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Anmerkungen zur Transkription
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Sammlung Göschen
Germanische
Mythologie
Von
~Dr.~ Eugen Mogk
Professor an der Universität Leipzig
Dritter Neudruck
[Illustration]
Berlin und Leipzig
G. J. Göschen’sche Verlagshandlung G. m. b. H.
1913
[Illustration]
Druck
der Spamerschen
Buchdruckerei in Leipzig
Erläuterungen.
ahd. = althochdeutsch.
alts. = altsächsisch.
ags. = angelsächsisch.
altn. = altnordisch.
got. = gotisch.
ǫ Aussprache wie englisch aw.
þ Aussprache wie stimmloses englisch th.
ð Aussprache wie stimmhaftes englisch th.
´ bezeichnet die Länge im altn.
^ bezeichnet die Länge in den übrigen germanischen Sprachen.
Literatur.
+J. Grimm+, Deutsche Mythologie. 4. Aufl. hrsg. von E. H. Meyer. 3
Bde. Berlin 1875–78
+E. H. Meyer+, Germanische Mythologie. Berlin 1891. — Ders.,
Mythologie der Germanen. Straßburg 1903.
+E. Mogk+, Germanische Mythologie. 2. Aufl. Straßburg 1898. (Aus
Pauls Grundriß der Germ. Philologie 3. Bd.)
+W. Golther+, Handbuch der germanischen Mythologie. Leipzig 1895.
+L. Uhland+, Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage. Bd. VI.
VII. Stuttgart 1868.
+W. Schwartz+, Der heutige Volksglaube und das alte Heidentum. 2.
Aufl. Berlin 1862.
+W. Mannhardt+, Wald- und Feldkulte. 2. Aufl. 2 Bde. Berlin 1905. —
Ders., Mythologische Forschungen. Mit Vorreden von K. Müllenhoff und
W. Scherer. Straßburg 1884.
+H. Petersen+, Über den Gottesdienst und den Götterglauben des
Nordens während der Heidenzeit, übersetzt von M. Ries. Gardelegen
1882.
+S. Bugge+, Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und
Heldensage, übersetzt von O. Brenner. 1. Bd. München 1889.
+K. Müllenhoff+, Deutsche Altertumskunde. Bd. IV. Berlin 1900; Bd. V,
1. Abteilung ebd. 1883.
+R. Much+, Der germanische Himmelsgott. Halle 1898.
+F. Kauffmann+, Balder. Straßburg 1902.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Grundzüge des germanischen Wesens; Untergang des Heidentums 5
Die verschiedenen Schichten altgermanischer Religion 8
Naturverehrung und Naturbeseelung; elfische und dämonische Wesen 11
Seelenglaube, Toten- und Ahnenkult 31
Aufenthaltsorte der Seelen 37
Die altgermanischen Götter 41
Wôdan-Óðinn 43
Loki 54
Donar-Thór 58
Heimholung des Hammers 65
Thórs Fahrt zu Hymir 66
Thór und Hrungnir 68
Thór und Geirröðr 70
Thórs Fahrt zu Útgarðaloki 71
Zîu-Týr 74
Heimdallr 76
Baldr 77
Freyr und Njǫrðr 81
Weitere skandinavische Götter 85
Die Göttinnen 86
Die nordischen Mythen vom Anfang, von der Einrichtung und vom
Ende der Welt 91
Kultus der Germanen.
Zauber 98
Weissagung und Los 107
Priester und Priesterinnen 109
Opfer und Gebet 112
Tempel und Götterbild 120
Register 125
Grundzüge des germanischen Wesens; Untergang des Heidentums.
Fast zwei Jahrtausend haben die Germanen in der Weltgeschichte eine
führende Rolle gespielt. Wenn sie noch heute in dem alten Ansehen
dastehen, das sie einst den Römern einflößten, so verdanken sie dies
zum nicht geringen Teil der tiefen Religiosität, die einen wesentlichen
Zug ihres Charakters ausmacht. Die Scheu und Ehrfurcht vor dem Walten
höherer Mächte in der Natur und im Menschenleben, die Cäsar und Tacitus
von unseren Vorfahren rühmten, haben sie auch unter neuen Verhältnissen
und nach Annahme des Christentums nicht verkümmern lassen: sie ist
nur vertieft, veredelt worden. Dabei haben die Germanen bei dem ihnen
eignen konservativen Sinne zahlreiche Glaubensvorstellungen aus
der Kindheit ihres Volkes in alter Form in die neuen Verhältnisse
herübergenommen oder sie dem neuen Glauben angepaßt. So lebt noch
heute unter den germanischen Völkern viel Heidentum fort, das wir
als Aber- oder Volksglaube zu bezeichnen pflegen und das selbst hier
und da aus den Dogmen unserer Kirche spricht. Die anthropologische
Forschung der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, in wie hohes Alter
diese Glaubensvorstellungen zu setzen sind. Ob sie freilich alle auf
germanischem Boden gewachsen oder von den Germanen aus ihrer Urheimat
mitgebracht wurden, das ist eine andere Frage, denn solange wir
unser Volk kennen, können wir auch bei ihm die Neigung wahrnehmen,
Fremdes sich anzueignen und dies mit heimischen Vorstellungen zu
verquicken. Nun haben aber die prähistorischen Funde in Deutschland und
Skandinavien gezeigt, daß zwischen den Germanen und den Kulturvölkern
des Altertums schon in vorhistorischer Zeit ein ziemlich reger Verkehr
bestanden hat, und damit ist die Möglichkeit einer Beeinflussung
auch auf religiösem Gebiete gegeben. Ja der Bronzewagen mit der
Sonnenscheibe, den man jüngst zu Trundholm auf Seeland gefunden
hat, macht den Einfluß griechisch-orientalischer Kultur in den
Glaubensvorstellungen sogar sehr wahrscheinlich. Dieser Einfluß der
Alten mußte größer werden, als die Römer am Rhein und an der Donau
unmittelbare Nachbarn der Germanen wurden und nun mit diesen in engsten
Wechselverkehr traten, als römische Legionen Deutschland durchzogen
und an seinen Grenzen dauernd mit Germanen verkehrten, als germanische
Jünglinge in römische Dienste traten und Edelinge und Fürstenkinder
die Jahre ihrer Jugend in Rom verbrachten. Die von Germanen ihren
Göttern geweihten Tafeln und Steine am Hadrianswall, am Rheine, an der
Donau, in den Kasernen zu Rom und anderen Orten zeigen, wie auch im
Ritus die Germanen die Römer nachahmten. Selbst das Christentum ist
nicht ohne Beimischung antik-heidnischen Glaubens zu den germanischen
Völkern gekommen, da die Römer und ihre Provinzialen, die es ihnen
zuführten, auch ihrerseits sich nicht ganz den Glaubensvorstellungen
ihrer heidnischen Väter hatten entschlagen können. So finden wir
in christlicher Zeit unter den Germanen heimisches Heidentum mit
römisch-antikem vermischt, beides wuchert weiter, und aus dem alten
Ideenkreis heraus erzeugt die Volksphantasie bis auf den heutigen Tag
nicht selten neue Gebilde.
