Die Liturgie der Gläubigen

Im geschlossenen Altarraum breitet der Priester auf dem heiligen

Hochaltar das Antiminsion oder Corporale aus -- ein Tuch, auf dem der

Körper des Heilands abgebildet ist --, worauf das von ihm während des

Offertoriums zubereitete Brot und der mit Wasser und Wein gefüllte Kelch

gestellt werden, die jetzt im Angesicht aller Gläubigen vom Seitenaltar

herbeigetragen werden. Das Corporale, das der Priester über den

Hochaltar breitet, soll an die Zeiten der Christenverfolgungen erinnern,

als die Kirche noch kein ständiges Heim hatte; man bediente sich damals,

da der Altar nicht von einem Ort zum anderen getragen werden konnte,

dieses Tuches sowie einzelner Stücke von Reliquien; dies Corporale ist

noch heute im Gebrauch, um anzudeuten, daß die Kirche auch heute noch

nicht an ein einzelnes bestimmtes Haus, an eine Stadt oder an einen Ort

gebunden ist, sondern wie ein Schiff noch auf den Wellen dieser Welt

schwebt, ohne irgendwo vor Anker zu gehen, denn ihr Anker ruht im

Himmel. Nachdem also der Priester das Corporale ausgebreitet hat, tritt

er vor den Tisch, wie wenn er das erstemal vor ihn hinträte und als ob

er sich erst jetzt für die eigentliche heilige Handlung vorbereite: in

der ersten christlichen Zeit wurde nämlich der Altar erst in diesem

Augenblick geöffnet, bis dahin blieb er geschlossen und verhängt, weil

ja die Katechumenen noch anwesend waren, und erst jetzt begannen die

eigentlichen Gebete der Gläubigen. Der Priester fällt in dem noch immer

geschlossenen Altarraum vor dem Tische nieder und betet zwei Gebete der

Gläubigen, in denen er Gott bittet, seine Seele zu reinigen, und Ihn

anfleht, ihn gerecht vor den heiligen Altar treten zu lassen, auf daß er

würdig werde, das Opfer reinen Gewissens darzubringen. Der Diakon steht

indessen auf der Kanzel inmitten der Kirche, einen Engel darstellend,

der die Gemeinde zum Gebet anfeuert; er hält die Gebetstola mit drei

Fingern empor und ruft alle Gläubigen zu denselben Gebeten auf, mit

denen die Liturgie der Katechumenen begann.

