Mozart als Künstler und Mensch.
Die Körperbildung dieses außerordentlichen Menschen hatte nichts
Auszeichnendes; er war klein, sein Angesicht angenehm, aber, wenn man
das große, feurige Auge ausnimmt, kündigte es die Größe seines Genies
auf den ersten Anblick nicht an.
Der Blick schien unstet und zerstreut, außer wenn er bey dem Klavier
saß; da änderte sich sein ganzes Antlitz! Ernst und versammelt ruhte
dann sein Auge; auf jeder Muskelbewegung drückte sich die Empfindung
aus, welche er durch sein Spiel vortrug und in dem Zuhörer so mächtig
wieder zu erwecken vermochte.
Er hatte kleine schöne Hände; bey dem Klavierspielen wußte er sie so
sanft und natürlich an der Klaviatur zu bewegen, daß sich das Auge
daran nicht minder, als das Ohr an den Tönen ergötzen mußte. Auch darinn
zeichnete sich also Mozart vor den tummelnden Kraftgenies unserer Tage
aus!
Der kleine Wuchs seines Körpers kam von seiner frühen Geistesanstrengung
her, und von dem Mangel an freyer Bewegung in der Zeit seiner Kindheit.
Er war zwar von schönen Eltern erzeugt, und selbst ein schönes Kind
gewesen; aber von dem 6ten Lebensjahre an war er an eine sitzende
Lebensweise gebunden; um diese Zeit fing er schon an zu schreiben! Und
wie viel hat der Mann nicht in seinem Leben geschrieben? Da Mozart
bekanntermaßen in der Nacht am liebsten spielte und komponirte und die
Arbeit oft dringend war: so kann sich jeder vorstellen, wie sehr ein so
fein organisirter Körper darunter leiden mußte! Sein früher Tod, (_wenn
er ja nicht auch künstlich befördert war_), muß diesen Ursachen
hauptsächlich zugeschrieben werden.
_Aber in dem unansehnlichen Körper wohnte ein Genius der Kunst_, wie ihn
nur wenigen Lieblingen die Natur verlieh!
Die Größe und der Umfang seines Genies läßt sich nur nach dem so frühen,
so beyspiellos schnellen Gange seiner Entwickelung, und nach der hohen
Stufe der Vollkommenheit abmessen, auf die er in seiner Kunst gestiegen
war. Kein Tonkünstler vor ihm hatte das weite Gebiet seiner Kunst so
ganz umfaßt, und in jedem Zweige derselben so vollendete Produkte
geschaffen, als Mozart. Von der Schöpfung einer Oper an, bis zu dem
einfachen Liede, von der kritischen Erhabenheit einer Sinfonie, bis zu
dem leichten Tanzstückchen herab; im Ernsten und Komischen tragen seine
Werke überall den Stempel der reichsten Phantasie, der eindringendsten
Empfindung, des feinsten Geschmackes. Sie haben eine Neuheit und
Originalität, die eine getreue Beurkundung seines Genies ist. Selbst
dasjenige, welches man ihm als _Fehler_ vorwirft, zeuget von der Kraft
seines _freyen_, eine _neue Bahn_ gehenden Geistes. Dazu denke man noch
die _Vollkommenheit_, die er zugleich im Klavierspielen erreicht hatte!
Alle diese so seltenen, so mannigfaltigen und so innig verwebten Vorzüge
bestimmen den Rang, der _ihm unter den Genien_ der Künste gebührt. _Er
war unstreitig einer der großen, schöpferischen Geister, die in ihrer
Kunst Epoche machen, weil sie dieselbe vervollkommnen, oder doch ihren
Nachfolgern neue Ansichten und Pfade eröffnen; nach deren Erscheinung
aber die Kunst gewöhnlich still stehet, oder rückwärts geht._
Unter den schönen Künsten ist keine so sehr Sklavin der Mode und des
Zeitgeschmackes, als die Musik. Da sie bey uns blos dem Vergnügen dient,
blos Sache des _Einzelnen_ bleibt, keinen Vereinigungspunkt, keine
Anstalt hat, wodurch der Geschmack des Publikums die gehörige Richtung
bekäme; da ferner ihre Theorie noch zu wenig bestimmt und entwickelt
ist, um selbst den Künstlern eine Gränze zu zeigen oder ein Ideal
vorzustellen: so muß sie immer zwischen der Laune der Mode, dem
Eigensinne eines verderbten Geschmackes und zwischen den aufgestellten
Mustern großer Künstler unstet hin und her schwanken, und erhält nie
einen sichern Gang zur Vollkommenheit. Ueberdieß sind ihre Zeichen und
Formen zu unbestimmt, und das _Ohr_, durch welches sie auf den Geist
wirket, ist ein viel zu untreuer Bothe, seine Sensationen sind zu
dunkel, als daß man so deutlich bestimmen könnte, welches darinn das
wahre Schöne sey. _Was dem großen Haufen gefällt_ -- heißt _schön_! Das
Neue hat einen starken Reiz; daher ist es seines Sieges über das bessere
Alte gewiß; und darum gilt alte Musik und alte Mode einerley. Denn die
wenigsten Menschen haben Geschmack und Kenntniß genug, um ächte
Schönheit, vom Flitter zu unterscheiden. Wenn größere Geister durch ihre
Meisterwerke mehr als eine augenblickliche Rührung hervorbringen, so
summen doch der Leyermänner der zwey _Schwestern von Prag_, des _Tyroler
Wastels_, und dergl. schönen Sächelchen, so lange dem Publikum um die
Ohren, bis der Nachhall schönerer Töne verschwindet! Dann kennt man die
Namen großer Meister nur noch aus Büchern; ihre himmlischen Harmonien
sind längst verhallt! Das ist gewöhnlich das traurige Schicksal der
Musik! Wie viel Kraft, wie viel klassischen Gehalt muß also in den
Werken Mozarts liegen, wenn ihre Wirkung von dieser Erscheinung eine
Ausnahme machet? Ihre Schönheit empfindet man gewöhnlich dann erst recht
lebhaft, wenn man sie öfters gehört, oder recht scharf geprüfet hat.
