14. Kapitel.

Ein grausamer Winter hatte die Wälder in eine dicke Eiskruste gehüllt,

und die felsigen Schluchten bis an den Rand mit Schnee gefüllt.

Das ganze Land schien eine weiße Ebene zu sein. Plötzlich kamen

scharfe Winde, wie sie Menschen und Herden mit ihrem eisigen Hauche

erstarren machen, die Pfade wurden ungangbar und gefährlich, und doch

erreichte Bogusch mit Anstrengung aller Kräfte Jaworowo, um so schnell

wie möglich dem Hetman die großen Pläne Asyas zu überbringen. Als

Edelmann von der Grenze in der beständigen Kosaken- und Tatarenfurcht

aufgewachsen, in dem Gedanken an die Gefahr, die dem Vaterland von

der Rebellion, von den Streifzügen, und von der gesamten türkischen

Macht drohte, sah er in diesen Plänen nichts weniger als die Erlösung

des Vaterlandes, und war des festen Glaubens, daß der von ihm und von

allen Grenzbewohnern vergötterte Hetman nicht einen Augenblick zögern

werde, wenn es sich um die Vermehrung der Macht der Republik handele.

Und so reiste er mit Freude im Herzen trotz der Schneeverwehungen, der

unwegsamen Stege und der Winterstürme.

Endlich kam er an einem Sonntag unter dichtem Schneegestöber in

Jaworowo an, und da er glücklicherweise den Hetman angetroffen hatte,

ließ er sich sofort anmelden, obwohl man ihm sagte, der Hetman sei

Tag und Nacht mit Expeditionen und Briefen beschäftigt, er habe kaum

Zeit, seine spärlichen Mahlzeiten zu halten. Aber der Hetman ließ ihn

unerwartet schnell vor sich rufen. Nach einer kurzen Wartezeit unter

den Hofleuten beugte der alte Krieger sein Knie vor dem Führer.

Er fand Herrn Sobieski sehr verändert, mit einem Antlitz voll Sorgen;

es waren die schwersten Jahre seines Lebens gewesen. Sein Name war

noch nicht bis an das Ende der christlichen Welt gedrungen, aber in

der Republik umgab ihn schon der Ruf eines großen Führers und eines

furchtbaren Türkenbezwingers. Dieser Ruhm war die Ursache, daß man ihm

seinerseits den großen Feldherrnstab und die Verteidigung der Ostgrenze

anvertraut hatte, aber zu der Würde des Hetmans hatte man weder Heere

noch Geldmittel hinzugefügt; dennoch war ihm der Sieg bis zum heutigen

Tage treu geblieben, er folgte ihm wie der Schatten dem Menschen.

Mit einem Häuflein Soldaten hatte er bei Podhaize gesiegt, mit einem

Häuflein Soldaten war er wie ein Feuer kreuz und quer durch die

Ukraine gezogen und hatte tausendköpfige Tatarenscharen aufgerieben,

die Burgen der Rebellen erstürmt und Zittern und Schrecken vor dem

polnischen Namen verbreitet. Aber jetzt drohte der unglückseligen

Republik ein Krieg mit der entsetzlichsten der Großmächte jener Zeit,

ein Krieg mit der ganzen muhammedanischen Welt. Es war für Sobieski

kein Geheimnis mehr, daß der Sultan, als Doroschenko die Ukraine und

die Kosaken unter seine Botmäßigkeit stellte, gedroht hatte, die

Türkei, Kleinasien, Arabien und Ägypten bis ins Innerste von Afrika

aufzurufen, den heiligen Krieg zu predigen und in eigener Person

auszuziehen, um von der Republik ein neues Paschalik[H] zu fordern. Die

tödliche Gefahr schwebte wie ein Raubvogel über ganz Reußenland. In

der Republik herrschte indessen Unordnung, der Adel tobte, um seinen

unfähigen Wahlkandidaten zu halten, und seine bewaffneten Lager waren,

wenn überhaupt, um so eher zu einem Bürgerkrieg bereit. Das Land, durch

die letzten Kriege und Konföderationen erschöpft, war verarmt, der Haß

zerfraß es, gegenseitiges Mißtrauen wühlte in seinem Innern; an einen

Krieg mit der Macht des Sultans mochte niemand ernstlich glauben,

und man verdächtigte den großen Feldherrn, daß er absichtlich solche

Gerüchte aussprenge, um die Geister von den inneren Angelegenheiten

abzulenken. Man traute ihm sogar zu, daß er selbst die Türken

heranzurufen bereit sei, nur um seiner Partei den Sieg zu sichern.

Kurz, man machte ihn zum Verräter, und wären nicht seine kriegerischen

Getreuen gewesen, man hätte sich nicht gescheut, ihn vor Gericht zu

stellen.

Er aber stand vor dem Kriege der Zukunft, zu dem von Osten

Hunderttausende wilder Völker heranziehen sollten, ohne namhafte

Heeresmacht, mit einem Häuflein, welches so klein war, daß der Hof

des Sultans mehr an Dienern zählte, ohne Geld, ohne die Mittel, die

niedergerissenen Festungen aufzurichten, ohne Hoffnung auf Sieg, ohne

die Möglichkeit einer Verteidigung, ja ohne die Überzeugung, daß sein

Tod wie voreinst den Tod Solkiewskis das erstarrte Land auferwecken und

den Rächer gebären werde. Darum saß die Sorge auf seiner Stirn, und

das prächtige Antlitz, das dem eines römischen Triumphators glich, mit

dem Lorbeer auf der Stirn, trug Spuren eines geheimen Schmerzes und

schlafloser Nächte.

Bei dem Anblick Boguschs aber erhellte ein gutmütiges Lächeln das

Gesicht des Hetmans. Er legte dem Knieenden die Hände auf die Schultern

und sagte:

»Sei mir gegrüßt, Krieger, sei gegrüßt! Ich habe nicht gehofft, dich

sobald zu sehen, desto lieber bist du mir in Jaworowo! Woher kommst du?

Aus Kamieniez?«

»Nein, gnädiger Herr Hetman, ich habe nicht einmal im Vorübergehen

hineingeblickt, ich komme schnurstracks aus Chreptiow.«

»Was macht dort mein kleiner Krieger, ist er gesund? Und hat er die

Wüsteneien von Uschyz ein wenig gesäubert?«

»Die Wüsten sind schon so ruhig, daß ein Kind sie gefahrlos

durchstreifen kann. Die Räuber sind gehängt, und in den letzten Tagen

ist Asba-Bey mit seiner ganzen Bande derart aufs Haupt geschlagen, daß

kein Zeuge der Niederlage übrig geblieben ist. Ich kam gerade an dem

Tage an, als er vernichtet ward.«

»Daran erkenne ich Wolodyjowski! Nur Ruschtschyz in Raschkow kann

sich ihm vergleichen. Und was sagen dort die Steppen, gibt es neue

Nachrichten von der Donau?«

»Wohl, aber schlechte; in Adrianopel soll in den letzten Tagen des

Winters eine große Heeresversammlung stattfinden.«

»Das weiß ich schon, es gibt jetzt keine anderen als schlechte

Nachrichten. Schlechte aus dem Lande, schlechte aus der Krim und aus

Stambul.«

»Und doch nicht so ganz, gnädiger Herr Hetman. Denn ich selbst bringe

eine so freudige, wäre ich ein Türke oder Tatar, ich würde dafür eine

Belohnung fordern.«

»Dann bist du für mich ein Himmelsbote. Nun denn, sprich schnell,

vertreibe die Sorgen!«

»Ich bin so erfroren, gnädiger Herr, daß mir der Verstand im Kopfe

erstarrt ist.«

Der Hetman klatschte in die Hände und befahl dem Knecht, Met zu

bringen. Bald waren eine verstaubte Kanne und brennende Leuchter zur

Stelle, denn obwohl es noch früh am Tage war, hatten die Schneewolken

den Himmel so verdüstert, daß draußen und in den Zimmern Dämmerlicht

herrschte.

