14. November 1897.

Ich nahm mir den Ombascha und zwei Ruga-Ruga heute mit, um Tom

entgegenzugehen. Wahehekrieger, die uns begegneten, erzählten,

Tom sei dicht hinter ihnen; also trotz der tropischen Sonnenglut

munter vorwärts -- da kommt nach dreistündigem Marsche eine ganz

entgegengesetzte Meldung: Tom habe einen anderen Weg nach der

Station eingeschlagen! Das war eine böse Nachricht! Ich schickte

sofort den einen Ruga-Ruga quer durch den Wald nach der mutmaßlichen

Übergangsstelle am Ruaha, den Tom passieren mußte, den anderen ließ

ich in der von mir zuerst eingeschlagenen Richtung weitergehen; ich

selbst ging mit dem Ombascha auf demselben Wege zurück. Als wir am

Ruaha anlangten, hörten wir den Lärm der Karawane seitwärts von uns:

also den Ombascha (Gefreiten) im Laufschritt fortgeschickt, obwohl er

behauptete, das sei nicht desturi (Sitte, Gebrauch), und Tom werde ihn

bestrafen, wenn er mich allein im Walde gelassen habe; ich bestand aber

so fest auf meinem Willen, daß er schließlich doch forttrabte. Kurz vor

der Stadt erreichte er Tom und brachte mir in atemlosem Laufe diese

Nachricht zurück; auch mein Ruga-Ruga fand sich nach achtstündigem

Marsche wieder bei mir ein, so daß ich das letzte steile Stück Weg

frohen Mutes zurücklegen konnte. Wir kamen gerade noch zurecht, um an

dem feierlichen Einzuge in die Station teilnehmen zu können, wo die

heimkehrende siegreiche Truppe mit Jubel und Freude von den Einwohnern

begrüßt wurde.

Die Zählung der Gefangenen ergab die stattliche Zahl von 550 Köpfen.

Mit Ausnahme der Kinder Mpangires und seiner Halbschwester Fulimanga,

die wohl und gutgenährt aussehen, befinden sich die Frauen und

Kinder in einem elenden Ernährungszustand; wurden doch mehrere

dabei betroffen, als sie Raupen und Käfer als Nahrung für sich und

ihre Kinder sammelten! Mpangires Kinder, besonders einen hübschen

vierjährigen Knaben mit großen schönen Augen, hätte ich gern bei mir

behalten, die Politik gebietet aber, alle Mitglieder der ehemaligen

Sultansfamilie aus unserem Gebiete zu entfernen; Tom schickte sie mit

dem Lazarettgehilfen, der den kranken Bauleiter begleiten muß, zur

Küste. Auch Mgundimtemi kam, um die Kinder ihres Mannes und seine

Halbschwester Fulimanga zu begrüßen. Die hellen Tränen standen ihr in

den Augen; sie trauert noch um ihren Mann, weder Schmuck noch bunte

Tücher hat sie seit seinem Tode getragen.

Unser Garten am Ruahaufer steht in herrlichster Blüte, mit seinen

Rosen, Nelken, Astern und Balsaminen macht er einen ganz heimatlichen

Eindruck; jedenfalls ist er in seiner Art ein Unikum im tropischen

Innern Ostafrikas.

Während Toms Abwesenheit beehrte mich auch Merere wieder mit seinem

Besuch, ebenso seine Bibis; diese Huldigung, die nach afrikanischer

Sitte stets mit einem Gegengeschenk erwidert werden muß, machte eine

tüchtige Lücke in meine Vorratskammer. Für Tom brachte Merere ein

ethnographisch sehr interessantes Stück mit: das aus einem mindestens

zentnerschweren Stoßzahn geschnitzte Elfenbeinszepter des Sultans;

diese Stücke sind schon recht selten geworden. Übrigens hat die Kultur,

die alle Welt beleckt, sich auch auf unsern Freund Merere erstreckt: er

hat sich für 500 Rupien einen Esel gekauft -- zu meinem Bedauern; es

sah ganz stattlich aus und paßte so ganz in das afrikanische Milieu,

wenn Merere im goldgestickten schwarzen Rock und langen weißen Kanzu[7]

auf seinem großen schwarzen Reitochsen, einem Prachtexemplar seiner

Gattung, langsam einhergezogen kam. Aber Sultan Kiwanga reitet auf

einem Esel wie in Uleia (Europa), und Farhenga, der jetzt in Uhehe der

Mächtigste ist, hat sich ebenfalls einen Reitesel zugelegt, da war er

es natürlich seiner Würde schuldig, vom Ochsen gleichfalls auf den Esel

zu kommen.

