Die Mobilmachung und der Aufmarsch unserer Truppen vollzogen sich mit
der größten Ordnung und Präzision. Der Kriegsminister hat mir gegen
Abschluß der Mobilisationsperiode erzählt, daß nicht eine einzige
Rückfrage der Generalkommandos bei der Zentralinstanz erforderlich
gewesen sei. Am 16. August, nach Vollendung des Aufmarsches, begab sich
der Kaiser mit dem Großen Hauptquartier in aller Stille von Berlin nach
Coblenz.
Inzwischen harrte das deutsche Volk mit atemloser Spannung der ersten
Nachrichten von den Kriegsschauplätzen.
Mit besonderer Sorge blickte mancher nach der Nordsee in der Erwartung,
daß die dort versammelte britische Flotte, das gewaltigste Geschwader,
das je die Welt gesehen hatte, ohne Zögern zu dem so oft angekündigten
Vernichtungsschlage gegen unsere junge Marine ausholen werde. Aber der
erwartete Angriff erfolgte nicht. Die britischen Kriegsschiffe begnügten
sich mit der Jagd auf wehrlose deutsche Handelsschiffe und dem Anhalten
neutraler Fahrzeuge, von denen sie im Widerspruch zu allem Völkerrecht
deutsche Passagiere und deutsches Gut herunterholten. Dagegen lösten
einige kühne Taten unserer Marine großen Jubel aus, so gleich in den
ersten Tagen des Krieges der Durchbruch der »Göben« und der »Breslau«
durch ein starkes feindliches Geschwader bei Sizilien und ihr Einlaufen
in die Dardanellen, vor allem aber die Versenkung der drei englischen
Kreuzer durch das U-Boot des Kapitänleutnants Weddigen.
Von den Kriegsschauplätzen zu Lande kam die erste wichtige Nachricht
am Morgen des 7. August: ein von einer kleinen Truppe unternommener
Handstreich auf Lüttich sei nicht geglückt. Um so freudiger wurde
am Abend desselben Tages die Nachricht aufgenommen, daß die Festung
Lüttich in unseren Händen sei. Das war der erste große Erfolg. Er war zu
verdanken dem vor nichts zurückschreckenden Draufgängertum des damaligen
Generalmajors Ludendorff und der alle bisherigen Begriffe übersteigenden
Wirkung unserer 42-cm-Geschütze, die mit ihren Geschossen auf große
Entfernungen die stärksten Panzertürme wie irdene Töpfe zerschlugen.
Nun war die erste Bresche gelegt. Es folgte der unaufhaltsame Vormarsch
unserer Truppen durch Belgien, die Besetzung von Brüssel, die Einnahme
von Namur und die Schlachten bei Mons, Charleroi, Dinant, Neufchâteau
und Longwy, in denen unsere Armeen sich den Weg nach Frankreich bahnten;
dann die wuchtigen Schläge, die das britische Hilfskorps in viertägiger
Schlacht von le Cateau und Landrecies über Cambrai und St. Quentin warf
und großenteils vernichtete. Inzwischen hatte die Armee des bayrischen
Kronprinzen die in das deutsche Lothringen eingedrungenen Franzosen
zwischen Metz und den Vogesen gefaßt und in einer großen Schlacht
geschlagen. Kleinere Mißerfolge, wie die Schlacht von Mülhausen, in der
die geplante Abschnürung der französischen Truppen nicht gelang, taten
dem erfreulichen Gesamtbilde keinen Eintrag. Unaufhaltsam schienen sich
die gewaltigen deutschen Heeresmassen vorwärts zu wälzen und jeden
Widerstand vor sich zu zerbrechen. Am 4. September konnte der Kaiser in
Luxemburg, wohin inzwischen das Große Hauptquartier verlegt worden war,
zu mir sagen: »Wir haben heute den fünfunddreißigsten Mobilmachungstag.
