Heloise an Abaelard.
(Mit 42 biblisch-theologischen Fragen.)
Deiner Weisheit ist es besser bekannt als meiner Einfalt, wie der selige
Hieronymus der frommen Marcella das Studium der Heiligen Schrift und der
damit zusammenhängenden Fragen, für welches sie glühend begeistert war, gar
sehr empfohlen und sie nachdrücklich darin bestärkt hat, und wie er ihr
weithintönendes Lob dafür gespendet hat. In seinem Kommentar zum Brief des
Paulus an die Galater thut er ihrer im ersten Buch in folgender Weise
Erwähnung: »Ich kenne ihren Eifer, ich kenne ihren Glauben und das glühende
Verlangen, das sie in der Brust trägt: ihr Geschlecht zu überwinden, die
Menschen zu vergessen, den Paukenschall des göttlichen Wortes ertönen zu
lassen und das Rote Meer dieser Welt zu durchschreiten. In der That, so oft
ich in Rom war, hat sie mich nie auch nur einen Augenblick gesehen, ohne
mir irgend eine Frage über die heiligen Schriften vorzulegen. Dabei war sie
nicht nach Pythagoräer Weise mit jeder beliebigen Antwort zufrieden; auch
beugte sie sich nicht unter die bloße Autorität, wenn triftige Gründe
fehlten; vielmehr prüfte sie alles und mit scharfem Verstand wog sie alles
ab, so daß ich oft das Gefühl hatte, ich habe nicht eine Schülerin, sondern
eine Richterin vor mir«.
Hieronymus sah sie infolge dieses Eifers bald solche Fortschritte machen,
daß er sie den anderen Frauen, die sich um das gleiche Studium bemühten,
zur Lehrerin setzte. Daher schreibt er an die Jungfrau Principia unter
anderem folgendes: »Du hast dort zur Leitung im Studium der Schrift und in
der Heiligung des Leibes und der Seele Marcella und Asella; die eine mag
dich durch die grünenden Wiesen und durch den bunten Blumenflor der
heiligen Schriften zu dem führen, der im Lied der Lieder sagt: 'Ich bin
eine Blume zu Saron, und eine Rose im Thal'; die andere, selbst eine Blume
des Herrn, ist würdig, zugleich mit dir das Wort zu vernehmen: 'Wie eine
Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern'«.
Wozu aber sage ich dies, du von vielen Geliebter, uns aber Geliebtester?
Ich will dir ja nichts erzählen, ich will dich mahnen: meine Worte sollen
dich an deine Schuld erinnern und dich nicht länger säumen lassen mit der
Einlösung. Die Mägde Christi, deine geistlichen Töchter, hast du in eigenem
Oratorium vereinigt und sie mit dem Dienste Gottes betraut; stets pflegtest
du uns das Studium des göttlichen Wortes und das Lesen heiliger Schriften
besonders ans Herz zu legen. Ja, so nachdrücklich hast du uns die Kenntnis
der Heiligen Schrift empfohlen, daß du sie einen Seelenspiegel nanntest, in
dem man seiner Schönheit oder Häßlichkeit gewahr werde, und du verlangtest,
daß keine Braut Christi dieser Spiegel fehlen dürfe, wenn sie dem Herrn
gefallen wolle, dem sie sich angelobt. Du sagtest noch weiter zu unserer
Aufmunterung, das Lesen der Heiligen Schrift, wenn man sie nicht verstehe,
nütze so viel, wie dem Blinden ein Spiegel.
Durch diese Mahnungen sind wir, ich sowohl wie die Schwestern, zu mächtigem
Eifer angeregt worden, indem wir auch in diesem Stück nach Kräften dir zu
gehorchen bestrebt sind. Allein während wir uns alle Mühe geben und von
derjenigen Liebe zu den Wissenschaften ergriffen sind, über die der
obengenannte Lehrer einmal sagt: »Liebe die Wissenschaften, und du wirst
die Laster des Fleisches nicht lieben«, -- wird unser Eifer durch die
vielen Fragen, die uns verwirren, lahmgelegt. Und was wir in den heiligen
Schriften weniger verstehen, das müssen wir notwendig auch weniger lieben,
da wir fühlen, daß es eine fruchtlose Arbeit ist, die wir thun.
Darum stellen die Schülerinnen ihrem Lehrer, die Töchter ihrem Vater einige
Fragen, und bitten demütigst, du möchtest es nicht unter deiner Würde
achten, dieselben für sie zu lösen. Denn auf dein mahnendes Wort, ja auf
deinen Befehl hin haben wir dies Studium in Angriff genommen. Wir haben bei
der Aufstellung der Fragen nicht die Reihenfolge der heiligen Schriften
eingehalten, sondern wie sie uns täglich aufgestoßen sind, so haben wir sie
aufgezeichnet und übersenden sie nun dir zur Lösung.