1. Kapitel.

An einem schönen Herbsttage saß unter dem schattigen Dache seiner Laube

Herr Andreas Kmiziz, trank zum Vesper seinen Met und blickte durch die

mit dichtem Hopfen bewachsenen Stäbe auf seine Gattin, die auf dem

schön gefegten Stege vor der Laube auf und nieder ging.

Frau Kmiziz war über die Maßen schön. Ihr helles Haar umrahmte ein

freundliches, fast engelhaftes Gesicht. Langsam und vorsichtig schritt

sie einher, denn sie war erfüllt von Ernst und Segen.

Herr Andreas Kmiziz schaute ihr mit furchtbar verliebten Blicken

nach. Wohin sie sich wandte, folgte sein Auge ihr mit einer solchen

Anhänglichkeit, wie dasjenige eines Hundes seinem Herrn zu folgen

pflegt. Von Zeit zu Zeit lächelte er, denn er war überaus froh bei

ihrem Anblick und strich den Schnurrbart in die Höhe, und dann zeigte

sich immer in seinem Gesicht der Ausdruck loser Schelmerei. Man sah,

der Ritter war von Natur ein Schalk und mußte wohl in jüngeren Jahren

so manchen tollen Streich verübt haben.

Die Stille im Garten wurde nur durch den Widerhall herabfallender

überreifer Früchte und durch das Summen der Insekten unterbrochen. Das

Wetter war wunderbar schön geworden. Es war im Anfang des September.

Die Sonne glühte nicht mehr zu heiß, warf aber noch immer reichlich

ihre goldenen Strahlen. In diesen Strahlen glänzten die roten Äpfel

durch das grüne Laub in so großer Zahl, daß es aussah, als seien die

Bäume ringsherum mit Früchten beklebt. Die Zweige der Pflaumenbäume

bogen sich unter der Last ihrer Früchte, die wie mit grauem Wachs

umhüllt schienen.

Die ersten Fäden der Spinnweben, die sich von Ast zu Ast zogen,

schwankten bei dem leisen Wehen eines Windes, der nicht einmal die

Bäume rauschen machte. Vielleicht mochte auch dies herrliche Wetter

Herrn Kmiziz mit solcher Heiterkeit erfüllen, denn sein Antlitz

leuchtete immer mehr auf. Endlich trank er seinen Met aus und sagte zu

seiner Gattin:

»Komm doch einmal her, Olenka![A] Ich will dir etwas sagen.«

»Nur nicht etwas, was ich nicht gern höre,« entgegnete sie.

»Bei Gott nicht! Höre nur!«

Bei diesen Worten faßte er sie um die Hüfte, legte seinen Schnurrbart

an ihr helles Haar und flüsterte:

»Wenn es ein Knabe sein wird, soll er Michael heißen.«

Sie aber wandte das Gesicht, das ein wenig rot geworden war, ab und

flüsterte:

»Du hast doch versprochen, nichts dagegen einzuwenden, daß er Heraklius

heiße.«

»Ja, siehst du, wegen des Wolodyjowski.«

»Aber geht nicht das Andenken des Großvaters vor?«

»... Und meines Wohltäters ... hm, gewiß ... Aber der zweite muß

Michael heißen, es geht nicht anders.«

Hier erhob sich Olenka und versuchte sich aus den Händen Kmiziz' zu

befreien; er aber zog sie noch kräftiger an sich und begann sie auf

Mund und Augen zu küssen, indem er immer und immer wiederholte:

»Du mein Sonnenschein, mein Tausendschön, mein einzig Geliebtes!«

Das weitere Gespräch unterbrach ein Bursche, der sich am Ende der

Straße zeigte und eilig auf die Laube zuschritt.

»Was willst du?« fragte Kmiziz, indem er seine Frau losließ.

»Herr Charlamp ist gekommen; er wartet im Zimmer,« antwortete der

Bursche.

»Sieh, da ist er schon selbst!« rief Kmiziz, als er den Mann gewahrte,

der auf die Laube zukam. »Du lieber Gott, wie sein Bart grau geworden

ist! Willkommen, teurer Freund, willkommen, alter Kriegskamerad!«

Er stürzte aus der Laube und eilte Herrn Charlamp mit ausgebreiteten

Armen entgegen. Aber Herr Charlamp verneigte sich erst tief vor Olenka,

die er vor langen Jahren am Hofe von Kiejdan bei dem Fürst-Wojewoden

von Wilna gesehen hatte, dann drückte er ihre Hand an seinen riesigen

Schnauzer, und nun erst warf er sich Kmiziz um den Hals und schluchzte

an seiner Schulter.

»Beim Himmel, was ist Euch!« rief der erstaunte Hausherr.

»Dem einen hat Gott den Segen gegeben,« antwortete Charlamp, »den er

dem anderen entzieht. Meiner Trauer Ursache aber kann ich nur Euch

allein erzählen.«

Hier blickte er Frau Olenka an; sie aber erriet, daß er in ihrer

Gegenwart nicht sprechen wolle, und sagte zu ihrem Manne:

»Ich will den Herren Met herausschicken; jetzt lasse ich euch allein.«

Kmiziz zog Herrn Charlamp in die Laube, bot ihm auf der Bank einen

Platz und rief:

»Was ist dir? Brauchst du Hilfe? Auf mich kannst du zählen wie auf

einen Bruder.«

»Mir fehlt nichts,« antwortete der alte Soldat, »ich brauche auch keine

Hilfe, solange ich mit dieser Hand und mit diesem Degen schaffen kann;

aber unser Freund, der würdigste Ritter der Republik, ist in schwerer

Not, und ich weiß nicht, ob er noch atmet.«

»Bei allen Wunden Christi! Wolodyjowski ist ein Unglück widerfahren?«

»So ist's,« antwortete Charlamp, und seine Tränen flossen in neuen

Strömen. »Wisse, Freund, Fräulein Anna Borschobohata hat dieses

Jammertal verlassen.«

»Sie ist gestorben!« schrie Kmiziz auf und faßte sich mit beiden Händen

an den Kopf.

