Auch bei den Erscheinungen in der Natur, bei Wind und Sturm, Hagel

und Gewitter begegnen häufig dämonische Wesen in Riesengestalt. Der

nordische Volksglaube kennt einen Sturmriesen ~Kári~, einen Riesen

~Hræsvelgr~ („Leichenschwelg“) in Adlersgestalt, von dessen Fittichen

die Winde ausgehen; über das ganze germanische Gebiet ist die Sage

vom wilden Jäger verbreitet, die ja auch viele andere Völker kennen.

Letzterer wird zuweilen Führer der Seelenschar und berührt sich

hierin mit dem aus diesem hervorgegangenen Wôdan. Daneben scheinen

die weitverbreiteten Windspenden oder Windfütterungen (Getreide,

Mehl) auf einen Kult des unpersonifizierten Elementes hinzuweisen. —

Im nördlichen Norwegen wurden zwei Riesinnen, ~Þorgerðr~ und ~Irpa~,

verehrt, die Gewitter, Sturm und Hagel erzeugten; sie besaßen sogar ein

Heiligtum, und es wird berichtet, daß ihnen Menschen geopfert worden

wären. Sie gleichen in ihrer Tätigkeit den südgermanischen +Hexen+,

den nordischen +Völven+ oder +Trollen+ die noch heute der Volksglaube

als die Wesen auffaßt, die schlimmes Wetter, ganz besonders ein das

Gewitter begleitendes Unwetter erzeugen. In dem Glauben, daß es

Menschen gäbe, die durch ihre Zauberkraft Unwetter heraufbeschwören

können, haben diese mythischen Wesen ihre Wurzeln. In den schwarzen

Wolken reiten sie durch die Lüfte; aus ihnen kann man sie durch Pfeile

herunterschießen. Zuweilen sieht man sie auch als Krähen oder Raben

in der Luft fliegen. Zu gewissen Zeiten, auf gewissen Bergen (den

Blocksbergen in Norddeutschland) halten sie ihre Zusammenkünfte. Es

läßt sich schwer sagen, ob der Hexenglaube auf animistische oder

manistische Vorstellungen zurückzuführen ist; beide scheinen hier

ineinandergeflossen zu sein: der Glaube, daß geisterhafte Wesen in

dem Unwetter walten, und die Überzeugung, daß die Seelen der Menschen

ihren Körper verlassen und über ihre Mitmenschen Unheil oder Unwetter

bringen können. Sonst erfahren wir nichts von Donner- und Blitzdämonen;

der Glaube an den persönlichen Donnergott beherrscht alle germanischen

Stämme. Nur alter Gewitterzauber führt in eine Zeit, wo man von diesem

noch nichts wußte. Hierher gehört vor allem der magische Gebrauch der

Donnerkeile und Donnersteine, der sich wie bei fast allen Völkern auch

bei den Germanen in der frühesten Zeit nachweisen läßt; sie sind noch

heute im Volksglauben das beste Schutzmittel gegen Blitzschlag.

Endlich hat auch menschliches Tun und Handeln mythische Gestalten

erzeugt. Wie bei den Hexen, kann man auch bei ihnen meist nicht

entscheiden, ob sie animistischen oder manistischen Ursprungs sind.

Hierher gehören vor allem die +Walküren+. Man begegnet ihnen besonders

bei den Angelsachsen (~wælkyrie~) und Nordgermanen (~valkyrja~). Ihr

Name bedeutet „Totenwählerin“. Nach Tacitus nahmen die Germanenfrauen

regen Anteil an dem Verlauf der Schlacht. Andere Schriftsteller

berichten, wie sie selbst vielfach am Kampfe teilgenommen haben;

