Ich nahm mir den Ombascha und zwei Ruga-Ruga heute mit, um Tom
entgegenzugehen. Wahehekrieger, die uns begegneten, erzählten,
Tom sei dicht hinter ihnen; also trotz der tropischen Sonnenglut
munter vorwärts -- da kommt nach dreistündigem Marsche eine ganz
entgegengesetzte Meldung: Tom habe einen anderen Weg nach der
Station eingeschlagen! Das war eine böse Nachricht! Ich schickte
sofort den einen Ruga-Ruga quer durch den Wald nach der mutmaßlichen
Übergangsstelle am Ruaha, den Tom passieren mußte, den anderen ließ
ich in der von mir zuerst eingeschlagenen Richtung weitergehen; ich
selbst ging mit dem Ombascha auf demselben Wege zurück. Als wir am
Ruaha anlangten, hörten wir den Lärm der Karawane seitwärts von uns:
also den Ombascha (Gefreiten) im Laufschritt fortgeschickt, obwohl er
behauptete, das sei nicht desturi (Sitte, Gebrauch), und Tom werde ihn
bestrafen, wenn er mich allein im Walde gelassen habe; ich bestand aber
so fest auf meinem Willen, daß er schließlich doch forttrabte. Kurz vor
der Stadt erreichte er Tom und brachte mir in atemlosem Laufe diese
Nachricht zurück; auch mein Ruga-Ruga fand sich nach achtstündigem
Marsche wieder bei mir ein, so daß ich das letzte steile Stück Weg
frohen Mutes zurücklegen konnte. Wir kamen gerade noch zurecht, um an
dem feierlichen Einzuge in die Station teilnehmen zu können, wo die
heimkehrende siegreiche Truppe mit Jubel und Freude von den Einwohnern
begrüßt wurde.
Die Zählung der Gefangenen ergab die stattliche Zahl von 550 Köpfen.
Mit Ausnahme der Kinder Mpangires und seiner Halbschwester Fulimanga,
die wohl und gutgenährt aussehen, befinden sich die Frauen und
Kinder in einem elenden Ernährungszustand; wurden doch mehrere
dabei betroffen, als sie Raupen und Käfer als Nahrung für sich und
ihre Kinder sammelten! Mpangires Kinder, besonders einen hübschen
vierjährigen Knaben mit großen schönen Augen, hätte ich gern bei mir
behalten, die Politik gebietet aber, alle Mitglieder der ehemaligen
Sultansfamilie aus unserem Gebiete zu entfernen; Tom schickte sie mit
dem Lazarettgehilfen, der den kranken Bauleiter begleiten muß, zur
Küste. Auch Mgundimtemi kam, um die Kinder ihres Mannes und seine
Halbschwester Fulimanga zu begrüßen. Die hellen Tränen standen ihr in
den Augen; sie trauert noch um ihren Mann, weder Schmuck noch bunte
Tücher hat sie seit seinem Tode getragen.
Unser Garten am Ruahaufer steht in herrlichster Blüte, mit seinen
Rosen, Nelken, Astern und Balsaminen macht er einen ganz heimatlichen
Eindruck; jedenfalls ist er in seiner Art ein Unikum im tropischen
Innern Ostafrikas.
Während Toms Abwesenheit beehrte mich auch Merere wieder mit seinem
Besuch, ebenso seine Bibis; diese Huldigung, die nach afrikanischer
Sitte stets mit einem Gegengeschenk erwidert werden muß, machte eine
tüchtige Lücke in meine Vorratskammer. Für Tom brachte Merere ein
ethnographisch sehr interessantes Stück mit: das aus einem mindestens
zentnerschweren Stoßzahn geschnitzte Elfenbeinszepter des Sultans;
diese Stücke sind schon recht selten geworden. Übrigens hat die Kultur,
die alle Welt beleckt, sich auch auf unsern Freund Merere erstreckt: er
hat sich für 500 Rupien einen Esel gekauft -- zu meinem Bedauern; es
sah ganz stattlich aus und paßte so ganz in das afrikanische Milieu,
wenn Merere im goldgestickten schwarzen Rock und langen weißen Kanzu[7]
auf seinem großen schwarzen Reitochsen, einem Prachtexemplar seiner
Gattung, langsam einhergezogen kam. Aber Sultan Kiwanga reitet auf
einem Esel wie in Uleia (Europa), und Farhenga, der jetzt in Uhehe der
Mächtigste ist, hat sich ebenfalls einen Reitesel zugelegt, da war er
es natürlich seiner Würde schuldig, vom Ochsen gleichfalls auf den Esel
zu kommen.
