In den meisten späteren Definitionen, deren es eine sehr

[1] Becker's Ausgabe. Berlin 1833. Peri poiêikês. -- 5. --

[Page 20]

grosse Zahl giebt [1], finden wir diesen Factor, den Aristoteles mit

seinem hamartêma ti kai aischos bezeichnet und in welchem er das

Hässliche in seiner weitesten Bedeutung umfasst, mehr oder weniger

erschöpfend wiedergegeben, indem von dem Einen mehr das sinnlich

Hässliche, von dem Andern das sittlich Hässliche, von einem Dritten

das für den Verstand Ungereimte als eigentlicher Inhalt des

Lächerlichen besonders betont wird.

So hebt z. B. Kant [2] hervor, dass in Allem, was ein lebhaft

erschütterndes Lachen erregen solle, etwas Widersinniges sein müsse,

woran also der Verstand an sich kein Wohlgefallen finden könne;

alsdann aber fügt er noch einen andern Factor hinzu, den er für den

eigentlich wesentlichen hält, indem er weiter mit gesperrter Schrift

fortfährt: „Das Lachen ist ein Affect der plötzlichen Verwandlung

einer gespannten Erwartung in Nichts".

Bei alledem drängt sich uns nun aber die Frage auf, wie es denn

zugeht, dass lauter unangenehme Eindrücke, wie das Hässliche,

Widersinnige, eine getäuschte Erwartung u. dgl. doch schliesslich

einen angenehmen, heiteren Affect hervorrufen, als welcher uns der

Affect des Lachens in der That doch erscheint.

Aristoteles hat diese Frage ganz übergangen, Kant dagegen beschäftigt

sich lebhaft mit ihr. Er gesteht zu, dass diese Verwandlung der

gespannten Erwartung in Nichts für den Verstand durchaus an sich

nicht erfreulich sei; da sie nun aber doch indirect auf einen

Augenblick sehr lehhaft erfreue, so müsse die Ursache in dem

Einflusse der Vorstellung auf den Körper und dessen Wechselwirkung

auf das Gemüth bestehen. Er kommt schliesslich [3] nach ausführlicher

Excursion hierüber zu dem Resultate, dass die angenehme Wirkung des

Lächerlichen auf der für die Gesundheit heilsamen Motion und

verdauungsbefördernden Zwerchfellbewegung beim Lachen beruhe; da „das

Lachen immer Schwingung der Muskeln ist, die zur Verdauung gehören,

welche diese weit besser befördert, als die

[1] Vergl. M. Schasler, Aesthetik I. Bd. Berlin 1871 der die

wichtigsten Theorien des Komischen anführt und sehr treffend

kritisirt.

[2] Kritik der Urtheilskraft. Sämmtl. Werke. Leipzig 1839. Bd. 7. p.

198.

[3] Vergl. auch Kant's Anthropologie § 77.

[Page 21]

Weisheit des Arztes thun würde." -- Kant spricht hier, wie

ersichtlich, nur von dem körperlichen Genuss, den das _Lachen_

bereitet und nicht von dem geistig Angenehmen, was im Lächerlichen

selbst liegt, während doch offenbar das Komische selbst dann einen

angenehmen Kitzel in uns verursacht, wenn das „lebhaft erschütternde

Lachen" nicht zum Ausbruche kommt. Es muss also im Lächerlichen

selbst oder in seiner directen Einwirkung auf unser Gemüth neben dem

mehr ins Auge fallenden unangenehmen Inhalt noch ein Factor wirksam

sein, aus dem sich die angenehme Wirkung des Lächerlichen erklärt. In

der That ist auch von anderen Autoren vielfach der Versuch gemacht,

diesen Factor neben dem erstgenannten aufzufinden, und zum Belege

dafür, in welcher Weise dies geschehen und wie weit es gelungen ist,

lasse ich noch einige Definitionen des Komischen hier in aller Kürze

folgen, die mir unter den mir bekannt gewordenen, als die

bedeutendsten erschienen sind.

Ich erwähne zuerst die Theorie des Lächerlichen von Schopenhauer [1].

Auch er hebt hervor, dass das Lächerliche eine unserem Gefühl

unangenehme Wahrnehmung enthält, nämlich die von der Incongruenz

zwischen einem Begriff und dem durch denselben gedachten Gegenstande.