in den nordischen Quellen begegnet man Kampf- oder Schildmädchen

auf Schritt und Tritt. Die Schlachtenjungfrauen wurden auch auf die

mythischen Gefilde übertragen: wie im Merseburger Zauberspruche die

~îdisi~, stehen sie im Kampfe unsichtbar ihren Anhängern bei, indem

sie die Heerfessel über die Feinde werfen und diese dadurch zu Falle

bringen. Als geisterhafte Wesen durchreiten sie Luft und Meer, und

von den Mähnen ihrer Rosse fällt nach der eddischen Dichtung der

Tau in die Täler. Hier im Norden sind auch die Walküren in engsten

Zusammenhang mit Óðin als Schlachtengott gebracht; sie erscheinen als

seine Wunschmädchen, die von dem Schlachtfeld die von ihm bestimmten

Toten nach Valhǫll führen, die hier den Einherjern den Met kredenzen,

die den Gott bei feierlichen Handlungen begleiten. Zu diesen Walküren

gehörte auch die Brynhildr-Sigrdrífa. Sie hatte gegen Óðins Befehl den

alten Hjalmgunnar gefällt und dem jungen Agnar den Sieg erteilt; zur

Strafe für ihren Ungehorsam hatte sie Óðin mit dem Schlafdorn gestochen

und bestimmt, daß sie sich vermählen d. h. aus dem Kreise der Walküren

ausscheiden solle.

Mit der Überzeugung, daß den Frauen etwas Heiliges innewohne (Tacitus),

hing es zusammen, daß die Germanen auch oft ihr Schicksal in die

Hände von Frauen legten. Die Brukterin Veleda leitete den ganzen

Bataveraufstand, den Weisungen der Gambara folgten die Langobarden,

bei den Semnonen stand die Ganna in hohen Ehren. Diese Verehrung

weiser Frauen fand ihr mythisches Widerspiel in dem Glauben an eine

mächtige Schicksalsgottheit, in deren Hand das Geschick der Menschen,

besonders ihr Ende liege. Als Bezeichnung dafür begegnet ahd. ~wurt~,

ags. ~wyrð~, altn. ~urðr~ = Geschick, Tod, daneben ags. ~meotod~,

altn. ~mjǫtuðr~ „die zumessende Macht“, mhd. die ~gaschepfen~ „die

Schaffenden“, im altn. endlich das etymologisch dunkle ~norn~ „die

Norne“. Bald erscheinen diese mythischen Wesen allein, bald sind

es mehrere. In der spät-eddischen Dichtung begegnen drei: ~Urðr~,

~Verðandi~, ~Skuld~, in denen man die Nornen der Vergangenheit,

Gegenwart und Zukunft hat finden wollen. Auch bei anderen germanischen

Stämmen findet man die drei Schicksalsschwestern. Daneben begegnen

zuweilen gute und böse Nornen. Dem Spruch dieser Schicksalsmacht können

auch die Götter nicht entgehen: mit ihrem Erscheinen ist nach der

eddischen Vǫluspá ihre goldene Zeit, ihre Freiheit dahin, und der erste

Kampf der Götter scheint von ihrer Bestimmung abhängig zu sein. An der

einen Wurzel des Weltbaumes Yggdrasil, wo sich der nach der Hauptnorne

genannte Urðarbrunnen befindet, ist ihre Wohnstätte: hier warten sie

des heiligen Baumes und mit diesem des Schicksals der Götter.

Seelenglaube, Toten- und Ahnenkult (Manismus).