»Wie ein Vogel vom Pfeil getroffen.«

Es trat eine Pause des Schweigens ein. Nur die herabfallenden Äpfel

schlugen hier und da schwer auf den Boden, und Charlamp stöhnte immer

vernehmlicher, da er seine Tränen hemmen wollte. Kmiziz aber rang die

Hände und wiederholte, beständig mit dem Kopfe schüttelnd:

»Du lieber Gott, du lieber Gott, du lieber Gott!«

»Wundere dich nicht über meine Tränenströme!« begann endlich Charlamp;

»denn wenn dir auf die bloße Nachricht von dem Ereignis der Schmerz

unerträglich die Brust zusammenschnürt, was soll ich erst, der ich ihr

Hinscheiden und ihr Leiden gesehen habe, das alles Maß überstieg.«

Jetzt trat der Diener ein, der eine Kanne und ein zweites Glas brachte;

ihm folgte Frau Olenka, die ihre Neugier doch nicht hatte überwinden

können. Da sie jetzt dem Manne ins Antlitz sah und darin einen tiefen

Schmerz wahrnahm, sagte sie sogleich:

»Was für Nachrichten habt Ihr gebracht? Schickt mich nicht fort, ich

will Euch trösten, wenn ich es vermag, oder ich will mit Euch weinen

oder Euch mit einem Rate dienen.«

»Auch in deinem Kopfe wird es wohl keinen Rat dafür geben,« antwortete

Herr Andreas; »aber ich fürchte, du könntest durch den Schmerz deine

Gesundheit schädigen.«

Sie aber antwortete: »Ich kann viel ertragen. Schlimmer ist's, in

Ungewißheit zu leben.«

»Ännchen ist gestorben,« sagte Kmiziz.

Frau Kmiziz wurde bleich und sank schwer auf die Bank nieder. Kmiziz

glaubte, die Kräfte verließen sie, aber der Schmerz gewann in ihr die

Oberhand über die überraschende Nachricht, und sie begann zu weinen,

und beide Ritter weinten mit ihr.

»Olenka,« sagte endlich Kmiziz, um den Gedanken seiner Gattin eine

andere Richtung zu geben; »glaubst du denn nicht, daß sie im Paradiese

ist?«

»Ich beweine sie nicht, ich weine ihr nur nach, und ich weine über

das Schicksal des Herrn Michael. Denn was die ewige Glückseligkeit

betrifft, so wollte ich, ich hätte so sichere Hoffnung der Erlösung für

mich, wie ich sie für sie habe. Es gab kein braveres Mädchen als sie,

kein besseres Herz. O mein Ännchen, mein geliebtes Ännchen.«

»Ich habe sie sterben sehen,« sagte Charlamp; »gebe Gott niemand einen

minder frommen Tod!«

Dann schwiegen sie alle drei, bis endlich Kmiziz, nachdem sein Leid

sich in Tränen gelöst hatte, wieder begann, von Zeit zu Zeit bei den

traurigsten Stellen zutrinkend:

»Erzählt uns doch, wie es kam.«

»Ich danke,« antwortete Charlamp; »von Zeit zu Zeit will ich dir

Bescheid tun, wenn du mir zutrinkst, denn der Schmerz greift nicht bloß

ans Herz, sondern auch an die Gurgel, wie der Wolf, und wen er greift,

kann er ohne Rettung erwürgen. Es war so: Ich fuhr von Tschenstochau

in die Heimat, um meine alten Tage in Frieden hinzuleben und auf

meinem Gute zu sitzen. Ich habe genug vom Krieg, denn ich begann als

junger Bursche und habe jetzt einen grauen Schädel. Wenn ich's gar

nicht ausgehalten hätte, so wäre ich noch einmal mitgezogen; aber jene

Kriegszüge zum Schaden des Vaterlandes und zur Freude der Feinde, und

jene Bürgerkriege haben mir die Bellona ganz und gar verleidet ... Du

lieber Himmel, der Pelikan nährt seine Kinder mit dem eigenen Blute, es

ist wohl wahr, aber dieses Vaterland hat gar kein Blut mehr in seiner

Brust. Swiderski war ein großer Krieger ... mag ihn der Himmel richten.«

»Mein liebes Ännchen,« unterbrach Frau Kmiziz weinend, »wenn du nicht

gewesen wärest, was wäre aus uns allen geworden? Du warst mir Zuflucht

und Schutz! Mein liebes, gutes Ännchen!«

Als Charlamp dies hörte, weinte er wieder laut auf, aber Kmiziz

unterbrach ihn mit der Frage:

»Und wo seid Ihr denn Wolodyjowski begegnet?«

»Wolodyjowski traf ich ebenfalls in Tschenstochau, wo sie beide zu

rasten gedachten, denn sie hatten dort beide unterwegs Gelübde getan.

Er sagte mir, er zöge mit der Verlobten aus eurer Gegend nach Krakau

zur Fürstin Griseldis Wischniowiezka, ohne deren Zustimmung und Segen

das Fräulein keineswegs getraut sein wollte. Das Mädchen war damals

noch gesund und er fröhlich wie ein Vogel. ›Siehst du,‹ sagte er, ›so

hat mir Gott für meine Arbeit meinen Lohn gegeben.‹ Wolodyjowski rühmte

sich auch, Gott verzeih's ihm, und neckte mich, weil wir, ihr wißt's

ja, um das Fräulein seinerzeit gestritten hatten; wir sollten uns

sogar schlagen... Wo ist sie jetzt, die Arme?«

Und wieder weinte Herr Charlamp laut auf, aber wieder nur kurz, denn

Kmiziz unterbrach ihn wieder:

»Sie war also gesund? Wie kam es denn so plötzlich?«

»Ja plötzlich, ganz plötzlich. Sie wohnte bei der Frau Martin Samojska,

die damals mit ihrem Manne in Tschenstochau war. Wolodyjowski steckte

den ganzen Tag bei ihr, klagte ein wenig über den Aufenthalt und

meinte, sie würden wohl gar erst über ein Jahr nach Krakau gelangen, da

alle Menschen unterwegs sie aufhielten. Kein Wunder auch! Einen solchen

Kriegshelden wie Wolodyjowski bewirtet jeder gern, und wer ihn einmal

hat, der hält ihn fest. Auch mich brachte er zu dem Fräulein und drohte

mir lachend mich niederzuschlagen, wenn ich mich um ihre Liebe bemühte.