Der Hetman schenkte ein und trank dem Gaste zu. Dieser verneigte sich

tief, leerte sein Glas und sprach:

»Die erste Neuigkeit ist die, daß Asya, derselbe, der die Hauptleute

der Lipker und Tscheremissen hierher zurückführen sollte in den

Dienst der Republik, nicht Mellechowitsch heißt, sondern ein Sohn des

Tuhaj-Bey ist.«

»Des Tuhaj-Bey?« fragte Sobieski mit Erstaunen.

»So ist es, gnädiger Herr. Es ist ans Licht gekommen, daß ihn Herr

Nienaschyniez als Kind noch aus der Krim entführt hat; aber er hat ihn

auf dem Rückweg verloren, und Asya kam zu den Nowowiejskis und ist dort

großgezogen worden, ohne zu wissen, daß er von einem solchen Vater

stamme.«

»Es war mir immer verwunderlich, daß er bei seinen jungen Jahren

unter den Tataren solche Achtung genießt; jetzt aber begreife ich es.

Verehren doch die Kosaken, sogar die, die unserem Lande treu geblieben

sind, in Chmielnizki etwas Heiliges, und rühmen sich seiner.«

»Ja, das ist es, das ist es, dasselbe habe ich Asya gesagt,« versetzte

Bogusch.

»Seltsam sind die Wege des Herrn,« antwortete der Hetman. »Der alte

Tuhaj hat Ströme Blutes in unserem Vaterland vergossen, und der junge

dient ihm oder hat ihm wenigstens bis heute treu gedient, denn ich

weiß nicht, ob es ihn jetzt nicht gelüsten wird, die Krimsche Größe zu

genießen. Jetzt, jetzt ist er noch treu.«

»Und hier beginnt eine zweite Neuigkeit, in der vielleicht die Kraft

und die Rettung für die unglückselige Republik liegt. So helfe mir

Gott, wie ich um dieser Nachricht willen der Mühen und Gefahren nicht

achtete, um sie so schnell als möglich über meine Lippen zu bringen,

und das abgehärmte Herz des gnädigen Herrn zu erfreuen.«

»Ich höre aufmerksam,« sagte Sobieski. Bogusch begann nun die Pläne

des jungen Tuhaj-Bey zu entwickeln, und das mit solchem Eifer, daß er

geradezu beredt wurde. Von Zeit zu Zeit goß er mit erregt zitternder

Hand Met in sein Glas, es bis an den Rand mit dem edlen Getränk

füllend, und hörte nicht auf zu sprechen ... Vor den erstaunten Augen

des großen Hetmans erstanden gleichsam lichte Bilder der Zukunft;

Tausende und Myriaden von Tataren ziehen mit Weibern, Kindern und

Herden in das Land und in die Freiheit ein; die erschreckten Kosaken,

welche diese verjüngte Kraft der Republik sehen, beugen demütig vor

ihr, vor dem König und dem Hetman das Knie, es gibt keine Rebellion

mehr in der Ukraine, und auf den alten Heidenwegen fluten nicht mehr

Scharen, die wie Feuer und Wasser das Land vernichten, nach Reußen;

an ihrer Stelle ziehen neben den polnischen und kosakischen Heeren

die Scharen des ukrainischen Tatarenadels über die endlose Steppe mit

Fanfarengeschmetter und Paukenschall.

»Jahre hindurch ziehen Scharen herein, den Befehlen des Khans und des

Sultans trotzend, zahlreiches Fußvolk, das Freiheit und Recht der

Bedrückung und den fruchtbaren Boden und das Brot der Ukraine den

kargen bisherigen Wohnsitzen vorzieht, und die Macht, die dereinst

feindlich gewesen war, steht im Dienste der Republik, -- die Krim wird

entvölkert, den Händen des Khans und des Sultans entwindet sich die

alte Macht, und ein Schrecken erfaßt sie, denn von der Steppe, von der

Ukraine her schaut ihnen der neue Hetman des neuen Tatarenadels drohend

ins Auge, ein Wächter der Republik und ihr treuer Verteidiger, des

furchtbaren Vaters berühmter Sohn -- der junge Tuhaj-Bey!«

Boguschs Gesicht glühte; die eigenen Worte schienen ihn zu berauschen,

und so hob er am Ende seiner Rede beide Hände empor und rief aus:

»Das ist es, was ich bringe, das ist's, was der junge Drache in den

Wüsten von Chreptiow ausgebrütet. Und nun bedarf es nur Eurer Schrift

und Eurer Vollmacht, damit er nach der Krim und an die Donau den Ruf

ergehen lasse. Gnädiger Herr, wenn Tuhaj-Beys Sohn nichts weiter

tun sollte, als daß er in der Krim und an der Donau die Fackel der

Zwietracht entzündet, daß er die Hydra des Bürgerkrieges aus dem

Schlummer weckt, die einen Stamm gegen die anderen aufreizt, wahrlich,

so wird er auch damit am Vorabend des Bürgerkrieges, wiederhol' ich,

der Republik einen großen unsterblichen Dienst erweisen!«

Sobieski ging mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder und

schwieg; sein prächtiges Antlitz war düster, fast drohend, er schien

mit sich selbst oder mit Gott zu sprechen.

Endlich schien es klar zu werden in seinem Innern, denn er wandte sich

zu dem Harrenden mit den Worten:

»Bogusch, eine solche Schrift und eine solche Vollmacht, hätte ich auch

das Recht, sie zu geben, ich gebe sie nie, solange ich lebe.«

Die Worte kamen so gewichtig aus seinem Munde, als seien sie aus

geschmolzenem Blei oder Eisen gegossen, und drückten Bogusch so nieder,

daß er einen Augenblick verstummte, den Kopf sinken ließ und erst nach

langer Pause gepreßt hervorstammelte:

»Warum das, gnädiger Herr, warum?«

»Erst will ich dir antworten als Staatsmann. Der Name des jungen

Tuhaj-Bey könnte zwar eine gewisse Anzahl von Tataren heranziehen,

wenn man ihnen überdies Land, Freiheit und Adelsprivilegien verspräche;

aber es kämen nicht so viele, wie Ihr meint, und dann wäre es eine Tat

des Wahnsinns, die Tataren in die Ukraine zu rufen, ein neues Volk

dort ansässig zu machen, da wir uns mit den Kosaken schon nicht zu

helfen wissen. Du sagst, es werde zwischen ihnen bald Streit und Krieg

entbrennen, und wir haben ein Schwert über dem Nacken der Kosaken; -- wer

aber bürgt dir, daß jenes Schwert nicht auch im polnischen Fleische

wühlen würde? Ich habe diesen Asya bisher nicht gekannt, jetzt aber

sehe ich, daß in seinem Busen der Drache des Hochmuts und des Ehrgeizes

wohnt, und darum sage ich noch einmal: wer bürgt dir dafür, daß nicht

ein zweiter Chmielnizki in ihm steckt? Er wird die Kosaken bändigen,

gut; aber wenn die Republik ihn in irgend etwas nicht befriedigt oder

für irgend eine Gewalttat mit Gesetz und Strafe bedroht, dann wird er

sich mit den Kosaken verbünden und neue Scharen von Osten herbeirufen,

wie einst Chmielnizki den Tuhaj-Bey hereinrief. Dann wird er sich

dem Sultan selbst botmäßig machen, wie es Doroschenko getan hat, und

anstatt unsere Macht erhöht zu sehen, wird neues Blutvergießen, werden

neue Niederlagen auf unser Haupt fallen.«

»Gnädiger Herr, wenn die Tataren Edelleute geworden sind, werden sie

treu zur Republik stehen.«

»Waren die Lipker und Tscheremissen gering an Zahl? Von alters her

waren sie Edelleute und sind doch zum Sultan übergetreten.«

»Den Lipkern wurden die Privilegien nicht gehalten.«

»Und wie, wenn der Adel, wie sicher ist, von vornherein einer solchen

Ausbreitung der Adelsrechte widersprechen wird? Mit welcher Stirn

willst du diesen wilden, räuberischen Massen, die bisher ununterbochen

dieses unser Vaterland zertreten, die Macht und das Recht geben, jetzt

über ihr Los zu bestimmen, Könige zu wählen und Boten in den Reichstag

zu senden? Wofür ihnen solche Belohnung? Welcher Wahnsinn ist diesem

Lipker in den Kopf gestiegen, und welcher böse Geist hat dich alten

Krieger erfaßt, daß du dich so verführen und hintergehen lässest,

solche Unredlichkeit und solche Unmöglichkeit zu glauben?«

Bogusch senkte die Augen und antwortete mit unsicherer Stimme:

»Gnädiger Herr, das wußte ich vorher, daß die Stände widersprechen

werden, aber Asya sagt doch, daß die Tataren, wenn sie erst mit Euerer

Erlaubnis, gnädiger Herr, Fuß gefaßt haben, sich nicht vertreiben

lassen.«

»Mensch, -- er hat also schon gedroht, schon das Schwert gegen die

Republik erhoben, und du hast das nicht erkannt?«

»Gnädiger Herr,« antwortete Bogusch in Verzweiflung, »man könnte doch

schließlich nicht alle Tataren adeln, sondern nur die bedeutendsten,

und die anderen zu Freisassen machen. Auch so kommen sie, wenn

Tuhaj-Beys Sohn sie ruft.«

»Warum dann nicht lieber alle Kosaken frei erklären? Bekreuzige dich,

alter Krieger, denn ich sage dir, ein böser Geist hat dich erfaßt.«

»Und noch eines sage ich dir« -- hier runzelte Sobieski seine Löwenstirn,

und seine Augen leuchteten -- »wenn auch alles so wäre, wie du sagst,

wenn selbst unsere Macht dadurch wachsen sollte, wenn selbst der Krieg

mit den Türken dadurch abgewendet werden sollte, wenn selbst der Adel

es verlangen sollte -- solange diese Hand das Schwert führen und das

Zeichen des Kreuzes mit ihm machen kann -- -- nimmermehr! So helfe mir

Gott, wie ich das nie dulden werde!«

»Gnädiger Herr, warum?« wiederholte Bogusch, die Hände ringend.

»Weil ich nicht nur der Hetman Polens, sondern der Hetman der

Christenheit bin, weil ich auf der Wacht des Kreuzes stehe, und wenn

die Kosaken noch blutiger im Innern der Republik wühlen, so werde

ich den Nacken des verblendeten aber christlichen Volkes nicht mit

heidnischem Schwerte bedrohen. Wenn ich das täte, so würde ich zu

unseren Vätern und unseren Ahnen, zu meinen eigenen Ahnen, ihrem

Staube, ihrem Blute, ihren Tränen und der ganzen, alten Republik

sprechen: Morsch und tot! Beim Himmel, wenn uns der Untergang droht,

wenn unser Name der Name von Toten, Vernichteten sein muß, so soll der

Ruhm uns bleiben und das Gedenken jenes Dienstes, den uns Gott bestimmt

hat. Mögen die Nachkommen, wenn sie jene Kreuze und Hügel sehen, sagen:

Sie haben das Christentum, sie haben das Kreuz gegen Mohammeds Unzucht

verteidigt, solange Atem in ihrer Brust, solange Blut in ihren Adern

war, und sind für die anderen Nationen in den Tod gegangen. -- Das ist

unser Dienst, Bogusch; wir sind die Festung, auf welcher Christus seine

Leiden als Flagge gepflanzt hat. Und du willst mir sagen, ich, der

Krieger des Herrn, ich, der Kommandant, sollte zuerst das Tor öffnen,

die Heiden wie die Wölfe in den Schafstall hineinlassen, und die Lämmer

Christi ihrer Wut ausliefern? Uns ist besser, unter den Überfällen zu

leiden, die Empörungen zu erdulden, besser in jenen blutigen Krieg

zu ziehen, in den Tod zu gehen, als die ganze Republik dem Untergang

zu weihen, als den Namen zu schänden, den Ruhm zu verlieren und jene

Wacht, jenen heiligen Dienst Gottes zu verraten.«

Bei diesen Worten richtete sich Sobieski in seiner ganzen Größe auf,

und sein Gesicht erstrahlte wie dereinst das Antlitz Gottfrieds von

Bouillon, als er die Mauer Jerusalems erstieg mit dem Rufe: Gott will

es! Bogusch erschien sich selbst wie ein Nichts, und Asya erschien

ihm Sobieski gegenüber wie ein Nichts; die feurigen Pläne des jungen

Tataren wurden plötzlich vor Buguschs Augen schwarz und dünkten ihm

unredlich und niederträchtig. Was hätte er auch sagen können auf die

Worte des Hetmans, daß es besser sei, in den Tod zu gehen, als den

Dienst Gottes zu verraten, welche Gründe hätte er noch anführen können?

Und so wußte der arme Rittersmann nicht, ob er dem Hetman zu Füßen

sinken, ob er sich an die Brust schlagen und sprechen sollte: Meine

Schuld, meine große Schuld!

Da ertönte aus dem nahen Dominikanerkloster der Ton der Glocken.

Als Sobieski sie hörte, sagte er:

»Man ruft zur Vesper, komm, Bogusch, wir wollen uns in Gottes Hand

empfehlen.«

* * * * *

So sehr sich Bogusch auf dem Wege von Chreptiow zum Hetman beeilt

hatte, so langsam machte er jetzt die Heimreise. In jeder größeren

Stadt hielt er eine oder zwei Wochen, die Feiertage verlebte er

in Lemberg, und dort traf ihn auch das Neujahr. Er führte zwar

Instruktionen des Hetmans für Asya mit sich; da diese aber nur den

Auftrag schneller Erledigung der Angelegenheit mit den lipkischen

Hauptleuten und einen trockenen, aber drohenden Befehl, die großen

Pläne aufzugeben, enthielten, so hatte er keine Veranlassung, sich zu

eilen, denn ohnehin konnte Asya unter den Tataren nichts beginnen ohne

das Dokument des Hetmans.

