SCHWANGERES MÄDCHEN AUF DEM GEFÄNGNISHOF

Du schreitest wunderbar im Glast der mittaglichen Stunde,

Um deine Brüste rauscht der reife Wind,

Ein Lichtbach über deinen Nacken rinnt!

Oh, Hyazinthen blühen süß auf deinem Munde!

Du bist ein Wunderkelch der gnadenreichen

Empfängnis liebestrunkner Nacht,

Du bist von Lerchenliedern überdacht,

Und deine Last ist köstlich ohnegleichen.

Wer wird die Hand dir halten am verheißnen Tag,

Da Mutterwehen wimmern zitternde Spiralen?

Ich seh dein Auge, das vom rohen Wort erschrak,

Ich seh hinwelken deine Hüften in den fahlen

Jahren der Gefangenschaft. Ich seh die Wärterin, die ohne Scham

Das heimatlose Kind von deinen vollen Brüsten nahm.

DÄMMERUNG

(Romain Rolland dankbar)

Am frühen Abend lischt das Leuchten deiner Zelle,

Von grauen Wänden gleiten schlanke Schatten,

Wer trotzig schrie, wird träumerisch ermatten,

Die braune Stille schwingt wie eine milde Welle.

Und oft erfüllt den engen Raum opalne Helle,

Gestalten deines Herzens locken dich zu heitrem Reigen,

Da wird ein Tanz im schweren Mantel Schweigen,

Da wird ein bunter Klang im dämmernden Gefälle.

Dein Atem ist ein Ruf, ein einziger Ruf!

Die Wächter schlürfen durch die Gänge, scheele Gäste.

Du bist so reich und lüdst sie ein zum Feste,

Das dir Genosse Abend schuf.

Doch grämlich drücken sie ans Guckloch trockne Schläfe ...

Es ist kein Ruf, der ihre Herzen träfe.

Gedichte der Gefangenen: Ein Sonettenkreis (Nr. 44) · 第 12 / 20 题