Eine germanische Mythologie hat sich in erster Linie mit dem Glauben
der Germanen an höhere Wesen im Mythus und Kult in heidnischer
Zeit zu beschäftigen und zu zeigen, wie dieser zum Ausdruck kam.
Die Zeugnisse, woraus wir diesen schöpfen, sind mannigfacher Art:
Bemerkungen der Alten, namentlich der Römer, über die Religion
unserer Vorfahren, Kultgegenstände, die in der Erde gefunden worden
sind, einzelne Literaturdenkmäler aus frühchristlicher Zeit, die
Lebensbeschreibungen der Heidenbekehrer, die Verordnungen der Kirche
und christlicher Fürsten gegen fortlebendes Heidentum, Volksbrauch und
Volksglaube in den verschiedenen Jahrhunderten. Hierzu gesellt sich für
den nordgermanischen Stamm die umfangreiche isländische Literatur aus
spätheidnischer und frühchristlicher Zeit (vgl. Sammlung Göschen Nr.
254: Nordische Literaturgeschichte I).
Schon im 2. und 3. Jahrhundert begegnen wir christlichen Germanen am
Rhein und an der unteren Donau, aber erst nach 300 werden ganze Gaue
dem neuen Glauben zugeführt: am Rhein besonders Alemannen, an der Donau
Goten. Bei letzteren greift das Christentum am schnellsten um sich,
andere ostgermanische Stämme, Vandalen, Gepiden, Rugier, schließen sich
den Goten an. In Südgallien werden im 5. Jahrhundert die Burgunden,
in Spanien die Sueben Christen, etwas später die Franken, Alemannen,
die Langobarden in Italien. Es folgten dann die deutschen Stämme im
Binnenland und an der Nordsee: die Bayern, Hessen, Thüringer, Friesen
und endlich um 800 die Sachsen. Früher als ihre Stammverwandten hatten
sich die Angelsachsen auf den britischen Inseln dem Christentum
zugewandt (um 600). Am längsten verharrten die Nordgermanen im alten
Heidentum: in Dänemark dringt erst im 9., in Norwegen und Schweden um
und nach 1000 die neue Lehre in die breiteren Schichten des Volkes.
Fast überall erfolgte die Annahme des neuen Glaubens zunächst rein
äußerlich, und lange dauerte es, ehe das Christentum volkstümlich
wurde. Gewalt oder Politik nötigte meist den Christengott auf. Daher
wurde im geheimen oder in abgelegenen Gegenden noch vielfach den alten
Göttern und Dämonen geopfert, ja nach dem isländischen Staatsgesetz war
dies sogar gestattet, wenn keine Zeugen dagegen auftraten.
Die verschiedenen Schichten altgermanischer Religion.
Einen germanischen Olymp, ein germanisches Göttersystem, wie es Snorri
in seiner Edda darstellt, hat es nie gegeben. Solche Vorstellungen
sind in der Stube reflektierender Forscher entstanden, aber nicht im
lebendigen Glauben des Volkes. Der Glaube unserer Vorfahren ist nie
etwas Abgeschlossenes, nie etwas Dauerndes, nie etwas Einheitliches
der Gesamtheit gewesen. Dogmatisches Denken hat dabei, wie allen
Naturvölkern, auch den Germanen vollständig fern gelegen. Alte
Glaubensvorstellungen haben sich stetig mit neuen verbunden, haben
sich diesen in Sitte und Aberglauben untergeordnet und sind dann in
verblaßter Form durch Jahrtausende von Geschlecht auf Geschlecht
vererbt worden. Die Lebensinteressen, wirtschaftliche und soziale
Verhältnisse der einzelnen Stämme haben auch ihren Glauben an höhere
Wesen, ihre Religion beeinflußt, ihn umgestaltet oder neue Gebilde
entstehen lassen. Und daneben hat seit grauer Vorzeit das ewig
wandernde Märchen sich bald hier bald da den Gestalten des Glaubens
angeschmiegt. So finden wir in den Quellen altgermanischer Religion
und Mythologie Schichten aus ganz verschiedenen Zeiten unseres
Volkes über- und nebeneinander. Sie gleichen den Schichten der
Erdrinde, und dasjenige, was unsere Mythologen nur zu oft als den
Kern altgermanischen Glaubens ansehen, die Erzählungen von dem Tun
und Treiben vermenschlichter Gottheiten, ist nur die jüngste Schicht,
gewissermaßen dem Alluvialgebilde unserer Erde vergleichbar. Diese
verschiedenen Schichten zu erkennen und voneinander zu sondern, gelingt
nur durch das Studium der vergleichenden Religionsgeschichte, das uns
einen Einblick in die Anfänge religiösen Denkens und des Kultes der
Menschheit und in das allmähliche Wachsen der Glaubensvorstellungen
unkultivierter Völker gewährt. Hier finden wir auch die Gesetze
religiösen Denkens, und manches wird uns durch solche Vergleichung bei
den Germanen erst verständlich. Denn vieles, was bei ihnen zur Sitte
und zum Brauch im Alltagsleben erstarrt ist, hat sich bei anderen
Völkern noch als wesentlicher Faktor religiösen Kultes erhalten.
Alle Religion hat ihre Wurzel in dem Gefühl des Menschen, daß er mehr
oder weniger von der ihn umgebenden Natur abhängig ist. Alles, was die
Natur in seiner Umgebung geschaffen, hat für den primitiven Menschen
inneres Leben, wie er selbst. Er gleicht hierin dem Kinde, das mit
seiner Puppe spricht oder den Tisch schlägt, an den es sich gestoßen
hat. Er kann sich einen Fluß, einen Baum, einen Berg, ja selbst Dinge,
die er geschaffen hat, nicht ohne Leben, ohne Seele denken, wie er
sie selbst besitzt. In diesem Glauben wurzelt der +Animismus+, die
Beseelung der Natur, die wir bei allen Völkern der Erde finden und die
auch bei den Glaubensvorstellungen der Germanen eine tiefe Schicht
bildet. Daneben hat das Seelenleben des Mikrokosmus tiefen Eindruck
auf das Gemüt des natürlichen Menschen gemacht. Der Tod und der Traum
während des Schlafes haben ihn zur Überzeugung eines zweiten Ich in dem
Menschen gebracht, das im Schlafe den Körper verlassen kann, das nach
dem Tode aus ihm weicht, aber in seiner Nähe noch fortlebt. So entstand
der Glaube an die Sonderexistenz und an das Fortleben der menschlichen
Seele, der +Manismus+, und die im engsten Zusammenhang hiermit stehende
Verehrung der Toten, der +Ahnenkult+. Animismus und Manismus werden
dann fast überall miteinander verquickt: in dem Leben, in den Elementen
und den Erzeugnissen der Natur zeigt sich das Wirken der Geister, der
Seelen der Abgeschiedenen. Oft läßt es sich gar nicht feststellen, ob
Zeugnisse des Kultes und Glaubens auf animistische oder manistische
Vorstellungen zurückgehen. Diese Verquickung bildet den Anfang zur
Personifikation der Naturerscheinungen, der Elemente: die Phantasie
ließ in der belebten Natur Wesen entstehen, denen man Eigenschaften
gab und Lebensansprüche zuschrieb, wie sie der Mensch selbst hatte.