So zog er säumig seines Weges, besuchte häufig die Kirchen und tat

Buße für seine Zustimmung zu Asyas Plänen. Chreptiow war inzwischen

unmittelbar nach Neujahr von Gästen angefüllt; Nawiragh, der Delegat

des Patriarchen von Usmiadsin, war aus Kamieniez gekommen, mit ihm

zwei Anardraten, treffliche Theologen aus Jaffa, und reichliche

Dienerschaft. Die Soldaten waren sehr verwundert über ihre seltsame

Tracht, über die violetten und roten Krimmer, die langen Sammet- und

Atlas-Shawls, die gebräunten Gesichter, und die große Würde, mit der

sie sich in der Grenzwacht von Chreptiow bewegten wie Trappen oder

Kraniche. Auch Herr Zacharias Piotrowitsch war gekommen, berühmt

durch seine wiederholten Reisen nach der Krim, ja nach Stambul

selbst, berühmter noch durch den Eifer, mit dem er die Gefangenen

ausfindig machte und auf den orientalischen Märkten verkaufte, als

Führer Nawiraghs und der Anardraten Begleiter. Herr Michael zahlte ihm

sogleich die Summe, die zur Einlösung Boskis nötig war, aus, da aber

die Witwe nicht Geld genug hatte, legte er von seinem zu, und Bärbchen

gab ihre Ohrgehänge mit Perlen her, um der abgehärmten Witwe und dem

lieben Sophiechen desto wirksamer zu helfen. Auch Herr Seferowitsch,

der Prätor von Kamieniez, war gekommen, ein reicher Armenier, dessen

Bruder in tatarischen Ketten schmachtete, und zwei Frauen, jung und von

großer Schönheit trotz ihrer dunklen Gesichtsfarbe, Frau Neresowitsch

und Kieremowitsch; beide weinten um ihre Gatten, die in die tatarische

Gefangenschaft geschleppt waren. Das waren traurige Gäste, aber es

fehlte auch nicht an heiteren, denn der Priester Kaminski hatte zur

Fastenzeit seine Nichte, Fräulein Kaminska, unter Bärbchens Schutz

nach Chreptiow geschickt, und außerdem war eines Tages der junge

Nowowiejski ganz unerwartet gekommen. Er hatte von der Ankunft seines

Vaters in Chreptiow erfahren, sofort Urlaub von Herrn Ruschtschyz

genommen und war ihm entgegengeeilt. Der junge Nowowiejski hatte sich

in den letzten Jahren sehr verändert. Seine Oberlippe beschattete

ein kurzer Schnurrbart, der zwar die weißen Wolfszähne noch nicht

verdeckte, dem Jüngling aber schön zu Gesichte stand. Dann war er, der

immer kräftigen Körperbau gezeigt hatte, zu förmlicher Riesengröße

erwachsen. Die dichte, wirre Haarfülle schien nur einem so ungeheuren

Kopfe anzustehen, und dieser ungeheure Kopf schien nur zwischen den

unglaublich kräftigen Schultern die nötige Stütze zu finden. Sein

Gesicht war dunkel, von den Wüstenstürmen gebräunt, seine Augen glühten

wie Kohlen, die Unternehmungslust stand ihm auf der Stirne geschrieben.

Einen großen Apfel verbarg er ohne Mühe in seiner mächtigen Faust,

so daß er damit »Rate -- rate!« hätte spielen können, und wenn er eine

Handvoll Nüsse an seinen Schenkel legte und mit der Hand darauf

drückte, so brachte er sie als Staub wieder ans Licht. Alles an ihm

ging über das Maß hinaus; im übrigen war er hager, sein Leib, über dem

indes sich die Brust wie eine Kapelle wölbte, eingefallen. Hufeisen

zerbrach er ohne sonderliche Anstrengung; er band den Soldaten

Eisendrähte um den Hals und erschien dabei noch größer, als er in

Wirklichkeit war. Wenn er auftrat, knarrten die Dielen unter seinen

Füßen, und wenn er zufällig an die Bank stieß, sprang die Rinde von ihr

ab.

Mit einem Wort, es war ein stämmiger Bursche, in dem Leben und

Gesundheit, Mut und Kraft überschäumten wie brodelndes Wasser über

den Rand des Gefäßes, da sie selbst in diesem mächtigen Körper nicht

Raum fand. Er schien in Brust und Kopf glühendes Feuer zu tragen,

und unwillkürlich erwartete man, daß sein Schopf dampfen müsse. Und

auch das kam vor, denn er war auch bei der Flasche ein Riese. In die

Schlacht ging er mit einem Lachen, das an das Wiehern der Pferde

erinnerte, und seine Hiebe waren derart, daß die Soldaten nach jedem

Treffen alle seine Leichen beschauten, um die ungewöhnlichen Streiche

zu bewundern. Von Kind auf an die Steppe, an die Wachten und den Krieg

gewöhnt, war er trotz seines lebhaften Wesens wachsam und besonnen.

Er kannte alle Kriegslisten der Tataren und galt neben Michael und

Ruschtschyz für den besten Streifzügler.

Der alte Nowowiejski empfing den Sohn trotz seiner Drohungen nicht

allzu streng, denn er fürchtete, jener könnte abgeschreckt wieder

davongehen und weitere elf Jahre sich nicht blicken lassen. Im Grunde

war der Edelmann voll Eigenliebe und Stolz auf diesen Sohn, der kein

Geld von Hause brauchte, der sich selbst ausgezeichnet durch die Welt

half, unter den Genossen Ruhm erworben, die Gunst des Hetmans und den

Rang eines Offiziers erlangt hatte, den mancher trotz der Protektion

nicht erreichen konnte. Der Vater mußte sich auch sagen, daß dieser

Jüngling, in der Steppe und im Kriege verwildert, sich der väterlichen

Autorität nicht beugen konnte, und darum war es besser, ihn nicht auf

die Probe zu stellen. Der Sohn fiel ihm zwar zu Füßen, wie es sich

ziemte, sah ihm aber mutig in die Augen und antwortete ohne Umschweife

auf den ersten Vorwurf:

»Vater, den Vorwurf führt Ihr im Munde, und doch freut Ihr Euch im

Herzen über mich, denn ich bin ohne Tadel, und daß ich zur Fahne

entfloh -- nun, ich bin ja ein Edelmann.«

»Aber wohl gar ein Heide,« antwortete der Alte, »da du dich elf Jahre

hindurch nicht hast sehen lassen?«

»Ich habe mich nicht sehen lassen aus Furcht vor Strafe, die meinem

Offiziersrang nicht entsprochen hätte; ich habe einen Brief erwartet,

in dem Ihr mir meine Schuld vergabt. Der Brief kam nicht, und so kam

auch ich nicht.«

»Und jetzt fürchtest du dich nicht?«

Der Jüngling zeigte lachend seine weißen Zähne.

»Hier herrscht die militärische Autorität, vor der die väterliche

weichen muß. Wißt Ihr was, umarmt mich lieber, denn Ihr habt doch große

Lust dazu.«

Damit öffnete er die Arme, und Nowowiejski der Vater wußte selbst

nicht, was er tun sollte. Er konnte nicht fertig werden mit diesem

Sohne, der als Bube von Hause davongelaufen war und jetzt zurückkehrte

als ein reifer Mann und Offizier, der sich mit Kriegsruhm bedeckt

hatte. Eines wie das andere schmeichelte dem väterlichen Stolze, und

darum hätte er ihn gern an seine Brust gedrückt; er zögerte nur noch

aus Rücksicht auf seine Autorität.

Aber der Sohn riß ihn an sich; in seiner Bärenumarmung knackten dem

Edelmann die Knochen, und das rührte ihn vollends.

»Was tun?« rief er schweratmend, »der Schelm fühlt, daß er auf seinem

eigenen Pferde sitzt und kümmert sich den Teufel um mich! Bitte, wäre

es bei mir im Hause, ich würde sicherlich nicht so weich geworden

sein, -- aber hier, was tun! Nun so komm doch!«

Und sie umarmten sich zum zweiten Male. Dann fragte der Junge nach der

Schwester.

»Ich habe ihr befohlen, sich zurückzuziehen, bis ich sie rufe,«

antwortete der Vater; »das Mädchen hält es drinnen kaum aus.«

»Wo ist sie denn, bei Gott!« rief der Sohn. Er öffnete die Tür und

schrie so laut, daß ihm von den Wänden ein Echo entgegentönte:

»Evchen, Evchen!«

Evchen, die im Nebenzimmer gewartet hatte, stürzte sofort herein, aber

sie vermochte kaum »Adam!« zu rufen, da hatten sie seine mächtigen Arme

schon gefaßt und in die Höhe gehoben. Der Bruder war ihr immer in Liebe

zugetan gewesen. Oft hatte er, um sie vor der Tyrannei des Vaters

zu schützen, ihre Schuld auf sich genommen und für sie die Strafe

erlitten. Herr Nowowiejski war im Hause ein grausamer Despot gewesen,

und das Mädchen bewillkommnete in ihrem heldenhaften Bruder nicht

nur den Bruder, sondern auch ihre Zuflucht und ihren Schutz für die

Zukunft. Er aber küßte sie auf den Kopf, auf die Augen, auf die Arme,

hielt sie vor sich hin, schaute ihr ins Gesicht und rief fröhlich ein

über das anderemal: »Ein prächtiges Mädel, so wahr Gott lebt!« Und dann

wieder: »Wie sie gewachsen ist! Eine Hopfenstange, das Mädchen!«

Und ihre Augen lachten ihm entgegen. Dann sprachen sie über die lange

Trennung, über die Heimat, über den Krieg. Der alte Nowowiejski

ging um sie herum und blinzelte mit den Augen; sein Sohn imponierte

ihm gewaltig. Aber von Zeit zu Zeit erfaßte ihn eine Unruhe um die

zukünftige Herrschaft; es war schon die Zeit der großen väterlichen

Macht, die in der Folge bis zur grenzenlosen Übermacht anwuchs. Aber

dieser Sohn war ein Krieger, ein Soldat, von den wilden Grenzwachten,

der, wie der Vater gleich richtig bemerkt hatte, auf seinem eigenen

Pferde saß. Nowowiejski war eifersüchtig auf seine Herrschaft; er

hatte zwar die Gewißheit, daß der Sohn ihn stets achten werde, daß

er ihm geben werde, was ihm zukam; ob er sich aber wie Wachs werde

kneten lassen, ob er alles ertragen werde, wie er es als Knabe

ertrug? -- Bah! -- dachte der alte Edelmann -- werde ich selbst es denn

wagen, ihn wie einen Knaben zu behandeln? Der Strick von Hauptmann

macht Eindruck auf mich, so wahr ich lebe -- Zum Überfluß empfand

Nowowiejski auch, daß seine Liebe zu seinem Sohn mit jeder Minute

wuchs, und daß er gegen den riesigen Sprößling schwach sein werde.

