Also auch er will eine starke Entwicklung der örtlichen und der

bezirklichen Selbstverwaltung, die leichter zu übersehen sind, und dann

von unten auf einen föderativen Bau, dessen letzte Instanz -- der aber

dann die erstgenannten Instanzen die Aufgaben zuweisen und nicht etwa

dieser jenen -- die Zentralbehörde bilden sollte. Ob solcher nationale

Aufbau auf der gegenwärtigen Stufe der sozialen Entwicklung sich als

möglich erweisen und die erwarteten Ergebnisse haben würde, scheint mir

zweifelhaft, aber der Hinweis auf die Notwendigkeit einer weitgehenden

Ausbildung der demokratischen Selbstverwaltung ist sicher ein sehr

beachtenswerter Gedanke, der ja auch bis zu einem gewissen Grade bereits

Verwirklichung gefunden und manche guten Früchte gezeitigt hat. Diese

örtlichen Selbstverwaltungskörper sind Zwangsgenossenschaften genannt

worden, weil jeder Orts- bzw. Bezirksbewohner von Gesetzes wegen ihnen

angehört, ob er will oder nicht. Zu ihnen treten als Verwaltungsorgane

hinzu die freien Genossenschaften, die heute auf verschiedenen Gebieten

bedeutsame Funktionen erfüllen und Teile der öffentlichen Verwaltung

werden. Als solche haben sich Anerkennung erzwungen die Organisationen

der Arbeiter, so sehr sie im Anfang verhaßt waren, an erster Stelle die

Gewerkschaften der Arbeiter, dann aber auch die Konsumgenossenschaften

der Arbeiter und die freien Verbindungen für Zwecke der körperlichen und

kulturellen Entwicklung. Indes auch Genossenschaften anderer Klassen --

man denke an die ländlichen Genossenschaften -- erfüllen

gesellschaftliche Funktionen und sind damit ein Stück der großen

Selbstverwaltung der Gesellschaft. Das macht sich nicht nach einem

einzigen Schema, das gestaltet sich auf verschiedenen Wegen, aber die

administrative Selbständigkeit der Bevölkerung nimmt zu, die Regierung

von oben nimmt an Bedeutung ab, wenngleich -- das muß denen gesagt

werden, die glaubten, den Staat abschaffen zu können -- sie nicht

verschwindet. Zentrale Gesetzgebungs- und Verwaltungsfunktionen werden

noch auf ziemliche Zeit bestehen bleiben. Nur schrittweise übernimmt die

Selbstverwaltung von ihr Funktionen auf Grund der gemeinsam geschaffenen

Gesetze. Das Parlament wird nicht in Bausch und Bogen abgetan. Aber man

kommt zu einer Entwicklung, von der man hoffen darf, daß sie zu einem

großen Teil die Gefahren, die mit dem alten Parlamentarismus organisch

verbunden scheinen, immer mehr einengen und schließlich überwinden wird.

Man muß also verstehen, diese Fragen nicht dogmatisch, sondern als

Fragen der Entwicklung zu begreifen.

Will man erkennen, wie sich die Verwaltung mit dem Wachsen des Organismus

verändert, so kann man das beim Studium der Verfassungsgeschichte --

einfacher ausgedrückt der Geschichte der Statuten -- der

Arbeiterorganisationen verfolgen. Die Arbeiterorganisationen fangen

gewöhnlich an mit der extremsten Demokratie, meist mit der direkten

Gesetzgebung und Auswahl der Beamten durch die Mitgliederversammlung. Je

mehr sie aber wachsen, sind sie gezwungen, Vertretungskörper zu bilden

und den Vertretungen bestimmte Macht- und Leitungsbefugnisse zu

übertragen. Die Masse hat dann nur noch vermittelst ihrer

Vertrauensmänner eine Art ständiger Kontrolle auszuüben. Die

Organisation selbst aber gestaltet sich zu einem Organismus, der eine

Art demokratischen Staat darstellt. An der freien Arbeiterbewegung zeigt

sich, wie das ziffernmäßige Wachstum, die größere Quantität die

gleichberechtigten Genossen selbst zur qualitativen Änderung der

Verfassung ihrer Organisation zwingt. Wer das nicht begreift und nicht

die sich daraus ergebenden Folgerungen anerkennt, der wird auch nie

begreifen, was in dem Wort wissenschaftlicher Sozialismus liegt. Dieser

ist, wie im ersten Kapitel gezeigt wurde, soziologische

Entwicklungslehre, das heißt die Auffassung der sozialistischen Bewegung

als eine Bewegung, die in ihrem Fortgang sich selbst gestaltet und dabei

eng abhängt von den organischen Gesetzen sozialer Entwicklung. Eine

Erkenntnis, die heute wiederum Streitgegenstand geworden ist im

Sozialismus der Gegenwart, und zwar auf die Tagesordnung gesetzt durch

das Erscheinen des sogenannten Bolschewismus; und mit dieser Frage

wollen wir uns nunmehr befassen.

Achtes Kapitel.

Die bolschewistische Abart des Sozialismus.

Was sind die Grundgedanken der Doktrin, die wir als Bolschewismus kennen

gelernt haben? Worauf fußt sie?

Im ersten Band seines großen Werkes »Das Kapital« schildert Karl Marx im

25. Kapitel, sechster Abschnitt, der sich mit der Genesis der

industriellen Kapitalisten befaßt, die verschiedenen Methoden der

sogenannten »ursprünglichen Akkumulation« des Kapitals, d. h. der

ursprünglichen Bildung von Kapital. Gegenüber den Darstellungen der

bürgerlichen Ökonomen, welche die Bildung von Kapital auf »Ersparnis«,

beziehungsweise Sparen zurückführen, weist Marx nach, daß das Kapital

auf ganz andere Weise entstanden ist, und schreibt hinsichtlich der

Methoden dieser wirklichen ursprünglichen Akkumulation des Kapitals:

»In England werden sie am Ende des 17. Jahrhunderts systematisch

zusammengefaßt in Kolonialsystem, Staatsschuldensystem, modernem

Steuersystem und Protektionssystem. Diese Methoden beruhen zum Teil

auf brutalster Gewalt, wie das Kolonialsystem. Alle aber benutzten die

Staatsmacht, die konzentrierte und organisierte Gewalt der

Gesellschaft, um den Verwandlungsprozeß der feudalen in die

kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig zu fördern und die

Übergänge abzukürzen. _Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten

Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie ist selbst eine

ökonomische Potenz._«

Der hier gesperrte Schluß dieses Satzstücks hat in der sozialistischen

Bewegung unserer Zeit bei Parteien, die ihre theoretische Erkenntnis

direkt von Marx ableiteten, eine eigenartige Rolle gespielt. Von

französischen Sozialisten, die sich Marxisten nannten, und deren einer

Führer Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, der andere, Jules

Guesde, mit Marx befreundet war, ward er in dogmatischer Auslegung als

Beweis dafür propagiert, daß alle sozialistische Tätigkeit auf die

Eroberung der politischen Macht durch Revolutionsgewalt abzielen müsse.

Es ist aber zu bemerken, daß Marx in dem Satz einfach eine

geschichtliche Tatsache konstatiert, aber keine Formel für die

unmittelbare Anwendung aufstellt.[7]

[7] Wie wenig Marx mit der Auslegung einverstanden war, die Lafargue

seinen Feststellungen gab, geht aus seinem Brief an Friedrich Engels

vom 11. November 1882 hervor. Dort schreibt Marx dem Freunde, daß

Lafargue in Wirklichkeit Schüler des Russen Bakunin sei, und ruft

ärgerlich aus: »Longuet (der andere Schwiegersohn von Marx) als

letzter Proudhonist und Lafargue als letzter Bakunist! =Que le diable

les emporte!=«

Aus dieser Feststellung einer geschichtlichen Tatsache macht indes die

Fraktion der russischen Sozialisten, die sich Bolschewiki nennen, einen

Imperativ der ganzen sozialistischen Politik: Wir müssen die Gewalt

haben, um die neue Gesellschaft zu errichten, anders geht es nicht,

unser ganzes Sinnen und Trachten muß auf die Eroberung der politischen

Macht gerichtet sein. Eine Auffassung, die sich freilich auf bestimmte

Stellen im Kommunistischen Manifest stützen konnte. Dort heißt es z. B.

am Schluß, wo von der Erringung der politischen Macht durch das

Proletariat die Rede ist:

»Wir sahen schon oben, daß der erste Schritt in der Arbeiterrevolution

die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse, die Erkämpfung

der Demokratie ist.

Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der

Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle

Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d. h. des als

herrschende Klasse organisierten Proletariats zu zentralisieren und

die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren.

Es kann dies natürlich zunächst nur geschehen vermittels despotischer

Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen

Produktionsverhältnisse, durch Maßregeln also, die ökonomisch

unzureichend und unhaltbar erscheinen, die aber im Laufe der Bewegung

über sich selbst hinaustreiben und als Mittel zur Umwälzung der ganzen

Produktionsweise unvermeidlich sind.«

Dann werden eine Reihe von Maßnahmen aufgezählt, die gewissen Maßnahmen

des Bürgertums in früheren Revolutionen entsprechen. Im weiteren berufen

die Verfechter der geschilderten Denkweise sich auf eine Stelle in dem

Brief von Karl Marx über den Entwurf zum Einigungsprogramm der deutschen

Sozialdemokratie von 1875, dem Entwurf des Gothaer Programms. Dort sagt

nämlich Marx:

»Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft

liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die

andere. Ihr entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren

Staat nichts anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des

Proletariats.«

Auch dieser Satz wird von den Bolschewisten, wie man das Wort

Bolschewiki ins Deutsche übernommen hat, dogmatisch ausgelegt. Diese

Partei, die heute als Partei der russischen Kommunisten an der Spitze

der dritten oder kommunistischen Internationale steht, hat sich früher

auch Partei der Maximalisten genannt. Im Streit der russischen Marxisten

untereinander hatten sich zwei Richtungen ausgebildet: die eine wollte

den Kampf der Sozialdemokratie Rußlands mit einem Programm

sozialistischer Mindestforderungen (»Minimumprogramm«) führen, ähnlich

wie es seinerzeit die französischen Marxisten mit einer für sie von Marx

verfaßten Einleitung ausgearbeitet hatten, die anderen vertraten den

Standpunkt, man müsse ein Maximum von Forderungen aufstellen und es der

Bewegung als eine Art Fanal ständig vorhalten. Von diesen zwei

Richtungen ist die letztere eben die der Bolschewisten, während die

erstere Fraktion oder Partei der Menschewisten genannt wird --

Benennungen, die den Begriffen mehr und minder entsprechen, die man

teils auf die Höhe der Forderungen, teils auf das Zahlenverhältnis der

Anhänger bezieht. Der Streit lief zum großen Teil in ein scholastisches

Ausspielen von Aussprüchen von Marx aus, wobei die eine Seite die

Tatsache ignorierte, daß die ganze Marxsche Lehre vornehmlich

Entwicklungslehre ist und Marx selbst im Laufe der Jahre eine

Entwicklung durchgemacht hat. Engels hat wiederholt anerkannt, daß ihm

und Marx in der ersten Epoche ihres Schaffens bedeutungsvolle Irrtümer

über Schnelligkeit und den Gang der Entwicklung unterlaufen sind. Ist

dadurch aber die Marxsche Lehre selbst abgetan? Sicherlich nicht. Das

Große, Bleibende am Marxismus, was über allen Einzelanwendungen steht,

ist eben die Tatsache, daß der Marxismus der sozialen Entwicklungslehre

eine neue, in ihrem Hauptgedanken, der Theorie vom bestimmenden Einfluß

der Produktionsweise, unerschütterte Grundlage gegeben hat. Marx hat den

organischen Entwicklungsgedanken seiner Lehre wiederholt sehr bestimmt

zum Ausdruck gebracht. So im Vorwort zu seiner 1859 erschienenen Schrift

»Zur Kritik der politischen Ökonomie«, so aber auch 1866 im Vorwort zum

»Das Kapital«. Im letzteren sagt Marx, was sehr bemerkenswert für seine

Anschauungsweise ist, selbst den herrschenden Klassen der Gegenwart

dämmere die Erkenntnis auf, daß die jetzige Gesellschaft »kein fester

Kristall«, sondern »_ein umwandlungsfähiger und ständig in der Umwandlung

begriffener Organismus_« sei.

Hier ist der Gegensatz der Grundanschauungen angezeigt, der die große

Mehrzahl der sozialdemokratischen Parteien unserer Tage von der Partei

der Bolschewisten und ihren westeuropäischen Nacheiferern unterscheidet.

Die bolschewistische Partei ist hervorgegangen aus der marxistischen

Schule des russischen Sozialismus, wobei es bemerkenswert ist, daß

gerade die drei Persönlichkeiten, die man als die eigentlichen Stifter

dieser Schule bezeichnen kann, der verstorbene Georg Plechanow, die

soeben verstorbene Vera Sassulitsch und der noch lebende Paul Axelrod,

Gegner der Bolschewisten waren beziehungsweise Axelrod ein solcher ist.

