Nachricht von Mozarts Werken.
Es ist fast kein Zweig der Tonkunst, in welchem Mozart nicht mit
entschiedenem Glücke seine Kräfte versucht hätte.
_Dramatische Musik_, und die _Klavierkompositionen_ haben ihm am meisten
Ruhm erworben. Wenn man seine Werke besonders die theatralischen nach
der Zeitfolge ihrer Entstehung betrachtet, so merkt man deutlich den
Gang seines zur Vollkommenheit schreitenden Geistes. In den frühern,
z. B. in der Oper Idomeneo und der _Entführung aus dem Serail_, auch
noch zum Theil im _Figaro_ strömt das ganze Feuer einer jugendlichen
Phantasie und eine Fülle üppiger Empfindung ohne Gränzen. Es ist mehr
Wärme, als Licht darinn -- die Massen des Gesanges und der Harmonie sind
nicht so bestimmt, wie in den spätern Werken, in welchen dieser Strom
der Empfindung immer sanfter sich in sein Bett zurückzieht, alles
leichter, einfacher und korrekter wird. Nirgends ist diese Reife des
Geschmackes sichtbarer, als in der #Clemenza di Tito#, und dem Requiem.
Daraus läßt es sich schließen, was man noch von Mozart zu erwarten
berechtiget war?
Einige _Kunstrichter_ haben mit sinnreicher Feinheit zwar die
Vortrefflichkeit seiner Instrumentation, d. i. den mehr mechanischen
Theil der Kunst anerkannt, aber das, was blos Sache des Genies ist, die
Singparthie getadelt, -- sie haben behauptet, Mozart sey hierinn nicht so
groß, als in der Instrumentalparthie. Die Gränzen dieser Schilderung
erlauben es nicht, die Grundlosigkeit davon zu zeigen, oder die Werke
Mozarts von dieser Ansicht zu betrachten. Die Tadler mögen indessen nur
beherzigen, daß gerade diese Seite seiner Werke von gründlichen und
berufenen Richtern immer am meisten bewundert worden ist. Was konnte
denn in seinen Opern und den übrigen Singkompositionen so sehr gefallen,
wenn es _der Gesang_ nicht war? Das Volk versteht wenig von der
Schönheit des Instrumentalsatzes; gerade dieser Theil seiner Werke, der
große Geschicklichkeit der Subjekte erfodert, wird gewöhnlich schlecht
aufgeführt -- und doch brachten die meisten seiner Singkompositionen so
viel Wirkung, so viel Enthusiasmus hervor? dieß konnte nur der
_einfache, schöne, rhythmische Gesang bewirken_. Warum singt man seine
Melodien so gern nach? Warum sind so viele davon Volksgesänge geworden?
Wie wahr, wie lebhaft weiß Mozart den Sinn der Worte des Dichters
auszudrücken? Dringt sein Gesang nicht überall dem Zuhörer ans Herz?
Wenn dieß der höchste _Zweck_ der Tonkunst ist, wer hat ihn vollkommener
_erreicht als Mozart_?
Man könnte zahlreiche Beyspiele anführen, wo Mozart mit einem feinen
ästhetischen Sinne selbst die Worte und Ideen des Dichters durch schöne
Wendungen der Melodie erhoben und verbessert hat. Sein Gesang haucht den
Worten meistentheils erst Wärme und Leben ein; fast immer liegt darinn
noch mehr Sinn und Empfindung, als in den Worten. Daher haben selbst
elende Poesien blos durch seine Komposition gefallen. Die Zauberflöte
und #Cosi fan tutte# sey Beweis.
Die Gestalt, in welcher die alte #Opera seria# von Metastasio #La
Clemenza di Tito# bey seiner Musik erscheint, ist das Werk seines
richtigen Urtheiles und Geschmackes. Und ein solcher Kompositeur, der
den Geist des Textes, das eigene der Situation so faßte und verstand --
ihn oft verbesserte noch öfter erhob, soll keine höhere Bildung gehabt
haben?