Evchen plauderte inzwischen wie ein Vögelchen und überschüttete den

Bruder mit Fragen, wann er zurückkomme, und ob er sich nicht seßhaft

machen, ob er nicht heiraten werde. Sie zwar wisse das nicht, aber

sie habe doch gehört, daß die Soldaten sich leicht verliebten. Sie

erinnerte sich sogar, daß die Frau Wolodyjowska ihr das gesagt habe;

sie sei hübsch und so gut, die Frau Wolodyjowska. Eine schönere und

bessere könne man mit Licht in ganz Polen suchen. Nur Sophie Boska

halte einen Vergleich mit ihr aus.

»Was für eine Sophie Boska?« fragte Adam.

»Die mit der Mutter hier ist, und deren Vater die Horde fortgeschleppt

hat. Du wirst sie ja selbst sehen und lieb gewinnen.«

»Bringt Sophie Boska her!« rief der junge Offizier.

Der Vater und Evchen lachten über die Schnellfertigkeit des Sohnes; er

aber sagte:

»Was denkt ihr; der Liebe entgeht keiner wie dem Tode. Ich war noch ein

Milchbart, und Frau Wolodyjowska ein Mädchen, als ich mich furchtbar

in sie verliebte. Du lieber Gott, wie ich dies Bärbchen geliebt habe!

Und was geschieht? Ich sag' es ihr einmal -- schwapp, hab' ich meine

Maulschelle weg: die Milch war nicht für die Katze. Ja, sie liebte

Herrn Wolodyjowski schon, und das läßt sich wohl sagen -- sie hatte

recht!«

»Warum?« fragte der alte Nowowiejski.

»Warum? Nun weil ich, ohne Ruhmredigkeit, jedem standhalten würde,

er aber hätte mit mir kurzen Prozeß gemacht. Und dann ist er ein

unvergleichlicher Streifzügler, vor dem selbst Herr Ruschtschyz den

Hut ziehen muß. Was ist Herr Ruschtschyz gegen ihn? Die Tataren sogar

lieben ihn, er ist der erste Krieger in der Republik.«

»Und wie sich die beiden lieben, ei, ei, die Augen tun einem weh, wenn

man es mit ansieht,« warf Evchen ein.

»Du bekommst Appetit, nicht, du bekommst Appetit? Es ist ja auch Zeit!«

rief Adam, und er stemmte die Hände in die Seiten, warf den Kopf zurück

wie ein Füllen und lachte. Sie aber antwortete bescheiden:

»Das liegt mir nicht im Sinn.«

»Fehlt es hier doch nicht an artigen Offizieren und Edelleuten.«

»Nicht doch,« rief Evchen; »ich weiß nicht, ob dir der Vater gesagt

hat, daß Asya hier ist.«

»Asya Mellechowitsch, der Lipker? Ich kenne ihn wohl, ein trefflicher

Soldat!«

»Du weißt aber nicht,« sagte der alte Nowowiejski, »daß er nicht

Mellechowitsch heißt, sondern unser Asya ist, der mit uns aufwuchs.«

»Bei Gott, was hör' ich? Seht einmal, es war mir oft durch den Kopf

gegangen, aber man sagte mir, der hier hieße Mellechowitsch, und so

dachte ich mir, dann ist es eben ein anderer, denn Asya ist bei ihnen

ein weitverbreiteter Name. Hatte ich ihn doch so viele Jahre nicht

gesehen, kein Wunder also, daß ich zweifelte. Unser Asya war ziemlich

häßlich, und der hier ist stattlich.«

»Unser Asya ist es, unserer,« sagte der Alte, »oder eigentlich nicht

mehr unserer, denn weißt du, was sich herausgestellt hat, wessen Sohn

er ist?«

»Wie soll ich das wissen!«

»Des großen Tuhaj-Bey!«

Der Jüngling schlug mit den Händen so kräftig auf die Kniee, daß es

widerhallte.

»Ich traue meinen Ohren nicht, des großen Tuhaj-Bey? So ist er ein

Fürst und mit den Khanen verwandt? Es gibt kein edleres Blut in der

ganzen Krim, als Tuhaj-Beys.«

»Feindesblut!«

»Feind war uns der Vater, aber der Sohn dient uns, ich habe ihn wohl

selbst an die zwanzigmal in Schlachten gesehen; ha, jetzt begreife

ich den Teufelsmut, der in ihm steckt. Herr Sobieski hat ihn vor dem

ganzen Heere gerühmt und zum Hauptmann ernannt. Aus ganzer Seele froh

begrüße ich ihn, ein tüchtiger Krieger, von ganzem Herzen sei er mir

willkommen!«

»Nur sei nicht zu vertraulich mit ihm.«

»Und warum nicht? Ist er etwa mein oder unser Diener? Ich bin Soldat,

so er, ich bin Offizier, er auch, bah, wäre er so ein Lump vom Fußvolk,

der das Regiment mit dem Rohrstock führt, so wollte ich nichts sagen;

aber wenn er Tuhaj-Beys Sohn ist, so stammt er von nicht geringem

Blute, er ist ein Fürst, das genügt, und den Adel wird der Hetman

selbst ihm verschaffen. Wie sollte ich stolz über ihn hinwegsehen, da

ich mit Kulak-Mirza Bruderschaft geschlossen, mit Bakschi-Aga, und alle

diese würden sich nicht scheuen, bei Tuhaj-Beys Sohn die Schafe zu

hüten.«

Evchen wandelte plötzlich die Lust an, den Bruder von neuem zu küssen.

Sie setzte sich nahe an ihn heran und streichelte mit ihrer schönen,

weißen Hand sein wirres Haupthaar, aber Herrn Michaels Eintritt

unterbrach diese Liebkosungen.