Aber sie sah in der Welt nichts außer ihm. Mir ist wohl manchmal

traurig geworden, wenn ich daran dachte, daß der Mensch im Alter wie

der Nagel an der Wand vereinsamt ist. Nun, es kann nicht anders sein!

Plötzlich in der Nacht stürzt Wolodyjowski in fürchterlicher Erregung

zu mir herein:«

»Um Gottes willen, weißt du nicht einen Arzt?«

»Was ist geschehen?«

»Sie ist krank, sie weiß nicht, was vorgeht!«

»Ich frage, wann sie krank geworden. Soeben, sagt er, habe man's

ihm von Frau Samojska gemeldet, mitten in der Nacht. Wo einen Arzt

hernehmen! In der ganzen Stadt war nur das Kloster unversehrt, überall

mehr Trümmerhaufen als Menschen. Endlich fand ich einen Feldscher, und

der wollte nicht einmal mitgehen. Ich mußte ihn zwingen, mit an den Ort

zu kommen. Aber da war der Priester schon notwendiger als der Arzt; wir

trafen einen würdigen Pauliner Mönch, der sie durch sein Gebet wieder

zum Bewußtsein zurückrief, so daß sie das heilige Abendmahl empfangen

und von Herrn Michael herzlichen Abschied nehmen konnte. Am anderen Tag

um Mittag war's schon um sie geschehen. Der Feldscher behauptete, es

müsse ihr jemand etwas angetan haben, was doch nicht möglich ist, denn

in Tschenstochau hat der Zauber keine Macht. Aber was nun mit Herrn

Wolodyjowski vorging, was der angab ... ich will hoffen, daß ihm das

nicht angerechnet werde, denn der Mensch wägt die Worte nicht, wenn ihn

der Schmerz packt ... o, ich sage euch,« hier senkte Herr Charlamp die

Stimme, »... er lästerte.«

»Um Gottes willen, er lästerte!« wiederholte Kmiziz leise.

»Er stürzte von ihrer Leiche fort in den Flur, vom Flur in den Hof

und wälzte sich wie ein Betrunkener. Dort hob er die Fäuste in die

Höhe und schrie mit entsetzlicher Stimme: ›Ist das der Lohn für meine

Wunden, meine Mühen, für mein Blut, für meine Liebe zum Vaterland?! Das

eine Lamm‹, sagte er, ›hatte ich, und das hast du mir genommen, Herr.

Einen streitbaren Mann hinstrecken,‹ sagte er,›der stolz über die Erde

dahinschreitet, das ist‹, sagt er, ›würdig der Hand Gottes: aber die

unschuldige Taube kann auch die Katze und der Habicht und der Geier

erwürgen.‹«

»Bei allen Wunden Christi,« rief Frau Kmiziz, »wiederholt das nicht,

denn Ihr bringt Unglück über unser Haus!«

Charlamp bekreuzigte sich und sprach weiter:

»Der Arme dachte sich's redlich verdient zu haben -- und das war sein

Lohn ... ha! Gott weiß am besten, was er tut, wenn auch der menschliche

Verstand es nicht fassen, die menschliche Gerechtigkeit es nicht

ermessen kann. Und gleich nach dieser Lästerung wurde er starr und sank

auf die Erde, und der Priester sprach und beschwor über ihm, damit

die unreinen Geister nicht in ihn fahren, die seine Lästerung ihn zu

verderben benutzen könnten.«

»Kam er schnell zu sich?«

»Eine Stunde lag er wie leblos da. Dann erwachte er, ging in sein

Quartier und wollte niemand sehen. Während des Begräbnisses sprach ich

ihn an. ›Herr Michael,‹ sage ich, ›habe Gott im Herzen!‹ Er antwortete

nichts. Noch drei Tage saß ich in Tschenstochau, denn es tat mir weh,

ihn allein zu lassen; aber ich pochte vergebens an seine Tür, er wollte

mich nicht einlassen. Ich wußte nicht, was tun, ob noch länger an der

Tür harren oder abreisen ... wie kann man einen Menschen so ohne Trost

zurücklassen. Da ich aber einsah, daß ich nichts erreichen würde, so

beschloß ich, zu Skrzetuski zu reisen. Er ist ja sein bester Freund, er

und Sagloba; vielleicht können sie ihm zu Herzen reden, besonders Herr

Sagloba, denn er ist ein scharfsinniger Mann und weiß die Worte wohl zu

setzen.«

»Waret Ihr bei den Skrzetuskis?«

»Ich war dort, aber auch hier gab Gott kein Glück; denn sie waren beide

mit Herrn Sagloba in die Gegend von Kalisch zu Herrn Stanislaus, dem

Hauptmann, gereist. Niemand wußte, wann sie wiederkommen würden; da

dachte ich mir, mich führt auch so der Weg nach der Smudz, ich will bei

Euch vorsprechen und erzählen, was geschehen ist.«

»Das wußt' ich längst, das Ihr ein würdiger Ritter seid,« sagte Kmiziz.

»Nicht um mich handelt es sich, sondern um Wolodyjowski,« antwortete

Charlamp, »und ich muß Euch gestehen, ich bin sehr besorgt um ihn, daß

er nicht irre wird.«

»Gott möge ihn behüten!« sagte Frau Olenka.

»Wenn er ihn davor schützt, so wird er sicher ins Kloster gehen,

denn das sage ich Euch, solchen Schmerz habe ich mein Lebtag nicht

gesehen.... Schade um den Krieger, schade!«

»Warum schade, wenn Gottes Ruhm dabei wächst?« begann Frau Olenka

wieder.

Charlamp schüttelte den Schnauzbart und rieb die Stirn:

»Seht, werte Frau, ob Gottes Ruhm wächst oder nicht wächst ... zählt

nur nach, wieviel Heiden und Ketzern er in seinem Leben den Garaus

gemacht hat, wodurch er sicherlich unseren Heiland und die Mutter

Gottes mehr erfreut hat, als so mancher Priester mit seiner Predigt ...

hm, es verlohnt wohl, darüber nachzudenken. Diene jeder Gottes Ruhme,

so gut er kann. Seht, unter den Jesuiten findet sich immer eine ganze

Menge, die klüger ist, als er, aber einen zweiten solchen Degen gibt es

in der Republik nicht.«

»Das ist wahr, bei Gott!« antwortete Kmiziz. »Weißt du nicht, ob er in

Tschenstochau geblieben oder abgereist ist?«

»Er war dort bis zum Augenblick meiner Abreise; was er nachher getan

hat, weiß ich nicht. Ich weiß nur, wenn eine Krankheit über ihn kommt,

oder der Irrsinn, der so häufig der Verzweiflung folgt, dann ist er

allein, ganz allein, ohne Hilfe, ohne Verwandte, ohne Freunde, ohne

Trost.«

»Möge dich die heilige Jungfrau an einen Wunderort retten, teurer

Freund, der du mir so viel erwiesen hast, wie kein Bruder erweisen

kann!« rief plötzlich Kmiziz.

