31. August 1898.

Förster Ockel ging gestern zur Küste ab; er nahm die Kettengefangenen

mit, zu denen noch Schubert einige Quawaanhänger eingeliefert hatte.

Später verabschiedete sich Herr v. Prittwitz vor seinem Abmarsche.

Heute war Leutnant Kuhlmann unser Gast. Jetzt wird es auch bekannt,

daß wir auf unserer letzten Safari in unmittelbarer Nähe von Quawa

gewesen sind; wir haben sogar den Rauch seines Lagerplatzes gesehen,

nahmen aber an, daß es Herrn v. Prittwitz’ Leute sein müßten, die

unserer Berechnung nach in jener Richtung marschierten! Aber das

Interessanteste dabei ist: unser Waheheführer wußte genau, daß Quawa

dort lagerte! Die hohe Belohnung, die auf Quawas Kopf gesetzt war,

lockte ihn nicht, seinen früheren Herrn zu verraten. Noch zwei

Tage, bevor er bei uns sein Führeramt antrat, hat er dem Flüchtling

Nahrungsmittel gebracht. Tom war oft stundenlang allein mit dem Führer

im Pori; wie leicht hätte der ihn hinterrücks niederstechen können,

wenn Tom mit Zeichnen und Aufnahmen beschäftigt war! Jetzt ist es

mir auch klar, weshalb unsere Wahehe stets die seitlichen Anhöhen

erstiegen, um Ausschau zu halten.

Ein schöner Charakterzug in diesen Leuten: sie wollten den Frieden für

ihr Land, doch nicht nur durch Verrat an ihrem Sultan sollte er erkauft

werden. Eins ist uns unbegreiflich: warum hat Quawa, der doch den

Überfall von Kondoa, jenseits Kilossa, damals so strategisch wirklich

scharf durchdacht angelegt und meisterhaft ausgeführt hat, bei all

seiner Energie und Macht niemals unsere Station angegriffen!

Toms Schicksal ist ganz mit Uhehe verwoben -- schon 1891 war er bis

Mage vorgedrungen, dort mußte er umkehren, weil sich seine Zulus

weigerten, noch weiter zu marschieren. Am Ruaha hat er sich dann mit

einem Askari im Pori verirrt. Die Lage war sehr kritisch. Feinde

ringsum, überall sahen sie die Feuerstellen ihrer Verfolger, der

feindlichen Wahehe. Tom erzählte mir viel und interessant von jenen

Tagen, wie sie vorsichtig auf Händen und Füßen die Lagerstätten der

Wahehe in weitem Bogen umkreisten, bis sie eines Tages sich plötzlich

einem größeren Lager gegenüber befanden, von dessen Bewohnern sie sich

bereits entdeckt sahen! Da hat ihm doch das Herz geklopft, der Revolver

war schußbereit zur Hand, um im letzten Augenblick mit einer Kugel

der Gefangenschaft und dem qualvollen Tode unter den blutdürstigen

Schwarzen zuvorzukommen -- wie atmete er erleichtert auf, als sich die

Neger als freundlich gesinnt erwiesen.

In Iringa hat Tom dann das Pulvermagazin Quawas in die Luft gesprengt.

Zündschnur hatten sie nicht zur Hand, so wurde denn die Tembe, in

welchen gegen 3000 Fäßchen voll Schießpulver lagerten, innen mit Stroh

ausgekleidet und von der Türe aus in Brand gesteckt -- und dann hieß es

laufen! Tom hatte mit seinem Unteroffizier gerade hinter einer Tembe

Deckung gefunden, als das Feuer das Pulver erreichte, eine furchtbare

Explosion, ein Balken hätte beinahe den Unteroffizier erschlagen -- und

damit war Quawas Munitionsvorrat für lange Zeit vernichtet. Auch 1891

flog bei der Erstürmung von Sinna (am Kilimandscharo) ein feindliches

Pulvermagazin auf; damals wurde Tom von dem gewaltigen Luftdruck zu

Boden geworfen.

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 123 / 132 题