Wir machten einen Ausflug nach Langomoto, herrliche Bergpartien, von
denen wir die Stätten der zahlreichen Quawakämpfe übersehen konnten.
Auf Anraten des _Dr._ Drewes, der von Muhanga gekommen war, bewilligte
Tom einen Ruhetag -- zu meiner Freude, denn dadurch gewinnen wir einen
Tag für das schöne Dabagga.
+Iringa+, 21. Juli 1898.
Endlich! Endlich! Aus vollem, dankbarem Herzen möchte ich es
hinausjubeln in alle Welt, die Freudenbotschaft: „All’ Fehd’ hat nun
ein Ende“ -- +Quawa ist tot!+ Mit dieser Nachricht erst ist Toms sieben
Jahre langer Kampf um den Besitz Uhehes zum guten Ende gelangt! Wie
dankbar bin ich, daß meinem Mann nun die Freude ward, das Werk seiner
unsäglichen Mühe und Sorge, die Arbeit von sieben Jahren voller Kämpfe
und Strapazen mit Erfolg gekrönt zu sehen. Nun ist der Name Tom Prince
für immer verknüpft mit der Geschichte unserer deutschen Kolonien. Wer
will es mir, seiner Frau, verdenken, wenn ich mit frohem Stolze auf den
Geliebten blicke; ist er mir doch durch dieses letzte Ereignis in dem
blutigen Vernichtungskampfe erst so recht eigentlich neu geschenkt!
Wie oft zitterte ich um sein Leben, wenn ich ihn auf dem Zuge gegen
Quawa wußte, mit welcher Furcht, mit welch heißem Gebet traf ich stets
die Vorbereitungen für seinen Marsch -- und durfte ihm doch das Herz
nicht schwer machen mit meiner Angst, mußte Frohsinn heucheln, während
mir die Angst die Gedanken benahm -- und nun steigt die Morgenröte des
Friedens strahlend über unsern schönen Bergen auf! --
Das Siegeszeichen, welches Feldwebel Merkl heute bei Tom ablieferte,
ist freilich gräßlich -- und doch gab es keinen anderen Ausweg, den Tod
unseres furchtbarsten Feindes dergestalt _ad oculos_ zu demonstrieren,
daß kein Zweifel mehr an seiner endgültigen Vernichtung übrig bleiben
kann: Merkl brachte den Kopf des erschossenen Sultans Quawa mit zur
Station! Auf seinen ruhelosen Streifzügen durch sein ehemaliges Gebiet
war Quawa mit vier Boys, einem seiner letzten Getreuen und dessen Weib
und Kind endlich auch in den Bereich der 2. Kompagnie gekommen. Toms
Vertreter, Leutnant Kuhlmann, schickte sofort, als dies der Station
gemeldet wurde, wie üblich, den Feldwebel Merkl mit 14 Askaris und 10
Wahehe zur Verfolgung aus. Ich lasse am besten unseres braven Merkl
Bericht hier folgen:
„Pawaga erreichten wir am 15. Juli 1898 mittags 12 Uhr nach
dreizehnstündigem, anstrengendem Marsche. Wir versteckten uns im
dichten Busch und verkleideten uns als Wahehe. Hierher ließ ich mir den
Jumben Kissogrewe kommen, der die Nachricht zur Station gebracht und
aus Furcht, Quawa werde vor dem Eintreffen der Europäer entfliehen,
einen Zug gegen Quawa unternommen hatte. Um 5 Uhr nachmittags traf der
Jumbe ein, mit drei Boys von Quawa, die gefangen waren. Von den Boys
erfuhr ich, daß er nach Makibuta gehen wolle. Er führe einen Karabiner
Modell 71 bei sich, an dem vor einigen Tagen der Lauf an der Mündung
geplatzt sei, was ihn sehr beunruhigt habe. Sein Begleiter habe eine
Jägerbüchse. -- Den Ombascha mit fünf Askaris und fünf Wahehe schickte
ich nach Makibuta, blieb aber selbst mit den übrigen Leuten hier, weil
die am großen Ruaha verloren gegangene Spur Quawas nach Pawaga zeigte
und hier das Stehlen in den im dichten Gebüsch versteckten Schamben
und den so sehr verstreuten Hütten sehr leicht ist. -- Am 16. Juli
1898 wurde das Weib des Quawa begleitenden Mannes gegen Morgen 4 Uhr
ergriffen. Sie sagte, Quawa wäre vom großen Ruaha nach dem südlichen
Teile von Pawaga gegangen, von wo er nach dem Utshungwegebirge zurück
wolle. Sie selbst sei ausgerissen und irre die ganze Nacht umher.