Über die ganze Erde verbreitet ist der Glaube an die Sonderexistenz

der Seele und der damit verbundene Kult der Seele, wenn sie nach dem

Tode den Körper verlassen hat. Zwei Erscheinungen im menschlichen Leben

haben diesen Glauben veranlaßt: der Traum und der Tod. Schlaf und Tod

gelten in der Vorstellung der meisten Völker als gleiche Vorgänge

und werden daher poetisch als Brüder aufgefaßt: hier wie dort liegt

der Körper unbeweglich, keine Handlung, kein Wille, keine Tätigkeit

menschlicher Organe. Während aber nach dem Schlafe die Lebenskraft

gleichsam zurückkehrt, nimmt der Mensch von dieser Rückkehr nach dem

Tode nichts wahr. Daher muß die stete Begleiterin des Körpers, die

~fylgja~ („Folgerin“), wie sie der Nordgermane nennt, sich irgendwo

anders aufhalten, und so entstand die Vorstellung von den Geistern

in der Natur, von den Geisterreichen. Zu dieser Erkenntnis seines

Doppelwesens kann der Mensch nur durch den Traum gelangt sein: in ihm

erfährt er die Existenz des zweiten Ich, denn was der Mensch träumt,

sind ihm reale Erlebnisse; erst vom Traumleben sind die Erfahrungen auf

den Todesschlaf übertragen worden. Aus dem Traumleben erklären sich

auch am einfachsten die Kräfte, die man der freien Seele zuschreibt:

die Gabe, fremde Orte und ferne Zeiten zu schauen und allerlei Gestalt

anzunehmen.

Durch Träume erfährt der Mensch nach allgemein germanischem

Volksglauben die Zukunft. Mancherlei sieht der Träumende im Schlafe:

dann hat seine Seele den Körper verlassen, weilt an verborgenen und

fernen Orten, verkehrt mit Abgeschiedenen, nimmt bald diese, bald

jene Tiergestalt an. In den nordischen Sagas werden ähnlich wie im

Nibelungenliede bedeutende Ereignisse durch Träume vorausverkündet;

nach allgemein verbreitetem Aberglauben können zu gewissen Zeiten die

Mädchen ihren zukünftigen Geliebten im Traume schauen. Feuer im Traum

bedeutet Geld oder Freude, Wasser Unglück, Festlichkeiten Todesfälle

und dgl. Die Seele des Toten, mit der der Träumende verkehrt, ist

das Gespenst (ahd. ~gitrôc~, alts. ~gidrôg~, altn. ~draugr~). In

Gestalt kleiner Tiere, besonders der Schlange, des Wiesels, der

Maus, entschlüpft die Seele dem Munde des Schläfers. Als einst der

Frankenkönig Guntram auf der Jagd eingeschlafen war, träumte er, wie er

im Schlafe in der Höhle eines Berges den großen Schatz seiner Vorfahren

gesehen habe. Sein Begleiter erzählte ihm darauf, wie aus seinem Munde

während des Schlafes ein Tierlein in Schlangengestalt gekommen und in

den nahen Berg gekrochen sei. Dort fand man das im Traume gesehene

Gold. Mit der Überzeugung, daß dies Doppelwesen des Menschen im Traum

den Körper verläßt, hängt es zusammen, daß man unruhig Schlafende

nicht stören darf, am allerwenigsten, wenn man das Tierlein aus ihrem

Munde hat entweichen sehen. Eine thüringische Magd brachte einst den

Körper ihrer schlafenden Genossin, aus deren Munde ein rotes Mäuslein

fortgelaufen war, in andere Stellung. Als das Tierlein wiederkehrte,

suchte es vergeblich nach dem Munde; die Magd war infolgedessen tot.

Zu derselben Stunde aber, da die Magd so totenähnlich dagelegen hatte,

berichtet dieselbe Sage, hatte ihren Geliebten der Alp gedrückt. Denn

mit dem Glauben an die Traumseele hängt aufs engste der Glaube an

die +Druckgeister+ zusammen, jene mythischen Wesen, die den Menschen

während des Schlafes quälen, beunruhigen. Der Volksmund nennt sie

bald Mahre (engl. ~nightmare~, nord. ~mara~, ~mare~), bald Alp

(Deutschland), Trude, Schratl, (Oberdeutschland). „Mich drückt der Alp“

oder „mich reitet die Mahre“ sind weitverbreitete Ausdrücke des Volkes.

