Die Göttliche Liturgie ist die ewige Wiederholung des großen
Liebeswerkes, das für uns geschehen ist. Tief bekümmert über ihre
Gebrechen und Unvollkommenheiten hatten die Menschen überall und an
allen Enden der Welt ihren Schöpfer um Hilfe angefleht -- sowohl die,
die in der Finsternis des Heidentums verharrten, als auch die, die keine
Gotteserkenntnis besaßen --, fühlten sie doch, daß hier auf Erden
Ordnung und Harmonie nur durch Den hergestellt werden könnten, Der die
von Ihm selbst erschaffenen Welten geheißen hatte, sich in streng
geregelten Bahnen zu bewegen. Überall rief die schmerzbewegte Kreatur
ihren Schöpfer herbei. Alles schrie qualvoll zum Urheber seines Daseins
empor, und diese Klagen tönten am lautesten und deutlichsten aus dem
Munde der Auserwählten und der Propheten. Man hatte ein dunkles
Vorgefühl, ja man wußte, daß der Schöpfer, Der sich hinter Seinen Werken
versteckt hatte, noch einmal persönlich vor die Menschen treten -- daß
Er in Gestalt keines Geringeren als jenes von Ihm selbst nach Seinem
Bilde erschaffenen Wesens vor ihnen erscheinen würde. Sowie sich die
Begriffe, die man sich von der Gottheit machte, zu reinigen begannen,
tauchte überall der Gedanke einer irdischen Menschwerdung Gottes auf.
Nirgends aber wurde mit solcher Klarheit und Deutlichkeit davon
gesprochen, wie bei den Propheten des von Gott auserwählten Volkes.
Seine reine Fleischwerdung durch die reine Jungfrau wurde selbst von den
Heiden vorausgeahnt, nirgends jedoch in jener leuchtenden greifbaren
Klarheit wie bei den Propheten.
Diese Klagen fanden Erhörung: Er kam in die Welt, durch Den die Welt
erschaffen ward. Er erschien unter uns in Menschengestalt, wie es die
Menschen -- selbst in der finstersten Finsternis des Heidentums
vorausgeahnt und dunkel gefühlt hatten -- nur nicht in _der_ Weise, wie
man es sich zufolge der noch ungeläuterten Begriffe vorgestellt hatte --
nicht in stolzer Pracht und Majestät, nicht als Richter, der da kommt,
um die Verbrecher zu strafen, die einen zu vernichten und die anderen zu
belohnen. O nein! Man vernahm nichts als einen sanften Bruderkuß. Er
erschien in _der_ Gestalt, wie sie nur Gott allein eigentümlich ist, und
wie sie die göttlichen Propheten, an die Gottes Gebot ergangen war,
vorgebildet hatten.
Das Offertorium
(_Proscomidia_)
Der Priester, der die Liturgie zelebrieren soll, muß schon am Vorabend
auf körperliche und geistige Nüchternheit Wert legen und Enthaltsamkeit
üben, er muß sich mit allen Menschen ausgesöhnt haben und sich davor
hüten, noch etwas wie Ärger oder Zorn gegen irgend jemand zu hegen. Wenn
dann die Stunde gekommen ist, betritt er die Kirche. Der Diakon und er
beugen sich anbetend vor der Königspforte, küssen das Bild des Heilands,
das Bild der Mutter Gottes, verbeugen sich vor allen Heiligen, verneigen
sich nach rechts und links vor allen Anwesenden, indem sie hierdurch
alle um Vergebung bitten, und betreten den Altarraum, wobei sie still
für sich die Worte des Psalms sprechen. »Ich aber will in Dein Haus
gehen und anbeten gegen Deinen heiligen Tempel in Deiner Furcht.« Sodann
treten sie vor den Hochaltar, fallen [mit dem Gesicht gen Osten gewandt]
dreimal vor ihm nieder und küssen das auf ihm liegende Evangelium, als
wäre der auf dem Hochaltar Thronende Gott selbst, sie küssen auch den
heiligen Abendmahlstisch und gehen sodann hin, sich in die heiligen
Gewänder zu hüllen, um sich hierdurch nicht nur von den anderen Menschen
zu unterscheiden, sondern auch um sich von sich selbst zu befreien,
damit nichts an ihnen an einen Menschen erinnere, der noch seinen
alltäglichen irdischen Geschäften nachgeht. Mit den Worten »Gott!
