatte.
Gegenüber einer uns und unsern Verbündeten an Menschen und Machtmitteln
weit überlegenen Koalition. Gerade die Übermacht der Feinde war für
uns in besonderem Maße eine Nötigung, jedes für die Erreichung unseres
Kriegszwecks geeignete Mittel in Wirksamkeit zu setzen, sowohl auf
den Gebieten der eigentlichen Kriegführung wie auf dem Gebiete der
Diplomatie. Gleichzeitig brachte diese Nötigung zur äußersten Anspannung
aller Mittel in verstärktem Maße die Gefahr, daß die Einheit von Politik
und Kriegführung verlorengehe. Wenn wir den Krieg nicht nur militärisch,
sondern auch diplomatisch zu führen hatten, wenn wir angesichts der
Gefahr, von der feindlichen Übermacht militärisch und wirtschaftlich
erdrückt zu werden, genötigt waren, mit diplomatischen Mitteln
Friedensmöglichkeiten zu erschließen und einem weiteren bedrohlichen
Zuwachs für die feindliche Koalition vorzubeugen, so konnten sich
daraus Konflikte ergeben mit der Notwendigkeit der Einsetzung aller
militärischen Erfolg versprechenden Kriegsmittel.
Diese Konfliktsgefahr ist praktisch geworden in der Frage des
U-Bootkriegs.
Seit jenem Tirpitz-Interview vom Dezember 1914 hat die Hoffnung, mit
unsern U-Booten England, die Seele und den Zusammenhalt der feindlichen
Mächtekoalition, zu Tode treffen und damit den Krieg in kurzer Zeit zu
einem guten Ende führen zu können, immer höhere Flammen geschlagen.
Aber schon die ersten Versuche, dieses Kriegsmittel einzusetzen, zeigten
seine Zweischneidigkeit; sie offenbarten die Gefahr, daß die Anwendung
dieses Kriegsmittels die Neutralen, vor allem die Vereinigten Staaten,
veranlassen könnte, sich auf die Seite unserer Gegner zu schlagen.
Dadurch mußten nicht nur die Aussichten, ohne die kaum erreichbare
völlige Niederwerfung unserer Feinde zum Frieden zu kommen, aufs
äußerste beschränkt werden, sondern auch die feindliche Koalition eine
Verstärkung erfahren, die zu unserm Verhängnis zu werden drohte.
So begleitete der Widerstreit von Friedensbemühung und U-Bootkrieg vom
Ausgang des Jahres 1914 an das gewaltige Ringen an den Fronten und die
aufopfernde Kriegsarbeit in der Heimat, er führte zu den schwersten
Konflikten zwischen den für das Schicksal Deutschlands verantwortlichen
Männern und wühlte unser Volk bis in seine Tiefen auf.