So oft eine Beratung nötig ist, soll sie ohne Verzug abgehalten werden. Bei

dringenden Angelegenheiten soll der Konvent zusammenberufen werden; bei

weniger wichtigen Dingen genügt es, wenn die Äbtissin einige ältere

Schwestern zu sich beruft. Vom Rat steht auch geschrieben: »Wo nicht Rat

ist, da gehet das Volk unter; wo aber viel Ratgeber sind, da gehet es wohl

zu. Der Weg des Narren ist recht in seinen Augen; aber ein vernünftiger

Mann verachtet nicht guten Rat. Mein Sohn, thue nichts ohne Rat, so

gereut's dich nicht nach der That«. Wenn auch dann und wann eine

Angelegenheit ohne Beratung glücklich erledigt wird, so entbindet die

Wohlthat des Geschickes den Menschen doch nicht von seiner Aufgabe. Und

wenn umgekehrt auch nach gepflogener Beratung falsche Maßregeln ergriffen

werden, so soll man den, der den Rat eingeholt hat, nicht der

Fahrlässigkeit beschuldigen. Denn ihn, der in gutem Glauben gehandelt hat,

trifft weniger Schuld als diejenigen, auf die er sich irrtümlicherweise

verlassen hat.

Haben die Schwestern den Kapitelsaal verlassen, so sollen sie die

vorgeschriebenen Arbeiten vornehmen und sich mit Lesen oder Singen oder mit

Handarbeit beschäftigen bis zur Terz. Nach der Terz soll die Messe gelesen

werden, wozu ein Mönchspriester den Wochendienst hat. Dieser soll, wenn

Leute genug vorhanden sind, einen Diakon und Subdiakon mitbringen, welche

ihm administrieren und ihres Amtes walten. Sie sollen in der Weise kommen

und gehen, daß sie mit den Schwestern nicht zusammentreffen. Sind mehrere

nötig, so ist auch dafür zu sorgen, und zwar soll man dabei darauf sehen,

daß die Mönche niemals wegen der Messen im Nonnenkloster ihrem eigenen

Konvent beim Gottesdienst entzogen werden.

Wenn die Schwestern kommunizieren wollen, so soll dazu ein älterer Priester

ausgewählt werden, der ihnen nach der Messe das Abendmahl giebt; vorher

aber sollen sich der Diakon und Subdiakon entfernen, um jeden Anlaß einer

Anfechtung zu entfernen. Mindestens dreimal im Jahr sollen alle Nonnen

kommunizieren, an Ostern, an Pfingsten und an Weihnachten, wie dies von den

Vätern auch für die Laien angeordnet ist. Zu diesen Kommunionen sollen sie

sich so vorbereiten, daß alle sich drei Tage vorher der Beichte und

entsprechenden Buße unterziehen, und in aller Demut und Furcht drei Tage

mit Fasten bei Wasser und Brot und unter anhaltendem Gebet verbringen,

immer wieder den furchtbaren Spruch des Apostels sich ins Gedächtnis

zurückrufend: »Welcher nun unwürdig von diesem Brot isset und von dem Kelch

des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn. Der

Mensch prüfe aber sich selbst, und also esse er von diesem Brot und trinke

von diesem Kelch. Denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und

trinket ihm selber das Gericht damit, daß er nicht unterscheidet den Leib

des Herrn. Darum sind auch so viele Schwache und Kranke unter euch, und ein

gut Teil schlafen. Denn so wir uns selber richteten, so würden wir nicht

gerichtet«.

Auch nach der Messe sollen die Schwestern wieder zur Arbeit zurückkehren

bis zur Sext; überhaupt sollen sie nie müßig sein, sondern jede soll

arbeiten, was sie kann und muß. Nach der Sext soll man zum Essen gehen,

falls nicht ein Fasttag ist. In diesem Fall soll man mit dem Essen warten

bis zur None, in der großen Fastenzeit bis zur Vesper.

Zu keiner Zeit soll im Konvent das Vorlesen unterbleiben. Will die Äbtissin

aufhören, so sage sie: es ist genug. Und alsbald sollen sich alle zum

Dankgebet erheben. Im Sommer soll man nach dem Essen bis zur None im

Dormitorium ruhen, nach der None wieder an die Arbeit gehen bis zur Vesper.

Unmittelbar nach der Vesper wird das Abendessen eingenommen oder das

Fastenmahl, je nach den Zeitumständen. Samstags findet vor dem Abendimbiß

eine Reinigung statt, bestehend im Waschen der Füße und Hände. Bei dieser

Verrichtung soll die Äbtissin thätig sein im Verein mit den Schwestern,

welche den Wochendienst in der Küche haben. Nach dem Abendessen geht man

alsbald zur Komplett; hierauf begiebt man sich zur Ruhe.

In Nahrung und Kleidung halte man sich an das Wort des Apostels: »Wenn wir

aber Nahrung und Kleider haben, so lasset uns begnügen«. Man begnüge sich

mit dem Notwendigen und suche nicht den Überfluß. Was billig beschafft

werden kann und sich leicht trägt, ohne Anstoß zu erregen, das wird sich

empfehlen. Nur die Verletzung des eigenen oder eines fremden Gewissens mit

den Speisen verbietet der Apostel, da er wohl weiß, daß nicht das Essen an

sich Sünde ist, sondern die Begierde. »Welcher isset, sagt er, der verachte

den nicht, der da nicht isset; und welcher nicht isset, der richte den

nicht, der da isset. Wer bist du, daß du einen fremden Knecht richtest?

Welcher isset, der isset dem Herrn, denn er danket Gott; welcher nicht

isset, der isset dem Herrn nicht, und danket Gott. Darum lasset uns nicht

mehr einer den andern richten, sondern das richtet vielmehr, daß niemand

seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis darstelle. Ich weiß und bin's

gewiß in dem Herrn Jesu, daß nichts gemein ist an ihm selbst; ohne der es

rechnet für gemein, demselbigen ist es gemein. Das Reich Gottes ist nicht

Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im heiligen

Geiste. Es ist zwar alles rein, aber es ist nicht gut dem, der es isset mit

einem Anstoß seines Gewissens. Es ist viel besser, du essest kein Fleisch

und trinkest keinen Wein oder das, daran sich dein Bruder stößet oder

ärgert oder schwach wird«. Nach dem Ärgernis, das der Bruder nimmt, redet

der Apostel von dem Anstoß, den sich derjenige selber bereitet, der gegen

sein Gewissen ißt: »Selig ist, der ihm selbst kein Gewissen machet in dem,

das er annimmt. Wer aber darüber zweifelt und isset doch, der ist verdammt;

denn es gehet nicht aus dem Glauben: was aber nicht aus dem Glauben gehet,

das ist Sünde«.

Zur Sünde wird uns alles, was wir gegen unser Gewissen und gegen das, was

wir glauben, thun. Und durch das, was wir billigen, d. h. durch das Gesetz,

welches wir annehmen, richten und verurteilen wir uns selbst: wenn wir z.

B. solche Speisen essen, bei denen wir zweifeln, d. h. die wir durch das

Gesetz verbieten und als unrein ausschließen. Denn das Zeugnis unseres

Gewissens ist so geartet, daß es uns bei Gott anklagt oder entschuldigt.

Daher sagt auch Johannes in seinem ersten Brief: »Ihr Lieben, so uns unser

Herz nicht verdammt, so haben wir eine Freudigkeit zu Gott. Und was wir

bitten, werden wir von ihm nehmen; denn wir halten seine Gebote und thun,

was vor ihm gefällig ist«. Darum sagt auch Paulus an der obigen Stelle ganz

richtig, nichts sei gemein in Christus, nur für den sei es so, der es

rechne für gemein, d. h. der glaube, daß etwas für ihn unrein und verboten

sei.

Gemein nennen wir diejenigen Speisen, welche nach dem Gesetz unrein heißen,

die das Gesetz seinen Gläubigen verbietet und denen freigiebt, die außer

dem Gesetze leben. Daher sind auch die öffentlichen Frauen unrein, und

alles Gemeinsame und Öffentliche ist gering und weniger kostbar. Der

Apostel versichert mit Berufung auf Christus, keine Speise sei gemein, d.

h. unrein, weil das Gesetz Christi keine verbietet, es sei denn, wie

gesagt, um den Anstoß des eigenen oder des fremden Gewissens zu vermeiden.

In dieser Beziehung sagt er an anderer Stelle: »Darum, so die Speise meinen

Bruder ärgert, wollte ich nimmermehr Fleisch essen, auf daß ich meinen

Bruder nicht ärgerte. Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel?« Das

heißt soviel als: habe ich nicht die Freiheit, die der Herr seinen Aposteln

verliehen hat, alles Beliebige zu essen oder Unterstützung von anderen

anzunehmen? Denn als der Herr seine Jünger aussandte, sagte er: »Esset und

trinket, was ihr bei ihnen findet«, und er hat dabei nicht eine Speise von

der anderen unterschieden. Nach diesem Vorbild giebt der Apostel den

Christen alle Arten von Speisen frei, auch wenn sie von Ungläubigen und vom

Götzenopfer herrühren; nur will er, wie oben gesagt, das Ärgernis vermieden

wissen: »Ich habe es zwar alles Macht,« sagt er, »aber es frommt nicht

alles; ich habe es alles Macht, aber es bessert nicht alles. Niemand suche,

was sein ist, sondern ein jeglicher, was des andern ist. Alles was feil ist

auf dem Fleischmarkt, das esset, und forschet nichts, auf daß ihr des

Gewissens verschonet. Denn die Erde ist des Herrn und was darinnen ist. So

aber jemand von den Ungläubigen euch ladet, und ihr wollt hingehen, so

esset alles, was euch vorgetragen wird, und forschet nicht, auf daß ihr des

Gewissens verschonet. Wo aber jemand zu euch würde sagen: das ist

Götzenopfer -- so esset nicht um deswillen, der es anzeigte, auf daß ihr

des Gewissens verschonet. Ich sage aber vom Gewissen nicht deiner selbst,

sondern des andern. Seid nicht ärgerlich weder den Juden noch den Griechen

noch der Gemeine Gottes«.