Der junge Nowowiejski sprang auf, begrüßte den älteren Offizier und

entschuldigte sich sogleich, daß er nicht zuerst dem Kommandanten

die geziemende Ehre erwiesen; er käme nicht im Dienst, sondern als

Privatmann. Wolodyjowski aber umarmte ihn freundlich und antwortete:

»Wer wollte es dir verübeln, teurer Genosse, daß du nach so vielen

Jahren der Trennung erst deinem Vater zu Füßen gefallen? Etwas anderes

wäre es, wenn du im Dienst kamst, aber du hast gewiß keinen Auftrag von

Ruschtschyz?«

»Nur Grüße; Ruschtschyz ist ausgerückt, nach Jahorlik zu, denn er

erhielt Nachricht, daß im Schnee Pferdespuren gefunden seien. Euren

Brief hat mein Kommandant erhalten und sofort an die Horde geschickt,

an seine Verwandten und Bruderschafter, damit sie dort forschen und

Nachfrage halten. Er selbst antwortet nicht, denn er sagt, er habe eine

zu schwere Hand und wenig Erfahrung in der Kunst des Schreibens.«

»Er tut das nicht gern, ich weiß,« sagte Herr Michael, »der Säbel ist

sein Instrument.« Er drehte seinen Schnauzbart und fügte nicht ohne

Stolz hinzu:

»Und dem Asba-Bey habt Ihr zwei Monate vergeblich aufgelauert?«

»Und Ihr habt ihn verschluckt, wie der Hecht den Weißfisch,« rief

Nowowiejski im Eifer. »Je nun, Gott muß ihm wohl den Verstand verwirrt

haben, daß er dem Ruschtschyz entwischte und Euch in die Hände lief; da

hat er das Richtige getroffen, ha!«

»Mir hat Gott noch keinen Sohn geschenkt, aber wenn er mich dereinst

beglücken wollte, so wünschte ich, er möchte diesem Jüngling ähnlich

sein.«

»Nichts davon, nichts davon!« versetzte der junge Edelmann,

»_nequam_ -- und genug.«

Trotz dieses Einwandes keuchte er förmlich vor Vergnügen: »Das wäre

auch 'was Besonderes!...«

Der kleine Ritter streichelte währenddessen Evchens Wange und sagte zu

ihr:

»Seht, Fräulein, ich bin kein Jüngling, aber mein Bärbchen ist nahezu

in Eurem Alter, darum mach' ich ihr auch gern eine Freude, wie sie

ihrem jugendlichen Alter ansteht. -- Zwar lieben hier alle sie über die

Maßen, aber ich hoffe, daß auch Ihr anerkennt, sie verdient's.«

»Du lieber Gott,« rief Evchen, »es gibt keine zweite in der Welt! Ich

habe es eben erst gesagt.«

Der kleine Ritter war außerordentlich erfreut, sein Gesicht strahlte,

und er entgegnete:

»Habt Ihr das wirklich gesagt, Fräulein, wie?«

»Wahrhaftig, sie hat's gesagt!« riefen Vater und Sohn zugleich.

»Nun, so legt nur Eure schmucksten Kleider an, denn ich habe ganz im

geheimen eine Musikkapelle aus Kamieniez kommen lassen. Die Instrumente

sind im Stroh verborgen, und ich habe ihr gesagt, die Zigeuner seien

gekommen, um die Pferde zu beschlagen. Heute abend gibt es lustigen

Tanz, sie hat das gern, obwohl sie tut wie eine gesetzte Matrone.«

Bei diesen Worten rieb sich Michael vor Freude die Hände und lächelte

selbstzufrieden.

* * * * *

Der Schnee fiel so dicht, daß er den Graben der Grenzwacht füllte

und sich auf dem Pfahlwerk wie ein Wall ansetzte. Draußen herrschte

dunkle Nacht und Sturm, und drinnen im Hauptzimmer des Blockhauses

von Chreptiow war heller Lichtschein. Zwei Geiger, der dritte war ein

Baßgeiger, zwei Pfeifer und ein Waldhornbläser spielten auf. Die Geiger

fuchtelten wie wahnsinnig mit dem Bogen, die Pfeifer und Waldhornbläser

bliesen ihre Backen auf, daß ihnen die Augen übergingen. Die ältesten

Offiziere und Genossen saßen auf den Bänken an den Wänden herum, einer

neben dem anderen, wie weiße Tauben, die auf den Firsten der Dächer

hocken, und sahen bei Met und Wein den Tanzenden zu. Das erste Paar

bildete Muschalski, der trotz seiner vorgerückten Jahre ein ebenso

ausgezeichneter Tänzer wie Bogenschütze war, und Bärbchen. Sie trug ein

Kleid aus Silberlahn mit Hermelinbesatz und sah aus wie eine frische

Rose in frischem Schnee. Jung und alt bewunderte ihre Schönheit, und

unwillkürlich kamen Rufe des Erstaunens aus vieler Munde, denn obgleich

Evchen und Sophie Boska ein wenig jünger waren als sie, und deren

Schönheit über das gewöhnliche Maß hinausging, war sie doch unter ihnen

die schönste. In ihren Augen leuchtete Freude und Lust; wenn sie an dem

kleinen Ritter vorüberwirbelte, dankte sie ihm mit einem Lächeln für

die bereitete Festlichkeit, und durch die geöffneten Lippen glitzerten

die weißen Zähnchen; wenn sie, von Kopf bis Fuß in Silberglanz gehüllt,

vorüberhuschte wie eine Flamme oder ein Sternchen, blendete sie Augen

und Herz mit dem Zauber eines Kindes, eines Weibes, einer Blume.

Die offenen Ärmel, den Flügeln eines großen Schmetterlinges ähnlich,

flatterten ihr nach, und wenn sie die Schöße ihres Jäckchens mit den

Händen hob, um vor ihrem Tänzer einen Knix zu machen, schien sie mit

dem Boden zusammenzufließen wie eine überirdische Erscheinung, oder wie

eine Gebirgsquelle, die in Sommernächten über die Felsen dahinhüpft.

Draußen standen die Leute und drückten ihre wilden, bärtigen Gesichter

an die erleuchteten Scheiben, um in das Gemach hineinzublicken. Es

schmeichelte ihnen sehr, daß die vergötterte Herrin alle übrigen an

Schönheit überstrahlte, denn alle nahmen Bärbchens Partei, und sie

begrüßten sie, nicht ohne kleine Anspielungen auf Eva und Sophie, mit

lauten Rufen, so oft sie sich dem Fenster näherte.

Herr Michael wuchs förmlich vor Freude und nickte mit seinem Kopf den

Takt zu Bärbchens Bewegungen. Sagloba stand mit der Kanne neben ihm,

schlug mit den Füßen auf, goß den Inhalt auf den Boden, dann wandten

sich die beiden Männer einander zu und sahen sich mit schweigendem

Entzücken an.

Und Bärbchen flog im Gemache umher, immer heiterer, immer anmutiger.

Das hieß eine Wüste, -- bald Schlacht, bald Jagd, bald Festlichkeit

und Tanz, Musik, Soldatenlärm -- und ihr Gatte der erste unter all

diesen Soldaten, der Gatte, der sie liebte, und den sie wieder liebte!

Bärbchen fühlte, daß ihr alle gut waren, daß man sie bewunderte,

verehrte, daß der kleine Ritter dadurch immer glücklicher ward, darum

fühlte sie sich selbst so glücklich wie die Vögel, wenn sie beim

Eintritt des Frühlings in der Mailuft sich wiegen und laut und freudig

Zwiegespräche halten.

Das zweite Paar bildete Asya und Eva, in ein karmesinrotes Jäckchen

gekleidet. Der junge Tatar sprach kein Wort mit ihr, so berauscht war

er von der weißen Erscheinung, die in dem ersten Paare glänzte. Sie

aber glaubte, daß ihn die Rührung so stumm mache, und bemühte sich

erst durch leichteres, dann durch kräftigeres Drücken seiner Hand, ihm

Mut einzuflößen. Asya beantwortete auch ihren Händedruck bisweilen

so kräftig, daß sie nur mit Mühe einen Aufschrei des Schmerzes

unterdrückte, aber er tat das unwillkürlich, denn er dachte an nichts

als an Bärbchen, sah niemand außer Bärbchen, und wiederholte in

seiner Seele den furchtbaren Schwur, daß sie die Seine werden müsse,

und sollte ganz Reußenland darüber in Flammen aufgehen. Dann wieder,

wenn ihm auf Augenblicke die Besinnung wiederkehrte, überkam ihn die

Lust, Evchen an der Kehle zu fassen, sie zu würgen und sich an ihr zu

rächen für den Händedruck und dafür, daß sie zwischen seiner Liebe

und Bärbchen stand. Wenn er dann das ahnungslose Mädchen mit seinen

Falkenblicken durchbohrte, schlug ihr das Herz mächtiger, denn sie

wähnte, daß er sie aus Liebe so mit den Augen verschlinge.

In dritten Paare tanzte der junge Nowowiejski mit Sophie Boska. Sie sah

einem Vergißmeinnicht ähnlich und schritt mit gesenktem Blick neben

ihm her. Er aber sprang und sah aus wie ein ausgelassenes Füllen.

