B. _Als Quelle unangenehmer Gefühle_

die Disharmonie in den genannten drei Punkten. --

Versuchen wir jetzt, die hier gewonnenen psychologischen Resultate

zur Theorie des Lächerlichen zu verwerthen. Wir hatten oben für

unsere Untersuchung das Ziel gesteckt, den Nachweis zu liefern, dass

die im komischen Object enthaltenen Vorstellungen durch ihre

Einwirkung auf unsere Seele sowohl die angenehmen wie unangenehmen

Gefühle hervorrufen, welche zusammengenommen das Wesen des Komischen

ausmachen. Wir haben nun gesehen, was wir unter Lust und Unlust

verstehen und wie diese Gefühle zu Stande kommen und wollen jetzt

zunächst die Probe zu machen suchen, ob wir wirklich im Komischen

jene beiden Factoren in obigem Sinne nachweisen können. Sehen wir uns

nach Beispielen um, so finden wir zunächst, dass man das Komische in

eine grössere oder beschränktere Zahl von Hauptgruppen eingetheilt

hat. Schopenhauer kennt nur zwei Hauptformen des Lächerlichen,

nämlich: die sog. Narrheit und den Witz. Vischer dagegen

unterscheidet das objectiv Komische oder die Posse, das subjectiv

Komische oder den Witz, das absolut Komische oder den Humor. In Bezug

auf die ersten beiden Formen stimmt er mit Schopenhauer überein. In

Rücksicht auf die letzte Form bemerke ich dass nach Lazarus, dem ich

mich vollkommen anschliesse, der Humor sich dem Komischen nicht

unterordnet, sondern eine Stelle neben demselben einnimmt, wie wir

später sehen werden.

[Page 34]

Wir behalten demnach als die bisher gebräuchlichsten und

anerkennenswerthen Formen nur die Narrheit (oder Posse) und den Witz

übrig. Aus diesen beiden Formen wollen wir nun Beispiele wählen, und

an diesen zunächst unsere obige Behauptung vorläufig zu erweisen

suchen. Es wird dann eine Eintheilung des Komischen folgen, in der

unsere Theorie des Lächerlichen durch weitere Beispiele noch näher

erläutert werden soll.

In der Form des Komischen, welche Vischer das objectiv Komische

nennt, erwähnt er als Beispiele niedrigsten Grades zunächst die in

der Posse am häufigsten als Gegenstand des Gelächters dienenden

Körpergebrechen. Das Volk lacht da über einen Höcker, einen dicken

Bauch oder über tölpelhafte Ungeschicklichkeit u. dergl. Auf dieses

Lachen findet die schon oben erwähnte Hobbes'sche Erklärung ihre

Anwendung. Uebertragen wir dieselbe in unsere psychologische Form, so

finden wir den Grund dieses Lächerlichen in Folgendem: Die durch den

Anblick eines Buckligen u. dergl. entstandene Vorstellung seiner

Hässlichkeit tritt mit unseren ästhetischen Ideen in Gegensatz und

erzeugt ein unangenehmes Gefühl. Andererseits aber wird dadurch, dass

sich _dieselbe Vorstellung_ mit der auf unser eigenes Selbst

bezüglichen niedrigsten Entwickelungsstufe der ethischen und

praktischen Normen in Beziehung setzt und mit diesen übereinstimmt,

das angenehme Gefühl der Verschonung der eigenen Person, des

„Sichbesserdünkens" erregt. --

Also Unlust und Lust gehen beide aus den verschiedenen Beziehungen

hervor, in welche diese _eine_ Vorstellung des Hässlichen einerseits

zu unseren ästhetischen Ideen, andererseits zu unseren mangelhaft

entwickelten ethischen und praktischen Normen tritt. -- Keineswegs

aber spielt, wie wir schon sagten, das Gefühl der Ueberlegenheit bei

allen Arten des Komischen dieselbe Rolle; Ja, wir können sogar über

die nämlichen eben angeführten Körpergebrechen und Schönheitsfehler

in ganz anderm Sinne lachen, indem das angenehme Gefühl sich aus

einer von der vorigen vollständig verschiedenen Quelle herleitet. --

Wenn wir als gebildete Menschen den dicken Hans Fallstuff, ganz

abgesehen von seinem trefflichen Witz und Humor, bloss seiner

[Page 35]

unförmigen Erscheinung wegen belachen, so spielt gewiss das Gefühl

unserer Ueberlegenheit dabei nur eine verschwindend kleine Rolle;