Aus diesen Worten des Apostels geht deutlich hervor, daß uns nicht verboten

ist, was wir ohne Verletzung des eigenen oder eines fremden Gewissens essen

können. Ohne Verletzung des eigenen Gewissens handeln wir dann, wenn wir

bei unserem Thun unserem Lebensberuf, der uns zum Heil führen soll, treu

bleiben können. Ohne Verletzung eines fremden Gewissens dann, wenn wir so

leben, daß man von uns glaubt, daß wir selig werden. Und so können wir

leben, wenn wir bei aller Nachsicht gegen die unumgänglichen Forderungen

der Natur die Sünde meiden, und nicht im Vertrauen auf unsere Tugend unser

Leben durch ein Gelübde unter ein Joch beugen, das uns zu schwer ist, und

unter dem wir deshalb erliegen, wobei dann der Fall um so tiefer ist, je

höher die Stufe war, auf die das Gelübde uns hätte heben sollen.

Diesem Fall und der Ablegung eines unbedachten Gelübdes zuvorzukommen, sagt

der Prediger: »Wenn du Gott ein Gelübde thust, so verziehe nicht, es zu

halten. Denn er hat keinen Gefallen an den Narren. Was du gelobest, das

halte. Es ist besser, du gelobest nichts, denn daß du nicht hältst, was du

gelobest«. Dieser Gefahr will auch jener Rat des Apostels begegnen: »So

will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, haushalten, dem

Widersacher keine Ursach' geben, zu schelten. Denn es sind schon etliche

umgewandt dem Satan nach«. Die Natur des schwachen Geschlechtes bedenkend,

empfiehlt er als Mittel gegen die Gefahr, die ein sittlich höheres Leben

mit sich bringt, eine weniger strenge Lebensweise. Er giebt den Rat, unten

zu bleiben, damit nicht ein jäher Sturz aus der Höhe erfolge. Dieser

Ansicht folgt auch der heilige Hieronymus, wenn er in seiner Unterweisung

an die Jungfrau Eustochium sagt: »Wenn aber die, die wirklich Jungfrauen

sind, um anderer Sünden willen nicht selig werden, was wird aus denen

werden, die die Glieder Christi zur Unzucht preisgegeben und den Tempel des

heiligen Geistes in ein Freudenhaus verwandelt haben? Besser wäre es dem

Menschen, das Joch der Ehe auf sich zu nehmen und in der Ebene zu wandeln,

als in die Höhe zu streben und in den Abgrund der Hölle zu stürzen«.

Wenn wir sämtliche Aussprüche des Apostels nachschlagen, so werden wir

finden, daß er eine zweite Ehe immer nur den Frauen gestattet hat. Die

Männer dagegen ermahnt er zur Enthaltsamkeit und ruft ihnen zu: »Ist jemand

beschnitten berufen, der zeuge keine Vorhaut«, und: »Bist du los vom Weibe,

so suche kein Weib«. Moses dagegen räumt den Männern mehr Freiheit ein als

den Frauen und gestattet einem Mann mehrere Frauen, nicht aber einer Frau

mehrere Männer. Auch bestraft er den Ehebruch bei Frauen strenger als bei

Männern. »Ein Weib,« sagt der Apostel, »ist frei vom Gesetz, so der Mann

stirbet, daß sie nicht eine Ehebrecherin ist, wo sie eines andern Mannes

wird.« Und an anderer Stelle: »Ich sage aber den Ledigen und Witwen: es ist

ihnen gut, wenn sie auch bleiben wie ich. So sie aber sich nicht enthalten,

so laß sie freien; es ist besser freien denn Brunst leiden.« Und wiederum

heißt es: »Ein Weib, so ihr Mann entschläft, ist sie frei, sich zu

verheiraten, welchem sie will; allein, daß es in dem Herrn geschehe.

Seliger ist sie aber, wo sie also bleibet, nach meiner Meinung«.

Nicht bloß eine zweite Ehe gestattet der Apostel dem schwachen Geschlecht,

sondern er beschränkt die Zahl der Eheschließungen nicht einmal auf ein

bestimmtes Maß; vielmehr, wenn ihre Männer entschlafen sind, gestattet er

ihnen, sich wieder zu verheiraten. Er schreibt für die Eheschließung keine

bestimmte Zahl vor, wenn die Frauen nur dadurch der Sünde der Hurerei

entgehen. Lieber sollen sie mehrmals heiraten als einmal in Unkeuschheit

verfallen. Denn haben sie sich erst Einem preisgegeben, so werden sie bald

mit vielen anderen dem Verlangen nach geschlechtlichem Verkehr nachgeben.

Zwar ist auch die rechtmäßige Befriedigung dieses Verlangens nicht ganz

frei von Sünde, allein man übt Nachsicht mit der kleineren Sünde, um die

größere zu vermeiden. Was ist also dabei, wenn man ihnen, um anderweitige

Sünde zu verhüten, etwas verstattet, wobei gar keine Sünde ist, nämlich die

notwendigen Speisen, nur nicht im Überfluß? Denn nicht die Speise wird uns

zur Sünde, sondern die Begierde, die da will, was nicht erlaubt ist, die

begehrt, was verboten ist, die oftmals sich übernimmt und so viel Ärgernis

verursacht.

Welches von allen Nahrungsmitteln der Menschen ist aber so gefährlich, so

schädlich und unserem Beruf und der frommen Beschaulichkeit so unzuträglich

wie der Wein? Der größte der Weisen warnt uns gar eindringlich vor ihm:

»Der Wein macht lose Leute, und stark Getränke macht wilde; wer dazu Lust

hat, wird nimmer weise. Wo ist Weh, wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist

Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach'? Wo sind rote Augen? Nämlich, wo man

beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was eingeschenkt ist. Siehe den Wein

nicht an, daß er so rot ist und im Glase so schön stehet. Er geht glatt

ein, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. So

werden deine Augen nach andern Weibern sehen und dein Herz wird verkehrte

Dinge reden. Und wirst sein wie einer, der mitten im Meer schläft, und wie

einer schläft oben auf dem Mastbaum, und wirst sagen: sie schlagen mich,

aber es thut mir nicht wehe; sie klopfen mich, aber ich fühle es nicht.

Wann will ich aufwachen, daß ich's mehr treibe?« Weiter: »O nicht den

Königen, Lamuel, gieb den Königen nicht Wein zu trinken, denn wo

Trunkenheit herrscht, wird kein Geheimnis bewahrt; sie möchten trinken und

der Rechte vergessen und verändern die Sache der elenden Leute«. Und im

Buch Sirach heißt es: »Ein Arbeiter, der sich gern vollsäuft, der wird

nicht reich, und wer ein Geringes nicht zu Rat hält, der nimmt für und für

ab. Wein und Weiber bethören die Weisen«.

Auch der Prophet Jesaias, der sonst von keiner Speise redet, erwähnt doch

des Weines als einer Ursache zur Gefangenschaft seines Volkes: »Wehe denen,

die des Morgens frühe auf sind, des Saufens sich zu fleißigen, und sitzen

bis in die Nacht, daß sie der Wein erhitzt. Und haben Harfen, Psalter,

Pauken, Pfeifen und Wein in ihrem Wohlleben, und sehen nicht auf das Werk

des Herrn. Darum wird mein Volk müssen weggeführt werden, weil es nicht

Vernunft angenommen hat. Weh denen, so Helden sind Wein zu saufen und

Krieger in Völlerei!« Vom Volk bis zu den Priestern und Propheten dehnt er

seine Klage aus: »Dazu sind diese auch vom Wein toll worden und taumeln von

starkem Getränk. Denn beide, Priester und Propheten, sind toll von starkem

Getränk, sind im Wein ersoffen und taumeln von starkem Getränk; sie sind

toll im Weissagen und speien die Urteile heraus. Denn alle Tische sind voll

Speiens und Unrats an allen Orten. Wen soll er denn lehren das Erkenntnis?

Wem soll er zu verstehen geben die Predigt?« Der Herr spricht durch den

Mund Joëls: »Wachet auf, ihr Trunkenen, und heulet alle Weinsäufer!«

In notwendigen Fällen wird ja der Weingenuß nicht verboten; so rät der

Apostel dem Timotheus: »Um deines Magens willen, und weil du oft krank

bist« -- nicht bloß 'krank', sondern 'oft krank'. Noah hat zuerst den

Weinstock gepflanzt, ohne noch das Laster der Trunkenheit zu ahnen, und im

Rausch hat er seine Scham entblößt; denn mit dem Wein verbündet sich

schändliche Üppigkeit. Vom eigenen Sohn verspottet, hat er ihn verflucht

und ihm das Joch der Knechtschaft auferlegt, was vorher niemals, soviel wir

wissen, geschehen ist. Die Töchter Lots wußten wohl, daß sie den frommen

Mann nur in der Trunkenheit zur Blutschande verleiten konnten. Und Judith,

die selige Witwe, hat im Vertrauen auf dieses trügerische Mittel allein den

stolzen Holofernes zu Fall gebracht. Von den Engeln, welche den Erzvätern

erschienen und von diesen bewirtet wurden, lesen wir, daß sie Fleisch zu

sich genommen haben, nicht aber Wein. Und dem Elias, unserem großen

Vorbild, haben die Raben, als er in der Wüste sich verbarg, des Morgens und

des Abends Brot und Fleisch zur Speise gebracht, nicht Wein. Auch vom Volk

Israel lesen wir, daß es in der Wüste mit der köstlichen Speise der

Wachteln genährt worden sei, aber keinen Wein gehabt und dessen auch nicht

begehrt habe. Und bei jenen Speisungen mit Brot und Fisch, womit in der

Wüste das Volk gesättigt wurde, wird auch nichts von Wein berichtet. Nur

auf einer Hochzeit, wo man sich des Weines, der die Quelle der Wollust ist,

allerdings nicht enthält, ist dem Wein zulieb ein Wunder geschehen. Aber

die Wüste, die eigentliche Wohnung der Mönche, kennt mehr die Wohlthat des

Fleisches als die des Weins. Eine Hauptbestimmung im Gelübde der Nasiräer,

womit sie sich Gott weihten, war die, Wein und geistige Getränke zu meiden.