Meist sind es Frauenseelen, die während des Schlafes ihre Mitmenschen

belästigen. Auch Tiere können von der Mahre gedrückt werden. Zuweilen

drücken sie den Menschen tot. So wurde z. B. ein schwedischer König

— die Sage spielt noch in heidnischer Zeit — von solcher Mahre tot

gedrückt.

Aus dem Glauben an die Traumseele ist die Überzeugung erwachsen,

daß gewisse Menschen die Macht besitzen, ihre Seele von dem Körper

sich trennen und andere Gestalt annehmen zu lassen. ~Hamhleypa~

(„Gestaltenvertauscherin“) nennen die nordischen Quellen Menschen mit

dieser Gabe, ~hamfar~ („Gestaltenfahrt“) ihre Tätigkeit. In Gestalt

schädlicher Tiere (Wolf, Bär, Drache) bringen solche Menschen ihren

Mitmenschen Unheil; daher werden sie nach den Gesetzen streng bestraft.

Hierher gehören die bereits erwähnten Hexen und Völven, die nicht nur

schlechtes Wetter erzeugen, sondern die auch Krankheiten über Menschen

und Tiere bringen, die den Menschen auf eine Stelle bannen, daß er

sich nicht bewegen kann, die Ungeziefer in die Lande führen und dgl.

Alle möglichen Tiergestalten (Pferd, Katze, Hund, Kröten, Eulen usw.)

können sie annehmen, doch richten sie auch in diesen stets Schaden an.

Im Glauben an die Wandelbarkeit der menschlichen Seele fußt ferner

der weit über germanisches Gebiet verbreitete +Werwolf+ („Mannwolf“)

d. i. ein Mensch, der Wolfsgestalt annehmen kann, oder Böxenwolf, wie

er im westlichen Mitteldeutschland heißt. Der Werwolf ist in mancher

Beziehung ein männliches Gegenstück zur Hexe, wie auch Werwolfprozesse

lange Zeit im deutschen Rechtsleben eine Rolle gespielt haben. In dem

Märchen sind solche Werwölfe zuweilen verwunschene Menschen, die nur zu

bestimmten Zeiten ihre Wolfsfelle ablegen können. Nach der Vǫlsungasaga

haben Sigmundr und Sinfjǫtli eine Zeitlang in Werwolfsgestalt unter

den Menschen gehaust. — In Bärengestalt begegnen die nordischen

Berserker (d. h. Bärenhäuter); noch heute kennt der norwegische

Volksglaube Männer, die sich in Bären verwandeln können. Aus solchem

Seelenglauben hervorgegangen ist auch der in Mittel- und Süddeutschland

weitverbreitete Bilwis- oder Bilmisschneider, die verwandelte Seele

eines bösen Menschen, die nächtlicher Weile mit Sicheln am Fuße durch

die Getreideäcker fährt und hier großen Schaden anrichtet; das ist der

sogen. Bilmisschnitt.

Auf den Glauben an das Doppelwesen im Menschen geht endlich auch

die nordische ~fylgja~ d. h. Folgerin zurück. Sie erscheint bald in

Tier-, bald in Frauengestalt und ist so persönlich gedacht, daß der

Mensch über seine eigene Fylgja stolpern kann. Die Tierfylgja ist die

Menschenseele, die Begleiterin des Mannes während seines Lebens, das

Fylgjenweib dagegen ist mehr ein schützendes, helfendes Wesen. In

letzter Auffassung haben auch ganze Geschlechter ihre Fylgjen, die von

Generation auf Generation übergehen.

Faßte man die Seele als Doppelwesen neben dem Körper auf, so lag es

nur zu nahe, ihr im Körper auch einen besonderen Sitz anzuweisen.

