IV.

Nachricht von Mozarts Werken.

Es ist fast kein Zweig der Tonkunst, in welchem Mozart nicht mit

entschiedenem Glücke seine Kräfte versucht hätte.

_Dramatische Musik_, und die _Klavierkompositionen_ haben ihm am meisten

Ruhm erworben. Wenn man seine Werke besonders die theatralischen nach

der Zeitfolge ihrer Entstehung betrachtet, so merkt man deutlich den

Gang seines zur Vollkommenheit schreitenden Geistes. In den frühern,

z. B. in der Oper Idomeneo und der _Entführung aus dem Serail_, auch

noch zum Theil im _Figaro_ strömt das ganze Feuer einer jugendlichen

Phantasie und eine Fülle üppiger Empfindung ohne Gränzen. Es ist mehr

Wärme, als Licht darinn -- die Massen des Gesanges und der Harmonie sind

nicht so bestimmt, wie in den spätern Werken, in welchen dieser Strom

der Empfindung immer sanfter sich in sein Bett zurückzieht, alles

leichter, einfacher und korrekter wird. Nirgends ist diese Reife des

Geschmackes sichtbarer, als in der #Clemenza di Tito#, und dem Requiem.

Daraus läßt es sich schließen, was man noch von Mozart zu erwarten

berechtiget war?

Einige _Kunstrichter_ haben mit sinnreicher Feinheit zwar die

Vortrefflichkeit seiner Instrumentation, d. i. den mehr mechanischen

Theil der Kunst anerkannt, aber das, was blos Sache des Genies ist, die

Singparthie getadelt, -- sie haben behauptet, Mozart sey hierinn nicht so

groß, als in der Instrumentalparthie. Die Gränzen dieser Schilderung

erlauben es nicht, die Grundlosigkeit davon zu zeigen, oder die Werke

Mozarts von dieser Ansicht zu betrachten. Die Tadler mögen indessen nur

beherzigen, daß gerade diese Seite seiner Werke von gründlichen und

berufenen Richtern immer am meisten bewundert worden ist. Was konnte

denn in seinen Opern und den übrigen Singkompositionen so sehr gefallen,

wenn es _der Gesang_ nicht war? Das Volk versteht wenig von der

Schönheit des Instrumentalsatzes; gerade dieser Theil seiner Werke, der

große Geschicklichkeit der Subjekte erfodert, wird gewöhnlich schlecht

aufgeführt -- und doch brachten die meisten seiner Singkompositionen so

viel Wirkung, so viel Enthusiasmus hervor? dieß konnte nur der

_einfache, schöne, rhythmische Gesang bewirken_. Warum singt man seine

Melodien so gern nach? Warum sind so viele davon Volksgesänge geworden?

Wie wahr, wie lebhaft weiß Mozart den Sinn der Worte des Dichters

auszudrücken? Dringt sein Gesang nicht überall dem Zuhörer ans Herz?

Wenn dieß der höchste _Zweck_ der Tonkunst ist, wer hat ihn vollkommener

_erreicht als Mozart_?

Man könnte zahlreiche Beyspiele anführen, wo Mozart mit einem feinen

ästhetischen Sinne selbst die Worte und Ideen des Dichters durch schöne

Wendungen der Melodie erhoben und verbessert hat. Sein Gesang haucht den

Worten meistentheils erst Wärme und Leben ein; fast immer liegt darinn

noch mehr Sinn und Empfindung, als in den Worten. Daher haben selbst

elende Poesien blos durch seine Komposition gefallen. Die Zauberflöte

und #Cosi fan tutte# sey Beweis.

Die Gestalt, in welcher die alte #Opera seria# von Metastasio #La

Clemenza di Tito# bey seiner Musik erscheint, ist das Werk seines

richtigen Urtheiles und Geschmackes. Und ein solcher Kompositeur, der

den Geist des Textes, das eigene der Situation so faßte und verstand --

ihn oft verbesserte noch öfter erhob, soll keine höhere Bildung gehabt

haben?

