12. Juli 1898.

Wir machten einen Ausflug nach Langomoto, herrliche Bergpartien, von

denen wir die Stätten der zahlreichen Quawakämpfe übersehen konnten.

Auf Anraten des _Dr._ Drewes, der von Muhanga gekommen war, bewilligte

Tom einen Ruhetag -- zu meiner Freude, denn dadurch gewinnen wir einen

Tag für das schöne Dabagga.

+Iringa+, 21. Juli 1898.

Endlich! Endlich! Aus vollem, dankbarem Herzen möchte ich es

hinausjubeln in alle Welt, die Freudenbotschaft: „All’ Fehd’ hat nun

ein Ende“ -- +Quawa ist tot!+ Mit dieser Nachricht erst ist Toms sieben

Jahre langer Kampf um den Besitz Uhehes zum guten Ende gelangt! Wie

dankbar bin ich, daß meinem Mann nun die Freude ward, das Werk seiner

unsäglichen Mühe und Sorge, die Arbeit von sieben Jahren voller Kämpfe

und Strapazen mit Erfolg gekrönt zu sehen. Nun ist der Name Tom Prince

für immer verknüpft mit der Geschichte unserer deutschen Kolonien. Wer

will es mir, seiner Frau, verdenken, wenn ich mit frohem Stolze auf den

Geliebten blicke; ist er mir doch durch dieses letzte Ereignis in dem

blutigen Vernichtungskampfe erst so recht eigentlich neu geschenkt!

Wie oft zitterte ich um sein Leben, wenn ich ihn auf dem Zuge gegen

Quawa wußte, mit welcher Furcht, mit welch heißem Gebet traf ich stets

die Vorbereitungen für seinen Marsch -- und durfte ihm doch das Herz

nicht schwer machen mit meiner Angst, mußte Frohsinn heucheln, während

mir die Angst die Gedanken benahm -- und nun steigt die Morgenröte des

Friedens strahlend über unsern schönen Bergen auf! --

Das Siegeszeichen, welches Feldwebel Merkl heute bei Tom ablieferte,

ist freilich gräßlich -- und doch gab es keinen anderen Ausweg, den Tod

unseres furchtbarsten Feindes dergestalt _ad oculos_ zu demonstrieren,

daß kein Zweifel mehr an seiner endgültigen Vernichtung übrig bleiben

kann: Merkl brachte den Kopf des erschossenen Sultans Quawa mit zur

Station! Auf seinen ruhelosen Streifzügen durch sein ehemaliges Gebiet

war Quawa mit vier Boys, einem seiner letzten Getreuen und dessen Weib

und Kind endlich auch in den Bereich der 2. Kompagnie gekommen. Toms

Vertreter, Leutnant Kuhlmann, schickte sofort, als dies der Station

gemeldet wurde, wie üblich, den Feldwebel Merkl mit 14 Askaris und 10

Wahehe zur Verfolgung aus. Ich lasse am besten unseres braven Merkl

Bericht hier folgen:

„Pawaga erreichten wir am 15. Juli 1898 mittags 12 Uhr nach

dreizehnstündigem, anstrengendem Marsche. Wir versteckten uns im

dichten Busch und verkleideten uns als Wahehe. Hierher ließ ich mir den

Jumben Kissogrewe kommen, der die Nachricht zur Station gebracht und

aus Furcht, Quawa werde vor dem Eintreffen der Europäer entfliehen,

einen Zug gegen Quawa unternommen hatte. Um 5 Uhr nachmittags traf der

Jumbe ein, mit drei Boys von Quawa, die gefangen waren. Von den Boys

erfuhr ich, daß er nach Makibuta gehen wolle. Er führe einen Karabiner

Modell 71 bei sich, an dem vor einigen Tagen der Lauf an der Mündung

geplatzt sei, was ihn sehr beunruhigt habe. Sein Begleiter habe eine

Jägerbüchse. -- Den Ombascha mit fünf Askaris und fünf Wahehe schickte

ich nach Makibuta, blieb aber selbst mit den übrigen Leuten hier, weil

die am großen Ruaha verloren gegangene Spur Quawas nach Pawaga zeigte

und hier das Stehlen in den im dichten Gebüsch versteckten Schamben

und den so sehr verstreuten Hütten sehr leicht ist. -- Am 16. Juli

1898 wurde das Weib des Quawa begleitenden Mannes gegen Morgen 4 Uhr

ergriffen. Sie sagte, Quawa wäre vom großen Ruaha nach dem südlichen

Teile von Pawaga gegangen, von wo er nach dem Utshungwegebirge zurück

wolle. Sie selbst sei ausgerissen und irre die ganze Nacht umher.