Dass diese wahrgenommene Incongruenz uns aber Freude mache, erklärt

Schopenhauer in folgender Weise: „Bei jenem plötzlich hervortretenden

Widerstreit zwischen dem Angeschauten und Gedachten behält das

Angeschaute allemal unzweifelhaft Recht". -- „Dieser Sieg der

anschauenden Erkenntnisse erfreut uns, denn das Anschauen ist die

ursprüngliche, von der thierischen Natur unzertrennliche

Erkenntnissweise, in der sich Alles, was dem Willen unmittelbares

Genügen giebt, darstellt: Es ist das Medium der Gegenwart, des

Genusses und der Fröhlichkeit: auch ist dasselbe mit keiner

Anstrengung verknüpft. -- Vom Denken gilt das Gegentheil; es ist die

zweite Potenz des Erkennens, deren Ausübung stets einige oft

bedeutende Anstrengung erfordert und deren Begriffe es sind, welche

sich oft der Befriedigung unserer unmittelbaren Wünsche entgegen-

[1] Die Welt als Wille und Vorstellung. Leipzig 1859. (3. Aufl.) Band

I. p. 70 ff. u. Bd. II. p. 99 ff.

[Page 22]

stellen, indem sie als Medium der Vergangenheit, der Zukunft und des

Ernstes, den Vehikel unserer Befürchtungen, unserer Reue und aller

unserer Schmerzen abgeben. Diese strenge, unermüdliche, überlästige

Hofmeisterin Vernunft jetzt einmal der Unzulänglichkeit überführt zu

sehen, muss uns daher ergötzlich sein." So viel Richtiges die

Definition von Schopenhauer auch enthält, so kann ich doch seiner

Erklärung von der angenehmen Wirkung des Lächerlichen nicht

beitreten. Vor allen Dingen ist jene Bestimmung zu weit umfassend, da

nach ihr _jeder_ Irrthum lächerlich sein müsste, in welchem die

Anschauung uns belehrt, dass wir etwas Fehlerhaftes gedacht haben;

während doch, wie wir später sehen werden, nur unter gewissen

Bedingungen (nämlich bei Hinzukommen eines angenehmen Factors, der in

dem lächerlichen Dinge selbst liegt) ein solcher Irrthum lächerlich

wird.

Ganz im Gegensatz zu Schopenhauer stellt Lazarus [1], der an

verschiedenen Stellen seiner geistvollen Arbeit über den Humor sich

über das Komische ausspricht, den Sieg des in uns vorhandenen

Positiven, Vernünftigen, Idealen über das gegebene Negative als den

angenehm wirkenden Factor im Komischen dar, indem er Letzteres

überhaupt dadurch entstehen lässt, dass wir das Mangelhafte sehen, wo

wir das Vollkommene erwarten; während der von Schopenhauer dem

Lächerlichen vindicirte Sieg der gegebenen negativen Vorstellung über

das in uns vorhandene Positive nach Lazarus den Affect des Weinens

hervorruft. Weiter fasst L. das Komische als eine der drei möglichen

Seiten des Contrastes auf, indem er ihm seine Stellung zwischen dem

tragischen und humoristischen Contrast anweist. Der Contrast aber ist

nach ihm ein solcher Gegensatz, bei welchem die Glieder desselben

zugleich einen Punkt oder eine Seite der Vereinigung haben, indem die

dabei wirkenden Vorstellungen einmal wegen ihrer Gleichheit zu einem

einzigen Denkact verschmelzen, während sie nach anderer Richtung hin

wieder ganz und gar geschieden sind. Die Möglichkeit und die

Unmöglichheit der Verschmelzung tritt zu gleicher Zeit ein,

[1] Das Leben der Seele. Berlin 1856. I. p 179 ff. Der Humor als

psychologisches Phänomen.

[Page 23]

daraus entsteht ein Widerstreit nicht blos in den Vorstellungen,

sondern auch im Zustande der Seele, und diesen nennen wir Affect --

und zwar entsteht der Affect des Lachens durch den Widerstreit

zwischen Schein und Sein. -- Wir werden auf diese z. Th. sehr

treffende Definition später bei Gelegenheit des Witzes noch einmal

zurückkommen.