Auf dem Marsche nach Likininda.

Jetzt sind wir wieder mal unterwegs! Oberlazarettgehilfe Prinage

sollte, wie ich schon schrieb, den kranken Bauleiter zur Küste bringen

und zugleich seinen Urlaub antreten, ein anderer Europäer war für

diesen vorgeschobenen Posten nicht verfügbar, so entschloß sich denn

Tom, selbst nach Likininda zu gehen und die Station so einzurichten,

daß sie einige Zeit hindurch dem sehr tüchtigen Betschausch überlassen

werden kann. Es haben sich bei der Boma dort bereits 40 Familien

angesiedelt, die zu Quawas Anhängern gehörten; unter ihnen ein früherer

Msagira Quawas, der seinem Herrn den Vorschlag gemacht hatte, sich den

Deutschen zu unterwerfen. Für diesen gutgemeinten Rat hat Quawa ihm

den Sohn erschlagen; einem andern hat er aus der gleichen Veranlassung

Vater und Bruder getötet! Also Krieg bis zur Vernichtung, jeder andere

Ausweg ist gänzlich ausgeschlossen.

Am 19. November brachen wir von Iringa auf, marschierten aber an

diesem ersten Tage nur bis an den Ruaha. Am 20. ging es 4½ Stunden

weit über Berg und Tal, weniger hoch wie steil, und deshalb besonders

anstrengend. Von dem Landschaftsbilde ist besonders nördlich in der

Ferne eine Felsengruppe bemerkenswert, die von den meist kuppenförmigen

Bergen sich durch ihre zerklüfteten Zacken auffallend abhob; der nicht

sehr hohe Gipfel erinnert mich lebhaft an den Dent du Midi. Beim

Aufsuchen eines guten Zeltplatzes fanden wir in einer Felshöhle drei

Trägerlasten mit Chakula. Zwar behauptete Farhenga, er habe die Lasten

in jener Höhle versteckt, da er aber über den Inhalt keine Angaben

machen konnte, wurde er tüchtig ausgelacht und die Lebensmittel an

die Askaris und Träger verteilt. Da war die Freude groß. In dieser

menschenleeren Gegend gibt es nirgends etwas zu kaufen oder zu --

stehlen, so daß unsere Leute nur auf die von der Station mitgenommenen

Vorräte angewiesen sind, und da sie diese auch noch selbst schleppen

müssen, ist es leicht erklärlich, daß nur sehr knappe Rationen auf den

Mann kommen. Ein Sack Mais, 60 Pfund, für zehn Träger auf vier Tage.

Dieser unerwartete Zuwachs zu unserem Reisevorrat hatte übrigens unsere

Schwarzen hellsichtig gemacht, sie krochen emsig in allen Winkeln der

Höhle umher und förderten wirklich noch ein paar Lasten zu Tage. Tom

verteilte gleich alles an die Träger, denen eine Extramahlzeit wohl

zu gönnen war, und machte dabei aus der Not eine Tugend: hätten wir

die Vorräte unberührt gelassen, so durften wir sicher sein, daß in der

nächsten Nacht uns sämtliche Träger ausgekniffen wären, um sich an den

Lebensmitteln gütlich zu tun, deren Versteck ihnen nun einmal bekannt

geworden war. Am Nachmittag führt uns Farhenga an eine interessante

Felsenformation, einen überhängenden Felsblock von gewaltigen

Dimensionen, unter dessen Wölbung bequem zwei Zelte Platz gefunden

hätten; schade, daß wir den schattigen kühlen Lagerplatz nicht früher

kannten.

+Dabagga+, 21. November 1897.

