Mozart als Mann.
Diesen Zeitpunkt, das heißt, sein 20stes Lebensjahr können wir für die
Epoche seiner Vollendung als Meister annehmen; denn von nun an zeigte er
sich immer als ein solcher im glänzendesten Lichte, und mit einer
entscheidenden Ueberlegenheit des Geschmackes und Genies; alle seine
Werke, die er seit dem geliefert hat, sind klassisch und erwarben ihm
die Krone der Unsterblichkeit. Wir fahren in der Erzählung seiner
Lebensbegebenheiten fort, und werden die vorzüglichsten seiner Werke,
aus dieser Lebensperiode, in einem besondern Abschnitte rezensiren.
Mozarts Ruhm war nun gegründet. Jede große Stadt, die er zu dem
Schauplatze seiner Talente gemacht hätte, würde ihn mit Freude
aufgenommen, und seine Werke mit Entzücken angehört haben. Zu einer
solchen Erwartung berechtigte ihn im hohen Maße die große Wirkung, die
sein zweifaches gleich großes Talent, des Klavierspielers und
Kompositors jedesmal und überall auf das Publikum gemacht hatte.
Unter diesen Städten war wohl _Paris_ der angemessenste Platz für das
Genie Mozarts; um so mehr, da seine Kunst dort ein schon begeistertes
Publikum gefunden hätte. Aber er hatte keinen Geschmack an der
französischen Musik; über dieß war sein gerader Charakter zu Intriguen
und Kabalen nicht gemacht, die auf diesem großen Tummelplatze
menschlicher Leidenschaften auch die Künste mit ihren Schlangenwindungen
umstrickten. Er kam also von der letzten Reise, die er im Jahre 1777 mit
seiner Mutter nach Paris zu dem Endzwecke gemacht hatte, bald wieder,
aber allein zurück; denn sie starb dort.[4] Auch dieß mag seinem
gefühlvollen Herzen den Aufenthalt in Paris verleidet haben. Zu Ende
des Jahres 1778 war er schon wieder in Salzburg.
[Fußnote 4: Anmerkung: Diese Reise nach Paris gab der Welt die
große Sinfonie in #D.# die deshalb und ihres raschen Feuers
wegen, die französische heißt.]
Der Bayerische Hof, der schon so oft Zeuge seines Künstlertalentes war,
und insbesondere der damalige Churfürst, der große Schätzer aller
schönen Künste, liebte Mozarts Musik im hohen Grade. Er bekam daher den
Auftrag für den Fasching vom 1781 in München eine #Opera seria# zu
schreiben.
Da schuf Mozart das erhabene Werk, die Oper #Idomeneo#; worinn eine
Gedankenfülle, eine Wärme der Empfindung herrscht, die sich nur von der
Jugendkraft eines genialischen Tonkünstlers wie Mozart erwarten ließ.
Diesen Aufenthalt in München rechnete Mozart unter die angenehmsten Tage
seines Lebens und vergaß nie auf die gefällige Freundschaft, die er da
von so vielen Männern vom Verdienst genoß.
Aus München ward er durch einen Auftrag seines Erzbischofs nach Wien
berufen: und von dieser Zeit an, das heißt von seinem 25sten Jahre,
lebte er in dieser Kaiserstadt, die eben so sehr durch den entschiedenen
Hang des Publikums zur Musik, als auch durch die Menge vortrefflicher
Tonkünstler, für Mozarts Geist wichtig seyn mußte.
Von hier aus verbreiteten sich seine erstaunenswürdigen Kompositionen
zunächst nach Böhmen, dann in das übrige Deutschland, und gaben dem
Geschmacke in der Musik einen großen Schwung, eine neue Richtung, die
aber seine zeitherigen Nachahmer verzerren und verderben.
Sein Spiel auf dem Pianoforte fand zuerst Bewunderer und Liebhaber; denn
obschon Wien mehrere große Meister dieses Instrumentes, des Lieblinges
des Publikums zählte, so kam doch keiner unserm Mozart gleich. Eine
bewundernswürdige Geschwindigkeit, die man besonders in Rücksicht der
linken Hand oder des Basses einzig nennen konnte, Feinheit und
Delikatesse, der schönste, redendeste Ausdruck und ein Gefühl, das
unwiderstehlich zum Herzen drang, sind die Vorzüge seines Spieles
gewesen, die gepaart mit seiner Gedankenfülle, mit der tiefen Kenntniß
der Komposition natürlich jeden Hörer hinreißen, und Mozarten zu dem
größten Klavierspieler seiner Zeit erheben mußten.
Seine Klavierkompositionen aller Art, Sonaten, Variationen, Konzerte,
wurden bald allgemein bekannt und beliebt. Man ward bey jedem neu
erschienenen Werke überrascht durch die Neuheit des Stiles, und der
Gedanken -- man staunte über die Höhe, zu der sich die Musik durch seine
Werke so schnell empor schwang!
In Wien fand Mozart einen Tonkünstler, dessen Genie dem seinigen am
ähnlichsten war; ich meine den berühmten Schöpfer der Alzeste und
Iphigenie, _Ritter von Gluck_, einen Böhmen von Geburt. Der Umgang mit
ihm und das unablässige Studium seiner erhabenen Werke gab Mozarten viel
Nahrung, und hatte Einfluß auf seine Opernkompositionen. Auch wurde
Mozart bald der innigste Verehrer des großen, unvergleichlichen _Joseph
Haydn_, der schon damals der Stolz der Tonkunst war, und nun, nachdem
Mozart nicht mehr ist, unser einzige Liebling, unsere Wonne bleibt.
Mozart nannte ihn oft seinen Lehrer.
Bald nachdem Mozart seinen Aufenthalt in Wien aufgeschlagen hatte, faßte
der unvergeßliche Kaiser _Joseph_ II. den Gedanken, der eines deutschen
Kaisers so würdig war, den Geschmack an italienischen Opern durch die
Unterstützung deutscher Singspiele und Sänger zu verdrängen, und für das
Vaterländische mehr zu stimmen. Er versammelte daher die besten Sänger
und Sängerinnen, und ließ von Mozart eine deutsche Oper setzen. Für
diese Virtuosen schrieb Mozart das allgemein bekannte, allgemein
beliebte Singspiel, die _Entführung aus dem Serail_ in dem Jahre 1782.