reinige mich armen Sünder und erbarme Dich meiner!« erfassen Priester
[und Diakon] die Gewänder. Zuerst zieht sich der Diakon an; er bittet
den Priester um seinen Segen und legt das Chorhemd (Sticharion) und ein
Untergewand von glänzender, leuchtender Farbe an, das gleichsam zum
Symbol des lichten Engelskleides dient und die makellose Herzensreinheit
andeuten soll, die unzertrennlich mit dem Priesteramt verbunden sein
muß. Daher spricht er auch, während er sich den Rock anzieht, die Worte:
»Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott:
denn Er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der
Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Schmuck
gezieret und wie eine Braut in ihrem Geschmeide.«
Hierauf nimmt er die Stola und küßt sie; dies ist ein langes schmales
Band, das Kennzeichen des Diakonenamts, mit dem er zu Beginn jeder
kirchlichen Handlung das Zeichen gibt, die Gemeinde zum Gebet, die
Sänger zum Singen, den Priester zur Verrichtung der heiligen Handlungen
und sich selbst zu engelhafter Geschwindigkeit und Bereitschaft zum
heiligen Dienste aufruft. Denn der Beruf des Diakons gleicht dem der
Engel im Himmel, und durch dies schmale Band, das er an sich trägt, und
das gleich einem ätherischen Flügel in der Luft flattert, sowie durch
sein schnelles Durcheilen der Kirche stellt er nach dem Wort des
Johannes Chrysostomus den Flug der Engel dar.
Nachdem er das Band geküßt hat, befestigt er es an der Schulter. Sodann
legt er die Armbänder oder Überärmel an, die dicht über dem Handgelenk
zusammengebunden werden, um den Händen eine größere Freiheit und
Leichtigkeit bei der Verrichtung der bevorstehenden heiligen Handlung zu
verleihen. Während er sie anzieht, denkt er über die unablässig alles
erschaffende, überall wirksame Kraft Gottes nach, und indem er den
rechten Überärmel anzieht, spricht er: »Herr, Deine rechte Hand tut
große Wunder. Herr, Deine rechte Hand hat die Feinde zerschlagen, und
mit Deiner großen Herrlichkeit hast Du Deine Widerwärtigen gestürzt.«
Dann zieht er den linken Überärmel an und denkt dabei an sich selbst,
daß er ein Werk von Gottes Hand sei, und er betet zu Ihm, Der ihn
erschaffen hat, Er möge ihn lenken und leiten und ihm Seine höchste
himmlische Führung zuteil werden lassen, und er spricht: »Deine Hand hat
mich gemacht und bereitet. Unterweise mich, daß ich Deine Gebote lerne.«
In derselben Weise kleidet sich auch der Priester an. Zuerst segnet er
den Priesterrock, den er dann anzieht, indem er diesen Akt mit denselben
Worten begleitet wie der Diakon; nach dem Priesterrock aber legt er sich
die Stola an, jedoch nicht die einfache, sondern eine solche, die beide
Schultern bedeckt, den Hals umschließt und deren beide Enden sich wieder
auf der Brust vereinigen und so in eins verbunden bis an den unteren
Saum seines Kleides hinabreichen; hiermit soll angedeutet werden, daß
sich in seinem Amte zwei Ämter vereinigen -- das des Priesters und das
des Diakons. Auch heißt das Kleidungsstück nicht mehr Orarion, sondern
Epitrachil, und es symbolisiert, indem es angelegt wird, die Ausgießung
der himmlischen Gnade über die Priester; daher wird dieser Akt auch von
den erhabenen Worten der Heiligen Schrift begleitet: »Gelobt sei Gott,
Der Seine Gnade ausgießet über seine Priester wie das Salböl, das von
dem Haupte Aarons herabfließet auf seinen Bart und auf den Saum seines
Kleides.« Sodann zieht der Priester beide Überärmel an, indem er diese
Handlung mit denselben Worten begleitet wie der Diakon, und umgürtet
sich mit einem Gürtel, der Chorrock und Stola umschließt, damit das
weite bauschige Gewand ihn nicht bei der Verrichtung der heiligen
Handlung behindere und um durch diese Umgürtung seine Dienstbereitschaft
anzudeuten, denn der Mensch pflegt den Gürtel anzulegen, wenn er sich
reisefertig macht, wenn er ein Werk in Angriff nimmt oder zur Tat
schreitet; so legt auch der Priester den Gürtel an, indem er seinen Weg
antritt und sich zum himmlischen Dienste vorbereitet. Er betrachtet
seinen Gürtel wie eine Feste der göttlichen Macht, die ihn stärkt und
kräftigt, und er spricht: »Gelobt sei Gott, Der mich mit Kraft umgürtet
und meinen Weg untrüglich macht, meine Füße geschwinder denn die des
Hirsches und stellt mich auf die Höhe,« d. h. in das Haus des Herrn.