Heute nur drei Stunden marschiert, da ich nicht recht wohl. Im dichten

Busch, wo kaum ein Sonnenstrahl durchdringt, schlägt Tom sein Bureau

auf und schreibt seine Berichte, während ich auf dem Feldbette mich

gesund schlafe. Auf dem ganzen Marsche war ich wieder einmal ganz

die gebietende Sultanin, so etwas wie „Königin von Saba“, die ja

übrigens, wenn ich nicht irre, auch „aus hiesiger Gegend“ stammte. Toms

aufmerksame Fürsorge ebnete mir den Weg durch die Wildnis. Der Marsch

führte durch fruchtbares, wenn auch nicht angebautes Bergland. Unsere

Wahehe fühlten sich in dem frischen Bergklima nicht so wohl wie in den

wärmeren Teilen Uhehes, da es ihnen zu kühl und feucht hier oben.

Eine Zeitlang folgten wir einer Elefantenspur, ohne jedoch auf die

Tiere selbst zu stoßen -- zu meinem Bedauern -- ich hätte diese

Riesen, deren elementare Gewalt wir an den umgerissenen Bäumen und dem

zerstampften Boden erkennen konnten, gern einmal in Natur betrachtet.

Der Wald bot wundervolle Bilder: mannshohe Farne, üppig wucherndes

Unterholz und Bambus, dazwischen rankten sich Schlinggewächse von

Baum zu Baum, und das alles überspannt von dem dichten Blätterdach

der Baumkronen, durch welches sich nur verstohlen hier und da ein

Sonnenstrahl verlor. Die einzelnen Stämme fielen weniger durch ihren

Umfang wie durch ihre gewaltige Höhe auf, leider waren die Lichtungen

zu gering, um den zum Photographieren nötigen Abstand nehmen zu können;

ich hätte gern einige Aufnahmen gemacht, um im Vergleich mit den

Gruppen unserer Begleiter die menschliche Gestalt als Maßstab für die

Baumriesen zu gewinnen. Im Laufe des Nachmittags passierten wir ein

schönes, von einem hellen Gebirgsbach durchflossenes Tal, welches durch

seine besonders in die Augen fallende Fruchtbarkeit unser Interesse

erregte. Während wir uns über diese zur Ansiedelung einladende Stelle

unterhielten, fiel es uns auf, daß unsere ganze Karawane, ganz gegen

ihre sonstige Gewohnheit, sich lautlos, schweigend weiter bewegte, Tom

und mich mit ängstlichen Blicken streifend. Auf Befragen wurde uns die

Erklärung, dies sei das Tal des _Muúngu_ (Gott), welches die Menschen

nur +schweigend+ betreten dürften, -- wer dies Gebot übertrete, über

den habe der _Sheitani_ (Teufel) Macht und werde ihm auf dem weiteren

Marsche Übeles antun. Um uns von dem Verdachte zu reinigen, daß wir

nunmehr dem _Sheitani_ verfallen, ließ Tom zum Entsetzen der Karawane

Signale blasen, die das Echo der Berge weckten; als da kein _Sheitani_

erschien, beruhigten sich die abergläubischen Schwarzen sichtlich

-- der schwarze Teufel hat also augenscheinlich keine Gewalt über

Europäer. -- Wir fanden dieses ganze Berggebiet sehr fruchtbar, Wasser

gab’s überreichlich, Bergbäche mit kristallklarem Wasser durchziehen

die Täler, üppiger Farnwuchs deutet auf guten Boden. Zum Plantagenbau

ist die Gegend sicher besonders geeignet, ob für den Pflug, scheint mir

fraglich; die Hänge sind sehr steil.

+Kuifuiri+, 23. November 1897.

Die Märsche sind sehr anstrengend, besonders die Lianen zwingen zu

großer Vorsicht beim Reiten; einmal wäre ich fast von meinem Maultiere

herabgerissen worden, da sich eine Ranke mir um den Hals geschlungen;

zum Glück hatte Tom es sofort gesehen und konnte sie durchschneiden,

aber der Hals ist mir jetzt nach Tagen noch zerkratzt und zerschunden.

