8. Februar 1898.

Es ist eine erschütternde Tragödie, die sich in unserem weltfernen

Winkel hier abspielt: der Kampf um die Heimat, und die Treue, mit

der dem vertriebenen Herrscher seine Krieger Gefolgschaft leisten,

versöhnt auch uns, seine Feinde, mit diesen schwarzen Söhnen der

Berge. 1½ Jahr dauert nun schon dieser Vernichtungskampf, Hunderte von

Kriegern sterben als Märtyrer ihrer Vasallentreue für einen Herrscher,

der ihnen weder Nahrung noch Kleidung mehr gewähren kann, während

sie täglich erfahren, daß ihre auf und bei den deutschen Stationen

angesiedelten Stammesgenossen ein sorgenfreies Dasein genießen. Die

Tragik dieses Kampfes, in welchem ein Volk für das Leben seines Sultans

verblutet, trat mir gestern recht ergreifend vor Augen: die Gefangenen

sollten über den Aufenthalt ihres Herrn aussagen. Man sah ihre innere

Aufregung, die Angst, als Aufrührer zum Tode verurteilt zu werden --

aber Quawas Name kam nicht über ihre Lippen. Das sind Feinde, denen man

die Achtung nicht versagen kann.

Ein anderes Verhör brachte etwas zu Tage, was Tom längst vorausgesehen

hatte: 26 von Unteroffizier Lachenmeyer eingebrachte Leute waren Spione

Quawas! Auf seinen Befehl hatten sie sich unterworfen, um ihren Herrn

mit dem Ertrage unserer Felder zu versorgen und ihm genaue Angaben über

die Stärke der einzelnen Stationen und detachierten Posten zu machen.

Dann sollte an einem bestimmten Tage der große Schlag gegen uns geführt

werden! Gott sei Dank, daß wir die Möglichkeit eines solchen Überfalles

niemals außer acht gelassen haben -- was wäre aus uns geworden, wenn

Tom im Gefühl scheinbarer Sicherheit die schärfste Beaufsichtigung

unserer neuen Ansiedler und Zuzügler nicht so streng durchgeführt hätte.

Unter diesen Spionen waren auch die Anführer des Überfalles von

Mtandi und der Mörder des unglücklichen Karsjens; sie waren dem

Feldwebel Merkl als Patrouillenführer mitgegeben worden; kein Wunder,

daß der Streifzug keinen Erfolg hatte. Karsjens hatte, wie sich nun

herausstellt, einen Schuß durch beide Oberschenkel erhalten, der ihn

niederstreckte, den von seinem Boy auf dem Feldbette niedergelegten

Wehrlosen hat der Mörder mit zwei Speerstichen in die Brust getötet.

Unsere Leute sind furchtbar erbittert; als für einen sofortigen

Streifzug unter Unteroffizier Schubert „Freiwillige vor!“ kommandiert

wurde, traten unsere Askaris sämtlich wie ein Mann vor.

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 95 / 132 题