Sie machte allgemeines Aufsehen; und die schlauen Italiener sahen bald
ein, daß ein solcher Kopf für ihr welsches Geklingel bald gefährlich
werden dürfte. Der Neid erwachte nun mit der ganzen Schärfe des
italienischen Giftes! Der Monarch der im Grunde von der _neuen
tiefeindringenden_ Musik entzückt war, sagte doch zu Mozart: »Gewaltig
viel Noten lieber Mozart!«
»Gerade so viel, Eure Majestät, als nöthig ist,« versetzte dieser mit
jenem edlen Stolze, und der Freymüthigkeit, die großen Geistern so gut
anstehet. Er sah es ein, daß dieß nicht eigenes Urtheil, sondern
nachgesagt war.
Ich darf hier nicht verschweigen, daß Mozart zu der Zeit, als er diese
Oper schrieb, _Konstanza Weber_, seine nachmahlige Gemahlin, die
Schwester der berühmten Sängerin _Lang_, liebte und eben Bräutigam war.
Den Einfluß, den diese Seelenstimmung auf die Komposition dieser Oper
haben mußte, wird jedermann erkennen, der sie gehört hat; denn wer weiß
es nicht, wie voll süßer Gefühle, voll schmachtender Liebe sie ist?
Ich kann den Beyfall und die Sensation, die sie in Wien erregte, nicht
aus eigener Erfahrung beschreiben -- aber ich bin Zeuge des Enthusiasmus
gewesen, den sie bey ihrer Aufführung in Prag in Kennern und
Nichtkennern verursachte! Es war, als wenn das, was man hier bisher
gehört und gekannt hatte, keine Musik gewesen wäre! Alles war
hingerissen -- alles staunte über die neuen Harmonien, über die
originellen, bisher ungehörten Sätze der Blasinstrumente. Nun fingen die
Böhmen an seine Kompositionen zu suchen; und in eben dem Jahre hörte man
schon in allen bessern musikalischen Akademien, Mozarts Klavierstücke
und Sinfonien. Von nun an war die Vorliebe der Böhmen für seine Werke
entschieden! Die größten Kenner und Künstler unserer Vaterstadt, waren
auch Mozarts größte Bewunderer, die feurigsten Verkündiger seines
Ruhmes.[5]
[Fußnote 5: Vorzüglich der verehrte Herr _Duscheck, Kucharz,
Praupner, Johann Kozeluch, (nicht Leopold der in Wien lebt,) die
beyden Loschek, Maschek, Caj. Vogel, Wenzel, Weber, Rösler,
Witassek, Tomaschek_ u. a. m.]
Mozart lebte bisher, ungeachtet seines großen Ruhmes ohne _Anstellung_,
also ohne bestimmte Einkünfte. Klavier-Unterricht, und abonnirte
Konzerte für einen geschlossenen Cirkel des hohen Adels waren noch die
ausgiebigsten Quellen seiner Einkünfte, wobey sich in einer Stadt, wie
Wien, sicher nichts ersparen ließ.
In dieser Periode schrieb er die schönsten Sachen für das Klavier:
Sonaten mit und ohne Begleitung, Konzerte, die nun in jedermanns Händen
sind.
Im Jahre 1785 gab er 6 meisterhafte Violin-Quartetten im Stich heraus,
mit einer Dedikation an seinen Freund den Kapellmeister _Joseph Haydn_,
die ein schöner Abdruck seiner Hochachtung für diesen großen Mann ist;
und so wie dieselbe den Ruhm _Haydns_, durch die Huldigungen eines
Künstlers wie Mozart, vermehrt: eben so sehr gereicht sie diesem zur
Ehre, und macht uns das Herz eines Mannes liebenswürdig, dessen Talent
Bewunderung heischt.
Gewiß, Mozart hätte mit keinem Werke einen _Joseph Haydn_ besser ehren
können, als mit diesen Quartetten, die ein Schatz der schönsten
Gedanken, und das Muster und eine Schule der Komposition sind. In den
Augen des Kenners ist dies Werk eben so viel werth, als jede
Opernkomposition Mozarts. Alles darinn ist durchgedacht, und vollendet!
-- Man sieht es diesen Quartetten an, daß er sich die Mühe gab _Haydns_
Beyfall zu verdienen.
Eben zu der Zeit machte das französische Lustspiel von Beaumarchais,
_Figaro_ sein Glück und kam auf alle Theater. Mozart ward vom Kaiser
_Joseph_ dazu bestimmt, diesem Lustspiele, nachdem es in ein Singspiel
umgegossen ward, auch auf dem italienischen Operntheater durch seine
Musik Celebrität zu verschaffen. Es wurde in Wien von der italienischen
Opern-Gesellschaft aufgeführt. Wenn es wahr ist, was man allgemein als
wahr erzählt, und was sich bei so vielen glaubwürdigen Zeugen freylich
nicht in Zweifel ziehen läßt, daß die Sänger, aus Haß, Neid und
niedriger Kabale bey der ersten Vorstellung durch vorsetzliche Fehler
sich alle Mühe gegeben haben die Oper zu stürzen: so kann der Leser
daraus schließen, wie sehr diese Faktion die Ueberlegenheit des Genies
in Mozart fürchtete, und wie wahr es sey, was ich kurz vorher bey
Gelegenheit der _Entführung aus dem Serail_ bemerkt habe. Dieser feige
Bund verdienstloser Menschen blieb bis an das frühe Ende des
unsterblichen Künstlers in voller Thätigkeit ihn zu hassen, zu
verläumden, und seine Kunst herabzusetzen. Welchen Kampf hatte Mozarts
Geist zu bestehen, bis er vollkommen triumphirte?
Man erzählt, daß die Sänger durch eine ernste Warnung des seligen
Monarchen zu ihrer Pflicht gewiesen werden mußten, da Mozart voll
Bestürzung zwischen dem 2ten Akte zu Ihm in die Loge kam und Ihn darauf
aufmerksam machte.