Frau Olenka war in tiefes Sinnen versunken, und es dauerte lange, bis

sie endlich ihr blondes Haupt erhob und sagte:

»Andreas, denkst du noch, wieviel wir ihm schuldig sind?«

»Wenn ich's vergesse, so will ich von einem Hund die Augen leihen, denn

mit den meinigen werde ich nicht mehr wagen, einen braven Menschen

anzusehen.«

»Andreas, du darfst ihn nicht so lassen!«

»Warum nicht?«

»Reise zu ihm.«

»O welch ein braves Frauenherz, was für ein braves Weib!« rief

Charlamp, ergriff die Hände der Frau Kmiziz und bedeckte sie mit Küssen.

Aber Kmiziz wollte der Rat nicht gefallen. Er schüttelte den Kopf und

sagte:

»Ich würde um seinetwillen bis ans Ende der Welt reisen ... aber du

weißt doch selbst, wenn du gesund wärst, dann sagte ich nichts, aber du

weißt doch selbst! Verhüte Gott irgend einen Schrecken, einen Zufall,

ich verginge vor Unruhe.... Die Frau geht über den besten Freund; mir

tut es weh um Michael, aber du weißt doch selbst!«

»Ich bleibe unter dem Schutze der Laudaer Väter hier zurück. Jetzt

ist's hier ruhig, und ich erschrecke ja auch nicht bei jeder

Kleinigkeit. Ohne Gottes Wille fällt mir kein Haar vom Haupte, und Herr

Michael braucht dort vielleicht Hilfe.«

»O, ob er sie braucht!« warf Charlamp ein.

»Hörst du, Andreas, ich bin gesund, mir wird nichts Böses geschehen.

Ich weiß ja, du reisest nicht gern ...«

»Ich ginge lieber mit einem Rührlöffel gegen Kanonen,« unterbrach sie

Kmiziz.

»Glaubst du nicht, wenn du hierbleibst, es wird dich quälen, so oft du

daran denkst: ich habe den Freund in der Not im Stich gelassen, und

Gott wird in gerechtem Zorn dir seinen Segen versagen.«

»Du machst mir Angst. Gott, sagst du, wird mir seinen Segen versagen?«

»Das fürchte ich. Ein solcher Freund wie Herr Michael -- ist es nicht

heilige Pflicht, ihn zu retten?« »Ich liebe Michael von ganzem

Herzen -- es geschehe. Wenn es denn sein muß, dann gleich, denn hier

handelt es sich um jede Stunde. Ich gehe sofort in die Ställe. Beim

lebendigen Gott, gibt es denn keinen anderen Rat mehr? Der Teufel hieß

die dort nach Kalisch reisen! Nicht um mich bin ich besorgt, aber um

dich, mein Geliebtes! Ich wollte lieber ein Vermögen verlieren, als

einen Tag ohne dich atmen. Wenn mir jemand sagte, daß ich dich verlasse

nicht um des Vaterlandes willen -- ich stieße ihm den Griff des Schwertes

bis übers Kreuz in den Mund! Pflicht sei es, sagst du, nun denn -- es

sei! Ein Narr, wer sich lange umsieht. Wäre es nicht für Michael, für

einen anderen tät ich es nicht!«

Hier wandte er sich an Charlamp.

»Lieber Freund, komm mit mir in die Ställe, wir wollen die Pferde

aussuchen, und du, Olenka, laß mir das Ränzel schnüren; möge jemand von

den Laudaern sich der Ernte annehmen. Herr Charlamp, zwei Wochen müßt

Ihr schon hier bleiben, um mein Weib zu beschützen; vielleicht findet

sich auch hier in der Gegend eine Pacht -- nehmt Lubitsch, was!? Komm in

den Stall; in einer Stunde geht's ab. Wenn es sein muß, muß es sein!«

Ein gutes Stück noch vor Sonnenuntergang machte sich der Ritter auf

den Weg. Seine Gattin verabschiedete sich von ihm mit Tränen und

segnete ihn mit einem Kreuze, in welchem Splitter vom heiligen Holz in

Gold gefaßt waren. Und da Kmiziz aus alten Zeiten her an plötzlichen

Aufbruch gewöhnt war, so eilte er davon, als gelte es die Verfolgung

beutebeladener Tataren.

Von Wilna ging's nach Grodno, nach Bialystock, und von da zog er nach

Siedlez. Als er durch Lukow kam, erfuhr er, daß die Familie Skrzetuski

mit ihren Kindern und mit Herrn Sagloba gerade einen Tag zuvor

heimgekehrt sei; er beschloß also, bei ihnen einzukehren, denn mit wem

hätte er erfolgreicher über die Rettung Wolodyjowskis beraten können,

als mit ihnen?

Sie empfingen ihn mit Verwunderung und Freude, die sich aber bald

in tiefen Schmerz verwandelte, als er ihnen den Zweck seiner Reise

mitteilte. Sagloba konnte sich den ganzen Tag nicht beruhigen und

weinte am Teich beständig so bitterlich, daß er später selbst sagte,

der Teich habe zugenommen, und man habe die Schleusen öffnen müssen.