Wenn ich oben bemerkte, daß die Bolschewisten bei ihrer Berufung auf

Marx vielfach scholastisch vorgehen, so will ich hinzufügen, daß ich als

Scholastik diejenige Geistesrichtung oder Geistestätigkeit betrachte,

die darauf gerichtet ist, für schon feststehende Lehrsätze oder Gedanken

die Beweise oft mit erzwungenen Deutungskünsten deduktiv zu erbringen,

wobei das induktive Moment, die Prüfung an den Tatsachen,

außerordentlich zu kurz kommt, wenn es nicht ganz unerörtert bleibt. Nun

ist gerade die wesentliche Eigenschaft der sozialen Entwicklungslehre

von Marx und Engels, daß sie den Ton legt auf den engen, man kann hier

mit größtem Recht sagen, auf den _organischen_ Zusammenhang des

Politisch-Sozialen mit den Tatsachen der _ökonomischen_ Entwicklung, das

heißt, der _Produktionsverhältnisse_. Von diesem Standpunkt aus haben die

Verfasser des Kommunistischen Manifests, so revolutionär sie für ihre

Zeit dachten und wie rückhaltlos sie für die kommunistischen Ideen des

vorgeschrittenen Flügels der Arbeiterbewegung ihrer Tage Partei

ergriffen hatten, doch schon, als sie ihre Theorie ausarbeiteten,

Stellung genommen gegen radikale Sozialisten ihrer Tage, die für

revolutionäre Kommunisten galten, tatsächlich aber nur Anspruch hatten

auf die Bezeichnung als Utopisten der sozialistischen Revolution. Zu

ihnen gehörte der unzweifelhaft begabte, aber wissenschaftlich

ungeschulte deutsche Kommunist Wilhelm Weitling, der Verfasser der

Schrift »Garantien der Harmonie und Freiheit«, die 1842 erschien und von

Marx als sehr beachtenswert begrüßt wurde, was aber nicht hinderte, daß

Marx später sich scharf gegen Weitling wandte, als dieser in seiner

Agitation den Arbeitern mit übertriebenem Radikalismus den Kopf

verdrehte. Es ist das deshalb von Interesse, weil Weitlings Ideen mit

vielen Schlagworten Ähnlichkeit haben, die heute von Anhängern des

Bolschewismus den Arbeitern gepredigt werden.

Im Winter 1846/47 kam Weitling nach Brüssel, wo Marx und Engels damals

lebten und ihre große Theorie ausarbeiteten und polemisch verfochten.

Bei einem Besuch, den Weitling Marx machte, war der russische

Schriftsteller Annienkoff zugegen, und er schildert in seinen

Erinnerungen einen heftigen Zusammenstoß zwischen Marx und Weitling.

Weitling, der aus der Arbeiterklasse hervorgegangen war, berief sich

Marx gegenüber wesentlich darauf, wie überhaupt auf die Gefühlsseite

seiner Theorie, und es ist bemerkenswert, wie energisch Marx nach

Annienkoff Weitling gegenüber die Unerläßlichkeit konkreten

wissenschaftlichen Denkens betonte und einmal mit der Faust auf den

Tisch schlagend wütend ausrief: »_Noch niemals hat Unwissenheit jemandem

genützt!_«

Vier Jahre darauf, nach der Revolution, kam Marx in Konflikt mit seinen

früheren Kampfgenossen, die in ähnlicher Weise wie Weitling sich auf das

Gefühl und den Willen beriefen. Es war das die von Karl Schapper und

A. Willich geführte Fraktion des Kommunistenbundes. Der Gegensatz

wiederholte sich in den Jahren 1870 bis 1872 in der Internationalen

Arbeiterassoziation in dem Kampf von Marx gegen den russischen

sozialistischen Revolutionär Michael Bakunin, den, und noch mehr dessen

-- ich kann nicht sagen »Schüler« und nicht einmal »Genossen«, obwohl er

auf Bakunin großen Einfluß ausübte, aber -- zeitweiligen Mitkämpfer

Bakunins, den Studenten Netschajeff, der als ein Vorläufer des

Bolschewismus bezeichnet werden muß. Seine Ideen sind dargelegt und

kritisiert in der wesentlich von Friedrich Engels in Übereinstimmung mit

Marx verfaßten Schrift: »Ein Komplott gegen die Internationale«. Mit

äußerster Schärfe wendet diese sich namentlich gegen den

Revolutionsromantismus von Bakunin, den Netschajeff noch ins Extrem

übertrieben hatte, so daß eine Art Sozialismus im Sinne von Rinaldo

Rinaldini herauskam. Bakunin hatte speziell die russischen Räuber

verherrlicht und war soweit gegangen, zu erklären, man müsse die

Zuchthäuser öffnen, wenn man Revolution mache. Eine Spekulation auf

Elemente, die ohne Rücksicht auf Theorie und Moral usw. schlechthin sich

in Gegensatz zur geordneten Gesellschaft stellten. Die Abweisung solcher

Phantasien und die Betonung des Zusammenhanges der Entwicklung zum

Sozialismus mit der Entwicklung der Wirtschaft im allgemeinen, das heißt

zuletzt der Produktionsweise, ist der maßgebende Gedanke der Marxschen

Lehre. Hierfür ist der schon zitierte Satz aus dem Vorwort zu »Das

Kapital«, daß die jetzige Gesellschaft -- die Gesellschaft der liberalen

Ökonomie, »kein festes Kristall, sondern ein umwandlungsfähiger und

einem ständigen Prozeß der Umwandlung unterworfener Organismus« ist,

viel wichtiger als mancher andere Satz, der oft zitiert wird. In »Das

Kapital« sagt Marx an einer anderen Stelle, wo er von der

Fabrikgesetzgebung spricht und die Wirkung des Zehnstundentages auf die

Baumwollarbeiter von Lancashire schildert:

»Dennoch hatte das Prinzip[8] gesiegt mit seinem Sieg in den großen

Industriezweigen, welche das eigenste Geschöpf der modernen

Produktionsweise. Ihre wundervolle Entwicklung von 1853 bis 1860, Hand

in Hand mit der physischen und moralischen Wiedergeburt der

Fabrikarbeiter schlug das blödeste Auge.«

[8] Der gesetzlichen Begrenzung der Arbeitszeit. Ed. B.

Und im Zusammenhang mit dem vorher zitierten Satz im Vorwort sagt Marx:

»In England ist der Umwandlungsprozeß (der soziale Umwandlungsprozeß)

mit Händen zu greifen. Auf einem gewissen Höhepunkt muß er auf den

Kontinent rückschlagen. Dort wird er sich in brutaleren oder humaneren

Formen bewegen, je nach dem Entwicklungsgrad der Arbeiterklasse

selbst. Von höheren Motiven abgesehen, gebietet also den jetzt

herrschenden Klassen ihr eigenstes Interesse die Wegräumung aller

gesetzlich kontrollierbaren Hindernisse, welche die Entwicklung der

Arbeiterklasse hemmen. Ich habe deswegen u. a. der Geschichte, dem

Inhalt und den Resultaten der englischen Fabrikgesetzgebung einen so

ausführlichen Platz in diesem Bande eingeräumt. Eine Nation soll und

kann von der anderen lernen.«

Auch das zeigt, darf ich sagen, einen stark reformistischen Einschlag in

der dem Gedankengang nach revolutionären Lehre von Marx. Je weiter er in

der geistigen Entwicklung fortschreitet, um so mehr findet bei ihm der

Gedanke des Zusammenhanges zwischen der ökonomischen Entwicklungshöhe

und den Möglichkeiten der politischen und rechtlichen Eingriffe

genaueren Ausdruck. Im Jahre 1875 sagt er in seinem Brief über den

Entwurf des Gothaer Programms der damaligen geeinten Sozialdemokratie:

»Das Recht kann nie höher sein als die ökonomische Gestaltung und die

dadurch bedingte Kulturentwicklung der Gesellschaft.«

Beim Bolschewismus nun -- ich betone nochmals: in seiner Doktrin! --

wird alles das ignoriert oder umgangen. Der Bolschewismus stützt sich

entweder auf das Kommunistische Manifest mit seinen lapidar

zugespitzten, aber der Frühperiode von Marx und Engels angehörigen

Aussprüchen, wo diese sich darin gefielen »=à épater le bourgeois=« -- dem

Bürgersmann etwas Verblüffendes zu sagen. Oder er gibt späteren

Aussprüchen von Marx unter Herausreißung aus dem Zusammenhang die

ungeschlachteste und vergröberteste Auslegung. So sagt Marx im

vorletzten Kapitel des ersten Bandes von »Das Kapital«, der die

geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation kennzeichnet:

»Die Konzentration der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung

der Arbeit erreichen einen Punkt [nämlich im Verlauf der

kapitalistischen Entwicklung. Ed. B.], wo sie unerträglich werden mit

ihrer kapitalistischen Hülle. Die Stunde des kapitalistischen

Privateigentums schlägt. Die Expropiateurs werden expropriiert.«

Also wenn die Entwicklung selber unverträglich wird mit der

kapitalistischen Hülle, dann werden die Expropriateurs -- Marx nennt die

Kapitalisten »Enteigner«, weil in der Konkurrenz die großen Kapitalisten

die kleinen enteignen --, enteignet, expropriiert. Aus diesem, eine

geschichtliche Perspektive zeichnenden Satz haben Bolschewisten den

Spruch gemacht: »Beraubt die Räuber!« und Arbeiter haben das

buchstäblich genommen und vielfach in drastischer Anwendung befolgt. Die

Unternehmer werden schlechthin, statt als ökonomische Enteigner, als

moralische Stehler, als Diebe hingestellt. Dies in direktem Gegensatz zu

Marx, der im Vorwort zu »Das Kapital«, wo er ausführt, daß in dem Buch

Kapitalist und Grundeigentümer nicht sehr gut davonkommen, nicht im

rosigen Lichte erscheinen, ausdrücklich sagt:

»Es handelt sich aber da um eine Personifikation ökonomischer

Kategorien. Weniger als der jedes anderen kann mein Standpunkt, der

die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen

naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich

machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er

sich auch subjektiv über sie erheben mag.«

In jeder Hinsicht, sage ich, hat in diesen Punkten die bolschewistische

Doktrin die Marxsche Lehre vergröbert, man könnte sagen: barbarisiert.

Die geschichtliche, also bis zu einer bestimmten Höhe der

wirtschaftlichen Entwicklung notwendige Funktion des Unternehmers als

treibendes Agens der Produktion ist bei ihr ausgelöscht -- auch dies

wiederum im Widerspruch mit Marx, der im dritten Band seines Buches »Das

Kapital«, den allerdings die wenigsten gelesen haben, in einem der

letzten -- dem 24. -- Kapitel, das von den Einkommensquellen handelt,

auseinandersetzt, daß Mehrarbeit überhaupt als Arbeit des Arbeitenden

über das Maß der gegebenen Bedürfnisse hinaus _immer bleiben müsse_, und

daran den schon zitierten Satz fügt:

»Es ist eine der zivilisatorischen Seiten des Kapitals, daß es diese

Mehrarbeit in einer Weise und unter Bedingungen erzwingt, die der

Entwicklung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Verhältnisse

und der Schöpfung der Elemente für eine höhere Neubildung

vorteilhafter sind als unter den früheren Formen der Sklaverei und der

Leibeigenschaft.«

Marx zeigt also wiederum, daß das Kapital, so scharf er es sonst

angreift, wichtige, den Fortschritt fördernde, er sagt ausdrücklich

_zivilisatorische_ Funktionen erfüllt in der Entwicklung der menschlichen

Gesellschaft.

Über all das und die sich daraus für die Wirtschaftspolitik ergebenden

Folgerungen hat sich der Bolschewismus kühl hinweggesetzt und die Gewalt

als Allschöpferin behandelt. Bei führenden Bolschewisten findet man in

einer gewissen Steigerung -- mehr noch als bei Lenin bei Bucharin,

Sinowieff und anderen -- Sätze, wo der Gewalt einfach die Zauberkräfte

von Allheilmitteln zugeschrieben werden. Man brauche nur die Gewalt zu

haben, dann könne man die Entwicklung nach seinem Willen lenken! Hier

einige Beweise dafür:

Marx sagt -- das ist auch wieder wichtig -- 1859 im Vorwort zu dem Buch

»Zur Kritik der politischen Ökonomie«:

»Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle

Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue

höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die

materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten

Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.«

Im Vorwort zum ersten Band »Das Kapital« liest man:

»Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die

Spur gekommen ist -- und es ist der letzte Endzweck dieses Werkes, das

ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen --,

kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen _weder überspringen noch

wegdekreditieren_. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und

mildern.«

So Marx. Nun nehme man die Schrift von N. Bucharin: »Das Programm der

Kommunisten« (Bolschewiki) zur Hand. Dort wird frischweg die

sozialistische Revolution durch Diktatur der Arbeiterklasse in Rußland,

diesem im ganzen noch wenig entwickelten Lande, als eine Sache der

unmittelbaren Gegenwart mit der Bemerkung verkündet: »Diktatur der

Arbeiterklasse bedeutet die Staatsmacht der Arbeiterklasse, die die

Bourgeoisie und die Gutsbesitzer _erwürgt_« und gleich darauf:

»Diese Macht der Arbeiter kann nur aus der sozialistischen Revolution

der Arbeiterklasse erwachsen, die den bürgerlichen Staat und die

bürgerliche Macht zerstört.«

Und das ist geschrieben in einem Lande, das bekanntlich einen

bürgerlichen Staat überhaupt noch nicht gehabt hat! Des weiteren heißt

es, die Diktatur müsse »eisern« sein, ein Wort, das, wie in dieser

Schrift, überhaupt unzählige Male in der Literatur des Bolschewismus

wiederkehrt und in brutalstem Sinne gedeutet wird. Einige Seiten darauf

liest man:

»Wir sehen nun, daß eine Verletzung jeglicher Freiheiten in Beziehung

auf die Gegner der Revolution notwendig ist. Es kann in der Revolution

keine Freiheiten für die Feinde des Volkes und der Revolution geben.«

Als Feinde der Revolution werden aber nicht nur alle bürgerlichen

Parteien unterschiedslos hingestellt, sondern auch diejenigen

Sozialisten (Menschewisten und Sozialrevolutionäre), die auf einem

anderen Standpunkt stehen als die Bolschewisten. Es ist der extremste

Terrorismus, den man sich denken kann. In der Schrift von Leo Trotzki

»Die Sowjetmacht und der Internationale Imperialismus« -- ein Vortrag,

den Trotzki vor ungeschulten russischen Arbeitern gehalten hat -- liest

man:

»In der Mitte aber würden die Politiker stehen, die sich bald nach

links, bald nach rechts drehen. Das sind die Vertreter der Menschewiki

und der rechtsstehenden Sozialrevolutionäre; sie würden sagen: »Die

Macht muß zur Hälfte geteilt werden.««

Das erzählt er Arbeitern! Und er fährt fort:

»Aber, Genossen, die Macht ist doch kein Laib Brot, den man in zwei

Hälften schneiden, in vier Teile neu zerteilen kann.«

Welcher Vergleich und welche Verleugnung der Geschichte! Den Zweck zeigt

der folgende Satz. Trotzki doziert:

»Die Macht ist das Instrument, mit dessen Hilfe eine bestimmte Klasse

ihre Herrschaft befestigt. Entweder dient dieses Instrument der

Arbeiterklasse oder es dient gegen die Arbeiterklasse.«

Damit ist die Entwicklung im Leben der Völker ausgestrichen, von einem

Gesellschaftszustand zum entgegengesetzten gibt es keinen Übergang,

keine Entwicklung, sondern nur die Umstülpung durch die Macht. Es geht

so weiter:

»Hier gibt es keine Wahl. Solange es zwei Feinde gibt -- die

Bourgeoisie und das Proletariat und mit ihm das ärmste Bauerntum --,

und solange diese zwei Feinde gegeneinander kämpfen, können sie

selbstverständlich nicht eine gemeinsame Waffe haben. Es ist doch

nicht denkbar, daß eine Kanone zugleich wie der einen Armee so auch

der anderen dienen kann.«

Um die Natur dieser Argumentation richtig einzuschätzen, muß man dessen

eingedenk bleiben, unter welchen Umständen sie vorgetragen wurde und

welches die Entwicklungshöhe des Landes war, in dem sie Arbeitern

eingeprägt wurde. Niemals haben Marx und Engels Arbeitern die politische

Frage in so kindisch-einfältiger Gegenüberstellung dargestellt. Selbst

als Deutschland schon wirtschaftlich auf wesentlich höherer Stufe stand

als das Rußland von 1918 -- von der kulturellen Entwicklung ganz zu

schweigen --, haben sie immer noch eine zeitweilige Unterstützung des

vorgeschrittenen Bürgertums durch die sozialistische Arbeiterschaft für

angezeigt erklärt.

Nach dem Muster der vorstehenden, dem Begriffsvermögen sehr naiver und

unentwickelter Leute angepaßter Deduktionen, die sich durch den ganzen

als Propagandaschrift in alle Sprachen übersetzten Vortrag ziehen und

mit ähnlich merkwürdigen Behauptungen über die Ursachen und wirkenden

Kräfte des Weltkriegs abwechseln, kommt Trotzki auf die Ausübung der

politischen Macht durch die Bolschewisten zu sprechen und erhebt mit

folgenden Argumenten Anspruch auf Entschuldigung für deren Mißgriffe:

»Einige sagen: wozu habt ihr denn die Macht genommen, wenn ihr vorher

nicht gelernt habt, sie anzuwenden? Wir aber antworten darauf: wie

konnten wir das Tischlerhandwerk erlernen, wenn wir kein

Tischlerwerkzeug in den Händen hatten? Um zu lernen, ein Land zu

verwalten, muß man das Richtscheit in die Hand nehmen, muß man die

Staatsmacht in die Hände nehmen. Noch hat niemand im Zimmer sitzend

das Reiten gelernt. Um es zu lernen, muß man ein Pferd satteln und

sich aufs Pferd setzen. Möglicherweise wird das Pferd sich bäumen und

mehr als einmal oder auch mehr als zweimal einen herunterfallen

lassen. Wir werden aufstehen, es wieder satteln und wieder reiten, und

so werden wir es lernen.«

Wenn solches Probieren nur die Persönlichkeiten beträfe, die das Reiten

-- sprich Regieren -- lernen wollen, so könnte man sagen: gut und schön.

Aber mit einem ganzen Staatswesen in das Unbestimmte hinein gewalttätig

tiefgreifende Wirtschaftsexperimente machen in dem Gedanken, es könne

zwar auch falsch gehen, aber dann macht man es eben noch einmal, in

solcher Weise mit einem großen Volke verfahren, wobei unter Umständen

viele Hunderttausende dem Hunger, der Not, der Vernichtung ausgeliefert

werden, ist ganz etwas anderes. Es gibt für den Sozialreformer, den

Revolutionär, auch einen kategorischen Imperativ! Sich darum nicht

gekümmert, die wissenschaftliche Lehre der großen Denker, auf die sie

sich beriefen, dort, wo sie ihnen nicht paßte, in den Wind geschlagen zu

haben, ist bezeichnend für das fehlende Element in den Gedankengängen

der Bolschewisten.

Es fällt mir, indem ich das feststelle, nicht ein, die Beweggründe

der Bolschewisten irgendwie zu verdächtigen. Wie in jeder

Revolutionsbewegung gibt es natürlich auch in dieser eine große Zahl

Idealisten. Es gibt in ihr aber sicher auch andere Naturen. Indes lasse

ich dies Moment dahingestellt. Es handelt sich hier um die Doktrin, um

die Auffassungsweise und wie sie auf das Handeln der Bolschewisten

zurückwirkt. Da aber gerade zeigt sich, wie sehr sie abweichen von der

Auffassung des großen Meisters und Denkers Karl Marx! Sie geben fast gar

keine soziale Bedingtheit für ihre Aktion zu. Ihnen genügt es, daß

überhaupt mit etlicher Großindustrie auch ein Proletariat in dem Staate

da ist, stark genug, um bei Ergreifung der Gewalt die aktive Rolle zu

spielen. Aber sonst werden in den verschiedensten ihrer Schriften

diejenigen Sozialisten, ob Marxisten oder nicht, die eine gewisse Reife

des Proletariats und einen Reifegrad der ökonomischen Entwicklung als

Bedingung der sozialistischen Umgestaltung betonen, verhöhnt,

verspottet, oder aber beschimpft. Wie das letztere z. B. einem so, man

darf sagen, echten Marxisten wie Karl Kautsky geschehen ist, den Lenin

und Genossen, weil er ihre Methoden kritisiert hat, frischweg als

Renegaten hinstellen -- von meiner Wenigkeit will ich da ganz schweigen.

Der Bolschewismus kennt nahezu keine Grenzen des Willens in der

Geschichte. Es ist das Verhängnisvollste in der Politik der

Bolschewisten, daß sie tun, als ob es nichts dergleichen für den Willen

des revolutionären Reformers gäbe. In den Maximen ihrer Maßnahmen sind

sie weit mehr das Ebenbild des ursprünglichen Zarismus als das Ebenbild

des Marxismus; vom letzteren sind sie nur ein Zerrbild. Denn das

Bedeutungsvolle bei Marx ist ja gerade, daß seine und Engels Lehre eine

wissenschaftlich begründete Lehre ist von den Grenzen des Willens in der

Geschichte der menschlichen Gesellschaft. Man hat diese Lehre daraufhin

oft fatalistisch genannt, das ist aber vollständig irrig. Der Marxismus

ist weit entfernt, die Bedeutung des Willens in der Geschichte zu

leugnen oder seine Notwendigkeit zu verkennen. Es hat einen

demokratischen Dichter gegeben, der seit langem vergessen ist, aber

einst viel gelesen wurde und manchen begeistert hat, der frühverstorbene

Friedrich von Sallet, der Verfasser des »Laienevangeliums«. In einem

seiner Gedichte »Geschichtliche Entwicklung« sang er in der Zeit

politischen Stillstandes in Deutschland:

Man sagt uns: Jugend mit zu heißem Blute

Auf schwärmerischem Schöpfungsdrang verzichte,

Geschichtlich nur entwickelt sich das Gute, --

_Doch sprecht, wo nichts geschieht, ist das Geschichte?_

Diesen Standpunkt erkennt Marx vollständig an, er entspricht seiner

Theorie ganz und gar. Aber was man tut, kann man nur durchsetzen im

Verhältnis der gegebenen Kräfte und Entwicklungsbedingungen.

Diesem Gegenstand hat Friedrich Engels in der Streitschrift gegen

Dühring einige bemerkenswerte Kapitel gewidmet, die gerade heute wieder

sehr aktuell geworden sind. Eines davon trifft ganz besonders auch die

Methode der Bolschewisten, sehr verschiedene Dinge auf äußerliche

Merkmale hin gleichzusetzen und der geschichtlichen Bedingtheit sozialer

Institutionen die nötige Beachtung zu versagen. Dühring hatte von der

griechischen Sklaverei gesprochen, auf der die ganze griechische Kultur

beruhte, und sie mit der Lohnarbeit gleichgesetzt. Darauf antwortet

Engels:

»Wenn man sagt, die Lohnknechtschaft sei nur dasselbe wie die

Sklaverei, dann könnte man auch sagen, die Menschenfresserei sei

dasselbe wie die Lohnknechtschaft, denn das Ursprüngliche war nicht

die Sklaverei, sondern daß man die Unterworfenen auffraß. Wie oft auch

in der Geschichte die bloße Gewalt gegen die ökonomische Entwicklung

war, -- entweder geht sie mir der ökonomischen Entwicklung, dann

erfüllt sie ihren Zweck, oder sie geht gegen die ökonomische

Entwicklung, dann unter Umständen wird der Zwang (namentlich wenn rohe

Völker über kultivierte Völker herfallen) zum Ruin der ganzen Kultur,

oder aber dann setzt sich doch im Laufe der Zeit das ökonomische

Moment durch gegen die Gewalt, _die Gewalt unterliegt_.«

Nun, diese Erfahrung haben die Bolschewisten, wie sie selbst nicht mehr

bestreiten können, machen müssen: wo ihre Gewaltmaßnahmen die

ökonomische Bedingtheit unberücksichtigt ließen, haben sie elend

Schiffbruch gelitten. Die Kosten dieser Erfahrung aber hat leider das

russische Volk mit unendlich vielen Opfern bezahlen müssen.

Gerade das Großartige bei Marx und Engels ist die Begrenzung, die der

Wille in der Geschichte bei ihnen erfährt -- er erfährt sie nämlich nach

zwei Seiten hin, unter bestimmten Umständen gegen die Revolution, dann

aber auch wieder für die Revolution. Auf einem Blatt, das mir Friedrich

Engels aus dem Marxschen Nachlaß geschenkt hat, ein Stück aus dem ersten

Marxschen Entwurf (der nie gedruckt worden ist) zum Kommunistischen

Manifest, steht unter anderem ein Wort, das Marx den Vertretern der

alten Gesellschaft, die diese Gesellschaft für in ihrem Fundament

unzerstörbar erklären, zuruft: »Ihr seid nach rückwärts gekehrte

Utopisten.« Das soll heißen: Ihr wollt die Entwicklung aufhalten,

leugnet, daß es eine andere Gesellschaftsform geben könne über eure

hinaus, wollt behaupten, eure sei die letzte; aber wenn ihr das erklärt,

seid ihr nach rückwärts gekehrte Utopisten! Mit aller Schärfe betont der

Marxismus die Kraft des Willens. Er hält zwar die Arbeiter von

Unternehmen ab, je nachdem die dafür erforderlichen sachlichen

Vorbedingungen noch fehlen. Aber er feuert sie auch an und schützt sie

vor Entmutigung. Davon zeugt deutlich die vom Geist des Marxismus

beeinflußte Arbeiterbewegung. »Mit uns der Sieg!« ist ihr Leitmotiv, ist

das Gefühl: »Wir werden doch siegen! Wir vertreten die Sache der

Zukunft!« Die Ignorierung der Grenzen für die Macht des Willens aber ist

der verhängnisvolle Rechenfehler in der Politik des Bolschewismus. Er

erklärt ihre vielen wirtschaftspolitischen Fehlgriffe, die sie ja einen

nach dem anderen genötigt worden sind einzugestehen. Die

bolschewistische Politik ist eine fortgesetzte stümpernde

Experimentiererei. Eine ganze Literatur hat dafür erdrückende Beweise

erbracht. Gewiß findet man in den Erlassen und Entwürfen der

Bolschewisten vielerlei Bestechendes: großartige Pläne in bezug auf das

Erziehungswesen und die soziale Fürsorge, in bezug auf die Organisierung

der Produktion und Zirkulation, in bezug auf die Hebung und Verwertung

der Erdschätze und ähnliches mehr. Aber dergleichen ist auch sonst in

der Literatur des Sozialismus zu finden. Die Literatur der

sozialistischen Utopisten aus dem 18. und dem Anfang des

19. Jahrhunderts ist voll von oft großartigen Gedanken und sinnreichen

Entwürfen. Außerordentlich viel Geist und Intelligenz ist da

verschleudert, vieles auf dem Papier ausgezeichnet ausgedacht! Manches

hat auch im Laufe der Zeit Verwirklichung gefunden, wenn auch nicht in

dem Umfange und in der Art und Weise, wie die spekulierenden Verfasser

es sich gedacht hatten.

Für die Pläne der Bolschewisten fehlen aber in Rußland heute so ziemlich

alle Vorbedingungen, und zwar haben sie sie infolge ihrer Ignorierung

der geistigen Notwendigkeiten zum Teil selbst zerstört. So haben sie,

als sie zur Herrschaft kamen, die Arbeiter ermuntert, sich praktisch zu

Herren der Fabriken aufzuwerfen, aber ohne daß diese die ökonomische

Verantwortung übernahmen. Und das Resultat? Die Fabrikanten hielten es

nicht aus und die Fabriken gingen zugrunde! Die Arbeiter waren einfach

nicht imstande, sie selbständig zu leiten, sie waren nicht Unternehmer

und wollten es auch nicht sein. Mehr noch. Ein Teil der Arbeiter -- und

merkwürdig: gerade ein großer Teil der gelernten Arbeiter -- gingen

gleichfalls davon. In den eigenen Veröffentlichungen der Bolschewisten

kann man es lesen, daß ein großer Prozentsatz der gelernten Arbeiter

geradezu aus den Fabriken geflohen sind und auf das Land sich begeben

haben, um als Kleinhandwerker ihr Leben zu fristen.