Wenn er jedoch eine höhere priesterliche Würde innehat, so hängt er ein
viereckiges Stück Tuch an einer seiner Ecken an seine Lende; es
symbolisiert das geistige Schwert, die alles überwindende Kraft des
göttlichen Wortes und ist ein Zeichen des ewigen Krieges, der dem
Menschen auf Erden bevorsteht -- und kennzeichnet den Sieg über den Tod,
den Christus vor aller Welt errungen hat, auf daß der unsterbliche Geist
des Menschen mutig den Kampf aufnehme wider die Verwesung. Daher gleicht
dies Stück Tuch auch einer starken Streitwaffe, und es wird am Gürtel an
der Lende aufgehängt, in der die Kraft des Menschen liegt, und dieser
Akt wird von einem Anruf des Herrn selbst begleitet: »Gürte dein Schwert
an deiner Seite, du Held, und schmücke dich schön. Es müsse dir gelingen
in deinem Schmuck, ziehe einher der Wahrheit zugute, und die Elenden bei
Recht zu behalten; so wird deine rechte Hand Wunder beweisen.« Endlich
legt der Priester noch das Psalonion, ein Gewand zum Symbol der höchsten
alles umfassenden Gerechtigkeit Gottes an, und er begleitet diese
Handlung mit den Worten: »Deine Priester laß sich kleiden mit
Gerechtigkeit und Deine Heiligen sich freuen.«
Also ausgerüstet mit der göttlichen Rüstung steht der Priester nunmehr
als ein anderer Mensch da: was er auch selbst und an sich für ein
Mensch, so unwürdig er seines Amtes sein mag, alle, die im Tempel
weilen, blicken auf ihn [als auf] ein Werkzeug Gottes, das vom Heiligen
Geist erfüllt ist. Der Priester und der Diakon waschen sich sodann beide
die Hände, indem sie die Worte des Psalms sprechen: »Ich wasche meine
Hände in Unschuld und halte mich zu Deinem Altar.« Dann verbeugen sie
sich dreimal, indem sie sprechen: »Gott, reinige mich Armen von meinen
Sünden und erbarme Dich meiner!« und erheben sich gereinigt und
erleuchtet, gleich ihrer leuchtenden Kleidung, in nichts mehr an andere
Menschen erinnernd und eher einer strahlenden Vision als einem Menschen
gleichend.
Der Diakon kündigt den Beginn der heiligen Handlung an, indem er
spricht: »Segne uns, o Herr!«, der Priester eröffnet die Feier mit den
Worten: »Gelobt sei Gott, jetzt und immerdar, hinfort und in alle
Ewigkeit!« und tritt dann an den Seitenaltar. Dieser ganze Teil des
Gottesdienstes besteht in der Zubereitung alles dessen, was zu einer
heiligen Handlung erforderlich ist: während dieses Teils des
Gottesdienstes werden die Stücke Brot von den Prosphoren oder Opfergaben
abgesondert, die zu Anfang den Leib Christi repräsentieren und sich
sodann in ihn verwandeln sollen.