»Aber Mozarts Werke sind so _schwer_, so _kritisch_, _voll Kunst_ und so
_wenig_ für das Gehör.«
Auf gleiche Art klagen oft Schulknaben über die Dunkelheiten und
Schwierigkeiten des Horaz. Man muß darüber lächeln! Wen trifft hier der
Vorwurf? Schrieb Mozart bloß für Schüler? oder ist dasjenige, was er für
sie schrieb, nicht leicht und verständlich? Das Schwere in seinen Werken
ist nicht _Absicht_, ist _nur Folge_ der Größe und Originalität seines
Genies. Dieß hat Mozart mit allen großen Künstlern gemein. _Populär_
durften alle seine Werke nicht seyn; wo Popularität nöthig war, da hat
er sie vollkommen erreicht. Findet in seinen Singspielen nicht der
Kenner und der bloße Liebhaber Gerüchte für seinen Gaum? Auch die
_erhabensten Sachen_ von seiner Hand, wo er sich in der ganzen Stärke
seiner Kunst des Kontrapunktes zeigt, haben so viel Schönheit an sich,
daß sie auch uneingeweihten Ohren gefallen, wenn sie _nur richtig_, und
_geschmackvoll vorgetragen werden_. Aber hier liegt _der Knoten_ -- das
ist größtentheils der Grund solcher Klagen. Ueberdieß erheischt seine
Musik ein reines Gefühl, ein unverdorbenes Ohr: _wer dieses nicht
mitbringt, für den hat Mozart nicht geschrieben._[19]
[Fußnote 19: Anmerkung. Diese Bemerkungen der ersten Ausgabe,
sind jetzt beynahe unnöthig, da Mozart gegen seine Nachahmer,
die Faßlichkeit und Popularität selbst ist!]
Der Tadel einer Klasse von Menschen, denen seine Musik nicht gefällt,
entscheidet nichts gegen ihre Vortrefflichkeit; so wie Rafaels Ruhm
nicht geschmählert wird, wenn dem ehrlichen Schneiderjungen ein buntes
Allerley von einem Schmierer besser ins Auge fällt, als Rafaels
Meisterstücke. Oder gab es nie Ohren, welchen die rauhe Pfeife des
Waldgottes entzückender schien, als die himmlischen Töne Apollos? -- Wem
_Mozarts Musik_ nicht genug fürs Gehör zu seyn scheint, der dürfte wohl
den Fehler eigentlich in seinen Ohren suchen. Was werden so delikate
Ohren zu der Musik der neuern Tonsetzer sagen?
Mit seinen Werken wird nun von den _Uebersetzern und Musikhändlern_ ein
wahrer Unfug getrieben, wobey das Publikum oft angeführt, und der Name
des großen Meisters größtentheils geschändet wird. Man hängt ihn erstens
als Anempfehlungsschild so manchem Machwerk vor, das seines Geistes ganz
unwürdig ist; noch häufiger ist der Fall, daß unbefugte Uebersetzer aus
seinen größern Werken _Klaviersachen_ zusammenstoppeln, die dann als
Originalwerke verkauft werden, und nothwendig schlechter seyn müssen,
als seine übrigen Klavierkompositionen.
Eben so nachtheilig für seinen Ruhm ist es, daß man so häufig aus
Mangel an neuern Werken von seiner Meisterhand, ältere Kompositionen,
zum Theil aus seiner frühen Jugend herausgiebt, ohne diesen Umstand dem
Publikum zu sagen. Solche Werke sind größtentheils seinen spätern ganz
unähnlich, und können den Stempel der Vollkommenheit an sich nicht
haben.
Seine Werke können zur bessern Uebersicht in 11 verschiedene Klassen
eingetheilt werden. Zur ersten rechnen wir die _dramatischen_. Mozart
schrieb 9 italienische Opern, -- und 3 teutsche.
#La finta semplice, opera buffa# für Kaiser Joseph 1768
#Mitridate, opera seria# für Mayland; im Jahr 1770
#Sulla,# -- -- -- -- 1772
#Giardiniera, opera buffa# für Kaiser Joseph im Jahr 1774
#Idomeneo, opera seria# für München im J. 1780
#Figaro, opera buffa# für Wien im J. 1786
#Don Giovanni, opera buffa# für Prag 1787
#Cosi fan tutte, opera buffa# für Wien 1790
#La Clemenza di Tito, opera seria# für Prag 1791
_Teutsche Singspiele:_