Gingen die bisher mitgetheilten Definitionen alle mehr oder weniger

entschieden vom psychologischen Standpunkte aus, so muss ich jetzt

eine andere Auffassungsweise der uns beschäftigenden Frage erwähnen,

nämlich die metaphysisch-ästhetische, als deren eigentlicher

Begründer Jean Paul [1] anzusehen ist. Auch von diesem Standpunkte

aus lässt sich das Vorhandensein zweier Factoren im Komischen

nachweisen, von denen der eine etwas Unangenehmes, der andere etwas

Angenehmes enthält. Jean Paul, der übrigens selbst zum Theil die

psychologische Betrachtungsweise noch festhält, bringt in seiner

Vorschule zur Aesthetik viele geistreiche Bemerkungen und Aperçus

über unseren Gegenstand vor, doch ermangelt seine Darstellung der

wissenschaftlichen Schärfe und Uebersichtlichkeit. Er findet u. A.

das Wesen des Komischen in einem sinnlich angeschauten unendlichen

Unverstand, wobei wir demselben unsere Einsicht und Ansicht leihen;

dadurch aber, dass J. P. das Komische zuerst als das umgekehrt

Erhabene bezeichnet, legte er den Grund zu jener metaphysisch-

ästhetischen Auffassungsweise, die durch Schelling, Hegel, Ruge,

Weisse, u. A. weiter gefördert wurde. Am Eingehendsten behandelt von

diesem Standpunkt aus Fr. Th. Vischer (Tübingen) [2] unser Thema und

liefert eine Fülle wohlgeordneten, schätzbaren Materials. Nach ihm

bildet das Erhabene im Komischen den einen Factor, dem ein zweiter

Factor entgegensteht, der das Erhabene zu Fall bringt. Aus dem kurzen

Abschnitte über den „Subjectiven Eindruck des Erhabenen und

Komischen" entnehmen wir aber, dass das Erhabene als Unlust auf die

Seele des Anschauenden eindringt, während durch die plötzliche

Aufhebung des Erhabenen die

[1] Sämmtliche Werke, Berlin 1841. 18. Bd. §. 26 ff.

[2] Ueber das Erhabene und Komische. Stuttgart 1837, und Aesthetik

Reutlingen und Leipzig 1846. I. Th. p. 334. ff.

[Page 24]

Unlust in Lust verwandelt wird. Beide Factoren, welche Vischer sehr

ausführlich einzeln bespricht, bilden durch ihren plötzlichen

Zusammenstoss das Komische, das je nach der Form des Erhabenen, das

sich in ihm bricht, verschiedene Arten zeigt.

In allen mitgetheilten Definitionen sehen wir also mehr oder weniger

bestimmt jene beiden Factoren hervorgehoben, von denen der eine

Unlust verursacht, während wir dem zweiten Factor, über den sich die

Autoren hauptsächlich in Differenz befinden, die Erzeugung eines

angenehmen Gefühls zuschreiben müssen. Diese beiden Factoren hat man

aber bisher nicht als gleichwerthige aufgefasst; denn während man das

unangenehme Gefühl ans der Einwirkung erklärt, die der im Komischen

vorhandene Inhalt auf unsere Seele ausübt, suchte man das angenehme

Gefühl aus einem von jenem Inhalt zum grössten Theil unabhängigen

psychischen Processe herzuleiten, so Schopenhauer aus dem Siege des

Anschauens über das Denken, Lazarus aus dem Siege des in uns

vorhandenen Positiven über das gegebene Negative, Vischer endlich aus

der Aufhebung des unangenehmen Gefühls. -- Nur eine, zuerst von

Hobbes ausgesprochene und seitdem vielfach verwerthete (und wohl

indirect auch in der Definition von Lazarus enthaltene) Erklärung,

welche den Grund der Lust beim Lächerlichen in dem Gefühl unserer

Ueberlegenheit über die Schwachheit des Belachten sucht, macht davon

eine Ausnahme, indem sie die Lust aus gleicher Quelle herleitet, wie

die Unlust. Denn während die Schwachheit, Dummheit etc. des Andern

einerseits unser Gefühl beleidigt, ruft sie andererseits dadurch,

dass sie uns unsere Ueberlegenheit zum Bewusstsein bringt, ein

angenehmes Gefühl hervor. Doch gilt diese Erklärung, so richtig nach

meiner Anschauung der Weg ist, den sie einschlägt, nur für eine ganz

beschränkte Form des Lächerlichen. Eine allgemeine Ausdehnung auf das

ganze Gebiet des Komischen hat nur im negativen Sinne Geltung,

insofern eine Verletzung und Erniedrigung unseres Selbstgefühls

selbst durch die Harmonie mit den höchsten Ideen nur sehr selten

aufgewogen wird und dieselbe daher für den komischen Contrast in der

Regel untauglich ist. Es giebt ausser der hier erwähnten noch viele

andere auf demselben Grunde

[Page 25]

entspringende Quellen der Lust beim Komischen und es soll in der

folgenden Untersuchung unsere Aufgabe sein, dieselben aufzufinden.