Oder haben uns wohl _Figaro_, _Don Juan_, _Titus_, während ihrer
vieljährigen Vorstellung noch jemals Langeweile gemacht? Hört man seine
_Klavierkonzerte_, _Sonaten_, _Lieder_ das dreyßigstemal nicht lieber
noch, als das erstemal? Wer hat die tiefgedachten Schönheiten seiner
Violin-Quartetten und Quintetten nach der häufigsten Wiederholung
erschöpft? Dieses ist der wahre Probirstein des klassischen Werthes! Die
Meisterstücke der Römer und Griechen gefallen bey fortgesetzter Lektüre
und je reifer der Geschmack wird, immer mehr und mehr -- das nemliche
widerfährt dem Kenner und Nichtkenner bey der Anhörung Mozartischer
Musik, besonders der dramatischen Werke. So ging es uns bey der ersten
Vorstellung des _Don Juan_ und insbesondere des Titus.
Ja eben itzt, nachdem die meisten Schöpfungen seiner Kunst 20 bis 30
Jahre alt sind, gefallen sie am meisten! Wie gern hört man nach dem
Wirrwarr neuester Kompositeurs die stillerhabenen, klaren, so einfachen
Gesänge unsers Lieblinges! Wie wohl thun sie unserm Gefühle -- es ist als
wenn man aus einem chaotischen Gewirre, aus dichter Finsterniß ins Licht
und eine heitere Ordnung versetzt würde.
Nebst den oben angeführten Eigenheiten und Vorzügen des mozartischen
Kunsttalentes, beobachtete an ihm der aufmerksame Schätzer seiner Werke
einen gewissen _feinen Sinn_, den Charakter jeder Person, Lage und
Empfindung aufs genaueste zu treffen;
#reddere convenientia cuique#.
Diese Eigenschaft war sein wahrer Beruf zum dramatischen Komponisten,
und ist zugleich der Erklärungsgrund des Zaubers und der großen Wirkung
seiner Werke. Daher hat jede seiner Kompositionen einen bestimmten,
eigenthümlichen Charakter, eine Individualität, die selbst in der Wahl
der Tonart sich ankündigt. Kenner seiner Werke bedürfen keiner
besondern Beyspiele, da alle Opern von seiner Komposition diese
Eigenschaft im hohen Grade an sich haben; aber das schönste Muster davon
ist #La Clemenza di Tito#. -- Wie ganz anders bey den gewöhnlichen
Kompositionen? Es sind größtentheils Gesänge von so unbestimmtem
Charakter, daß sie eben so gut zu einer Messe, als #Opera buffa# taugen.
Eine andere auszeichnende Eigenheit seiner Werke ist die _Verbindung der
höchsten Kompositionskunst mit Lieblichkeit und Anmuth_. Diese
Vereinigung ist eine Aufgabe blos für Künstler von mozartischem Genie.
Den Beweis davon giebt die Erfahrung. Wie selten trift man auf
Kompositionen, die den beyden Forderungen Genüge leisteten? Entweder
sind es blos kontrapunktische Kunststücke, die wohl allen Regeln des
Satzes zusagen mögen; aber Wärme, Anmuth und Lieblichkeit, diese wahren
Zaubermittel der Rührung, wußte ihnen ihr Meister nicht anzuziffern:
oder es sind geistlose, fade Liedeleyen, ohne Sinn und Zusammenhang,
kaum im Stande dem Ohre mit ihrem übersüßen Geklingel einen
vorübergehenden Kitzel zu verursachen.
Wie ganz anders ist es beym Mozart? Wie schmilzt in seinen Werken das,
was man Kunst des Satzes nennt, mit Anmuth, Lieblichkeit und Wohllaut
so schön zusammen, daß das eine wegen des andern da zu seyn scheint --
und beydes zur Hervorbringung des höchsten Effektes gleich wirksam ist!
Und doch, wie mäßig und besonnen war er in dem Gebrauche der Süßigkeiten
und Gewürze? Er kannte die hohe Forderung der Kunst und der Natur. Er
schrieb was sein Genius ihm eingab, was sein richtiger Geschmack wahr
fand, unbekümmert ob es nach dem Geschmacke des Parterres seyn würde
oder nicht; und _so bildete er sich selber das Publikum_, überzeugt, daß
wahre Schönheit, wie die Wahrheit, endlich doch erkannt wird und
gefällt. Dieß thaten immer große Künstler, welche die Kraft hatten einen
eigenen Weg zu gehen, und der Mode nicht zu fröhnen.
Der Punkt dieser schönen Vereinigung der Gründlichkeit des Satzes mit
Anmuth und Lieblichkeit ist gewiß die treffliche und vor seiner Zeit
_unbekannte Art die Blasinstrumente zu brauchen und wirken zu lassen_.
Hierinn glänzt sein erfinderisches _Genie_ ohne Beyspiel und
Nebenbuhler.
Er maß mit dem feinsten Sinne die Natur und den Umfang der Instrumente
ab, zeichnete ihnen neue Bahnen vor, und gab jedem derselben die
vortheilhafteste Rolle, um die kraftvolle Masse von Harmonie
hervorzubringen, welche die Bewunderung aller Kenner erzwingt und das
Muster und Studium der guten Köpfe bleiben wird. Wie ganz anders sehen
hierinn die Kompositionen selbst großer Meister nach Mozarts Periode,
als vor derselben aus? Wie unendlich viel haben sie gewonnen durch die
Anwendung seiner Art, die Blasinstrumente zu setzen? Selbst des großen
Haidns Werke bestättigen diese Behauptung. Man vergleiche die ältern
Sinfonien von ihm, mit den neuern? Die Schöpfung schrieb Haidn erst nach
Mozarts Epoche.
Wie leise schmiegen sich die Töne der Blasinstrumente dem Hauptgesange
an? wie kühn wetteifern sie bald wieder mit der Singstimme? Welche feine
Wendungen? Welche Mannichfaltigkeit und Abwechslung überall? Bald
wieder, wo es der Gegenstand oder Affekt erfordert, wie abstehend der
Kontrast? Wie gewaltig das Aufbrausen der Leidenschaft? Selbst in
Stücken ohne Singstimmen lehrte Mozart seine Instrumente einen Gesang,
der so vernehmlich zu dem Gefühle spricht, daß der Zuhörer nur wenig die
Abwesenheit der Singstimme wahrnehmen kann. Man höre seine Andantes oder
Romanzen, in den Klavierkonzerten und Quartetten!