Auf dem Marsche nach Likininda.
Jetzt sind wir wieder mal unterwegs! Oberlazarettgehilfe Prinage
sollte, wie ich schon schrieb, den kranken Bauleiter zur Küste bringen
und zugleich seinen Urlaub antreten, ein anderer Europäer war für
diesen vorgeschobenen Posten nicht verfügbar, so entschloß sich denn
Tom, selbst nach Likininda zu gehen und die Station so einzurichten,
daß sie einige Zeit hindurch dem sehr tüchtigen Betschausch überlassen
werden kann. Es haben sich bei der Boma dort bereits 40 Familien
angesiedelt, die zu Quawas Anhängern gehörten; unter ihnen ein früherer
Msagira Quawas, der seinem Herrn den Vorschlag gemacht hatte, sich den
Deutschen zu unterwerfen. Für diesen gutgemeinten Rat hat Quawa ihm
den Sohn erschlagen; einem andern hat er aus der gleichen Veranlassung
Vater und Bruder getötet! Also Krieg bis zur Vernichtung, jeder andere
Ausweg ist gänzlich ausgeschlossen.
Am 19. November brachen wir von Iringa auf, marschierten aber an
diesem ersten Tage nur bis an den Ruaha. Am 20. ging es 4½ Stunden
weit über Berg und Tal, weniger hoch wie steil, und deshalb besonders
anstrengend. Von dem Landschaftsbilde ist besonders nördlich in der
Ferne eine Felsengruppe bemerkenswert, die von den meist kuppenförmigen
Bergen sich durch ihre zerklüfteten Zacken auffallend abhob; der nicht
sehr hohe Gipfel erinnert mich lebhaft an den Dent du Midi. Beim
Aufsuchen eines guten Zeltplatzes fanden wir in einer Felshöhle drei
Trägerlasten mit Chakula. Zwar behauptete Farhenga, er habe die Lasten
in jener Höhle versteckt, da er aber über den Inhalt keine Angaben
machen konnte, wurde er tüchtig ausgelacht und die Lebensmittel an
die Askaris und Träger verteilt. Da war die Freude groß. In dieser
menschenleeren Gegend gibt es nirgends etwas zu kaufen oder zu --
stehlen, so daß unsere Leute nur auf die von der Station mitgenommenen
Vorräte angewiesen sind, und da sie diese auch noch selbst schleppen
müssen, ist es leicht erklärlich, daß nur sehr knappe Rationen auf den
Mann kommen. Ein Sack Mais, 60 Pfund, für zehn Träger auf vier Tage.
Dieser unerwartete Zuwachs zu unserem Reisevorrat hatte übrigens unsere
Schwarzen hellsichtig gemacht, sie krochen emsig in allen Winkeln der
Höhle umher und förderten wirklich noch ein paar Lasten zu Tage. Tom
verteilte gleich alles an die Träger, denen eine Extramahlzeit wohl
zu gönnen war, und machte dabei aus der Not eine Tugend: hätten wir
die Vorräte unberührt gelassen, so durften wir sicher sein, daß in der
nächsten Nacht uns sämtliche Träger ausgekniffen wären, um sich an den
Lebensmitteln gütlich zu tun, deren Versteck ihnen nun einmal bekannt
geworden war. Am Nachmittag führt uns Farhenga an eine interessante
Felsenformation, einen überhängenden Felsblock von gewaltigen
Dimensionen, unter dessen Wölbung bequem zwei Zelte Platz gefunden
hätten; schade, daß wir den schattigen kühlen Lagerplatz nicht früher
kannten.
+Dabagga+, 21. November 1897.
Heute nur drei Stunden marschiert, da ich nicht recht wohl. Im dichten
Busch, wo kaum ein Sonnenstrahl durchdringt, schlägt Tom sein Bureau
auf und schreibt seine Berichte, während ich auf dem Feldbette mich
gesund schlafe. Auf dem ganzen Marsche war ich wieder einmal ganz
die gebietende Sultanin, so etwas wie „Königin von Saba“, die ja
übrigens, wenn ich nicht irre, auch „aus hiesiger Gegend“ stammte. Toms
aufmerksame Fürsorge ebnete mir den Weg durch die Wildnis. Der Marsch
führte durch fruchtbares, wenn auch nicht angebautes Bergland. Unsere
Wahehe fühlten sich in dem frischen Bergklima nicht so wohl wie in den
wärmeren Teilen Uhehes, da es ihnen zu kühl und feucht hier oben.