Denn was bleibt an einem Trunkenen noch tugendhaft und gut? Darum lesen

wir, daß in der alten Zeit den Priestern nicht bloß der Wein, sondern alle

geistigen Getränke verboten waren. Hieronymus in seinem Buch »vom Leben der

Kleriker«, das an Nepotianus gerichtet ist, ereifert sich sehr darüber, daß

die Priester des alten Bundes darin, daß sie sich aller geistigen Getränke

enthielten, vollkommener waren, als die unsrigen. Er sagt: »Rieche nicht an

den Wein, damit du dir nicht das Wort des Philosophen sagen lassen mußt:

'Das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen'«.

Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis

verbietet den Weingenuß. »Die den Dienst des Altars besorgen, sollen nicht

Wein und Gegorenes trinken.« -- »Sicera« heißt im Hebräischen jedes

berauschende Getränke, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen

Saft von Früchten oder aus eingekochtem Honig und Kräutern oder aus der

gepreßten Frucht der Palme oder aus Früchten, die man zu Sirup zerkocht.

»Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den

Wein.«

Nach der Regel des heiligen Pachomius soll niemand, mit Ausnahme der

Kranken, Wein oder sonst geistige Getränke berühren. Und wem von euch

sollte unbekannt sein, daß der Wein für Mönche überhaupt nichts sei und daß

die Mönche ihn einst so verabscheut haben, daß sie ihn, um von ihm

abzuschrecken, den Satan selber nannten? So lesen wir im »Leben der

Altväter«: »Es erzählten einige Leute dem Vater Pastor von einem Mönch, der

keinen Wein trank, worauf dieser sagte: 'Der Wein ist überhaupt nichts für

Mönche'. Ferner ist dort zu lesen: 'Man feierte eines Tags die Messe auf

dem Berg des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gefäß mit Wein. Einer

der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi. Der

trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber zum

drittenmal angeboten wurde, wies er's zurück und sagte: Laß genug sein,

Bruder, vergissest du, daß der Teufel darin steckt?'« Und weiter wird von

dem Vater Sisoi berichtet: »Abraham sagte zu seinen Schülern: 'Wenn man an

einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und drei Kelche Wein trinkt,

ist das nicht zu viel?' Und es antwortete der Alte: 'Es wäre nicht zu viel,

wenn der Satan nicht wäre.'« Daran denkt auch der heilige Benediktus, wenn

er für gewisse Fälle seinen Mönchen den Weingenuß gestattet. Er sagt: »Wohl

lesen wir, daß der Wein für die Mönche überhaupt nichts sei; allein man

wird in unserer Zeit die Mönche nicht völlig davon überzeugen können«.

Es wäre nichts besonderes, wenn den Mönchen durchaus versagt würde, was

auch den Frauen, die von Natur schwächer sind, wenn auch widerstandsfähiger

gegen den Wein, vom heiligen Hieronymus gänzlich verboten wird. Er schreibt

nämlich an die christliche Jungfrau Eustochium, indem er sie über die

Bewahrung der Jungfräulichkeit belehrt, folgende dringende Mahnung: »Wenn

mein Rat irgend etwas gelten soll und du meiner Erfahrung Glauben schenken

willst, so ist meine erste Mahnung und Bitte, daß eine Braut Christi den

Wein fliehen möge wie Gift. Denn das ist die schärfste Waffe der Dämonen

gegen die Jugend. So sehr knechtet nicht der Geiz, so bläht der Stolz nicht

auf, so viel Reize besitzt nicht der Ehrgeiz. Anderen Lastern entfliehen

wir leicht; diesen Feind tragen wir im Innern; wohin wir uns wenden, wir

tragen ihn bei uns. Wein und Jugend eine zwiefache Nahrung des Feuers der

Wollust. Sollen wir noch Öl in die Flamme gießen? Sollen wir dem brennenden

Leib noch neuen Zündstoff zuführen?«

Übrigens belehren uns die Schriften der Naturforscher, daß der Wein den

Frauen weit weniger anhaben könne als den Männern. Macrobius Theodosius

führt dafür im siebenten Buch seiner Saturnalia folgenden Grund an:

»Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, Greise oft. Der

Körper des Weibes hat einen sehr großen Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis

dafür ist die Glätte und der Glanz ihrer Haut, und besonders sprechen dafür

die regelmäßigen Reinigungen, durch welche ihr Körper von überflüssiger

Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein verliert seine Stärke, wenn er mit so

überreichem flüssigem Stoffe sich mischt, und steigt nicht mehr so leicht

zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese Weise gelähmt wird«. Ferner heißt es

dort: »Der weibliche Körper unterliegt häufigen Reinigungen und hat an

seiner Oberfläche zahlreiche Öffnungen und Poren, durch welche die

Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch diese Poren entweicht

auch der Dunst des Weines gar schnell«.

Warum also sollte man den Mönchen gestatten, was dem schwächeren Geschlecht

versagt wird? Wie unvernünftig, es denen zu gestatten, die den größeren

Schaden davon haben, und den andern es zu verbieten! Was wäre thörichter

als wenn man unterließe, die Mönche von dem abzuschrecken, was ihrem

frommen Beruf am meisten zuwider ist und zum Abfall von Gott verführt? Ist

es nicht ein Frevel, wenn Christen in dem Stück, in dem die Könige und

Priester des alten Bundes Enthaltsamkeit übten, sich nicht nur nicht

kasteien, sondern sich sogar bis zur Schwelgerei vergessen? Denn man weiß

ja, wie eifrig Kleriker und Mönche in unserer Zeit sich um den Weinkeller

bemühen, ihn mit den verschiedenen Sorten anzufüllen; wie sie den Wein mit

Kräutern, Honig und Würzwerk zu mischen verstehen, um desto besser sich

berauschen zu können, und wie sie je mehr das Feuer der Sinnlichkeit

schüren, je mehr sie beim Wein sich erhitzen. Welche Verirrung, nein,

welcher Wahnsinn, daß die, welche durch ihr Gelübde sich zur Enthaltsamkeit

verpflichten, nicht nur nichts dazu thun, es zu halten, sondern

geflissentlich zum Bruch desselben beitragen! Zwar ihr Leib ist hinter

Klostermauern festgebannt, aber ihr Herz ist voll unreiner Lust und brennt

vor Verlangen nach Unzucht.

Zwar der Apostel schreibt an Timotheus: »Trinke nicht mehr Wasser, sondern

brauche ein wenig Wein um deines Magens willen, und weil du so oft krank

bist«. Also wegen seiner Kränklichkeit wird ihm mäßiger Weingenuß

verstattet; es versteht sich aber von selbst, daß er keinen getrunken

hätte, wäre er gesund gewesen. Wenn wir uns das apostolische Leben zum

Vorbild nehmen, wenn wir ein Leben der Buße führen und der Welt entsagen

wollen: warum hat gerade das den großen Reiz für uns und erscheint uns

köstlicher als alle andern Nahrungsmittel, was doch unserem Beruf offenbar

am meisten hinderlich ist?

Der heilige Ambrosius, der das Wesen der Buße so trefflich beschreibt, hat

an der Lebensweise der Büßenden nichts auszusetzen als den Weingenuß. »Oder

glaubt jemand«, sagt er, »daß da wahre Buße ist, wo der Ehrgeiz herrscht,

wo der Wein in Strömen fließt, wo man in ehelicher Gemeinschaft lebt? Man

muß der Welt gänzlich absagen. Leichter habe ich solche gefunden, die ihre

Unschuld bewahrt, als solche, die recht Buße gethan haben.« Und in dem

Buche »von der Weltflucht« heißt es: »In Wahrheit fliehst du die Welt, wenn

dein Auge Becher und Trinkschalen meidet, daß es nicht lüstern werde, wenn

es beim Wein verweilt«. Von allen Nahrungsmitteln erwähnt »die Weltflucht«

nur den Wein, und versichert uns, wenn wir ihn meiden, können wir der Welt

entfliehen, als wenn alle Reize der Welt im Wein beschlossen wären. Und er

sagt nicht: wenn euer Gaumen sich des Geschmackes enthält, sondern: wenn

das Auge nicht danach sieht, damit es nicht von Lust und Verlangen sich

fangen lasse, wenn es öfter hinsieht. Daher auch der Spruch Salomos, den

wir oben angeführt haben: »Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und

im Glase so schön steht«. Aber was sagen wir dazu, die wir uns am Geschmack

wie am Anblick des Weines ergötzen, ihn mit Honig, Kräutern und allen

möglichen Würzen mischen und ihn aus großen Schalen trinken wollen?

Genötigt, dem Wein ein Zugeständnis zu machen, sagt der heilige Benediktus:

»Wenigstens wollen wir das festhalten, daß man nicht bis zur Sättigung

trinken soll, sondern weniger; denn der Wein macht auch die Weisen zu

Thoren«. Wenn wir uns nur damit begnügen könnten, bis zur Stillung des

Durstes zu trinken und uns nicht so leicht zur Überschreitung des rechten

Maßes verleiten ließen. Auch der heilige Augustinus sagt in der Regel für

die Mönchsklöster, welche er eingerichtet hatte: »Nur Samstags und

Sonntags, wie es der Brauch ist, sollen die, die es wollen, Wein bekommen«;

dies geschah zur Feier des Sonntags und der betreffenden Vigilie, welche

Samstags gehalten wird, und sodann, weil an diesem Tag die in ihren Klausen

zerstreut lebenden Brüder sich versammelten. So sagt auch der heilige

Hieronymus, indem er von einem Ort redet, den er Cella nennt: »Jeder lebt

für sich in seiner Klause. Doch am Sonnabend und Sonntag kommen sie in der

gemeinsamen Kirche zusammen, und sehen hier einander wie im Himmel

Vereinigte«. Diese Ausnahme war gewiß berechtigt: die Brüder sollten bei

ihrer Zusammenkunft durch eine Erfrischung erfreut werden, und wenn sie es

auch nicht aussprachen, doch das Gefühl haben: »Siehe wie fein und lieblich

ist es, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen«.