Da das ganze Offertorium nichts anderes ist als eine bloße Vorbereitung
auf die Liturgie, hat die Kirche die Erinnerung an die ersten
Lebensjahre Christi an sie geknüpft, waren doch diese auch eine
Vorbereitung auf seine großen Werke, die er später auf Erden
vollbrachte. Das Offertorium spielt sich ganz im Innern des Altarraumes
bei geschlossenen Türen und zugezogenem Vorhang ab, ohne daß die
Gemeinde etwas davon sieht, wie ja auch Christus seine ersten
Lebensjahre ganz im Verborgenen verbrachte, ohne daß das Volk etwas von
Ihm erfuhr. Für die andächtige Gemeinde aber werden während dieser Zeit
die »Horen«[4] gelesen -- eine Sammlung von Psalmen und Gebeten, die die
Christen an den vier wichtigsten Tageszeiten zu lesen pflegten, um die
erste Stunde, wenn für die Christen [der Morgen] begann, um die dritte,
d. h. um die Stunde, als sich der Heilige Geist herabsenkte, um die
sechste, d. h. also um die Stunde, als der Erlöser der Welt ans Kreuz
geschlagen wurde, und um die neunte Stunde, als Er Seinen Geist aufgab.
Da der Christ von heute aus Mangel an Zeit und wegen der unablässigen
Zerstreuungen nicht in der Lage ist, diese Gebete zu den angegebenen
Stunden zu verrichten, werden sie allesamt bei dieser Gelegenheit
verlesen.
[Fußnote 4: Tschassy.]
Der Priester tritt nun vor den Seitenaltar oder die Prothesis hin, die
sich in einer Wandnische befindet und die alte seitliche Vorratskammer
des Tempels symbolisieren soll, und nimmt eines der Weihbrote heraus, um
aus ihm den Teil zu gewinnen, der sich später in den Leib Christi
verwandeln soll: es ist dies das mit einem Siegel versehene Mittelstück,
das den Namen Jesu Christi trägt. Durch die Absonderung eines Teils vom
ganzen Brote deutet er auf den Akt der Trennung des Fleisches Christi
vom Fleisch der Jungfrau -- deutet er auf die Geburt des Immateriellen
aus dem Fleische hin. Und indem er sich vorstellt, daß Er geboren wird,
Der Sich für die ganze Welt zum Opfer brachte, verbindet sich für ihn
damit erneut und unfehlbar der Gedanke an das Opfer und an die Opfertat
selbst, und er erkennt im Brote das Lamm, das geopfert ward, und im
Messer, mit dem er das Brot zerteilt, das Opfermesser, das das Aussehen
einer Lanze hat, zur Erinnerung an die Lanze, mit der der Leib des
Heilands am Kreuze durchstochen ward. Nun aber begleitet er seine
Handlung nicht mit den Worten des Heilands, noch mit den Worten derer,
die Zeugen der damaligen Vorgänge waren, er versetzt sich nicht in die
Vergangenheit, d. h. in die Zeit, da diese Opfertat vollbracht wurde:
dies geschieht später im letzten Teile der Liturgie; er erschaut dieses
kommende Ereignis von ferne mit ahnender Seele, daher begleitet er auch
die ganze heilige Handlung mit den Worten des Jesaias, der aus der
fernen Zeit und durch die Finsternis der Jahrhunderte hindurch die
künftige wundersame Geburt, die Selbstaufopferung und den Tod des
Heilands vorausahnte und dies mit einer schier unbegreiflichen Klarheit
vorausverkündigte. Indem der Priester die Lanze in den rechten Teil des
Siegels stößt, spricht er die Worte des Propheten Jesaias: »Wie ein Lamm
wird Er zur Schlachtbank geführt,« dann stößt er die Lanze in den Teil,
der zur Linken liegt, und spricht: »Und wie ein unschuldiges Lamm sich
stumm scheren läßt, so öffnet er seinen Mund nicht,« dann versenkt er
die Lanze in den oberen Teil des Siegels und spricht: »Um Seiner Demut
willen ward Er verdammt,« stößt ihn dann in den unteren Teil, indem er
die Worte des Propheten wiederholt, der über die wunderbare Herkunft des
Opferlammes nachsinnt: »Wer vermag zu sagen, aus welchem Geschlechte Er
stammt?«
Endlich hebt er das herausgeschnittene Mittelstück des Brotes auf der
Lanze empor und spricht: »Denn Sein Leib ward von der Erde
hinweggenommen,« und schneidet hierauf kreuzweise -- den Kreuzestod des