Eine Zeitlang folgten wir einer Elefantenspur, ohne jedoch auf die
Tiere selbst zu stoßen -- zu meinem Bedauern -- ich hätte diese
Riesen, deren elementare Gewalt wir an den umgerissenen Bäumen und dem
zerstampften Boden erkennen konnten, gern einmal in Natur betrachtet.
Der Wald bot wundervolle Bilder: mannshohe Farne, üppig wucherndes
Unterholz und Bambus, dazwischen rankten sich Schlinggewächse von
Baum zu Baum, und das alles überspannt von dem dichten Blätterdach
der Baumkronen, durch welches sich nur verstohlen hier und da ein
Sonnenstrahl verlor. Die einzelnen Stämme fielen weniger durch ihren
Umfang wie durch ihre gewaltige Höhe auf, leider waren die Lichtungen
zu gering, um den zum Photographieren nötigen Abstand nehmen zu können;
ich hätte gern einige Aufnahmen gemacht, um im Vergleich mit den
Gruppen unserer Begleiter die menschliche Gestalt als Maßstab für die
Baumriesen zu gewinnen. Im Laufe des Nachmittags passierten wir ein
schönes, von einem hellen Gebirgsbach durchflossenes Tal, welches durch
seine besonders in die Augen fallende Fruchtbarkeit unser Interesse
erregte. Während wir uns über diese zur Ansiedelung einladende Stelle
unterhielten, fiel es uns auf, daß unsere ganze Karawane, ganz gegen
ihre sonstige Gewohnheit, sich lautlos, schweigend weiter bewegte, Tom
und mich mit ängstlichen Blicken streifend. Auf Befragen wurde uns die
Erklärung, dies sei das Tal des _Muúngu_ (Gott), welches die Menschen
nur +schweigend+ betreten dürften, -- wer dies Gebot übertrete, über
den habe der _Sheitani_ (Teufel) Macht und werde ihm auf dem weiteren
Marsche Übeles antun. Um uns von dem Verdachte zu reinigen, daß wir
nunmehr dem _Sheitani_ verfallen, ließ Tom zum Entsetzen der Karawane
Signale blasen, die das Echo der Berge weckten; als da kein _Sheitani_
erschien, beruhigten sich die abergläubischen Schwarzen sichtlich
-- der schwarze Teufel hat also augenscheinlich keine Gewalt über
Europäer. -- Wir fanden dieses ganze Berggebiet sehr fruchtbar, Wasser
gab’s überreichlich, Bergbäche mit kristallklarem Wasser durchziehen
die Täler, üppiger Farnwuchs deutet auf guten Boden. Zum Plantagenbau
ist die Gegend sicher besonders geeignet, ob für den Pflug, scheint mir
fraglich; die Hänge sind sehr steil.
+Kuifuiri+, 23. November 1897.
Die Märsche sind sehr anstrengend, besonders die Lianen zwingen zu
großer Vorsicht beim Reiten; einmal wäre ich fast von meinem Maultiere
herabgerissen worden, da sich eine Ranke mir um den Hals geschlungen;
zum Glück hatte Tom es sofort gesehen und konnte sie durchschneiden,
aber der Hals ist mir jetzt nach Tagen noch zerkratzt und zerschunden.