Mittags erhielt ich Nachricht, daß Quawa Mais und ein Schaf geraubt

habe. Ich nahm sofort die Verfolgung auf. Die Spur, ins Pori in

westlicher Richtung führend, konnten nur die Wahehe erkennen. Gegen

5 Uhr verloren auch sie dieselbe und konnten sie bis zum 17. d. Mts.

trotz des Umherstreifens nicht wiederfinden. Quawa mit seinem Getreuen

und den Boys marschierten jeder in einer anderen Richtung. Das Schaf

wurde mit zugebundenem Maule getragen. Am 18. d. Mts. kam der Ombascha

zurück. Am 19. schritten wir am linken Ruahaufer in der Richtung Iringa

nach der Stelle zurück, wo wir am 16. die Spur verloren hatten. Hier

gingen wir durch den Busch auf Humbwe zu. Mittags 12 Uhr erreichte ich

es mit dem Ombascha Adam Ibrahim, Askari Said Ali I und Said Borelli

und dem Uhehe-Msagira Mtaki. Wir machten Halt, um die zurückgebliebene

Karawane zu erwarten. Plötzlich sahen wir einen etwa fünfzehnjährigen

nackten Knaben auf uns zukommen, der, sobald er uns sah, die Flucht

ergriff, aber doch eingefangen wurde. Auf energisches Zureden gestand

er, der vierte Boy Quawas zu sein. Er war des Morgens weggelaufen.

Quawa liege drei Stunden weit krank danieder und spucke Blut. Gestern

abend habe Quawa seinen Begleiter erschossen. Sofort brachen wir auf.

Eine halbe Stunde marschiert, hörten wir in südwestlicher Richtung

einen Schuß fallen. Um 2 Uhr nachmittags waren wir nach Aussage des

Boys Quawa sehr nahe. Ich beschloß jetzt, Gepäck abzulegen und die

Schuhe auszuziehen. Um die Stelle zu beobachten, kletterte ich auf

einen Baum. Da der Boden sehr steinig war, war der Marsch ohne Schuhe

sehr schmerzhaft. In kurzer Entfernung sahen wir Rauch aufsteigen.

Wir mußten etwa 200 Meter auf dem Bauche rutschen. Jetzt konnten wir

nicht näher heran, ohne gehört zu werden. Wir sahen zwanzig Schritt vor

uns zwei Gestalten, anscheinend schlafend, liegen. Die eine wurde von

dem Jumben als Quawa bezeichnet. Da sehr viel dichtes Gebüsch in der

unmittelbaren Nähe war und ein Sprung genügt hätte, daß uns Quawa vor

der Nase entwischt wäre, wie’s ihm schon oft gelungen, schossen wir auf

ihn. Unsere Schüsse waren umsonst; Quawa hatte seinem Leben selbst ein

Ende gemacht. Bei ihm war noch nicht die Leichenstarre eingetreten, und

den Schuß, den wir gehört, hatte er sich selbst gegeben.“ --

So bleibt der 2. Kompagnie das Verdienst, den Quawafeldzug zum guten

Ende geführt zu haben; sie allein hat mit Quawa direkt zu tun gehabt,

sie hat ihn aufgestöbert und verfolgt, so ist es nur recht und billig,

daß ihr auch jetzt, gerade noch vor Toresschluß, zu dem soldatischen

Ruhme treuester Pflichterfüllung auch der materielle Lohn zuteil wird:

5000 Rupien -- etwa 8000 Mark hatte bekanntlich das Gouvernement auf

Quawas Kopf gesetzt! Dieses Preisausschreiben sollte nur noch bis

zum 1. August in Kraft bleiben, es fehlen also nur noch 14 Tage, und

Feldwebel Merkl und die 2. Kompagnie wären um den wohlverdienten Lohn

gekommen.

Der Jubel, der unsere kleine Welt hier erfüllt, kennt keine Grenzen.