So entstanden die Dämonen und die Götter. Jene bleiben meist auf
ihr Ursprungsgebiet beschränkt und werden nicht selten Sammelpunkte
von Märchen und Märchenmotiven, die Gottheiten dagegen treten in
den Mittelpunkt religiösen Kultes, verändern und erweitern das
Gebiet ihrer Herrschaft je nach den Lebensinteressen des Volkes oder
Stammes, ziehen nicht selten andere Götter an sich, an die nur dieser
oder jener Beiname noch schwach erinnert. Die Vorstellungen von den
Gestalten all dieser Wesen sind meist unklar, fast schemenhaft. Bald
wähnte man sie in Tiergestalt, bald in vergrößerter oder verkleinerter
Menschengestalt. Bildnisse von ihnen, selbst von den Göttern, kannte
man ursprünglich nicht. Erst unter dem Einflusse südeuropäischer Kultur
kamen diese in der frühhistorischen Zeit unseres Volkes nach Mittel-
und Nordeuropa, und mit dem Götterbild, das der menschlichen Gestalt
nachgeahmt war, entstand zugleich der Raum, in dem dasselbe aufgestellt
und verehrt wurde, das umschlossene Götterheiligtum. Nach solcher
Vermenschlichung höherer Mächte stellte sich bald die mythologische
Dichtung ein: man erzählte von den Göttern, was man als Mensch getan
und erlebt hatte, bald romanhaft, bald novellistisch ausgebildet,
und unwillkürlich knüpfte sich auch an sie das farbenreiche Märchen.
Erst in der spätesten Zeit des Heidentums und nachweisbar nur bei
Nordgermanen bemächtigte sich der spekulative Geist der Gegenstände des
Glaubens, und so entsteht jene heidnisch germanische Theologie, wie sie
uns zum Teil in der eddischen Dichtung vorliegt.
Der Glaube an das Wirken der menschlichen Umgebung, besonders der
Natur, offenbart sich aber auch in der religiösen Handlung, dem
+Kulte+. Er entspringt aus dem Bestreben, sich mit den Mächten der
Außenwelt in Verbindung zu setzen, diese dem Menschen dienstbar zu
machen. Das geschieht bei allen primitiven Völkern durch die +Magie+,
durch +Zauber+. Dieser lebt auch bei den Völkern fort, als man bereits
begonnen hatte, nach Personifikation die übernatürlichen Mächte durch
Opfer oder Gebet dem Willen des Menschen dienstbar zu machen, und ist
dann bald der neuen Form des Kultes angepaßt, bald zur abergläubischen
Sitte verblaßt. Ebenso lebte in dieser Zeit auch der uralte Kult der
Geister, der +Ahnenkult+ fort, bald in reiner Form in Sitte und Brauch,
bald in Vermischung mit der Verehrung der Elemente und Erzeugnisse der
Natur.
Naturverehrung und -beseelung (Animismus) der Germanen.
Zu der Zeit, da die Germanen in den Interessenkreis der Völker des
Altertums treten und beginnen, eine weltgeschichtliche Rolle zu
spielen, ist ihre Religion der Glaube an anthropomorphische Gottheiten
und deren Verehrung in engeren oder weiteren Verbänden. Daneben
aber besteht bei ihnen noch allerorten Naturdienst und Seelenglaube
mit Ahnen- und Totenkult fort. Man darf nicht glauben, daß dieser
ausschließlich aus einer früheren Periode religiöser und kultureller
Entwicklung stamme; des Menschen Gefühl seiner Abhängigkeit von der
Natur und der in ihr wirkenden Kräfte ist jederzeit vorhanden gewesen
und hat bis in die jüngsten Zeiten bei der großen ungebildeten Menge
die alten Glaubensvorstellungen nicht nur gestärkt, sondern auch
direkt unter der Einwirkung der Natur und menschlicher Ereignisse oder
in Anlehnung an den Glauben anderer Völker neue entstehen lassen.
Denn ebensowenig wie die psychologischen Ursachen, die in grauer
Urzeit die Glaubensvorstellungen zum erstenmal wachgerufen, aufgehört
haben, ebensowenig hat die mythenbildende Phantasie unsres Volkes
durch religiöse Umwälzungen und besonders durch die Einführung des
Christentums ihr Ende erreicht gehabt. Daher finden wir bis in unsere
Tage bei allen germanischen Stämmen vielfach heidnische Naturverehrung,
Naturbeseelung, Seelenglaube und Totenkult. Wir nennen diese
Glaubensvorstellungen Aberglauben d. h. falschen Glauben, dem gemeinen
Mann ist aber dieser vielfach noch lebendiger Glaube, eine Erbschaft
aus der heidnischen Religion seiner Väter, an der er mit seltener
Zähigkeit festhält.