Die Marschverpflegung besteht für Tom früh in einem Teller Milch
(von den Kühen, die wir für die Station mitführen); ich esse, meines
Magenleidens wegen, Mehlbrei. Während wir an schattiger Stelle in
dem köstlichen klaren Wasser ein Bad nehmen, wird das Schlafzelt
abgebrochen, während des Frühstücks auch das Wohnzelt; dann ertönt
Toms Signalpfeife, und die Karawane ordnet sich zum Aufbruch. Während
des Marsches gibt es kalten Tee. Am Lagerplatz angelangt, werden
zunächst Tisch und Stühle aufgestellt, dann die Zelte gerichtet. Zum
Abendessen wie zum Frühstück Fleisch oder Wurst sowie Wasser mit
Kognak. Als abendliche Lektüre haben wir diesmal Treitschkes Deutsche
Geschichte mitgenommen, auch die alten Zeitungen kommen hier noch
einmal zu Ehren. Um den Abend im Freien verbringen zu können, wird
eine Blätterlaube errichtet, in der Tom seine schriftlichen Arbeiten,
Berichte usw. erledigt, dann spielen wir gewöhnlich noch eine Partie
Schach oder Halma, bis das Abendessen fertig. Suppe aus Knorrschen
Suppentafeln, Schaf- oder Hühnerfleisch, Wild, Reis mit Curry, Pickles.
+Uquega-Likininda+, 2. Dezember 1897.
Die letzten Tage machten wir nur kurze Märsche von etwa je 3½ bis 4
Stunden, allein die Flußübergänge machten sie recht beschwerlich: der
Funsuku mit seinen steilen Ufern wird mir besonders in Erinnerung
bleiben, zunächst rutschte ich auf einem Steine den steilen Abhang
bis zum Flusse hinab, ein abgekürztes Verfahren, welches mir von den
Treppengeländern aus der Kinderzeit im Elternhaus noch geläufig war
und mich der halsbrecherischen Kletterei enthob. Durch den Fluß,
den wir der Klippen wegen nicht durchreiten konnten, ging’s dann in
vorsichtigen Sprüngen von Stein zu Stein.
Den Lukossi konnten wir durchreiten. Der Strom ist leider für die
Bootfahrt nicht zu benutzen, seine Stromschnellen und Wasserfälle sind
zwar recht malerisch, verhindern aber den Verkehr zu Wasser mit dem
großen Ruaha. Die Station Likininda liegt auf einer freien, weithin
sichtbaren Höhe inmitten einer guten Gras-Landschaft. Förster Ockel kam
uns am Fuße des Berges entgegen. Seinen Ansprüchen genügt die Gegend
nicht zum Anlegen einer Musterfarm, auch hält er sie für zu steil,
als daß man hier mit dem Pflug viel ausrichten könnte; ich fürchte
übrigens, daß er auch auf dem weiteren Entdeckungszug in der Nähe
kaum ein Gelände finden wird, das seinen europäisch hochgestellten
Anforderungen entsprechen wird: eine viel größere ebene Fläche mit
üppig wuchernden Farnen, dem Anzeichen fruchtbaren und kulturfähigen
Mutterbodens, wird er kaum finden, und unter dem tut er’s nicht.
Er soll sich jetzt Herrn v. Prittwitz anschließen, um die Gegend
nach Perondo zu sich anzusehen. Förster Ockel hat als tüchtiger
Weidmann unseren Tisch reichlich mit Antilopenfleisch versorgt.
Oberlazarettgehilfe Prinage war schon ganz nervös vor freudiger
Aufregung: er möchte rechtzeitig zu dem am 5. Januar von Dar-es-Salaam
abgehenden Dampfer kommen, um seinen Heimatsurlaub in Deutschland zu
verleben. Tom entließ ihn denn auch gleich nachmittags, gleichzeitig
entsandte er aber auch einige Züge Wahehe in die Berge, die richtig
am 27. November 20 Weiber und Kinder einbrachten; von Quawas Kriegern
waren drei gefallen. Dieses fortwährende Inatemhalten ist das einzige
Mittel, unseren Todfeind nach und nach so zu isolieren, daß ihm weder
Anhänger noch Lebensmittel bleiben. Deshalb bedeuten die gefangenen
Weiber für uns insofern einen Erfolg, als nach Negerart den Frauen alle
Feldarbeit obliegt.
Am 29. kam Herr v. Prittwitz an, der im Augenblick sich auch mit der
Wegaufnahme beschäftigte. An einem großen Zuge, den Tom jetzt vorhat,
wird er sich beteiligen; auch einigten sich die Herren darüber,
wie die Leute in Muhanga zur Ansiedelung zu bewegen seien, in der
Art, wie es seinerzeit bei uns in Iringa gelungen war; Tom überließ
Herrn v. Prittwitz zur besseren Durchführung dieses Planes unseren
bisherigen Begleiter Farhenga. Wir verlebten recht gemütliche Abende
mit ihm, bis er am 2. Dezember abzog. Am Tage vor Herrn v. Prittwitz’
und Ockels Abmarsch kam der zweite Zug Wahehe zurück, den Tom in die
Berge geschickt hatte, er brachte 33 Weiber und Kinder ein, mehrere
Quawa-Krieger waren gefallen.