Wie die meisten Völker glaubten auch die Germanen, daß das Blut der

Sitz der Seele sei. Das Blut führt neues Leben zu. Daher spielt noch

heute das Blut, namentlich das der Hingerichteten und Selbstmörder,

im Volksglauben eine so wichtige Rolle: es hilft gegen alle möglichen

Krankheiten und bringt verlorene Lebenskräfte wieder. Gegenseitiger

Genuß von Blut kettet Menschen unlösbar aneinander (Blutsbrüderschaft;

bei Liebenden). Durch das Blut der geopferten Tiere oder Menschen

führte man den göttlich verehrten Mächten gleichsam neues Leben zu,

wenn ihre Kraft zu versagen schien. Weit verbreitet war auch die

Annahme, daß das Haupt der Sitz der Seele sei. Menschenköpfe wurden

deshalb einbalsamiert und aufbewahrt, denn sie kündeten die Zukunft.

Aus dieser Vorstellung ist der nordische Mythus von Mimirs Haupt

erwachsen, das Óðinn gesalbt und aufbewahrt, nachdem die Vanen den

weisen Mimir getötet hatten: zu ihm ging der Gott, wenn sein Wissen

versagte, denn in diesem Haupte war der Sitz aller Runenweisheit.

In innigster Verbindung mit der Seele steht bei den Germanen auch der

Hauch, der Atem. Atem und Hauch, Seele und Geist sind bei ihnen, wie

bei den meisten Völkern, identische Begriffe. Mit dem letzten Atemzuge

des Menschen weicht seine Seele aus dem Körper. Der egoistische Zug,

der sich bei so vielen Naturvölkern in diesen Augenblicken findet,

läßt sich auch bei den Germanen beobachten. Die geschiedene Seele

weilt zunächst noch in der Nähe ihres Körpers. Man glaubt, daß sie nur

Unheil und Verderben über die Lebenden bringe, daß sie Hab und Gut mit

fortnehme. Daher bietet man alles auf, um sie aus dem Sterbegemach zu

vertreiben und ihre Rückkehr zu verhindern. Fenster und Türen werden

geöffnet, mit Tüchern treibt man sie hinaus, alle spitzigen Gegenstände

werden umgestürzt oder verhängt, damit sie nicht hängen bleibe. Unter

feierlichen Zeremonien wird den Tieren des Hauses, besonders den

Bienen, den Bäumen, dem Getreide der Tod des Herrn mitgeteilt, und man

bittet sie, zum neuen Herrn zu halten. Um die Seele des Toten günstig

zu stimmen, finden ihr zu Ehren auch die Leichenschmäuse statt, an

denen der Tote selbst teilnimmt. Je zahlreicher die Teilnehmer, desto

mehr Ehre für den Toten. Geschieht dies nicht, so rächt er sich an den

Überlebenden, und nicht selten zieht er Menschen und Tiere im Tode

nach sich. Auch wenn sich der Verstorbene zu seinen Lebzeiten größerer

Frevel schuldig gemacht, treibt er als Gespenst oder Wiedergänger sein

Wesen in der Nähe des Ortes, wo er gelebt hat. Die Seele erscheint

dann in den mannigfachsten Gestalten, bald in menschlicher, bald

in tierischer: als Hund, Fuchs, Wolf, Pferd oder auch als Vogel,

besonders als Käuzchen, Nachtrabe. Auch als feurige Männer, als Flammen

erscheinen diese Geister und sitzen an den Orten, da ihre Körper

begraben sind. — Zu der Totenpflege gehören auch Beigaben, die man

dem Toten mit ins Grab gibt. Schon in den ältesten Gräbern, die auf

germanischem Boden gefunden worden sind, hat man Dinge gefunden, die

der Mensch im Leben gebraucht hat. Die Sitte der Totengaben hat sich

durch die ganze heidnische Zeit bis weit in die christliche gehalten;

sie wurzelt in dem Glauben, daß der Mensch nach dem Tode seine

Tätigkeit auf Erden fortsetze.

Hat die Seele den Körper verlassen, so kann sie wie die Traumseele

natürlich auch in ferne Gegenden und vergangene oder zukünftige

Zeiten schweifen und kann den Menschen ihr Schicksal mitteilen.