In dem Moore bei Trundholm auf Seeland ist jüngst ein wichtiger Fund
gemacht worden: die Darstellung einer goldenen Sonnenscheibe, die
auf einem bronzenen Wagen von einem Pferd gezogen wird. Man hat mit
gutem Rechte in dieser Nachahmung des Himmelsgestirnes eine Votivgabe
gefunden, einen Gegenstand, durch den man bei Mißwachs die Sonne
hat zwingen wollen, sich gleichsam zu erneuern und der Erde ihre
Kraft wieder zuzuwenden. Es ist eine bei fast allen Völkern gemachte
Beobachtung, daß man durch Bilder oder plastische Nachbildungen
gewisser Gegenstände die betreffenden Dinge magisch zu zwingen suchte,
in den Dienst des Menschen zu treten. Von dieser Beobachtung und
jenem Sonnenbild aus werden die zahlreichen einfachen Darstellungen
des Sonnenrades verständlich, die wir in den Helleristingern, jenen
Felsenzeichnungen des skandinavischen Nordens aus grauer Vorzeit,
finden: das Bild war die Sonne, die der Zeichner durch Nachahmung
in den Bannkreis seines Willens zog. Fest und unerschütterlich ist
dieser Glaube allen germanischen Stämmen gewesen: das weitverbreitete
Scheibenwerfen, das Anzünden des Sonnenrades im Vorfrühling sind
die letzten Reste jenes primitiven Glaubens und Kultes, durch den
man beim Erwachen der Natur der Sonne gleichsam zu Hilfe kam. Von
einem anthropomorphischen Wesen, dem diese Verehrung galt, wußte man
nichts. Auch unsere frühesten Quellen berichten noch mehrfach von der
Verehrung des großen Himmelsgestirns in seiner natürlichen Erscheinung,
wie wir sie bei so vielen Naturvölkern finden: nach Cäsar verehrten
die alten Germanen nur das ihnen sichtbare licht- und wärmespendende
Gestirn, nach Prokopius galt das große Fest, das die Skandinavier vor
dem Ende der Winternacht feierten, der wiederkehrenden Sonne. Auch
angelsächsische Gesetze verbieten neben dem Kult heidnischer Götter
die Verehrung der Sonne. Nur im Merseburger Zauberspruche begegnet
man einer weiblichen Göttin ~Sunna~, und die eddische Dichtung läßt
das glänzende Weib des Himmels, die ~Sól~, von den Rossen ~Árvakr~
(Frühauf) und ~Alsviðr~ (Schnellauf) über das Himmelsgewölbe gezogen
werden, verborgen den Menschen durch den leuchtenden Schild ~Svalin~.
Zur Zeit jener Personifikation ist sie auch die Schwester des Mondes
geworden, und die junge eddische Dichtung hat beiden Kindern einen
Vater ~Mundilfari~ gegeben und läßt die ~Sól~ in skaldischem Bilde mit
~Glen~, dem personifizierten Glanz, vermählt sein.
Gemeinsam sind Sonne und Mond (altn. ~Máni~) die Mythen, daß sie von
Ungeheuern verfolgt werden. Fast bei allen Naturvölkern findet sich
der Glaube, daß bei Sonnen- und Mondfinsternis die Gestirne in Gefahr
sind, von einem schrecklichen Dämon in Tiergestalt verschlungen zu
werden. Durch Lärmen und heftiges Schlagen auf tönende Gegenstände
sucht man das Ungeheuer zu vertreiben. Auch bei germanischen Stämmen
haben sich noch Überbleibsel dieses heidnischen Brauches gefunden.
Gegen ihn eifern die Predigten und Bußordnungen der frühchristlichen
Kirche. Die nordische Dichtung hat diesen Ungeheuern Namen gegeben:
~Mánagarmr~ (Mondhund) verfolgt den Mond, einer von Fenris Geschlechte
wird einst die Sonne verschlingen. Außerdem begleiten die Sonne zwei
Wölfe, ~Skǫll~ und ~Hati~ „der Hasser“; die Unwetter verheißenden
Nebensonnen, die noch heute bei den Schweden ~solulv~ (Sonnenwolf), bei
den Isländern ~úlfkreppa~ (Wolfsgefahr) heißen, haben das mythische
Bild erzeugt.
Der Mond tritt im Vergleich zur Sonne im Kult zurück. Seine Phasen
aber sind bestimmend gewesen für die Zeitrechnung und für den Beginn
menschlicher Geschäfte: was gedeihen soll, muß mit Neumond, was
zurückgehen oder auseinandergehen soll, mit Vollmond begonnen oder
ausgeführt werden. Auch haben die Mondflecken im Vollmond Veranlassung
zu verschiedenen mythischen Gebilden gegeben: in der Regel ist es ein
Mann, der etwas auf seinen Schultern trägt, meist ein Holzdieb, der den
Sonntag entweiht haben soll. Die bekannte Geschichte vom Sabbatschänder
(IV. Mos. 15, 32 ff.) ist hier in mythisches Gewand gehüllt. In der
nordischen mythologischen Dichtung sind es zwei Kinder, ~Bil~ und
~Hjúki~, die ~Máni~ von der Erde entführt hat, als sie im Brunnen
~Byrgir~ Wasser holten und den Eimer ~Sægr~ an der Stange ~Simul~ auf
ihren Achseln trugen.
In engem Zusammenhange mit der Sonne steht das Feuer. Sonnen- und
Feuerverehrung erscheinen, wie schon bei Cäsar, meist nebeneinander.
Sonnenfeuer und irdisches Feuer sind nach Auffassung des Naturmenschen
identisch, und noch heute verehren die Naturvölker oft das
Himmelsgestirn im irdischen Feuer. Vom Himmel ist nach allgemein
verbreiteter Mythe das Feuer gekommen. Wenn der Sonnenschild
herabfällt, so erzählt die eddische Dichtung, dann brennen Felsen und
Fluten. Hieraus erklärt sich, daß die Feuer im Volksbrauch gerade zu
den Zeiten eine besondere Rolle spielen, die im Jahreslauf der Sonne
von Bedeutung sind: zu den Zeiten der Sonnenwende und bei Beginn des
Frühlings und des Herbstes. Wie andere Naturvölker brachten auch die
Germanen dem Feuer Spenden: Tiere, Blumen, Feldfrüchte, Kuchen aus
frischem Getreide u. a., wie es noch heute in verschiedenen Gegenden
geschieht. Den mythischen Zusammenhang des Feuers mit der Sonne lehren
auch die Notfeuer, die sich bis in die jüngste Zeit auf dem ganzen
germanischen Gebiete nachweisen lassen. Schon vor 800 finden wir das
~nôdfŷr~ d. h. durch Reiben erzeugtes Feuer in Deutschland; in England
begegnet man ihm als ~wildfire~, in Skandinavien als ~gnideld~. Es
wurde entfacht, wenn Seuchen unter den Tieren ausgebrochen waren. Die
heilende und stärkende Kraft, die man der Sonne zuschrieb, schien
dahin; es mußte ihr durch das magische Neufeuer junge Kraft zugeführt
werden. Deshalb mußte alles Feuer in der Gemeinde getilgt, und mittels
Reibung neues für die gesamte Gemeinde erzeugt werden, durch das dann
das Vieh getrieben wurde. Aus diesem Notfeuer sind die periodischen
Johannisfeuer hervorgegangen, durch die man einer Verseuchung im
Hochsommer vorbeugen wollte. Feuer, das war die allgemeine Anschauung,
heile und verhindere Krankheiten; „Feuer nimmt Siechtum“ lehren die
eddischen Hávamál. Und wie man jederzeit diesen Feuern in der freien
Natur das nötige Opfer spendete, so zahlte man dies auch dem Herdfeuer,
in das noch heute in vielen Gegenden germanischer Länder Brot oder Mehl
oder Fleisch geworfen wird.