Bey dem häufigen Gebrauche der Blasinstrumente, wie vollkommen wußte
doch Mozart alle Ueberladung zu vermeiden? wie richtig den Ort und den
Zeitpunkt zu treffen, wo sie Effekt machen? Nie ist ein Instrument
verschwendet oder mißbraucht, und daher überflüssig. Aber nur _er_
verstand die Oekonomie mit dem geringsten Aufwande, oft durch einen
einzigen Zug eines Instruments, durch einen _Akkord_, einen
Trompetenstoß, einen Paukenwirbel die größte Wirkung hervorzuzaubern!
Wie tief sind viele seiner Nachahmer hierinnen unter ihm?
So groß, so neu immer Mozart in der Instrumentalpartie seyn mag, so
entfaltet sich doch sein mächtiges Genie noch _reizender in dem Satze
des Gesanges für menschliche Stimmen_. Hierinn erwarb er sich ein
zweifaches, gleich großes Verdienst. Mit richtigem Geschmacke führte er
ihn zu seiner anspruchslosen Mutter, der Natur und Empfindung zurück. Er
wagte es den italienischen Sängern zu trotzen,[11] alle unnützen
charakterlosen Gurgeleyen, Schnörkel und Passagen zu verbannen! Daher
ist sein Gesang überall _einfach, natürlich, kraftvoll, ein reiner
Ausdruck der Empfindung und der Individualität_ der Person und ihrer
Lage. Der Sinn des Textes ist immer so richtig und genau getroffen, daß
man ausrufen muß: »Wahrlich die Musik spricht«! Aber Mozart scheint sich
selbst zu übertreffen, wenn er den Gesang für mehrere Stimmen dichtet,
_in Terzetten, Quartetten, Quintetten_ d. h. in vielstimmigen Stücken;
vorzüglich in seinen unübertrefflichen, wahrlich _einzigen Operfinalen_.
Welcher Reichthum? welche Mannigfaltigkeit in Wendungen und
Veränderungen? Wie schlingt sich da eine Stimme um die andere? wie schön
vereinigen sie sich alle ein reizendes Ganze zu bilden, eine neue
Harmonie hervorzubringen? Und doch sagt jede nur ihre eigene oft
entgegengesetzte Empfindung! _Hier ist die größte Mannigfaltigkeit und
die strengste Einheit vereinigt._ Man findet wohl _schöne_ Arien auch
bey andern Meistern: aber niemand wird in _vielstimmigen Sachen_
Mozarten die Palme entreißen.
[Fußnote 11: Auch dieß ist eine Ursache der Abneigung der
welschen Sänger gegen seine Werke; eine noch stärkere ist die
Mühe, die es ihrer Unwissenheit kostete seine Gesänge
einzustudiren. Mozart hat zwar bisweilen von diesem Grundsatze
eine Ausnahme gemacht. Aber war er denn in bestellten Sachen
immer frey? Mußte er nicht gegen Sänger gefällig seyn, wenn er
wünschte, daß sie ihm die Sachen nicht verderben? Darum müßte
man immer die Sänger kennen, für die er schrieb, wenn man ein
richtiges Urtheil über seine dramatischen Werke fällen wollte.]
Doch wer mag sie alle entwickeln, die unzähligen Vorzüge, die
unerschöpflichen Schönheiten seiner Kunst? Wer mag mit Worten das _Neue,
Originelle, Hinreißende, Erhabene, Volltönende seiner_ Musik
beschreiben? Seine Musik verfehlt nie ihre Wirkung, wenn sie nur
pünktlich und mit Feuer vorgetragen wird. Freylich ist es nicht leicht
seinem Geiste nachzufliegen; und da bey ihm jede Note mathematisch genau
zu der Harmonie berechnet ist: so giebt es auch kein so arges Mißgetön,
als wenn rohe Hände unwissender Bierfiedler sich an seine Heiligthümer
wagen.
Die berühmtesten Tonkünstler erkannten die Größe seines Genies, und
bewunderten seine Werke. _Joseph Haydn_, dieser Liebling der Grazien,
der in seinem Alter noch das Gefühl eines Jünglinges zeigte, ist gewiß
vor allen _ein befugter und berufener Richter_.
Sein Urtheil ist unpartheyisch, weil er als ein redlicher Mann bekannt
ist, und Mozarts aufblühender Ruhm dem seinigen im Wege stand. Schon im
Jahre 1785 da Mozarts Vater noch lebte, sagte J. Hayden bey einer
Zusammenkunft in Wien zu ihm: »_Ich sage Ihnen vor Gott und als ein
ehrlicher Mann, daß ich ihren Sohn für den größten Komponisten
anerkenne, von dem ich nur immer gehört habe; er hat Geschmack und
besitzt die gründlichste Kenntniß in der Kunst der Komposition._«
Im Jahre 1787 im Dezember schrieb eben dieser große Mann an einen
_Freund in Prag_, der mit ihm seit langer Zeit in Briefwechsel stand,
und ein Singspiel von seiner Komposition für Prag verlangte, folgenden
merkwürdigen Brief:
»Sie verlangen eine #Opera buffa# von mir; recht herzlich gern,
wenn Sie Lust haben von meiner Singkomposition etwas für sich
allein zu besitzen. Aber um sie auf dem Theater zu Prag
aufzuführen, kann ich Ihnen dießfalls nicht dienen, weil alle
meine Opern zu viel auf unser Personale (_zu Esterhaz in
Ungarn_) gebunden sind, und außerdem nie die Wirkung
hervorbringen würden, die ich nach der Lokalität berechnet habe.
Ganz was anders wär es, wenn ich das unschätzbare Glück hätte
ein ganz neues Buch für das dasige Theater zu komponiren. Aber
auch da hätte ich noch viel zu wagen, in dem der _große_ Mozart
schwerlich jemanden andern zur Seite haben kann.«
»Denn, könnt ich jedem Musikfreunde besonders aber den Großen
die unnachahmlichen Arbeiten Mozarts _so tief und mit einem
solchen musikalischen Verstande, mit einer so großen Empfindung
in die Seele prägen, als ich sie begreife und empfinde_: so
würden die Nationen wetteifern ein solches Kleinod in ihren
Ringmauern zu besitzen. Prag soll den theuern Mann fest halten --
aber auch belohnen; denn ohne dieses ist die Geschichte großer
_Genies traurig_, und giebt der Nachwelt wenig Aufmunterung zum
fernern Bestreben; weßwegen leider! so viel hoffnungsvolle
Geister darnieder liegen. Mich zürnet es, daß dieser _einzige
Mozart_ noch nicht bey einem kaiserlichen oder königlichen Hofe
engagirt ist. Verzeihen Sie, wenn ich aus dem Geleise komme: ich
habe den Mann zu lieb.«
Ich bin etc.