Im Laufe von vier Jahren bolschewistischer Herrschaft sind die Städte

Rußlands um über ein Viertel in der Bevölkerungszahl gesunken, und auf

dem Lande gehen die Erträge des Bodens immer mehr zurück. Von der

Diktatur des Proletariats, die kaum formal noch besteht, ist man

gekommen zur faktischen Knechtung des Proletariats, und von der

»Erwürgung«, um mit Bucharin zu reden, der kapitalistischen Unternehmer

zur Züchtung einer Bureaukratie, wie sie kaum ein zweites Land in

gleichem Verhältnis im Staat und in der Industrie aufzuweisen hat.

Ich will mich darüber nicht ins einzelne verlieren. Es ist nicht meine

Absicht, den Bolschewisten Übles nachzusagen, ich behandle nur die

Fehler des Bolschewismus, weil seine Doktrin und Methoden heute wichtige

Streitfragen des Sozialismus sind. Die Tatsachen aber, die ich

summarisch hervorhebe, findet man in der bolschewistischen Literatur

selbst hervorgehoben, sie bilden dort den Gegenstand lebhafter

Diskussionen, weil man die Konsequenzen fürchtet. Bekannt ist ferner,

daß die Bolschewisten neue Kapitalisten geschaffen haben und

fremdländische ins Land ziehen. Sie sind einfach mit all ihrer

politischen Macht nicht Herren der Dinge. Eines können sie freilich;

gestützt auf ihre Garden können sie unterdrücken und knebeln, wo es

ihnen gefällt. Der Terrorismus wird noch ungeschwächt geübt. Aber das

verstanden auch die asiatischen Despoten und die afrikanischen Sultane.

Das Elend in Rußland wächst beständig, die Unterdrückung aller

politischen Freiheit dauert fort. Es kann kein sozialistisches Blatt

anderer Richtung erscheinen, die bürgerlichen Blätter gar nicht, nur

bolschewistische Blätter werden geduldet. Es gibt auch für

Andersdenkende keine Versammlungsfreiheit. Ertötet ist die freie

wirtschaftliche Schaffenskraft, die für Rußland einfach eine

Notwendigkeit ist, wenn es sich einigermaßen erholen soll.

Ein merkwürdiges Stück Wiederholung der altzarischen Despotie. Von

Nikolaus I., der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts lebte und der

Hort der europäischen Reaktion war, wird erzählt, daß er, als die

Eisenbahnen aufkamen und er nun auch eine solche von Moskau nach

Petersburg haben wollte, sich eine Karte kommen ließ und einen geraden

Strich zog: So wird die Eisenbahn gebaut! Sie heißt noch jetzt die

Nikolai-Eisenbahn. Natürlich hat sie furchtbar viel gekostet. Die

Bodenverhältnisse, Sümpfe usw. waren von ihm ignoriert worden, und wie

es der Zar gewollt hatte, so mußte es gemacht werden. -- Ein Stück von

diesem Geist steckt auch in N. Uljanow Lenin. Die Folge ist zunehmende

wirtschaftliche Zerrüttung.

Überall, wo kein geordnetes Rechtsverhältnis besteht, wo Unsicherheit

in bezug auf das Recht herrscht, wo man heute nicht weiß, welche Gesetze

morgen in Geltung sind, da findet eine Verwüstung statt. Und was wir

heute von Rußland hören, von jener entsetzlichen Hungersnot ganzer

Millionen, ist zum Teil gleichfalls eine Folge dieser Experimentiererei.

Allerdings unmittelbar verursacht durch ein Naturereignis, über das die

Menschheit bis jetzt noch keine Gewalt hat: die ungeheure Dürre. Aber

man darf nicht vergessen, daß selbst gegen die Dürre der Mensch trotzdem

nicht ganz wehrlos ist. Wo der Boden hinreichend gedüngt und intensiv

bearbeitet ist, da ist er gegen die Dürre widerstandsfähiger als dort,

wo es ihm an Dung fehlt und die Bearbeitung nur oberflächlich ist. Wo

aber ein Volk, und besonders ein landbauendes Volk (Rußland ist ja

überwiegend Bauernland), wo Bauern die Gewißheit nicht haben, daß sie

ihren Boden behalten, daß ihnen die Ernte verbleibt, bauen sie eben

oberflächlich, legen sie nichts hinein in den Boden. Infolge dieser

Tatsache ist z. B. Kleinasien, das früher einmal geradezu ein Paradies

an Fruchtbarkeit gewesen ist, gerade an der westlichen Seite, unter der

Willkürherrschaft der türkischen Paschas und unter dem willkürlichen

türkischen Steuersystem, der Naturalsteuer, zu großen Teilen versandet.

Und leider haben wir ein gleiches Bild in Rußland. In fürchterlicher

Weise offenbaren sich die Folgen der Verkennung wirtschaftlicher

Gesetze, der materiellen und geistigen, beziehungsweise seelischen

Bedingungen des Wirtschaftslebens und der Funktionen der

Wirtschaftsträger auf einem gewissen Stande der Entwicklung. Man hat es

geschehen lassen, daß die großen Güter, die zum Teil sehr rationell

bewirtschaftet wurden und große Überschüsse an Produkten lieferten,

unter die Bauern aufgeteilt wurden. Was war die Folge? Die Überschüsse

haben aufgehört. Nun kann man nicht für alles das System, die Partei

verantwortlich machen. In der Revolution geschehen auch viele Dinge

gegen den Willen der Revolutionäre selbst. Aber um die unvermeidlichen

Auswüchse auf das möglichst geringe Maß herabzusetzen und möglichst bald

zu Zuständen zu gelangen, die dem Bedürfnis der Wiederherstellung des

Wirtschaftslebens entsprachen, war das Zusammenwirken aller geboten, die

sich auf den Boden des Rechtszustandes stellten, den die Revolution des

Februar 1917 geschaffen hatte. Daß man das Gegenteil in dem Wahn

herbeiführte, es komme nur darauf an, die Gewalt zu haben, um dann --

wie Bucharin sagte --, wenn die ganze bürgerliche Volkswirtschaft

»erwürgt« war, von neuem anzufangen, das konnte nur solche Zerrüttungen

zur Folge haben. So darf es ein Kind machen, das mit seinem Baukasten

spielt. Aber die Idee, so mit den Daseinsbedingungen eines Volkes von

Millionen und Abermillionen umgehen zu können, ist Zäsarenwahnsinn,

gleichviel ob von einem gekrönten Machthaber oder von Revolutionären. Er

konnte bei den Bolschewisten nur Boden fassen, weil der Grundgedanke

ihrer Doktrin ein durchaus falsch ausgelegter, maßlos vergröberter

Marxismus ist.

Hierzu ist noch folgendes zu sagen:

Der Bolschewismus hat viele Kritiker gefunden, und es lag nahe, einige

davon zu zitieren. Um indes mir nicht den Vorwurf der Parteilichkeit

zuzuziehen, habe ich an dieser Stelle davon Abstand genommen. Nur einer

Arbeit glaube ich gedenken zu sollen. Es ist das Schriftchen von

N. Gefimoff »Zur Soziologie des Bolschewismus« (Berlin, Verlag

Freiheit). Der Verfasser, ein Russe, der die ersten Jahre der Herrschaft

der Bolschewisten im einstigen Zarenreich mit durchlebt hat, weist den

inneren Zusammenhang des Bolschewismus mit der Bewegung der

revolutionären Terroristen des zarischen Rußland nach, die eine Bewegung

nicht der Arbeiterklasse, sondern von klassenlosen Intellektuellen war

und deren Tendenz, einander im Radikalismus zu überbieten, sich aus den

politischen Zuständen Rußlands begreift. Auf diese Weise konnte es

geschehen, daß die nach Rußland gelangte Marxsche Lehre eine so -- man

muß sagen, _brutale_ Ausdeutung erfuhr.

In der Tat ist der Bolschewismus eine spezifisch russische Erscheinung,

zu verstehen aus den Verhältnissen, die in Rußland lange geherrscht

haben, wo unter einem absolutistischen Regime die größten Zwangsmittel

der Unterdrückung üblich gewesen sind. Zu verstehen ist sie, aber darum

noch durchaus nicht nachahmenswert. Sie ist das Beispiel der

verderblichen Wirkungen eines verhängnisvollen Fehlers im Denken, der

sich äußert im Glauben an die Allmacht der rohen Gewalt, in der

Verkennung der fundamentalen Gesetze des gesellschaftlichen Daseins und

in der Mißachtung des organischen Prinzips in der Entwicklung der aus

der Wildheit herausgetretenen menschlichen Gesellschaften.

Neuntes Kapitel.

Die nächsten möglichen Verwirklichungen des Sozialismus.

Dem Schreiber dieses wird der Ausspruch nachgesagt: »Das Endziel ist

nichts, die Bewegung alles!« Es ist mir jedoch nicht eingefallen, einen

so begriffslosen Satz aufzustellen. In Wirklichkeit habe ich seinerzeit

(im Frühjahr 1898) in einer Antwort auf den Vorwurf, daß in meinen

Aufsätzen fast nie vom Endziel des Sozialismus die Rede sei, erwidert,

ich habe für das, was man gemeinhin »Endziel des Sozialismus« nenne,

außerordentlich wenig Sinn und Interesse. Dieses Ziel, was immer es sei,

sei mir nichts, die Bewegung alles. Ich bekannte ein persönliches

Uninteresse, war aber weit davon entfernt, einen Allgemeingültigkeit

beanspruchenden objektiven Leitsatz aufzustellen.

Der Ausspruch wurde aber so aufgefaßt und gab Anlaß zu einem gewissen

Lärm. Welche bestimmten Umstände dies bewirkt hatten, kann hier

unerörtert bleiben. Soviel aber sei bemerkt, daß unter anderen

Verhältnissen, als sie damals obwalteten, kaum jemand sich über ihn

aufgehalten hätte. Denn in der Sache sagte er nichts wesentlich anderes,

als was in den Sätzen ausgesprochen ist, die Marx im Jahre 1871 der von

ihm verfaßten Ansprache des Generalrats der Internationalen

Arbeiterassoziation über den Bürgerkrieg in Frankreich einverleibte:

»Die Arbeiterklasse ... hat keine fix und fertigen Utopien durch

Volksbeschluß einzuführen. Sie weiß, daß, um ihre eigene Befreiung und

mit ihr jene höhere Lebensform hervorzuarbeiten, der die gegenwärtige

Gesellschaft durch ihre eigene ökonomische Entwicklung unwiderstehlich

entgegenstrebt, daß sie, die Arbeiterklasse, lange Kämpfe, eine ganze

Reihe geschichtlicher Prozesse durchzumachen hat, durch welche die

Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt werden ... Sie hat nur

die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich

bereits im Schoße der zusammenbrechenden Bourgeoisiegesellschaft

entwickelt haben.«

Bei mir folgte dem zitierten Ausspruch der Zusatz: »Und unter Bewegung

verstehe ich sowohl die allgemeine Bewegung der Gesellschaft, das heißt

den sozialen Fortschritt, wie die politische und wirtschaftliche

Agitation und Organisation zur Bewirkung dieses Fortschritts.«

Es wäre nun abgeschmackt, den Eindruck erwecken zu wollen, daß zwischen

dem Sinn des Marxschen Ausspruchs und meiner Bemerkung überhaupt kein

Unterschied von Bedeutung sei. Ein solcher ist unbestreitbar vorhanden.

Er besteht darin, daß Marx die angezeigte neue Gesellschaft schneller

kommen, den Zusammenbruch der alten rascher sich vollziehen sah, als

ich, und in dieser Annahme eine andere Sprache führte. Aber der Gedanke,

daß die Bewegung und die sich aus ihr ergebenden Kämpfe das

entscheidende seien und auf sie alles ankomme, ist auch bei ihm das

Leitmotiv.

Seit Marx die vorgenannte Schrift verfaßt hat, ist ein gutes halbes

Jahrhundert verflossen, und es kann die Frage aufgeworfen werden, ob er

nicht doch geglaubt hat, daß es mit dem völligen Zusammenbruch der alten

Gesellschaft nicht so lange dauern werde. Manches spricht dafür, und

jedenfalls ist die Frage um der richtigen Beurteilung verschiedener

Marxscher Aussprüche willen, die jener Periode seines Lebens angehören,

der Untersuchung wert. Für unsere Betrachtung aber genügt die

Feststellung der Tatsache, daß der Begründer des wissenschaftlichen

Sozialismus hier unverblümt erklärt, die kommende neue Gesellschaft

werde nur das Ergebnis »einer _ganzen Reihe geschichtlicher Prozesse_

sein, durch welche die _Menschen_ +wie+ die _Umstände gänzlich umgewandelt_

werden«.

Als Marx sein Hauptwerk, das »Kapital«, schrieb, befand sich die

europäische Welt politisch wie wirtschaftlich im Fahrwasser des

demokratisch gerichteten Liberalismus. Die Verfassungen wurden in seinem

Sinne reformiert, die Einengungen der Presse und des Vereinsrechts

gemildert oder aufgehoben, die Wahlrechte zu den Parlamenten erweitert.

In England hatte der Freihandel gesiegt und schien von da aus seinen

Siegeslauf durch die ganze kapitalistische Welt antreten zu wollen.