dagegen tritt hier zur Erzeugung des angenehmen Gefühls ein ganz

anderes Moment in Wirksamkeit. Ausser der Vorstellung der

Hässlichkeit wird uns nämlich durch die Erscheinung unseres Helden

die durch sein Reden und Thun bestätigte Vorstellung von seiner

maasslosen Schlemmerei und Völlerei aufgedrungen. Diese seine

Untugenden beleidigen ebenfalls unser Gefühl, andererseits treten nun

diese beiden Vorstellungen, d. h. die von seiner unnatürlichen und

ihm selbst höchst lästigen Körperfülle und die von seiner Völlerei in

eine leichte Verbindung, indem der zwischen beiden sich herstellende

ursächliche Zusammenhang unserer Gerechtigkeitsidee entspricht. Wir

sehen seine Dicke als die gerechte Strafe für seine Unmässigkeit an,

daraus aber erzeugt sich ein angenehmes Gefühl. --

Spielt in den eben angeführten Beispielen zur Erzeugung der Gefühle

die Harmonie resp. Disharmonie mit den ideellen Normen eine Rolle, so

sehen wir im folgenden Beispiele die Normen der Ideenassociation sich

betheiligen. Bei den uns lächerlich erscheinenden Anachronismen, wo

wir z. B. auf einem Bilde Kanonen vor Troja erblicken, entsteht das

unangenehme Gefühl durch die nach der Norm der Gleichzeitigkeit uns

unmöglich gemachte Vereinigung der beiden uns dargebotenen

Vorstellungen (Troja und Kanonen). Das angenehme Gefühl dagegen geht

wieder aus der Beziehung jener Vorstellungen zu unserem Selbstgefühl

hervor. Unser Besserwissen Macht uns Freude. --

Wir haben also durch die bisherigen Beispiele vorläufig bestätigt

gefunden, dass im Komischen, wenigstens in der ersten Form desselben

(der sog. Narrheit oder Posse), ein Inhalt steckt, der nach dem oben

ausführlich abgeleiteten Gesetz einerseits ein angenehmes,

andererseits ein unangenehmes Gefühl verursacht. Dass auch in allen

nur denkbaren Beispielen des Komischen dasselbe Gesetz sich

bestätigt, werden wir bald sehen, wenn wir die einzelnen Formen

ableiten. Wir haben jetzt weiter nachzuweisen, dass auch für den Witz

das oben Gesagte Geltung hat. Ich bringe zuerst ein Beispiel von der

[Page 36]

einfachsten und ursprünglichsten Art der Witze, nämlich von den

Klangwitzen, wie sie in den sogenannten Frageräthseln der Kinder

gebräuchlich sind: Welche Tracht kleidet am besten? -- die Eintracht.

-- Welche Ringe sind nicht rund? -- die Häringe etc. -- In Frage und

Antwort sind die beiden dargebotenen Vorstellungen enthalten.

Dieselben lassen sich in Bezug auf die logischen Normen nicht mit

einander vereinigen: Tracht und Eintracht -- Ring und Häring haben

rücksichtlich ihrer Bedeutung nicht das Geringste mit einander zu

schaffen, und durch den erzwungenen Zusammenhang, in den sie gebracht

sind, entsteht ein unangenehmes Gefühl. Andererseits aber gehen diese

Worte vermöge ihrer Klangähnlichkeit (also nach der 3. Norm der

Ideenassociation) doch leicht eine Verbindung mit einander ein und

erregen dadurch ein Lustgefühl. Als 2. Beispiel führe ich einen guten

Witz von Kant an, der einmal in einer Damengesellschaft die

scherzhafte Behauptung aufstellte, dass Frauen nicht in den Himmel

kämen, denn in der Offenbarung Johannis stehe geschrieben, es sei im

Himmel eine Stille von einer halben Stunde gewesen; eine solche

Stille aber sei, wo Frauen anwesend sich befinden, nicht möglich.

Wir haben hier 2 Vorstellungsreihen (die Bibelstelle und den daraus

gezogenen Schluss), die sich nach den logischen Normen nicht mit

einander vereinigen lassen, denn jene Schriftstelle steht mit Kant's

Behauptung eigentlich in gar keinem Zusammenhang. Andererseits aber

ist durch die geschickte Auslegung in Rücksicht auf unsere

Wahrheitsidee doch eine leichte Verbindung zwischen diesen beiden

Vorstellungsreihen möglich gemacht.

Also auch beim Witz finden wir die oben aufgedeckten Quellen der Lust

und Unlust wieder. Wir konnten aber auch schon an diesen einfachen

Beispielen eine weitere Bemerkung machen, _dass nämlich die Ursachen

der beiderseitigen Gefühle häufig mehrfache sind_. In den späteren

Beispielen werden wir dies noch in höherem Maasse bestätigt finden.

Natürlich steigert sich durch diese Häufung der Gefühlsgegensätze die

komische Wirkung im Allgemeinen, gleichzeitig wird daraus aber auch

die Thatsache verständlich, dass drei bis vier Personen über dasselbe

Object lachen können, jeder aus

[Page 37]

einem andern Grunde. Es kommt deshalb in jedem einzelnen Falle

einerseits darauf an, alle möglichen Auffassungsweisen in's Auge zu

fassen, und die einander entsprechenden angenehmen und unangenehmen

Gefühle zu sondern, andererseits aber auch die den Umständen

entsprechenden hauptsächlich wirkenden Factoren, die einem

vorliegenden Beispiele seinen eigentlichen Charakter gehen,

herauszuheben. Natürlich habe ich zunächst, da es mir darauf ankam,

die Elemente des Komischen zu demonstriren, solche Beispiele wählen

müssen, die möglichst einfach sind. In einer Anekdote der

gewöhnlichsten Art stecken häufig 6-8 verschiedene Gefühlsquellen.

Es würde jetzt weiter die Frage entstehen, ob die angenehmen wie

unangenehmen Gefühle aus *jeder* der oben angegebenen Ursachen in den

komischen Contrast eingehen können. Wäre dies der Fall, so würden wir

durch einfache Combinirung der möglichen Quellen der beiden

Gefühlsgegensätze verschiedene Formen des Komischen herleiten können.