Wir enthalten uns des Fleisches; aber was haben wir für ein Verdienst

dabei, wenn wir uns an andern Speisen bis zum Übermaß sättigen? Wenn wir

mit vielen Kosten mancherlei Gerichte von Fischen bereiten, wenn wir

Pfeffer und andere starke Gewürze dreinmischen, wenn wir, trunken vom

gewöhnlichen Wein, unsern Bechern und Schalen noch den Reiz besonderer

Würzen verleihen, so muß für all dies die Fleischenthaltung uns vor der

Welt entschuldigen: als ob es auf die Art und nicht vielmehr auf das Maß

der Speisen ankäme, während uns doch der Herr nur Völlerei und Trunkenheit

verbietet, d. h. jedes Übermaß in Speise und Trank, nicht aber eine

bestimmte Art von beiden.

Von dieser Einsicht geleitet sieht auch der heilige Augustin in keinem

andern Nahrungsmittel eine Gefahr, außer im Wein: er macht keinen

Unterschied zwischen den verschiedenen Arten von Speisen, und glaubt, daß

für die Abstinenz folgende kurze Vorschrift genüge: »Kasteiet euer Fleisch

mit Fasten und mit Enthaltsamkeit von Speise und Trank, soweit eure

Gesundheit es gestattet«. Er hatte wohl den Satz des heiligen Athanasius in

dessen Mahnwort an die Mönche gelesen: »Für das Fasten soll dem freien

Willen keine bestimmte Grenze gesetzt werden; jeder mag fasten, soviel es

ihm mit Rücksicht auf seine Gesundheit möglich ist; alle Tage, außer am

Sonntag, kann man Fasten halten, aber sie sollen nicht Gegenstand eines

Gelübdes sein«. Das heißt so viel als: wenn die Fasten infolge eines

Gelübdes übernommen werden, können sie jederzeit mit Ausnahme der Festtage

gehalten werden. Hier werden also keine bestimmten Fasten vorgeschrieben,

man soll sich damit nach dem Stand der Gesundheit richten. Denn es heißt:

»Er sieht allein auf die Fähigkeit, die jeder von Natur hat, und es ist

jedem freigestellt, sich selbst sein Maß zu bestimmen; denn wo das rechte

Maß eingehalten wird, kommen keine Verfehlungen vor«. Wir sollen uns nicht

allzusehr durch Genüsse verweichlichen lassen, wie jenes Volk, das mit

Weizen und mit gutem Traubenblut genährt war und von dem geschrieben steht:

»Es ist fett und dick und stark geworden und hat Gott fahren lassen«. Wir

sollen uns auch nicht über das Maß mit Kasteiung quälen, damit wir nicht

entweder ganz erliegen oder aber durch Murren unseres Lohns verlustig gehen

oder uns unserer Trefflichkeit rühmen. Der »Prediger« warnt davor mit den

Worten: »Ein Gerechter gehet unter in seiner Gerechtigkeit; sei nicht allzu

gerecht und nicht allzu weise, daß du dich nicht verderbest«, d. h. daß du

nicht aus Bewunderung für deine Vortrefflichkeit hochmütig werdest.

Aller Eifer in dieser Hinsicht soll geleitet werden von weiser Erwägung,

der Mutter aller Tugenden. Sie soll jedem die Last zuweisen, die er tragen

kann, die Natur nicht vergewaltigen, sondern sich nach ihr richten, nicht

die Notdurft verbieten, aber Schwelgerei und Überfluß fernhalten. So wird

das Laster ausgerottet, und die Natur doch nicht verletzt. Es ist für die

Schwachen genug, wenn sie die Sünde meiden, auch wenn sie nicht bis zum

Gipfel der Vollkommenheit emporsteigen. Wenn du nicht bei den Märtyrern

Platz findest, laß dir an einem Winkel im Paradiese genügen. Es ist

sicherer, ein bescheidenes Gelübde abzulegen, damit man aus freien Stücken

noch etwas Überverdienstliches hinzuthun kann. Darum steht geschrieben:

»Wenn ihr alles gethan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: wir sind

unnütze Knechte, wir haben gethan, was wir zu thun schuldig waren«. -- »Das

Gesetz,« sagt der Apostel, »richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz nicht

ist, da ist auch keine Übertretung«. Und weiter: »Denn ohne das Gesetz war

die Sünde tot. Ich aber lebte weiland ohne Gesetz. Da aber das Gebot kam,

ward die Sünde wieder lebendig. Ich aber starb; und es befand sich, daß das

Gebot mir zum Tode gereichte, das mir doch zum Leben gegeben war. Denn die

Sünde nahm Ursache am Gebot und betrog mich und tötete mich durch

dasselbige Gebot; auf daß die Sünde würde überaus sündig durch das Gebot«.

Augustinus an Simplicianus sagt: »Durch das Verbot ist das Verlangen

gemehrt worden und verlockender erschienen, und so sind wir verführt

worden«. Derselbe Augustinus sagt in seinem Buch »Quästiones« in der 67.

Frage: »Wir lassen uns durch unser Gelüste leichter zur Sünde verführen,

wenn ein Verbot da ist«. -- »Was versagt ist, begehren wir stets, das

Verbotene reizt uns«.

Höre mit Furcht und Zittern jeder diese Worte, der das Joch irgend einer

Ordensregel auf sich nehmen und sich durch ein neues Gesetz binden lassen

will. Er wähle, was er durchzuführen vermag, und meide, was über seine

Kräfte geht. Niemand wird schuldig des Gesetzes, der nicht vorher sich zu

ihm bekannt hat. Ehe du dich bindest, besinne dich; hast du's gethan, dann

bleibe fest. Jetzt ist Freiheit, was nachher Zwang ist. »In meines Vaters

Hause,« sagt die Wahrheit, »sind viele Wohnungen.« Darum giebt es auch

vielerlei Wege, die dorthin führen. Nicht werden die Ehegatten verdammt,

aber leichter werden selig, die sich enthalten. Nicht damit wir überhaupt

erst selig würden, sind uns die Regeln der heiligen Väter gegeben, sondern

damit wir leichter den Weg zur Seligkeit finden und reineren Verkehr mit

Gott pflegen können. »Und so eine Jungfrau freiet,« sagt der Apostel,

»sündiget sie nicht; doch werden solche leibliche Trübsal haben. Ich

verschonete aber euer gerne.« Ferner: »Welche nicht freiet, die sorget, was

dem Herrn angehöret, daß sie heilig sei, beide am Leib und auch am Geist;

die aber freiet, die sorget, was der Welt angehört, wie sie dem Manne

gefalle. Solches aber sage ich zu eurem Nutzen, nicht daß ich euch einen

Strick an den Hals werfe, sondern dazu, daß es fein ist, und ihr stets und

unverändert dem Herrn dienen könnet«.

Dies aber erreichen wir dann am leichtesten, wenn wir auch körperlich uns

von der Welt zurückziehen und uns hinter Klostermauern bergen, daß nicht

der Lärm der Welt unsere Ruhe störe. Aber nicht nur, wer das Gesetz auf

sich nimmt, sondern auch der, der es auflegt, sehe sich vor, daß er nicht

durch Häufung der Gebote auch die Übertretungen mehre. Das Wort Gottes, das

im Fleisch erschienen ist, hat das Wort des Gesetzes abgekürzt. Moses hat

vieles geredet und doch, wie der Apostel sagt: »Das Gesetz konnte nichts

vollkommen machen«. Es hatte viele und so schwere Gebote, daß der Apostel

Petrus sagte, niemand könne sie halten. »Ihr Männer, liebe Brüder,« sprach

er, »was versuchet ihr Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jünger Hälse,

welches weder unsere Väter noch wir haben mögen tragen. Sondern wir glauben

durch die Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie

auch sie.« Mit wenig Worten hat Christus seine Jünger über die sittliche

Haltung und heilige Lebensführung belehrt und ihnen den Weg zur

Vollkommenheit gewiesen. Das Strenge und Ernste beiseite lassend hat er

ihnen seine Vorschriften, in denen seine ganze Lehre beschlossen war,

lieblich und leicht gemacht: »Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und

beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet

von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig -- so werdet ihr

Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist

leicht«.

Denn bei den Werken der Frömmigkeit geht es oft wie bei weltlichen

Geschäften. Mancher arbeitet sich müde in seinem Geschäft und hat doch

wenig Gewinn davon, und mancher hat viel äußere Anfechtung und doch wenig

Verdienst vor Gott, denn er sieht das Herz an, nicht das Werk. Solche

Leute, je mehr sie mit Äußerlichem sich beschäftigen, desto weniger haben

sie Zeit für innerliche Dinge; je mehr sie bei Leuten, deren Urteil in

Außendingen etwas gilt, bekannt werden, desto größer wird ihr Ruhm und

desto leichter lassen sie sich zum Hochmut verführen. Diesem Irrtum zu

begegnen, setzt der Apostel die äußeren Werke tief herunter und erhebt

dagegen die Rechtfertigung durch den Glauben. »Ist Abraham durch die Werke

gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget denn die

Schrift? Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit

gerechnet.« Und weiter: »Was wollen wir nun hie sagen? Das wollen wir

sagen: die Heiden, die nicht haben nach der Gerechtigkeit gestanden, haben

die Gerechtigkeit erlangt; ich sage aber von der Gerechtigkeit, die aus dem

Glauben kommt. Israel aber hat dem Gesetz der Gerechtigkeit nachgestanden

und hat das Gesetz der Gerechtigkeit nicht überkommen. Warum das? Darum,

daß sie es nicht aus dem Glauben, sondern als aus den Werken des Gesetzes

suchen«.

