7. Januar 1898.

Tom schickte die Zelte und Feldbetten zurück sowie alles Entbehrliche

-- wie wird es ihm nun bei der Regenzeit an allem fehlen. Ich fühle

mich krank vor Sorge und Aufregung. Sie folgen jetzt der Quawaspur.

_Dr._ Stierling hat schon seine chirurgischen Bestecke verpackt, um

bei der ersten Nachricht von einem Gefechte aufbrechen zu können. Jede

Nacht wird die Station alarmiert; diese ununterbrochene Aufregung

geht an die Nerven. Gestern hatte ich Pater Ambrosius als Gast --

seine Nachrichten lauteten auch nicht gerade beruhigend: an dem

kleinen See in der Nähe der Mission ist wieder ein Araber mit 15

Chakula-Trägern ermordet worden. Die Lebensmittel werden jetzt sehr

teuer, und wenn nun auch noch die Heuschrecken einfallen sollten, die

ich schon in dichten Wolken über uns hinwegziehen sah, dann haben

wir die Hungersnot im Lande. Im Garten habe ich täglich zwei Weiber,

die mit leeren Petroleumkannen einen Heidenlärm vollführen, um die

Heuschrecken abzuhalten. Meine Mädels müssen jetzt auch tüchtig mit im

Garten und Feld helfen, dafür brennen sie mir abends gern durch, um

sich herumzutreiben, wie z. B. gestern abend. Nachmittags war ich zum

Griechen gegangen, um einige Einkäufe zu machen, als ich in der Ferne

Trommelschlag hörte: Tom kehrte mit seiner Truppe zurück! Morgen ist

sein Geburtstag, ich hatte mich schon in den Gedanken eingelebt, den

Tag ohne ihn verbringen zu müssen!

Über den Verlauf seines Zuges erzählte Tom mir etwa folgendes:

Es war ihm gemeldet worden, Quawa beabsichtige einen Einfall in das

Tal Makaneras, wo er große Rinderherden wußte; auf dem Marsche dorthin

hatte er unsere 39 Wahehe bei einem Überfalle erschlagen, deren Leichen

Tom am Ruaha-Übergange noch vorfand. Nun änderte Quawa seinen Plan;

Tom hatte durch Überläufer die Lager von Quawas Leuten ermittelt

und ging mit Feldwebel Merkl und Hammermeister, 130 Soldaten, 160

ausgesucht tüchtigen Wahehe und dem Maximgeschütz am 4. Januar nach

dort ab. Eine neue Meldung, die sich aber als falsch herausstellte,

verursachte zunächst einen Zeitverlust von 48 Stunden, auch mußte Tom

sicherheitshalber einige Soldaten und 60 Wahehe von seinen Leuten

abzweigen.

In ununterbrochenem 21stündigen Marsche, bei strömendem Regen,

erreichten sie am 7. Januar Quawas Lager, dasselbe lag westnordwestlich

von Viransi in der Landschaft Quihangana auf hohen, mit breiten

Waldstreifen umgebenen Hügeln, übrigens sonst in ziemlich

übersichtlichem Gelände. Des Dickichts wegen konnte nur der Zugangsweg

für den Angriff benutzt werden, dessen letztes Stück einen dicht

überwachsenen Laubtunnel bildete. Das Lager selbst bestand aus etwa

250 im Dickicht verstreuten erbärmlichen Hütten, die so gut versteckt

waren, daß sie erst aus allernächster Nähe zu sehen waren; so war es

den Bewohnern leicht, beim ersten Alarm im Pori zu verschwinden.

Kaum waren unsere Leute, Tom und Merkl voran, aus dem Laubtunnel in

das eigentliche Lager eingedrungen, als sie sofort heftiges Feuer aus

Gewehren Modell 71 erhielten. Im Laufschritt nahmen unsere Wahehe den

Angriff auf und stürmten in das Lagerdorf, welches schnell geräumt war.

Vom Feinde fielen 19 Mann, darunter drei sehr wichtige Wasagira; unter

den gefangenen 100 Weibern und Kindern waren ein Sohn und zehn nahe

Verwandte Quawas. Die Leute sahen erbärmlich abgemagert aus; im ganzen

Lager, das an 1000 Insassen gehabt, fand sich nicht eine Last Getreide

vor. Zuletzt hatte Quawa überhaupt nur noch von der Jagd gelebt; er

soll kürzlich an 30 Elefanten erlegt haben, um für sich und seine

Anhänger Lebensmittel zu haben.

Quawa selbst entkam wieder. Tom erbeutete aber sein letztes Besitztum:

seinen Patronengürtel aus Otterfell, einen Speer und eine Anzahl

Lendenschurze und Halsschnüre aus Perlen von seinen Weibern und

Kindern. Unsere Wahehe haben sich bewährt, sie gingen mit solcher Wut

gegen die Quawaleute vor, daß sie von Greueltaten und Grausamkeiten

zurückgehalten werden mußten.

+Das ist ein großer Erfolg+, umso mehr, als dem Volk durch diesen

Angriff auf das von dem gefürchteten Sultan selbst befehligte Lager

nun ein gut Teil von dessen Nimbus des Unbesiegbaren geschwunden ist.

Patrouillen, die Tom zur Ermittelung von Quawas Aufenthalt ausschickte,

bestätigten die Mitteilungen unserer Gefangenen: Quawa tritt jetzt

persönlich in den Kampf, den er mit aller Verzweiflung nun um seine

Existenz führt. Jedes Gefecht kostet ihn einige seiner Anhänger, ein

Verlust, den er nie mehr ersetzen kann.

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 91 / 132 题