Die Erfahrung lehrt, dass dies nicht _unbedingt_ der Fall ist und als

Grund dafür müssen wir eine Thatsache anführen, deren Beweis erst

später folgt, dass nämlich jene beiden entgegengesetzten Gefühle _in

einem bestimmten Verhältnisse der Stärke zu einander stehen müssen_,

und zwar so, dass keines vor dem andern das unbedingte Uebergewicht

erlangt. Es würde nämlich sonst das stärkere Gefühl ohne Weiteres das

schwächere auslöschen, zum Verschwinden bringen und höchstens dadurch

von seiner eigenen Kraft etwas einbüssen; ein Kampf der beiden

Gefühle aber, wie wir ihn zum Zustandekommen des Lächerlichen als

nothwendig erkennen werden, könnte nicht entstehen. Nehmen wir diese

Thatsachen von der nothwendig erforderlichen, annähernd gleichen

Stärke der beiden Gefühle vorläufig als feststehend an, so müssen wir

in Erinnerung an das oben Gesagte _eine_ Quelle derselben sofort

streichen. Wir sahen nämlich schon oben, dass die erleichterte

Association einer gegebenen Vorstellung mit einer erst nach den

Normen der Ideenassociation zu weckenden in der Regel ein kaum

merkliches Gefühl hervorruft und es wird uns deshalb natürlich

scheinen, dass dasselbe etwa einer Verletzung der ideellen Normen

nicht das Gleichgewicht halten kann. Vielmehr muss in solchem Fall

das angenehme Ge-

[Page 38]

fühl, um überhaupt in den komischen Contrast eingehen zu können, noch

aus anderer Quelle her eine Unterstützung erfahren, und zwar dadurch,

dass die eine Vorstellung die andere mit ihr zu associirende als eine

im Bewusstsein schon vorhandene, herrschende, d. h. durch die

komische Situation und Erzählung selbst dargebotene, antrifft.

Dasselbe gilt für das aus gleichen Quellen fliessende unangenehme

Gefühl. Durch diese Einschränkung modificirt sich aber unsere obige

Aufstellung der Gefühle in folgender Weise. --

Als zum komischen Contrast tauglich kennen wir:

A. _Angenehme Gefühle_,

1) aus der Coincidenz _einer_ im komischen Object enthaltenen

Vorstellung mit den logischen, praktischen oder ideellen Normen;

2) aus der Uebereinstimmung _zweier_ dargebotenen Vorstellungen unter

einander -- in Rücksicht auf die logischen, praktischen und ideellen

Normen oder auf die Normen der Ideenassociation.

B. _Unangenehme Gefühle_,

1) aus der Disharmonie _einer_ im komischen Object enthaltenen

Vorstellung mit den logischen, praktischen und ideellen Normen; und

2) aus der Disharmonie _zweier_ im Komischen mitgetheilten

Vorstellungen in Rücksicht auf die logischen, praktischen und

ideellen Normen oder auf die Normen der Ideenassociation.

Combiniren wir nun die Gefühle, so erhalten wir durch

Gegenüberstellung der angenehmen und unangenehmen Gefühle folgende 4

Formen:

1) A. 1. -- B. 1.

2) A. 2. -- B. 1.

3) A. 1. -- B. 2.

4) A. 2. -- B. 2.

[Page 39]

Bewähren sich dieselben als wirklich vorhanden, so ist damit

gewissermaassen indirect auch der Beweis geliefert, dass unsere

Behauptung von der nothwendig annähernd gleichen Stärke der beiden

Gefühlsgegensätze begründet war. -- Wie wir sehen werden, lassen sich

aber diese 4 Formen wirklich festhalten, und was weiter zu jenem

Beweise nothwendig ist, es lassen sich in ihnen auch alle Beispiele

des Komischen unterbringen.

Betrachten wir nun diese Hauptformen näher.

In der ersten Hauptform, die wir das _einfach Komische_ nennen

wollen, soll sich also das angenehme wie unangenehme Gefühl erzeugen,

aus _einer_ vorhandenen Vorstellung (oder Vorstellungsreihe) die mit

einzelnen logischen, praktischen oder ideellen Normen übereinstimmt,

mit anderen aber nicht.

Die zweite Hauptform: _Das Komische mit zwei vereinbaren

Vorstellungen_, lässt das angenehme Gefühl aus der leichten

Verschmelzung _zweier_ im komischen Object enthaltenen Vorstellungen

in Rücksicht auf die Normen hervorgehen, während das unangenehme

Gefühl dadurch erzeugt wird, dass _eine_ der beiden gegebenen

Vorstellungen mit einer der Normen nicht übereinstimmt.

Die dritte Hauptform: _Das Komische mit zwei unvereinbaren

Vorstellungen_, enthält ein unangenehmes Gefühl, welches aus der in

Rücksicht auf die Normen unmöglichen Vereinigung _zweier_ im

komischen Object enthaltenen Vorstellungen entsteht, während das

angenehme Gefühl auf der Uebereinstimmung einer der beiden

Vorstellungen mit den logischen, praktischen oder ideellen Normen

beruht.

Die vierte Hauptform endlich: _Das Komische mit dem Wettstreit der

Vorstellungen oder der Witz_ entsteht dadurch, dass _zwei_

dargebotene Vorstellungen in Rücksicht auf eine der Normen

übereinstimmen und dadurch das angenehme Gefühl bilden, in Rücksicht

auf andere Normen sich aber nicht mit einander vereinigen lassen und

in Folge dessen ein unangenehmes Gefühl erzeugen.

Wir werden später sehen, dass bei veränderter Auffassung eines

bestimmten Falles derselbe aus einer Form in die andere übergehen

kann. Doch ist diese Thatsache keineswegs etwa geeignet unsere

Eintheilung umzustürzen, sondern dient der-

[Page 40]

selben vielmehr, wie sich herausstellen wird, zur wesentlichen

Stütze. --

Innerhalb der genannten vier Hauptformen lassen sich nun aber wieder

verschiedene Nebenformen abgrenzen, durch Auflösung der einzelnen

Gesetze und Normen. Ich werde die wichtigsten derselben anführen.

Wir müssen ferner innerhalb des Komischen noch eine gewisse

Rangordnung unterscheiden, bei welcher der sittliche Standpunkt der

maassgebende ist. Sehr bemerkenswerth ist, dass hierbei lediglich die

Entstehungsursachen des _angenehmen_ Gefühls eine Rolle spielen.