Daher finden Totenbeschwörungen und Geisterbannen besonders in

der Nähe frischer Gräber statt, wo man die Seele noch wähnt. Gegen

solche Geisterbefragung eifern die frühchristlichen Bußordnungen und

Kapitularien. Durch Zaubersprüche (~dâdsisâs~ oder ~siswâ~) pflegte man

die Geister zu rufen und sie zu zwingen, Rede und Antwort zu stehen. In

der eddischen Dichtung begegnen wir mehrfach Völven, die durch solche

Zaubersprüche aus ihrem Totenschlaf geweckt worden sind.

Aufenthaltsorte der Seelen.

Seit alter Zeit herrschten bei den Germanen auch bestimmte

Vorstellungen von einem besonderen Totenreiche oder richtiger von

mehreren Totenreichen. Diese befanden sich natürlich in der Erde,

dort, wo man die Leiber der Verstorbenen barg. Doch hielt man auch

bestimmte Gegenden, vor allem den rauhen Norden, für Seelengebiete.

Die im Mittelalter weitverbreitete Mythe, daß die Seelen nach

Britannien (England) kämen, und das fabelhafte Volk der Etiones des

Tacitus scheinen dafür zu sprechen, daß auch in Deutschland einst der

Glaube an das Totenreich im Norden bestand. Bestimmtere Nachrichten

darüber gibt nur die nordische Dichtung. Nach ihr lag das Totenreich

Jǫtunheimar oder Útgarðr im äußersten Norden am Rand des Himmels,

getrennt durch die eisigen Elivágar (Hagelfluten) vom Reiche der

Menschen. Hier hausten die leichenfressenden Dämonen, ~jǫtnar~ d. h.

Fresser, die den Körpern der Toten das Fleisch abnagten. Hier wohnt

der dunkle Drache Níðhǫggr, der nach der Vǫluspá an den Leichen nagt,

hier haust Fenrir, der sich von den Leichen toter Männer sättigt, hier

lebt das alte Riesenweib, das den Mond- und die Sonnenwölfe aufzieht,

hier herrscht Loki, der unter dem Namen Útgarðaloki als Herr des

Totenreiches begegnet. Letzterer hat in der nordischen Dichtung eine

besondere Rolle gespielt. Seinem Namen nach ist er der „Tod“, ganz

ähnlich wie Urðr. Spätere Dichtung hat ihn mit Herrschern anderer

Totenreiche zusammengebracht und läßt seine Tochter die Hel, seinen

Blutsbruder Óðin sein. Als Genosse Óðins ist er dann zu den Asen

gekommen und spielt deshalb in der späteren mythologischen Dichtung

eine wichtige Rolle. Sein Weib ist Angrboða (die Elendbereiterin), die

Mutter der leichenfressenden Ungetüme, an deren Spitze er einst beim

Götteruntergange aus Jǫtunheim kommt. In ihm und seinem Weibe begegnen

wir einem gleichen Paare, wie in der mittelalterlichen Mythe im Teufel

und seiner Großmutter.

Als Parallelmythe zu dem Totenreiche unter der Erde ist an den

meerumflossenen Ländern die Mythe vom Totenreich im Meer entstanden, in

dem die männerraubende ~Rán~ herrscht (vgl. S. 23). Zu ihrem Gefolge

scheint seinem Namen nach Fenrir, scheint Grendel im Beowulf gehört zu

haben. Ihr gehört das Totenschiff Naglfar, das aus den Nägeln toter

Männer hergestellt ist und einst beim Götteruntergange flott wird.

