Tom schickte die Zelte und Feldbetten zurück sowie alles Entbehrliche
-- wie wird es ihm nun bei der Regenzeit an allem fehlen. Ich fühle
mich krank vor Sorge und Aufregung. Sie folgen jetzt der Quawaspur.
_Dr._ Stierling hat schon seine chirurgischen Bestecke verpackt, um
bei der ersten Nachricht von einem Gefechte aufbrechen zu können. Jede
Nacht wird die Station alarmiert; diese ununterbrochene Aufregung
geht an die Nerven. Gestern hatte ich Pater Ambrosius als Gast --
seine Nachrichten lauteten auch nicht gerade beruhigend: an dem
kleinen See in der Nähe der Mission ist wieder ein Araber mit 15
Chakula-Trägern ermordet worden. Die Lebensmittel werden jetzt sehr
teuer, und wenn nun auch noch die Heuschrecken einfallen sollten, die
ich schon in dichten Wolken über uns hinwegziehen sah, dann haben
wir die Hungersnot im Lande. Im Garten habe ich täglich zwei Weiber,
die mit leeren Petroleumkannen einen Heidenlärm vollführen, um die
Heuschrecken abzuhalten. Meine Mädels müssen jetzt auch tüchtig mit im
Garten und Feld helfen, dafür brennen sie mir abends gern durch, um
sich herumzutreiben, wie z. B. gestern abend. Nachmittags war ich zum
Griechen gegangen, um einige Einkäufe zu machen, als ich in der Ferne
Trommelschlag hörte: Tom kehrte mit seiner Truppe zurück! Morgen ist
sein Geburtstag, ich hatte mich schon in den Gedanken eingelebt, den
Tag ohne ihn verbringen zu müssen!
Über den Verlauf seines Zuges erzählte Tom mir etwa folgendes:
Es war ihm gemeldet worden, Quawa beabsichtige einen Einfall in das
Tal Makaneras, wo er große Rinderherden wußte; auf dem Marsche dorthin
hatte er unsere 39 Wahehe bei einem Überfalle erschlagen, deren Leichen
Tom am Ruaha-Übergange noch vorfand. Nun änderte Quawa seinen Plan;
Tom hatte durch Überläufer die Lager von Quawas Leuten ermittelt
und ging mit Feldwebel Merkl und Hammermeister, 130 Soldaten, 160
ausgesucht tüchtigen Wahehe und dem Maximgeschütz am 4. Januar nach
dort ab. Eine neue Meldung, die sich aber als falsch herausstellte,
verursachte zunächst einen Zeitverlust von 48 Stunden, auch mußte Tom
sicherheitshalber einige Soldaten und 60 Wahehe von seinen Leuten
abzweigen.
In ununterbrochenem 21stündigen Marsche, bei strömendem Regen,
erreichten sie am 7. Januar Quawas Lager, dasselbe lag westnordwestlich
von Viransi in der Landschaft Quihangana auf hohen, mit breiten
Waldstreifen umgebenen Hügeln, übrigens sonst in ziemlich
übersichtlichem Gelände. Des Dickichts wegen konnte nur der Zugangsweg
für den Angriff benutzt werden, dessen letztes Stück einen dicht
überwachsenen Laubtunnel bildete. Das Lager selbst bestand aus etwa
250 im Dickicht verstreuten erbärmlichen Hütten, die so gut versteckt
waren, daß sie erst aus allernächster Nähe zu sehen waren; so war es
den Bewohnern leicht, beim ersten Alarm im Pori zu verschwinden.
Kaum waren unsere Leute, Tom und Merkl voran, aus dem Laubtunnel in
das eigentliche Lager eingedrungen, als sie sofort heftiges Feuer aus
Gewehren Modell 71 erhielten. Im Laufschritt nahmen unsere Wahehe den
Angriff auf und stürmten in das Lagerdorf, welches schnell geräumt war.
Vom Feinde fielen 19 Mann, darunter drei sehr wichtige Wasagira; unter
den gefangenen 100 Weibern und Kindern waren ein Sohn und zehn nahe
Verwandte Quawas. Die Leute sahen erbärmlich abgemagert aus; im ganzen
Lager, das an 1000 Insassen gehabt, fand sich nicht eine Last Getreide
vor. Zuletzt hatte Quawa überhaupt nur noch von der Jagd gelebt; er
soll kürzlich an 30 Elefanten erlegt haben, um für sich und seine
Anhänger Lebensmittel zu haben.
Quawa selbst entkam wieder. Tom erbeutete aber sein letztes Besitztum:
seinen Patronengürtel aus Otterfell, einen Speer und eine Anzahl
Lendenschurze und Halsschnüre aus Perlen von seinen Weibern und
Kindern. Unsere Wahehe haben sich bewährt, sie gingen mit solcher Wut
gegen die Quawaleute vor, daß sie von Greueltaten und Grausamkeiten
zurückgehalten werden mußten.
+Das ist ein großer Erfolg+, umso mehr, als dem Volk durch diesen
Angriff auf das von dem gefürchteten Sultan selbst befehligte Lager
nun ein gut Teil von dessen Nimbus des Unbesiegbaren geschwunden ist.
Patrouillen, die Tom zur Ermittelung von Quawas Aufenthalt ausschickte,
bestätigten die Mitteilungen unserer Gefangenen: Quawa tritt jetzt
persönlich in den Kampf, den er mit aller Verzweiflung nun um seine
Existenz führt. Jedes Gefecht kostet ihn einige seiner Anhänger, ein
Verlust, den er nie mehr ersetzen kann.