Doch nicht nur mit der Sonne, auch mit dem Blitz bringt man das Feuer
mehrfach in mythischen Zusammenhang. Eine alte Sage der Insel Gotland
erzählt, daß Thielver, der in der isländischen Überlieferung als
Begleiter des Donnergottes erscheint, das Feuer vom Himmel zur Erde
gebracht habe. Wo es nun da ist, braucht es nicht hinzukommen. Daraus
erklärt sich der noch heute vielfach herrschende Aberglaube, daß der
Blitz nicht einschlage, wo das Herdfeuer brennt.
Eine weitere Verehrung genoß auch einmal die mütterliche Erde, ohne daß
zwischen sie und den Menschen eine Gottheit trat. Das geheimnisvolle
Dunkel, das in der alljährlich sich verjüngenden Erde liegt, hat fast
bei allen Völkern die kindliche Phantasie befruchtet und mußte es bei
den Germanen um so mehr, da in ihrer Heimat von dieser Verjüngung eine
vollständige Veränderung ihres wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Lebens, eine Erfrischung ihres Gemütes abhängig war. Zu allen Zeiten
können wir in der Poesie unseres Volkes die Sehnsucht nach dem
Frühling, die Freude über das Erwachen der Natur beobachten, und in
unzähligen volkstümlichen Sitten und Gebräuchen sucht man diese Freude
zum Ausdruck zu bringen.
Die Erde gilt als Mutter alles Lebens, die in tausendfachen Gestalten
jedes Frühjahr die Natur von neuem gebiert. Mancherlei phallische
Bräuche, die sich lange in historischer Zeit im Volke erhalten haben,
deuten auf die Befruchtung der Erde hin. Fast in allen Gegenden
Deutschlands werden Eier oder Eierschalen beim Beginn der Aussaat in
die Felder vergraben oder über sie verstreut. Als die Kirche sich
dieses Brauches angenommen hatte, pflegte man sie zu weihen und an
heiligen Stätten niederzulegen. Von besonderer Kraft sind die sog.
Antlaßeier d. h. die am Grünendonnerstag gelegten Hühnereier. Zugleich
galt es als rituale Handlung in der Zeit des Erwachens der Natur, Eier
zu genießen: sie führten dem Menschen die Lebenskraft zu, die man durch
die magische Handlung der Erde zu geben meinte. Dabei rief man die
Mutter Erde an, wie ein angelsächsischer Segen zeigt, und brachte ihr
Spenden von Dingen, die man von ihr im neuen Jahre zu erhalten hoffte:
Brot, Mehl, Flachs, daneben Tiere wie Hühner, Gänse, Hunde, oder
einzelne Teile vom Rind, Pferd, Schwein und dgl.
Im Kult der mütterlichen Erde haben ferner zahlreiche Frühlingsfeste
und -bräuche ihre Wurzel. Hierher gehört das weitverbreitete
Todaustragen in der Fastenzeit, besonders am Sonntag Lätare. Eine
Strohpuppe oder Holzfigur wird unter allgemeiner Heiterkeit von der
Jugend herumgetragen und dann in ein Wasser geworfen oder verbrannt,
wobei man singt: Nun tragen wir den Tod hinaus. In dieser Gestalt
vergegenwärtigte man sich den alten Vegetationsdämon, der geopfert
wurde, um bald in neuer Gestalt aufzuleben und die Erde wieder zu
schmücken. War das wenige Monate später erfolgt, so wurde er von
derselben Jugend wieder feierlich aus der freien Natur, besonders aus
dem Wald, nach dem Orte gebracht und hier herumgeführt, bald als Puppe,
bald als ein mit Laub umhüllter Mensch. Das ist das Laubmännchen, die
Laubpuppe, der Wilde Mann, mit christlicher Umtaufung der Pfingstl,
Pfingstkönig, Pfingstlümmel und dgl. Zugleich mit ihm zieht vielfach
der Maibaum ein, in dem sich die neue Lebenskraft der Natur zeigt.
Fröhliche Feste finden dann unter der Jugend statt: man wählt einen
Maikönig, der in örtlichen Bezeichnungen, wie Lattichkönig oder
Graskönig, den Hintergrund erkennen läßt, und eine Maikönigin, die
für das Vegetationsjahr als Paar gelten, zieht oder läuft um die
Wette nach dem Maibaum, sucht die Gaben zu erlangen, die an diesem
angebracht sind, oder belustigt sich, namentlich in den Städten, wohin
ebenfalls die Mai- und Pfingstsitte mit gezogen war, mit Schießen
nach nachgebildeten Vögeln. Vielfach wird der Maibaum durch Gesang
feierlichst begrüßt; so singt man in Jütland: „Mai, sei willkommen!“
oder „Erfreue uns Gott und auch der süße Sommer“. Wie eng verbunden
diese Volkssitten mit dem Erwachen der Natur sind, lehren altdänische
Chroniken, wo es von solcher Prozession heißt: „den Sommer nach der
Stadt führen“.
In diesen Kreis alter Naturreligion gehört auch das älteste germanische
Kultfest, von dem wir Kunde haben, das Fest der +Nerthus+. An
Stelle einfacher Naturverehrung ist die der persönlichen Gottheit
getreten, eines weiblichen Wesens, wie es Mutter Erde ist. Der Name
der Göttin ist vielfach gedeutet, wahrscheinlich bedeutet er die
„Unterirdische“. Zu ihrem Kult, so berichtet Tacitus, haben sich sieben
Stämme Norddeutschlands vereint. Ein heiliger Hain auf einer wohl der
dänischen Inseln (Seeland) ist ihr Heiligtum; hier steht, von Tüchern
behangen, ihr Wagen. Wenn der Priester im Frühjahr das Nahen der
Göttin merkt, dann führt er diesen, gezogen von weißen Kühen, durch
die Gaue, und überall in der Amphiktyonie herrschen frohe Feste, bis
er dem Heiligtume zurückgegeben wird und die Knechte, die der heiligen
Handlung beigewohnt haben, in einem See der Göttin geweiht werden.
Zuvor wird noch der Wagen der Göttin in dem heiligen See gebadet,
damit durch diese Handlung auch der für die Fruchtbarkeit der Äcker
wichtige Regen erlangt werde. Diesen Nerthuskult haben dann die Haruden
mit nach Norwegen gebracht, wo die Nerthus im Laufe der Zeit zur
männlichen Gottheit des Meeres und der Schiffahrt geworden ist (Magnus
Olsen).