Europäer, Soldaten und Eingeborene, einmütig feiern sie alle Tom als

den Führer, durch dessen Umsicht und Tatkraft der Quawafeldzug nun

endlich beendet ist. Leutnant Kuhlmann hatte alles mögliche ersonnen,

um Tom zu ehren, und auch ich kam nicht zu kurz bei all dem Jubel:

die Soldatenfrauen trugen mich im Triumphzug durch die Straßen mit

Freudengeschrei und Jauchzen. Halb betäubt von dem ohrenzerreißenden

Lärm und nicht ohne blaue Flecke wurde ich von Leutnant Kuhlmann der

freudetrunkenen Schar entzogen und beim Griechen in eine weniger

lebensgefährliche Umgebung gebracht; aber auch hier folgte man mir;

gegen 200 Weiber kamen, um mich dort zu feiern; wie vor ihrem Sultan

lagen sie vor mir am Boden, mit Jubelgeschrei und Grüßen. Eimerweise

ließ ich ihnen Scherbet (Fruchtlimonade) reichen. Die Soldaten

machten ihrem Jubel durch tolles Schießen Luft, sie waren ja auch in

der Tat „die Nächsten dazu“ -- war doch kaum einer unter ihnen, der

im Laufe dieser sieben Kriegsjahre nicht an einem Zuge gegen Quawa

beteiligt gewesen war. Aber der Wahrheit die Ehre: wir Europäer gaben

uns dem Jubel über unsern Erfolg ebenso freudig hin. Bei Beginn der

Dunkelheit brachte die Kompagnie uns einen prächtigen Fackelzug, an

der Spitze Leutnant Kuhlmann, der Tom einen Kranz überreichte, und die

Unteroffiziere. Dann zogen Tom und ich an der Spitze des Zuges durch

die Stadt, Tom brachte ein „Hoch“ aus auf den obersten Kriegsherrn,

unsern geliebten Kaiser Wilhelm, dann forderte Leutnant Kuhlmann

die Kompagnie zu einem „Hoch“ auf ihren Hauptmann auf. Unter dem

Siegesgesang der Sudanesen zogen wir dann nach unserm Hause, wo ich

mich verabschiedete, während Tom wieder mit zum Griechen mußte. Es

dauerte lange, bis auf die große Aufregung dieses bedeutungsvollen

Tages die Reaktion eintrat, aber allmählich kam doch die Erschöpfung,

und ich fiel in einen festen wohltätigen Schlaf. --

Tom machte von Quawas Kopf eine photographische Aufnahme. Noch im Tode

gönnt dieser mächtigste und tatkräftigste aller Negerfürsten, dessen

Antlitz gesehen zu haben sich bisher kein Weißer rühmen kann, seinen

Todfeinden nicht den Anblick seines wahren Gesichtes, er hat sich in

den Kopf geschossen, so daß seine Züge entstellt sind. Doch ist das

Charakteristische des Kopfes noch zu erkennen: kleines Gesicht mit

eigenartigen, geschlitzten und dennoch verhältnismäßig großen Augen;

starke Nase, wulstige Lippen, besonders die Unterlippe auffallend

herabhängend, fast bis zu dem stark hervortretenden energischen

Kinn; dieses Kinn, die wulstigen Lippen und die vorgeschobenen

Kinnladen geben dem Kopf einen ausgesprochenen Zug von Grausamkeit

und Willenskraft. Eine stark angeschwollene Beule auf der Stirn, von

einem Speerstich herrührend, hat wohl den Anlaß zu der weitverbreiteten

Meinung gegeben, Quawa trage ein Horn an der Stirn. Wie Feldwebel

Merkl berichtet, war Quawa von großer, sehr kräftiger Gestalt, etwa

1,80 Meter. Sein Körperbau entsprach also vollkommen dem gewaltigen

Herrschergeist und dem eisernen Willen dieses letzten Sultans von

Uhehe. Seine Tat, als er sein Reich und sich selbst verloren gab,

entsprach diesem blutigen und doch in seinem Verzweiflungskampfe uns

sympathischen Despoten: seinen letzten, treuen Begleiter erschoß er auf

der Flucht, um nicht wie ein gewöhnlicher Mensch allein, ohne eine dem

tapferen Häuptling und Krieger gebührende Begleitung ins Jenseits zu

gehen!

[Illustration]

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Siebentes Kapitel.

Im Frieden. Besichtigungsreisen.

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 121 / 132 题