Joseph Hayden.
N. S. An das Prager Orchester und die dasige Virtuosen mein
ergebenstes Kompliment.[12]
[Fußnote 12: Ich habe dieses schätzbare Denkmal einer edlen
Seele der gütigen Mittheilung des _Herrn Roth_
Proviantoberverwalter zu Prag (an den der Brief geschrieben war)
zu danken. Da er für den Geist und das Herz seines Verfassers
nicht minder ruhmvoll ist, als für Mozart: so ließ ich ihn hier
_wörtlich nach dem Originale abdrucken_.]
Wenn ein _Haydn_ so urtheilt, so begeistert spricht -- ein Haydn, der
allein unter allen Tonkünstlern über seinen Verlust zu trösten im Stande
wäre, was will dann das Gekreische einiger kleinen Geister sagen, die an
Mozarts Ruhme zu Rittern werden wollten?
Der chursächsische Kapellmeister H. Naumann bezeugte bey seinem
Aufenthalte zu Prag auf eine schöne Art seine Hochachtung und
Bewunderung für Mozarts Talente und Werke in einer rührenden Anrede an
seinen Sohn, als ihm derselbe von seiner Freundin Duschek vorgestellt
wurde. Wer die redliche anspruchslose Denkungsart dieses berühmten
Meisters kannte, wird an der Wahrheit seiner Gesinnungen gewiß nicht
zweifeln.[13]
[Fußnote 13: Der Verfasser hatte das Vergnügen Augenzeuge der
schönen Scene zu seyn.]
Wie sehr ihn _Gluck_ geschätzt habe, ist schon erwähnt worden.
Cherubini, dessen Geist dem Mozartischen am nächsten verwandt scheint,
ist sein größter Bewunderer, und hat seine Werke zum Gegenstande seines
beständigen Studium gemacht. Alle Neuern, wenn sie es auch nicht
gestehen wollen, haben von Mozart gelernt, oder ahmen ihn nach!
Ein noch lebender, nicht unberühmter Tonsetzer in Wien sagte zu einem
andern bey Mozarts Tode, mit vieler Wahrheit und Aufrichtigkeit: »Es ist
zwar Schade um ein so großes Genie; aber wohl uns, daß er todt ist.
Denn, würde er länger gelebt haben, wahrlich! die Welt hätte uns kein
Stück Brod mehr für unsere Kompositionen gegeben.«
Die zahlreiche Klasse gründlicher Tonkünstler in Prag verdient mit Recht
unter den Richtern über Mozarts hohen Werth einen ansehnlichen Platz.
Die meisten von ihnen sprechen mit einer Achtung von Mozarts Werken, die
ein rühmlicher Beweis ihrer Kenntnisse, und der Unbefangenheit ihres
Herzens ist. -- Einige, (lange noch nicht alle) sind in einer
vorhergehenden Anmerkung genannt worden. Der brave Duschek mit seiner
Gattin, die als Künstlerin und gebildete Frau im gleichen Maße auf
Achtung und Beyfall Anspruch machen kann, waren Freunde und Bewunderer
Mozarts. Wie viele treffliche Künstler, auf die _Böhmen_ stolz ist -- wie
viele gründliche und geschmackvolle Dilletanten vom Adel und dem
Bürgerstande, die in jedem andern Lande für Virtuosen gelten würden,
müßte ich nennen, wenn ich alle Freunde und Verehrer seiner Werke und
Talente in Böhmen herzählen wollte?
Doch um Mozart als Tonkünstler ganz kennen zu lernen, ist es nöthig ihn
bey seinem Schreibpulte, wenn er die unsterblichen Werke dichtete, zu
beobachten!
Mozart schrieb alles mit einer Leichtigkeit und Geschwindigkeit, die
wohl beym ersten Anblick Flüchtigkeit oder Eile scheinen konnte; auch
kam er nie während des Schreibens zum Klavier. Seine Imagination stellte
ihm das ganze Werk, wenn es empfangen war, deutlich und lebhaft dar. Die
große Kenntniß des Satzes erleichterte ihm den Ueberblick der gesammten
Harmonie. Selten trift man in seinen Konzeptpartituren ausgebesserte
oder überstrichene Stellen an. Daraus folgt nicht, daß er seine Arbeiten
nur hingeworfen habe. In seinem Kopfe lag das Werk immer schon
vollendet, ehe er sich zum Schreibpulte setzte. Wenn er den Text zu
einer Singkomposition bekam, so ging er lange Zeit damit herum, dachte
sich ganz hinein, und erregte die Thätigkeit seiner Phantasie. Bey dem
Klavier arbeitete er dann die Gedanken vollständig aus; und nun erst
setzte er sich zum Schreiben hin. Daher war ihm das Schreiben eine
leichte Arbeit, wobey er oft scherzte und tändelte. Es ist schon oben
gesagt worden, daß er auch in seinen Mannsjahren halbe Nächte bey dem
Klavier zubrachte, dieß waren eigentlich die _Schöpferstunden_ seiner
himmlischen Gesänge! Bey der schweigenden Ruhe der Nacht, wo kein
Gegenstand die Sinne fesselt, entglühete seine Einbildungskraft zu der
regesten Thätigkeit, und entfaltete den ganzen Reichthum der Töne,
welchen die Natur in seinen Geist gelegt hatte. Hier war _Mozart ganz_
Empfindung und Wohllaut -- hier floßen von seinen Fingern die
wunderbarsten Harmonien! _Wer Mozart in solchen Stunden hörte, der nur
kannte die Tiefe, den ganzen Umfang seines musikalischen Genies: frey
und unabhängig von jeder Rücksicht durfte da sein Geist mit kühnen Fluge
sich in die höchsten Regionen der Kunst schwingen._ In solchen Stunden
der dichterischen Laune schuf sich Mozart unerschöpflichen Vorrath;
daraus ordnete und bildete er dann mit leichter Hand seine unsterblichen
Werke.