So wie jedes seiner Werke in Böhmen nach seinem wahren Werthe erkannt
und geschätzt wurde: so geschah es auch mit dieser Oper. Sie wurde im
Jahre 1786 von der Bondinischen Gesellschaft in Prag auf das Theater
gebracht und gleich bey der ersten Vorstellung mit einem Beyfall
aufgenommen, der nur mit demjenigen, welchen die Zauberflöte nachher
erhielt, verglichen werden kann. Es ist die strengste Wahrheit, wenn ich
sage, daß diese Oper fast ohne Unterbrechen diesen ganzen Winter
gespielt ward, und daß sie den traurigen Umständen des Unternehmers
vollkommen aufgeholfen hatte. Der Enthusiasmus, den sie bei dem Publikum
erregte, war bisher ohne Beyspiel; man konnte sich nicht genug daran
satt hören. Sie wurde bald von einem unserer besten Meister, Herrn
Kucharz in einen guten Klavier-Auszug gebracht, in blasende Parthieen,
ins Quintett für Kammermusik, in teutsche Tänze verwandelt: kurz Figaros
Gesänge wiederhallten auf den Gässen, in Gärten, ja selbst der Harfenist
auf der Bierbank mußte sein #non piu andrai# tönen lassen, wenn er
gehört werden wollte. Diese Erscheinung hat freylich größtentheils in
der Vortrefflichkeit des Werkes ihren Grund; aber nur ein Publikum,
welches so viel Sinn für das wahre Schöne in der Tonkunst und so viel
gründliche Kenner unter sich besitzt, konnte den Werth einer solchen
Kunst auf der Stelle empfinden; dazu gehört auch das unvergleiche
Orchester der damaligen Oper, welches die Ideen Mozarts so genau und
fleißig auszuführen verstand. Denn auf diese verdienten Männer, die zwar
größtentheils keine Konzertisten, aber desto gründlichere Kenner und
Orchestersubjekte waren, machte die neue Harmonie und der feurige Gang
des Gesanges den ersten und tiefsten Eindruck! Der nunmehr verstorbene
rühmlich bekannte Orchester-Direktor _Strobach_ versicherte oft, daß er
sammt seinem Personale bey der jedesmaligen Vorstellung so sehr ins
Feuer gerathe, daß er trotz der mühsamen Arbeit mit Vergnügen von vorne
wieder anfangen würde.
Die Bewunderung für den Verfasser dieser Musik gieng so weit, daß einer
unserer edelsten Kavaliere und Kenner der Musik, _Graf Johann Joseph
Thun_, der selbst eine vortreffliche Kapelle unterhielt, ihn nach Prag
zu kommen einlud, und ihm Wohnung, Kost und alle Bequemlichkeiten in
seinem Hause anboth. Mozart war zu sehr über die Wirkung erfreut, die
seine Musik auf die Böhmen machte -- zu begierig eine Nation von einem
solchen Musikgefühle kennen zu lernen, als daß er die Gelegenheit nicht
mit Freuden ergriffen hätte. Er kam im Februar 1787 nach Prag: am Tage
seiner Ankunft wurde Figaro gegeben, und Mozart erschien darinn.
Alsogleich verbreitete sich der Ruf von seiner Anwesenheit im Parterre,
und so wie die Sinfonie zu Ende gieng, klatschte ihm das ganze Publikum
Beyfall und Bewillkommen zu.
Er ließ sich dann auf allgemeines Verlangen in einer großen
musikalischen Akademie im Operntheater auf dem Pianoforte hören. Nie sah
man noch das Theater so voll Menschen, als bey dieser Gelegenheit; nie
ein stärkeres, einstimmiges Entzücken, als sein göttliches Spiel
erweckte. Wir wußten in der That nicht, was wir mehr bewundern sollten,
ob die _außerordentliche_ Komposition, oder das _außerordentliche_
Spiel; beydes zusammen bewirkte einen Totaleindruck auf unsere Seelen,
welcher einer süßen Bezauberung glich! Aber dieser Zustand lösete sich
dann, als Mozart zu Ende der Akademie allein auf dem Pianoforte mehr als
eine halbe Stunde phantasirte und unser Entzücken auf den höchsten Grad
gespannt hatte, in laute überströmende Beyfallsäußerung auf. Und in der
That übertraf dieses Phantasiren alles, was man sich vom Klavierspiele
vorstellen konnte, da der höchste Grad der Kompositionskunst mit der
vollkommensten Fertigkeit im Spiele vereinigt ward. Gewiß, so wie diese
Akademie für die Prager die einzige ihrer Art war, so zählte Mozart
diesen Tag zu den schönsten seines Lebens.
Die Sinfonien, die er für diese Gelegenheit setzte, sind wahre
Meisterstücke des Instrumentalsatzes, voll überraschender Uebergänge und
haben einen raschen, feurigen Gang, so, daß sie alsogleich die Seele zur
Erwartung irgend etwas Erhabenen stimmen. Dieß gilt besonders von der
großen Sinfonie in #D dur# und #Es#, die noch immer ein Lieblingsstück
des Prager Publikums sind, obschon sie wohl hundertmal gehört waren.
Der Opernunternehmer Bondini schloß zugleich mit Mozart den Akkord zu
einer neuen Oper für die Prager Bühne auf den nächsten Winter, welche
dieser gerne übernahm, weil er erfahren hatte, wie gut die Böhmen seine
Musik zu schätzen und auszuführen verstanden. Dieß äußerte er oft gegen
seine Prager Freunde: er war überhaupt gern in Prag, wo ihn ein
gefühlvolles Publikum, und wahre Freunde so zu sagen auf den Händen
trugen. -- Dem Opernorchester dankte er in einem Briefe an den damaligen
Direktor Herrn Strobach sehr verbindlich, und schrieb seiner geschickten
Ausführung den größten Theil des Beyfalls zu, den seine Musik in Prag
erhalten hatte.[6] Dieser Zug seines Herzens, so unbedeutend er scheint,
ist sehr schön; er giebt einen Beweis, daß _Stolz_, _Eigendünkel_ oder
_Undankbarkeit_ seine Fehler nicht waren, wie man es so häufig an viel
geringern Virtuosen wahrnimmt.
[Fußnote 6: Der Verfasser las den Brief im Original, und fand
ihn sehr gut geschrieben.]
In dem nemlichen Jahre 1787 gegen den Winter kam Mozart vermög seines
Akkords wieder nach Prag, und vollendete da die Krone aller seiner
Meisterwerke, die Oper: #Il dissoluto punito#, oder #Don Giovanni#.
Die Böhmen sind stolz darauf, daß er durch eine so erhabene und aus der
Tiefe seines Genies geschöpfte Musik ihren guten Geschmack erkannte und
ehrte. »_Don Juan ist für Prag geschrieben_« -- mehr braucht man nicht zu
sagen, um zu beweisen, welchen hohen Begriff Mozart von dem
musikalischen Sinne der Böhmen hatte. Es gelang ihm auch vollkommen
diesen Sinn zu treffen und zu rühren; denn keine Oper hat sich hier in
einem gleichen Wohlgefallen so lange auf dem Theater erhalten, als _Don
Juan_. Es sind nunmehr 21 Jahre, seit sie gegeben wird, und noch immer
hört man sie mit Vergnügen, noch immer lockt sie zahlreiche Versammlung
in das Parterre. Kurz _Don Juan_ ist die Lieblingsoper des bessern
Publikum in Prag. Als Mozart bey der ersten Vorstellung derselben an dem
Klavier im Orchester erschien, empfing ihn das ganze bis zum Erdrücken
volle Theater mit einem allgemeinen Beyfallklatschen. Ueberhaupt bekam
Mozart in Prag bey jeder Gelegenheit große und unzweydeutige Beweise der
Hochachtung und Bewunderung, welche gewiß ehrenvoll waren, weil nicht
Vorurtheil oder Mode, sondern reines Gefühl seiner Kunst daran Theil
hatte. Man liebte und bewunderte seine schönen Werke; wie konnte man
gegen die Person ihres großen Schöpfers gleichgültig bleiben?