Die Marschverpflegung besteht für Tom früh in einem Teller Milch

(von den Kühen, die wir für die Station mitführen); ich esse, meines

Magenleidens wegen, Mehlbrei. Während wir an schattiger Stelle in

dem köstlichen klaren Wasser ein Bad nehmen, wird das Schlafzelt

abgebrochen, während des Frühstücks auch das Wohnzelt; dann ertönt

Toms Signalpfeife, und die Karawane ordnet sich zum Aufbruch. Während

des Marsches gibt es kalten Tee. Am Lagerplatz angelangt, werden

zunächst Tisch und Stühle aufgestellt, dann die Zelte gerichtet. Zum

Abendessen wie zum Frühstück Fleisch oder Wurst sowie Wasser mit

Kognak. Als abendliche Lektüre haben wir diesmal Treitschkes Deutsche

Geschichte mitgenommen, auch die alten Zeitungen kommen hier noch

einmal zu Ehren. Um den Abend im Freien verbringen zu können, wird

eine Blätterlaube errichtet, in der Tom seine schriftlichen Arbeiten,

Berichte usw. erledigt, dann spielen wir gewöhnlich noch eine Partie

Schach oder Halma, bis das Abendessen fertig. Suppe aus Knorrschen

Suppentafeln, Schaf- oder Hühnerfleisch, Wild, Reis mit Curry, Pickles.

+Uquega-Likininda+, 2. Dezember 1897.

Die letzten Tage machten wir nur kurze Märsche von etwa je 3½ bis 4

Stunden, allein die Flußübergänge machten sie recht beschwerlich: der

Funsuku mit seinen steilen Ufern wird mir besonders in Erinnerung

bleiben, zunächst rutschte ich auf einem Steine den steilen Abhang

bis zum Flusse hinab, ein abgekürztes Verfahren, welches mir von den

Treppengeländern aus der Kinderzeit im Elternhaus noch geläufig war

und mich der halsbrecherischen Kletterei enthob. Durch den Fluß,

den wir der Klippen wegen nicht durchreiten konnten, ging’s dann in

vorsichtigen Sprüngen von Stein zu Stein.

Den Lukossi konnten wir durchreiten. Der Strom ist leider für die

Bootfahrt nicht zu benutzen, seine Stromschnellen und Wasserfälle sind

zwar recht malerisch, verhindern aber den Verkehr zu Wasser mit dem

großen Ruaha. Die Station Likininda liegt auf einer freien, weithin

sichtbaren Höhe inmitten einer guten Gras-Landschaft. Förster Ockel kam

uns am Fuße des Berges entgegen. Seinen Ansprüchen genügt die Gegend

nicht zum Anlegen einer Musterfarm, auch hält er sie für zu steil,

als daß man hier mit dem Pflug viel ausrichten könnte; ich fürchte

übrigens, daß er auch auf dem weiteren Entdeckungszug in der Nähe

kaum ein Gelände finden wird, das seinen europäisch hochgestellten

Anforderungen entsprechen wird: eine viel größere ebene Fläche mit

üppig wuchernden Farnen, dem Anzeichen fruchtbaren und kulturfähigen

Mutterbodens, wird er kaum finden, und unter dem tut er’s nicht.

Er soll sich jetzt Herrn v. Prittwitz anschließen, um die Gegend

nach Perondo zu sich anzusehen. Förster Ockel hat als tüchtiger

Weidmann unseren Tisch reichlich mit Antilopenfleisch versorgt.

Oberlazarettgehilfe Prinage war schon ganz nervös vor freudiger

Aufregung: er möchte rechtzeitig zu dem am 5. Januar von Dar-es-Salaam

abgehenden Dampfer kommen, um seinen Heimatsurlaub in Deutschland zu

verleben. Tom entließ ihn denn auch gleich nachmittags, gleichzeitig

entsandte er aber auch einige Züge Wahehe in die Berge, die richtig

am 27. November 20 Weiber und Kinder einbrachten; von Quawas Kriegern

waren drei gefallen. Dieses fortwährende Inatemhalten ist das einzige

Mittel, unseren Todfeind nach und nach so zu isolieren, daß ihm weder

Anhänger noch Lebensmittel bleiben. Deshalb bedeuten die gefangenen

Weiber für uns insofern einen Erfolg, als nach Negerart den Frauen alle

Feldarbeit obliegt.

Am 29. kam Herr v. Prittwitz an, der im Augenblick sich auch mit der

Wegaufnahme beschäftigte. An einem großen Zuge, den Tom jetzt vorhat,

wird er sich beteiligen; auch einigten sich die Herren darüber,

wie die Leute in Muhanga zur Ansiedelung zu bewegen seien, in der

Art, wie es seinerzeit bei uns in Iringa gelungen war; Tom überließ

Herrn v. Prittwitz zur besseren Durchführung dieses Planes unseren

bisherigen Begleiter Farhenga. Wir verlebten recht gemütliche Abende

mit ihm, bis er am 2. Dezember abzog. Am Tage vor Herrn v. Prittwitz’

und Ockels Abmarsch kam der zweite Zug Wahehe zurück, den Tom in die

Berge geschickt hatte, er brachte 33 Weiber und Kinder ein, mehrere

Quawa-Krieger waren gefallen.