Wir wollen nachweisen, dass die Quellen, aus denen das angenehme

Gefühl beim Komischen entspringt, ebenso zahlreich sind, wie die

Quellen des unangenehmen Gefühls, und dass beide Gefühle aus der

Einwirkung der im Komischen enthaltenen Vorstellungen auf unsere

Seele hervorgehen.

Ehe wir aber zur Lösung dieser Aufgabe schreiten, ist es nöthig, dass

wir uns über die wichtigsten dem Ganzen zu Grunde liegenden

psychologischen Fragen verständigen und uns namentlich darüber

einigen, was wir unter Gefühlen verstehen wollen, und welche Quellen

wir für dieselben annehmen [1]. Es ist eine genaue Verständigung

hierüber um so unerlässlicher, als mit dem Worte _Gefühl_ die

heterogensten Begriffe bezeichnet werden und namentlich die in der

gewöhnlichen Umgangssprache herrschende Gleichbedeutung der Worte

_Empfindung_ und _Gefühl_ zum Theil auch in die Wissenschaft

eingedrungen ist, und hier die grösste Verwirrung angerichtet hat.

Nahlowsky, der sich um die Klärung dieser Begriffe das grösste

Verdienst erworben hat, giebt eine ganze Sammlung von Citaten, welche

beweisen, dass selbst Psychologen von Bedeutung die scharfe Trennung

zwischen Gefühl und Empfindung ausser Acht lassend in unlösbare

Widersprüche und auf Abwege gerathen sind.

Wir nennen mit Nahlowsky alle jene Zustände, die auf der blossen

Perception organischer Reize beruhen (d. h. alle solche, die entweder

durch sensorielle oder sensitive Nerven vermittelt sind)

*Empfindungen;* alle jene Zustände dagegen, die keineswegs

_unmittelbares_ Product von Nervenreizen, sondern vielmehr _Resultat

gleichzeitig im Bewusstsein zusammentreffender Vorstellungen_ sind,

*Gefühle* und zwar beruhen dieselben _auf dem unmittelbaren

Innewerden der Hemmung oder Förderung unter den eben im Bewusstsein

vorhandenen Vorstellungen_. Die Hemmung erzeugt

[1] Waitz, Lehrbuch der Psychologie Braunschweig 1849. _Nahlowsky das

Gefühlsleben_. Leipzig 1862. Lazarus l. c. I. p. 238.

[Page 26]

das Gefühl der Unlust, die Förderung das Gefühl der Lust und zwischen

diesen beiden Polen bewegen sich alle Gefühle, die den Menschen

jemals beherrschen können.

Die Empfindungen theilen sich in die Aussen- oder Sinnesempfindungen

und die Innen- oder Körperempfindungen. Unter letzteren sind

namentlich die sogenannten Gemeingefühle oder richtiger

Gemein_empfindungen_ für uns wichtig, weil sie, wie schon der (auch

in der Wissenschaft) geläufige Name sagt, fälschlich zu den Gefühlen

gerechnet werden. Es gehören hierher z. B. die Empfindungen

körperlicher Frische oder Mattigkeit, des gehobenen leiblichen Lebens

oder der Abgeschlagenheit, der physischen Gesundheit oder Krankheit

und dgl.