+Lukossi+, 3. Dezember 1897.
Von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr Verteilung der Gefangenen an die Wahehe,
zum Zwecke schärferer Beaufsichtigung und Ausgabe von Chakula an
Askaris und Träger. Um 8 Uhr Abmarsch nach dem Lukossi-Fluß, der
Übergang nahm 1½ Stunde in Anspruch, besonders der steilen Ufer wegen.
Mein kleiner Ombascha Achmed zeigte seine Schwimmkünste; er hat sicher
früher zu den Jungen gehört, die in Aden vor den Dampferpassagieren
ihre Fertigkeit im Schwimmen und Tauchen produzieren, indem sie nach
kleinen Geldstücken tauchen, die ihnen von Bord aus zugeworfen werden.
Es wurde unerträglich heiß: nirgends ein Baum oder Strauch, nur der
heiße ausgedörrte Boden, dazu kein Lufthauch -- der Marsch über die
steilen kahlen Berge in der glühenden Sonnenhitze ließ mich die Leiden
einer Safari gleich _en gros_ empfinden. So kamen wir nur 2½ Stunden
weit. Auch das Lager mußten wir an einem gänzlich schattenlosen
Bergabhang aufschlagen und den Tag über im Zelt bleiben. Das einzig
Angenehme dieses Marschtages war ein hübscher Blick nach einem
Wasserfall, deren der Lukossi hier eine ganze Anzahl bildet.
+Manasanga+, 4. Dezember 1897.
Viereinhalb Stunden marschiert, mit ½stündiger Pause, meist durch
bewaldete Berge. Wir fanden einige gut versteckte Maisfelder von Quawas
Leuten, die frischen Maiskörner schmeckten ganz gut; ich fing einen
prächtigen grünen Schmetterling von einer mir ganz neuen Art. Während
des Marsches plötzlich „Halt!“, alles kauert im Grase nieder: Feind
in Sicht! Ich machte mich fertig, um in dem in Aussicht stehenden
Gefecht nicht als müßige Zuschauerin beiseite zu stehen, aber der
Feind, eine Anzahl schwarzer Gestalten, hielt nicht stand, sondern
verschwand eiligst im Pori; unsere verfolgenden Askaris und Wahehe
brachten richtig wieder fünf Weiber an, von denen die eine wieder zu
ihren Leuten entlassen wurde, um sie zur Ansiedlung bei der Station zu
bewegen. Abends stellten sich dann auch drei Männer, große, stattliche
Gestalten mit offenen, klugen Gesichtern, jetzt aber erbärmlich
abgehungert; sie hatten mit ihren Weibern die Felder bebaut, die wir
heute passiert, und Quawa mit Mais versorgt. -- Das Gelände scheint
günstiges Ansiedlungsgebiet, flache Hügel mit gutem Boden.
Landschaft +Quihangana Mwakikongo+, 8. Dezember 1897.
Vier anstrengende Marschtage mit allerhand Aventiuren und
Fährlichkeiten. Zunächst verschwand am 5. Dezember morgens, als wir
die Landschaft Majida (Mapalele) passierten, ein Träger mit der Last
(es war die Kiste mit Schwämmen, Seife und anderem notwendigen Gerät).
In 5¾stündigem Gewaltmarsch, ohne die übliche, längere Pause, kommen
wir bis Kanugare. Hier hat jeder Berg, jedes Tal, jeder Fluß seinen
besonderen Namen. Unterwegs hatte Tom das hier seltene Jagdglück, eine
Elen-Antilope zu schießen, ein besonders stattliches Tier. Wir nahmen
die Decke für uns, das Fleisch ließen wir den Trägern (der Rücken
allein bildete eine Trägerlast), die sich tagelang daran labten. Am
anderen Tag hatten wir ein tüchtiges Gewitter, das Lager also denkbar
ungemütlich. Das Gebiet durchweg fruchtbar und für Ansiedler geeignet;
hier wäre der Platz für Plantagen- und Ackerwirtschaft. Im Gegensatz
zu den dürren Steppenflächen, in denen die trockenen, harten Grashalme
büschelweise aus dem ausgedörrten Boden zwei bis drei Meter hoch
emporschießen, hier in den Gebirgstälern herrliche Wiesen, reichliche
Bewässerung durch klare, wasserreiche Bäche, deren sich oft mehrere in
ein und demselben Tale finden. Selbst der Blumenschmuck fehlt nicht,
die Rasenfläche ist bunt übersät mit den mannigfachsten Arten von
Feldblumen -- mein galanter Gatte pflückte mir heute einen prachtvollen
Strauß, und was sonst den afrikanischen Blumen fehlte, fand ich hier:
sie dufteten lieblich.