Heilands symbolisierend -- das Opferzeichen hinein, gemäß dem es während
der kommenden heiligen Handlung gebrochen wird. Dazu spricht er:
»Geopfert wird das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, zum Leben und
zum Heil der Welt.« Nachdem er sodann das Brot so hingelegt hat, daß das
Siegel unten, der herausgeschnittene Teil oben liegt und das geopferte
Lamm versinnbildlicht, stößt er die Lanze in die rechte Seite -- wodurch
die Hinschlachtung des Opfers symbolisiert, zugleich aber auch darauf
hingedeutet werden soll, daß die Seite des Heilands von einem am Kreuze
stehenden Krieger mit der Lanze durchstochen ward. Hierbei spricht er:
»Der Kriegsknechte einer öffnete Seine Seite mit einem Speer, und
alsbald ging Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es
bezeuget, und sein Zeugnis ist wahr.«
Diese Worte dienen dem Diakon zugleich zum Zeichen, daß nun die Zeit
gekommen ist, Wasser und Wein in den heiligen Kelch zu gießen. Der
Diakon, der bisher alles, was der Priester getan, ehrfürchtig und
andachtsvoll verfolgt hat, indem er ihn bald zum Beginn des heiligen
Dienstes aufforderte, bald wieder bei jeder Handlung die Worte: »Lasset
uns beten zu dem Herrn!« vor sich hinmurmelte, gießt nun Wein und Wasser
in den Kelch, nachdem er beide gemischt und sich den Segen des Priesters
dazu erbeten hat. So sind nun Wein und Brot vorbereitet, um sich während
der bevorstehenden heiligen Handlung zu transsubstantiieren.
Um einen Brauch der alten christlichen Kirche und der heiligen ersten
Christen zu erfüllen, die sich, wenn sie an Christus dachten, stets auch
an die Menschen erinnerten, die durch strenge Einhaltung Seiner Gebote
und durch Heiligkeit ihres Lebenswandels Seinem Herzen am nächsten
standen, schreitet der Priester zu den anderen Weihbroten, schneidet ein
Stück zum Andenken an jene heraus und legt die Stücke auf dieselbe
Patene[5] neben das heilige Brot, das den Herrn selbst darstellt, da ja
auch jene von dem glühenden Wunsche verzehrt wurden, stets an der Seite
des Herrn zu weilen. Indem er sodann das zweite Brot ergreift, schneidet
er ein Stück zum Gedächtnis an die heilige Mutter Gottes heraus und legt
es zur Rechten des heiligen Brotes hin, indem er die Worte aus dem Psalm
Davids spricht: »Die Königin trat Dir zur Rechten, in ein goldenes
Gewand gehüllt und reichlich geschmückt.« Dann nimmt er das dritte Brot,
das der Erinnerung der Heiligen geweiht ist, und schneidet mit demselben
Speer neun Stücke aus ihm heraus, die er in drei Reihen zu je drei
Stücken anordnet. Er schneidet ein Stück zu Ehren Johannes des Täufers,
ein zweites zu Ehren der Propheten und ein drittes zu Ehren der Apostel
heraus, und damit hat die erste Reihe und die erste Klasse der Heiligen
ihren Abschluß erreicht. Sodann schneidet er zu Ehren der heiligen
Kirchenväter ein viertes Stück, ein fünftes zu Ehren der Märtyrer und
ein sechstes zu Ehren der heiligen gotterleuchteten Väter und Mütter
heraus, und damit ist die zweite Reihe und die zweite Klasse der
Heiligen vollendet. Und endlich schneidet er noch ein siebentes Stück zu
Ehren der Wundertäter und Uneigennützigen, ein achtes zu Ehren der
göttlichen Eltern Joachim und Anna und des Heiligen des Tages sowie ein
neuntes zu Ehren des Johannes Chrysostomus oder Basilius des Großen
heraus, je nachdem, wem zu Ehren an jenem Tage die Messe gelesen wird.
Damit ist auch die dritte Reihe und die letzte Klasse der Heiligen
vollendet, und der Priester legt nun alle neun Brotstücke, die er
herausgeschnitten hat, auf die heilige Patene zur Linken neben das
heilige Brot hin. So erscheint Christus inmitten derer, die Ihm am
nächsten stehen, Er, der in der Heiligkeit Wohnende, wird sichtbar im
Kreise Seiner Heiligen erblickt, als Gott unter Göttern und Mensch unter
Menschen.