_Nur_ diese bedingen in einem gegebenen Fall die Höhe des Komischen

und zwar lässt sich hierüber folgender Satz aufstellen: _Je edler die

Quelle ist, aus welcher das_ *angenehme* _Gefühl hervorgeht, um so

höher stehend und edler ist die Form des Komischen selbst; während

dieselbe umgekehrt um so niedriger steht, je weniger ein sittliches

Wohlgefallen im Spiele ist_. -- Wie wenig der Ursprung des

unangenehmen Gefühls in's Gewicht fällt, sehen wir am Besten daraus,

dass in der höchststehenden Form des Komischen, in dem _Naiven_,

gerade am häufigsten grobe Verletzungen sittlicher Ideen vorkommen,

die aber durch die Harmonie mit noch höher stehenden sittlichen

Normen völlig aufgewogen werden. --

Aus dem oben Gesagten ist es leicht verständlich, dass wir aus der

Thatsache, ob ein bestimmter Gefühlscontrast Lachen erregend wirkt

oder nicht, einen Maassstab für den absoluten sowie namentlich

individuellen Werth der dabei concurrirenden Gefühle, und für den

Werth und die Entwickelungshöhe der ihnen zu Grunde liegenden Normen

gewinnen, und mit vollem Rechte können wir darum den Satz aufstellen:

„Sage mir, worüber Du lachst, und ich will Dir sagen, wer Du

bist." --

Wenden wir uns jetzt zur Besprechung der oben aufgestellten

Hauptformen.

*I. Das einfach Komische.*

Aus einer Vorstellung und ihrer einerseits leichten, andererseits

unmöglichen Vereinigung mit den logischen und ideellen

[Page 41]

Normen hervorgehend, bietet uns diese Gruppe, wenn wir die Leiter des

Komischen von unten hinauf steigen, zunächst:

*1. Das niedrig Komische,*

bei dem wir als Erreger des angenehmen Gefühls die Harmonie der

gegebenen Vorstellung mit der niedrigsten Entwickelungsstufe der

praktischen Normen, d. h. mit dem Egoismus und dem gesteigerten

Selbstgefühl antreffen, während auf Seiten des unangenehmen Gefühls

die Verletzung irgend einer andern Norm steht. Da, wo das erhöhte

Selbstgefühl mit den ästhetischen Normen in den komischen Contrast

tritt, entsteht das Lachen über körperliche Hässlichkeit, über

allerlei Gebrechen, die den Schönheitssinn beleidigen, wie

Verunstaltung durch Buckel, durch Lahmheit u. dergl., die wir schon

oben erwähnten. Hierbei wird also die eigentlich erregte Unlust durch

das Gefühl der Lust im Gedanken an die Verschonung der eigenen

Person, durch das „Sichbesserdünken" aufgewogen. Bei Verletzung der

ethischen Ideen tritt das geschmeichelte Selbstgefühl gegen

moralische Hässlichkeit, Unsittlichkeit, Unwahrheit u. dergl. in die

Schranken und bei Disharmonie mit den praktischen Ideen und logischen

Normen endlich ruft es das Lachen über die Ungeschicklichkeit, die

Dummheit und den Unsinn hervor. In all' diesen Fällen muss also das

Selbstgefühl der Verletzung übrigens höher stehender Normen das

Gleichgewicht halten können, wenn der komische Contrast entstehen

soll, und daher ist es leicht ersichtlich, dass jene Gefühlsconflicte

hauptsächlich bei solchen Menschen ein Lachen erzeugen, welche die

hohen sittlichen und ästhetischen Ideen nur in unentwickelter Form

besitzen, deren Selbstgefühl dagegen abnorm gesteigert ist. Dies ist

der Fall bei rohen, ungebildeten Leuten und bei Kindern, in denen

sich die höheren sittlichen Ideen noch nicht entwickelt haben.

In einem Falle nur ist das erhöhte Selbstgefühl als eine etwas edlere

Regung anzusehen, wenn wir uns nämlich gewissermaassen über unsere

eigene Schwachheit und Dummheit erheben und unser Selbstgefühl daran

stärken, dass wir in einem gegebenen Falle eine Schwierigkeit

überwunden, einen uns gestellten Fallstrick umgangen haben. Hierauf

beruht zu einem Theil das Lachen über die sog. Münchhausiaden, Lügen-

und Jagd-

[Page 42]

geschichten (sofern dieselben nicht zum Witz gehören). Während

einerseits durch die Verletzung der Wahrheit unser Gefühl beleidigt

wird, empfinden wir andererseits ein angenehmes Gefühl in Folge der

berechtigten unserem Selbstgefühl schmeichelnden Freude darüber, dass

wir der beabsichtigten Täuschung nicht unterlegen sind, _so nahe wir

der Gefahr auch waren_. In einer gewissen Gefahr, der Täuschung zu

unterliegen, müssen wir geschwebt haben, damit die Lust durch eine

Leistung unsererseits einigermaassen motivirt ist. Daher dürfen die

Lügen nicht gar zu plump angelegt sein, sondern müssen die

Möglichkeit einer Täuschung enthalten. -- Da es zum Lachen über diese

Geschichten ausserdem einer gewissen Gutmüthigkeit und Harmlosigkeit

bedarf, welche eine Kränkung des Selbstgefühls über die beabsichtigte

Düpirung nicht aufkommen lässt (wir lassen uns solche Geschichten

ungestraft auch eigentlich nur von guten Bekannten erzählen), so

steht diese Form des Komischen schon dadurch ein wenig höher; doch

ist sie in steter Gefahr auf das gewöhnliche Niveau des niedrig

Komischen herabzusinken, sobald solche Münchhausiaden einer grösseren

Gesellschaft erzählt werden. Denn sofort stellt sich dann bei jedem

Zuhörer das Gefühl der Ueberlegenheit über die Anderen ein, denen er

Dummheit genug zutraut, dass sie jene Geschichten glauben. Findet

sich nun vollends ein Dummer, der sich wirklich die Lüge als Wahrheit

aufbinden lässt, so steigt unser Selbstgefühl in gleichem Maasse, wie

die Form des Komischen sinkt. Eine Stufe höher steht die folgende

Form des Komischen, die ich wegen ihrer grossen Aehnlichkeit und

häufigen Verwechselung mit dem Naiven (das danach besprochen wird)