In dem Jahre 1789 im Monat December schrieb Mozart das italienische
komische Singspiel, #Cosi fan tutte#, oder _die Schule der Liebenden_;
man wundert sich allgemein, wie der große Geist sich herablassen konnte,
an ein so elendes Machwerk von Text seine himmlisch süßen Melodien zu
verschwenden. Es stand nicht in seiner Gewalt, den Auftrag abzulehnen,
und der Text ward ihm ausdrücklich aufgetragen. -- In diese Periode fällt
auch seine Reise über Leipzig und Dresden nach Berlin.[7] Der große Ruf
seines Namens gieng ihm voran, und man fand sich nirgends in der
Erwartung getäuscht, die er überall erregt hatte. Der damalige König von
Preußen, ein freygebiger Kenner und Freund der Tonkunst, ward ganz für
ihn eingenommen; und gab ihm ausgezeichnete Beweise seiner Achtung. Wie
wahrhaft und daurend dieselbe gewesen sey, beweiset die königliche
Großmuth, mit welcher dieser Monarch später die Wittwe Mozart in Berlin
aufnahm und unterstützte.
[Fußnote 7: Er unternahm sie im Frühjahr des Jahrs 1789.]
Mozart war bis jetzo ohne Anstellung, ohne sichere Einkünfte. So bekannt
auch sein Talent war, so sehr man seine Kompositionen suchte: so wenig
dachte man daran ihn zu belohnen, und zu unterstützen. Er hatte zwar oft
beträchtliche Einnahmen gemacht; aber bei der Unsicherheit und Unordnung
der Einkünfte, bei den häufigen Kindbetten, den langwierigen Krankheiten
seiner Gattin, in einer Stadt wie Wien, mußte Mozart doch im
eigentlichen Verstande darben. Er beschloß daher die _Stadt_ zu
verlassen, wo sich keine Stelle für einen Kopf wie _Mozart_ fand. Sein
Plan war nach England zu gehen, wo er ein besseres Schicksal um so mehr
erwarten konnte, als ihm oft von da Einladungen und lockende Anträge
gemacht wurden.
Alles war zur Abreise fertig, als ihm _Kaiser Joseph_ den Titel eines
kaiserlichen Kammerkomponisten mit einem Jahrgehalt von 800 Gulden und
der Zusicherung ertheilte, daß auf ihn in der Zukunft Bedacht genommen
werden würde. Mozart mochte nicht trotzen; er nahm es willig an, und
blieb. Das Anstellungsdekret ist am 7. Dec. 1787 ausgestellt.
Ich überlasse es jedem Leser darüber Beobachtungen anzustellen, um die
Ursachen der langen Vernachlässigung eines so großen Künstlers
auszuforschen. An ihm lag die Schuld gewiß nicht; man müßte denn seinen
geraden und offenen zum Bücken und Kriechen untauglichen Charakter als
Schuld annehmen.
So viele Feinde und Neider auch jeden seiner Vorzüge durch Herabsetzung
und Verläumdung zu verdunkeln bemüht waren: so vollkommen war dennoch
der Triumph seiner Kunst bey unbefangenen, von dem Roste der Mode
unverletzten Seelen. Alle wahren Kenner der Tonkunst huldigten seinem
Genie. Ich will davon ein Beyspiel anführen.
Der als Staatsmann und Gelehrter gleich verehrungswürdige _Baron von
Switten_, ein wahrer Kenner der Tonkunst, voll Gefühl für den ernsten
Gesang des erhabenen _Händels_, ließ oft die Werke dieses berühmten
Tonkünstlers, die für den tändelnden Modegeschmack unserer Tage eine zu
einfache Kost sind, in Privatkonzerten aufführen. Er bediente sich dazu
der Talente unsers Mozarts, der die großen Ideen _Händels_ mit der Wärme
seiner Empfindung zu beleben und durch den Zauber seines
Instrumentalsatzes für unser Zeitalter genüßbar zu machen verstand.[8]
Baron von _Switten_ korrespondirte oft über die Angelegenheit mit
Mozart, und schrieb ihm einst unter andern:
Den 21sten März 1789.
»Ihr Gedanke, den Text der kalten Arie in ein #Recitativ# zu
bringen ist trefflich, und in der Ungewißheit ob Sie wohl die
Worte zurückbehalten haben, schickte ich sie Ihnen hier
abgeschrieben. Wer _Händel_ so feyerlich und so geschmackvoll
kleiden kann, daß er einerseits auch dem Modegecken gefällt, und
andererseits doch immer in seiner Erhabenheit sich zeiget, der
hat seinen Werth gefühlt, der hat ihn verstanden, der ist zu der
Quelle seines Ausdruckes gelanget und kann und wird sicher
daraus schöpfen. So sehe ich dasjenige an, was Sie leisteten,
und nun brauche ich von keinem Zutrauen mehr zu sprechen,
sondern nur von dem Wunsche das Rezitativ bald zu erhalten.«
_Switten_.
[Fußnote 8: Mozart bearbeitete für ihn _Händels Acis und
Galathea, Messias, Cecilia, und das Fest des Alexanders_ in den
Jahren 1788, 89, 90.]
Der Türkenkrieg und der dadurch veranlaßte Tod des _edelsten Monarchen_,
des unvergeßlichen _Josephs_, raubte auch Mozarten eine große Stütze
seiner Hoffnungen; er blieb Kapellmeister mit 800 Fl. und ohne
Wirkungskreis!
Aber auch sein Ende rückte nun heran; er sollte den großen _Monarchen_
nicht lange überleben. Das Jahr 1791, furchtbar reich an großen Todten,
ward bestimmt auch den Stolz der Tonkunst zu entreißen. Mozart hatte
jedoch zuvor der Nachwelt mit vollen Händen aus dem Reichthume seines
Geistes ausgespendet. Daher ist dieses Jahr eben so merkwürdig durch die
Schöpfung seiner schönsten Werke, als es uns durch seinen unerwarteten
Tod schmerzhaft geworden ist. In demselben, ja gewissermaßen nahe an dem
Ziele seines Lebens schuf er die Musik zu der _Zauberflöte_, zu der
ernsthaften Oper, #La Clemenza di Tito#, und das furchtbar erhabene
#Requiem# (Seelenmesse) welches er nicht einmal mehr vollenden konnte.