Seine eisenbeschlagenen Hacken sprühten Funken, sein Schopf flog hin

und her, sein Gesicht überzog es glühend, seine Nasenflügel bebten,

und er warf Sophiechen herum, wie ein Sturmwind das Blatt, und flog

mit ihr durch den Raum. In seinem Innern jubelte es maßlos auf, und da

er an den äußersten Grenzen der wilden Felder monatelang keine Frau

gesehen hatte, gewann Sophiechen im Handumdrehen sein Herz. Immer

wieder schaute er auf ihre gesenkten Wimpern, auf ihre rosigen Wangen

und wieherte förmlich auf bei dem süßen Anblick; seine Hacken warfen

immer neue Funken, immer feuriger zog er sie an seine breite Brust;

in überschäumender Lust brach er in ein mächtiges Lachen aus und

entbrannte immer heftiger in Liebe.

Sophie fühlte Furcht im Herzen; aber es war keine bedrückende Angst,

denn sie fand Gefallen an dem Strom, der sie mit sich fortriß und

davontrug. Ein wahrer Drache! Sie hatte verschiedene Ritter in Jaworowo

gesehen, aber einen so feurigen hatte sie bisher nicht kennen gelernt,

und keiner tanzte wie er, keiner hatte sie so an sich gezogen. Was

sollte sie mit ihm beginnen, da sie ihm nicht widerstehen konnte?

Im folgenden Paare tanzte mit einem artigen Genossen Fräulein Kaminska.

Dann kam Frau Kieremowitsch und Neresowitsch, die man auch eingeladen

hatte, obwohl sie Bürgersfrauen waren, denn beide Frauen hatten

höfische Manieren und waren sehr wohlhabend. Der ernste Nawiragy und

die beiden Anardraten schauten mit wachsendem Erstaunen den polnischen

Tänzen zu. Die Alten machten beim Met ein lautes Gesumme und Gesurre,

wie es die Heupferdchen auf dem Stoppelfeld zu machen pflegen; die

Kapelle aber übertönte allen Lärm, und die Lust in den Herzen wuchs

immer mehr.

Bärbchen verließ ihren Tänzer, lief tiefatmend zu ihrem Gatten und

faltete vor ihm die Hände.

»Michael,« sagte sie, »den Soldaten ist draußen so kalt, laß ihnen doch

ein Tönnchen geben!«

Er war über die Maßen heiter, küßte ihre Fäustchen und rief:

»Mein Blut wollte ich hingeben, um dir eine Freude zu machen!«

Er eilte selbst hinaus, um den Leuten zu sagen, auf wessen Fürbitte sie

ein Tönnchen haben sollten, denn er wünschte, daß sie Bärbchen dankbar

seien und sie um so mehr liebten.

Und als sie zur Antwort schrieen, daß der Schnee vom Dache fiel, rief

der kleine Ritter noch:

»Und Feuer geben aus den Musketen, vivat die Herrin!«

Bei seiner Rückkehr ins Gemach tanzte Bärbchen mit Asya. Als der Lipker

ihre holde Gestalt mit seinem Arm umfaßt hielt, als er ihren Atem warm

um sein Gesicht spürte, gingen ihm die Augen über, und die ganze Welt

drehte sich im Kreise um ihn her. Er verzichtete in seinem Innern auf

die Freuden des Paradieses, auf alle Wonnen, -- nur diese eine begehrte

er.

Da erblickte Bärbchen im Vorbeifliegen das Karmesinröckchen Evas, und

begierig zu wissen, ob Asya dem Mädchen seine Liebe schon bekannt habe,

fragte sie:

»Habt Ihr Euch erklärt?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Noch ist's zu früh,« sagte er mit seltsamem Gesichtsausdruck.

»Und Ihr seid sehr verliebt?«

»Wahnsinnig!« rief Tuhaj-Beys Sohn mit leiser, aber heiserer, dem

Krächzen des Raben ähnlicher Stimme.

Und sie tanzte weiter, unmittelbar hinter Nowowiejski, der jetzt

als erstes Paar tanzte. Die anderen hatten ihre Tänzerinnen schon

gewechselt, dieser aber tanzte noch immer mit Sophie. Von Zeit zu Zeit

nur ließ er sie auf die Bank nieder, damit sie Atem schöpfe, dann

stürzte er sich von neuem in den Wirbel.

Endlich machte er vor der Musikkapelle Halt, umfaßte Sophie mit der

einen Hand, die andere stemmte er in die Seite und rief den Musikanten

zu:

»Einen Krakowiak! Spielt auf, Musikanten!«

Sie gehorchten dem Befehl und fiedelten drauf los. Nowowiejski schlug

mit den Füßen auf und sang mit machtvoller Stimme:

Tausend helle Bächlein

Hin zum Dniestr streben,

Wie zu dir mein Herze strebt,

Mein geliebtes Leben!

U-ha!

und dieses Uha schrie er so kosakenmäßig, daß Sophiechen erschreckt

zusammenfuhr. Auch der ernste Nawiragh, der in der Nähe stand,

erschrak, die beiden gelehrten Anardraten erschraken, Nowowiejski aber

führte den Tanz weiter, flog zweimal im Gemache herum, stellte sich

dann vor die Musik hin und sang so weiter:

Und in Dniestrs Fluten

Taucht das arme Dinglein,

Bis es aus der Tiefe

Fischt das goldne Ringlein!

U-ha!

»Recht artige Verse!« rief Sagloba, »ich verstehe mich darauf, ich habe

auch so manche gemacht; angle nur, angle, junger Ritter, und wenn du

den Ring erwischt, so will ich dir meinen Vers singen:

Jeder Bursch ist Kiesel

Zunder jedes Mädchen,

Schlag nur an den Funken,

Flackert hell das Fädchen!

U-ha!«

* * * * *

»Vivat, vivat, Herr Sagloba!« schrieen die Offiziere und Genossen mit

so lauter Stimme, daß der ernste Nawiragh erschrak, und die beiden

gelehrten Anardraten erstaunt einander ansahen. Und Nowowiejski flog

noch zweimal im Zimmer herum. Endlich setzte er das müde und durch

die Kühnheit ihres Kavaliers eingeschüchterte Mädchen auf die Bank.

Sie hatte ihn lieb, den tüchtigen, redlichen, feurigen Burschen, aber

gerade weil sie solchem noch nicht begegnet war, hatte sie eine große

Verwirrung erfaßt, daß sie die Augen noch tiefer senkte und still und

ruhig im Winkel saß.

»Warum schweigt Ihr, warum seid Ihr so traurig?« fragte Nowowiejski.

»Weil Väterchen in Gefangenschaft ist,« antwortete Sophie mit ihrem

zarten Stimmchen.

»Nicht doch,« sagte der Heldenjüngling, »jetzt ziemt es zu tanzen! Seht

Euch nur im Raume um: so viele unserer hier sind, keiner stirbt eines

ruhigen Todes; von heidnischen Pfeilen oder gar in der Gefangenschaft

enden wir alle, der eine heut, der andere morgen. Jeder von uns hier

in diesen Grenzländern hat einen der Seinigen verloren, und doch sind

wir lustig und guter Dinge, damit der liebe Herrgott nicht glaube, wir

murren gegen den Dienst. Nicht wahr, hier heißt es tanzen? Lächelt

doch, Fräulein, laßt mich Eure Äuglein sehen, sonst denke ich, daß Ihr

mir böse seid.«

Sophie erhob zwar ihre Augen nicht, aber ihre Mundwinkel verzogen sich,

und in ihren rosigen Wangen zeigten sich zwei Grübchen.

»Habt Ihr mich wenigstens ein bißchen gern?« fragte der Jüngling wieder.

Und Sophie antwortete darauf mit noch leiserer Stimme:

»Ja, gewiß.«

Hier sprang Nowowiejski in die Höhe, ergriff Sophiens Hände und

bedeckte sie mit Küssen.