Sie gleichen den Leuten, die ihre Gefäße und Geschirre nur von außen

reinigen und sie innen schmutzig lassen, und mehr für das Fleisch besorgt

als für den Geist, sind sie fleischliche Leute, nicht geistliche. Wir aber,

die wir danach trachten, daß Christus durch den Glauben in unserem inneren

Menschen Wohnung mache, achten das Äußere gering, an dem der Schlechte wie

der Gute teilhaben kann, und denken an das Wort: »In meinem Herzen sind die

Gelübde und die Lobpreisungen, die ich dir, mein Gott, darbringen werde«.

Und so ahmen wir auch jene äußerliche gesetzliche Enthaltsamkeit nicht

nach, die zur wahren Gerechtigkeit sicherlich nichts beiträgt. Denn auch

der Herr giebt uns kein Speiseverbot; nur Völlerei und Trunkenheit, d. h.

den Überfluß, verbietet er. Darum sagte er von sich selber: »Johannes ist

kommen, aß nicht und trank nicht, so sagen sie: er hat den Teufel. Des

Menschen Sohn ist kommen, isset und trinket, so sagen sie: siehe, wie ist

der Mensch ein Fresser und ein Weinsäufer«. Er entschuldigt auch seine

Jünger, weil sie nicht, wie die Jünger Johannes, fasteten und mit

ungewaschenen Händen zu Tische saßen: »Wie können die Hochzeitleute Leid

tragen, so lange der Bräutigam bei ihnen ist?« Und ein andermal: »Was zum

Munde eingehet, das verunreiniget den Menschen nicht, sondern was zum Munde

ausgehet, das verunreiniget den Menschen. Was aber zum Munde herausgehet,

das kommt aus dem Herzen, und das verunreiniget den Menschen. Aber mit

ungewaschenen Händen essen verunreiniget den Menschen nicht«.

Keine Speise also verunreinigt die Seele, dies geschieht durch die Begierde

nach verbotener Speise. Denn wie der Leib nur durch leiblichen Schmutz

verunreinigt werden kann, so die Seele nur durch geistigen. Und nichts ist

zu fürchten bei allem was der Leib verrichtet, wenn nur der Geist nicht

seine Einwilligung dazu giebt. Auf die Reinheit des Fleisches dürfen wir

nicht pochen, wenn die Seele durch bösen Willen verderbt wird. Im Herzen

also liegt Tod und Leben der Seele beschlossen. Daher Salomo in den

Sprüchen sagt: »Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus gehet das

Leben«. Und nach dem Worte der »Wahrheit«, das wir oben gehört, kommt aus

dem Herzen, was den Menschen verunreiniget: denn nach ihren guten oder

bösen Gelüsten wird die Seele gerettet oder verdammt. Weil aber die

Verbindung zwischen Seele und Leib so gar eng ist, müssen wir uns vorsehen,

daß nicht die Seele von der Fleischeslust sich mit fortreißen lasse, und

daß nicht das Fleisch, wenn man ihm allzusehr nachgiebt, im Übermut dem

Geist widerstrebe, und so das, was unterthan sein sollte, Herr werde. Dies

werden wir vermeiden, wenn wir alles Notwendige gestatten, allen Überfluß

aber, wie schon öfters gesagt, fernhalten, und dem schwachen Geschlecht

erlauben, alle Speisen mit Maß, keine aber unmäßig zu gebrauchen.

Mögen sie alles gebrauchen, nichts aber mißbrauchen. »Denn,« sagt der

Apostel, »alle Kreatur Gottes ist gut, und nichts verwerflich, das mit

Danksagung empfangen wird. Denn es wird geheiliget durch das Wort Gottes

und Gebet. Wenn du den Brüdern solches vorhältst, so wirst du ein guter

Diener Jesu Christi sein, auferzogen in den Worten des Glaubens und der

guten Lehre, bei welcher du immerdar gewesen bist.« Auch wir wollen mit

Timotheus diese Lehre des Apostels befolgen und nach der Vorschrift des

Herrn uns nur hüten vor Völlerei und Trunkenheit; in allem wollen wir so

Maß halten, daß der leiblichen Schwäche aufgeholfen, nicht aber das Laster

großgezogen werde. Und besonders bei den Dingen, die, im Überfluß genossen,

Gefahren mit sich bringen, soll ein strenges Maß angelegt werden. Es ist

ein größeres Verdienst und löblicher, mit Maß zu essen, als ganz sich zu

enthalten. Daher auch der heilige Augustinus in seinem Buch Ȇber das Gut

der Ehe«, wo es von den Nahrungsmitteln handelt, sagt: »Nur derjenige macht

einen richtigen Gebrauch von den Dingen, der sie so braucht, daß er sie

auch entbehren kann. Vielen fällt es leichter, sich eines Genusses ganz zu

enthalten als denselben durch das richtige Maß zu regeln. Niemand aber

macht einen weisen Gebrauch von den Gütern dieser Welt, der nicht auch

imstande ist, sich ihrer zu enthalten«. In dieser Gesinnung hat auch Paulus

das Wort gesagt: »Ich kann beides: übrig haben und Mangel leiden«. Mangel

leiden, das kann jeden treffen, aber den Mangel recht ertragen können, das

ist Sache großer Menschen. So kann auch wohl jeder beliebige Mensch »übrig

haben«; aber in der rechten Weise übrig haben können nur die, die sich vom

Überfluß nicht verderben lassen.

Des Weines also, der, wie gesagt, lose Leute macht, und darum der guten

Zucht und der Schweigsamkeit feind ist, sollen sich die Frauen um Gottes

willen entweder ganz enthalten, wie sich heidnische Frauen desselben

enthalten aus Furcht vor dem Ehebruch; oder aber sollen sie ihn mit Wasser

mischen, was für den Durst wie für die Gesundheit zuträglich ist, und

wodurch er seine schädliche Wirkung verliert. Dies wird, glaube ich,

erreicht, wenn zu drei Teilen Wein ein Teil Wasser gemischt wird. Sehr

schwierig aber ist es, sich zu hüten, daß man von dem vorgesetzten Wein

nicht bis zur Sättigung trinke, wie dies der heilige Benediktus verlangt.

Darum achten wir es für sicherer, wenn wir auch den Genuß bis zur Sättigung

nicht verbieten, damit uns aus dem Verbot nicht eine neue Gefahr erwachse.

Denn, wie wir schon wiederholt gesagt haben, nicht die Sättigung ist Sünde,

sondern die Unmäßigkeit. Auch ist nichts dagegen einzuwenden, daß für

Kranke gewürzte Weine bereitet werden, und daß sie ungemischten Wein

bekommen. Doch im Konvent soll solcher nie getrunken werden, sondern allein

von den Kranken.

Daß Brot aus reinem Weizenmehl gemacht werde, verbieten wir streng,

vielmehr soll stets mindestens ein Dritteil gröberen Mehles darunter

gemengt werden. Auch soll man das Brot nicht essen, solang es noch warm

ist, sondern nur solches, das mindestens einen Tag alt ist. Die Fürsorge

für die übrigen Nahrungsmittel soll die Äbtissin in der Weise treffen, daß

sie mit dem, was billig und leicht zu haben ist, den Bedürfnissen des

schwachen Geschlechts entgegenkommt. Denn wie thöricht wäre es, wenn wir

bei andern Leuten kaufen wollten, was wir selber haben, und wenn wir

draußen im Überfluß suchen wollten, was wir zu Hause zur Genüge haben! Wenn

uns zu Gebote steht, was wir brauchen, warum sollten wir uns dann um das

Überflüssige bemühen?

Zu dieser weisen Mäßigung werden wir nicht bloß durch menschliches Vorbild

angehalten, sondern sogar durch dasjenige der Engel und des Herrn selbst,

und wir sehen daraus, daß wir zur Befriedigung der Notdurft dieses Lebens

nicht lange wählerisch sein sollen, was die Speisen anbelangt, sondern

zufrieden sein mit dem, das da ist. So hat Abraham Fleisch zubereitet, und

die Engel haben es gegessen, und als in der Wüste sich Fische vorfanden,

hat Jesus damit das hungernde Volk gespeist. Daraus sehen wir deutlich, daß

zwischen Fleisch und Fisch kein Unterschied zu machen und beides nicht zu

verachten ist, und daß man das nehmen soll, woran keine Sünde hängt, was

sich leicht und ohne große Umstände darbietet und am wenigsten kostet.

Daher sagt auch Seneca, dieser große Freund der Armut und Enthaltsamkeit

und unter allen Philosophen der größte Sittenlehrer: »Es ist unsere

Aufgabe, der Natur gemäß zu leben. Der Natur zuwider ist es, seinen Körper

zu quälen, kostenlose Reinlichkeit zu scheuen, den Schmutz aufzusuchen und

Speisen zu sich zu nehmen, die nicht bloß einfach, sondern schlecht und

ekelhaft sind. Wie es einerseits eine Üppigkeit ist, ausgesucht feine Dinge

zu begehren, so ist es auch thöricht, sich bescheidene und leicht zu

verschaffende Genüsse zu versagen. Mäßigkeit verlangt die Philosophie,

nicht Kasteiung. Man kann auch eine geordnete Mäßigung walten lassen. Das

ist die Art, die mir gefällt«. Daher auch Gregorius im 30. Buch seiner

»Moralia« lehrt, daß es für die Sitten der Menschen weniger auf die

Beschaffenheit ihrer Nahrung als ihrer Gesinnung ankomme, und wo er die

verschiedenen Gelüste des Gaumens unterscheidet, folgendes sagt: »Einmal

verlangt man nach den ausgesuchtesten Speisen, ein andermal begehrt man das

nächste Beste, aber gut zubereitet. Manchmal aber ist es etwas ganz

Gewöhnliches, das man sich wünscht, und doch versündigt man sich dabei

durch die unmäßige Gier, womit man danach trachtet«.