Mittags erhielt ich Nachricht, daß Quawa Mais und ein Schaf geraubt
habe. Ich nahm sofort die Verfolgung auf. Die Spur, ins Pori in
westlicher Richtung führend, konnten nur die Wahehe erkennen. Gegen
5 Uhr verloren auch sie dieselbe und konnten sie bis zum 17. d. Mts.
trotz des Umherstreifens nicht wiederfinden. Quawa mit seinem Getreuen
und den Boys marschierten jeder in einer anderen Richtung. Das Schaf
wurde mit zugebundenem Maule getragen. Am 18. d. Mts. kam der Ombascha
zurück. Am 19. schritten wir am linken Ruahaufer in der Richtung Iringa
nach der Stelle zurück, wo wir am 16. die Spur verloren hatten. Hier
gingen wir durch den Busch auf Humbwe zu. Mittags 12 Uhr erreichte ich
es mit dem Ombascha Adam Ibrahim, Askari Said Ali I und Said Borelli
und dem Uhehe-Msagira Mtaki. Wir machten Halt, um die zurückgebliebene
Karawane zu erwarten. Plötzlich sahen wir einen etwa fünfzehnjährigen
nackten Knaben auf uns zukommen, der, sobald er uns sah, die Flucht
ergriff, aber doch eingefangen wurde. Auf energisches Zureden gestand
er, der vierte Boy Quawas zu sein. Er war des Morgens weggelaufen.
Quawa liege drei Stunden weit krank danieder und spucke Blut. Gestern
abend habe Quawa seinen Begleiter erschossen. Sofort brachen wir auf.
Eine halbe Stunde marschiert, hörten wir in südwestlicher Richtung
einen Schuß fallen. Um 2 Uhr nachmittags waren wir nach Aussage des
Boys Quawa sehr nahe. Ich beschloß jetzt, Gepäck abzulegen und die
Schuhe auszuziehen. Um die Stelle zu beobachten, kletterte ich auf
einen Baum. Da der Boden sehr steinig war, war der Marsch ohne Schuhe
sehr schmerzhaft. In kurzer Entfernung sahen wir Rauch aufsteigen.
Wir mußten etwa 200 Meter auf dem Bauche rutschen. Jetzt konnten wir
nicht näher heran, ohne gehört zu werden. Wir sahen zwanzig Schritt vor
uns zwei Gestalten, anscheinend schlafend, liegen. Die eine wurde von
dem Jumben als Quawa bezeichnet. Da sehr viel dichtes Gebüsch in der
unmittelbaren Nähe war und ein Sprung genügt hätte, daß uns Quawa vor
der Nase entwischt wäre, wie’s ihm schon oft gelungen, schossen wir auf
ihn. Unsere Schüsse waren umsonst; Quawa hatte seinem Leben selbst ein
Ende gemacht. Bei ihm war noch nicht die Leichenstarre eingetreten, und
den Schuß, den wir gehört, hatte er sich selbst gegeben.“ --
So bleibt der 2. Kompagnie das Verdienst, den Quawafeldzug zum guten
Ende geführt zu haben; sie allein hat mit Quawa direkt zu tun gehabt,
sie hat ihn aufgestöbert und verfolgt, so ist es nur recht und billig,
daß ihr auch jetzt, gerade noch vor Toresschluß, zu dem soldatischen
Ruhme treuester Pflichterfüllung auch der materielle Lohn zuteil wird:
5000 Rupien -- etwa 8000 Mark hatte bekanntlich das Gouvernement auf
Quawas Kopf gesetzt! Dieses Preisausschreiben sollte nur noch bis
zum 1. August in Kraft bleiben, es fehlen also nur noch 14 Tage, und
Feldwebel Merkl und die 2. Kompagnie wären um den wohlverdienten Lohn
gekommen.
Der Jubel, der unsere kleine Welt hier erfüllt, kennt keine Grenzen.