Während die Empfindungen ursprüngliche Zustände sind, sind die

Gefühle abgeleitete; während erstere die Elemente darstellen, aus

denen die Vorstellungen sich bilden, gehen die Gefühle erst aus den

Vorstellungen hervor. Dadurch stehen aber die Gefühle mit den

Empfindungen in indirecter Verbindung und gerade diese Abhängigkeit

der einen von den andern hat zu der verwirrenden Vermischung beider

Zustände geführt. Die Empfindungen erzeugen Gefühle stets durch

Vermittlung von Vorstellungen, die uns nur mehr oder minder klar zum

Bewusstsein kommen. Meistens werden die Vorstellungen in Folge einer

zwischen bestimmten Empfindungen und bestimmten Vorstellungen früher

zufällig eingegangenen Verbindung geweckt. Wenn wir beim Anblick

eines Kirchhofs in traurige Stimmung gerathen, so geschieht das in

Folge der damit verknüpften Vorstellung vom Tode überhaupt oder

vielleicht vom Tode einer geliebten Person etc. Wenn uns ein heller

Sommertag heiter stimmt, so wirken dabei, wenn auch zum Theil

unbewusst, Vorstellungen mit, die sich auf genossene Sommerfreuden im

Freien beziehen, andrerseits aber spielt dabei auch das grössere

körperliche Wohlsein eine Rolle. Dasselbe führt nämlich durch

leichteres von Stattengehen der Ernährungsvorgänge auch im Gehirn zu

einer schnelleren Verknüpfung der Vorstellungen überhaupt, welche wie

wir gleich sehen werden eine Quelle der angenehmen Gefühle ist. Die

körperliche Schmerzempfindung, namentlich ein dauernder Schmerz oder

ein körperliches Unbehagen bewirkt ein Stocken des Vor-

[Page 27]

stellungsverlaufes welches unangenehme Gefühle erregt. Immer also

bilden die Vorstellungen das Mittelglied zwischen Empfindung und

Gefühl. Die weiterfolgenden Auseinandersetzungen werden diesen Satz

noch näher beweisen helfen.

Wir haben uns hier zunächst ganz im Allgemeinen mit den Gefühlen der

Lust und Unlust zu beschäftigen, und wollen vor Allem ihre Quellen

noch näher erforschen. Wir führten schon oben die Definition von

Nahlowsky (und Waitz) an, welche das angenehme Gefühl aus einer

Förderung, das unangenehme aus einer Hemmung der gerade im

Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen erklärt. Es soll unsere Aufgabe

sein, die Begriffe der Förderung und Hemmung noch näher zu

specialisiren, indem wir dabei genetisch verfahren, d. h. die Gefühle

beim Eintritt einer (sei es durch Wahrnehmung uns neu zugeführten,

sei es durch Reproduction über die Schwelle des Bewusstseins

gebrachten) Vorstellung zu erforschen suchen.

Die Art und Weise, wie die neue Vorstellung sich zu dem schon

vorhandenen Vorstellungscamplex, der unser geistiges Ich bildet,

verhält, wird dabei maassgebend sein. -- Die leichtere oder schwerere

Einverleibung in denselben (Assimilation) bestimmt die Qualität des

dabei entstehenden Gefühls. Es lässt sich in Bezug hierauf folgender

Satz aufstellen, der seinen ausgiebigen Beweis in der ganzen

folgenden Arbeit finden wird:

_Ein angenehmes Gefühl entsteht dadurch, dass eine neue Vorstellung

schnell und ungestört mit einer andern eben im Bewusstsein

vorhandenen oder einer aus dem gesammten Vorstellungscomplex durch

jene geweckten Vorstellung in Verbindung tritt, und auf diese Weise

leicht assimilirt wird; während ein unangenehmes Gefühl dadurch

entsteht, dass die Assimilation durch irgend welche Umstände eine

Verzögerung erleidet._

Um diesen Fundamentalsatz zu beweisen, müssen wir zunächst die

Gesetze, nach denen die Assimilation der Vorstellungen vor sich geht,

kurz erörtern.

Diese Assimilation, von der wir zu reden haben, ist also derjenige

psychische Vorgang, durch welchen eine neu auftretende

[Page 28]