Am 7. Dezember wurden uns wieder Gefangene eingebracht, die das
bestätigten, was Toms Patrouillen erkundet hatten: in der Nähe ein
großes Feindeslager. Der Ombascha, der mit den Askaris sofort dahin
aufbrach, fand aber die Vögel bereits ausgeflogen und mußte sich
begnügen, das Lager zu zerstören. Am 8. Dezember wieder 5 Stunden
marschiert, mit einem Umweg in die Landschaft Quihangana-Mwakikongo.
Die Gegend scheint ihres Grasreichtums am meisten zur Viehzucht
geeignet. Unterwegs wurden mit dem Feinde einige Schüsse gewechselt,
auf feindlicher Seite ein Toter, dann großes Schauri mit den
Gefangenen, kurzen, gedrungenen Gestalten mit wahren Galgengesichtern,
während die Wahehe doch eigentlich durchweg stattliche, hübsche Leute
sind, ihre Weiber freilich sind fast ohne Ausnahme häßlich, so daß man
sich fragen muß, wie solche häßlichen Frauen meist so ansehnlichen
Söhnen das Leben geben können. Bei uns ist jetzt Schmalhans
Küchenmeister; die nachbestellten Träger sind nicht eingetroffen,
Gott weiß, wo sie stecken. Nun sind Brot, Mehl, Zucker, Wein, Tee,
Kaffee und Salz auf die Neige gegangen. Dagegen hilft nur ein Mittel,
der Humor, und der ist reichlich vorhanden. Während wir zum Frühstück
Yams und Bataten (die süßlichen Verwandten unserer braven deutschen
Kartoffel) verspeisen, schwelgen Askaris und Träger in Elenbraten.
Dem Geruch nach zu urteilen, der zuweilen zu uns herüber dringt,
befindet sich das Wildpret bereits in einem Zustand, für den _„le plus
haut-gôut“_ nur eine schwache Andeutung ist.
Station +Iringa+, 11. Dezember 1897.
Über Ugawiro (am 9.) und Himbu (am 10.) heute glücklich wieder
eingerückt. Auch diese letzten Tage wurden wir durch feindliche Wahehes
belästigt, so daß ich einmal schon glaubte, selbst zum Revolver greifen
zu müssen. Sie ließen einen Toten am Platze, einen Verwundeten nahmen
sie mit. Eine Anzahl wurde gefangen eingebracht, andere stellten sich
freiwillig. Nachmittags hatte ich viel zu tun; ich verband die Wunden
und freute mich, zu beobachten, wie dankbar und anhänglich die Leute
für diese Hilfe waren. Die Gegend wurde etwas steiniger, der Boden war
jedoch immer noch gut. Wir fanden viele Termitenhügel im Walde, während
solche sonst meist nur auf baumlosen Flächen vorkommen. Ich machte eine
gelungene Aufnahme von einigen unserer Wahehe, die einen einzelnen
riesigen Felsblock erklettert hatten; ihre Wachsamkeit gleicht der
der Gemsen, jeden erhöhten Punkt benutzen sie zum Ausblick. -- Kurz
vor Himbu erreichten uns Boten von der Station mit Briefen: auf der
Station sind einige leichte Pockenfälle vorgekommen. Wir mußten zweimal
über den Mtitufluß, die Gegend ganz im Charakter wie bei Iringa.