*2. Das Pseudonaive*

nennen will, gleichzeitig auch deshalb, weil das angenehme Gefühl bei

ihm nur aus einer _scheinbaren_ oder _bedingten_ Coïncidenz mit

höheren Ideen (namentlich mit der Wahrheit) hervorgeht. Während

einerseits, und zwar hauptsächlich durch die _kindliche Einfalt_,

unsere praktischen Ideen von Klugheit oder die logischen Normen

beleidigt werden, ist andererseits in der pseudonaiven Aeusserung

oder Handlung doch etwas _relativ_ Wahres, Kluges, Vernünftiges

enthalten, namentlich wenn wir

[Page 43]

uns auf den Standpunkt der bei dem Redenden _naturgemäss_ vorhandenen

und daher _verzeihlich scheinenden_ Unkenntniss stellen. -- Die

Beispiele zu dieser Form sind sehr zahlreich und lasse ich hier

einige folgen, die dieselbe wohl hinreichend verdeutlichen werden.

Das vierjährige Töchterchen eines Pfarrers wird zum ersten Male mit

in die Kirche genommen, vorher aber ernstlich verwarnt, ja recht

artig zu sein, denn in der Kirche müsse man sich ganz ruhig und still

verhalten. Nach der Kirche wird das Kind gefragt, wie es ihm gefallen

habe, und erwidert darauf: Ach recht gut, es waren auch alle ganz

artig. Bloss der Papa allein hat so geschrieen und gelärmt.

Ein anderes Pastorenkind rief, als es zum ersten Male in die Kirche

kam und seinen Vater auf der (übrigens ungewöhnlich hoch

angebrachten) Kanzel stehen sah, ängstlich aus: „Ach, Du lieber Gott,

wer hat nur meinen Papa dort oben 'naufgesperrt. Wird er denn auch

wieder herunterkönnen?"

Ein Knabe auf einem einsamen Dorfe besass viele bleierne Soldaten,

auch Cavalleristen, hatte aber noch nie einen lebendigen Reiter

gesehen. Da plötzlich, als er just am Fenster steht, sprengt ein

solcher in den Hof und springt an der Hausthür vom Pferde: „O", ruft

der Knabe da mit tiefem Bedauern, „jetzt ging er entzwei". --

Ein Kind sollte das „Vater unser" beten und fragte die Mutter: ob der

Vater unser mit dem Onkel Unzer (einem Hausfreunde) verwandt sei. --

Ein weiteres Beispiel zu dieser Form ist das später aus Kant

angeführte.

Endlich gehören hierher fast sämmtliche Beispiele, welche

Schopenhauer zu seiner zweiten Form des Lächerlichen, der von ihm

sog. Narrheit anführt. Nach Schopenhauer, der wie erwähnt nur zwei

Arten des Lächerlichen: den Witz und die Narrheit kennt, entsteht die

letztere dadurch, dass wir beim Auffinden der Incongruenz zwischen

Anschauung und Begriff vom Begriff zum Realen übergehen. „Objecte,

die übrigens grundverschieden, aber alle in einem Begriff gedacht

sind, werden auf gleiche Weise angesehen und behandelt, bis ihre

übrige grosse Verschiedenheit zur Ueberraschung und zum

[Page 44]

Erstaunen des Handelnden hervortritt." -- Die Beispiele, die S. zu

dieser Art des Lächerlichen anführt, sind nun merkwürdiger Weise fast

alle pseudonaiv und scheinen mir auch durch die von diesem Standpunkt

ausgehende Erläuterung in ihrem Wesen viel bestimmter präcisirt zu

werden, als durch die zu weit gefasste Schopenhauer'sche Erklärung.

-- Ich lasse einige „Narrheiten" von ihm folgen: „Soldaten machen

einen Arrestanten und erlauben demselben dann aus Gutmüthigkeit an

ihrem Kartenspiel Theil zu nehmen; als er aber während des Spiels

anfängt zu chicaniren, werfen sie ihn schliesslich in dem dabei

entstehenden Streite hinaus." -- Die Soldaten begehen offenbar eine

thörichte Handlung, die gegen die Gesetze der praktischen Klugheit

gewaltig verstösst, indem sie einen Arrestanten hinauswerfen. Von

einem anderen Standpunkt aus, der durch die Erhitzung beim Streit und

die daraus _natürlich_ hervorgehende momentane Unzurechnungsfähigkeit

uns in diesem Falle ganz entschuldbar erscheint, ist ihre Handlung

aber wiederum eine ganz vernünftige, zweckentsprechende, daher also

eine pseudonaive.