So gewiß es ist, daß diese drey Werke allein ihm den ersten Platz unter
den Tonkünstlern seines Zeitalters und unsterblichen Ruhm versichert
hätten, so sehr vermehren sie die Sehnsucht nach dem Entrissenen, durch
den Gedanken, der sich dem gefühlvollen Zuhörer unter dem Genusse seiner
Werke unwiderstehlich aufdringt: »_Ach! wie viel würde der Mann noch
geleistet, welche Harmonien geschaffen haben_?«
Die Zauberflöte setzte er für das Theater des bekannten _Schikaneders_,
der sein alter Bekannter war. Die Musik zu der Oper #La Clemenza di
Tito# war von den böhmischen Ständen zu der Krönung des Kaisers
_Leopold_ bestellt. Diese letzte begann er in seinem Reisewagen auf dem
Wege von Wien, und vollendete sie in dem kurzen Zeitraume von 18 Tagen
in Prag.
_Die Geschichte seines_ letzten Werkes, der erwähnten _Seelenmesse_, ist
eben so geheimnißvoll als merkwürdig.
Kurz vor der Krönungszeit des Kaisers _Leopold_, bevor noch _Mozart_ den
Auftrag erhielt nach Prag zu reisen, wurde ihm ein Brief _ohne
Unterschrift_ von einem _unbekannten Bothen_ übergeben, der nebst
mehreren schmeichelhaften Aeußerungen die Anfrage enthielt, ob Mozart
eine Seelenmesse zu schreiben übernehmen wollte? um welchen Preis und
binnen welcher Zeit er sie liefern könnte?
Mozart der ohne Mitwissen seiner Gattin nicht den geringsten Schritt zu
thun pflegte, erzählte ihr den sonderbaren Auftrag, und äußerte zugleich
sein Verlangen sich in dieser Gattung auch einmal zu versuchen, um so
mehr, da der höhere pathetische Stil der Kirchenmusik immer sehr nach
seinem Genie war. Sie rieth ihm den Auftrag anzunehmen. Er schrieb also
dem unbekannten Besteller zurück, er würde das Requiem für eine gewisse
Belohnung verfertigen; die Zeit der Vollendung könne er nicht genau
bestimmen; er wünsche jedoch den Ort zu wissen, wohin er das Werk, wenn
es fertig seyn würde, zu übergeben habe. In kurzer Zeit erschien
derselbe Bothe wieder, brachte nicht nur die bedungene Belohnung mit,
sondern noch das Versprechen, da er in dem Preise so billig gewesen sey,
bey der Absendung des Werkes eine beträchtliche Zugabe zu erhalten. Er
sollte übrigens nach der Stimmung und Laune seines Geistes schreiben,
sich aber gar keine Mühe geben, den Besteller zu erfahren, indem es
gewiß vergeblich seyn würde.
Mittlerweile bekam Mozart den ehrenvollen und vortheilhaften Antrag für
die Prager Krönung des Kaisers _Leopold_ die Oper Titus zu schreiben.
Nach Prag zu gehen, für seine lieben Böhmen zu schreiben, hatte für ihn
zu viel Reiz, als daß er es hätte ausschlagen können!
Eben als Mozart mit seiner Frau in den Reisewagen stieg, stand der Bothe
wie ein Geist da, zupfte die Frau an dem Rocke, und fragte: »Wie wird es
nun mit dem Requiem aussehen? --«
Mozart entschuldigte sich mit der Nothwendigkeit der Reise und der
Unmöglichkeit seinem unbekannten Herrn davon Nachricht geben zu können:
übrigens würde es seine erste Arbeit bey der Zurückkunft seyn, und es
käme nur auf den Unbekannten an, ob er so lange warten wolle. Damit war
der Bothe gänzlich befriedigt.
Schon in Prag kränkelte und medizinirte Mozart unaufhörlich; seine Farbe
war blaß und die Miene traurig, obschon sich sein munterer Humor in der
Gesellschaft seiner Freunde doch oft noch in fröhlichen Scherz ergoß.
Bey seinem Abschiede von dem Zirkel seiner Freunde ward er so wehmüthig,
daß er Thränen vergoß. Ein ahnendes Gefühl seines nahen Lebensende
schien die schwermüthige Stimmung hervorgebracht zu haben -- denn schon
damals trug er den Keim der Krankheit, die ihn bald hinraffte, in sich.
Bey seiner Zurückkunft nach Wien nahm er sogleich seine Seelenmesse vor,
und arbeitete mit viel Anstrengung und einem lebhaften Interesse daran:
aber seine Unpäßlichkeit nahm sichtbar zu, und stimmte ihn zur düstern
Schwermuth. Seine Gattin nahm es mit Betrübniß wahr. Als sie eines Tages
mit ihm in den Prater fuhr, um ihm Zerstreuung und Aufmunterung zu
verschaffen, und sie da beyde einsam saßen, fing Mozart an vom Tode zu
sprechen, und behauptete, daß er das Requiem für sich setze. Thränen
standen dem empfindsamen Manne in den Augen. »Ich fühle mich zu sehr,
sagte er weiter, mit mir dauert es nicht mehr lange: gewiß, man hat mir
Gift gegeben! Ich kann mich von diesem Gedanken nicht los winden. --«
Zentnerschwer fiel diese Rede auf das Herz seiner Gattin; sie war kaum
im Stande ihn zu trösten, und das Grundlose seiner schwermüthigen
Vorstellungen zu beweisen. Da sie der Meynung war, daß wohl eine
Krankheit im Anzuge wäre, und das Requiem seine empfindlichen Nerven zu
sehr angreife, so rufte sie den Arzt, und nahm die Partitur der
Komposition weg.
Wirklich besserte sich sein Zustand etwas, und er war während desselben
fähig eine kleine Kantate, die von einer Gesellschaft für ein Fest
bestellt wurde, zu verfertigen. Die gute Ausführung derselben und der
große Beyfall, mit dem sie aufgenommen ward, gab seinem Geiste neue
Schnellkraft. Er wurde nun etwas munterer und verlangte wiederholt sein
Requiem fortzusetzen und zu vollenden. Seine Frau fand nun keinen
Anstand ihm seine Noten wieder zu geben.
