„Noch eine Stunde --“ murmelte er dumpf -- „dann ist die Betrügerin
entlarvt.... Ja, ich vertraue fest auf die Zeichen, welche ich sah,
und auf die Ahnung in meinem Innern, die mir zuflüstert, daß ich das
Schrecklichste erst jetzt sehen werde. -- -- O, mein Gott! womit habe
ich es verdient? -- Wesen, das Du voll Allmacht und Gerechtigkeit
thronst über uns -- wo sind hier die Spuren dieser Eigenschaften? --
Was habe ich gethan? Ich habe dieses Weib geliebt wie das Blut meines
Herzens -- wie den Hauch meiner Seele.... und sie, sie vergiftete dafür
das erstere und erstickte diesen auf meuchlerische Weise. -- Soll das
die Dankbarkeit sein, welche Du Deinen Kreaturen einimpfest? dann
freilich entsprechen sie genau Deiner Liebe und Gerechtigkeit, deren
Ausfluß sie ja sein sollen.... Doch genug! -- Ich will harren und das
tödtliche Gift bis zum letzten Tropfen einschlürfen!.... Ich will die
Stunde erwarten.... sie ist nicht mehr fern.“
Er legte sein Haupt in die offene Hand, welche er auf den Tisch
stützte, und versank in einen Abgrund entsetzlicher Träume. Nur ein an
Allem, auch dem Letzten und Höchsten, Zweifelnder und Verzweifelnder
kann so träumen.
-- -- Endlich richtete er den Blick auf die Uhr. Der Zeiger stand
gerade auf Zwei. Wild fuhr er vom Sitze auf und rannte nach einem
Schranke, aus welchem er ein Kästchen von Sandelholz, mit Perlenmutter
und emaillirtem Silber ausgelegt, hervorholte. Er stellte es auf den
Tisch und schloß es auf. Zwei Paar Pistolen lagen darin, eine von ihnen
lud er und steckte sie zu sich -- dann stellte er das Kästchen wieder
an seinen Platz, löschte die Lampe aus und verließ das Zimmer. --
In dem Augenblicke, als er den Fuß vor die Thür setzte, fiel ihm ein,
daß er vielleicht gar zu spät kommen könnte. Er schalt sich, nicht
+vor+ der Stunde aufgebrochen zu sein, denn noch wußte er ja nicht
den Ort, an welchen er sich begeben sollte.
Er sann einen Augenblick nach, dann ging er rasch, aber mit leisem
Schritte hinab zu dem Portier, weckte den guten Mann, der bereits
längst wohlgemuth in einem thurmhohen Federbette schnarchte, und fragte
ihn, ob er vor Mitternacht keine Person aus- oder eingehen gesehen
habe, die ihm verdächtig, unbekannt oder verkleidet schien. Der brave
Mann in seinem Federbette versetzte, daß ihm nichts dem Aehnliches
vorgekommen wäre. Schon wollte Alexander fortgehen -- als der brave
Mann aus seinem Federbette plötzlich auffuhr, rufend: „+Halt!+ --
+gräfliche Gnaden verzeihen gehorsamst+ .... jetzt fällt mir ein --
oder vielmehr es kommt mir so vor... als sei so zwischen 11 und 12 Uhr
ein Herr rasch hereintreten, durch den Thorweg geeilt -- und ehe ich
ihn anrufen konnte, im Hofe verschwunden. -- Leider ging die Hauptlampe
heute früher aus wie sonst -- -- und es war dort pechfinster, trotz der
andern kleinen Lämpchen, gräflichen Gnaden aufzuwarten. -- Ueberdies
dacht’ ich bei mir: wer weiß, wer der Herr ist! ’s kann auch Jemand
aus dem Hause sein; Nachts sind alle Kühe schwarz....“ So schloß der
Portier, welcher, wie man sieht, ein wahres Muster seiner Zunft war. --
Alexander aber war bereits fortgeeilt.... er schlug den Weg zum
Schlafzimmer seiner Frau ein. -- Ein wildes Fieber schüttelte seine
Glieder, als er hier anlangte. -- Er hatte bisher alle Thüren leise
geöffnet -- an diese legte er zuerst sein Ohr an, um zu horchen.