Das Volk, das aus Ägypten ausgeführt wurde, ist in der Wüste erlegen, weil

es das Manna verschmähte und nach Fleisch verlangte, weil ihm dies

schmackhafter erschien. Und Esau hat sein Erstgeburtsrecht verloren, weil

er mit heißer Gier eine ganz gewöhnliche Speise, nämlich ein Linsengericht,

begehrte; indem er sein Erstgeburtsrecht dafür drangab, hat er deutlich

gezeigt, welch heftiges Verlangen er nach jener Speise hatte. Denn nicht an

der Speise, sondern am Verlangen hängt die Sünde. Wir können die

gewähltesten Speisen zu uns nehmen, ohne uns zu verschulden, und vielleicht

die geringsten nicht ohne Gewissensbisse essen. Der eben erwähnte Esau hat

durch ein elendes Linsengericht sein Erstgeburtsrecht verloren, Elias in

der Wüste hat seine Tugend bewahrt, obwohl er Fleisch aß. Darum hat auch

der alte Feind, wohl wissend, daß nicht die Speise selbst, sondern die

Begierde danach die Ursache des Verderbens ist, den ersten Menschen nicht

durch Fleisch, sondern durch einen Apfel in seine Gewalt gebracht, und den

zweiten nicht mit Fleisch, sondern mit Brot versucht. Und so begehen wir

oftmals die Sünde Adams, auch wenn wir geringe und gewöhnliche Kost zu uns

nehmen.

Wir sollen also das zu unserer Nahrung wählen, was dem natürlichen

Bedürfnis entspricht, nicht das, was unser Gelüste uns eingiebt. Unser

Verlangen ist aber nach solchen Dingen weniger stark, von denen wir sehen,

daß sie weniger kostbar und im Überfluß vorhanden sind und darum billig

gekauft werden: wie dies bei der gewöhnlichen Fleischspeise der Fall ist,

welche viel kräftiger ist als das Fleisch von Fischen, weniger kostet und

leichter zuzubereiten ist.

Der Genuß von Fleisch und Wein liegt, wie die Ehe, in der Mitte zwischen

gut und böse, d. h. diese Dinge werden für indifferent geachtet, wiewohl

der eheliche Verkehr nicht ganz der Sünde bar ist, und der Wein mehr

Gefahren in sich birgt als alle übrigen Nahrungsmittel. Aber wenn selbst

der Wein, im rechten Maße genossen, dem gottgeweihten Stande nicht verboten

wird, was brauchen wir dann von den anderen Nahrungsmitteln zu fürchten,

wenn nur das richtige Maß auch bei ihrem Genuß nicht überschritten wird?

Der heilige Benediktus sieht sich genötigt, bei einem Gegenstand, von dem

er selbst sagt, daß er eigentlich für Mönche überhaupt nichts sei, in

Rücksicht auf unsere Zeit, da die erste Liebe schon erkaltet ist,

Zugeständnisse zu machen. Sollten wir also den Frauen nicht auch Freiheit

lassen in Dingen, die ihnen bis jetzt überhaupt in keiner Regel verboten

werden? Wenn die Bischöfe und Leiter der heiligen Kirche, wenn die Kleriker

in ihren religiösen Gemeinschaften ohne Anstoß Fleisch essen dürfen, weil

keine Regel sie bindet: wer wollte uns dann einen Vorwurf daraus machen,

daß wir gegen die Frauen die gleiche Nachsicht üben, besonders da sie im

übrigen größere Strenge bewahren? Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie

sein Meister, und es wäre eine große Thorheit, wenn man den Frauenklöstern

versagen wollte, was den Mönchsklöstern erlaubt ist. Es ist schon genug,

wenn die Frauen bei der sonstigen Strenge ihrer Regel, auch wenn sie in dem

Einen Punkte des Fleischessens Freiheit haben, im übrigen nicht hinter der

Frömmigkeit gläubiger Laien zurückbleiben, besonders da nach dem Zeugnis

des Chrysostomus den Weltleuten nicht mehr erlaubt sein soll als den

Mönchen, nur daß jene mit einer Frau leben dürfen. Auch der heilige

Hieronymus, der den Stand der Weltgeistlichen nicht geringer achtet als den

der Mönche, sagt: »Als ob nicht alles, was für die Mönche gilt, auch für

die Weltgeistlichen zuträfe, die die Väter der Mönche sind«.

Wer wüßte auch nicht, daß es aller Vernunft widerstreitet, wenn man dem

Schwachen die gleiche Last aufbürdet wie dem Starken, wenn man von Frauen

dieselbe Abstinenz verlangt wie von Männern? Verlangt jemand hierüber außer

dem Beweis, den die Natur selbst giebt, noch eine besondere Autorität, so

möge er den heiligen Gregorius darüber hören. Dieser große Lenker und

Lehrer der Kirche hat auch über diesen Gegenstand die übrigen Lehrer der

Kirche genau unterwiesen und sagt im 24. Kapitel seines »Liber Pastoralis«

folgendes: »Anders sind die Männer zu ermahnen, anders die Frauen; jenen

kann man Schweres zumuten, diesen nur Leichtes. Jene sollen sich in harter

Übung bewähren, diese werden am besten durch leichte Lasten und durch

sanften Zuspruch gewonnen. Denn was dem Starken eine leichte Sache ist, das

dünkt dem Schwachen ein groß Ding«.

Freilich hat der Genuß von gewöhnlichem Fleisch weniger Reiz als das

Fleisch von Fischen und Vögeln, die doch der heilige Benediktus auch nicht

verbietet. Auch der Apostel unterscheidet mehrere Gattungen von Fleisch:

»Nicht ist alles Fleisch einerlei Fleisch, sondern ein anderes Fleisch ist

der Menschen, ein anderes des Viehes, ein anderes der Fische, ein anderes

der Vögel«. Und das Gesetz schreibt für das Opfer zwar das Fleisch vom Vieh

und Vogel vor, nicht aber das von Fischen, damit niemand glaube, es sei vor

Gott reiner, Fische zu essen als Fleisch. Fische sind auch für die Armen

schwieriger zu beschaffen und teurer, denn es giebt weniger, und ihr

Fleisch ist nicht so kräftig; also auf der einen Seite ist es teurer, auf

der andern erfüllt es seinen Zweck weniger gut.

Indem wir also zugleich die Auslagen und die Natur der Menschen

berücksichtigen, verbieten wir von Nahrungsmitteln überhaupt nichts, nur in

allem das Übermaß. Wir setzen den Genuß von Fleisch und anderen

Nahrungsmitteln aber auf ein solches Maß herab, daß die Enthaltsamkeit der

Nonnen, trotzdem ihnen alles erlaubt ist, dennoch sich mehr bewährt als die

der Mönche, denen einiges verboten ist. Und so wollen wir den Genuß des

Fleisches in der Weise beschränkt wissen, daß im Tag nicht mehr als einmal

davon gegessen werden soll; auch darf nicht ein und dieselbe Person mehrere

Fleischgerichte erhalten, Gemüse sollen nicht hinzugefügt werden und nicht

öfters als dreimal in der Woche soll Fleisch erlaubt sein, nämlich am

ersten, dritten und fünften Wochentage, wenn auch hohe Feste auf die andern

Tage fallen. Denn je höher ein Fest ist, desto mehr soll es durch fromme

Enthaltsamkeit gefeiert werden. Der berühmte Lehrer Gregorius von Nazianz

ermahnt eindringlich dazu in seinem Buch: »Von der Lichtmesse oder den

zweiten Epiphanien«, Kapitel III: »Den Festtag sollen wir feiern, nicht

indem wir dem Bauche dienen, sondern indem wir uns freuen im Geist«.

Derselbe sagt im 4. Kapitel des Buches Ȇber Pfingsten und den heiligen

Geist«: »Und das ist unser Festtag: in die Schatzkammer der Seele etwas

Dauerndes und Bleibendes sammeln, nicht was vorübergeht und verweht. Der

Leib ist schon so sündhaft genug, er braucht keine reichlichere Nahrung;

das wilde Tier würde durch üppigere Nahrung nur noch wilder und würde uns

härter bedrängen«. Darum soll man ein Fest in geistlicher Weise feiern.

Dieser Meinung ist auch der heilige Hieronymus, der Schüler des Gregor; er

sagt in seinem Brief »Über die Annahme von Geschenken«: »Darum müssen wir

uns sorgfältig davor hüten, daß wir den Festtag nicht durch reichliche

Mahlzeit feiern, sondern durch freudige Erhebung des Geistes, denn es wäre

gewiß verkehrt, durch Übersättigung einen Märtyrer ehren zu wollen, von dem

wir wissen, daß er durch Fasten Gott wohlgefällig war«. Augustinus in

seiner Schrift: »Über das Heilmittel der Buße« sagt: »Siehe die Tausende

von Märtyrern an! Warum feiert man ihren Todestag so gern mit schnöden

Gelagen, die reinen Sitten ihres Lebens aber will man nicht nachahmen?«

Wenn es kein Fleisch giebt, so gestatten wir zwei Gerichte von

irgendwelchem Gemüse, und auch Fische können dazu gegeben werden. Kostbare

Gewürze sollen nicht zugesetzt werden, sondern die Schwestern sollen mit

den Erzeugnissen des Landes zufrieden sein. Früchte soll es nur abends zu

essen geben. Für die, deren Gesundheit es verlangt, können jederzeit

Kräuter oder Wurzeln oder Früchte oder sonstige Heilmittel aufgetragen

werden.

Ist eine fremde Nonne als Gast zugegen, so soll ihr aus gastfreundlicher

Liebe eine Schüssel mehr verabreicht werden. Wenn sie will, kann sie davon

auch den andern mitteilen. Die Gäste sollen an dem größeren Tisch Platz

nehmen, und die Äbtissin soll sie bedienen und dann nachher mit den

Schwestern, die bei Tische bedient haben, essen.