Uebrigens wird jeder einsehen, daß eine reiche Ader der Gedanken dazu
erfodert war. Ohne diese würde alle seine Kunst unfruchtbar geblieben
seyn. Es giebt zwar Komponisten, die durch hartnäckigen Fleiß einige
Gedanken erzwingen: aber wie bald versiegt ihre Quelle? Dann hört man
sie nur wiederholen: ihre spätern Werke sind gewöhnlich nur die
Musterkarte der frühern.
Diese Leichtigkeit, mit der Mozart schrieb, hat er, wie wir gesehen
haben, schon als Knabe gezeigt; ein Beweis, daß sie ein Werk des Genies
war. Aber wie oft überraschte er damit in seinen letzten Jahren selbst
diejenigen, die mit seinen Talenten vertraut waren? Die genievolle
Eingangssinfonie zum _Don Juan_ ist ein merkwürdiges Beyspiel davon.
Mozart schrieb diese Oper im Oktober 1787 zu Prag; sie war nun schon
vollendet, einstudirt, und sollte übermorgen aufgeführt werden, nur die
Ouverture fehlte noch.
Die ängstliche Besorgniß seiner Freunde, die mit jeder Stunde zunahm,
schien ihn zu unterhalten; je mehr sie verlegen waren, desto
leichtsinniger stellte sich Mozart. Endlich am Abende vor dem Tage der
ersten Vorstellung, nachdem er sich satt gescherzt hatte, gieng er gegen
Mitternacht auf sein Zimmer, fing an zu schreiben, und vollendete _in
einigen Stunden das bewundernswürdige Meisterstück_, welches die Kenner
nur der himmlischen Sinfonie der Zauberflöte nachsetzen. Die Kopisten
wurden nur mit Mühe bis zur Vorstellung fertig, und das Opernorchester,
dessen Geschicklichkeit Mozart schon kannte, führte sie #prima vista#
vortrefflich auf.[14]
[Fußnote 14: Die Begebenheit ist in Prag allgemein bekannt.]
Die Musik zur Zauberflöte war schon im Julius 1791 fertig. In der Mitte
des _Augustus_ gieng Mozart nach Prag, schrieb da innerhalb 18 Tagen #La
Clemenza di Tito#, welche am 5ten September aufs Theater kam. In der
Mitte dieses Monaths reisete er nach Wien zurück, und schrieb ein paar
Tage vor der Vorstellung der Zauberflöte, die am 30. September geschah,
die beste aller Ouverturen und den _Priestermarsch_ zum Anfang des 2ten
Aktes.
Solche Beyspiele könnten häufig angeführt werden. Sein außerordentliches
Gedächtniß zeigte sich auch schon in der Jugend; das aufgefaßte
_Miserere_ in Rom giebt einen vollen Beweis davon. Er behielt es
ungeschwächt bis an sein Ende.
Da man seine Kompositionen unglaublich suchte: so war er nie sicher, daß
ihm nicht ein neues Werk selbst während des Kopirens abgestohlen werde.
Er schrieb daher bey seinen Klavier-Konzerten gewöhnlich nur eine Zeile
für eine Hand auf, und spielte das übrige aus dem Gedächtnisse. So hat
er einst ein Klavierkonzert, welches er schon seit geraumer Zeit nicht
in Händen gehabt hatte, in einer musik. Akademie aus dem Gedächtnisse
gespielt, indem er die Prinzipalstimme in der Eile zu Hause vergaß.
Aber wie ist Mozart ein so _großer_, ja ich möchte sagen, _einziger_
Mann in seiner Kunst geworden? Hat er alles der Natur, oder seinem
Studium, seiner Ausbildung zu danken? Einige teutschen Schriftsteller
sprechen von einer _instinktartigen Beschaffenheit seines Geistes_,
welche ihn unwillkührlich zur Hervorbringung seiner Meisterwerke
getrieben habe. Aber diese Herrn kennen sicher Mozarten gar nicht, und
scheinen die Leichtigkeit, mit welcher er, wenn die Idee des Werkes
einmal gebildet war, schrieb, für die instinktartige Wirkung seines
Talentes zu halten. Freylich haben die Aeußerungen des Genies, in
wiefern es angeboren ist, etwas instinktartiges: aber nur Bildung und
Uebung -- Studium giebt ihm Reife und Vollendung. Mozart hatte von der
Natur ein Genie empfangen wie Shakespeare, aber er übertraf diesen an
Geschmack und Korrektheit. Er produzirte mit Verstand und Wahl. Diese so
seltene Vereinigung eines feinen Geschmackes und der richtigsten
Beurtheilung mit den größten Naturanlagen, die Mozarten unter den
Meistern seiner Kunst den ersten Rang giebt, war größtentheils sein
Werk -- das Werk seines Eifers, seines Fleißes; das Werk des tiefen und
gründlichen Studiums der Kunst.
Aus der Geschichte seiner Jugend haben wir gesehen, wie sorgfältig er
jede Gelegenheit benützte, um zu lernen; wie weise und streng ihn sein
Vater dazu leitete; wie tief er in die Geheimnisse der Kunst so früh
schon eingedrungen war. Aber wir wollen ihn selbst darüber hören.
Einst -- (es war nach den ersten Proben seines Don Juan) -- gieng Mozart
mit dem damaligen Orchesterdirektor und Kapellmeister Herr Kucharz[15]
spazieren. Unter andern vertraulichen Gesprächen kam die Rede auf Don
Juan. Mozart sagte: »Was halten sie von der Musik zum Don Juan? Wird sie
so gefallen, wie Figaro? Sie ist von einer andern Gattung!
[Fußnote 15: Anmerkung. Ein trefflicher Schüler Seegerts, und
biederer Mann. Diese Anekdote habe ich aus seinem Munde.]
_Kuch_. Wie können Sie daran zweifeln? Die Musik ist schön, originell,
tief gedacht. Was von Mozart kommt wird den Böhmen gewiß gefallen.
_Moz_. Ihre Versicherung beruhigt mich, sie kommt von einem Kenner. Aber
ich habe mir Mühe und Arbeit nicht verdrüßen lassen, für Prag etwas
vorzügliches zu leisten. Ueberhaupt irrt man, wenn man denkt, daß mir
meine Kunst so leicht geworden ist. Ich versichere Sie, lieber Freund!
niemand hat so viel Mühe auf das Studium der Komposition verwendet als
ich. _Es giebt nicht leicht einen berühmten Meister in der Musik, den
ich nicht fleißig, oft mehrmal durchstudirt hätte._«
Und in der That, man sah die Werke großer Tonkünstler, auch da noch, als
er bereits klassische Vollkommenheit erreicht hatte, auf seinem Pulte.