Nichts war zu hören, auch nicht die Athemzüge einer Schlummernden. --
Er trat vorsichtig ein, näherte sich dem Bette Cölestinens -- tastete
-- -- fand es leer.
Doch konnte nicht gezweifelt werden, daß sie noch kurz vorher darin
gelegen habe. -- Es war am untern Ende noch warm von den Füßen...
Das Gefühl, welches bei dieser Entdeckung des Armen Herz durchschnitt,
ist nicht zu beschreiben. Er säumte jedoch nicht lange und ging
weiter. Wohin aber sollte er sich zuerst wenden? War sie nicht im
Schlafgemache, wohin sonst sollte sie sich zu dieser Stunde begeben
haben? -- Etwa aus dem Hause hinaus. Dies schien nicht wahrscheinlich
-- und überdies stimmte diese Annahme nicht mit jener von dem Herrn
überein, in welchem Manne Alexander keinen Andern als den +Chevalier+
vermuthete. Was -- vermuthete? -- +Wußte!+ muß gesagt werden; denn er
hätte für diese Ueberzeugung sein Leben hingegeben. --
Es fiel ihm ein, nach dem Arbeitszimmer seiner Frau zu gehen, da
dieses sehr einsam und mit den Fenstern nach dem Garten zu lag. Um
jedoch dahin zu gelangen, mußte er an Cölestinens Boudoir vorüber
gehen. Als er in dessen Nähe gelangte -- fiel ein Lichtschimmer nicht
größer als ein kurzer Seidenfaden auf einen seiner Füße -- -- es hätte
ein Blitzstrahl sein können, er hätte ihn nicht fester an den Platz
gebannt. -- Jetzt glaubte er ein heftiges Flüstern zu vernehmen -- das
mit einem Male abbrach -- und bald darauf wieder anhob -- sogar von
einem leisen Schluchzen unterbrochen. --
Er konnte nicht länger zweifeln. Dies hier war der Schauplatz des
Verbrechens. --
Vorsichtig trat er an die Thür des Boudoirs -- und versuchte durch’s
Schlüsselloch zu blicken -- -- aber in demselben Augenblick wurde im
Innern das Licht ausgelöscht. -- Er hatte jedoch mit dem letzten Blick
noch die Umrisse einer hohen eleganten Mannesgestalt, in einen langen
Oberrock gehüllt, erhascht. Das war hinreichend, hätte er übrigens auch
die letzten Worte, welche Jener mit gedämpfter Stimme sprach, nicht
gehört. Diese Worte lauteten: „Niemals, niemals werde ich dieser Stunde
vergessen, und was Du, Geliebte, in ihr für mich gewagt!“ --
Mehr konnte er nicht verstehen -- die Beiden hatten sich bereits in
einem der nächsten Gemächer verloren. --
Alexander vermuthete, daß Cölestine ihren Geliebten zuerst unten im
Garten abgeholt und sodann durch eine Reihe von Zimmern, also auf
Umwegen, hierher geführt habe. -- Seiner Berechnung nach, mochten
hierüber bis zum gegenwärtigen Augenblick eine und eine halbe Stunde
verflossen sein, denn es war jetzt ein Viertel auf vier Uhr.
Er hatte von seiner Waffe keinen Gebrauch machen können und trat nun
den Rückweg nach seinem Arbeitszimmer an -- dumpf im Hirn, todt in der
Brust.
Ende des ersten Theiles.
Fußnoten:
[A] Befehlen.
[B] Man verzeihe es uns, wenn wir nicht im Stande sind, die klassische
Mundart der Dame in ursprünglicher Form wiederzugeben.
[C] Man kennt diese und andere sinnreiche Werkzeuge, welche jene zwei
Tyrannen des Alterthums zum Verderben ihrer Opfer erfanden.
[D] Trödler.
[E] Meister Lips Firma, die über seiner Wohnung hing, lautete:
+Sophronias Lips+, +Wechsler+, +Antiquar+, +Juwelier und
Hühneraugen-Operateur+.
[F] Es fallen mir hierbei Heine’s Worte ein, der den Feinden des
göttlichen +Rossini+ wünscht, daß sie verdammt sein sollen, nach dem
Tode in alle Ewigkeit +Bach’sche Fugen+ anzuhören.