Alle Gläubigen sind bemüht, ihre Herzen mit einem einträchtigen,

friedlichen, versöhnlichen Gefühl zu erfüllen, das jetzt noch

notwendiger ist, und rufen: »Herr, erbarme Dich!«; sie beten noch

inbrünstiger und flehen Gott um den höheren Frieden, um Errettung

unserer Seelen, um den Frieden der Welt, die Wohlfahrt der Kirchen

Gottes und ihre Einigung an; sie beten für diesen heiligen Tempel und

für die, die ihn andächtig und gottesfürchtig betreten, und bitten Gott,

Er möge sie vor Kummer, Zorn und Not bewahren. Und sie rufen noch

inbrünstiger in ihrem Herzen: »Herr, erbarme Dich!«

Der Priester ruft aus dem Inneren des Altarraumes: »Höchste Weisheit!«,

womit er andeutet, daß dieselbe höchste Weisheit, derselbe ewige Sohn,

Der in Gestalt des Evangeliums ausging, das Wort auszusäen, daraus wir

Belehrung schöpfen, wie wir leben sollen, Sich jetzt in das heilige Brot

verwandeln wird, um Sich für die ganze Welt aufzuopfern. Alle Anwesenden

bereiten sich, aufgerüttelt durch diese Vorstellung, begeistert auf den

nunmehr bevorstehenden hochheiligen Gottesdienst vor und richten ihre

Gedanken auf ihn. Der Priester, der die Liturgie zelebriert, betet leise

bei sich, fällt vor dem Tische nieder und spricht folgendes erhabene

Gebet: »Keiner, der noch durch fleischliche Lüste und Genüsse gefesselt

wird, ist würdig, sich Dir zu nahen, vor Dich hinzutreten oder Dir zu

dienen, Herr der Liebe; denn Dein Dienst ist groß und furchtbar, selbst

für die himmlischen Mächte. Allein da Du in Deiner unermeßlichen

Menschenliebe wahrhaftig und ewiglich Mensch, da Du selbst Hoherpriester

wurdest und selbst das Sakrament dieses Gottesdienstes und dieses

unblutigen Opfers einsetztest, als Herr unser aller -- denn Du allein, o

Gott, herrschst über alle himmlischen und irdischen Geschöpfe und

sitzest auf dem Throne, der von Cherubim getragen wird, Gott der

Seraphim und König von Israel, Der Du allein heilig bist und in den

Heiligen wohnest --, so flehe ich Dich an, Dich, den Einen, Guten, sieh

herab auf mich armen Sünder und Deinen unwürdigen Knecht, reinige meine

Seele und mein Herz von bösen Gedanken und mache mich würdig, bekleidet

mit der priesterlichen Gnade, mache mich würdig durch die Macht Deines

Heiligen Geistes, vor Deinen Tisch zu treten und Deinen heiligen reinen

Leib und Dein gerechtes Blut zu konsekrieren. Ich trete vor Dich hin,

beuge meinen Nacken und bete zu Dir: wende Dein Angesicht nicht von mir

ab und verstoße mich nicht aus der Schar Deiner Knechte, sondern laß es

geschehen, daß diese Deine Gaben Dir dargebracht werden durch mich

Unwürdigen. Denn Du bist der Darbringende und Dargebrachte, der

Empfangende und Der, Der sie austeilt, Christus unser Gott, wir singen

Dir Ruhm und Preis samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten,

gütigen und lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in alle

Ewigkeit.«

Mitten während des Gebetes öffnet sich die Königspforte, und man sieht

den Priester mit ausgebreiteten Armen und in betender Stellung knien.

Der Diakon kommt mit dem Räucherfaß in der Hand gegangen, um dem

höchsten König den Weg zu bereiten, er räuchert reichlich und läßt

Wolken von wohlriechendem Weihrauch aufsteigen, inmitten deren Er

erscheinen wird, getragen von Cherubim. So ermahnt er alle daran, ihr

Gebet zu reinigen, auf daß es lauter werde wie der Weihrauch vor dem

Herrn -- und fordert alle auf, die nach dem Wort des Apostels ein

Wohlgeruch vor Christus sind, dessen eingedenk zu sein, daß sie reine

Cherubim sein sollen, um den Herrn emportragen zu können. Die Sänger auf

beiden Chören stimmen im Angesicht der ganzen Kirche folgenden

Cherubimgesang an: »Die wir in geheimnisvoller Weise Cherubim darstellen

und das Trichagion zu Ehren der lebenspendenden Dreieinigkeit singen,

lasset uns nun alles andere vergessen und den höchsten König emporheben,

Der unsichtbar getragen wird von den Heerscharen der Engel und

beschattet von Lanzen.«

Die alten Römer hatten den Brauch, den neugewählten König auf einem

Schilde, begleitet von seinen Legionen und beschattet von zahllosen

Lanzen, die über ihn gehalten wurden, vor das Volk hinauszutragen.

Diesen Gesang hat jener Kaiser selbst gedichtet, der in aller seiner

irdischen Größe vor der Erhabenheit des höchsten Königs in den Staub

sank, Der im Schatten der Lanzen von Cherubim und von den Legionen der

himmlischen Mächte getragen wird; in der ersten Zeit traten die Kaiser

selbst bescheiden in die Reihe der Diener der Kirche, wenn das heilige

Brot hinausgetragen wurde.