Doch kurz war dieser hoffnungsvolle Zustand; in wenig Tagen verfiel er
in seine Melancholie, ward immer matter und schwächer, bis er endlich
ganz auf das Krankenlager hinsank, von dem er ach! nimmer aufstand.
Am Tage seines Todes ließ er sich die Partitur an sein Bette bringen.
»Hab ich es nicht vorgesagt, daß ich dieß Requiem für mich schreibe?« so
sprach er, und sah noch einmal das Ganze mit nassen Augen aufmerksam
durch. Es war der letzte schmerzvolle Blick des Abschiedes von seiner
geliebten Kunst -- eine Ahndung seiner Unsterblichkeit!
Gleich nach seinem Tode meldete sich der Bothe, verlangte das Werk, so
wie es unvollendet war, und erhielt es. Von dem Augenblicke an sah ihn
die Wittwe nie mehr, und erfuhr nicht das mindeste, weder von der
Seelenmesse, noch von dem Besteller. Jeder Leser kann sich vorstellen,
daß man sich alle Mühe gab den räthselhaften Bothen auszuforschen, aber
alle Mittel und Versuche waren fruchtlos.[9]
[Fußnote 9: Der Verfasser erzählt die Begebenheit, wie er sie
oftmals aus dem Munde der Wittwe gehört hatte, und überläßt es
jedem Leser Betrachtungen darüber anzustellen. Er sah eines der
Billette, die der unbekannte Besteller an Mozart schrieb. Man
kann daraus nichts Besonders abnehmen. Es ist sehr kurz, Mozart
wird darinn ersucht das Requiem zu senden, und eine Summe zu
bestimmen, um welche er jährlich eine gewisse Anzahl Quartetten
machen könnte. Warum hat der unbekannte Verehrer der Talente
Mozarts, (so nannte er sich,) für gut gefunden verborgen zu
bleiben? Was ist mit dem Requiem geschehen? Man erfuhr nie, daß
es damals irgendwo aufgeführt worden sey. Mozarts Freunden würde
es ein großes Vergnügen machen, einigen Aufschluß über die Sache
zu erhalten. Denn man kann keine gegründete Ursache denken, die
eine solche geheimnißvolle Verborgenheit nothwendig machte.]
Mozart blieb während seiner Krankheit bey vollkommenem Bewußtseyn bis
an sein Ende, und starb zwar gelassen, aber doch sehr ungern. Jedermann
wird dieß begreiflich finden, wenn er bedenkt, daß Mozart kurz zuvor das
Anstellungsdekret als Kapellmeister in der St. Stephanskirche mit allen
Emolumenten, die von Alters her damit verbunden waren, bekam, und nun
erst die frohe Aussicht hatte, bei hinlänglichen Einkünften ruhig, ohne
Nahrungssorgen leben zu können. Auch erhielt er fast zu gleicher Zeit
aus _Ungarn_ und _Amsterdam_ ansehnliche Bestellungen und Akkorde auf
periodische Lieferungen gewisser Kompositionen.
Dieses sonderbare Zusammentreffen so glücklicher Vorbothen eines
bessern Schicksales -- seine gegenwärtigen traurigen Vermögensumstände --
der Anblick einer trostlosen Gattin -- der Gedanke an zwey unmündige
Kinder: alles dieses war nicht gemacht, einen bewunderten Künstler, der
nie Stoiker gewesen ist, in seinem 35ten Jahre die Bitterkeit des Todes
zu versüßen. »Eben _jetzt_, so klagte er oft in seiner Krankheit, soll
ich fort, da ich ruhig leben würde! _Jetzt_ meine Kunst verlassen, da
ich nicht mehr als Sklave der Mode, nicht mehr von Spekulanten
gefesselt, den Regungen meiner Empfindung folgen, frey und unabhängig
schreiben könnte, was mein Herz mir eingiebt! Ich soll fort von meiner
Familie, von meinen armen Kindern, in dem Augenblicke, da ich im Stande
geworden wäre, für ihr Wohl besser zu sorgen!« Sein Tod erfolgte in der
Nacht am 5ten Dezember 1791. Die Aerzte waren in der Bestimmung seiner
Krankheit nicht einig. Man kann sagen, um Mozart floßen unzählbare
Thränen; nicht in Wien allein, vielleicht mehr noch in Prag, wo man ihn
liebte und bewunderte. Jeder Kenner, jeder Freund der Tonkunst hielt
seinen Verlust für unersetzlich; und wahrlich, bis jetzt hat man nicht
Ursache diese trostlose Meynung zurück zu nehmen! Es schien unglaublich,
daß ein Mann, der so unsterbliche Werke geliefert, der unsern Herzen so
reine Entzückungen geschaffen hat, nicht mehr seyn sollte!
In Wien feyerte man sein Andenken mit Würde; aber Prag zeichnete sich
auch hierinn durch die wärmste Theilnahme aus; die Trauer um unsern
Liebling war allgemein und ungeheuchelt. Zuerst veranstaltete der
würdige Musik Direktor _Joseph Strobach,_ ein Freund des
Verstorbenen,[10] in seiner Pfarrkirche bey St. Niklas den 14ten
Dezember d. n. J. ein feyerliches Seelenamt für Mozart. Nie gab es ein
so rührendes und erhabenes Trauerbegängniß. Ein Chor von 120 Personen
aus den besten Künstlern Prags ausgewählt, die alle mit wehmüthigen
Eifer sich dazu angebothen hatten, unter der Direktion des braven
_Strobachs_ führte das meisterhafte Requiem unsers berühmten Landsmannes
Rosetti mit einem so schwermuthsvollen Ausdrucke auf, daß es nothwendig
auf das versammelte Volk den tiefsten Eindruck machen mußte. Mehr als
3000 Menschen, vom Adel und Bürgerstande, (so viel nemlich diese große
Kirche faßte,) waren da beysammen -- alle gerührt, alle voll Wehmuth
über den frühen Tod des entrissenen Künstlers!
[Fußnote 10: Dieser als Künstler und Mensch gleich
verehrungswürdige Mann ist im Jahr 1798 im Dezember gestorben.]
Etwas später, den 28ten Dezember 1791 unternahm eine Gesellschaft wahrer
Verehrer des Verstorbenen, zur Unterstützung der hinterlassenen Waisen
und Wittwe ein öffentliches Konzert in dem Nationaltheater; man führte
einige der besten, weniger bekannten Kompositionen Mozarts auf. Eine so
edle Todtenfeier unterstützte das Prager Publikum aus allen Kräften, um
so mehr, da es die Gelegenheit fand den Tribut seiner Hochachtung dem
_Genie_ Mozarts in der großmüthigen Unterstützung der hilflosen Waisen
zu zollen. Das Theater war voll, und die Einnahme beträchtlich. Wie
glücklich ist ein Künstler, dessen Talent solche Freunde erwirbt!