Europäer, Soldaten und Eingeborene, einmütig feiern sie alle Tom als
den Führer, durch dessen Umsicht und Tatkraft der Quawafeldzug nun
endlich beendet ist. Leutnant Kuhlmann hatte alles mögliche ersonnen,
um Tom zu ehren, und auch ich kam nicht zu kurz bei all dem Jubel:
die Soldatenfrauen trugen mich im Triumphzug durch die Straßen mit
Freudengeschrei und Jauchzen. Halb betäubt von dem ohrenzerreißenden
Lärm und nicht ohne blaue Flecke wurde ich von Leutnant Kuhlmann der
freudetrunkenen Schar entzogen und beim Griechen in eine weniger
lebensgefährliche Umgebung gebracht; aber auch hier folgte man mir;
gegen 200 Weiber kamen, um mich dort zu feiern; wie vor ihrem Sultan
lagen sie vor mir am Boden, mit Jubelgeschrei und Grüßen. Eimerweise
ließ ich ihnen Scherbet (Fruchtlimonade) reichen. Die Soldaten
machten ihrem Jubel durch tolles Schießen Luft, sie waren ja auch in
der Tat „die Nächsten dazu“ -- war doch kaum einer unter ihnen, der
im Laufe dieser sieben Kriegsjahre nicht an einem Zuge gegen Quawa
beteiligt gewesen war. Aber der Wahrheit die Ehre: wir Europäer gaben
uns dem Jubel über unsern Erfolg ebenso freudig hin. Bei Beginn der
Dunkelheit brachte die Kompagnie uns einen prächtigen Fackelzug, an
der Spitze Leutnant Kuhlmann, der Tom einen Kranz überreichte, und die
Unteroffiziere. Dann zogen Tom und ich an der Spitze des Zuges durch
die Stadt, Tom brachte ein „Hoch“ aus auf den obersten Kriegsherrn,
unsern geliebten Kaiser Wilhelm, dann forderte Leutnant Kuhlmann
die Kompagnie zu einem „Hoch“ auf ihren Hauptmann auf. Unter dem
Siegesgesang der Sudanesen zogen wir dann nach unserm Hause, wo ich
mich verabschiedete, während Tom wieder mit zum Griechen mußte. Es
dauerte lange, bis auf die große Aufregung dieses bedeutungsvollen
Tages die Reaktion eintrat, aber allmählich kam doch die Erschöpfung,
und ich fiel in einen festen wohltätigen Schlaf. --
Tom machte von Quawas Kopf eine photographische Aufnahme. Noch im Tode
gönnt dieser mächtigste und tatkräftigste aller Negerfürsten, dessen
Antlitz gesehen zu haben sich bisher kein Weißer rühmen kann, seinen
Todfeinden nicht den Anblick seines wahren Gesichtes, er hat sich in
den Kopf geschossen, so daß seine Züge entstellt sind. Doch ist das
Charakteristische des Kopfes noch zu erkennen: kleines Gesicht mit
eigenartigen, geschlitzten und dennoch verhältnismäßig großen Augen;
starke Nase, wulstige Lippen, besonders die Unterlippe auffallend
herabhängend, fast bis zu dem stark hervortretenden energischen
Kinn; dieses Kinn, die wulstigen Lippen und die vorgeschobenen
Kinnladen geben dem Kopf einen ausgesprochenen Zug von Grausamkeit
und Willenskraft. Eine stark angeschwollene Beule auf der Stirn, von
einem Speerstich herrührend, hat wohl den Anlaß zu der weitverbreiteten
Meinung gegeben, Quawa trage ein Horn an der Stirn. Wie Feldwebel
Merkl berichtet, war Quawa von großer, sehr kräftiger Gestalt, etwa
1,80 Meter. Sein Körperbau entsprach also vollkommen dem gewaltigen
Herrschergeist und dem eisernen Willen dieses letzten Sultans von
Uhehe. Seine Tat, als er sein Reich und sich selbst verloren gab,
entsprach diesem blutigen und doch in seinem Verzweiflungskampfe uns
sympathischen Despoten: seinen letzten, treuen Begleiter erschoß er auf
der Flucht, um nicht wie ein gewöhnlicher Mensch allein, ohne eine dem
tapferen Häuptling und Krieger gebührende Begleitung ins Jenseits zu
gehen!
[Illustration]
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Siebentes Kapitel.
Im Frieden. Besichtigungsreisen.