Nachdem er sich ausgeweint hatte, ging er mit sich zu Rate und dachte:

Johann kann nicht reisen, denn er ist ins Wahlkapitel gewählt, und

Händel wird es die Menge geben, denn nach so viel Kriegen fehlt es

nicht an unruhigen Geistern. Aus dem, was Herr Kmiziz sagt, darf man

wohl annehmen, daß die Störche den Winter über in Wodockt bleiben

werden, denn man hat sie dort zum Arbeitsinventar gezählt, und sie

müssen ihr Amt erfüllen. Kein Wunder, daß es ihnen bei solcher

Wirtschaft ungelegen kam, auf die Reise zu gehen, besonders da man gar

nicht wissen kann, wie lange sie dauern mag. Es beweist Euer großes

Herz, daß Ihr gereist seid, aber wenn ich aufrichtig raten soll, so

sage ich, kehrt wieder heim, dort bedarf's eines näheren Vertrauten,

der es sich nicht zu Herzen nimmt, wenn man ihn anschreit, wenn man ihn

nicht sehen will. Dort ist Geduld nötig und große Erfahrung. Ihr aber

habt nur Freundschaft für Michael, was in einem solchen Falle nicht

viel nützen kann. Ärgert Euch nicht, Freund, Ihr müßt selbst gestehen,

daß Johann und ich ältere Freunde sind, und daß wir mehr miteinander

erlebt haben. Du lieber Gott, wie oft habe ich ihn und er mich aus der

Not gerettet.

»Und wenn ich auf das Amt eines Deputierten verzichtete?« unterbrach

ihn Skrzetuski.

»Johann, das ist ein Dienst für das Gemeinwohl,« antwortete Sagloba

streng.

»Gott weiß,« sagte Skrzetuski in tiefem Schmerz, »meinen Oheimssohn

Stanislaus liebe ich mit aufrichtiger Zuneigung, aber Michael steht mir

näher als er.«

»Mir ist er lieber als ein Bruder, um so mehr, als ich nie einen Bruder

hatte. Es ist nicht Zeit, um die Stärke unserer Gefühle zu streiten.

Siehst du, Johann, wenn dieses Unglück eben erst Michael betroffen

hätte, so würde ich dir selber gesagt haben: schick' den Henker zum

Wahlkapitel und mach' dich auf den Weg! Aber rechnen wir nur nach,

wieviel Zeit schon vergangen ist, ehe Charlamp von Tschenstochau nach

der Smudz gekommen, und Andreas aus der Smudz zu uns. Jetzt heißt es

nicht nur zu Michael hinreisen, sondern bei ihm bleiben, nicht bloß mit

ihm weinen, sondern ihm gut zureden, ihm nicht bloß den Gekreuzigten

als Muster vorhalten, sondern mit lustigen Possen Herz und Gemüt

erheitern. Wißt Ihr, wer reisen sollte? -- Ich! und ich will auch reisen,

so wahr mir Gott helfe. Finde ich ihn in Tschenstochau, so bringe ich

ihn hierher; finde ich ihn nicht, so gehe ich, wenn es sein muß, bis in

die Moldau und will nicht aufhören, ihn zu suchen, solange ich noch aus

eigener Kraft eine Prise Tabak zur Nase zu führen vermag.«

Als die beiden Ritter das hörten, umarmten sie Sagloba, und auch er

war gerührt, teils über das Unglück Michaels, teils über die eigenen

bevorstehenden Mühsale. Daher begann er zu weinen, und endlich, als sie

sich beide genug umarmt hatten, sagte er:

»Nur dankt mir nicht für Michael, denn ihr steht ihm nicht näher als

ich.«

Darauf sagte Kmiziz:

»Nicht Wolodyjowski halber danken wir dir, aber man müßte ein

eisernes, man müßte gar kein menschliches Herz haben, wenn man durch

solche Opferwilligkeit nicht gerührt würde, die bei der Not des

Freundes Mühsale nicht scheut und das eigene Alter vergißt. Andere

denken in diesem Alter nur an ihr Plätzchen am warmen Ofen, und Ihr

sprecht von einer weiten Reise gerade so, als wäret Ihr in meinen oder

in Skrzetuskis Jahren.«

Sagloba machte zwar kein Geheimnis aus seinen Jahren, aber er hatte im

allgemeinen nicht gern, daß man in seiner Gegenwart vom Alter als von

einer Zeit der Kraftlosigkeit spreche; er blickte darum, obgleich seine

Augen noch rot waren, streng, mit einer gewissen Unzufriedenheit auf

Kmiziz und erwiderte:

»Mein lieber Herr, als ich in mein einundsiebzigstes trat, da war's mir

wehmütig ums Herz, daß die beiden Äxte über meinem Haupte schwebten,

als aber das achtzigste vorüberging, da faßte ich so frohen Mut, daß

ich gar noch ans Heiraten dachte, und ich hätte gern gesehen, wer von

uns am meisten ein Recht gehabt hätte, stolz zu sein.«

»Ich rühme mich nicht, aber ich hätte auch Euch gern gerühmt.«

»Und ich würde Euch sicherlich so blamieren, wie ich einst den

Herrn Hetman Potozki in Gegenwart des Königs blamierte. Er machte

Anspielungen auf mein Alter, und ich forderte ihn heraus, wer wohl

mehr Purzelbäume hintereinander schießen könne. Nun, was geschah? Er

schoß drei, und die Heiducken mußten ihn aufheben, denn er konnte nicht

allein aufstehen, und ich sauste rings um ihn herum: waren's wenig, so

waren's fünfundreißig Purzelbäume, die ich schlug. Fragt Skrzetuski, er

hat's mit eigenen Augen gesehen.«

Skrzetuski wußte, daß Sagloba seit einiger Zeit die Gewohnheit hatte,

sich in allem auf ihn als Augenzeugen zu berufen; er zwinkerte daher

nicht einmal mit dem Auge, sondern begann wieder von Wolodyjowski.

Sagloba versank in Schweigen und sann tief über etwas nach; endlich,

nach dem Abendessen, kam er in bessere Laune und sprach zu den Genossen:

»Ich will euch etwas sagen, was nicht so leicht jeder mit seinem

Verstande trifft. Ich habe zu Gott die Hoffnung, daß Michael leichter

aus diesem Unglück hervorgehen wird, als es uns anfangs schien.«

»Gebe Gott, aber woher kommt Euch das in den Sinn?« sagte Kmiziz.