Will eine der Schwestern durch spärlichere Kost ihren Leib kasteien, so

soll sie dazu die ausdrückliche Erlaubnis einholen, und diese darf ihr

nicht versagt werden, wenn ihr Vorsatz nicht aus Leichtsinn, sondern aus

wirklichem Ernst entsprungen zu sein scheint, und ihre Gesundheit

voraussichtlich dabei keine Gefahr leidet. Keiner aber soll es gestattet

sein, über diesem Zweck die Pflichten gegen den Konvent zu verabsäumen oder

einen Tag ganz ohne Speise zu verbringen. Freitags sollen die Schwestern

nie Fleischkost genießen, sondern sich mit der Fastenspeise begnügen, und

auf diese Weise durch Enthaltsamkeit gewissermaßen an dem Leiden ihres

Bräutigams teilnehmen, der an diesem Tag gelitten hat. Eine Unsitte, die in

vielen Klöstern herrscht, ist mit aller Strenge zu bekämpfen: daß man

nämlich an den übriggebliebenen Stückchen Brot, die den Armen zugehören,

Hände und Messer reinigt und abwischt und, um die Tischtücher zu schonen,

das Brot der Armen besudelt oder vielmehr das Brot desjenigen, der sich

selber zu den Armen rechnend gesagt hat: »Was ihr gethan habt Einem unter

diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan«.

Was die Fasten betrifft, so mag für die Schwestern die allgemeine

kirchliche Ordnung genügen; wir wollen sie in diesem Stück nicht schwerer

belasten als die gläubigen Laien auch belastet sind, und wir nehmen es

nicht auf uns, von ihrer Schwäche mehr zu verlangen als von dem starken

Geschlecht. Doch glauben wir, daß von der Herbst-Tagundnachtgleiche bis

Ostern wegen der Kürze der Tage Eine Mahlzeit täglich genügen wird. Wir

verordnen dies wegen der kurzen Dauer des Tages, nicht um zum Fasten zu

veranlassen, und machen dabei in den verschiedenen Arten der Speisen keinen

Unterschied.

Das Prunken mit Kleidern, das die Schrift überall verwirft, soll durchaus

vermieden werden. Der Herr warnt uns ausdrücklich davor, indem er den

reichen Mann derhalben tadelt und dagegen die Einfachheit des Johannes

lobt. Daher der heilige Gregorius in seiner vierten Homilie über die

Evangelien sagt: »Was will jenes Wort: 'Die da reiche Kleider tragen, sind

in der Könige Häusern', anders, als klar und deutlich zeigen, daß für das

irdische, nicht für das himmlische Reich kämpft, wer, statt um Gottes

willen zu leiden, allen Härten aus dem Wege geht und nur den Außendingen

ergeben die Weichlichkeit und den Genuß dieses Lebens sucht?« Ebenso in der

elften Homilie: »Es giebt Leute, welche das Tragen von feinen kostbaren

Kleidern nicht für Sünde halten. Und doch, wenn keine Schuld damit

verbunden wäre, so würde der Herr in seinem Gleichnis nicht so ausdrücklich

davon reden, daß der Reiche, der zur Hölle verdammt wurde, mit Purpur und

Seide angethan war. Denn niemand schafft sich kostbare Gewänder an, wenn er

nicht eitlen Prunk entfalten und vornehmer scheinen will als andere Leute.

Nur um eitlen Prunkes willen ist man auf kostbare Gewänder aus. Der beste

Beweis dafür ist der Umstand, daß niemand sich kostbar kleidet, wenn er

sich nicht vor anderen sehen lassen kann«.

Auch Petrus in seinem ersten Brief warnt weltliche verheiratete Frauen vor

dieser Untugend: »Desselbigengleichen sollen die Weiber ihren Männern

unterthan sein, auf daß auch die, so nicht glauben an das Wort, durch der

Weiber Wandel ohne Wort gewonnen werden, wenn sie ansehen euren keuschen

Wandel in der Furcht. Welcher Geschmuck soll nicht auswendig sein mit

Haarflechten und Goldumhängen oder Kleider anlegen, sondern der verborgene

Mensch des Herzens unverrückt mit sanftem und stillem Geiste, das ist

köstlich vor Gott«.

Mit Recht glaubte der Apostel, mehr die Frauen als die Männer vor dieser

Eitelkeit warnen zu müssen, denn der ersteren unsteter Sinn begehrt

lebhafter nach Dingen, die ihrer Üppigkeit Nahrung zuführen. Wenn aber

schon weltlichen Frauen in diesem Hang Einhalt gethan wird, was wird dann

denen ziemen, die sich Christo geweiht haben, deren Schmuck eben darin

besteht, daß sie schmucklos sind? Darum, wer von ihnen nach solchem Schmuck

trachtet und ihn nicht zurückweist, wenn er ihr angeboten wird: die

verliert den Ehrentitel der Keuschheit. Von einer solchen mag man denken,

sie rüste sich nicht zum Gebet, sondern zur Unzucht, sie ist nicht einer

Nonne, sondern einer Dirne gleich zu achten, der ihr Schmuck zum Herold für

ihre Unkeuschheit dient und ihr buhlerisches Herz verrät, wie geschrieben

steht: »Denn seine Kleidung, Lachen und Gang zeigen ihn an«.

Wir lesen, daß der Herr an Johannes, wie schon erwähnt, die Dürftigkeit und

Rauheit seiner Kleidung mehr lobte als die seiner Nahrung: »Was seid ihr

hinausgegangen zu sehen«, sagt er, »wolltet ihr einen Menschen in reichen

Kleidern sehen?« Denn der Genuß ausgesuchter Speisen hat manchmal einen

nützlichen Zweck und ist darum zu entschuldigen, was bei den Kleidern nicht

der Fall ist. Je kostbarer sie sind, desto mehr muß man acht auf sie geben,

desto weniger sind sie etwas nütze, desto teurer kommen sie zu stehen; je

feiner der Stoff, desto empfindlicher sind sie und desto weniger Schutz

gewähren sie dem Körper.

Für die ernste Tracht der Buße ist kein Stoff geeigneter als der schwarze,

und kein Pelzwerk kleidet die Bräute Christi besser als das der Lämmer: so

zeigen sie schon durch ihr Gewand, daß sie das Lamm, das den Jungfrauen

verlobt ist, angezogen haben oder anziehen sollen.

Die Schleier sollen nicht aus Seide, sondern aus einem gefärbten

Linnenstoff sein. Zwei Arten von Schleiern sind zu unterscheiden: die einen

für die Jungfrauen, welche ihr Gelübde schon abgelegt, die andern für

solche, die dies noch nicht gethan haben. Die Schleier der geweihten

Jungfrauen sollen mit dem Kreuz gezeichnet sein. Dies Zeichen soll

bedeuten, daß sie mit der Unberührtheit auch ihres Leibes ganz und gar

Christo angehören, und wie sie durch ihre Weihe von den übrigen sich

unterscheiden, so soll auch ihr Gewand ein besonderes Zeichen tragen, das

die Gläubigen abschrecken soll, ein irdisches Verlangen nach ihnen zu

tragen. Dieses Zeichen jungfräulicher Reinheit, aus weißem Faden genäht,

soll die Jungfrau auf dem Haupte tragen, aber nicht eher als bis sie vom

Bischof die Weihe empfangen hat: kein anderer Schleier soll dieses Zeichen

tragen.

Auf dem bloßen Leib sollen die Schwestern reine Hemden tragen, und auch in

denselben schlafen. Auch wollen wir in Anbetracht ihrer schwachen Natur den

Gebrauch von Matratzen und Betttüchern nicht verbieten. Jede aber soll für

sich schlafen und essen. Keine soll sich beschweren, wenn Kleider oder

sonstige Dinge, die ihr von andern überlassen wurden, einer Schwester

zugewiesen werden, die sie mehr nötig hat. Vielmehr soll sie sich darüber

freuen, daß ihr die Bedürftigkeit ihrer Schwester eine Gelegenheit zum

Almosen gegeben hat, und soll daran denken, daß sie nicht für sich, sondern

für andere lebt. Wo nicht, so gehört sie auch nicht zu der heiligen

Genossenschaft und ist schuldig des Frevels, eigenen Besitz zu haben.

Zur Bekleidung des Körpers scheint uns zu genügen ein Hemd, ein Pelz, ein

Gewand, und wenn es sehr kalt ist, darüber ein Mantel. Diesen können die

Schwestern beim Schlafen auch als Decke benutzen. Wegen des Ungeziefers und

wegen notwendiger Reinigung sollen alle diese Kleidungsstücke doppelt

gehalten werden, so wie Salomo in seinem Lob der wackeren und sorgsamen

Hausfrau sagt: »Sie fürchtet ihres Hauses nicht vor dem Schnee, denn ihr

ganzes Haus hat zwiefache Kleider«. Die Kleider sollen der Länge nach nicht

weiter als bis zum Absatz reichen, damit kein Staub aufgewirbelt wird. Die

Ärmel sollen nicht länger sein als Arm und Hand zusammen. Die Beine und

Füße sollen mit Schuhen und Strümpfen bekleidet sein, und nie sollen die

Schwestern barfuß gehen, auch nicht unter dem Vorwand der Frömmigkeit. Für

die Betten genügt eine Matratze, ein Polster, ein Kissen, eine Decke und

ein Leintuch. Auf dem Kopf sollen die Schwestern eine weiße Binde tragen,

darüber einen schwarzen Schleier, und wo es nötig ist, auf der Tonsur eine

Mütze aus Lammfell.

Aber nicht allein bei Nahrung und Kleidung soll alles Überflüssige gemieden

werden, sondern auch an den Gebäuden und sonstigen Besitzungen. An den

Gebäuden zeigt es sich deutlich, ob sie größer oder schöner angelegt sind

als ihr Zweck es erfordert, oder ob wir, mit Werken der Bildhauerkunst und

der Malerei sie schmückend, Königspaläste bauen, statt Hütten der Armut.