Zollsätze wurden herabgesetzt und Handelsverträge mit der Klausel der

Meistbegünstigung geschlossen, die eine Vorstufe zum vollen Freihandel

darstellten. Die erwartete Ära des Weltfriedens wurde freilich durch die

drei deutschen Kriege arg beeinträchtigt, aber die von ihnen bewirkte

Schädigung des Wirtschaftslebens nicht allzu tief empfunden. Die

kapitalistische Produktion machte Zeiten der Krise durch, blieb aber in

aufsteigender Entwicklung; der Reichtum der kapitalistischen Länder

wuchs, der Weltverkehr in Gütern nahm steigend zu, die Städte und

Industriezentren dehnten sich aus, die Industrie- und Handelsunternehmungen

vergrößerten sich, und in Zusammenhang damit nahm auch die industrielle

Arbeiterschaft, das Proletariat, bedeutend an Zahl zu. Die liberale

Epoche kam aber mit Ende der siebziger Jahre, um die Zeit, da Marx durch

Krankheit gezwungen wurde, die Feder aus der Hand zu legen, zum Stocken.

Eine Welle schutzzöllnerischer Reaktion flutete über die Welt und zog

kolonialpolitische Strebungen imperialistischer Natur nach sich; die

Beziehungen zwischen den Großmächten erfuhren eine Wendung zum

schlechteren, die Bildung von Mächtekoalitionen begann und mit ihr eine

Ära des Wettrüstens zu Wasser und zu Lande. Zu gleicher Zeit aber nahm

die Arbeiterbewegung einen neuen Aufschwung, die sozialistische

Internationale ward wieder ins Leben gerufen und übertraf in

verhältnismäßig kurzer Zeit die alte Internationale in bezug auf Zahl

der angeschlossenen Länder und innere Stärke ihrer Landessektionen.

Unter dem Einfluß all dieser Vorgänge erhielt die Welt der Länder

moderner Entwicklung eine andere Physiognomie, als Marx sie gekannt

hatte und voraussehen konnte. Eine geistige Reaktion in bezug auf die

Beurteilung der Völkerbeziehungen und die Sicherheit im Innern

bemächtigte sich der bürgerlichen Klassen. Sie wagten nicht den Krieg zu

wollen und glaubten immer weniger an die dauernde Erhaltung des

Friedens. Sie hatten nach dem Mißerfolg des Bismarckschen

Ausnahmegesetzes gegen die Sozialdemokratie den Glauben an die

Möglichkeit der Niederhaltung dieser durch Gewaltmittel eingebüßt und

sahen sich doch der wachsenden Arbeiterbewegung gegenüber in die

Verteidigungslinie gedrängt. In Deutschland war die Wirkung eine

zunehmend schwächere Haltung des Bürgertums der Regierung gegenüber, und

immer neue Versuche dieser, durch gesetzgeberische Zugeständnisse an die

Arbeiter diese der Sozialdemokratie abtrünnig zu machen, was aber nicht

gelang. Das Hauptstück der Zugeständnisse, die von Bismarck eingeleitete

Arbeiterversicherung, hatte vielmehr die entgegengesetzte Wirkung. Sie

gab den Arbeitern materiell zu wenig, um sie zu befriedigen, trieb aber

in ihren sozialen Konsequenzen weit über das von Bismarck Gewollte

hinaus. Sie schuf in den Organen der Versicherung (Krankenkassen,

Beiräte der Unfallversicherung und der Invalidenversicherung) eine

Beamtenschaft der Arbeiterklasse, die dieser im Laufe der Zeit für

Organisations- und Vertretungszwecke anderer Natur eine große Fülle

sachkundiger Persönlichkeiten zur Verfügung stellten. In der gleichen

Richtung wirkten die Gewerbegerichte durch das Institut der Beisitzer

aus der Arbeiterschaft. Unterstützt durch diese Einrichtungen breiteten

sich in Deutschland die Gewerkschaften der Arbeiter im letzten Jahrzehnt

des neunzehnten und weiter im zwanzigsten Jahrhundert in ungeahnter

Weise aus, so daß sie schließlich die englischen Gewerkschaften an Zahl

der Mitglieder nahezu erreichten, an innerer Durchbildung und

wirkungsvoller Zusammenfassung der Kräfte aber noch übertrafen.

Parallel damit wuchs die politische Organisation der Arbeiterklasse und

ihre Presse, und mehrte sich die Zahl ihrer Vertreter in den staatlichen

und örtlichen Parlamenten. Ein Netz von gesetzlichen und freien

Vertretungen der Arbeiter überzog das Land, jede Stadt von irgendwelcher

Bedeutung erhielt ein von der Arbeiterbewegung selbst geschaffenes und

unterhaltenes Volks- oder Gewerkschaftshaus als Sammelpunkt und ein

Arbeitersekretariat, wo der Arbeiter Auskunft über die ihn

betreffenden Sozialgesetze erhielt, zugleich aber auch durch die Natur

der Dinge auf die politischen und wirtschaftlichen Organisationen seiner

Klasse aufmerksam gemacht wurde. Das neue Jahrhundert sah

außerdem eine bedeutungsvolle Ausbreitung und Stärkung der

Arbeiterkonsumgenossenschaften, deren Leiter und Angestellte das Heer

der Beamten der Arbeiterschaft noch wesentlich vermehrten.

Auf der anderen Seite waren aber auch die Unternehmer nicht

unorganisiert geblieben. Auf rein wirtschaftlichem Gebiete waren in

allen Industrien Kartelle und Syndikate gegründet worden, um dem Druck

der Konkurrenz auf die Preise Grenzen zu setzen, und in vielen Fällen

auch dazu übergegangen, bei eingetretener oder drohender Überproduktion

produktionsregulierend zu wirken, d. h. zeitweilig die Produktion

systemgemäß einzuschränken. Ein noch engerer Zusammenschluß von

kapitalistischen Unternehmungen fand in Gestalt von trustartigen

Verbindungen und Fusionen oder Konzernen der großen Industrie statt. Zum

Widerstand gegen die Gewerkschaften und sonstigen Koalitionen der

Arbeiter wiederum waren Unternehmer- bzw. Arbeitgeberverbände geschaffen

worden, deren Zahl schließlich so groß war, daß die von ihnen

vertretenen Unternehmungen erheblich mehr Arbeiter beschäftigten, als

gewerkschaftlich organisiert waren. Trotz ihrer Zahl und finanziellen

Macht war ihre Widerstandskraft den Arbeitern gegenüber aber doch

begrenzt. Es wuchs die Zahl der Fälle, wo sie es für klüger hielten, mit

den organisierten Arbeitern Tarifverträge abzuschließen, statt ihnen

einseitig die Löhne diktieren zu wollen, und in der Statistik der

Gewerkschaften ist die Zahl der Fälle, wo Lohn- usw. Bewegungen ohne

Zuhilfenahme von Streiks oder Aussperrungen zu Tarifabmachungen führen,

erheblich größer als die Zahl der Fälle, wo es zum Messen der Kräfte im

gewerblichen Kampf kommt.

So stellte sich in Deutschland am Vorabend des Krieges das soziale Bild

der Industrie in verschiedenen Punkten wesentlich anders dar, als Marx

es in »Das Kapital« vorausgezeichnet hatte. In dessen Kapitel

»Geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation« hatte es bei

ihm geheißen:

»Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle

Vorteile dieses Umwandlungsprozesses [die Konzentration der

Unternehmungen. Ed. B.] usurpieren und monopolisieren, wächst die

Masse des Elends, des Druckes, der Degradation, der Ausbeutung, aber

auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus

des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten

und organisierten Arbeiterklasse.«

In Wirklichkeit war die Zahl der Kapitalmagnaten trotz der starken

Konzentrationsbewegung der Wirtschaftsunternehmungen noch beständig

gestiegen. So hatte in Preußen -- eine Reichsstatistik gibt es bis jetzt

darüber nicht -- die Zahl der Zensiten mit über einer halben Million

Vermögen in der Zeit von 1895, dem Jahr der ersten Aufstellung einer

Vermögensstatistik, bis 1914 um mehr als 50 Proz. _zugenommen_, und noch

stärker hatte sich die Schicht der obersten Einkommensklassen vermehrt.

Aber auch die Schicht der mittleren Einkommensklassen war stärker

angewachsen als die Gesamtbevölkerung, und wenn die erreichte Lage der

Arbeiterklasse auch noch viel zu wünschen übrig ließ, so war sie doch

wirtschaftlich und sozialrechtlich eine bessere, als etwa zur Zeit, wo

Marx jene Zeilen geschrieben hatte. Große Kategorien von Arbeitern

hatten den neunstündigen Arbeitstag errungen und wenige arbeiteten mehr

als zehn Stunden. Das Lohneinkommen war dem Nennwert nach erheblich, der

Kaufkraft nach weniger, aber immerhin nicht unwesentlich über die

vormalige Höhe gestiegen. Gewerbeordnung, Gewerbegerichte, Tarifverträge

bzw. Tarifämter, die Versicherungsgesetze, öffentliche und

freigewerkschaftliche Arbeitsvermittelung und verwandte Einrichtungen

hatten in Verbindung mit dem Koalitionsrecht dahin gewirkt, daß, statt

Degradation, eine Hebung der rechtlichen Stellung des Arbeiters dem

Unternehmer und dessen Beamten gegenüber eingetreten war. Elend war in

bestimmten Schichten der Arbeiterwelt noch da, aber es hatte nicht

zugenommen. Zeichen sind dafür unter anderem die Zunahme des Verbrauchs

an Brotfrüchten und verschiedenen Genußmitteln sowie Textilwaren auf den

Kopf der Bevölkerung; ferner der Rückgang der Sterbeziffern und die

erhebliche Zunahme der Eheschließungen. Mit dieser letzteren ging

freilich Hand in Hand eine kontinuierliche Abnahme der Geburten. Indes

auch sie ist, wie jedem Sachkundigen der Bevölkerungswissenschaft

bekannt, ein Zeichen abnehmender Massenarmut. Die Zunahme der

Eheschließungen in der Epoche des vorgeschrittenen Kapitalismus

widerlegte die gleichfalls von Sozialisten aus den Erscheinungen der

Epoche der aufkommenden kapitalistischen Produktion abgeleitete

Folgerung, daß der Kapitalismus zur völligen Auflösung der Familie im

Proletariat führe.

Allerdings hatte der Mechanismus des kapitalistischen

Produktionsprozesses diese Wirkungen nicht etwa selbsttätig

herbeigeführt. Wohl war auch er nicht ganz unbeteiligt daran, in

verschiedener Hinsicht hatte er ökonomische Vorbedingungen der sozialen

Verbesserung geschaffen. Wie aber schon aus der obigen Aufzählung

ersichtlich, war die Verbesserung selbst zum größten Teil Frucht

_sozialer_ Gegenaktion, einerseits der Gesetzgebung und Verwaltung, auf

welche die Arbeiter in immer stärkerem Maße mittels politischen Drucks

einwirkten, und andererseits der direkten Aktion der wirtschaftlichen

Organisationen der Arbeiter selbst. Welches immer aber auch die Kräfte

waren, die das Bild anders gestaltet hatten, es war in bezug auf

Klassengliederung und soziale Lage der Klassen nicht das, was Marx

vorgezeichnet hatte. Und wenn, um Marx in kein falsches Licht zu

stellen, bemerkt werden muß, daß dieser eben nur eine _Tendenz_

gekennzeichnet hatte, was schon einschloß, daß die Wirklichkeit eine

abweichende Entwicklung herbeiführen konnte, so war die Abweichung eben

Tatsache und damit schon angezeigt, daß auch die weitere Entwicklung

sich nicht nach jenem Schema gestalten werde.

Dazu kam noch, daß auf dem Lande die Entwicklung der Klassen sich

überhaupt in anderer Richtung vollzogen hatte, als in Industrie, Handel

und Verkehr. Hier war von einer Aufsaugung der mittleren und kleinen

Unternehmungen durch die großen ganz und gar nichts zu verspüren. Sie

legten im Gegenteil eine größere Zähigkeit als diese an den Tag. Auch

dies wieder in hohem Grade durch Nutzbarmachung sozialer Gegenmittel,

von denen in erster Reihe das sehr ausgebildete ländliche

Genossenschaftswesen zu nennen ist, dessen volle Ausnutzung dem

mittleren und kleinen Bauern fast alle technischen Vorteile zugängig

macht, die dem mit beträchtlichem Kapital ausgerüsteten

Großgrundbesitzer zur Verfügung stehen. Es sind aber noch andere, in der

Produktion selber liegende Momente, welche für die Landwirtschaft eine

andere Entwicklung der Betriebsgrößen zur Folge haben, als sie in der

Industrie vor sich geht. Es sei davon nur der bedeutungsvolle Umstand

erwähnt, daß die landwirtschaftliche Produktion wesentlich _organische_,

auf die Zucht von Tier und Pflanze gerichtete, und nicht _mechanische_,

totes Material bearbeitende Produktion ist.

Der Krieg hat an diesem sozialen Entwicklungsgang grundsätzlich nichts

geändert. Er brachte zeitweilig ungeheure Verschiebungen in den

Beschäftigungen der Klassen und Geschlechter mit sich. Für die Millionen

männlicher Personen, die im Feld, in der Etappe und als Garnison in

besetzten Gebieten gebraucht wurden, mußten weibliche Personen die in

Industrie, Handel und Verkehr eingetretenen Lücken ausfüllen; die

Berufstätigkeit der Frau erhielt eine bedeutende Erweiterung. Die

Industrie wurde veranlaßt, ihre Produktion dem Kriegsbedürfnis

anzupassen. Für die Fabrikation von Geschützen, Munition und

Sprengstoffen wurden die bestehenden Werke vergrößert, neue hinzugebaut

und viele Fabriken, die vordem Fabrikate ganz anderer Natur hergestellt

hatten, auf die Produktion von solchem Kriegsmaterial umgestellt. Ferner

wurde der Handel in Nahrungsmitteln und anderen wichtigen Bedarfsgütern

aus Gründen der durch die Abschneidung der Zufuhren notwendig gewordenen

Einschränkung des Verbrauchs unter öffentliche Kontrolle gestellt, zu

welchem Zweck Zentralstellen für die verschiedenen Bedarfsartikel

geschaffen wurden, die deren Abgabe an die Verbraucher regelten. Sie

ward je nachdem von einem Nachweis der Benötigung abhängig gemacht,

Artikel des täglichen Bedarfs (Brot, Fleisch, Milch usw.) wurden

rationiert und durften von den Händlern nur gegen Marken abgegeben

werden; auch wurden für sie Höchstpreise festgesetzt, über die hinaus

dem Käufer keine Bezahlung abverlangt werden sollte. Für die

Zentralisierung der Beschaffung bestimmter Fabrikate wurden unter

Förderung durch die Behörden Kriegsgesellschaften gegründet, die auf die

Produktion im Sinne der Ersparung falscher Kosten zurückwirken sollten.