In Wien wurde die Wittwe auf eine eben so großmüthige Art unterstützt. --
Mozart hinterließ seiner Familie nichts als den Ruhm seines Namens. Alle
Hilfsmittel ihrer Erhaltung beruhten auf der Großmuth eines dankbaren
Publikums, dem Mozart so viele Stunden des reinsten Vergnügens, der
edelsten Unterhaltung durch sein unerschöpfliches Talent geschaffen
hatte. Und wahrlich, man kann sagen, daß dieses seine Schuld redlich
abzutragen suchte. Die Wittwe ließ in einem öffentlichen Konzert zu
ihrem Besten die merkwürdige _Seelenmesse_ aufführen. Der große Ruf
dieses Meisterstückes und der Wunsch, die Waisen zu unterstützen, zog
ein zahlreiches Publikum hin, und man muß es den edlen Freunden der
Kunst in Wien zum Ruhme nachsagen, daß dieselben auch nach 17 Jahren
noch gegen den Mozartischen Namen nicht gleichgültig geworden sind. In
allen musikalischen Akademien, die der Wittwe zu ihrem Besten
zugestanden werden, ist das Haus voll, und die Einnahme gut.
Aber die Großmuth des sel. Kaisers _Leopold_, dieses
menschenfreundlichen, für die Wissenschaften und Künste so früh
entrissenen Monarchen, übertraf alles, was bisher der Wittwe zum Besten
geschah.
Mozarts Feinde und Verläumder wurden besonders gegen sein Ende, und nach
seinem Tode so boshaft, so laut, daß bis zu dem Ohre des Monarchen
manche nachtheilige Sage von Mozart gedrungen war. Diese Ausstreuungen
und Lügen waren so unverschämt, so empörend, daß der Monarch, von
Niemanden des Gegentheiles belehrt, sehr entrüstet war. Nebst einer
schändlichen Erdichtung und Vergrößerung von Ausschweifungen, denen
Mozart, wie sie sagten, ergeben gewesen sey, behauptete man, daß er
nicht weniger als 30,000 Gulden Schulden hinterlassen habe -- eine Summe,
über die der Monarch erschrack!
Die Wittwe war eben gesonnen den Monarchen um Pension zu bitten. Eine
edeldenkende Freundin und vortreffliche Schülerin Mozarts unterrichtete
sie von den Verläumdungen ihres Mannes bey Hofe, und gab ihr den Rath
den gütigen Monarchen bey der Audienz eines Bessern zu belehren.
Die Wittwe hatte bald Gelegenheit ihren Rath auszuführen.
»=Euer Majestät=,« sagte sie mit edlem Eifer bey der Audienz, »jeder
Mensch hat Feinde; aber heftiger und anhaltender ist noch niemand von
den seinigen verfolgt und verläumdet worden, als mein Mann, blos weil er
ein so großes Talent war! Man hat es gewagt =Euer Majestät= viel
Unwahres über ihn zu sagen: man hat seine hinterlassene Schulden
_zehnfach_ vergrößert. Ich stehe mit meinem Leben dafür, daß ich mit
einer Summe von ungefähr 3000 Gulden alles bezahlen könnte, was er
schuldig ist. Und diese Schuld ist nicht muthwillig gemacht worden. Wir
hatten keine sichern Einkünfte; häufige Kindbetten, eine schwere und
kostbare Krankheit von anderthalb Jahren, die ich auszustehen hatte,
werden bey dem menschenfreundlichen Herzen _meines Monarchen_ zur
Entschuldigung dienen.«
»Wenn es so ist,« sagte der Monarch, »da ist wohl noch Rath zu schaffen.
Geben sie ein Konzert von seinen hinterlassenen Werken, und ich will es
unterstützen.«
Er nahm ihr die Bittschrift gnädig ab; und in kurzer Zeit ward ihr eine
Pension von 260 fl. angewiesen, die zwar an sich gering ist, aber da
Mozart erst 3 Jahre angestellt, folglich die Wittwe noch nicht
pensionsfähig war, so bleibt es immer eine Gnade. Die Akademie ward
unternommen, und der _unsterbliche Monarch_ erfüllte so großmüthig sein
Versprechen, daß die Wittwe dadurch in den Stand gesetzt wurde, die
Schulden ihres Mannes zu tilgen.
Aus dieser Begebenheit kann man schließen, wie viel an den boshaften
Erzählungen von der Unordnung seiner Haushaltung, seiner Verschwendung
und dergleichen Anschwärzungen Wahres seyn mag. Da man so wenig seiner
Größe als Künstler beyzukommen im Stande war, so suchte der grämliche
Neid seinen moralischen Charakter zu verstellen! Eine sehr leichte und
gewöhnliche Taktik kleiner Seelen, denen jedes Verdienst, jede Größe
unausstehlich ist: um so mehr, wenn sie ihrem kleinen Gewerbe zu schaden
droht! Es ist nur Gerechtigkeit, die dem Verdienste gebührt, wenn man
sich Mühe giebt _solche fremde_ Flecken aus dem Gemählde würdiger
Menschen zu verwischen.
Wenn gegen Mozart diejenige Billigkeit ausgeübt wird, die jeder an sich
selbst zu erfahren wünschen muß, so wird er deshalb noch nicht als
Muster der Oekonomie und Sparsamkeit angepriesen. Es ist wahr; er hätte
den Werth des Geldes besser schätzen sollen: aber darf ein großer Geist
keine Schwächen, keine Fehler haben? Möchten doch die, über ihn so
streng urtheilen, auf ihr Herz greifen und sich fragen: -- -- --
#Quid tu?
nullane habes vitia?#
Und sind sie in irgend einem Fache _Mozarte_? -- Die Endschuldigung der
Schulden, die er hinterließ, vernahmen wir eben aus dem Munde seiner
Wittwe; und gewiß, sie ist nicht ungegründet.
Mozart hinterließ von mehreren Kindern nur zwey Söhne, wovon der jüngere
etwa 4 Monathe alt war, als der Vater starb. Er heißt Wolfgang wie sein
Vater, ist gegenwärtig 17 Jahre alt, und durch die ersten Produkte
seines musikalischen Talentes dem Publikum schon vortheilhaft bekannt.