[Fußnote 5: Diskos.]
Hierauf ergreift der Priester das vierte Weihbrot, das der Erinnerung an
alle Lebendigen geweiht ist, und schneidet aus ihm ein Stück zu Ehren
des Kaisers, ein zweites zu Ehren der Synode und der Patriarchen und
ferner noch einige weitere zu Ehren aller rechtgläubigen Christen
heraus, wo auf Erden sie auch wohnen mögen, und endlich schneidet er
auch noch für jeden einzelnen von ihnen, dessen er gedenken will und
dessen zu gedenken man ihn gebeten hat, ein Stück heraus. Dann nimmt der
Priester das letzte Weihbrot und schneidet Stücke zur Erinnerung an alle
Verstorbenen aus ihm heraus, indem er für sie betet und Vergebung der
Sünden für sie erfleht; er betet für die Patriarchen, für die Zaren, die
Stifter des Tempels, den Erzpriester, der ihm die Priesterweihe erteilt
hat, wenn dieser bereits verstorben ist, kurz, er schneidet für alle --
bis auf den letzten Christen -- für den man sich bei ihm verwendet hat
oder dem zu Ehren er es selbst tun will, ein Stück heraus. Zum Schluß
fleht er selbst um Vergebung aller seiner Sünden, dann schneidet er ein
Stück für sich selbst heraus und legt alle Stücke auf die heilige Patene
unterhalb des heiligen Brotes nieder. So also ist um dies Brot, d. h. um
das Lamm, das Christus in eigener Person darstellt, Seine ganze Kirche
versammelt: die triumphierende himmlische, wie die kämpfende irdische.
Des Menschen Sohn erscheint inmitten der Menschen, um derentwillen er
Fleisch ward und ein Mensch wurde.
Sodann nimmt der Priester einen Schwamm und liest alle Krümchen auf der
Patene zusammen, auf daß nichts von dem heiligen Brote verloren gehe und
auf daß alles erfüllet werde.
Dann tritt der Priester vom Altar zurück und fällt vor ihm nieder, als
beuge er sich vor dem verkörperten Christus selbst; er begrüßt in dieser
Gestalt das auf der Patene liegende Brot, das Erscheinen des himmlischen
Brotes auf Erden; er begrüßt es, indem er mit Thymian räuchert, nachdem
er das Rauchfaß zuvor gesegnet hat und indem er das Gebet spricht: »Wir
bringen Dir Weihrauch dar, Christus unser Gott, auf daß es dufte von
geistlichen Wohlgerüchen; nimm ihn an auf Deinen hohen über den Himmeln
thronenden Altar und sende auf uns herab die Gnade Deines Heiligen
Geistes.«
Und der Priester versetzt sich mit allen seinen Gedanken in die Zeit der
Geburt Christi, indem er Vergangenes in Gegenwärtiges verwandelt, und er
blickt auf diesen Seitenaltar, als wäre er die geheimnisvolle Krippe,
darin zu jener Zeit der Himmel zur Erde herabgestiegen war: der Himmel
war zur Krippe geworden, und die Krippe hatte sich in den Himmel
verwandelt. Nachdem er den Asteriskos, der aus zwei goldenen Bogen mit
einem Sterne darüber besteht, umräuchert und auf die Hostienschüssel
gestellt hat, blickt er ihn an, wie wenn er der Stern wäre, der einst
über dem Kindlein leuchtete, und er spricht: »Er kam, und der Stern
stand oben über, da das Kindlein war«: er blickt auf das heilige Brot,
das für die Opfer bestimmt ist, als wäre es das neugeborene Kindlein,
als wäre die Patene die Krippe, in der das Kindlein lag, und als wären
die Decken die Windeln, in die das Kindlein gehüllt war. Nachdem er vor
der ersten Decke mit Weihrauch geräuchert hat, bedeckt er das heilige
Brot und die Patene mit ihr und spricht die Worte des Psalms: »Der Herr
ist König und herrlich geschmückt,« d. h. des Psalms, in dem die
wunderbare Größe und Herrlichkeit Gottes besungen wird. Hierauf räuchert
er vor der zweiten Decke mit Weihrauch und bedeckt dann den heiligen
Kelch mit ihr, indem er spricht: »O Herr Christus, Deine Güte bedeckt
die Himmel, und die Erde ist Deines Ruhmes voll«. Er nimmt die große
Decke, die der heilige Aër genannt wird, und bedeckt nun beides: die
Patene und den Kelch mit ihr, indem er Gott anruft und Ihn bittet, uns
mit Seinem schützenden Flügel zu bedecken; indem dann beide von dem
Altar zurücktreten, verbeugen sie sich ehrfürchtig vor dem heiligen
Brote, ganz so, wie einst die Hirtenkönige das neugeborene Kindlein
anbeteten; hierauf räuchert der Priester vor der Krippe, zur Erinnerung
an die wohlriechenden Myrrhen und Weihrauch, die die Weisen dem Kindlein
zusamt dem kostbaren Golde darbrachten.