Alles das zuletzt Geschilderte ist zu seiner Zeit von manchen als

sozialistisch oder Verwirklichung sozialistischer Gedanken gepriesen

worden und hat ja auch Berührungspunkte mit dem sozialistischen

Grundsatz der Regelung von Produktion und Vertrieb unter dem

Gesichtspunkt des Gemeinschaftsinteresses und der höchsten

Wirtschaftlichkeit. Aber solche Art Zusammenfassung der Mittel und

Unterordnung von Produktion und Handel unter das augenblickliche

Interesse des großen Ganzen hat es schon oft in Kriegszeiten gegeben,

und wenn man sie Sozialismus nennen will, dann wäre diese Art

Sozialismus ziemlich so alt wie überhaupt der Krieg. Man hat sie

Kriegssozialismus getauft, und in einer Hinsicht nicht ohne

Berechtigung, indem sie nämlich den Krieg nicht überdauert hat. Das hat

sie früher nicht getan, und ist in Deutschland auch diesmal nicht der

Fall gewesen. Und zwar ist hier gerade das am schnellsten in Wegfall

gekommen, was am meisten des Erhaltens wert war: der Schutz der

Verbraucher gegen Überwucherung. Allerdings hatte er schon in den

letzten Kriegsjahren an Wirksamkeit stark eingebüßt. Für viele Artikel

war die Festsetzung von Höchstpreisen jedesmal das Signal gewesen, daß

sie aus der öffentlichen Auslage der Händler verschwanden und nur noch

hinten herum -- im »Schleichhandel« -- zu Wucherpreisen zu

erhalten waren. In der ersten Zeit sorgte der über die Gemüter

gekommene patriotische Rausch dafür, daß die meisten sich den im

Allgemeininteresse notwendig gewordenen Bestimmungen willig fügten. Als

er aber nachließ, gewann Schritt für Schritt die Wucherei und ihre

Unterstützung durch die Gedankenlosigkeit der einen und die

Grundsatzlosigkeit der anderen so sehr die Oberhand, daß zuletzt es für

Narretei galt, nicht Preise zu fordern, wie die zahlungsfähigen Käufer

sie sich noch gefallen lassen würden, und nicht sich so zu ernähren, wie

es einem die Mittel erlaubten. Die soziale Moral war schon stark

erschüttert, als mit dem Zusammenbruch seiner Armee auch das Kaisertum

selbst zusammenbrach.

Die Revolution konnte das weitere Umsichgreifen des eingerissenen Übels

nur zeitweilig aufhalten. Noch hatten ihre natürlichen Widersacher, die

Reaktionäre der verschiedenen Grade, sich von dem sie lähmenden

Schrecken nicht erholt, da boten schon die von der bolschewistischen

Regierung Rußlands in größtem Umfange mit Geld und anderen

Propagandamitteln ausgestatteten Agitatoren für die Rätediktatur alle

Kräfte auf, das Ansehen der jungen Republik im Volk zu untergraben. Von

der großen Mehrheit derjenigen, welche die im Jahre 1919 an den

verschiedenen Orten Deutschlands in Szene gesetzten Aufstände als

Kämpfer mitmachten, darf man wohl sagen: sie wußten nicht, was sie

taten. Daß die Unterwerfung Deutschlands unter die Gebote einer

Rätediktatur eine platte Unmöglichkeit war, hätte sich jeder sagen

können, der dessen ökonomische Lage und soziale Gliederung nur

einigermaßen kannte. Woran das ganz überwiegend agrarische Rußland

zugrunde gerichtet wurde, das hätte das so hoch entwickelte industrielle

Deutschland noch weniger ausgehalten. Der höher ausgebildete Organismus

ist gegenüber Eingriffen der Gewalt in sein funktionelles Leben viel

empfindlicher als der tieferstehende. Immerhin wird man als Sozialist es

bedauern müssen, daß die Periode der Regierung durch den Rat der

Volksbeauftragten, die ja doch der Sache nach gleichfalls eine Regierung

der Diktatur war, wenn auch, zu ihrer Ehre sei es gesagt, einer

freiheitlichen, durchaus human und weitherzig gehandhabten Diktatur, in

wirtschaftspolitischer Hinsicht nicht wirksamer ausgenutzt worden ist.

Man hätte z. B. ohne nennenswerten Widerspruch aus den bürgerlichen

Klassen, die froh genug waren, daß es ihnen von seiten der zur

Herrschaft gelangten Arbeiterklasse nicht an den Kragen ging, und ohne

Schaden für die Volkswirtschaft ein viel weitergehendes Anrecht des

Staates am Boden und den Bodenschätzen durch Verfügung festlegen können,

als es tatsächlich geschehen ist. Aber in die Notwendigkeit gedrängt,

die Republik gegen die gewalttätigen Anstürme von links verteidigen zu

müssen, mit den vielen, keinen Aufschub duldenden Aufgaben belastet, die

ihr aus den Sorgen für die Unterbringung und Auflösung des

zurückflutenden Millionenheeres, den unsicheren Zuständen im Osten und

Nordosten, den Waffenstillstandsforderungen der Siegermächte und vielen

inneren Verwaltungsangelegenheiten erwuchsen, kam sie innerhalb jener

knapp drei Monate währenden Epoche um so weniger zur Beratung und

Ausarbeitung der für eine solche, in Rechte verschiedenster Art

eingreifenden Verordnung, als über die Abgrenzung der Rechte der

Gesamtrepublik und der Republiken gewordenen Einzelstaaten noch

weitgehende Meinungsverschiedenheiten herrschten und der Regelung durch

die verfassunggebende Nationalversammlung harrten.

Außerdem war sie gerade in bezug auf die Fragen der Umwandlung von

privatem in öffentliches Eigentum in ihren Entschlüssen nicht frei. Nach

dem ganzen Gebahren der Siegermächte dem besiegten Deutschland gegenüber

mußte mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß diese sich im

Friedensvertrag für bestimmte Fälle ein Recht der Beschlagnahme

öffentlichen Eigentums vorbehalten würden, und in der Tat ist das im

Versailler Friedensdiktat geschehen. Gleich der erste Artikel des

Abschnitts, der die Finanzfragen behandelt -- Artikel 248 --, setzt

fest, daß die aus dem Diktat den Alliierten zugesprochenen Ansprüche an

Deutschland als »erste Last auf allen Vermögenswerten und

Einnahmequellen Deutschlands und der deutschen Bundesstaaten« haften.

Mit dem Zusammentritt der am 19. Januar 1919 gewählten

Nationalversammlung nahm die Regierung des ausschließlich aus

Sozialdemokraten bestehenden Rats der Volksbeauftragten ihr Ende. Nach

Annahme eines Gesetzes über die vorläufige Reichsgewalt wählte die

Nationalversammlung zwar am 10. Februar 1919 mit 277 von 379 Stimmen den

Sozialdemokraten Fritz Ebert zum Präsidenten der deutschen Republik, das

erste Kabinett aber war eine Koalitionsregierung aus 7 Sozialdemokraten,

3 Mitgliedern der Zentrumspartei, 3 Mitgliedern der Demokratischen

Partei und einem der Demokratischen Partei nahestehenden parteilosen

Minister. Von da ab hat Deutschland nur Koalitionsregierungen gehabt,

die mit Ausnahme der Periode vom Juni 1920 bis Juni 1921, wo die

Regierung ausschließlich aus Vertretern bürgerlicher Parteien bestand,

aus sozialdemokratischen und bürgerlichen Ministern zusammengesetzt

waren. Es ist nicht undenkbar, aber nicht sehr wahrscheinlich, daß die

Wahlen der nächsten Jahre eine Mehrheit von Sozialdemokraten in den

Reichstag bringen werden. Die Wahlen vom Juni 1920 zum ersten Reichstag

der Deutschen Republik haben im Gegenteil eine relative Abnahme der

sozialistischen im Verhältnis zu den bürgerlichen Stimmen ergeben.

Während bei den Wahlen zur Nationalversammlung 13827000 sozialistische

gegen 16574000 bürgerliche Stimmen abgegeben worden waren, war nun das

Verhältnis 10952000 sozialistische gegen 15065000 bürgerliche Stimmen.

Von nahezu 45,50 vom Hundert war der Anteil der sozialistischen Stimmen

auf 42,1 vom Hundert zurückgegangen.

Da die stärkste der sozialistischen Parteien in Deutschland, die

Sozialdemokratische Partei Deutschlands, kürzer Partei der

Mehrheitssozialisten genannt, sich auf den Boden der Regierung durch die

auf Grund allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts der erwachsenen

Bevölkerung gewählte Volksvertretung gestellt hat, wird, solange jenes

Stimmenverhältnis obwaltet, auf dem Wege der Gesetzgebung nur soviel

Sozialismus zu verwirklichen sein, für wieviel es den Sozialisten

gelingt, auf dem Wege der Verständigung oder der Demonstration die

Zustimmung der vorgeschritteneren Elemente der bürgerlichen Parteien zu

erlangen.

Das braucht nicht notwendigerweise _wenig_ zu sein. Wie immer man sich den

vollendeten sozialistischen Zustand denkt, so kann doch niemand darüber

im Zweifel sein, daß er nicht mit einem großen Sprung erreicht werden,

sondern nur das Ergebnis einer ganzen Kette von Maßnahmen sein kann, die

in mehr oder weniger Zeit in Anspruch nehmenden Zwischenräumen zur

Durchführung gebracht werden. Das haben die großen Begründer des

wissenschaftlichen Sozialismus bei verschiedenen Gelegenheiten

anerkannt. Keine dieser Maßnahmen aber wird, keine _darf_ unverträglich

sein mit dem im betreffenden Zeitpunkt gegebenen Stand der

wirtschaftlich-sozialen Entwicklung. Ist sie es, dann wird sie eben

fehlschlagen und die Sozialisten, die sie forderten oder erzwangen, mehr

schädigen als die bürgerlichen Parteien. Für diejenigen Maßnahmen aber,

die mit dem erreichten Stand der wirtschaftlich-sozialen Entwicklung

verträglich waren, haben sich, auch wenn sie noch so stark in die Rechte

und in die Machtsphäre des Besitzes eingriffen, fast immer noch

bestimmte Flügel der nichtsozialistischen Parteien gewinnen lassen.

Es ist also ein sehr genaues Eindringen in die voraussichtlichen

Wirkungen wirtschaftlicher und sozialpolitischer Maßnahmen notwendig.

Die Zusammenstellungen sozialistischer Maßnahmen, welche Marx und Engels

bei verschiedenen Gelegenheiten -- am Schluß des Kommunistischen

Manifests, sowie als Programm der Forderungen der Kommunistischen Partei

in Deutschland nach Ausbruch der Revolution von 1848 -- für den Fall der

Besitzergreifung der politischen Macht durch die Arbeiter ausgearbeitet

haben, können heute nur mit diesem Vorbehalt in Betracht gezogen werden.

Teile von diesen Forderungen sind durch bürgerliche Bewegungen und

Parlamente zur Verwirklichung gebracht worden; andere setzen den Zustand

einer auf die Spitze getriebenen politischen Revolution und eine längst

nicht mehr bestehende Einfachheit der Verhältnisse voraus und wieder

andere bergen Probleme, deren ihre Verfasser sich nicht bewußt waren und

bei jener Einfachheit der Verhältnisse auch nicht sein konnten. Dahin

gehört zum Beispiel die Forderung des Kommunistischen Manifests:

»Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine

Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol.« Gegenüber

dem hochentwickelten und weitverzweigten Kreditsystem unserer Zeit ist

sie von einer geradezu kindlichen Simplizität. Ebenso die Forderung von

1848: »Die Hypotheken auf den Bauerngütern werden für Staatseigentum

erklärt«, wo heute die Masse dieser Hypotheken in den Händen

öffentlicher und halböffentlicher Institute (Sparkassen,

Versicherungsgesellschaft usw.) sind. Die Forderung des Kommunistischen

Manifests »Abschaffung des Erbrechts« ist von dessen Verfassern im

Programm aus der 1848er Revolution in »Beschränkung des Erbrechts«

abgetönt, und später nennt Marx sie in der Polemik gegen die Bakunisten

eine Saint-Simonistische Marotte. Mit dem Fortschritt der Gesellschaft

erhalten bestimmte Forderungen ein anderes Gesicht, muß der ihnen

zugrunde liegende Gedanke in anderer Form praktische Anwendung finden.

Es wird in der Arbeit für sozialistische Verwirklichungen eine sehr viel

ausgearbeitetere Spezialisierung notwendig. Sie läßt die Fortschritte,

die jeweilig gemacht werden können, kleiner erscheinen, als manche

früher vollzogenen, sie werden aber dafür auf bedeutend größerem Umfange

gemacht, als jene.

Nachdem durch die politischen Umwälzungen, die der Krieg im Gefolge

gehabt hat, die staatspolitischen Rechtsforderungen der Sozialdemokratie

in Deutschland und in den meisten anderen Ländern im wesentlichen zur

Verwirklichung gelangt sind, handelt es sich darum, den sozialistischen

Gedanken im Wirtschaftsleben zu immer stärkerer praktischer Anwendung zu

bringen, Bestrebungen, für die heute der Sammelbegriff _Sozialisierung_

gebraucht wird. Es liegt nahe, für ihn das deutsche Wort

Vergesellschaftung zu setzen. Dieses sagt aber nicht ganz das Gleiche.