Ein anderes Totenreich aller germanischen Stämme ist das dunkle

Reich ~Hel~, das man sich im Innern der Erde unter den Gräbern der

Verstorbenen dachte. Hel hat wie got. ~halja~, ahd. ~hella~ zunächst

rein lokale Bedeutung; erst spätere Dichtung läßt über das Reich eine

Hel walten, macht diese zur Tochter Lokis, läßt sie halb schwarz, halb

weiß sein und stattet ihre Wohnung schreckenerregend aus: Eljuðnir

(„Plagebereiter“) heißt ihr Saal, Hunger ihre Schüssel, ihr Messer,

Träggang ihr Knecht, ihre Magd, fallendes Unheil führt in ihr Gemach,

Geduldermüder, Krankheit heißt ihr Lager, bleiches Unheil ihr Bettuch.

Das alte Reich Hel ist ein Schattenreich (~Niflhel~, ~Niflheimr~),

getrennt durch den Fluß Gjǫll vom Menschenreich, von dem der Helweg

hinabführt. Hierher kommen alle Menschen und setzen gleichsam ihr

irdisches Leben fort.

Eine weitere allgemein germanische Vorstellung ist, daß die Schar der

Geister in den Lüften hause. Seele und Wind sind identische Begriffe,

da sich der Wind mit dem Hauch deckt, mit diesem aber die Seele den

Körper verläßt. So ist der Wind wie bei fast allen Völkern auch bei

den Germanen das Seelenheer. Allein dies zeigt sich in der Luft nur

in seiner Tätigkeit, hat aber hier keine Ruhe, kein Heim. Da nun der

Wind meist aus den Bergen kommt, so sind diese zu einem weiteren

Aufenthaltsort der Toten geworden. So entstand die nordische ~Valhǫll~

d. h. die Totenhalle. Berge in Schweden führen diesen Namen und lassen

den natürlichen Hintergrund der poetisch ausgeschmückten eddischen

Valhǫll erkennen.

Wenn der Sturm heult, so zieht nach allgemein verbreitetem Glauben das

Geisterheer durch die Lüfte. Das ist das wütende Heer oder Wuetesheer,

die wilde Jagd, das wilde Gjaid, die norwegische Aasgaardsreia. Diese

manistische Vorstellung geht im Volksglauben neben der animistischen

von den Sturmdämonen einher. Dachte man sich aber den Wind als

Geisterheer, so mußte dies auch seinen Führer haben. So entstand denn

aus dem „wütenden Heere“ Wôdan als sein Führer, der im Laufe der Zeit

Toten- und Windgott wurde und als solcher schließlich zum höchsten

Gotte vieler germanischer Stämme emporstieg. Als er dann der Liebling

der mythologischen Dichtung nordischer Skalden geworden war, bekam

das Totenreich einen mehr aristokratischen Charakter: es wurde zum

Kriegerparadies, in dem nur diejenigen Aufnahme fanden, die im Kampfe

gestorben waren. Eine Parallelvorstellung vom wütenden Heer ist auch

die von der Schar der Holden oder Hollen, dem nord. Hulderfolk d. h.

den Unterirdischen. Auch sie erhielten im Volksglauben eine Führerin,

die noch als Frau Holle oder Holda in unseren Märchen fortlebt. Auch

diese Geister weilen zur Zeit der Ruhe in den Bergen, den sogen.

Hollenbergen, und genießen hier Kult und Verehrung.

Aus dem Glauben an den Aufenthalt der Toten in den Bergen erklärt sich

der Kult, der an diesen in heidnischer Zeit stattzufinden pflegte. Aus

zahlreichen Zeugnissen erfährt man, daß die Menschen nach ihrem Tode in

nahe Berge zu kommen glaubten. Helden und Könige, wie Karl der Große,

Siegfried, Friedrich Barbarossa, der dänische Nationalheld Holger

u. a., lebten im Glauben des Volkes in Bergen fort. Am bekanntesten ist

die Sage von Kaiser Friedrich II. im Kyffhäuser. Von hier, glaubte man,

würden sie einst zum Beistand ihres Volkes wiederkommen. Aus solchem

Glauben erklären sich die Totenopfer an Bergen, gegen welche die

frühchristlichen Konzilien und Gesetze so sehr eiferten. Wo aber die

Berge fehlten, da wohnten die Geister zur Zeit der Ruhe in der Erde,

und man brachte Gewässern, die aus dieser kamen und in ihr Inneres

führten, die nötigen Seelenopfer dar.