Vorstellung sich mit den schon vorhandenen in bestimmte Beziehungen

setzt, mit denselben die mannigfachsten Verbindungen eingeht und

dadurch unser geistiges Eigenthum, ein integrirender Bestandtheil

unseres geistigen Ich's wird. -- Die Gesetze, nach denen diese

Assimilation vor sich geht, lassen sich am leichtesten aus der

Beobachtung der Reproduction der Vorstellungen herleiten, indem wir,

wie eine kurze Ueberlegung zeigt, die Verbindungen, welche eine

Vorstellung bei ihrer Assimilation eingegangen ist, am besten

nachträglich daraus ersehen können, in welchem Zusammenhange mit

anderen Vorstellungen wir sie am leichtesten reproduciren können. Es

ist demnach leicht einzusehen, dass die Gesetze der sogenannten

Ideenassociation ihren eigentlichen Grund in den Vorgängen der

Assimilation zu suchen haben, indem Vorstellungen, die bei ihrer

Aufnahme in irgend einer Weise mit einander in Verbindung standen,

auch für die Folge derart verbunden bleiben, dass sie sich

gegenseitig leicht „wecken". Zunächst werden zwei Wahrnehmungen, die

wir einmal oder öfter in enger Verbindung neben einander oder

zeitlich nach einander gemacht haben, auch in ihren zurückbleibenden

Vorstellungsbildern diesen Zusammenhang behalten und es ergiebt sich

daraus das Gesetz der _Coexistenz_ und das der _Succession_. Die

beiden, nach einem dieser Gesetze verbundenen Vorstellungen, werden

sehr leicht und daher auch mit einer gewissen Befriedigung eine die

andere wecken, so dass, wenn uns eine dieser Vorstellungen etwa durch

die Wahrnehmung dargeboten wird, ihr schnell die andere

gewissermaassen entgegenkommt und auf diese Weise, indem sie die

erstere an sich zieht, deren Verbindung mit dem gesammten

Vorstellungscomplex, d. h. die _Assimilation_ erleichtert. Ebenso

dient die _Aehnlichkeit_ zweier Vorstellungen in einzelnen

wesentlichen oder durch besondere Umstände auffällig gemachten

Eigenschaften dazu, diese Vorstellungen in dauernder Verbindung zu

erhalten und es ergiebt sich daraus einerseits als _dritte Norm der

Ideenassociation die der Aehnlichkeit_, andererseits erklärt sich aus

dem Gesagten die Thatsache, dass eine Vorstellung um so leichter und

schneller assimilirt werden kann, je schneller sie ähnliche

Vorstellungen zu wecken vermag.

[Page 29]

Das Herausfinden der Aehnlichkeit ist natürlich von einem Urtheil

abhängig. Je mehr nun aber der Geist sich ausbildet, um so mehr

unterliegt die Aufnahme neuer Vorstellungen auch nach anderen

Richtungen hin einer Beurtheilung, von deren Ausfall dann vornehmlich

die schnellere oder verzögerte Assimilation abhängig ist. Und zwar

stützt sich dieses Urtheil auf gewisse gleichsam abgeschlossene

Ideenkreise, die in uns bei wachsender Geistesreife und

Charakterentwicklung immer umfassender sich herausbilden, immer

bestimmter als ideale Urtheilsmaximen zur Geltung kommen und immer

maassgebender werden. Es sind dies die _logischen und praktischen

Normen_, sowie die _ethischen, ästhetischen und religiösen Ideen_,

welche drei letzteren wir auch unter der Bezeichnung der _ideellen

Normen_ zusammenfassen können, indem wir darunter die Ideen von

Wahrheit, Gerechtigkeit, Güte, Freiheit Sittlichkeit, Schönheit u.

dgl., sowie die Gott-Idee und alles darauf Bezügliche verstehen,

während die logischen und praktischen Normen in den logischen

Begriffen, Urtheilen und Schlüssen, sowie in den Ideen von

Zweckmässigkeit, Nützlichkeit etc. ihren Ausdruck finden.

_Steht eine Vorstellung oder ein Vorstellungscomplex mit den

logischen und praktischen oder ideellen Normen im Widerspruch, so ist

dadurch die Assimilation erschwert und es entsteht ein unangenehmes

Gefühl; während die Uebereinstimmung mit jenen Normen eine leichte

ungehinderte Assimilation und somit ein angenehmes Gefühl bewirkt._

Die logischen, praktischen und ideellen Normen zeigen freilich je

nach der Individualität und Bildung des Einzelnen, sowie der Cultur

des Volkes, dem das Individuum angehört, in ihrer Zahl und namentlich

in ihrem qualitativen Inhalt und ihrer Entwickelungshöhe sehr

bedeutende Verschiedenheiten und von der grösseren oder geringeren

Ausbildung dieser Normen hängt es mit ab, ob ein Vorstellungscomplex,

der mit denselben in Conflict tritt, uns mehr oder minder unangenehm

berührt, oder wie gross im umgekehrten Fall das angenehme Gefühl ist,

das aus der Uebereinstimmung einer gegebenen Vorstellung mit einer

jener Normen entsteht. Im grossen Ganzen

[Page 30]