Bei ihm denkt man fast nur an die Umwandlung von privaten Unternehmungen

oder Gruppen von solchen in öffentliches und für die Allgemeinheit

bewirtschaftetes Eigentum. Der Begriff Sozialisierung hat aber einen

weiteren Rahmen. Er findet auch Anwendung auf die Umwandlung von Rechten

auf die Unternehmung und über ihren Betrieb. Und das ist für das

vorliegende Problem von nicht geringer Bedeutung.

Für die Umwandlung von Unternehmungen oder Industrien in

gesellschaftliches Eigentum war, von örtlichen Unternehmungszweigen

abgesehen, bisher die Verstaatlichung die gebräuchlichste Form, bei der

es gleichgültig ist, ob der Staat Staat heißt oder Reich. Welche

außerökonomischen Bedenken heute in Deutschland der Verstaatlichung

entgegenstehen, ward oben dargelegt; es nehmen aber auch aus anderen

Gründen nicht nur Bourgeoisökonomen, sondern auch Sozialisten Anstand,

der Verstaatlichung als allgemein anwendbar das Wort zu reden. Man trägt

Bedenken, die Industrie der Bureaukratisierung auszuliefern und möchte

auch nicht das Staatsbeamtentum ins Unbegrenzte vermehren.

Ganz unbegründet sind diese Bedenken nicht. Was immer man der

kapitalistischen Produktion vorwerfen kann, eines bleibt unbestreitbar

und ist auch von Marx rückhaltlos anerkannt worden: sie war ein

gewaltiger Faktor des technisch-ökonomischen Fortschritts, der

Ökonomisierung von Material und Arbeit. Es wird nun bezweifelt, daß die

bureaukratisierte Produktion das gleiche leisten würde -- nicht nur,

weil bei ihr der Antrieb zu durchgreifenden Verbesserungen der Technik

nicht der gleiche ist, sondern auch weil der Wagemut des Unternehmers in

Wegfall kommt. Es ist nicht, wie man in sozialistischen Kreisen

angenommen hat, die Größe der Unternehmung, bzw. des Betriebes, die über

deren Reife zur Sozialisierung entscheidet. Marx spricht im zitierten

Kapitel seines Hauptwerks von dem »Punkt, wo die Konzentration der

Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit unverträglich

werden mit ihrer kapitalistischen Hülle«. Aber dieser Punkt ist

keineswegs in allen Produktionszweigen der gleiche. Es kommt daher

heute, wo wir diesen Dingen näher stehen, durchaus darauf an, objektive

Merkmale für die Eignung von Wirtschaftsunternehmungen zur

Sozialisierung und für die besten Formen dieser zu suchen. Manches ist

in dieser Hinsicht schon geschehen. Der aus der Praxis gekommene

Stadtbaurat Alphons Horten, der sechs Jahre Direktor im Thyssen-Konzern

und dann Leiter der großen de-Wendel-Werke war, gibt in seiner sehr

lesenswerten Schrift »Sozialisierung und Wiederaufbau« an der Hand

praktischer Erfahrung eine Klassifizierung der Unternehmungen unter dem

Gesichtspunkt der Eignung zur Sozialisierung und zeigt auf, was

geschehen kann, bei dieser die Übel der Bureaukratisierung zu vermeiden.

Maßgebend ist nach ihm die Frage, ob der in Frage kommende

Produktionszweig schon in das Stadium angelangt ist, wo die Leitung im

wesentlichen nur noch Routinewerk ist und bahnbrechende Neuerungen

unwahrscheinlich geworden sind oder nicht. Ein anderes Merkmal ist nach

der Ansicht des Schreibers dieses in der Natur des Erzeugnisses gegeben,

ob es einem großen, in weiten Kreisen gleichmäßig vorhandenen Bedürfnis

dient bzw. einen von Geschmack und Mode unabhängigen Absatz hat oder

nicht. So daß also die Industrien der ersten Bearbeitung der Rohstoffe

und die der Halbfabrikate zur Sozialisierung geeigneter erscheinen

würden als die der Fertigfabrikate, wofür auch spricht, daß sie in viel

höherem Grade der Konzentration in Großunternehmungen verfallen sind als

die letzteren. Ein Beispiel dafür liefert die Textilindustrie, wo die

Spinnerei ungleich stärker zentralisiert ist als die Weberei und

Wirkerei.

Es ist also nicht unmöglich, die Vorbedingungen für eine

wissenschaftlich-systematische Stufenfolge der Sozialisierungen zu

ermitteln, die das Problem aus der Sphäre der kritiklosen

Experimentiererei herausheben und Fehlgriffen vorbeugen würde. Das

Gleiche gilt hinsichtlich der Stufen der Sozialisierung. Es kann auf

vielen Gebieten sich als notwendig erweisen und ist auch sehr wohl

möglich, diese letztere gradweise in die Wirklichkeit umzusetzen. Worum

handelt es sich überhaupt bei ihr? Ihr Zweck läßt sich zusammenfassend

kennzeichnen als die Erzielung spezifisch wirtschaftlicher und allgemein

sozialer Wirkungen sowie die Änderung des Rechtsverhältnisses der in der

Wirtschaft tätigen Menschen. In erster Hinsicht zielt sie ab auf die

größte Produktion von materiellen Gütern unter der größtmöglichen

Ökonomie an Sachwerten und menschlicher Arbeit; in zweiter auf

die möglichst umfassende Durchführung des Grundsatzes der

Genossenschaftlichkeit im Arbeitsprozeß und bei der Regelung des

Entgelts der Arbeit sowie um die Hebung der Rechtsstellung der als

Angestellte und Arbeiter in der Wirtschaft tätigen Personen. Alle

tiefgreifenden Maßnahmen der Gesetzgebung und Verwaltung, die auf die

Verwirklichung dieser Ziele gerichtet sind, gehören zum Bereich der

Sozialisierung. Die Sachkundigen stimmen nun darin überein, und die vom

sozialistischen Rat der Volksbeauftragten zusammengesetzte

Sozialisierungskommission erklärte in ihrem ersten Bericht ausdrücklich,

sie sei

»... sich bewußt, daß die Vergesellschaftung der Produktionsmittel nur

in einem länger währenden organischen Aufbau erfolgen kann, ...«

und nachdem sie festgestellt hatte, daß die erste Voraussetzung aller

wirtschaftlichen Reorganisation die _Wiederbelebung der Produktion_ sei

und die wirtschaftliche Lage Deutschlands »gebieterisch die

Wiederaufnahme der Exportindustrie und des auswärtigen Handels«

erfordere, verkündete sie es des weiteren als ihre Ansicht,

»... daß für diese Wirtschaftszweige die bisherige Organisation

gegenwärtig noch beibehalten werden muß. Ebenso erfordert die

Ingangsetzung der Industrie die Aufrechterhaltung und Erweiterung des

Zirkulationskredits und damit die ungestörte Funktion der

Kreditbanken ...«

Auch werde im Interesse der Lebensmittelversorgung »nicht vorgeschlagen

werden, in die bisherigen Besitz- und Betriebsverhältnisse der

bäuerlichen Verhältnisse einzugreifen«. Hier solle »durch der

Landwirtschaft angepaßte Maßnahmen und durch Unterstützung der

Genossenschaften die _Produktivität gehoben_ und die _Intensität

gesteigert_ werden«.

Die gesperrt gesetzten Worte weisen auf das oben als spezifisch

_wirtschaftlichen_ Zweck der Sozialisierung Gekennzeichnete hin.

Im gewöhnlichen Verlauf der Dinge wird in der kapitalistischen

Wirtschaft die Intensivierung und die höhere Produktivität der Arbeit

durch den Druck der Konkurrenz erwirkt, welche die Unternehmer einander

im Kampf um den Markt bzw. den Absatz machen. Die Methoden, mittelst

deren sie erzielt werden und die zuletzt nichts weiter sind als

Ersparung von menschlicher Arbeit, sind von Marx im Kapital in den

Kapiteln über den Kampf um den Mehrwert geschildert, denn der Kampf um

den Markt ist ein Stück des Kampfes um den Mehrwert. Nicht unter allen

Umständen aber tritt jenes Resultat ein. Wo sich Monopolverhältnisse

entwickeln, und die sind überall vorhanden, wo die Nachfrage nach Waren

das Angebot übersteigt, nimmt der Drang der Unternehmer nach

Intensivierung der Arbeit entsprechend ab und kann unter Umständen

einschlafen. Die Folgen sind Teuerung der Waren und Notstand in weiten

Kreisen der Bevölkerung, so daß die Fragen der Steigerung der

Produktivität beziehungsweise der Intensivierung der Produktion

Gegenstände eines hohen sozialen Interesses werden. Zeichen davon sind

in verschiedenen Gegenden als Nachwirkungen des Krieges zu verspüren.

In Deutschland haben die Pflichtleistungen an die Siegermächte

ebenfalls die Ersparung von Arbeit zu einem sozialen Interesse gemacht.

Nun sind jedoch hier infolge des Warenmangels Unternehmungen noch

rentabel, die tatsächlich in bezug auf Größe und Einrichtungen hinter

der Durchschnittshöhe der Produktionsentwicklung zurückgeblieben sind.

Ihr Fortbestand heißt also volkswirtschaftlich Vergeudung von Arbeit

durch Produktion unter rückständigen Arbeitsmethoden und Vergeudung von

Arbeit durch unnötige Zersplitterung der Produktionsstätten. Um ihr

entgegenzuwirken, sind Vorschläge zu einer Umorganisierung der

Volkswirtschaft ausgearbeitet worden, für die der Name _Planwirtschaft_

gewählt worden ist und die ins Gebiet der Sozialisierung gehören.

Der Gedanke der Planwirtschaft knüpft an Maßnahmen an, die in der

Kriegszeit im Angesicht der wirtschaftlichen Kriegsnotwendigkeit auf

Anregung und nach ausgearbeiteten Plänen des ideenreichen

Großindustriellen Walter Rathenau und des Sozialökonomen Wichard von

Möllendorf behördlich angeordnet wurden und in der großen Industrie von

kartellierten Produktionsgruppen unter Beibehaltung kapitalistischer

Überschußwirtschaft mit dem amerikanischen Trust als Vorbild

durchgeführt worden sind. Es sollen auf Grund reichsgesetzlicher

Vorschrift Verbände von Unternehmern ganzer Produktionszweige ins Leben

gerufen werden, die nach Orten und Bezirken organisch zu gliedern sind

und in deren Leitung die Allgemeinheit, die Unternehmer und die Arbeiter

und Angestellten durch ernannte oder gewählte Vertrauenspersonen

vertreten sind. Diese Leitungen sollen auf Organisation, Gliederung und

Gebahren der Industrie einen weitgehenden Einfluß im Sinne möglichster

sozialer Ökonomie ausüben, und ihre Zentralen sollen die Einfuhr und

Ausfuhr, unter dem Gesichtspunkt der Dringlichkeit des Bedarfs und der

allgemeinen Wirtschaftslage Deutschlands, regelnden Vorschriften

unterwerfen. Sie sollen das Recht haben, unnütze Zwischenglieder der

Wirtschaft auszuschalten und auf alle Verbesserungen in der Organisation

der Produktion und den Arbeitsmethoden hinzuwirken, die dem Zweck der

möglichsten Senkung der Preise dienen. Sie sollen durch Feststellung von

Tarifverträgen und ergänzende Verordnungen solche Arbeitsbedingungen

herbeiführen, die das Arbeitsverhältnis möglichst zufriedenstellend

gestalten.

Gegen diesen Plan, den Rudolf Wissell, der erste sozialdemokratische

Wirtschaftsminister der Deutschen Republik, zu einem umfassenden System

ausgearbeitet hat, sind außer von bürgerlichen Theoretikern und

Interessenten auch von sozialistischer Seite scharfe Einwände erhoben

worden. Vor allem wird ihm vorgeworfen, daß er den kapitalistischen

Unternehmer beibehalte und möglicherweise in der Praxis sogar dessen

Macht noch verstärken werde. Er stehe der so dringend notwendigen

Vollsozialisierung von Industrien allgemein gebrauchter Rohstoffe, wie

Kohle und Eisen, im Wege und könne sehr leicht das Wirtschaftsleben

schädigende bureaukratische Verfügungen und Eingriffe züchten.

Die Möglichkeit solcher Mißgriffe ist nicht ganz ausgeschlossen, aber

bei der vielseitigen Zusammensetzung der Leitungen sind sie nicht allzu

wahrscheinlich, auch würden Verfügungen, welche sich als nachteilig

erweisen, unschwer abzuändern sein. Ebenso ist nicht abzusehen, warum

und wie die Verbände bei demokratischer Zusammensetzung und der im Plane

liegenden beständigen öffentlichen Kontrolle die Macht der

kapitalistischen Unternehmer noch stärken sollen. Es kommt ganz auf ihre

Zusammensetzung an, ob der dies behauptende Einwand sich als

gerechtfertigt erweisen würde oder nicht, der dem Plan zugrunde liegende

Gedanke wird durch ihn nicht widerlegt. Das Gleiche gilt von dem

Einwand, daß die planwirtschaftliche Organisation und Regelung von

Produktion die Vollsozialisierung von Kohle, Eisen usw. aufhalten oder

gar verhindern würde. Die Widerstände, mit denen diese zu kämpfen hat,

erweisen sich als nicht geringer, wo wir die planwirtschaftlichen

Verbände oder etwas ihnen Nahekommendes nicht haben.