Reims ist von unsern Truppen besetzt, die französische Regierung hat
ihren Sitz nach Bordeaux verlegt, unsere Kavalleriespitzen stehen 50
Kilometer vor Paris!«
Freilich, als ich am Abend desselben Tages, vor meiner Rückreise in die
Heimat, den Chef des Generalstabs des Feldheeres besuchte, erhielt das
glänzende Bild, das ich mir aus den Berichten über die Siege und den
Vormarsch unserer Truppen gemacht hatte, einen ernsten Schatten. Ich
fand den Generalobersten von Moltke keineswegs in froher Siegesstimmung,
sondern ernst und bedrückt. Er bestätigte mir, daß unsere Vortruppen
50 Kilometer vor Paris standen; »aber« -- fügte er hinzu -- »wir haben
in der Armee kaum mehr ein Pferd, das noch eine andere Gangart als
Schritt gehen kann.« Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Wir wollen
uns nichts vormachen. Wir haben Erfolge gehabt, aber wir haben noch
nicht gesiegt. Sieg heißt Vernichtung der Widerstandskraft des Feindes.
Wenn sich Millionenheere gegenüberstehen, dann hat der Sieger Gefangene.
Wo sind unsere Gefangenen? Einige zwanzigtausend in der Lothringer
Schlacht, da noch zehntausend und dort vielleicht noch zwanzigtausend.
Auch die verhältnismäßig geringe Zahl der erbeuteten Geschütze zeigt
mir, daß die Franzosen sich planmäßig und in Ordnung zurückgezogen
haben. Das Schwerste steht uns noch bevor!«
Die folgenden Tage brachten die große französische Gegenbewegung, die
man sich gewöhnt hat, als die »Marneschlacht« zu bezeichnen. Trotz
taktischer Erfolge unseres schwer angegriffenen rechten Flügels endigten
die Kämpfe mit einem strategischen Rückzuge. Unsere Generalstabsberichte
zeigten in den kritischen Tagen eine Zurückhaltung, die unserm Volk den
Ernst der Lage nicht zum Bewußtsein kommen ließ. Die damals bei uns noch
nicht veröffentlichten französischen und englischen Heeresberichte der
zweiten Septemberwoche strömten über von Siegesjubel. Namentlich die
französischen Berichte ließen unsere Armeen in voller Auflösung und in
unaufhaltsamer Flucht erscheinen. Auch die privaten Nachrichten, die von
der Front ihren Weg nach der Heimat fanden, lauteten nicht ermutigend.
Es waren für den Wissenden sorgenvolle Tage und schlaflose Nächte.
Allmählich klärte sich die Lage. Unsere Armeen hatten eine stark
befestigte Verteidigungsstellung zwischen Noyon, nördlich Reims und
Verdun bezogen, an der sich der französische Gegenstoß endgültig brach.
Französisch-englische Versuche, uns durch Überflügelung in der rechten
Flanke zu fassen, wurden abgewiesen, wiederholten sich aber immer
wieder, und zwar fortschreitend in nördlicher Richtung. Alle Versuche
des Feindes, durchzubrechen und unsere rückwärtigen Verbindungen zu
bedrohen, wurden in heftigen Kämpfen, so bei Bapaume und Albert,
abgewiesen.
Mit der Einnahme von Antwerpen am 9. Oktober und der bald darauf
folgenden Besetzung von Ostende war für unsern rechten Flügel eine
starke Anlehnung an die Nordsee gewonnen. Aber unserem Versuche, mit dem
Einsatz unserer besten Kraft an der Yser und bei Ypern die feindliche
Front zu zerbrechen, die Heere der Verbündeten vom Meere abzudrängen und
sie endgültig zu überflügeln, blieb, trotz des beispiellosen Heldenmutes
unserer Freiwilligen-Regimenter und aller unsagbaren Opfer, der Erfolg
versagt. Nachdem der Feind zur Unterstützung seiner erlahmenden
Widerstandskraft das Meer ins Land hereingelassen und den größten Teil
des Kampfgeländes in Sumpf und See verwandelt hatte, flaute im November
nach einer letzten gigantischen Anstrengung bei Ypern das furchtbare
Ringen ab. Auch hier erstarrte der Kampf zum Stellungskrieg. Ebenso
blieben unsere Versuche, auf unserm linken Flügel die Sperrfortkette
Verdun-Toul zu sprengen, trotz einzelner Erfolge im ganzen fruchtlos.