Der Diakon steht auch während dieser Zeit beständig dem Priester
aufmerksam zur Seite, indem er jede Handlung mit den Worten: »Laßt uns
beten zu dem Herrn« begleitet oder das Zeichen zum Beginn der heiligen
Handlung gibt. Endlich nimmt er das Räucherfaß aus den Händen des
Priesters entgegen und fordert ihn zum Gebet auf, das von den für Ihn
zubereiteten Gaben handelt und das er nun zu Gott emporsenden soll.
»Laßt uns beten zu dem Herrn für die kostbaren Gaben, die wir ihm
darbringen.« Nunmehr beginnt der Priester das Gebet. Obwohl diese Gaben
zunächst bloß für die Opferhandlung vorbereitet sind, dürfen sie von nun
ab zu nichts anderem mehr verwendet werden. Der Priester spricht bei
sich selbst ein Gebet, in dem er schon im voraus auf die Annahme der für
das bevorstehende Opfer bestimmten Gaben vorbereitet. Dies Gebet lautet
folgendermaßen: »Gott, unser Gott, Der Du uns das himmlische Brot, die
Nahrung der ganzen Welt, unserm Herrn und Gott, Jesus Christus, unseren
Heiland, Erlöser und Wohltäter gesandt hast, Der uns gesegnet und
geheiligt hat, segne Du selbst, was wir Dir darbieten, und nimm es
entgegen auf Deinem hoch über den Himmeln thronenden Altar: gedenke auch
derer in Deiner Güte und Menschenliebe, die Dir dies dargebracht haben,
sie, um derentwillen es dargebracht wurde, und unser selbst, und erhalte
uns unschuldig in der Verrichtung Deiner göttlichen Sakramente.« Und
nach diesem Gebet vollzieht er das Offertorium. Der Diakon räuchert
unterdessen vor den Schaubroten und sodann kreuzweise vor dem heiligen
Altar. Er gedenkt der irdischen Geburt Dessen, Der geboren ward, ehe
denn die Zeit war, der allgegenwärtig und der immerdar überall zugegen
war, und er spricht bei sich selbst: »Du warst leibhaftig im Grabe, mit
Deinem Geist in der Hölle, als Gott mit dem Übeltäter im Paradiese und
auf dem Throne mit dem Vater und dem Heiligen Geiste, alles
vollbringend, o Christus, Du Unbeschreiblicher.«
Und er tritt mit dem Räucherfaß in der Hand aus dem Altarraum hervor, um
die ganze Kirche mit Wohlgerüchen zu erfüllen und alle, die sich zum
heiligen Mahl der Liebe versammelt haben, willkommen zu heißen. Diese
Räucherung findet stets zu Beginn des Gottesdienstes statt, wie ja auch
im häuslichen Leben aller alten Völker des Orients jedem Gast bei seinem
Eintritt eine Schüssel zum Waschen und Wohlgerüche dargebracht wurden.
Dieser Brauch hat sich auch an dieses himmlische Festmahl geknüpft, an
das geheimnisvolle Abendmahl, das den Namen der Liturgie trägt, in der
sich der Gottesdienst und die brüderliche Bewirtung und Speisung aller
in so wundersamer Weise vereinigt haben, wovon uns der Erlöser selbst,
Der selbst allen diente und die Füße wusch, ein Beispiel gegeben hat.