»Aber Mozarts Werke sind so _schwer_, so _kritisch_, _voll Kunst_ und so

_wenig_ für das Gehör.«

Auf gleiche Art klagen oft Schulknaben über die Dunkelheiten und

Schwierigkeiten des Horaz. Man muß darüber lächeln! Wen trifft hier der

Vorwurf? Schrieb Mozart bloß für Schüler? oder ist dasjenige, was er für

sie schrieb, nicht leicht und verständlich? Das Schwere in seinen Werken

ist nicht _Absicht_, ist _nur Folge_ der Größe und Originalität seines

Genies. Dieß hat Mozart mit allen großen Künstlern gemein. _Populär_

durften alle seine Werke nicht seyn; wo Popularität nöthig war, da hat

er sie vollkommen erreicht. Findet in seinen Singspielen nicht der

Kenner und der bloße Liebhaber Gerüchte für seinen Gaum? Auch die

_erhabensten Sachen_ von seiner Hand, wo er sich in der ganzen Stärke

seiner Kunst des Kontrapunktes zeigt, haben so viel Schönheit an sich,

daß sie auch uneingeweihten Ohren gefallen, wenn sie _nur richtig_, und

_geschmackvoll vorgetragen werden_. Aber hier liegt _der Knoten_ -- das

ist größtentheils der Grund solcher Klagen. Ueberdieß erheischt seine

Musik ein reines Gefühl, ein unverdorbenes Ohr: _wer dieses nicht

mitbringt, für den hat Mozart nicht geschrieben._[19]

[Fußnote 19: Anmerkung. Diese Bemerkungen der ersten Ausgabe,

sind jetzt beynahe unnöthig, da Mozart gegen seine Nachahmer,

die Faßlichkeit und Popularität selbst ist!]

Der Tadel einer Klasse von Menschen, denen seine Musik nicht gefällt,

entscheidet nichts gegen ihre Vortrefflichkeit; so wie Rafaels Ruhm

nicht geschmählert wird, wenn dem ehrlichen Schneiderjungen ein buntes

Allerley von einem Schmierer besser ins Auge fällt, als Rafaels

Meisterstücke. Oder gab es nie Ohren, welchen die rauhe Pfeife des

Waldgottes entzückender schien, als die himmlischen Töne Apollos? -- Wem

_Mozarts Musik_ nicht genug fürs Gehör zu seyn scheint, der dürfte wohl

den Fehler eigentlich in seinen Ohren suchen. Was werden so delikate

Ohren zu der Musik der neuern Tonsetzer sagen?

Mit seinen Werken wird nun von den _Uebersetzern und Musikhändlern_ ein

wahrer Unfug getrieben, wobey das Publikum oft angeführt, und der Name

des großen Meisters größtentheils geschändet wird. Man hängt ihn erstens

als Anempfehlungsschild so manchem Machwerk vor, das seines Geistes ganz

unwürdig ist; noch häufiger ist der Fall, daß unbefugte Uebersetzer aus

seinen größern Werken _Klaviersachen_ zusammenstoppeln, die dann als

Originalwerke verkauft werden, und nothwendig schlechter seyn müssen,

als seine übrigen Klavierkompositionen.

Eben so nachtheilig für seinen Ruhm ist es, daß man so häufig aus

Mangel an neuern Werken von seiner Meisterhand, ältere Kompositionen,

zum Theil aus seiner frühen Jugend herausgiebt, ohne diesen Umstand dem

Publikum zu sagen. Solche Werke sind größtentheils seinen spätern ganz

unähnlich, und können den Stempel der Vollkommenheit an sich nicht

haben.

Seine Werke können zur bessern Uebersicht in 11 verschiedene Klassen

eingetheilt werden. Zur ersten rechnen wir die _dramatischen_. Mozart

schrieb 9 italienische Opern, -- und 3 teutsche.

#La finta semplice, opera buffa# für Kaiser Joseph 1768

#Mitridate, opera seria# für Mayland; im Jahr 1770

#Sulla,# -- -- -- -- 1772

#Giardiniera, opera buffa# für Kaiser Joseph im Jahr 1774

#Idomeneo, opera seria# für München im J. 1780

#Figaro, opera buffa# für Wien im J. 1786

#Don Giovanni, opera buffa# für Prag 1787

#Cosi fan tutte, opera buffa# für Wien 1790

#La Clemenza di Tito, opera seria# für Prag 1791

_Teutsche Singspiele:_

Lebensbeschreibung des k. k. Kapellmeisters Wolfgang Amadeus Mozart · 第 11 / 13 题