„Zwei Bauerjungen hatten ihre Flinten mit grobem Schrot geladen,

welches sie, um ihm feines zu substituiren, heraushaben wollten, ohne

jedoch das Pulver einzubüssen. Da legte der Eine die Mündung des

Laufes in seinen Hut, den er zwischen die Beine nahm und sagte zum

Andern: „Jetzt drücke Du ganz sachte, sachte, sachte los; da kommt

zuerst das Schrot." -- Auch hier haben wir eine thörichte Handlung

(oder eine Aufforderung zu einer solchen) vor uns, die aber, wenn wir

uns auf den Standpunkt des Bauerjungen stellen, der nichts von der

beim Schuss vor sich gehenden Explosion des Pulvers weiss und _wissen

kann_ (dessen Unkenntniss wir jedenfalls verzeihlich finden), so ist

die Aeusserung im gewissen Sinne eine ganz kluge und überlegte, indem

sie (wie Schopenhauer ganz richtig anführt) von dem Begriff ausgeht,

Verlangsamung der Ursache giebt Verlangsamung der Wirkung.

Auch die Münchhausiaden, die Schopenhauer weiter als Beläge zu seiner

Definition anführt, lassen sich bei entsprechender Auffassung unter

das Pseudonaive stellen, wenn sie nämlich solchen Inhalts sind, dass

sie zwar für uns etwas absolut Un-

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sinniges, Unmögliches enthalten, aber von einem bestimmten

Standpunkte aus, welcher Kenntnisse in dem gerade vorliegenden

Gegenstande mit einer gewissen Berechtigung als nicht vorhanden

voraussetzt, dennoch nicht allein möglich, sondern sogar klug

ersonnen erscheinen. So enthält die Geschichte von den im Posthorn

eingefrorenen Melodien, die in der warmen Stube später aufthauen, für

den Einsichtsvollen einen puren Unsinn; denken wir aber, Jemand wisse

Nichts von dem eigentlichen Wesen des Tons, sondern sähe denselben

mit gutem Recht für etwas Materielles an, etwa für eine Flüssigkeit,

die unter Umständen ja auch einfrieren könne, so erscheint uns diese

Idee von den aufthauenden und dadurch wieder zum Vorschein kommenden

Tönen ganz klug. -- Werden uns diese Geschichten von irgend Jemand

als Münchhausiaden erzählt, so wird in der Regel freilich die eben

besprochene Auffassung uns nicht zum Bewusstsein kommen, sondern das

Lachen in der früher mitgetheilten Weise sich motiviren, anders aber

verhält es sich, wenn wir die in der Geschichte liegende Idee etwa

einem Kinde in den Mund legen, welches sieht, dass in dem Mundstück

des Posthorns sich Eis angesetzt hat und nun fragt, ob das

eingefrorene Töne seien und ob die nicht in der Stube wieder

aufthauen würden. --

Manche dieser pseudonaiven Aeusserungen (wie z. B. die vom Onkel

Unzer) gehen, wie erst bei Besprechung des Witzes deutlich werden

kann, vermöge einer etwas anderen Auffassung leicht in den Witz über,

indem sie das „_unbewusst Witzige_" bilden. Von zwei Menschen, welche

dieselbe Aeusserung belachen, kann der eine sie als pseudonaiv, der

andere sie als eine witzige auffassen.

*3. Das Naive*

bildet, wie schon gesagt, die auf höchster Stufe stehende Form des

Komischen. Die Bezeichnung _naiv_ wird in einer weiteren und engeren

Bedeutung gebraucht, je nachdem das unangenehme Gefühl aus der

Verletzung _irgend einer_ praktischen, logischen oder ideellen Norm

hervorgeht, oder sich nur aus einem Verstoss gegen unsere Ideen von

_conventionellem, gesellschaftlichem Anstand_ herleitet. Es leuchtet

ein, dass

[Page 46]

(natürlich nur für sittlich entwickelte Menschen) im ersten Fall das

entgegenstehende angenehme Gefühl ein stärkeres sein muss, als im

zweiten Fall, wo gewissermaassen nur künstlich geschaffene Gesetze

verletzt werden. Immer aber ist es nöthig, dass uns in der naiven

Aeusserung eine sittliche Unschuld und Reinheit entgegentritt, von

der wir wissen, dass sie die künstlichen Schranken, welche die

Etiquette uns gezogen, nicht kennt und daher auch nicht zu

respectiren braucht, indem sie einer freieren und höheren

Sittlichkeit folgt. -- Am häufigsten beobachten wir aus diesem Grunde

die Naivetät bei Kindern, bei denen wir die Unkenntniss mit den

künstlich geschaffenen Gesetzen des sogenannten Anstandes als

naturgemäss voraussetzen. --

An Beispielen für das Naive ist kein Mangel. Eine recht hübsche und

dankenswerthe Zusammenstellung von kindlich naiven Aussprüchen

(untermischt mit pseudonaiven und unbewusst witzigen) hat Dr. Walter

Hoffmann kürzlich in einem kleinen Heftchen unter dem Titel: „Humor

aus der Kinder- und Schulstube. Eine Sammlung der vorzüglichsten

Anekdoten aus der Kinderwelt" herausgegeben [1]. Ich empfehle dieses

Büchelchen, aus dem ich auch schon oben einige Beispiele entlehnt

habe, nicht blos weil es für den, der einmal tüchtig und von Herzen

lachen will, reichlichen Stoff enthält, sondern weil es einen

schätzenswerthen Beitrag zur Psychologie der Kinderseele liefert. --

Hier nur ein Beispiel:

„Aber Mama, wann essen wir denn heute", fragt der kleine Ernst seine

Mutter. „Bald, warte nur noch ein Weilchen", entgegnete diese. --

Nach einer Weile fragt er wiederum und erhält dieselbe Antwort. „Aber

weshalb essen wir nur heute nicht; ich habe solch' grossen Hunger".