Sein gewandter Geist wußte sich den Charakter eines jeden so anzueignen,
daß er sie oft zum Scherze im Satze und Stile bis zum Täuschen
nachahmte.
Sein Gehör war so fein, faßte die Verschiedenheit der Töne so gewiß und
richtig auf, daß er den geringsten Fehler oder Mißton selbst bey dem
stärksten Orchester bemerkte, und dasjenige Subjekt oder Instrument,
welches ihn begieng genau anzugeben wußte. Nichts brachte ihn so sehr
auf, als Unruhe, Getöse oder Geschwätz bey der Musik. Da gerieth der so
sanfte, muntere Mann in den größten Unwillen, und äußerte ihn sehr
lebhaft. Es ist bekannt, daß er einst mitten im Spiele unwillig von dem
Klavier aufstand, und die unaufmerksamen Zuhörer verließ. Dieses hat
man ihm vielfältig übel genommen; aber gewiß mit Unrecht. Alles, was er
vortrug, empfand er selbst auf das stärkste -- sein ganzes Wesen war dann
Gefühl und Aufmerksamkeit: wie konnte ihn also kalte Fühllosigkeit,
Unaufmerksamkeit: oder gar ein störendes Geschwätze in der Laune und
Fassung erhalten? Als begeisterter Künstler vergaß er da auf alle andere
Rücksichten.
Wie reizbar lebhaft sein Kunstsinn gewesen sey, kann man aus dem
schließen, daß er bey der Aufführung einer guten Musik bis zu Thränen
gerührt wurde: vorzüglich wenn er etwas von den beyden großen _Haydn_
hörte. Aber nicht allein Musik, jeder andere rührende Gegenstand ergriff
sein ganzes Gefühl und erschütterte ihn. Seine Einbildungskraft war
immer thätig, immer mit Musik beschäftigt; daher schien er oft zerstreut
und gedankenlos.
_So groß war Mozart als Künstler!_ Den Forscher der menschlichen
Natur wird es nicht befremden, wenn er sieht, daß dieser als Künstler
so seltene Mensch, nicht auch in den übrigen Verhältnissen des
Lebens ein _großer Mann_ war. Die Tonkunst machte die Haupt- und
Lieblingsbeschäftigung seines ganzen Lebens aus -- um diese bewegte sich
sein ganzes Gedanken- und Empfindungsspiel; alle Bildung seiner Kräfte,
die das Genie des Künstlers ausmachen, ging von da aus und bezog sich
darauf. Ist es ein Wunder, wenn er den übrigen Dingen um sich weniger
Aufmerksamkeit widmete? Er war Künstler, war es ganz und in einer
bewundernswürdigen Größe: das ist genug! Wer mag indeß die Gränzlinien
seiner Geistkräfte so genau ziehen, um behaupten zu können, Mozart habe
außer seiner Kunst zu nichts sonst Anlage oder Fähigkeit gehabt? Man
setzt freylich das Wesen des Künstler-Genies in eine überwiegende Stärke
der untern oder ästhetischen Kräfte der Seele, aber man weiß auch, daß
die Künste besonders die Musik häufig einen scharfen Ueberblick,
Beurtheilung und Einsicht in die Lage der Dinge erfodern; welches bey
Mozart um so gewisser vorauszusetzen ist, da er kein gemeiner
mechanischer Virtuos eines Instrumentes war, sondern das ganze weite
Gebieth der Tonkunst mit seltner Kraft und Geschicklichkeit umfaßte.
Wie schön und beneidenswerth ist übrigens der Wirkungskreis eines
Tonkünstlers? Mit seinen süßen Harmonien entzückt er tausend gefühlvolle
Seelen; er schafft ihnen die reinste Wonne; er erhebt, besänftiget,
tröstet! Auch dann wenn er nicht mehr ist, lebt er dennoch in seinen
widerholenden Gesängen -- Tausende segnen und bewundern ihn.
_Mozart_ hatte schon in seiner Jugend zu allen Kenntnissen, die man ihm
beyzubringen für nöthig fand, eine große Anlage gezeigt, in allen
schnelle Fortschritte gemacht; von der Arithmetik ist Erwähnung
geschehen. Auch in seinen spätern Jahren liebte er diese Kenntniß sehr
und war wirklich ein ungemein geschickter Rechenmeister. Eben so groß
war sein Talent zur Sprachwissenschaft; er verstand _Französisch_,
_Englisch_, _Italienisch_ und _Teutsch_. Die lateinische Sprache lernte
er in spätern Jahren, und zwar nur so weit, als es zur Verständniß des
Kirchentextes, den er allenfalls in Musik zu setzen hätte, erfordert
war. In allen übrigen Sprachen hat er die guten Schriftsteller gelesen
und verstanden. Er machte oft selbst Verse; meistens aber nur bey
scherzhaften Gelegenheiten.[16] In den übrigen Fächern hatte Mozart
wenigstens so viel historische Kenntniß, als für einen Mann von Bildung
nöthig war.
[Fußnote 16: Dieß war unter andern der Fall bey dem Tode eines
geliebten Staares, den er in seinem gemietheten Garten ein
ordentliches Grabmahl errichtet, und mit einer Inschrift
versehen hatte. Thiere und insbesondere Vögel liebte er sehr.]
Zu bedauern ist es, daß er nicht über seine Kunst schrieb! Aus einem
Briefe, welchen er an F. v. Trattner, eine seiner Schülerinnen über den
_Vortrag_ der für sie gesetzten Klavierphantasie geschrieben hatte,
konnte man sehen, daß er nicht nur die Prax, sondern auch die Theorie
seiner Kunst vollkommen verstand. Der Brief ist, leider! nicht zu finden
gewesen.
In einem Heft einer musikalischen Zeitschrift von Berlin vor einigen
Jahren wurde von Mozart behauptet, er habe eigentlich keine _höhere
Bildung_ gehabt. Es ist schwer zu errathen, was der Verfasser mit den
Worten höhere Bildung gemeint habe. Mozart hatte die Welt gesehen, er
kannte die Schriftsteller der gebildetesten Nationen, zeigte überall
einen offenen und freymüthigen Geist: was fehlte ihm also zur höhern
Kultur? Muß man in Göttingen oder Jena studirt haben, um höhere Bildung
zu erlangen? Oder besteht die höhere Bildung darinn, daß man weiß, was
teutsche Schriftsteller sagen? daß man von allen zu schwatzen verstehet?