»Es ist aus,« rief er, »ich habe mich sterblich in Euch verliebt!

Keine andere will ich als Euch, mein herziges Mädchen; Gott, wie

ich Euch liebe! Morgen will ich Eurer Mutter zu Füßen fallen ...

was, morgen? -- heute noch, denn ich muß Gewißheit haben, daß Ihr mir

wohlwollt!«

Der mächtige Donner der Schüsse draußen übertönte Sophiens Antwort. Die

erfreuten Soldaten gaben Salven ab zu Bärbchens Ehren, die Scheiben

zitterten, die Mauer bebte bei ihren Vivatrufen; zum drittenmal

erschrak der ernste Nawiragh, erschraken die beiden gelehrten

Anardraten; aber Sagloba, der neben ihnen stand, beruhigte sie in

lateinischer Rede:

»_Apud Polonos_,« sagte er zu ihnen, »_nunquam sine clamore et strepitu

gaudia fiunt._«

Es schien, als hätten alle nur auf dieses Musketenfeuer gewartet,

damit die Heiterkeit den höchsten Grad erreiche. Die übliche Sitte

der Edelleute wich jetzt der Steppenwildheit. Die Kapelle schmetterte,

der Tanz ward wilder, die Augen glühten, selbst die ältesten stürzten

sich in den Tanz. Laute Rufe erfüllten das Zimmer, man trank und war

ausgelassen; aus Bärbchens Schuh ward ein Vivat getrunken, man schoß

auf Evchens Hacken, und Chreptiow hallte wider vom Spiel und Gesang und

Tanz bis zum frühen Morgen, daß das Wild in der nahen Wüste sich in das

tiefste Dickicht zurückzog.

Und da alles dies nahezu am Vorabend des entsetzlichen Krieges mit der

türkischen Macht geschah, da über all' diesen Menschen der Schrecken

und die Vernichtung hing, staunte der ernste Nawiragh über diese

polnischen Soldaten gar sehr, und nicht minder staunten die beiden

gelehrten Anardraten.

Am anderen Morgen in später Stunde schlief alles noch. Nur die Soldaten

der Wacht und der kleine Ritter, der nie wegen eines Vergnügens den

Dienst versäumte, waren auf ihrem Platze. Auch der junge Nowowiejski

hatte sich frühzeitig erhoben, denn Sophie Boska war ihm lieber als

die Ruhe. Er kleidete sich am frühen Morgen schön an und begab sich in

das Gemach, in dem man gestern getanzt hatte, um zu hören, ob in den

anstoßenden Kammern der Frauen nicht schon Bewegung zu vernehmen sei.

In dem Zimmer, das Frau Boska innehatte, hörte man schon Leben, aber

der ungeduldige Jüngling mochte nicht warten, er ergriff das Messer, um

das Moos und den Lehm zwischen den Balken loszulösen, und so wenigstens

durch einen kleinen Spalt mit einem Auge Sophie erspähen zu können.

Bei dieser Beschäftigung traf ihn Sagloba, der gerade mit dem

Rosenkranz eintrat, und da er bald merkte, um was es sich handelte, kam

er auf den Fußspitzen heran und bearbeitete den Rücken des Ritters mit

den Perlen aus Sandelholz. Dieser lief davon und wandte sich lachend

um, aber er war sehr verwirrt; der Alte folgte ihm, schlug ihn immer

von neuem und rief ein über das anderemal:

»Ei seht doch, bist du ein Türke oder ein Tatar? _Exerciso te!_ Sind

das _mores?_ Die Weiber willst du ansehen? Ei, daß dich!«

»Freund,« rief Nowowiejski, »es ziemt sich nicht, den heiligen

Rosenkranz zum Kantschu zu machen; laßt mich, ich hatte keine sündigen

Absichten ...«

»Es ziemt sich nicht, sagst du, mit dem heiligen Rosenkranz zu

schlagen? Das ist nicht wahr; die Palme ist am Ostersonntag auch

heilig, und doch schlägt man damit. Ha, das war einst ein heidnischer

Rosenkranz und gehörte dem Subhagasi; bei Sbarasch habe ich ihm diesen

abgenommen, und dann hat ihn der apostolische Nuntius geweiht. Sieh

her, echtes Sandelholz.«

»Ich hatte keine sündige Absicht,« wiederholte der Jüngling, »so wahr

ich lebe!«

»Nur aus Frömmigkeit hast du das Loch gebohrt, wie?«

»Nicht aus Frömmigkeit, sondern aus Liebe, aus so außerordentlicher

Liebe, daß ich glaube, ich müßte auseinandergehen. Warum soll ich

Umschweife machen, wenn es so ist? Die Bremsen quälen im Sommer die

Pferde nicht so, wie mich die Liebe quält!«

»Ei, schau', daß das nur keine sündige Begehrlichkeit sei, denn als ich

hier eintrat, konntest du dich kaum auf den Füßen halten und schlugst

mit den Fersen aneinander, als ob du auf Kohlen ständest.«

»Ich habe nichts gesehen, so wahr ich lebe, denn ich hatte erst einen

kleinen Spalt gebohrt.«

»Ha, die Jugend, das junge Blut! Ja, ich muß mich auch bisweilen

im Zaume halten, denn noch wohnt in mir ein _leo qui querit, quem

devoret_. Wenn du reine Absichten hast, so denkst du ans Heiraten?«

»Ob ich ans Heiraten denke! Großer Gott, woran sollte ich denn denken?

So wisset Ihr nicht, daß ich mich schon gestern der Frau Boska erklärt

habe, und daß mir mein Vater seine Zustimmung gegeben hat?«

»Ein feuriger Bursche, hol' dich der Henker, das ist etwas anderes!

Aber erzähle, wie war das?«

»Frau Boska ging gestern in ihre Kammer, um für Sophie ein Tuch zu

holen. Ich folgte ihr. Sie drehte sich um -- Wer da? -- Plauz, liege ich

ihr zu Füßen! -- Schlagt mich, Mutter, aber gebt mir Sophiechen, meine

Glückseligkeit, meine einzige Liebe! -- Frau Boska erholt sich von ihrer

Überraschung und sagt so: Es loben Euch alle und halten Euch für einen

würdigen Jüngling. Mein Mann ist in Gefangenschaft, und Sophie ist ohne

Schutz auf dieser Welt. Indessen kann ich Euch heute noch keine Antwort

geben, auch morgen nicht, -- später einmal, und Ihr braucht ja auch

die Einwilligung Eures Vaters. -- Mit diesen Worten ging sie, weil sie

glaubte, daß ich das im Rausch getan habe. Ich war ja auch ein wenig

...«

»I nicht doch, es waren alle ein wenig angeheitert, -- hast du nicht

bemerkt, wie dem Nawiragh und den Anardraten die spitzen Mützen schief

auf dem Kopfe saßen?«

»Ich habe es nicht bemerkt, denn ich machte im Innern schon Pläne, wie

ich am leichtesten die Zustimmung vom Vater erlange.«

»Und wurde es dir schwer?«

»Gegen Morgen ging ich mit ihm ins Quartier, und da man das Eisen

schmieden muß, solange es heiß ist, sagte ich mir, du mußt gleich

mal die Fühlhörner ausstrecken, wie der Vater es aufnehmen wird. Ich

sage also: Hör', Vater, ich muß die Sophie haben, und ich brauche

deine Zustimmung, und wenn du sie mir nicht gibst, so gehe ich zu den

Venetianern und lasse mich dort anwerben, und dann werdet Ihr mich so

viel sehen -- Wie der nicht über mich herfällt in blinder Wut: Solch'

ein Sohn! sagt er; du kannst ohne Erlaubnis fertig werden, geh' zu den

Venetianern oder nimm dir das Mädchen, wie du willst, aber das eine

sag' ich dir: keinen Heller bekommst du, weder von meinem noch von der

Mutter Teil, denn alles ist mein eigen.«

Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman · 第 28 / 43 题