An den Stätten, wo man sich die Seelen der Abgeschiedenen dachte,

fanden zu bestimmten Zeiten allgemeine Totenkulte statt, und zwar galt

dieser sakrale Brauch bald einzelnen Verstorbenen, bald der Gesamtheit.

Das bekannteste dieser Totenfeste fällt um die Zeit der winterlichen

Sonnenwende. Wenn die Natur abgestorben ist und die Stürme mehr toben

denn sonst, da ist die Zeit der Geister. In diesen Tagen treiben die

chthonischen Scharen besonders ihr Wesen. Zu ihren Ehren finden in

der Familie oder der Gemeinde größere Gelage statt, bei denen den

Abgeschiedenen ein besonderer Platz bereitet und gedeckt wird. Bis

heute hat sich im Volksglauben die Ansicht erhalten, daß dies Fest den

Geistern gelte. Das ist das nordische Julfest, das nicht erst unter

christlichem Einflusse, sondern schon in heidnischer Zeit allgemein

gefeiert wurde. Um die Geister persönlich darzustellen, fanden die

Vermummungen statt, ganz besonders in Tiergestalt, gegen die die

Konzilien ebenfalls eifern. In dieser Zeit der Seelenfeste ist auch der

Verkehr mit den Geistern größer als sonst: zu keiner Zeit spielt die

Prophetie eine solche Rolle wie in diesen Tagen.

Die altgermanischen Götter, besonders in der nordischen mythologischen

Dichtung.

In den frühesten Quellen des germanischen Altertums begegnen mehrere

persönlich gedachte Gottheiten, die in kleineren oder größeren

Verbänden im Mittelpunkte des Kultes stehen. Die gemeinsame Bezeichnung

dafür ist das etymologisch dunkle „+Gott+“ (got. ~guþ~, ahd. ~got~,

altn. ~goð~), das in den nordischen Quellen noch als Neutrum erscheint,

was es seiner sprachlichen Form nach ursprünglich nur sein kann.

Auch die anderen Bezeichnungen für die Götter schöpfen wir nur aus

nordischen Quellen. Die gebräuchlichste ist ~æsir~ d. h. „Geister“. Das

Wort scheint von Haus aus nur eine Bezeichnung für Óðin als den Führer

des Seelenheeres gewesen und mit diesem begrifflich gewachsen zu sein,

bis es alle höheren Wesen umspannte, die nach der jungen mythologischen

Dichtung mit Óðin in Zusammenhang standen. Im Gegensatz zu diesen Asen

setzt die nordische Dichtung die ~vanir~, deren Kult aus Deutschland

nach Skandinavien gekommen ist. Daneben begegnen noch ~tívar~ „die

Glänzenden oder Himmlischen“, ~regin~ „die Beratenden“, ~bǫnd~, ~hapt~

„Fesseln“.

Allgemein verehrt von allen germanischen Stämmen wurden drei

Gottheiten, die von den römischen Schriftstellern oder auf Votivsteinen

Merkurius, Mars und Herkules oder Jupiter genannt werden, während

sie in germanischen Quellen als Wôdan (Óðinn), Donar (~Þórr~) und

Zîu (~Týr~) oder Freyr oder Saxnot begegnen. Daneben kennen noch

alle germanischen Stämme die Göttin Frîja (altn. ~Frigg~). Außerdem

trifft man in einzelnen Verbänden besondere Gottheiten. Von einem

Zwölfgöttersystem wissen nur spätisländische Quellen; sie sind ein

Zeugnis gelehrter Reflexion.

Germanische Mythologie · 第 2 / 9 段