Und Deutschland wird etwas dieser Art haben müssen. Die

weltwirtschaftlichen Bedingungen seiner Volkswirtschaft und die auf ihm

lastenden finanziellen Verpflichtungen machen es ihm unmöglich, längere

Zeit bei dem Zustand der wilden Konkurrenzanarchie zu verharren, der der

Beseitigung der Zwangseinrichtungen der Kriegsjahre und der ersten Jahre

der Nachkriegszeit gefolgt ist. Zur Zeit, wo dieses geschrieben wird,

hält der niedrige Stand seiner Währung seine Ausfuhr und rückwirkend

seine Produktion auf solcher Höhe, daß es im Gegensatz zu den Ländern

mit hoher Valuta so gut wie keine Arbeitslosigkeit kennt. Jedoch geht

eines nach dem anderen jener Länder dazu über, Zuschlagszölle und andere

Schutzmaßnahmen gegen die Konkurrenz der Länder mit tiefer Valuta

einzuführen, und je mehr sich diese Maßnahmen verallgemeinern, wie das

zum Beispiel in den Vereinigten Staaten schon durch Gesetzgebungsakte

eingeleitet ist, um so mehr wird der aus der niedrigen Valuta

erwachsende Vorteil schwinden, während der Nachteil der erschwerten

Beschaffung von vollwertigen Zahlungsmitteln für den Ankauf von

Rohstoffen, die Deutschland nicht selbst erzeugt, und für die Zahlung

seiner Auslandsverpflichtungen bleibt. Der Übergang zu durchgreifenden

Maßnahmen für die stärkere Ökonomisierung seiner Volkswirtschaft wird

dann Gebot der Selbsterhaltung, und wenn man sie nicht den

Zufälligkeiten und Grausamkeiten des kapitalistischen Konkurrenzkriegs

überlassen will, wird man zu Maßnahmen schreiten müssen, wie sie in den

Entwürfen zur Planwirtschaft vorgezeichnet sind, wenn auch vielleicht

nicht ganz so schematisch. Diese Maßnahmen nun werden, wenn sie im

vorentwickelten Geist in die Hand genommen werden, zwar nicht _den_

Sozialismus, wohl aber ein bedeutsames Stück Sozialismus verwirklichen.

Denn sie bedeuten jedenfalls einen wichtigen Schritt vorwärts zur

gesellschaftlichen Regelung der Produktion und Erhebung der Arbeiter zur

Mitbestimmung im Wirtschaftsorganismus. Sie können so elastisch

gestaltet werden, daß sie der Initiative der Persönlichkeit in der

Wirtschaft dort, wo sie erhaltenswert ist, das heißt, wo sie

schöpferisch wirkt, einen weiten Spielraum lassen und die

Vollsozialisierung der zu dieser berufenen Produktionszweige nicht

hindern, sondern im Gegenteil erleichtern.

Zu Reformen in der Richtung der Gemeinwirtschaft zwingt ferner der so

gewaltig gestiegene und noch andauernd steigende Finanzbedarf von Reich,

Staaten und Gemeinden. Man hat sich in sozialistischen Kreisen oft darin

gefallen, die öffentliche Bewirtschaftung von Wirtschaftszweigen, sobald

sie mit Erzielung von Überschüssen verbunden war, kurzerhand Staats-

oder Gemeindekapitalismus zu nennen, und wo letztere der einzige oder

der alles beherrschende Zweck der Sache war, war der Name auch

gerechtfertigt. Aber er verliert diese Berechtigung in dem Maße, als bei

solchen Unternehmungen der öffentliche Nutzen leitendes Motiv ist und in

bezug auf die in ihnen Beschäftigten das soziale Moment in den

Vordergrund tritt, die Erzielung von Überschüssen dagegen nur noch durch

größere Ökonomie auf technischem Gebiet erstrebt wird, wie das heute

immer stärker der Fall ist. Dann ist die zunehmende Verwandlung von

Privatunternehmungen in öffentliche Betriebe zwar auch wiederum nicht

_der_ Sozialismus, wohl aber jedesmal ein Schritt auf seinem Wege. Und

diese müssen und werden sich mehren.

Der Finanzbedarf der Republik ist so groß geworden, daß er durch eine

Mischung von direkten Steuern der alten Gattung mit Verbrauchssteuern

und Verkehrsabgaben schwerlich noch länger wird gedeckt werden können.

Aus diesem Grunde und weil die Besitzer von Sachwerten -- von Grund und

Boden, Fabriken, Geschäftsanlagen usw. -- durch den Fall der Valuta

ungeheure Gewinne auf Kosten der Allgemeinheit gemacht haben, ist der

Ruf nach direkter Erfassung der Sachwerte durch das Reich laut geworden

und wird ganz besonders von der Sozialdemokratie mit Energie vertreten.

Die Republik soll Miteigentümerin an den Sachwerten in der Weise werden,

daß ihr durch Verschreibungen ein bestimmter Anteil an deren

Jahreserträgen sichergestellt wird. Eine Maßnahme, die sie unter

gewissen Voraussetzungen in den Stand setzen würde, durch Hinterlegung

dieser Verschreibungen in der Reichsbank als Deckung für ihre schwebende

Schuld bzw. Notenausgabe eine bedeutende Hebung ihrer Valuta

herbeizuführen, die aber zugleich auch ihr einen genaueren Einblick in

die Finanzgebahrung der Unternehmungen verschaffen und auf diese Weise

ihre Kontrollmöglichkeiten steigern würde. Es sind das Gründe, welche

den großen, man könnte sagen, verzweifelten Widerstand erklärlich

machen, den Grundbesitzer und Kapitalisten aller Gattungen der Forderung

entgegensetzen, die aber ihre Verwirklichung den Sozialisten um so

erstrebenswerter erscheinen lassen. Denn man kann es, weil sie Gebot der

Notwendigkeit ist, offen sagen, auch sie birgt ein Stück Sozialismus,

und zwar ein um so bedeutungsvolleres, weil sie auf dem ganzen Gebiet

der Volkswirtschaft sich sozial vorteilhaft auswirken würde, ohne darum

das legitime Geschäft irgendwie zu beengen.

Der Umkreis der Anwendung des sozialistischen Gedankens beschränkt sich

selbstverständlich nicht auf die Wirtschaftsfragen im speziellen Begriff

des Wortes und die mit ihnen verbundenen Eigentumsfragen. Er umfaßt den

ganzen Fragenkomplex, der für die Hebung der materiellen Wohlfahrt, der

Erzielung der höchstmöglichen geistigen und sittlichen Kultur und der

dieser entsprechenden Rechtsgestaltung von Bedeutung ist. Auch hier

handelt es sich um Neuerungen, die, einzeln genommen, nicht schon

Sozialismus sind, sondern es durch den Geist, der sie erfüllt, und ihren

Zusammenhang mit vielen, vom gleichen Geist diktierten Reformen werden.

Vom Schulwesen in allen seinen Abstufungen angefangen bis zu den

weitverzweigten Gebieten der Sozialpolitik, der Rechtsgestaltung, der

sozialen Hygiene und der Kulturpolitik ist es dem Sozialismus

vorbehalten, Reformen zu verwirklichen, an welche die bürgerlichen

Regierungen und Klassen bisher gar nicht oder nur in Ausnahmefällen

herangetreten sind.

Um nur von der Sozialpolitik zu reden, so hat in Deutschland die

Revolution vom November 1918 in der Epoche der politischen Herrschaft

der Sozialdemokratie neben anderen bedeutsamen Erweiterungen des

Arbeiterschutzes die Verkündung des gewerblichen Höchstarbeitstages von

acht Stunden gebracht, und wieder können wir uns auf Karl Marx berufen,

wenn wir diese Reform einen Fortschritt zum Sozialismus nennen. Noch

höheren Anspruch hat auf diesen Namen das Betriebsrätegesetz vom

4. Februar 1920. Dieses von der gesetzgebenden Nationalversammlung, in

der noch der belebende Hauch der Novemberrevolution nachwirkte,

geschaffene Gesetz gibt den Arbeitern und Angestellten Rechte im

Betriebe, die man zur Zeit, wo Karl Marx schrieb, für unmöglich gehalten

hätte. Es ist allerdings nicht vollkommen, und seine Rückwirkungen auf

die Erträge der Volkswirtschaft lassen sich noch nicht völlig übersehen.

Aber eines ist sicher und wird in der Praxis auch von denjenigen

Arbeitern anerkannt, die es unter dem Einfluß einer bestimmten Agitation

bei seiner Schöpfung bitter bekämpft haben: es ist ein Stück

Sozialpolitik, das, wie kein zweites, den Arbeitern und Angestellten die

Möglichkeit eröffnet, aus Hörigen des Gewerbes zu Teilhabern oder

Genossen im sozialrechtlichen Begriff des Wortes zu werden.

Zustandekommen konnte es indes eben nur durch die Erkämpfung der

demokratischen Republik. Diese Republik ist gewiß nur erst der

juristische Hebel zu ökonomisch-sozialer Befreiung und noch nicht diese

selbst. Aber in einem industriell so vorgeschrittenen Lande wie

Deutschland, mit einer so entwickelten, politisch und wirtschaftlich so

stark organisierten Arbeiterschaft kann dieser Hebel nur in der Richtung

zum Sozialismus wirken. Daran ändert der Umstand nichts, daß es nicht

nach einer auf alles passenden Formel, daß es nicht auf dem ganzen

Gebiet des sozialen Lebens mit einem Male sich durchsetzt.

Vor jetzt 36 Jahren, im Jahre 1885, schrieb der Verfasser dieses im

Zusatzkapitel zu der von Jules Guesde und Paul Lafargue verfaßten

Erklärung der Marxschen Einleitungssätze des Mindestprogramms der im

Jahre 1880 gegründeten Arbeiterpartei Frankreichs:

»Gewöhne man sich nur ab, von einem vollendeten Zukunftsstaat zu

träumen, sondern halte man an der Erkenntnis fest, daß es einer

geraumen Zeit der Entwicklung bedarf, bis das Prinzip des Sozialismus

sich auf allen Gebieten des sozialen Lebens Bahn gebrochen haben wird.

Spekulativ, in ihrem Kopf, haben zu allen Zeiten sich einzelne

Menschen über gewisse Übergangsstadien hinweggesetzt. Aber noch stets

hat die Praxis solchen Phantasten einen Strich durch die Rechnung

gemacht.

Vages Träumen ist der Todfeind alles konkreten Denkens. Letzteres aber

ist es, was der Arbeiterklasse nottut. Ohne konkretes Denken keine

Erkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse, und ohne diese kein

planmäßiges Zielbewußtsein, zielbewußtes Handeln, das Haupterfordernis

der Befreiung der Arbeiterklasse.«

In viel höherem Grade als ich es damals ahnte, haben diese Sätze sich

als berechtigte Mahnung erwiesen, und es wäre noch manches

hinzuzusetzen. Ließ doch meine sozialökonomische Erkenntnis noch viel zu

wünschen übrig. Auf Grund sehr überschätzter Erscheinungen im

Wirtschaftsleben hielt ich West- und Mitteleuropa für der Verwirklichung

des Sozialismus viel näher, als sie tatsächlich waren, und den Weg der

Verwirklichung für viel einfacher, als er tatsächlich ist. Die Erfahrung

hat uns belehrt, daß die Entfernung eine bedeutend größere war, der Weg

aber ganz und gar nicht einfach, überhaupt nicht schlechthin Ein Weg

ist.

Aber wir haben keinen Grund, darum etwa kleinmütig zu sein. Ich darf es

wohl sagen: wenn ich zurückblicke auf das, was damals war, und es mit

dem vergleiche, was heute ist, dann sehe ich erst, welch großer, welch

gewaltiger Fortschritt in der für das Leben von Völkern doch

verhältnismäßig kurzen Spanne Zeit sich vollzogen hat. Der Weg ist nicht

so einfach, wie er damals erschien, aber der Kräfte, die an seiner

Überwindung arbeiten, sind in noch ganz anderem Grade mehr als damals.

Von den verschiedensten Seiten her, unter Anwendung sehr

verschiedenartiger Mittel und Methoden arbeitet ein mehr als zwanzigmal

größeres Heer von Arbeitern aller Art, als damals an der Verwirklichung

des Sozialismus. Das, was jeder einzelne zum Ganzen hinzufügt, erscheint

klein im Verhältnis zur Größe des zu verrichtenden Werkes, und der

Fortschritt des Tages geringfügig im Verhältnis zum Stand vom Tage

vorher. Nur erst, wenn wir von einem gewissen Abstand her ihn messen,

von dem aus wir das Ganze überschauen können, erkennen wir den

vollzogenen Fortschritt. Mit dem Traum von dem großen Sprung geht uns

aber nichts verloren, was des Bewahrens wert wäre. Junge, schwache

Bewegungen mögen seiner bedürfen, um auf dem weiten Weg, der noch keine

sozialen Erfolge verspüren läßt, den Mut nicht zu verlieren. Starke,

gereifte, zu schöpferischem Wirken gelangte Bewegungen haben seiner

nicht nötig. Er kann ihnen im Gegenteil nur schaden. Denn ihnen wird

falsches Messen um so verhängnisvoller. Für sie behält im hohen Grade

das oft mißbrauchte Wort des Dichters volle Berechtigung:

Vergebens werden ungebund'ne Geister

Nach der Vollendung reiner Höhe streben;

Wer Großes will, muß sich zusammenraffen.

Erstarkte Bewegungen gewöhnen sich daran, von ihren Zielen jeweilig

nur das auf gegebener Stufe der Entwicklung Mögliche für den

unmittelbaren Kampf ins Auge zu fassen. In dieser Ökonomie des _Wollens_

aber liegt die sicherste Gewähr der _Erreichung des Gewollten_.

* * * * * *

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Das im Original am Ende des Buches befindliche Inhaltsverzeichnis wurde

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als Großbuchstaben verfügt. Sie sind in diesem E-Buch als reguläre

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Der Sozialismus einst und jetzt Streitfragen des Sozialismus in Vergangenheit und Gegenwart · 第 10 / 10 题