Förster Ockel ging gestern zur Küste ab; er nahm die Kettengefangenen
mit, zu denen noch Schubert einige Quawaanhänger eingeliefert hatte.
Später verabschiedete sich Herr v. Prittwitz vor seinem Abmarsche.
Heute war Leutnant Kuhlmann unser Gast. Jetzt wird es auch bekannt,
daß wir auf unserer letzten Safari in unmittelbarer Nähe von Quawa
gewesen sind; wir haben sogar den Rauch seines Lagerplatzes gesehen,
nahmen aber an, daß es Herrn v. Prittwitz’ Leute sein müßten, die
unserer Berechnung nach in jener Richtung marschierten! Aber das
Interessanteste dabei ist: unser Waheheführer wußte genau, daß Quawa
dort lagerte! Die hohe Belohnung, die auf Quawas Kopf gesetzt war,
lockte ihn nicht, seinen früheren Herrn zu verraten. Noch zwei
Tage, bevor er bei uns sein Führeramt antrat, hat er dem Flüchtling
Nahrungsmittel gebracht. Tom war oft stundenlang allein mit dem Führer
im Pori; wie leicht hätte der ihn hinterrücks niederstechen können,
wenn Tom mit Zeichnen und Aufnahmen beschäftigt war! Jetzt ist es
mir auch klar, weshalb unsere Wahehe stets die seitlichen Anhöhen
erstiegen, um Ausschau zu halten.
Ein schöner Charakterzug in diesen Leuten: sie wollten den Frieden für
ihr Land, doch nicht nur durch Verrat an ihrem Sultan sollte er erkauft
werden. Eins ist uns unbegreiflich: warum hat Quawa, der doch den
Überfall von Kondoa, jenseits Kilossa, damals so strategisch wirklich
scharf durchdacht angelegt und meisterhaft ausgeführt hat, bei all
seiner Energie und Macht niemals unsere Station angegriffen!
Toms Schicksal ist ganz mit Uhehe verwoben -- schon 1891 war er bis
Mage vorgedrungen, dort mußte er umkehren, weil sich seine Zulus
weigerten, noch weiter zu marschieren. Am Ruaha hat er sich dann mit
einem Askari im Pori verirrt. Die Lage war sehr kritisch. Feinde
ringsum, überall sahen sie die Feuerstellen ihrer Verfolger, der
feindlichen Wahehe. Tom erzählte mir viel und interessant von jenen
Tagen, wie sie vorsichtig auf Händen und Füßen die Lagerstätten der
Wahehe in weitem Bogen umkreisten, bis sie eines Tages sich plötzlich
einem größeren Lager gegenüber befanden, von dessen Bewohnern sie sich
bereits entdeckt sahen! Da hat ihm doch das Herz geklopft, der Revolver
war schußbereit zur Hand, um im letzten Augenblick mit einer Kugel
der Gefangenschaft und dem qualvollen Tode unter den blutdürstigen
Schwarzen zuvorzukommen -- wie atmete er erleichtert auf, als sich die
Neger als freundlich gesinnt erwiesen.
In Iringa hat Tom dann das Pulvermagazin Quawas in die Luft gesprengt.
Zündschnur hatten sie nicht zur Hand, so wurde denn die Tembe, in
welchen gegen 3000 Fäßchen voll Schießpulver lagerten, innen mit Stroh
ausgekleidet und von der Türe aus in Brand gesteckt -- und dann hieß es
laufen! Tom hatte mit seinem Unteroffizier gerade hinter einer Tembe
Deckung gefunden, als das Feuer das Pulver erreichte, eine furchtbare
Explosion, ein Balken hätte beinahe den Unteroffizier erschlagen -- und
damit war Quawas Munitionsvorrat für lange Zeit vernichtet. Auch 1891
flog bei der Erstürmung von Sinna (am Kilimandscharo) ein feindliches
Pulvermagazin auf; damals wurde Tom von dem gewaltigen Luftdruck zu
Boden geworfen.