Der _moralische Charakter Mozarts_ war _bieder_ und _liebenswürdig_.
Unbefangene _Herzensgüte_ und eine _seltene Empfindlichkeit für alle
Eindrücke_ des _Wohlwollens und der Freundschaft_ waren seine Grundzüge.
Er überließ sich diesen liebenswürdigen Regungen ganz, und wurde daher
mehrmal das Opfer seines gutmüthigen Zutrauens. Oft beherbergte und
pflegte er seine ärgsten Feinde und Verderber bey sich.
Er hatte zwar oft mit einem schnellen Blicke auch versteckte Charaktere
aus dem Innersten ausgeholt: aber im Ganzen genommen, hatte er zu viel
Gutmüthigkeit um Menschenkenntniß zu erlangen. Selbst die Art seiner
_Erziehung_, die _unstäte Lebensart auf Reisen_, wo er nur für seine
Kunst lebte, machte eine wahre Kenntniß des menschlichen Herzen
unmöglich. Diesem Mangel muß man manche Unklugheit seines Lebens zu
schreiben.
Uebrigens hatte Mozart für die Freuden der Geselligkeit und Freundschaft
einen offenen Sinn. Unter guten Freunden war er vertraulich wie ein
Kind, voll _munterer_ Laune; diese ergoß sich dann meistentheils in den
drolligsten _Einfällen_. Mit Vergnügen denken seine Freunde in Prag an
die schönen Stunden, die sie in seiner Gesellschaft verlebten; sie
können sein gutes argloses Herz nie genug rühmen; man vergaß in seiner
Gesellschaft ganz, daß man _Mozart_ den bewunderten Künstler vor sich
habe.
Nie verrieth er einen gewissen _Kunst-Pedantismus_, der an manchen
Jüngern Apollos so widerlich ist. Er sprach selten und wenig von seiner
Kunst, und immer mit einer liebenswürdigen Bescheidenheit. Hochschätzung
des wahren Verdienstes und Achtung für die Person leiteten seine
Urtheile in Kunstsachen. Es war gewiß rührend, wenn er von den _beyden
Haydn_, oder andern großen Meistern sprach: man glaubte nicht dem
allgewaltigen Mozart, sondern einen ihrer begeisterten Schüler zu hören.
Ich kann hier eine Anekdote nicht übergehen, die eben so sehr seinen
geraden Sinn, und den Unwillen gegen lieblose Tadelsucht, als seine
große Achtung für Joseph _Haydn_ beweiset. Sie sey zugleich ein Beyspiel
seiner guten Einfälle.
In einer Privatgesellschaft wurde einst ein neues Werk von Joseph Haydn
gemacht. Nebst Mozart waren mehrere Tonkünstler gegenwärtig, unter
andern L. K..., der noch nie jemanden gelobt hatte, als sich selbst. Er
stellte sich zum Mozart und tadelte bald dieses bald jenes. Mit Geduld
hörte ihn dieser eine Zeit an; als es ihm aber zu lang dauerte, und der
Tadler endlich wieder bey einer Stelle mit Selbstgenügsamkeit ausrief:
»Das hätt' ich nicht gethan« -- erwiederte Mozart: Ich auch nicht; wissen
Sie aber warum? Weil _wir es beyde_ nicht so gut getroffen hätten! --
Durch diesen Einfall machte er sich einen unversöhnlichen Feind mehr.
Mit einer solchen Bescheidenheit verband Mozart dennoch ein edles
_Bewußtseyn_ seiner Künstlerwürde. Wie wäre es auch möglich gewesen
nicht zu wissen, wie _groß_ er sey? Aber er jagte nie nach dem Beyfalle
der Menge; selbst als Kind rührte ihn nur das Lob des Kenners. Daher war
ihm alles gleichgültig, was blos aus Neugierde ihn anzugaffen gekommen
war. Oft ging dieses Betragen vielleicht zu weit. Er war daher bisweilen
auch in der Gegenwart großer Herrn vom höchsten Range zum Spielen nicht
zu bewegen; oder er spielte nichts als Tändeleyen, wenn er merkte, daß
sie keine Kenner oder wahre Liebhaber sind. Aber Mozart war der
gefälligste Mann von der Welt, wenn er sah, daß man Sinn für seine Kunst
besitze; er spielte Stunden lang dem geringsten, oft unbekannten
Menschen. Mit aufmunternder Achtsamkeit hörte er die Versuche junger
Künstler an, und weckte durch eine liebevolle Beyfallsäußerung das
schlummernde Selbstbewußtseyn.
Unser beste Klavierspieler und beliebter Tonsetzer Joh. Witassek dankt
ihm diese Erweckung seines Talentes. Die wenigen Stunden die er bey
Mozart zubrachte, schätzt er nach eigenem Geständnisse für einen großen
Zuwachs zu seiner Ausbildung.
Menschenfreundlich und uneigennützig war _Mozart_ im hohen Grade. Darum
sammelte er kein Vermögen. Ganz im Reiche der Töne lebend, schätzte er
den Werth des Geldes und der übrigen Dinge zu wenig. Daher arbeitete er
viel umsonst, aus Gefälligkeit oder Wohlthätigkeit. Jeder reisende
Virtuos war gewiß, wenn er sich ihm durch Talent oder moralischen
Charakter zu empfehlen wußte, eine Komposition für sich zu erhalten. So
entstanden die Konzerte für die übrigen Instrumente, so eine Menge
einzelner Singkompositionen, unter andern die majestätischen Chöre zu
dem Schauspiele, König Tamos, die den erhabensten Werken Händels und
Glucks an die Seite gesetzt werden.
Aber selbst die Bezahlung, die er für seine Arbeiten bekam, war meistens
mittelmäßig. Der Theaterunternehmer Guardasoni zahlte ihm für Don Juan
nur hundert Dukaten.
_Verstellung und Schmeicheley_ war seinem arglosen Herzen gleich fremd;
jeder Zwang, den er seinem Geiste anthun mußte, _unausstehlich_.