+Lukossi+, 3. Dezember 1897.

Von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr Verteilung der Gefangenen an die Wahehe,

zum Zwecke schärferer Beaufsichtigung und Ausgabe von Chakula an

Askaris und Träger. Um 8 Uhr Abmarsch nach dem Lukossi-Fluß, der

Übergang nahm 1½ Stunde in Anspruch, besonders der steilen Ufer wegen.

Mein kleiner Ombascha Achmed zeigte seine Schwimmkünste; er hat sicher

früher zu den Jungen gehört, die in Aden vor den Dampferpassagieren

ihre Fertigkeit im Schwimmen und Tauchen produzieren, indem sie nach

kleinen Geldstücken tauchen, die ihnen von Bord aus zugeworfen werden.

Es wurde unerträglich heiß: nirgends ein Baum oder Strauch, nur der

heiße ausgedörrte Boden, dazu kein Lufthauch -- der Marsch über die

steilen kahlen Berge in der glühenden Sonnenhitze ließ mich die Leiden

einer Safari gleich _en gros_ empfinden. So kamen wir nur 2½ Stunden

weit. Auch das Lager mußten wir an einem gänzlich schattenlosen

Bergabhang aufschlagen und den Tag über im Zelt bleiben. Das einzig

Angenehme dieses Marschtages war ein hübscher Blick nach einem

Wasserfall, deren der Lukossi hier eine ganze Anzahl bildet.

+Manasanga+, 4. Dezember 1897.

Viereinhalb Stunden marschiert, mit ½stündiger Pause, meist durch

bewaldete Berge. Wir fanden einige gut versteckte Maisfelder von Quawas

Leuten, die frischen Maiskörner schmeckten ganz gut; ich fing einen

prächtigen grünen Schmetterling von einer mir ganz neuen Art. Während

des Marsches plötzlich „Halt!“, alles kauert im Grase nieder: Feind

in Sicht! Ich machte mich fertig, um in dem in Aussicht stehenden

Gefecht nicht als müßige Zuschauerin beiseite zu stehen, aber der

Feind, eine Anzahl schwarzer Gestalten, hielt nicht stand, sondern

verschwand eiligst im Pori; unsere verfolgenden Askaris und Wahehe

brachten richtig wieder fünf Weiber an, von denen die eine wieder zu

ihren Leuten entlassen wurde, um sie zur Ansiedlung bei der Station zu

bewegen. Abends stellten sich dann auch drei Männer, große, stattliche

Gestalten mit offenen, klugen Gesichtern, jetzt aber erbärmlich

abgehungert; sie hatten mit ihren Weibern die Felder bebaut, die wir

heute passiert, und Quawa mit Mais versorgt. -- Das Gelände scheint

günstiges Ansiedlungsgebiet, flache Hügel mit gutem Boden.

Landschaft +Quihangana Mwakikongo+, 8. Dezember 1897.

Vier anstrengende Marschtage mit allerhand Aventiuren und

Fährlichkeiten. Zunächst verschwand am 5. Dezember morgens, als wir

die Landschaft Majida (Mapalele) passierten, ein Träger mit der Last

(es war die Kiste mit Schwämmen, Seife und anderem notwendigen Gerät).

In 5¾stündigem Gewaltmarsch, ohne die übliche, längere Pause, kommen

wir bis Kanugare. Hier hat jeder Berg, jedes Tal, jeder Fluß seinen

besonderen Namen. Unterwegs hatte Tom das hier seltene Jagdglück, eine

Elen-Antilope zu schießen, ein besonders stattliches Tier. Wir nahmen

die Decke für uns, das Fleisch ließen wir den Trägern (der Rücken

allein bildete eine Trägerlast), die sich tagelang daran labten. Am

anderen Tag hatten wir ein tüchtiges Gewitter, das Lager also denkbar

ungemütlich. Das Gebiet durchweg fruchtbar und für Ansiedler geeignet;

hier wäre der Platz für Plantagen- und Ackerwirtschaft. Im Gegensatz

zu den dürren Steppenflächen, in denen die trockenen, harten Grashalme

büschelweise aus dem ausgedörrten Boden zwei bis drei Meter hoch

emporschießen, hier in den Gebirgstälern herrliche Wiesen, reichliche

Bewässerung durch klare, wasserreiche Bäche, deren sich oft mehrere in

ein und demselben Tale finden. Selbst der Blumenschmuck fehlt nicht,

die Rasenfläche ist bunt übersät mit den mannigfachsten Arten von

Feldblumen -- mein galanter Gatte pflückte mir heute einen prachtvollen

Strauß, und was sonst den afrikanischen Blumen fehlte, fand ich hier:

sie dufteten lieblich.

