Abaelard an Heloise.
(Abaelards Glaubensbekenntnis.)
Liebe Schwester Heloise, einst mir teuer in der Welt, nun erst ganz teuer
in Christus: um der Logik willen bin ich der Welt verhaßt. Die blinden
Blindenleiter, deren Weisheit Verderben ist, behaupten nämlich, in der
Logik sei ich zwar wohlbewandert, aber im Paulus -- da hinke ich stark. Und
während sie meinen Scharfsinn preisen, verdächtigen sie die Reinheit meines
christlichen Glaubens. Denn, wie mir scheint, folgen sie nur ihrem
Vorurteil, statt durch die Erfahrung sich leiten zu lassen.
Ich will nicht in der Weise Philosoph sein, daß ich den Paulus
zurückstieße, nicht so Aristoteles, daß ich von Christus getrennt würde.
Denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel, in dem ich selig werden
könnte. Ich bete an Christum, der zur Rechten des Vaters regieret. Ich
umfasse ihn mit den Armen des Glaubens, der im jungfräulichen Fleisch, das
er vom heiligen Geist empfangen, Herrliches wirkt in der Kraft Gottes. Und
daß die unruhige Sorge und jeglicher Zweifel aus deinem Herzen weiche, so
halte das fest, daß ich mein Gewissen auf jenen Felsen gegründet habe, auf
dem Christus seine Kirche erbaut hat. Und des Felsens Aufschrift will ich
dir in kurzen Worten mitteilen.
Ich glaube an den Vater, Sohn und Heiligen Geist, an den von Natur Einen
und wahren Gott, der in seinen Personen die Dreieinigkeit also darstellt,
daß er in seiner Wesenheit stets die Einheit bewahrt. Ich glaube, daß der
Sohn in allem dem Vater gleich ist, an Ewigkeit, Macht, Willen und Werk.
Ich folge nicht dem Arius, der verblendeten Sinns, ja, von teuflischem
Geiste verführt, Stufen in der Dreieinigkeit annimmt, indem er lehrt, daß
der Vater größer, der Sohn kleiner sei und das Gebot vergißt: »Du sollst
nicht auf Stufen zu meinem Altar heraufsteigen«. Denn auf Stufen steigt zum
Altar Gottes empor, wer ein Früher und Später in der Dreieinigkeit setzt.
Auch den Heiligen Geist bekenne ich als wesensgleich und eins mit dem Vater
und dem Sohne, wie denn meine Schriften vielfach erklären, daß ihm der Name
der Liebe zukomme. Ich verdamme den Sabellius, der behauptet, daß Vater und
Sohn ein und dieselbe Person seien und daß der Vater gelitten habe, woher
seine Anhänger Patripassianer heißen.
Ich glaube auch, daß der Gottessohn zum Menschensohn geworden, daß er,
obwohl Eine Person, aus und in zwei Naturen besteht. Der, nachdem er seine
Aufgabe in der angenommenen Menschennatur erfüllt hatte, gelitten hat,
gestorben und auferstanden ist, aufgefahren gen Himmel, von dannen er
wieder kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.
Ich behaupte auch, daß in der Taufe alle Sünden vergeben werden; daß wir
der Gnade bedürfen, um das Gute anzufangen und zu vollenden, und daß die
Gefallenen durch Buße wiederhergestellt werden. Über die Auferstehung des
Fleisches aber -- was brauche ich darüber zu sagen, da ich mich des
Christennamens vergeblich rühmen würde, wenn ich nicht glaubte, daß ich
auferstehen werde?
Dies also ist der Glaube, auf welchem ich ruhe, aus dem ich meine feste
Hoffnung schöpfe. Auf ihn ist mein Heil gegründet, und so fürchte ich nicht
das Geheul der Scylla, ich spotte der strudelnden Charybdis, und der
totbringende Sang der Sirenen schreckt mich nicht. Mag der Sturm
hereinbrechen, ich wanke nicht; mögen die Winde blasen, ich stehe fest.
Denn auf einen starken Felsen bin ich gegründet.