»Hm, da bedarf's des scharfen Witzes, der ein Erbteil der Natur ist,

und großer Erfahrung, wie ihr sie in euren Jahren nicht haben könnt,

und genauer Kenntnis von Michaels Wesen. Jeder Mensch hat eine andere

Natur. Den einen trifft das Unglück gerade so wie der Stein das Wasser,

um in Gleichnissen zu reden. Das Wasser fließt scheinbar glatt und

ruhig weiter, während auf seinem Grunde der Stein liegt und seinen Lauf

hemmt. Du, Johann, kannst zu diesen gezählt werden, denen es oftmals

schlecht in der Welt geht, denn in ihnen lebt der Schmerz und die

Erinnerung fort. Ein anderer wieder nimmt ein Unglück ähnlich auf, als

ob du ihm mit der Faust eins in den Nacken versetztest. Es betäubte ihn

im Augenblick, dann kommt er zu sich, und wenn die Beule geheilt ist,

ist's auch vergessen. O, eine solche Natur ist die bessere in dieser

unglücksreichen Welt!«

Die Ritter hörten aufmerksam den weisen Worten Saglobas zu, und er sah

es gern, daß sie mit solcher Teilnahme aufhorchten, und sprach weiter:

»Ich habe Michael durch und durch kennen gelernt, und Gott ist mein

Zeuge: ich will ihm nichts Böses nachsagen; aber mir will scheinen, als

täte es ihm mehr um die Heirat als um dieses Mädchen leid. Es will

nichts sagen, daß ihn die Verzweiflung furchtbar gepackt hat, denn es

ist ein furchtbares Unglück, besonders für ihn. In ihm steckt keine

Habgier, kein Ehrgeiz, keine Selbstsucht; er ging von seinem Eigentum

weg, ließ seinen Besitz, mahnte nicht um seinen Sold; aber für alle

Mühsale, für alle seine Verdienste erhoffte er von Gott und von der

Republik nichts als eine Gattin. Er hatte sich's so in seinem Herzen

zurechtgelegt, daß ihm ein solcher Bissen gehören müsse; schon sollte

er ihn zum Munde führen, da -- als hätte es ihm der Wind weggeweht. Was

Wunder, daß ihn die Verzweiflung gepackt hat? Ich sage nicht, daß ihm

das Mädchen nicht leid tue, aber, so wahr ich Gott liebe, ihn schmerzt

mehr, daß er nun wieder unvermählt bleiben muß.«

»Gebe Gott!« wiederholte Skrzetuski.

»Wartet! Mögen nur erst jene Herzenswunden sich schließen und mit

neuer Haut bedecken, und wir wollen sehen, ob ihm die alte Lust nicht

wiederkehrt. Nur darin liegt eine Gefahr, daß er jetzt unter dem Druck

der Verzweiflung etwas tue oder beschließe, was ihn nachher gereuen

könnte; aber was geschehen sollte, ist schon geschehen, denn im Unglück

faßt man schnell Entschlüsse. Mein Bursche nimmt schon die Kleider aus

dem Schrein und ordnet sie: ich sage das also nicht, weil ich etwa

nicht Lust hätte, zu reisen, ich wollte euch nur trösten.«

»Und wieder wirst du, Vater, dem Michael ein Balsam sein,« sagte

Skrzetuski.

»Wie ich es auch dir gewesen bin -- denkst du noch? Wenn ich ihn nur bald

fände, denn ich fürchte, daß er sich irgendwo in der Wüstenei oder in

der fernen Steppe, an die er von Jugend auf gewöhnt ist, versteckt.

Ihr, Herr Kmiziz, habt mich wegen meines Alters verspottet: ich sage

Euch, wenn je ein Sendbote einen Brief so schnell fortgebracht hat,

wie ich jetzt fortkommen werde, so heißt mich, wenn ich wiederkehre,

Charpie zupfen, Erbsen lesen, oder gebt mir die Spindel. Mich

sollen weder Unbequemlichkeiten hindern, noch soll mich fremde

Gastfreundschaft in Versuchung führen, oder Essen und Trinken in

meiner Eile hemmen. Solch einen Flug habt Ihr noch nicht gesehen; ich

halte es auch nicht aus, hier zu sitzen, gerade als wenn jemand unter

der Bank steckte und mich forttriebe. Ich habe auch schon befohlen,

mein Reisehemd mit Ziegentalg einzuschmieren, um die Insekten davon

abzuhalten.«

Herr Sagloba reiste doch nicht so schnell, wie er es sich und den

Freunden versprochen hatte. Je mehr er sich Warschau näherte, desto

langsamer kam er vorwärts. Es war die Zeit, in welcher König Johann

Kasimir, der große Politiker und Heerführer, nachdem er die Feuerbrände

außerhalb gelöscht und die Republik gleichsam aus der Sturmflut

gerettet hatte, auf die Regierung verzichtete. Alles hatte er in Geduld

getragen, alles überstanden, all den Streichen hatte er kühn die Brust

entgegengestellt, welche von dem auswärtigen Feinde kamen; als er aber

dann innere Reformen anstrebte und statt der erwarteten Hilfe von der

Nation nichts als Widerstand und Undank erfuhr, da nahm er freiwillig

von dem geheiligten Haupte die Krone, die ihm eine unerträgliche Last

geworden war.

Die Kreistage und die Generalversammlungen hatten bereits

stattgefunden, und der Fürst-Primas Praschmowski hatte den

Wahlreichstag auf den 5. November angesetzt.

Groß waren die Anstrengungen der verschiedenen Kandidaten, groß

der Wettstreit der mannigfachen Parteien, und obgleich erst die

Königswahl die Entscheidung bringen sollte, begriff doch jeder die

außerordentliche Wichtigkeit des Wahlreichstages. Und so zogen

die Sendboten nach Warschau zu Wagen und zu Pferde mit Gesinde und

Knechten, so zogen die Senatoren mit prächtigem Gefolge. Auf den

Wegen war es eng, die Wirtshäuser besetzt, und die Auffindung eines

Nachtquartiers war mit Mühe und Zeitverlust verbunden. Zwar räumte man

Herrn Sagloba mit Rücksicht auf sein Alter leicht einen Platz ein,

aber sein außerordentlicher Ruf brachte häufig wiederum einen Verlust

an Zeit mit sich. Es kam wohl vor, daß er an einem Gasthof vorfuhr, in

dem die Menschen wie die Heringe zusammengepfercht waren. Da kam die

Herrschaft, die es samt dem Gefolge bewohnte, aus Neugier heraus, um zu

sehen, wer vorgefahren sei, und wenn sie den Greis mit weißem Bart und

Haupthaar erblickten, sagten sie beim Anblick solcher Würde:

»Wir bitten den Herrn, mit uns aufs Zimmer zu kommen und einen Imbiß zu

nehmen.«

Herr Sagloba war kein Grobian und sagte nicht Nein, denn er wußte, daß

die Bekanntschaft mit ihm jedem angenehm sein würde. Wenn also der

Wirt, nachdem er ihn über die Schwelle geführt, sagte: »Wen habe ich

die Ehre ...« -- so stemmte er die Hände in die Seiten und sagte, der

Wirkung seiner Worte sicher, nur: »Sagloba _sum_. Ich bin Sagloba.«

Und es kam kaum vor, daß diesen Worten nicht eine große Freude folgte,

ein Schwenken der Arme: Diesen Tag zähle ich zu den glücklichsten

meines Lebens, und ein lautes Rufen der Genossen oder der Hofleute:

»Schaut her, das ist die Zierde, _gloria et decus_ der gesamten

Ritterschaft der Republik«, und alles lief herbei, um Herrn Sagloba

zu bewundern, und die Jüngeren kamen und küßten die Schöße seines

Reisemantels. Und dann schleppte man von den Wagen die Tönnchen und die

Anker herbei, und dann folgte ein Festgelage, das bisweilen tagelang

dauerte.

Allenthalben glaubte man, er reise als Abgesandter zum Reichstag,

und als er sagte, daß dies nicht der Fall sei, war das Erstaunen ein

allgemeines. Aber er erklärte dann, er habe sein Mandat an Herrn

Domaschewski abgetreten, damit auch die Jüngeren an den öffentlichen

Angelegenheiten teilnähmen. Manchen sagte er auch die wahre Ursache

seiner Reise, andere wiederum fertigte er, wenn sie ihn fragten, mit

den Worten ab:

»Seht, von Kindheit auf bin ich den Krieg gewohnt, und so wollte ich

auf meine alten Tage mit dem Doroschenko einen Gang machen.«

Nach solchen Worten bewunderte man ihn noch mehr. Er wurde auch für

niemand minder teuer darum, weil er nicht als Abgesandter reiste, denn

man wußte, daß unter den Neutralen sich Männer befanden, die mehr

vermochten als die Landboten selber. Überdies gedachte jeder Senator,

auch der hervorragendste, dessen, daß in wenigen Monaten die Wahl

stattfinde, und daß dann jedes Wort eines Mannes, der einen solchen Ruf

in der Ritterschaft habe, ein unschätzbares Gewicht haben würde.

Und man umarmte Herrn Sagloba und zog den Hut vor ihm, hoch und

niedrig. Herr Podlaski bewirtete ihn drei Tage, die Herren Paz, die er

in Kaluschin traf, trugen ihn auf den Händen.

Mancher ließ ihm auch im geheimen bedeutende Geschenke in seinen

Korbwagen hineinlegen, Schnaps, Wein, ja auch kostbar beschlagene

Kästchen, Säbel und Pistolen. Auch die Dienerschaft Saglobas hatte es

dadurch gut, aber er selbst reiste gegen den eigenen Entschluß und

gegen sein Versprechen so langsam, daß er erst in der dritten Woche in

Minsk eintraf.

Dafür aber hielt er in Minsk nicht Rast. Als er auf den Markt kam, sah

er ein so großes und schönes Schloß, wie er es nirgends unterwegs

getroffen hatte. Die Hofleute in prächtigen Gewändern, ein halbes

Regiment zwar nur zu Fuß, denn zum Wahlreichstag durfte man nicht

bewaffnet kommen, aber so schmuck, daß auch der König von Schweden

keine schmuckere Garde haben konnte. Eine Menge vergoldeter Wagen mit

Matten und Decken, um die Gasthäuser unterwegs zu belegen, Wagen mit

Speiseschränken und Mundvorräten, zudem eine fast ganz ausländische

Dienerschaft, so daß kaum einer im ganzen Haufen eine verständliche

Sprache sprach.

Endlich bemerkte Sagloba unter der Dienerschaft einen polnisch

Gekleideten. Er ließ also Halt machen und steckte schon, einer guten

Rast sicher, einen Fuß aus seinem Korbwagen und sagte:

»Wem gehört das schöne Herrenhaus, wie es auch der König nicht schöner

haben kann?«

»Wem kann es gehören,« antwortete der Diener, »wenn nicht unserem

Herrn, dem Fürst-Stallmeister von Litauen.«

»Wem?« wiederholte Sagloba.

»Seid Ihr taub? Dem Fürsten Boguslaw Radziwill, der zum Reichstag fährt

und, so Gott will, nach der Wahl gewählt sein wird.«

Sagloba zog schnell den Fuß in den Wagen zurück.

»Weiter!« schrie er dem Kutscher zu, »hier haben wir nichts zu suchen.«

Und er reiste weiter, am ganzen Körper vor Entrüstung bebend.

»Großer Gott!« sprach er, »unerforschlich sind deine Wege, und wenn du

diesem Verräter nicht mit einem Blick den Nacken spaltest, so hast du

gewiß verborgene Absichten damit, die der Verstand nicht fassen kann,

obgleich, die Dinge menschlich betrachtet, einem solchen aufgeblähten

Fant eine gehörige Strafe ziemt. Aber es steht schlecht in dieser

herrlichen Republik, wenn solche Schächer ohne Ehre und Gewissen

nicht bloß ungestraft umherlaufen, sondern auch in Sicherheit und

voller Macht umherreisen -- bah, sogar hohe Ämter bekleiden. O gewiß,

wir gehen zugrunde, denn in welchem Lande, in welchem anderen Staate

könnten solche Dinge geschehen! Er war ein guter König, der Johann

Kasimir, aber er verzieh zu viel und gewöhnte die Bösen daran, auf

Straflosigkeit und Sicherheit zu pochen; aber es ist nicht allein seine

Schuld; auch in der Nation ist das bürgerliche Gewissen und das Gefühl

für Tugend ganz und gar verschwunden. Pfui, pfui! -- er ein Reichsbote!