Indem dann der Diakon räuchert und sich in gleicher Weise vor allen
verbeugt, vor den Reichsten wie vor den Ärmsten, heißt er, der Diener
Gottes, sie alle herzlich willkommen als die lieben Gäste des
himmlischen Wirtes; er räuchert und verbeugt sich dabei ehrfurchtsvoll
vor den Bildern der Heiligen, denn auch sie sind ja Gäste, die zum
heiligen Abendmahl erschienen sind: in Christo sind alle lebendig und
untrennbar miteinander verbunden. Nachdem er alles vorbereitet und den
Tempel mit Wohlgeruch erfüllt hat, kehrt er in den Altarraum zurück, in
dem er nochmals räuchert; dann stellt er das Räucherfaß endlich
beiseite, nähert sich dem Priester, und beide treten vor den heiligen
Hochaltar.
Beide treten vor den heiligen Hochaltar hin, beide verneigen sich,
sowohl der Priester wie der Diakon, dreimal bis zur Erde und rufen,
indem sie sich nun zu der eigentlichen heiligen Handlung der Liturgie
anschicken, den Heiligen Geist an, denn ihr ganzer Gottesdienst soll ja
ein geistiger Dienst sein. Der Geist ist der Lehrer, der uns im Gebet
unterweist. »Wir wissen nicht, um was wir bitten sollen,« sagt der
Apostel Paulus, »aber der Heilige Geist selbst tritt für uns ein, mit
unaussprechlichen Seufzern.« Der Priester und der Diakon flehen den
Heiligen Geist an, in ihnen Wohnung zu nehmen, sie hierdurch zu reinigen
und für ihren heiligen Dienst vorzubereiten, wobei sie zweimal
nacheinander das Lied singen, mit dem die Engel die Geburt Jesu Christi
begrüßten: »Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen
ein Wohlgefallen.« Nachdem sie ihren Gesang beendigt haben, wird der
Vorhang der Kirche zurückgezogen; dies geschieht immer nur dann, wenn
die Gedanken der Betenden auf die höchsten und erhabensten Gegenstände
hingelenkt werden sollen. In diesem Falle soll die Öffnung des Tores zum
Allerheiligsten nach dem Gesang der Engel andeuten, daß die Geburt
Christi ja nicht allen Menschen offenbart ward, daß nur die Engel im
Himmel, Maria, Joseph und die Magier, die gekommen waren, um das Kind
anzubeten, Kenntnis von ihr besaßen, und daß nur die Propheten sie von
ferne geahnt hatten. Der Priester und der Diakon sprechen bei sich: »O
Herr, öffne meinen Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden.« Der
Priester küßt das Evangelium, der Diakon küßt den heiligen Hochaltar,
senkt das Haupt und gibt das Zeichen für den Beginn der Liturgie, indem
er mit drei Fingern seiner Hand die Stola emporhebt und spricht: »Es ist
Zeit, zum Herrn zu beten. Segne mich, o Herr!« und der Priester segnet
ihn mit den Worten: »Gesegnet sei unser Gott, immerdar, jetzo, hinfort
und in alle Ewigkeit.« Und indem der Diakon der bevorstehenden heiligen
Handlung gedenkt, während der er den Flug des Engels vom Altar zur
Gemeinde und von der Gemeinde zum Altar nachahmen, alle in einem Geist
und einer Seele vereinigen und gewissermaßen eine heilige, alles
erweckende Kraft darstellen soll, und im Gefühl, daß er dieser Aufgabe
nicht würdig ist, fleht er den Priester demütig an: »Bete für mich, o
Herr!« »Gott lenke deine Schritte!« antwortet ihm der Priester. »Gedenke
meiner, heiliger Mann!« »Der Herr gedenke deiner in Seinem Reiche
immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Diakon spricht
leise, aber mit kräftiger Stimme: »Amen!« und tritt aus der nördlichen
Tür vor das Volk hinaus. Er betritt die Kanzel, die der Königspforte
gegenüberliegt, wiederholt nochmals bei sich selbst: »Herr, öffne meinen
Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden!« und indem er sich dem
Altar zuwendet, fleht er den Priester nochmals an: »Segne mich, o Herr!«
Der Priester ruft ihm aus der Tiefe des Tempels die Antwort entgegen:
»Gesegnet sei das Reich ...«, und die Liturgie beginnt.