Der Gesang dieses Liedes trägt einen angelischen Charakter und soll

daran erinnern, wie die unsichtbaren Heerscharen im Himmel gesungen

haben. Der Priester und der Diakon wiederholen diesen Cherubimgesang

leise bei sich selbst und treten sodann vor den Seitenaltar, vor dem

sich das Offertorium abspielte. Indem nun der Diakon vor die Gaben

hintritt, die mit dem Aër bedeckt sind, spricht er: »Nimm hin, o Herr!«

Der Priester zieht den Aër hinweg und legt ihn dem Diakon auf die linke

Schulter und spricht: »Erhebet eure Hände zu dem Heiligtume und segnet

den Herrn!« Sodann nimmt er die Patene samt dem Lamm und stellt sie dem

Diakon aufs Haupt; er selbst ergreift den heiligen Kelch und geht hinter

einer vorausgetragenen Leuchte oder Lampe zur Seitentür oder durch das

nördliche Tor zum Volke hinaus. Wenn jedoch der Gottesdienst im Beisein

der ganzen Geistlichkeit d. h. vieler Geistlicher und Diakonen

stattfindet, so trägt ein Priester die Patene, ein anderer den Kelch,

ein dritter den heiligen Löffel, mit dem der Priester das heilige

Abendmahl austeilt, ein vierter die Lanze, die in den heiligen Leib

gestoßen wurde. Alle heiligen Geräte werden hinausgetragen, sogar der

Schwamm, mit dem die Krümchen des heiligen Brotes auf der

Hostienschüssel zusammengelesen wurden und der jenen Schwamm darstellt,

welcher mit Essig und Galle gefüllt wurde und mit dem die Knechte ihren

Schöpfer tränkten. Diese feierliche Prozession, die der große Ausgang

genannt wird und die himmlischen Heerscharen versinnbildlicht, kommt

unter dem Absingen des Cherubimgesanges herangeschritten.

Bei dem Anblick des höchsten Königs, Der in der bescheidenen Gestalt des

Lammes vorausgetragen wird, umgeben von den Werkzeugen irdischer Marter

wie von den Lanzen unzählbarer unsichtbarer Heerscharen und Hierarchien,

und auf der Patene ruhend wie auf einem Schilde, beugen alle tief ihr

Haupt und beten mit den Worten des Übeltäters, der den Herrn vom Kreuze

aus anflehte: »Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst.«

Mitten im Tempel macht die Prozession halt. Der Priester benutzt diesen

großen Augenblick, um in Gegenwart aller derer, die die Gaben tragen,

und im Angesichte Gottes der Namen aller Christen zu gedenken, wobei er

mit denen beginnt, denen die schwierigsten und heiligsten Pflichten

auferlegt sind, von deren Erfüllung die Wohlfahrt aller Menschen und die

Rettung ihrer eigenen Seele abhängt, und er schließt mit den Worten:

»Gott der Herr gedenke euer und aller [rechtgläubigen] Christen in

Seinem Reiche [immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit]!« Die

Sänger beschließen den Cherubimgesang mit einem dreimaligen

»Halleluja!«, das das ewige Wandeln des Herrn verkündigt. Der Zug

betritt nun die Königspforte. Der Diakon nähert sich allen voran dem

Altar, bleibt zur Rechten vor der Tür stehen und begrüßt den Priester

mit den Worten: »Gott der Herr gedenke deiner Priesterschaft in Seinem

Reiche!« Der Priester erwidert: »Gott der Herr gedenke deines heiligen

Diakonenamtes in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle

Ewigkeit!« Und er stellt den heiligen Kelch und das Brot, das den Leib

Christi versinnbildlicht, auf den Tisch, als wäre er ein Sarg. Die

Königspforte schließt sich, als wäre sie das Tor zum Grabe des Herrn,

der Vorhang wird zugezogen, womit auf die Wache hingedeutet wird, die

vor dem Grabe aufgestellt wurde. Der Priester nimmt die heilige Patene

vom Haupte des Diakons, als nähme er den Leib des Heilands vom Kreuze

herunter, und stellt sie auf das ausgebreitete Corporale, als wäre es

das Grabtuch Christi, wozu er die Worte spricht: »Der ehrbare Joseph

nahm Deinen allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein

reines Grabtuch mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen

niemand je gelegen war.« Und indem er der Allgegenwart Dessen gedenkt,

Der jetzt vor ihm im Grabe liegt, spricht er bei sich selbst: »Im Grabe

warst Du leibhaftig, in der Hölle mit der Seele und Gott gleich, im

Paradies mit dem Übeltäter und saßest doch zugleich auf dem Throne mit

dem Vater und dem Heiligen Geist, o Christe, der Du alles mit Dir

erfüllst, Unbeschreiblicher!« Und des Ruhms und der Ehre gedenkend, mit

der dieses Grab bedeckt ward, spricht er: »Als Lebenspender, als

wahrhaftiglich, herrlicher denn das Paradies und strahlender denn jeder

Königspalast erschien uns Dein Grab, o Christus, Quell aller

Auferstehung!« Dann zieht er die Decke von der Patene und vom Kelch

hinweg, nimmt den Aër von der Schulter des Diakons, der jetzt nicht mehr

die Linnen, darin das Kind Jesus gewickelt ward, sondern das Kopftuch

und die Grableinwand darstellt, in die Sein toter Leib gehüllt wurde,

räuchert mit Thymian und bedeckt hierauf die Patene und den Kelch

abermals, indem er spricht: »Der ehrbare Joseph nahm Deinen

allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein reines Grabtuch

mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen niemand je gelegt

war.« Dann nimmt er das Räucherfaß aus den Händen des Diakons entgegen,

räuchert vor den heiligen Gaben mit Weihrauch, indem er sich dreimal vor

ihnen verneigt, und wiederholt, während er sich zu den bevorstehenden

Opferhandlungen rüstet, leise bei sich selbst die Worte des Propheten

David: »Tue wohl an Zion nach Deiner Gnade, baue die Mauern zu

Jerusalem. Dann werden Dir gefallen die Opfer der Gerechtigkeit, die

Brandopfer und die ganzen Opfer, dann wird man Farren auf Deinem Altar

opfern,« denn solange Gott selbst uns nicht erhebt und unsere Seelen

nicht mit jerusalemischen Mauern wider alle Angriffe des Fleisches

schützt, sind wir nicht imstande, Ihm Opfer und Brandopfer darzubringen

und wird nie die Flamme eines geistigen Gebetes emporlodern, denn sie

wird zerstreut und verweht werden durch fremde nebensächliche Gedanken

und Rücksichten, durch den Ansturm der Leidenschaften und den Wirbelwind

eines seelischen Aufruhrs.

Der Priester bittet Gott, seine Seele für das bevorstehende Opferwerk zu

reinigen, legt das Räucherfaß wieder in die Hände des Diakons, läßt das

Ornat herabfallen, beugt sein Haupt und spricht zu ihm: »Gedenke meiner,

mein Bruder und Amtsgenosse!« »Gott gedenke deiner Priesterschaft in

Seinem Reiche!« erwidert der Diakon, beugt seinerseits das Haupt, denkt

an seine Unwürdigkeit und spricht, indem er die Stola emporhält: »Bete

für mich, heiliger Herr!« Der Priester antwortet: »Der Heilige Geist

komme über dich, und die Kraft des Höchsten erleuchte dich!« --

»Derselbige Geist helfe uns alle Tage unseres Lebens.« Und im vollen

Bewußtsein seiner Unwürdigkeit fügt er [der Diakon] hinzu: »Gedenke

meiner, o heiliger Herr!« Der Priester erwidert: »Gott gedenke deiner in

Seinem Reiche immerdar, hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Diakon sagt:

»Amen!« küßt dem Priester die Hand und geht durch die nördliche

Seitentür hinaus, um alle Anwesenden zum Gebet für die dargebrachten und

auf dem Hochaltar stehenden heiligen Gaben aufzufordern.

Er besteigt den Altar und richtet, das Gesicht der Königspforte

zugewandt und die Stola, gleich dem erhobenen Flügel eines Engels, der

zum Gebet erweckt und anfeuert, mit drei Fingern emporhebend, eine ganze

Reihe von Gebeten, die schon keine Ähnlichkeit mit den früheren mehr

haben, zum Himmel empor. Nachdem er die Gemeinde aufgefordert hat, in

ihren Gebeten der auf dem Hochaltar stehenden Gaben zu gedenken, geht er

alsbald zu solchen Gebeten über, die nur die Gläubigen, die in Christo

leben, an Gott richten.

»Wir bitten Gott, daß Er diesen Tag zu einem vollkommenen, heiligen,

friedlichen und sündenlosen mache!« fleht der Diakon.

Die Gemeinde der Betenden vereinigt ihre Stimme mit dem Chor der Sänger

und ruft aus tiefstem Herzen zu Gott empor: »Gewähre ihn uns, o Herr!«

»Wir bitten Gott, daß Er uns einen friedlichen Engel, einen treuen

Lehrmeister und Beschützer unserer Seelen und unserer Leiber sende!«

Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten · 第 13 / 56 题