In seine nichtswürdigen Hände legen die Bürger die Unversehrtheit

und die Sicherheit des Vaterlandes, in dieselben Hände, mit welchen

er es zerrissen und in schwedische Ketten geschmiedet hat! Wir gehen

zugrunde, es kann nicht anders sein. Sie werden ihn gar noch zum

König machen ... nun ja, bei einem solchen Volke ist alles möglich.

Er -- Abgesandter! Bei Gott, sagt nicht das Gesetz ausdrücklich, daß

derjenige nicht Reichsbote sein kann, der in einem fremden Lande ein

Amt innehat, und er ist doch bei seinem Onkel, dem Kurfürsten von

Preußen, Generalstatthalter! Aha, wartet nur -- ich habe dich! Wozu sind

die Wahlprüfungen da? Wenn ich nicht in den Saal hineintreten und nur

als Zuhörer auf die Galerie darf, obgleich ich diesen Gegenstand nicht

bespreche, so will ich mich gleich in einen Hammel verwandeln, und mein

Kutscher soll der Schlächter sein! Es werden sich schon welche finden

unter den Reichsboten, die mich unterstützen werden. Ich weiß nicht,

Verräter, ob ich mit dir, dem Mächtigen, fertig werde, und ob ich dich

aus dem Reichstag werde entfernen können; -- aber daß dir das zur Wahl

nicht nützlich sein wird, das ist gewiß, und Michael, der Arme, muß auf

mich warten, denn das wird eine Tat zum Besten des öffentlichen Wohles

sein.«

So überlegte Sagloba und gab sich das Versprechen, diese Wahlprüfung

ernst in die Hand zu nehmen und unter den Boten im geheimen dafür

zu werben. Aus diesem Grunde fuhr er schon eiliger von Minsk nach

Warschau, da er fürchtete, zur Eröffnung des Wahltags zu spät zu

kommen. Er kam aber noch ziemlich früh. Die Zahl der Reichsboten

und der Fremden war so groß, daß man weder in Warschau, noch in der

Vorstadt Praga, noch in der Nähe der Stadt ein Gasthaus finden konnte;

man konnte sich auch schwer bei jemand unterbringen, denn fast alle

Zimmer waren bereits besetzt. Die erste Nacht verbrachte Sagloba im

Laden bei Fuker, und das ging noch ziemlich glatt ab; aber am anderen

Morgen, nachdem er sich in seinem Korbwagen ganz ernüchtert hatte,

wußte er selbst nicht, was er beginnen sollte.

»Gott, o Gott,« sagte er und verfiel in schlechte Laune, indem er sich

in der Krakauer Vorstadt, durch die er gerade fuhr, umsah, »hier sind

die Ruinen des Kasanowskischen Palastes. Undankbare Stadt, mit dem

eigenen Blut und mit Mühsal mußte ich sie dem Feinde entreißen, und nun

geizt sie mir ein Winkelchen für mein graues Haupt.«

Die Stadt aber geizte durchaus nicht um den Winkel für sein graues

Haupt, sie besaß ihn einfach nicht. Indessen leuchtete Sagloba ein

glücklicher Stern, denn kaum war er in die Nähe des Palastes der

Koniezpolskis gekommen, als eine Stimme von seitwärts den Kutscher

anrief: »Halt!«

Der Knecht hielt die Pferde an; da trat ein unbekannter Edelmann mit

strahlendem Gesicht an den Wagen heran und rief:

»Herr Sagloba, erkennt Ihr mich nicht?«

Sagloba sah einen Mann von etwa dreißig Jahren vor sich, mit einer

Husarenmütze aus Luchsfell, die mit Federn geschmückt war, ein

unzweifelhaftes Abzeichen des Heeresdienstes, auf dem Kopfe, und in

einen mohnfarbenen Überrock und ein dunkelrotes Wams mit goldenem

Gürtel gekleidet. Das Gesicht des Unbekannten war von ungewöhnlicher

Schönheit, seine Gesichtsfarbe blaß, hier und da vom Sturm gebräunt;

er hatte blaue, schmachtende, nachdenkliche Augen und außerordentlich

regelmäßige, für einen Mann fast zu schöne Gesichtszüge. Trotz der

polnischen Kleidung trug er langes Haar und einen nach ausländischer

Art gestutzten Bart. Er trat an den Wagen heran, öffnete weit die Arme,

und obwohl Sagloba sich nicht gleich seiner erinnern konnte, neigte er

sich doch vor und umhalste ihn.

Sie umarmten sich herzlich, von Zeit zu Zeit hielt der eine den anderen

ein wenig zurück, um ihn genauer zu betrachten; endlich sagte Sagloba:

»Verzeiht, aber ich kann mich nicht erinnern ...«

»Haßling-Ketling.«

»Ums Himmels willen! Das Gesicht war mir bekannt, aber die Kleidung hat

Euch ganz verändert; früher sah ich Euch immer im Reiterkollett. So

kleidet Ihr Euch schon polnisch?«

»Weil ich diese Republik, die mich Heimatlosen, als ich noch ein Knabe

war, an ihre Brust genommen und reichlich versorgt hat, zu meiner

Mutter gemacht habe und eine andere Mutter nicht mehr will. Wißt Ihr,

daß ich nach dem Kriege das Heimatsrecht erhalten habe?«

»Ei, da bringt Ihr mir eine liebe Neuigkeit. So ist es Euch gut

gegangen?«

»Ja, hierin sowohl wie auch in anderer Hinsicht, denn in Kurland, an

der äußersten Grenze der Smudz, fand ich einen Mann, einen Namensvetter

von mir, der mich adoptiert hat, der mich in sein Wappen aufnahm und

mich mit Vermögen beschenkt hat. Er wohnt in Swienta in Kurland; aber

auch hier hat er ein Besitztum, Schkudi, das er mir überlassen hat.«

»Segne es dir Gott! So hast du also das Kriegshandwerk aufgegeben?«

»Wenn etwas vorkommt, so stelle ich mich unbedingt wieder. Darum

habe ich auch das Gütchen in Pacht gegeben und warte hier auf eine

Gelegenheit.«

»Das nenne ich Rittertum! Ganz wie ich, als ich jung war, obgleich

ich auch jetzt noch Mark in den Beinen habe. Was machst du hier in

Warschau?«

»Ich bin Reichsbote.«

»Bei den Wunden des Heilands, so bist du mit Leib und Seele Pole!«

Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman · 第 6 / 43 题