30. März 1898.

Tom ist wieder hinter Quawa her! Heute brachten unsere Wahehe einen

Trupp Gefangener ein; zu unserer freudigen Überraschung waren darunter

Quawas wichtigste Frauen und seine Schwester. Diese wollte Tom an

Quawa zurückschicken mit der Botschaft an ihren Bruder, er solle

sich mit seinem ganzen Anhange stellen, als Strafe würde er nur des

Landes verwiesen werden, sein Leben sei bei gutwilliger Unterwerfung

nicht bedroht. Allein die Schwester weigerte sich, diese Botschaft

zu überbringen, weil Quawa sie ohne weiteres dafür töten würde.

Es befanden sich weiter unter den Gefangenen fünf Sultanstöchter,

Schwestern des jetzigen Sultans Merere, der sie nach Ubena abholte,

ferner Tochter und Nichte des Sultans von Sikki, erstere eine

interessante Erscheinung, von präraffaelisch schlankem Wuchs mit feinen

Zügen und großen, traurig blickenden Augen -- ich mußte an die zarten

und doch so vornehmen Frauenbilder von Alessandro Botticelli denken.

Für Tom war diese Begegnung mit der Tochter des Sikkisultans von

besonderem Interesse: als er 1893 dessen Boma stürmte, waren gerade

Quawas Abgesandte dort, um diese Tochter für ihren Herrn als Frau zu

holen; sie entging damals nur knapp der Gefangenschaft -- heute hat sie

das Geschick doch ereilt. Sie berichtete uns, Quawa habe geäußert, wenn

er gewußt hätte, daß wir uns so lange in Uhehe halten würden, hätte er

sich gestellt; er habe angenommen, daß wir auch diesesmal, wie 1894,

bald wieder abziehen müßten.

Während ich beim Entwickeln photographischer Platten bin, höre

ich großes Geschrei -- eine gute Nachricht ist von der Expedition

eingetroffen: am 26. hat Tom das Lager Quawas aufgestöbert und

zersprengt: diesmal bestand es nur aus einzelnen, im Gebüsch

verstreuten Feuerstellen; der Sultan selbst entkam ins Pori, sein

Schwager fiel, einer seiner Schwiegersöhne und mehrere Weiber und

Kinder wurden gefangen, darunter ein sechzehnjähriger Sohn, alle

bis zum Skelett abgemagert. Tom schickte den ganzen Troß mit den

Wahehe zurück, um den Schein zu erwecken, die Expedition sei nach der

Station zurückgekehrt, er selbst blieb mit Leutnant v. der Marwitz

und den Unteroffizieren Schubert und Hammermeister im Versteck, um

die Versprengten noch einmal zu überraschen, die sich wahrscheinlich

an dieser Stelle wieder zusammenfinden würden. Eine der gefangenen

Quawafrauen hatte kurz vorher einen Knaben geboren; beide befinden sich

nach den Anstrengungen des Marsches wohl. Auch bei unserem Effendi ist

der Storch eingekehrt -- übrigens, um auch diese naturwissenschaftliche

Tatsache festzustellen: die jungen Erdenbürger kommen mit weißer

Haut zur Welt und bilden einen eigenartigen Farbenkontrast zu ihren

schwarzen Müttern; von der zweiten Woche an beginnen sie nachzudunkeln.

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 110 / 132 题