Am 7. Dezember wurden uns wieder Gefangene eingebracht, die das

bestätigten, was Toms Patrouillen erkundet hatten: in der Nähe ein

großes Feindeslager. Der Ombascha, der mit den Askaris sofort dahin

aufbrach, fand aber die Vögel bereits ausgeflogen und mußte sich

begnügen, das Lager zu zerstören. Am 8. Dezember wieder 5 Stunden

marschiert, mit einem Umweg in die Landschaft Quihangana-Mwakikongo.

Die Gegend scheint ihres Grasreichtums am meisten zur Viehzucht

geeignet. Unterwegs wurden mit dem Feinde einige Schüsse gewechselt,

auf feindlicher Seite ein Toter, dann großes Schauri mit den

Gefangenen, kurzen, gedrungenen Gestalten mit wahren Galgengesichtern,

während die Wahehe doch eigentlich durchweg stattliche, hübsche Leute

sind, ihre Weiber freilich sind fast ohne Ausnahme häßlich, so daß man

sich fragen muß, wie solche häßlichen Frauen meist so ansehnlichen

Söhnen das Leben geben können. Bei uns ist jetzt Schmalhans

Küchenmeister; die nachbestellten Träger sind nicht eingetroffen,

Gott weiß, wo sie stecken. Nun sind Brot, Mehl, Zucker, Wein, Tee,

Kaffee und Salz auf die Neige gegangen. Dagegen hilft nur ein Mittel,

der Humor, und der ist reichlich vorhanden. Während wir zum Frühstück

Yams und Bataten (die süßlichen Verwandten unserer braven deutschen

Kartoffel) verspeisen, schwelgen Askaris und Träger in Elenbraten.

Dem Geruch nach zu urteilen, der zuweilen zu uns herüber dringt,

befindet sich das Wildpret bereits in einem Zustand, für den _„le plus

haut-gôut“_ nur eine schwache Andeutung ist.

Station +Iringa+, 11. Dezember 1897.

Über Ugawiro (am 9.) und Himbu (am 10.) heute glücklich wieder

eingerückt. Auch diese letzten Tage wurden wir durch feindliche Wahehes

belästigt, so daß ich einmal schon glaubte, selbst zum Revolver greifen

zu müssen. Sie ließen einen Toten am Platze, einen Verwundeten nahmen

sie mit. Eine Anzahl wurde gefangen eingebracht, andere stellten sich

freiwillig. Nachmittags hatte ich viel zu tun; ich verband die Wunden

und freute mich, zu beobachten, wie dankbar und anhänglich die Leute

für diese Hilfe waren. Die Gegend wurde etwas steiniger, der Boden war

jedoch immer noch gut. Wir fanden viele Termitenhügel im Walde, während

solche sonst meist nur auf baumlosen Flächen vorkommen. Ich machte eine

gelungene Aufnahme von einigen unserer Wahehe, die einen einzelnen

riesigen Felsblock erklettert hatten; ihre Wachsamkeit gleicht der

der Gemsen, jeden erhöhten Punkt benutzen sie zum Ausblick. -- Kurz

vor Himbu erreichten uns Boten von der Station mit Briefen: auf der

Station sind einige leichte Pockenfälle vorgekommen. Wir mußten zweimal

über den Mtitufluß, die Gegend ganz im Charakter wie bei Iringa.