-- „Warte nur noch ein Bischen, bis der Soldat fort ist, dann wird

gleich gegessen". -- Darauf geht Ernstchen zum Soldaten in die Stube

und fragt ihn: „Höre, wann gehst Du denn fort?" -- „Gleich, mein

Sohn, aber weshalb fragst Du denn?" „Nun, weil ich Hunger habe und

Mama sagt, wenn Du fort bist, soll gegessen werden." Ich glaube, der

Soldat hat über diese naive Aeusserung lachen

[1] Leipzig, Arnoldische Buchhandlung. 1871.

[Page 47]

müssen, so wie wir jetzt noch darüber lachen. Wir haben hier zunächst

eine Beleidigung unserer Idee von Schicklichkeit und

gesellschaftlichem Anstand vor uns, andererseits aber bewegt uns die

kindliche Unschuld, welche jene conventionellen Schranken nicht kennt

und unbekümmert darum die Wahrheit sagen darf, in angenehmer Weise.

-- Aus gleichem Grunde lachen wir über jenes Kind, das, einen fremden

Herrn empfangend die Abwesenheit der Mutter mit den naiven Worten

entschuldigt: „Mama wird gleich kommen, sie setzt sich nur noch ihre

Locken auf." Verstösst diese Aeusserung einerseits gegen unsere Idee

von gesellschaftlichem Takt (und praktischer Klugheit), so befriedigt

und erfreut uns doch in höherem Grade das rückhaltlose,

wahrheitsliebende Bekenntniss des Kindes, welches in seiner Unschuld

jene künstlich geschaffenen Lügengesetze nicht kennt und daher

sittlich höher zu stehen scheint. --

Bei einer etwas anderen Auffassung kann diese selbe Aeusserung aber

auch unter die nun folgende Form des Komischen gestellt werden, indem

wir dann nicht über das Kind, sondern über die Mutter lachen, ja!

dieselbe auslachen. -- Wir empfinden nämlich über die eitle Frau eine

gewisse sittliche Entrüstung und gönnen ihr nun die Blamage, welche

ihr durch die Aeusserung der Tochter bereitet wird, als eine

wohlverdiente; -- unser Gerechtigkeitsgefühl wird dadurch befriedigt.

Es wird bei dieser Auffassung, von der Naivetät der Aeusserung ganz

abgesehen, und an Stelle der letzteren könnte eben so gut ein Zufall

treten, der die Frau gerade beim Aufsetzen der Perücke überrascht

werden lässt. -- Es bestätigt dies Beispiel die unzählig oft zu

beobachtende und schon erwähnte Thatsache, dass ein und dieselbe

komische Situation oder Aeusserung mehrfache komische Elemente

enthält, wobei natürlich im Ganzen der komische Effect sich steigert,

wenn uns die verschiedenen Auffassungen nach einander zum Bewusstsein

kommen. Gerade durch diesen Umstand wird aber die Beurtheilung des

Komischen, sowie die Beibringung von einfachen Beispielen sehr

erschwert. --

Dass das Naive im Gebiete des einfach Komischen die höchste Stellung

einnimmt oder wenigstens dasselbe nach einer Richtung hin abgrenzt,

erkennen wir am besten daraus, dass es aus dem _Lächerlichen_ sehr

leicht in das _Rührende_ über-

[Page 48]

geht. Ich führe dazu wieder ein Beispiel aus Walter Hoffmann an:

„Vom verstorbenen Prof. A. v. Schaden erzählte mir seine Mutter, sie

habe einst auf seine Fürsprache einem Bettler Brod geben wollen und

sich angeschickt, ihm ein Stück von einem Laibe abzuschneiden. Da sei

ihr Sohn zu ihr getreten und habe ihr zugeflüstert: „Mama, die Thür

steht offen, er (der Bettler) hat ja gesehen, dass Du einen _ganzen_

Laib hast, Du kannst ihm daher nichts abschneiden! (d. h. Du musst

ihm denselben ganz geben)."

Diese Aeusserung ist offenbar eine naive, sie verstösst einerseits

gegen unsere Idee von praktischer Klugheit, andererseits aber

überrascht uns darin eine hohe Sittlichkeit und kindliche Unschuld.

Wir lachen über die Aeusserung -- aber zugleich ist uns auch vor

Rührung das Weinen nahe. Indem nämlich jene hohe kindliche Reinheit

in uns das Gefühl unserer eigenen Erbärmlichkeit und berechnenden

Selbstsucht lebhaft anregt, werden wir beschämt und durch die Wucht

jener Ideen gewissermaassen erdrückt. Dadurch wird aber auf Seiten

der unser Selbstgefühl herabstimmenden Empfindungen ein Uebergewicht

erzeugt, -- aus dem der Affect des Weinens hervorgeht. --

Im Anschluss an das Naive muss ich hier wenigstens anhangweise den

*Humor* kurz erwähnen, der als nächster Nachbar neben dem Komischen

eine Form für sich bildet oder richtiger gesagt, einen besonderen

Standpunkt bezeichnet, von dem aus das Komische und Rührende sich in

etwas abweichender Weise erzeugt, und einen besonderen Hintergrund

erhält. Aehnlich wie das Naive zeigt auch der Humor den leichten

Uebergang vom Lachen ins Weinen („er lacht mit dem einen Auge,

während er mit dem andern weint"), ebenso wie beim Naiven treten auch

bei ihm als Erreger des angenehmen Gefühls die höchsten, sittlichen

und religiösen Ideen in die Schranken; doch wie wir sehen werden, in

etwas anderer Weise. Der Humor ist vor allen Dingen im Gegensatz zum

Naiven, völlig bewusst, ja willkürlich. Er beruht ganz und gar auf

einer subjectiven Auffassung, die bei dem Humoristen eine

vorherrschende, eine allgemeine Weltanschauung geworden ist [1]. Er

bringt vorsätzlich,

[1] Lazarus l. c.