Freymüthig und offen in seinen Aeußerungen und Antworten, beleidigte er
nicht selten die Empfindlichkeit der Eigenliebe, und zog sich dadurch
manchen Feind zu.
Seine hohe Kunst und der liebenswürdige Charakter verschafften ihm
Freunde, die ihn von ganzer Seele liebten und für sein Wohl eifrig
besorgt waren. Es würde das Zartgefühl dieser edlen Menschen beleidigen,
wenn sie hier namentlich angeführt würden; wie wäre es auch möglich alle
zu kennen und zu nennen? Indem mir also diese Betrachtung verbiethet von
der großmüthigen Freundschaft eines B. v. S**, und des Kaufmannes B** in
Wien zu reden: so sey es wenigstens erlaubt hier der ausgezeichneten
Wohlthätigkeit eines Wiener Bürgers gegen Mozart zu erwähnen. Dieser
brave Mann, ein Flecksieder vom Gewerbe, ohne Mozart persönlich zu
kennen, blos von Bewunderung für seine Kunst hingerissen, verschaffte
seiner kranken Gemahlin, (die nach der Verordnung der Aerzte wegen einer
Lähmung am Fuße Bäder vom gekochten Magengekröße brauchen mußte), die
Gelegenheit in seinem eigenen Hause durch geraume Zeit die Kur mit
vieler Bequemlichkeit brauchen zu können. Er lieferte ihr nicht nur die
Flecke unentgeltlich und ersparte dadurch Mozarten eine Auslage von
mehreren hundert Gulden, sondern verlangte auch für Logis und Kost gar
nichts. Aehnliche Beyspiele eines solchen Enthusiasmus für die hohe
Kunst Mozarts sind sehr häufig.
Aber Mozart hatte auch Feinde, zahlreiche, unversöhnliche Feinde. Wie
hätten ihm auch diese mangeln können, da er ein so _großer Künstler_ und
_ein so gerader Mann war_? Und diese waren die unlautere Quelle, aus
welcher so viele häßliche _Erzählungen_ von seinem _Leichtsinne, seinen
Ausschweifungen_ gefloßen sind. Mozart war Mensch, folglich Fehlern
unterworfen wie alle Menschen. Die nemlichen Eigenschaften und Kräfte,
die das Wesen seiner großen Talente ausmachten, waren zugleich Reiz und
Anlaß zu manchen Fehltritte: brachten Neigungen hervor, die freylich bey
Alltagsmenschen nicht angetroffen werden. Seine Erziehung und Lebensart
bis zu dem Zeitpunkte, da er sich in Wien niederließ, war auch nicht
gemacht ihm Menschenkenntniß und Welterfahrung zu verschaffen. Denke man
sich einen so zart organisirten Jüngling -- einen Tonkünstler von seiner
Empfindung in einer Stadt, wie Wien, sich selbst überlassen? Braucht es
mehr um zur Nachsicht gegen seine Fehler gestimmt zu werden? Man muß
aber gegen diese Erzählungen überhaupt mißtrauisch seyn, da gewiß der
größte Theil baare Unwahrheiten, und nichts als Schmähungen des
scheelsüchtigen Neides sind. Wir haben dieß in Rücksicht seiner
hinterlassenen Schulden schon bemerkt. Niemand wird es unbegreiflich
finden, warum die Welt diesen Ausstreuungen so leicht Glauben beymißt,
wenn er sich erinnert, daß man gewöhnlich mit einem Tonkünstler den
Begriff eines Verschwenders oder Wüstlings verbindet. Aber zahlreiche
Beyspiele achtungswürdiger Künstler haben bewiesen, wie sehr dieses
Vorurtheil einzuschränken sey.
In seiner Ehe mit _Konstanza Weber_ lebte Mozart vergnügt. Er fand an
ihr ein gutes, liebevolles Weib, die sich an seine Gemüthsart
vortrefflich anzuschmiegen wußte, und dadurch sein ganzes Zutrauen und
eine Gewalt über ihn gewann, welche sie nur dazu anwendete, ihn oft von
Uebereilungen abzuhalten. Er liebte sie wahrhaft, vertraute ihr alles,
selbst seine kleinen Sünden -- und sie vergalt es ihm mit Zärtlichkeit
und treuer Sorgfalt. Wien war Zeuge dieser Behandlung, und die Wittwe
denkt nie ohne Rührung an die Tage ihrer Ehe.[17]
[Fußnote 17: Die achtungswürdige Frau beträgt sich in ihrem
Wittwenstande sehr klug, und sorgt für ihre 2 Söhne mütterlich.
Sie lebt in Wien von ihrer Pension und dem kleinen Erwerbe aus
dem Nachlasse ihres Mannes.]
Seine liebste Unterhaltung war _Musik_; wenn ihm seine Gemahlinn eine
recht angenehme Ueberraschung an einem Familienfeste machen wollte, so
veranstaltete sie in Geheim die Aufführung einer neuen Kirchen-Komposition
von Michael oder Joseph Haydn.
Das Billardspiel liebte er leidenschaftlich, vermuthlich weil es mit
Bewegung des Körpers verbunden ist; er hatte ein eignes zu Hause, bey
dem er sich täglich mit seiner Frau unterhielt. Die Schönheit der Natur
im Sommer war für sein tieffühlendes Herz ein entzückender Genuß; er
verschaffte sich ihn, wenn er konnte, und miethete daher fast alle Jahre
Gärtchen in der Vorstadt, wo er den Sommer zuzubringen pflegte.
Erstaunend ist die Arbeitsamkeit seiner letzten Lebensjahre.
Aus dem vollständigen Verzeichnisse seiner Kompositionen seit dem Jahre
1784 bis zu seinem Tode, in welches er mit eigener Hand das Thema eines
jeden Stückes und den Tag der Vollendung eintrug, sieht man wie viel er
oft in einem Monathe gearbeitet hatte?[18] Nur die Größe und
Fruchtbarkeit seines Genies macht die Möglichkeit so vielfacher Arbeit
begreiflich. So schrieb er innerhalb der 4 letzten Monathe seines
Lebens, wo er schon kränkelte, und Reisen machte:
[Fußnote 18: Der Verfasser hatte es bey der Ausarbeitung dieser
Biographie im Originale vor sich.]
1) Eine Klavierkantate: »Die ihr des unermeßlichen Weltalls Schöpfer
ehrt.«