Einem ganz ähnlichen Kult begegnen wir ungefähr 1000 Jahre später
in den fruchtbaren Gefilden von Schweden, in deren Mittelpunkt das
Heiligtum von Altuppsala steht. Nur galt er hier nicht der Mutter
Erde, sondern ihrem Gemahl +Fricco+, den isländische Quellen Freyr
nennen. Fricco heißt „der Gatte“ schlechthin; sein Verhältnis zur
mütterlichen Erde lehrt sein Bild, das Adam von Bremen beschreibt,
wonach der Gott mit großem Zeugungsglied dargestellt war. Als Gatte der
Erde war dieser Fricco-Freyr zum Gotte der Fruchtbarkeit der Felder
und zugleich der Menschen geworden, weshalb man ihm bei Hochzeiten
Libationen darzubringen pflegte. Ein junges Weib versah als Priesterin
seinen Kult; mit ihr lebte der Gott in Ehe, mit ihr fuhr er während
des Winters durch die Gaue, und überall, wohin er kam, wurde er mit
Festlichkeit empfangen, denn von seinem Willen war gut Wetter und
Fruchtbarkeit des neuen Jahres abhängig.
Die Fruchtbarkeit der sprossenden Erde kann auch auf Tier und Menschen,
ja selbst auf Pflanzen übertragen werden. Weit über die Grenzen
Germaniens verbreitet ist noch bis heute der Schlag mit der Lebensrute.
Zu gewissen Zeiten, hauptsächlich im Frühjahr, werden junge Mädchen
oder junge Frauen mit frischen Birkenreisern oder Weidenzweigen, mit
Palmenkätzchen, kurz, frischen Reisern, die hier und da in Österreich
den Namen „Sommer“ tragen, womöglich auf entblößte Teile ihres Körpers
geschlagen: die Fruchtbarkeit der Erde soll durch diese magische
Handlung auf sie übergehen, weshalb es auch bei verschiedenen Völkern
mit Brautleuten am Hochzeitstage geschieht. Ebenso werden die jungen
Kühe vor dem Austrieb unter Hersagen von Segensformeln auf Kreuz, Hüfte
und Euter geschlagen. Auch Obstbäume schlägt man mit der Lebensrute,
damit sie viel Früchte tragen, und auf Flachs- und Getreidefeldern
nehmen zuweilen Knechte und Mägde dieselbe Handlung vor, damit die Ähre
körnerreich werde. Zugleich gilt dieser Schlag mit der Lebensrute als
kraftgebend, als Krankheitsdämonen abwehrendes Mittel.
Aber nicht nur als Mutter der Vegetation, sondern auch als Mutter
der Menschen galt die Erde. Noch heute ist es allgemein verbreiteter
Volksglaube, daß die Kinder aus der Erde kommen, meist aus Orten, wo
die Erde sich gleichsam zu öffnen scheint: aus Quellen und Brunnen
oder Teichen oder Bächen, die von den Bergen strömen, aus Höhlen, aus
zerklüfteten Felsen, daneben aus Bäumen, die durch ihre unsichtbare
Wurzel ins Innere der Erde führen, besonders aus hohlen. In den
verschiedensten Gegenden Deutschlands pflegt man das neugeborene
Kind auf die Erde zu legen, von der es dann der Vater aufhebt, eine
Sitte, die bei den alten Skandinaviern fast Gesetzeskraft hatte. Von
der Erde erhielt der Mensch erst Leben, erhielt er Kraft. Durch die
Erdkraft (altn. ~jarðarmegin~) bekam man außergewöhnliche Kräfte,
durch sie konnte man gleichsam wiedergeboren werden. Daher werden noch
jetzt Kranke vielfach auf die Erde gelegt oder scheinbar begraben,
oder es wird Erde auf sie gestreut, damit sie genesen. Im Glauben an
die menschengebärende Kraft der Erde wurzelt ferner die nordische
Blutsbrüderschaft, das Gehen unter den Rasenstreifen. Freunde, die
solchen Blutbund eingehen, begeben sich unter einen losgelösten und
gehobenen Erdstreifen, verwunden sich hier, mischen ihr Blut mit Erde
und genießen dann gemeinsam von dieser Mischung. Von jetzt ab sind die
Freunde Brüder, die einander rächen, wenn der eine fallen sollte, die
sich gegenseitig zur Totenfürsorge verpflichten, die sich beerben. Wir
finden hier bei den Germanen ganz denselben ritualen Brauch, der sich
bei verschiedenen wilden Völkern noch heute beobachten läßt. Und wie
die Menschen aus dem Schoß der Erde kommen, so kehren sie auch nach dem
Tode in diesen zurück, um früher oder später wiedergeboren zu werden.
Hieraus erklärt sich der weitverbreitete Glaube der Wiedergeburt
gewisser Menschen, von dem der Sammler der eddischen Lieder sagt, daß
er im Heidentum allgemein gewesen sei.
In Zusammenhang mit dem Erdkult zu stehen scheint hier und da die
Verehrung der Gewässer. Quellen und Brunnen kommen aus dem Innern
der Erde, und auch Flüsse und stehende Gewässer führen zu diesem.
Dazu kommt noch, daß man dem Wasser gerade so wie dem Feuer läuternde
Kraft zuschreibt, die sich besonders bei Krankheiten bewährt. So
finden wir, wie bei fast allen Völkern, auch bei den Germanen
einen tiefgewurzelten Kult des Wassers. Keinem andern Elemente
schreibt man ferner eine gleiche zukunftkündende Kraft zu wie dem
fließenden Wasser. Hier verbinden sich manistische Vorstellungen mit
animistischen, wie diese sich auch bei Verehrung anderer Elemente
und Naturerscheinungen schwer voneinander trennen lassen. Besonders
weit verbreitet ist der altgermanische Fluß- und Quellenkult. Franken
opferten bei ihrem Vordringen nach Italien dem Po gotische Weiber und
Kinder, die Alemannen verehrten die Flüsse und opferten ihnen. In den
Bußordnungen, Konzilienbeschlüssen, den frühchristlichen Gesetzen stößt
man allerorten auf Verbote dieses Wasserkultes. Noch heute gehen die
Mädchen an Brunnen, Quellen oder Flüsse und werfen Blumen, Kränze,
Bänder u. dgl. in das Wasser oder legen sie an seinem Rande nieder.
Nicht selten hoffen sie dabei in seinem Spiegel das Bild des Geliebten
zu finden. Weit verbreitet ist auch der Glaube, daß Flüsse oder Seen
alljährlich ihre Opfer fordern. In manchen Gegenden wirft man auch
Tiere, namentlich Hähne, oder Speisen, ja selbst Kleider zu bestimmten
Zeiten ins Wasser. Wie bei fast allen Völkern der Erde hat auch bei den
Germanen das Wasser magische Kraft: man begießt die Menschen damit,
um von ihnen Krankheiten fernzuhalten; man schüttet es über Felder
oder bildlich dargestellte Vegetationsdämonen, um dadurch Regen und
Fruchtbarkeit zu erlangen. An besonderen Tagen (Karfreitag, Ostern,
Johannis) hat das Wasser besondere Heilkraft: vor Sonnenaufgang muß man
sich zu ihm begeben, es schweigend schöpfen oder unter geheimnisvoller
Handlung die krankheitabwehrende Kraft des Elementes sich aneignen. An
solchen Tagen finden dann auch in verschiedenen Gegenden Brunnenfeste
statt, wie wir sie in ähnlicher Weise bei wilden Völkern als religiösen
Kult antreffen.