Der Feldzug auf dem westlichen Kriegsschauplatze war im November auf
der ganzen Linie zum Stehen gekommen. Die Hoffnungen auf eine schnelle
Entscheidung und ein baldiges Ende des Krieges mußten begraben werden.
Auch im Osten war inzwischen schwer gekämpft worden. Gleich nach
Ausbruch der Feindseligkeiten hatte es sich gezeigt, wie weit die
russische Mobilmachung an unsern Grenzen bereits vorgeschritten war.
Unsere in Ostpreußen stehenden schwachen Kräfte wurden alsbald von einer
großen Armee angegriffen und mußten, trotz heldenhafter Gegenwehr,
wertvolle Teile der Provinz dem Feinde preisgeben. Sengend und brennend,
plündernd und mordend ergossen sich die russischen Horden über das
blühende Land. Das über Erwarten rasche Vordringen des Feindes, die
verzweifelten Hilferufe der Einwohner und die Entrüstung über die
russische Barbarei bestimmten unsere Oberste Heeresleitung, früher
als ursprünglich geplant eine Gegenaktion in die Wege zu leiten. Der
General von Hindenburg, der kurz vor dem Kriege seinen Abschied genommen
hatte, wurde zum Führer der neuzubildenden Ostarmee ausersehen, der
Generalmajor Ludendorff wurde zu seinem Stabschef ernannt. Dem Genie
der beiden sich gegenseitig auf das Glücklichste ergänzenden Feldherren
gelang es, in den Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen
die gewaltige russische Übermacht vernichtend zu schlagen und unsere
Ostmark vom Feinde zu befreien. Der Jubel in ganz Deutschland war
grenzenlos. Die Namen Hindenburg und Ludendorff waren in aller Munde;
ihre mit einem Schlage gewonnene Volkstümlichkeit ist während des ganzen
Krieges von keinem andern Feldherrn oder Staatsmann auch nur annähernd
erreicht worden.
Aber auch die ostpreußischen Schlachten führten, so groß der Erfolg
war, keine Entscheidung herbei. Unsere österreichisch-ungarischen
Bundesgenossen hatten im südlichen Polen und in Galizien schwere
Niederlagen erlitten. Die Bukowina und der größte Teil von Galizien
mußten preisgegeben werden, und die Russen schickten sich an, über
den Karpathenkamm nach Ungarn einzudringen. Ein kraftvoller Vorstoß
Hindenburgs gegen Warschau und der Österreicher gegen Iwangorod
mußten abgebrochen werden. Schlesien erschien auf das Äußerste
bedroht, und Ostpreußen erlebte einen zweiten Russeneinfall. Wenn es
auch gelang, Ostpreußen zum zweitenmal zu befreien, die Gefahr für
Schlesien abzuwenden und den Krieg erneut nach Polen zu tragen, so
gestattete gegen die Wende des Jahres 1914 die Lage auf dem östlichen
Kriegsschauplatz keine Täuschung darüber, daß auch von hier keine
schnelle Entscheidung und kein baldiges Kriegsende zu erwarten war. Was
im ersten jähen Ansturm in West und Ost nicht geglückt war, den Feind
vernichtend zu schlagen und ihn zu einem unser und unserer Verbündeten
Dasein sichernden Frieden bereit zu machen, das konnte jetzt nur noch
von zähem Kampf und entschlossenem Durchhalten erwartet werden. Vielen
wurde es jetzt erst bewußt, vor welche Schicksalsprobe unser Volk
gestellt war.