wiegen bei der Mehrzahl der Menschen die praktischen Normen bei

Weitem vor und indem dieselben in ihrer niedrigsten Entwicklungsstufe

nur auf die Person des Empfindenden selbst bezogen werden,

concentriren sie sich im Egoismus, der deshalb bei Ungebildeten fast

ausschliesslich den Maassstab für die Qualität der Gefühle abgiebt.

-- Nur das, was den praktischen Ideen in diesem Sinne entspricht, ist

für den wenig Gebildeten eine Quelle angenehmer, nur das, was ihnen

zuwiderläuft, der Ursprung unangenehmer Gefühle.

Je höher die Bildung, die wirkliche Herzensbildung, um so mehr treten

die sittlichen und religiösen und weiterhin die ästhetischen Ideen,

sowie gleichzeitig die logischen Normen in den Vordergrund und

spielen bei der Erregung von Gefühlen eine wesentliche Rolle. Während

daher der Ungebildete sich an dem Leiden Anderer weiden und ergötzen

kann, in der Freude über die Verschonung seiner eigenen Person, wird

der Gebildete dabei mit innerem Weh erfüllt, weil die Vorstellung von

dem Leiden überhaupt mit seinen mehr ausgebildeten ethischen und

ästhetischen Ideen in lebhaften Widerspruch tritt. -- Während der

Eine, von materiellem Egoismus befangen, geduldig in schmachvoller

Unterdrückung und Knechtschaft lebt, so lange nur sein Leib und Gut

nicht gefährdet ist, wird der Andere Feinfühlige von Grimm erfüllt,

trotz äusserlich glänzender Lage, bei blossen Vorstellungen, die mit

seiner Freiheits- oder Rechtsidee in Gegensatz treten.

In den bisher betrachteten Fällen von Aufnahme neuer Vorstellungen

war gewissermaassen vorausgesetzt, dass dieselben ein momentan nicht

in lebhafter Thätigkeit begriffenes Vorstellungsleben antreffen, und

nach den angedeuteten Gesetzen die Vorstellungen, mit denen sie in

Harmonie oder Contrast treten, erst selbst bestimmen, dieselben erst

wecken. Etwas anders gestalten sich nun aber die Verhältnisse, wenn

zur Zeit, wo eine neue Vorstellung in uns erzeugt wird, eine andere

Vorstellung resp. ein Vorstellungskreis das Bewusstsein beherrscht,

uns momentan sehr lebhaft beschäftigt. In diesem Fall wird die

Assimilationsfähigkeit der neuen Vorstellung fast allein davon

bestimmt, ob dieselbe mit jener momentan herrschenden

Vorstellungsreihe übereinstimmt oder nicht, sich

[Page 31]