In Himbu schickte uns der Msagira Tengulemembe durch seine Großen

Kartoffeln und Pombe als Geschenk, die ich mit einem bunten Tuche

erwiderte. Bei der üblichen Poliklinik nachmittags großes Gedränge:

jeder will zuerst verbunden sein. Am Wege wiederum Menschenschädel als

Spuren früherer Überfälle. In Himbu inspizierte Tom die von den Askaris

geschickt und mit einem gewissen Geschmack errichtete Boma. Das Dorf

machte einen vorteilhaften Eindruck, die Leute waren freundlich und

zutraulich -- noch vor wenigen Wochen würden sie uns überfallen und

ermordet haben. Während Tom Schauri hielt, ließ ich mir Tengulemembes

Kinder zeigen und schenkte der ersten seiner Frauen ein Tuch, das sie

mit großer Freude gleich anlegte. Da der Verwundeten so viele waren,

konnte ich sie nicht alle verbinden, sondern mußte an die Jumben

Verbandmittel für ihre Leute verteilen.

Die vermißten Lasten trafen ein, nun war wieder Vorrat von allem

vorhanden. Wir aßen an dem Tage gleich ein ganzes Brot auf. Zugleich

traf auch der Sudanesen-Ombascha Musa mit schlimmer Nachricht ein:

Sergeant Richter von unserer 2. Kompagnie ist verwundet. Richter war

mit acht Askaris einer feindlichen Spur gefolgt, als er sich plötzlich

Quawa gegenüber sah, der mit etwa 100 Mann -- davon die Hälfte mit

Hinterladern bewaffnet -- gleich Feuer auf den kleinen Trupp gab.

Es gelang dem Sergeanten, obwohl verwundet, mit zwei Askaris in das

Pori zu gelangen, wo er sich vier Tage lang ohne Nahrungsmittel, ohne

Wasser, geschwächt von Blutverlust, versteckt hielt, während der

Ombascha zur Station weiter eilte. _Dr._ Stierling ist gleich mit

Verstärkung zu Richter abgegangen, und die Station ist zurzeit ohne

ärztliche Hilfe -- trotz der Pocken. Das ist ein bedeutungsvoller

Zwischenfall: Quawa stellt sich also selbst zum Kampf, dem er bisher

immer auszuweichen wußte! Der Ort des Gefechtes liegt etwa 2 Stunden

Wegs abseits unserer letzten Safari-Route. Quawa und seine Anhänger

nennen Tom den „_Kapirimbu_“, d. h. „der alle Kraft an sich zieht“.

Noch immer ist die Furcht vor der Rache ihres ehemaligen Sultans groß:

unser Freund Kiwanga hat sich aus Ukalinga zurückgezogen und Schutz

vor einem Überfalle Quawas im Pori von Massalika gesucht, und gerade

jetzt kommt es darauf an, daß Kiwanga bei uns stand hält. An Stelle

des beurlaubten Grafen Fugger wird Leutnant Kuhlmann ihn aufsuchen und

seinen Mut wieder etwas auffrischen. Bei der Rückkehr nach der Station

Iringa empfing uns Leutnant Kuhlmann und zu unserer großen Überraschung

auch Leutnant Braun, der auf dem Wege zu Hauptmann v. Prittwitz’

Kompagnie ist. Abends 6 Uhr rückten wir ein, Leutnant Kuhlmann ließ es

sich nicht nehmen, das Ende unserer Safari mit Sekt zu feiern. Mit dem

Erfolge sind wir zufrieden; es war uns eine stolze Genugtuung, selbst

beobachten zu können, wie meines Gatten kluges Verhalten den Wahehe

gegenüber sich bewährt hat -- möchte doch endlich auch der letzte

Schlag gelingen, den bösen Geist der Auflehnung gegen die deutsche

Oberhoheit für immer zu bannen. Auch körperlich ist die Safari uns gut

bekommen, ich bin von der Sonne braun gebrannt, meine Hände haben die

Farbe reifer Kastanien.

Sonntag, den 12. Dezember 1897.

Seit 6 Uhr Rundgang durch die Station, im Bureau alles in Ordnung,

Feldwebel Merkl hat seine Sache wieder einmal gut gemacht. Dann Besuch

von zwei Missionspatres, die sich verabschiedeten. Zu Ehren Leutnant

Kuhlmanns, der, energisch wie immer, schon morgen abmarschiert, hatte

ich die Herren zum Mittagessen eingeladen, da sich aber mein Koch

und die Boys betrunken hatten, mußte ich mich auf belegte Brötchen

mit Bowle beschränken, die ich ohne diese schwankenden „Stützen der

Hausfrau“ herstellte.

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 86 / 132 题