[Page 49]

oder durch sein Naturell gezwungen, jedenfalls mit einer gewissen

Vorliebe das ihm entgegentretende Alltägliche, Kleine, Niedrige,

Gemeine mit den in ihm lebhaft vorhandenen hohen sittlichen und

religiösen Ideen in Gegensatz. Daraus erzeugt sich einerseits in ihm

ein unangenehmes Gefühl, andererseits aber entsteht dadurch, dass

_der Humorist sich gerade in dem Contrast mit dem Niedrigen, der

Hoheit und Erhabenheit der in ihm ruhenden Ideen lebhafter bewusst

wird, ein angenehmes Gefühl_. Behält das Letztere das Uebergewicht,

so erzeugt sich der komische Affect, während der rührende Affect dann

entsteht, wenn wir lebhaft fühlen, dass unser eigenes Thun und

Handeln mit unseren Idealen nicht im Einklang stehe. Dies sind die

beiden Formen des sogenannten versöhnten Humors. Es kann nun aber

auch der Fall eintreten, dass der Humorist durch das gegen seine

Ideale kämpfende Niedrige und Gemeine zu tief gekränkt wird, -- und

an Allem verzweifeln möchte: dann entwickelt sich der _unversöhnte

Humor_, der sich daher gern im Sarkasmus ergeht und wohl auch meist

als erste Stufe dem versöhnten Humor vorausgeht. Letzterer ist, wie

Vischer [1] richtig sagt, voll Unschuld, „aber es ist nicht die

einfache Unschuld eines Kindes, sondern eine solche, die durch innere

Wehen, durch Zerrissenheit, Kampf, Schuldbewusstsein

hindurchgegangen, sich wieder mit ihrem Gott versöhnt hat". Dass die

Humoristen bei all' ihrer Gemüthlichkeit, sehr häufig eigentlich,

unglückliche Menschen sind, erklärt sich daraus, dass sie für Alles

in der Welt vorgehende Widrige, für alle kleinen Leiden des Lebens

ein viel feineres Gefühl haben als andere Menschen, und sich doch

meist ihren Idealen gegenüber selbst klein fühlen. Daher haben die

meisten Humoristen einen Anflug von Melancholie oder Hypochondrie.

Aber selbst über diese wissen sie sich wiederum zu erheben, indem sie

gewissermaassen an sich selbst ihren Witz auslassen. Aecht

humoristische Personen sind z. B. die Narren im Shakespeare, ebenso

auch Hamlet, der in vielen Scenen den unversöhnten Humor erkennen

lässt. Ich erinnere an die Scene vor Aufführung des Schauspiels bei

Hofe, wo er zu Ophelia sagt: „Was sollte ein

[1] Erhab. u. Komische p. 215.

[Page 50]

Mensch anderes thun, als lustig sein? Denn seht nur, wie vergnügt

meine Mutter aussieht, und mein Vater ist doch erst vor zwei Stunden

gestorben. Ophelia: Vor zwei Mal zwei Monaten, gnädigster Herr.

Hamlet: So lange ist's her?! Ei da mag der Teufel noch schwarz gehen!

ich will mir ein munteres Kleid machen lassen" [1]. -- Weitere

Repräsentanten des Humors liefert Jean Paul im Titan und Siebenkäs

etc., vor Allen auch Sterne in seinem „Leben und Meinungen Tristam

Shandys."

Neben dem bisher dargestellten _subjectiven_ Humor, „wo eine

selbstbewusste humoristische Person auftritt, die absichtlich als

solche handelt," giebt es, wie Lazarus richtig hervorhebt, auch einen

_objectiven_ Humor, „wo nur der Leser und Zuschauer die Absicht und

Wirkung des Humors empfindet", indem der objective Humorist, wie z.

B. Falstaff, alle hohen Ideen, deren Widerpart er in Leben und

Gesinnung ist, durch sein Reden und Thun in uns erweckt. „Er spricht

von Ehre, Muth etc., stellt den König dar, wie er Heinrich straft

etc., in Allem ist er ein Gebildeter, die Ansprüche der Idee

Kennender und Zeigenden. Wir lachen über ihn, obgleich er das Hohe

erniedrigt (z. B. in seiner Definition der Ehre), wir lachen, weil er

selbst die wahre Idee in uns weckt und diese desto sicherer siegt, je

angelegentlicher er dagegen kämpft" [2].

Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zu unserem eigentlichen

Thema zurück, und wenden uns zur zweiten Hauptform des Komischen.

*II. Das Komische mit zwei vereinbaren Vorstellungen.*

Kam bei der vorher besprochenen Form des einfach Komischen überhaupt

nur _eine_ Vorstellung in Frage, die durch ihre Harmonie mit

einzelnen und Disharmonie mit anderen Normen die beiden einander

conträren Gefühle erregte, so sind bei der vorliegenden Form _zwei_

im Komischen selbst enthaltene Vorstellungen zur Erzeugung des

angenehmen Gefühls thätig während zum unangenehmen Gefühl wiederum

nur eine der beiden gegebenen Vorstellungen die Ursache giebt. --

[1] Vergl. weiter unten das bei „Ironie" Gesagte.

[2] Aus Lazarus l. c. p. 206.

[Page 51]

Die Physiologie und Psychologie des Lachens und des Komischen. Ein Beitrag zur experimentellen Psychologie für Naturforscher, Philosophen und gebildete Laien. · 第 4 / 9 题