Brücken, Stahlschienen, Wagen tragen den Leib des glücklich dem
wolhynischen Gemetzel Entronnenen. Bäche, Ströme, Hügel beugen ihre
breiten Rücken, Wälder setzen ihren schwarzen Fuß zögernd in die endlose
Steppe und nehmen endlich Abschied von Dada. Russische Dome heben ihre
Türme mit Zimbeln der goldenen Kuppeln und zärtlichen Kreuzen.
Rosa-Lämmer mit Glöckchen um den Hals springen auf zum Silbermond in
grüner Abendaue, und ein Lächeln betaut Dadas Angesicht. Eines der
Rosalämmer hüpft auf die gewölbte Mondsichel, und Dada faßt hinauf in
dem zärtlichen Bedürfnis, als der gute Hirte das Tier auf den Arm und an
seine Brust zu nehmen. Da schwillt die zarte Rosagestalt ungeheuer an
zum blutroten Mastodon, dessen Wanst langsam über den kleinen Mond sinkt
und ihn mit blauen Riesenschatten verhüllt.
Die himmlischen Eisdiamanten des Kaukasus erscheinen am Himmelsgewölbe,
königlich über den Reichen des Lebens. Keine Absolution durch
Handauflegen, keine Gnade durch Messe und Rosenkranz -- erdwurzelnder
Glaube, strenge Ordnung, Riesenkreis säulenstarker Offenbarung. Die
feierlichen Stimmen der Berge dulden keine versteckten Winkel voller
Trägheit und keine Schlammfelder voll anarchischer Mordtaten.
Die Berge wandeln erhaben, senken sich, ruhen, steigen an und neigen
schwarze Riesentafeln über Dada. Eisige Windströme stoßen von
nächtlichen Hängen, reißen und kälten ins Mark. Düster geduckt harrt
Dada zwischen Bauern gekauert, auf den Ausbruch des roten Wahnsinns,
wenn vom Riegel des Orients die Trompete schallt und die Nie-Entsühnten
zum Weltgerichte ladet.
* * * * *
Durch die Städte des Hafis gelangt Dada zum Indischen Ozean. Mit
englischen Khakis, die zur Front nach Görz eingeschifft werden, geht
Dada an Bord eines mit Rauten und Rechtecken übermalten Kreuzers. Anders
als er in Pola über die Adria emporflog zur Eroberung des Poles,
belastet, verdumpft, zugeschüttet, kehrt er endlich heim von seiner
Europareise zu Italia: zu ihr, die ihn als ihren Marschall aussandte,
kehrt er müde und ohne sein schimmerndes Schild heroischer Taten zurück
und keine Hymne Emanueles rauscht heimatskündend dem vielbewanderten
Dada.
Krank, zerrüttet verbringt der Flüchtling die Reise im Bette. Im
Fiebertraum steigt der Kaukasus immer drohender, in schrecklicher
Schönheit empor. Dada klimmt an düstren Hängen auf und hämmert hilflos
einsam riesige kubische Glastafeln an die Felswände. Aber sie lockern
sich schnell und stürzen in die Tiefe, aus der furchtbare Windströme die
Kräfte seiner Arme saugen. Qualgeblendet steigt Dada zu den
prometheischen Firnen auf, um ihnen seine antiseptischen Glastafeln
aufzuhämmern, aber die mächtigen Berge spotten seiner kindischen
Anstrengungen.
Als das Fieber von Dada weicht, bemächtigt sich des Dichters ein
dämonischer Glaswahn: mit riesigen Glastafeln will er Berge, Küsten und
Hochflächen bedecken und sie schützen vor der Fäulnis und Verderbnis des
kriegführenden Europas durch eine Erdarchitektur des Glases.
* * * * *
In Brindisi betritt Dada das gelobte Land unter den Huldigungen der
weiblichen Bevölkerung, die einen Helden vermutet. Die gewaltige
Gestalt, gehüllt in einen schweren Mantel von Kardinalsrot, zieht aller
Blicke an. Während Dada die Terrassen vom Meere heraufschreitet, wird er
mit Blumen überschüttet, Körbe mit Früchten Siziliens werden ihm
nachgetragen.
Dada wölbt die athletische Brust und spricht zu den italienischen
Frauen: »Der Held träumte unter den Blumen des Orients vom armen Karst
im Norden, den die lateinische Flagge seit Jahrhunderten nicht mehr
küßte. Der Held fährt zu der schaurigen Hölle zu Füßen der Alpen, die
eure lebendigen Söhne frißt.«
Dadas Ruhm beginnt. In Neapel und Rom wird er interviewt und gefilmt,
Barzini schildert seine antarktische Reise. Jenes dunkle Attentat auf
die ukrainische Eisenbahnlinie, das vielen Tschakos den Garaus gemacht,
und das der Dichter der Urlaute in einem molligen Interview zum besten
gegeben hat, wird in der ganzen Kriegspresse abgedruckt zur Förderung
einer gesunden Akzentuierung der Heeresberichte. Seine Hymnen werden als
patriotische Kundgebung für den Sieg Italiens über den Nordpol
verherrlicht, und die um Bissolati träumen von seinem Denkmal auf dem
Karst. Nur der Avanti erklärt sich gegen eine öffentliche Geldsammlung
für die Statue Dadas.
Der Gefeierte im roten Kardinalsmantel aber träumt von höheren Ehren und
von einem andern Ruhm, der ihm nicht von seinem Nebenbuhler d'Annunzio
und der Rache der Anarchisten streitig gemacht werden kann.