In Himbu schickte uns der Msagira Tengulemembe durch seine Großen
Kartoffeln und Pombe als Geschenk, die ich mit einem bunten Tuche
erwiderte. Bei der üblichen Poliklinik nachmittags großes Gedränge:
jeder will zuerst verbunden sein. Am Wege wiederum Menschenschädel als
Spuren früherer Überfälle. In Himbu inspizierte Tom die von den Askaris
geschickt und mit einem gewissen Geschmack errichtete Boma. Das Dorf
machte einen vorteilhaften Eindruck, die Leute waren freundlich und
zutraulich -- noch vor wenigen Wochen würden sie uns überfallen und
ermordet haben. Während Tom Schauri hielt, ließ ich mir Tengulemembes
Kinder zeigen und schenkte der ersten seiner Frauen ein Tuch, das sie
mit großer Freude gleich anlegte. Da der Verwundeten so viele waren,
konnte ich sie nicht alle verbinden, sondern mußte an die Jumben
Verbandmittel für ihre Leute verteilen.
Die vermißten Lasten trafen ein, nun war wieder Vorrat von allem
vorhanden. Wir aßen an dem Tage gleich ein ganzes Brot auf. Zugleich
traf auch der Sudanesen-Ombascha Musa mit schlimmer Nachricht ein:
Sergeant Richter von unserer 2. Kompagnie ist verwundet. Richter war
mit acht Askaris einer feindlichen Spur gefolgt, als er sich plötzlich
Quawa gegenüber sah, der mit etwa 100 Mann -- davon die Hälfte mit
Hinterladern bewaffnet -- gleich Feuer auf den kleinen Trupp gab.
Es gelang dem Sergeanten, obwohl verwundet, mit zwei Askaris in das
Pori zu gelangen, wo er sich vier Tage lang ohne Nahrungsmittel, ohne
Wasser, geschwächt von Blutverlust, versteckt hielt, während der
Ombascha zur Station weiter eilte. _Dr._ Stierling ist gleich mit
Verstärkung zu Richter abgegangen, und die Station ist zurzeit ohne
ärztliche Hilfe -- trotz der Pocken. Das ist ein bedeutungsvoller
Zwischenfall: Quawa stellt sich also selbst zum Kampf, dem er bisher
immer auszuweichen wußte! Der Ort des Gefechtes liegt etwa 2 Stunden
Wegs abseits unserer letzten Safari-Route. Quawa und seine Anhänger
nennen Tom den „_Kapirimbu_“, d. h. „der alle Kraft an sich zieht“.
Noch immer ist die Furcht vor der Rache ihres ehemaligen Sultans groß:
unser Freund Kiwanga hat sich aus Ukalinga zurückgezogen und Schutz
vor einem Überfalle Quawas im Pori von Massalika gesucht, und gerade
jetzt kommt es darauf an, daß Kiwanga bei uns stand hält. An Stelle
des beurlaubten Grafen Fugger wird Leutnant Kuhlmann ihn aufsuchen und
seinen Mut wieder etwas auffrischen. Bei der Rückkehr nach der Station
Iringa empfing uns Leutnant Kuhlmann und zu unserer großen Überraschung
auch Leutnant Braun, der auf dem Wege zu Hauptmann v. Prittwitz’
Kompagnie ist. Abends 6 Uhr rückten wir ein, Leutnant Kuhlmann ließ es
sich nicht nehmen, das Ende unserer Safari mit Sekt zu feiern. Mit dem
Erfolge sind wir zufrieden; es war uns eine stolze Genugtuung, selbst
beobachten zu können, wie meines Gatten kluges Verhalten den Wahehe
gegenüber sich bewährt hat -- möchte doch endlich auch der letzte
Schlag gelingen, den bösen Geist der Auflehnung gegen die deutsche
Oberhoheit für immer zu bannen. Auch körperlich ist die Safari uns gut
bekommen, ich bin von der Sonne braun gebrannt, meine Hände haben die
Farbe reifer Kastanien.
Sonntag, den 12. Dezember 1897.
Seit 6 Uhr Rundgang durch die Station, im Bureau alles in Ordnung,
Feldwebel Merkl hat seine Sache wieder einmal gut gemacht. Dann Besuch
von zwei Missionspatres, die sich verabschiedeten. Zu Ehren Leutnant
Kuhlmanns, der, energisch wie immer, schon morgen abmarschiert, hatte
ich die Herren zum Mittagessen eingeladen, da sich aber mein Koch
und die Boys betrunken hatten, mußte ich mich auf belegte Brötchen
mit Bowle beschränken, die ich ohne diese schwankenden „Stützen der
Hausfrau“ herstellte.