also gerade mit dieser in leichte oder schwere Association setzt. --

Nach dem Satz von der Enge des Bewusstseins kann nämlich in einem

bestimmten Augenblicke nur eine Vorstellung unser Denken ganz

ausfüllen. Tritt uns eine neue Vorstellung entgegen, so muss sie erst

die augenblicklich im Bewusstsein vorhandene verdrängen, sofern sie

nicht mit ihr in _eine_ Vorstellungsthätigkeit verschmelzen kann. --

Dies Verdrängen aber, bei vorhandener Disharmonie zwischen den beiden

Vorstellungen wird unter allen Umständen, selbst wenn die neue

Vorstellung etwa mit den logischen oder ideellen Normen harmonirend

uns an sich durchaus angenehm berühren würde, eine Verzögerung der

Assimilation veranlassen und daher zunächst ein unangenehmes Gefühl

hervorrufen, das später freilich, wenn die neue Vorstellung sich nach

Ueberwindung dieser Schwierigkeiten mit dem gesammten

Vorstellungscomplex in die richtigen Beziehungen gesetzt hat, unter

Umständen in ein angenehmes Gefühl übergehen kann. -- Im umgekehrten

Fall dagegen, wenn die beiden Vorstellungen oder Vorstellungsreihen

leicht mit einander in Verbindung treten, und in einen Denkact

verschmelzen können, wird die Assimilation sehr wesentlich gefördert,

da einer ihrer Acte, „das Wecken" der ähnlichen Vorstellung, in

Wegfall kommt. Die Beziehungen zwischen beiden Vorstellungen brauchen

daher in diesem Fall, um schon ein angenehmes Gefühl hervorzurufen,

nur entfernte zu sein, und sich z. B. nur auf ganz äussere

Aehnlichkeit wie Gleichklang der Worte u. dgl. zu beschränken, _wo

sonst die mit der Association verbundene Gefühlserregung zu schwach

zu sein pflegt, um überhaupt noch empfunden zu werden_.

Wir erklären hieraus z. B. den angenehmen Einfluss, den der Reim auf

unser Gefühl ausübt. Es werden uns bei demselben in den beiden

gereimten Versen zwei Vorstellungsreihen geboten, deren Association

mit einander durch den Gleichklang der letzten Worte ganz erheblich

erleichtert wird und daher ein angenehmes Gefühl hervorruft. Es ist

ja eine bekannte Thatsache, dass gereimte Verse sich leichter

behalten das heisst eben doch leichter assimilirt und reproducirt

werden) als Prosa. Ja schon das blosse Metrum reicht hiezu aus, indem

die _Aehn_-

[Page 32]

_lichkeit_ des Sylbenfalls die Assimilation erleichtert. In gleicher

Weise wirkt auch die Uebereinstimmung zweier Vorstellungen nach den

Gesetzen der Coexistenz oder Succession, die allein für sich selten

ein starkes Gefühl zu produciren vermögen, sehr entschieden angenehm.

Zwei Worte, die wir oft hinter einander gehört haben, hören wir für

die Folge auch gern zusammen. Es verursacht für den nach dem

Lutherschen Katechismus Unterrichteten ein gar nicht wegzuleugnendes

angenehmes Gefühl, wenn er die Worte: Augen, Ohren; Vernunft und alle

Sinne; Kleider und Schuhe; Essen und Trinken; Haus und Hof; Weib und

Kind etc. nach alter Katechismusreminiscenz zusammenstellt. --

Doppelt angenehm wirken die noch dazu durch Alliteration einander

_ähnlichen_ Wortverbindungen, wie: Mann und Maus, Kind und Kegel,

Stock und Stein (auch Haus und Hof gehört hierher), -- die ja auch

das Volk mit einer gewissen Vorliebe gebraucht. Noch lebhafter als

die angenehmen Gefühle bei Uebereinstimmung der neuen

Vorstellungsreihe mit der schon vorhandenen resp. kurz vorher

gegebenen, können unter Umständen die unangenehmen Gefühle bei

mangelnder Harmonie sein. Es gehört hierher namentlich das

unangenehme Gefühl getäuschter Erwartung, bei der eine neue

Vorstellung eine kurz vorher angeregte Vorstellungsrichtung plötzlich

unterbricht. Es ist in diesen Fällen die Assimilation der neuen

Vorstellung unendlich erschwert, selbst dann, wenn diese eine

angenehme ist. Denken wir, es wird uns ein Besuch angemeldet, der uns

übrigens ziemlich gleichgültig lässt, oder gar unangenehm berührt,

auf dessen Eintreten wir aber mit einer gewissen Spannung warten;

statt der angemeldeten Person tritt jedoch ein anderer uns äusserst

lieber Besuch ins Zimmer. Trotz der angenehmeren Situation wird doch

im ersten Augenblick die Empfindung eine peinliche sein -- um

freilich bei dem Einen schneller, bei dem Andern langsamer dem

ungemischten Gefühl der Freude Platz zu machen. Man sagt von

Menschen, bei denen die Assimilationsfähigkeit selbst conträrer

Vorstellungen eine grosse ist, sie können „sich schnell fassen".

Stellen wir jetzt noch einmal die Ursachen der angenehmen und

unangenehmen Gefühle zusammen, die, wie eben erörtert,

[Page 33]

aus der geförderten, respective gehemmten Association und

Assimilation hervorgehen, so erkennen wir:

Die Physiologie und Psychologie des Lachens und des Komischen. Ein Beitrag zur experimentellen Psychologie für Naturforscher, Philosophen und gebildete Laien. · 第 2 / 9 题