Aber die Gewässer, namentlich Flüsse und Seen, sind nach dem Glauben
unseres Volkes auch vielfach Heimstätten theriomorphischer oder
anthropomorphischer Wesen, die hier in kleiner, dort in riesischer
Gestalt begegnen. In allen germanischen Ländern trifft man den
Wassergeist +Nix+ (ahd. ~nihhus~, ags. ~nicor~, altn. ~nykr~), bald als
männliches, bald als weibliches Wesen, meist häßlich, mit grünem Haar
und grünen Zähnen, im Norden zuweilen in Stier- oder Roßgestalt. Es
sind Wasserdämonen, die die Menschen in ihr feuchtes Reich locken oder
mit Gewalt ziehen und die gefährlicher sind, je größer und gefährlicher
das Gewässer ist, in dem sie leben. Daher heißt der Wassergeist in
Ober- und Mitteldeutschland vielfach Hakemann, weil er die Menschen mit
einem Haken in die Fluten zieht. Diese Wassergeister gehören meist zur
Klasse der Leichendämonen, weshalb sie auch gierig nach Menschenblut
und Menschenfleisch sind. Zu ihnen gehört u. a. Grendel mit seiner
Mutter, der nächtlicher Weile dem Meere entsteigt und in die neue
Halle des Dänenkönigs Hróðgar einfällt und sich seinen Mann raubt, bis
Beowulf das Ungetüm tötet. Die dichterische Phantasie der Angelsachsen
hat seine Gestalt, sein Tun und Treiben poetisch ausgestaltet. Zu
diesen Leichendämonen des Meeres gehört auch die nordische ~Rán~
d. h. Raub, die menschenverschlingende Herrin des Meeres, die mit
ihrem Netze alle zu fangen sucht, die sich auf das Meer wagen. Wer
auf dem Meere ertrinkt, fährt zu ihr; wen man ins Meer wirft, weiht
man ihr. Ihr gegenüber tritt im Volksglauben ihr Mann ~Aegir~, das
personifizierte Meer, zurück und hat nur durch seine Verknüpfung mit
den Asen in der nordischen Dichtung einige Bedeutung erlangt. Dagegen
sind die neun Töchter der Rán, personifizierte Wesen der Meereswogen,
ganz nach der Mutter geartet und bieten bei heftigen Seestürmen den
Schiffern ihre Umarmung an. — Das große Weltmeer, das um die Länder
herumliegt, hat bei den Nordgermanen auch den Glauben entstehen lassen,
daß ein mächtiges Ungetüm in Schlangengestalt, der ~Miðgarðsormr~ oder
~Jǫrmungandr~, die Erde umschlinge, und wenn das Meer tost, so glaubte
man, dies Ungetüm schwelle im Riesenzorn.
Auch manistische Vorstellungen spielen öfter in den Glauben an
die Beseelung der Gewässer hinein. Besonders bei den nordischen
Wasserfällen kann man das beobachten. So ging die Seele eines Isländers
nach dem Tode in den Wasserfall seiner Heimat, dem er während seines
Lebens geopfert hatte, und in derselben Nacht zog er seine stattliche
Schafherde zu sich, denn sämtliche Schafe stürzten sich in den
Wasserfall.
Nicht immer tritt bei der Personifikation der Gewässer das
Dämonenhafte, Menschenraubende in den Vordergrund. Auch die Nixe sind
manchmal den Menschen gewogen, helfen ihm oder stehen ihm ratend und
zukunftkündend zur Seite. Besonders sind es die Nixinnen, die vor allem
die Menschen durch ihre schöne Stimme bezaubern und die im Märchen
öfter mit den Menschen eheliche Verbindungen eingehen. Hier berühren
sich die Wassergeister mit den elfischen Wesen, mit denen der Glaube
der Germanen die ganze Natur, die Umgebung der Wohnstätten und diese
selbst bevölkert hat. Diese hängen zum Teil mit der Auffassung der Erde
als Mutter aller Lebewesen zusammen. Die Volksphantasie hat sie sich
in der mannigfachsten Weise ausgestaltet: bald schön und zierlich,
bald klein und häßlich, bald groß und unschön. Meist erscheinen sie
dem Menschen gegenüber hilfreich, doch können sie auch leicht verletzt
werden und suchen sich dann zu rächen. Das Märchen und Märchenmotiv
hat sich mit besonderer Vorliebe um diese mythischen Gestalten
gewunden, die vielfach auch Gegenstand des Kultes sind. Auch mit diesem
Kreis mythischer Wesen sind öfter manistische Glaubensvorstellungen
verknüpft: sie erscheinen als Seelen Verstorbener, die in der Natur
fortleben und nicht selten verehrt werden, wie man sonst die Geister
der Abgeschiedenen verehrt.
Zu diesen mythischen Gestalten gehören in erster Linie +Elfen+ und
+Wichte+. Beide Worte haben einst eine umfassendere Bedeutung gehabt,
als man heute in ihnen findet. Sie bedeuteten „das geisterhafte Wesen“
in der Natur im allgemeinen. Daher kennen die ags. Quellen ~landælfen~,
~wæterælfen~, ~sæælfen~, wie die nordischen ~landvættir~ (Landgeister),
~meinvættir~, ~hollarvættir~ (schadende und gütige Geister). In der
englischen Volksdichtung treten aber allmählich die Elfen als lichte
Wesen in den Vordergrund, und in dieser engeren Bedeutung ist das
Wort nach Deutschland gekommen, wo es mit der Zeit im Sprachgebrauch
die alten Elbe, kleine listige Wesen, verdrängt hat. Auch der Begriff
„Wicht“ ist im Lauf der Zeit eingeengt worden, so daß sich das Wort
heute fast mit Zwerg deckt.
In heidnischer Zeit erschienen die Elfen bald als Licht-, bald als
Dunkelelfen und genossen einen besonderen Kult, indem man ihnen zu
gewissen Zeiten Mahlzeiten bereitete. Die Lichtelfen begegnen als
schöne Mädchen, die im Sonnenschein oder auf feuchtem, nebligem Gelände
besonders bei Mondschein ihr Spiel treiben oder in Hügeln hausen und
den Menschen durch ihre liebliche Stimme locken. Aber sie können
auch Krankheit und Unwetter über die Menschen bringen. In dieser
Tätigkeit berühren sie sich mit den Hexen, wie auch unser Hexenschuß im
germanischen Norden ~elveskud~ (Elfenschuß) heißt.