Sein Klavierspiel zeichnet sich durch feinen Ausdruck und Präcision aus.
Und so wäre denn zum Theil die scherzhafte Vorhersagung seines Vaters
erfüllt, daß _dieß Kind ein Mozart werden würde_, weil es einst weinend
in den Ton stimmte, aus dem der Vater eben auf dem Fortepiano spielte.
Offenbar lebt der Geist seines Vaters in ihm: aber dem Sohne fehlt eine
so bildende Vaterhand, wie diejenige war, die das Genie des Vaters so
trefflich leitete und entwickelte.
Möge der hoffnungsvolle Sohn in dem Bestreben nach Vollkommenheit nicht
ermüden, und so wie er der Erbe des väterlichen Talentes ist, auch
seinen rastlosen Fleiß in dem Studium großer Meister geerbt haben! Nur
dadurch geht der Weg zum wahren Ruhme! Der ältere Sohn Karl ist
gegenwärtig in Mayland und macht ebenfalls große Fortschritte in der
Tonkunst.
In Böhmen war Mozarts Kunstvollkommenheit noch bey seinem Leben
allgemein anerkannt und nach Werth geschätzt: aber er lebte zu kurz, um
die wahre Blüthezeit seines Ruhmes zu sehen. Selbst in Wien seinem
Wohnorte waren es nur Kenner, die seinem Genie Gerechtigkeit widerfahren
ließen. Der Zauberflöte, wovon Mozart die ersten Vorstellungen und
folglich auch den außerordentlichen Beyfall noch erlebte, war es
vorbehalten seine Größe dem Auslande zu verkünden. Durch dieß
Meisterwerk begeistert suchte man seine übrigen Werke auf, studierte sie
und empfand ihre Schönheit, und so ward der Name _Mozart_ bald in der
ganzen gebildeten Welt gefeyert, seine Gesänge die Lust jegliches Ohres!
Dieß erfuhr seine Wittwe auf ihrer Reise durch Deutschland, die sie im
J. 1796 unternommen hatte. Ueberall sah sie zu ihrer innigsten Wonne,
wie gern die Teutschen wahres Verdienst erkennen und ehren, und wie tief
Mozarts Gesänge auf ihre Herzen gewirket haben.
Bey ihrem Aufenthalte zu Berlin im Febr. 1796 gab der _höchstselige
Wilhelm_ II., dieser vortreffliche Freund der Tonkunst, und der ganze
königl. Hof ausgezeichnete Beweise seiner Liebe und Achtung für das
Genie Mozarts. Durch ein gnädiges Handbillet ward ihr blos aus Rücksicht
auf die Talente ihres Mannes das königl. Theater und die Kapelle zum
Gebrauche für ihr Konzert überlassen; und ihre Unternehmung wurde nicht
nur von dem Monarchen, sondern auch von dem ganzen Publikum auf das
großmüthigste unterstützt. Ueber alle Beschreibung groß und rührend war
die Wirkung, welche die Aufführung der Singstücke aus der Oper: #La
Clemenza di Tito# bey dem Konzerte auf den König, und das so
ungewöhnlich zahlreich versammelte Publikum machte. Alles war gleich
begeistert, die großen Sänger, das vortreffliche Orchester und die
Zuhörer. Der Geist des verewigten Künstlers, (so drückt sich ein
Berliner Wochenblatt aus, worinn die Akademie sehr interessant
beschrieben wurde) schien über der Versammlung zu schweben, als zum
Anfange die Sinfonie aus der Zauberflöte von dem Orchester so
meisterhaft vorgetragen, eine feyerliche, einweihende Stille
hervorbrachte. Das Handbillet worinn der König von Preußen einen so
rühmlichen Beweis seines guten Geschmackes und der Achtung für teutsches
Talent gegeben, lautet wörtlich so:
»Sr. Königliche Majestät von Preußen etc. etc. machen sich ein
wahres Vergnügen, durch die Gewährung des Wunsches der Wittwe
Mozart zu beweisen, wie sehr Sie das Talent ihres verstorbenen
Mannes geschätzt und die ungünstigen Umstände bedauert haben,
welche ihm die Früchte seiner Werke einzuerndten verhinderten.
Allerhöchst dieselben bewilligen der Wittwe Mozart zur
Ausführung dessen letzter Komposition, #La Clemenza di Tito# das
große Opernhaus, so wie Dero eigenes Orchester, haben auch
dieserhalb die nöthigen Befehle an den Kammerherrn Freyherrn von
der _Reck_ erlassen, an welchen sich selbige nunmehr zu wenden
hat, und wegen des hiezu zu bestimmenden Tages und wegen des
übrigen Details mit ihm sich gehörig zu besprechen. Berlin den
14ten Februar 1796.«
Fr. Wilhelm.
Selbst der Italiener seit Jahrhunderten im unbestrittenem Besitze des
Meisterrechtes der Tonkunst überwand seinen Nationalstolz, und erkennt
nun Mozarts Ueberlegenheit in der Musik an. Seine Opern werden in Rom,
Mayland und andern Städten mit Beyfall gegeben; die Klaviersachen von
jedermann gespielt; Meister studiren seine Partituren.
Noch früher hat Frankreich seiner Kunst gehuldiget. Der Beyfall den die
Mysterien der Isis (Zauberflöte) in Paris erhielten ist ein Beweis
davon. Don Juan machte kein so großes Glück; aber dieß war, wie alle
Nachrichten einstimmig aussagten, die Folge der schlechten Darstellung
des Stückes. Denn der hohe Werth der Musik selbst wurde vollkommen
anerkannt. Seine Sinfonien, Klavierkonzerte, Quartetten werden allgemein
bewundert, häufig gespielt, und im Stich und Druck ohne Aufhören neu
aufgelegt.
England, welches deutsches Tonkünstlerverdienst von jeher schätzte und
lohnte, kennt und bewundert auch Mozarts allgewaltigen Geist. Die
Seelenmesse ward in London öfter mit dem größten Beyfalle aufgeführt;
der Absatz seiner Werke, die bey Breitkopf und Härtel herausgekommen,
ist nach England eben so stark, als in Deutschland und Frankreich.
Wo giebt es überhaupt Kenner und Liebhaber der süßesten der Künste, wo
nicht Mozarts Töne tönten und jedes Ohr entzückten? Selbst in den
entferntesten Welttheilen, wohin kaum der Name der berühmtesten Europäer
dringt, wiederhallen seine Harmonien. In den philippinischen Inseln,
(schreibt unser Landsmann, der bekannte Botaniker Hänke) werden seine
Werke mit Entzücken gehört.