Zu den Elfen in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes gehören die
+Zwerge+ (ahd. ~twerg~, ags. ~dweorh~, altn. ~dvergr~). Nach dem
Volksglauben sind sie klein von Gestalt, häßlich im Äußeren, aber mit
gutmütigem Gesichtsausdruck. Ihre Wohnungen sind meist die Berge. Daher
heißt im Nordischen das Echo „die Sprache der Zwerge“; sie selbst
sind die „Bergmännlein“, „Erdmännchen“, „Bjergfolk“ (Dänemark) oder
die „Unterirdischen“ („Underjordiske“ Dänemark). Die Volksdichtung
läßt sie hier ein Völkchen bilden, das ähnlich der menschlichen
Gesellschaft organisiert ist und nicht selten von Königen regiert wird
(Hans Heiling; Gibich; Alberich u. a.). Zu ihrer Ausrüstung gehört die
Tarnkappe, ein Gewand, durch das sie sich jederzeit unsichtbar machen
können. Besonders hervor treten die Zwerge durch ihre Geschicklichkeit:
alle feineren Metallarbeiten werden von ihnen geliefert. Daher sind sie
die Schmiede schlechthin. Die Ausrüstungen der Götter, Thors Hammer,
Odins Speer, Freys goldner Eber, sind nach nordischer Dichtung Arbeiten
der Zwerge. In diesem Glauben wurzelt die Sage vom kunstreichen
Wieland, dem nordischen Völund, der durch seine Schmiedekunst alle
Wesen an Geschicklichkeit übertrifft.
Zu den Elfen oder Wichten gehören ferner die +Landgeister+
(~landvættir~), die einer Gegend bald Glück, bald Unglück bringen, die
Hausgeister oder +Kobolde+ (Heinzelmännchen, Güttgen, Butzemänner,
engl. ~puck~, ~brownie~; skand. ~nisse~, ~bolvætt~, ~tomte~), die im
Haus, meist im Gebälk, ihren Sitz haben, das Haus schirmen und den
Hausgenossen bei ihren Arbeiten heimlich beistehen, der Klabautermann,
der Schiffsgeist, der in der Rahe sitzt und den Matrosen bei ihrer
Arbeit hilft.
Auch die Pflanzenwelt, besonders das Ährenfeld und der Wald, ist wie
bei den anderen Völkern auch bei den Germanen Gegenstand des Glaubens
und Kultes gewesen. Wir erfahren von Tacitus, mit welch heiliger Scheu
die Germanen ihre Wälder betraten. Noch heute wirkt die heilige Stille
oder das Rauschen der Bäume tief auf das Gemüt unseres Volkes ein.
Hier im Walde hausen nach dem Glauben des Volkes die verschiedensten
elfischen Wesen, bald in Frauen-, bald in Mannesgestalt: die wilden
Leute, selige Fräuleins, Fanggen (Tirol), Holz- oder Moos- oder
Buschweibel (Mitteldeutschland), Hyllemor („Holundermutter“ Dänemark),
Skogsfru („Waldfrau“ Schweden); in männlicher Gestalt als Waldmännlein,
Schrat, Skogsman (Schweden). Die Bäume sind ihre Wohnungen, und wenn
ein solcher gefällt wird, stirbt ein Waldgeist. Nicht selten stehen
auch sie den Menschen bei und erhalten zum Lohn dafür Speise. Auch bei
ihnen haben manistische Vorstellungen mit eingewirkt, woraus sich ihre
Proteusnatur erklärt, nach der sie bald als Eulen, bald als Geier, bald
als Wildkatzen erscheinen. Der wilde Jäger liebt es, sie zu verfolgen;
dann suchen sie bei den Menschen ihre Zuflucht.
Der Glaube an die Beseelung der Bäume spricht auch aus dem Schutzbaum
der Familie oder eines ihrer Mitglieder, der sich in der Nähe der
Wohnstätte befindet: hierin lebt der Schutzgeist. Im Glauben an
diesen Schutzgeist im Baume ist in der nordischen Dichtung die Esche
Yggdrasill entstanden, der Schutzbaum der Götter, an dessen Wurzeln die
Schicksalsnorne ihren Sitz hat.
Während die Wald- und Baumgeister in anthropomorphischen Gestalten
begegnen, haben die Feldgeister meist theriomorphische. Jedes
bewachsene Saatfeld hat im Volksglauben seinen Geist: Roggenwolf,
Roggenhund, Haferbock, Kornstier, Roggensau nennt ihn der Volksmund,
aber auch zuweilen die Alte, Kornmutter, Hafermann und ähnlich. Wenn
das Getreide geschnitten wird, flüchtet dieser Dämon von Garbe zu
Garbe. In der letzten wird er gefangen; diese läßt man auf dem Felde
stehen oder bringt sie nach dem Gehöft, wo sie bis zur nächsten Aussaat
aufbewahrt wird.
Und wie im Wasser, in Wald und Flur, Haus und Hof hausen nach dem
Glauben des Volkes auch im Gestein belebte Wesen. Außer den Zwergen
sind es die Seelen der Abgeschiedenen, die hier weilen, daneben aber
auch noch +Riesen+ oder Hünen oder Trolle, auch Tursen (mhd. ~türse~,
ags. ~ðyrs~, altn. ~þurs~ d. h. der Starke), Wesen in übermenschlicher,
mächtiger Gestalt und mit ungefüger Kraft, zuweilen mit mehreren
Häuptern oder Armen, hier und da auch, wie der ~Miðgarðsormr~, in
Tiergestalt oder mit der Gabe ausgestattet, sich in Tiere verwandeln
zu können, den Menschen und Göttern meist feindlich gesinnt, in der
Märchendichtung, deren Lieblinge sie geworden sind, unbeholfen,
tölpelhaft. Diese Riesen hat der Volksglaube vielfach mit Bergen
in Verbindung gebracht, weshalb sie im Norden auch ~bergrisar~,
~bergfolk~, ~fjallgautar~ (Bergmänner) und ähnlich heißen. Im Pilatus
in der Schweiz haust ein Riese Pilatus, im Watzmann ein Watzmann,
im norwegischen Dovrefjeld ein Dovri, im Riesengebirge der Berggeist
Rübezahl. Wo zwei Berge einander gegenüberstehen, wohnen zwei
Riesengenossen, die sich zuweilen mit Felsblöcken werfen. Große, feste
Bauten auf Bergen sind ihre Werke. Die nordische Dichtung erzählt von
einem solchen Riesenbaumeister, der mit den Göttern den Vertrag schloß,
ihnen eine feste Burg zu bauen, wenn er dafür Freyja, Sonne und Mond
zum Lohn erhalte. Mit Hilfe seines Rosses Svaðilfari, das die Steine
herbeischleppte, wäre er zur rechten Zeit fertig geworden, wenn nicht
Loki das Roß abgelenkt hätte, so daß der Riese seine Arbeit nicht
vollenden konnte.