»Des Menschen Sohn,« sagt Hieronymus, »hat nicht, da er sein Haupt hinlege,

und du baust weite Hallen und deckst gewaltige Häuser ein?« Wenn wir uns

teure und schöne Pferde halten, so ist das nicht bloß Überfluß, sondern

eitler Übermut. Mit unsern Herden und unserm Landbesitz wächst unser Hunger

nach äußerem Gut, und je mehr wir auf dieser Erde besitzen, desto mehr

müssen sich unsere Gedanken damit beschäftigen und werden von der

Betrachtung der himmlischen Dinge abgezogen. Und ob wir auch den Leib

hinter Klostermauern verschließen, die Seele muß doch dem nachgehen, was

draußen ist und was sie liebt, und zerstreut sich dahin und dorthin. Je

mehr Besitztum wir verlieren können, desto größer die Furcht, die uns

quält; je kostbarer der Besitz, desto mehr hängt man an ihm, desto mehr

fesselt er das arme Herz an sich.

Darum ist dafür zu sorgen, daß wir unserem Haus und unserem Vermögen eine

bestimmte Grenze setzen und nichts, was nicht notwendig ist, begehren,

annehmen oder zurückbehalten. Denn alles was über das eigentliche Bedürfnis

hinausgeht, besitzen wir nur wie einen Raub und machen uns schuldig am Tode

so vieler Armen als wir mit unserem Überfluß hätten erhalten können. Jedes

Jahr also, nachdem die Früchte eingeerntet sind, ist der Bedarf des Jahres

zu überschlagen; was übrig bleibt, das soll den Armen geschenkt oder

vielmehr zurückgegeben werden.

Es giebt Leute, die, der weisen Mäßigung vergessend, sich ihrer zahlreichen

Familie freuen, während sie doch nur wenig Einkünfte haben. Fällt ihnen nun

die Unterhaltung derselben schwer, so fangen sie an, in unverschämter Weise

zu betteln oder andern mit Gewalt zu nehmen, was sie brauchen. Wir haben

mit den Vätern mancher Klöster ähnliche Erfahrungen gemacht: sie rühmen

sich ihres zahlreichen Konventes, sehen nur darauf, viele, nicht aber gute

Söhne zu haben und halten sich für etwas Besonderes, wenn sie unter vielen

die größten sind. Sie ziehen die Leute in ihre Behausungen, versprechen

ihnen gute Tage, da sie ihnen doch ein hartes Leben ankündigen sollten, und

weil sie ungeprüft und ohne Unterschied jeden aufnehmen, so verlieren sie

ihre Leute wieder durch Abfall. Gegen solche, wenn ich recht sehe, richtet

sich die »Wahrheit« in dem Wort: »Wehe euch, die ihr Land und Wasser

umziehet, daß ihr einen Judengenossen machet; und wenn er's worden ist,

machet ihr aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig mehr, denn ihr seid«.

Gewiß würden sie ihren Ruhm weniger in einer großen Menge suchen, wenn sie

statt der Zahl mehr das Heil der Seelen im Auge hätten und wenn sie sich

nicht mehr Kraft zur Leitung einer Gemeinschaft zutrauten, als sie haben.

Der Herr hat nur wenige Jünger erwählt, und doch ist auch von diesen

wenigen einer abgefallen, so daß der Herr selbst sagte: »Habe ich nicht

euch Zwölfe erwählt und eurer Einer ist ein Teufel?« Und wie Judas aus der

Zahl der Apostel, so ging von den sieben Diakonen Nikolaus verloren. Und

als die Apostel erst wenige um sich gesammelt hatten, haben Ananias und

Sapphira sich die Todesstrafe zugezogen. Auch beim Herrn selbst blieb nur

eine kleine Schar zurück, während viele seiner Jünger hinter sich gingen.

Denn der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenig ist ihrer, die

darauf wandeln. Dagegen ist der breit und geräumig, der zum Tode führt, und

viele sind, die sich nach ihm drängen. Darum bezeugt der Herr selbst ein

andermal: »Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt«. Und Salomo

sagt: »Der Narren Zahl hat kein Ende«.

Darum hüte sich jeder, der sich der Menge der Untergebenen freut, daß nicht

unter ihnen nach dem Worte des Herrn wenig Auserwählte seien, und daß ihm

nicht, während er seine Herde maßlos vermehrt, die Kräfte zu ihrer

Überwachung fehlen; sonst möchten ihm geistlich Gesinnte das Wort des

Propheten vorhalten: »Du hast dein Volk gemehrt, aber seine Freude hast du

nicht erhöht«. Solche Leute müssen, um ihre und der Ihrigen Angelegenheiten

zu besorgen, oftmals auswärts gehen, in die Welt zurückkehren und sie

bettelnd durchstreifen. Sie verwickeln sich in zeitliche Sorgen und

vergessen das Ewige und holen sich oft mehr Schande als Ruhm. Dies wäre für

die Frauen eine um so größere Schande, als es für sie mit Gefahren

verbunden ist, wenn sie in der Welt herumziehen.

Darum, wer in Ruhe und Ehrbarkeit leben, für den Dienst des Herrn Zeit

behalten und vor Gott und den Menschen wohlgefällig sein will, der scheue

sich zu sammeln, was er nicht unterhalten kann und rechne bei seinen

Ausgaben nicht auf den Geldbeutel anderer Leute; er trachte danach, Almosen

auszuteilen, nicht einzusammeln. Paulus, der gewaltige Prediger des

Evangeliums, obwohl er Macht hat, von seiner Predigt zu leben, lebt von

seiner Hände Arbeit, um niemand lästig zu fallen und seines Ruhmes nicht

verlustig zu gehen. Sollten also wir, die wir nicht predigen, sondern über

die Sünde trauern, die Kühnheit oder Schamlosigkeit haben, zu betteln, um

die, die wir gedankenlos aufgenommen haben, zu unterhalten? Gehen wir doch

schon so weit in wahnsinniger Verblendung, daß wir, weil wir nicht selbst

predigen können, andere Prediger für Geld werben, und diese Lügenapostel

führen wir mit uns herum und tragen unsere Kreuze und Reliquien bei uns und

verkaufen dies samt dem Worte Gottes, ja selbst des Teufels Blendwerk, an

die einfältigen bornierten Christenleute und versprechen ihnen um Geld

alles, was sie wollen.

Jedermann weiß, wie sehr bereits unser Stand und die Predigt des göttlichen

Wortes in Mißachtung gefallen ist um dieser schamlosen Habgier willen, die

nur das Ihre sucht, nicht das was Jesu Christi ist. Ja, auch die Äbte und

Obersten der Klöster machen sich in aufdringlicher Weise an die weltlichen

Fürsten und ihre Höfe und finden sich bereits im fleischlichen Leben besser

zurecht als im klösterlichen. Nach Menschengunst mit allen Künsten jagend

verstehen sie sich besser darauf, mit den Menschen zu verhandeln, als mit

Gott zu reden. Jene Warnung des heiligen Antonius lesen sie -- wie oft! --

vergebens und schlagen sie in den Wind, oder hören sie zwar, befolgen sie

aber nicht. Er sagt: »Wie der Fisch auf trockenem Lande stirbt, so wird der

Mönch, der außer seiner Zelle verzieht und mit Weltleuten verkehrt, seinem

beschaulichen Lebensberuf entfremdet«. Darum: wie der Fisch zum Meer, so

müssen wir zu unserer Zelle zurückeilen, damit wir nicht über dem Draußen

vergessen, unser Inneres zu hüten.

Auch der Urheber der Klosterregel selbst, der heilige Benediktus, hat durch

Wort und That deutlich gezeigt, wie es sein Wunsch sei, daß die Äbte

dauernd in ihrem Kloster anwesend seien und sorglich über ihre Herde

wachen. Als er nämlich einmal das Kloster verlassen hatte, um seine fromme

Schwester zu besuchen, und diese ihn nur Eine Nacht zu erbaulichem Gespräch

zurückhalten wollte, sagte er offen, er dürfe durchaus nicht außerhalb des

Klosters bleiben. Er sagt nicht: »wir dürfen nicht«, sondern: »ich darf

nicht«; denn die Brüder durften es mit seiner Erlaubnis, er selbst aber

nicht, es sei denn, daß ihm hierüber, wie dies später geschah, von Gott

eine besondere Offenbarung zu teil wurde. Darum steht auch in seiner Regel

nirgends etwas vom Ausgehen des Abtes, sondern nur von dem der Brüder. Für

die ständige Anwesenheit des Abtes sorgt er so vorsichtig, daß er eine

Vorschrift hat, wonach an den Vigilien der Sonn- und Feiertage die

Verlesung des Evangeliums und was damit zusammenhängt, nur vom Abt

verrichtet werden darf. Er bestimmt auch, daß der Abt stets mit den Pilgern

und Gästen zu Tische sitzen solle, und wenn keine Gäste da sind, soll er

von den Brüdern an seine Seite rufen, wen er will, und die andern unter der

Aufsicht eines oder zweier Ältesten lassen. Daraus geht deutlich sein Wille

hervor, daß der Abt zur Essenszeit stets im Kloster sein soll und nicht, an

die leckeren Schüsseln der Großen gewöhnt, die Klosterbrüder beim trockenen

Brot zurücklasse. Von solchen Menschen sagt die »Wahrheit«: »Sie binden

schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf den Hals;

aber sie wollen dieselben nicht mit einem Finger regen«. Und ein andermal

von den falschen Predigern: »Hütet euch vor den falschen Propheten, die zu

euch kommen. Sie kommen von sich aus, nicht von Gott gesandt und haben

keinen Auftrag von ihm«.

Johannes der Täufer, unser Oberhaupt, hatte durch seine Geburt ein Recht

auf das Hohepriestertum; aber er entwich aus der Stadt in die Wüste und gab

das hohepriesterliche Amt für das Mönchsleben, die Stadt für die Wüste

dran. Und das Volk ging zu ihm hinaus, nicht er kam zum Volke. Obwohl er so

groß war, daß man glaubte, er sei Christus, und er in den Städten viel

Gutes hätte wirken können: er lag schon in jenem Bettlein, von dem aus er

für den klopfenden Freund die Antwort bereit hatte: »Ich habe meinen Rock

ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße

gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?«

Darum jeder, der sich nach der Abgeschiedenheit klösterlicher Ruhe sehnt,

der freue sich seines Bettes, vielmehr seines Bettlein. Denn von Einem

Bett, sagt die »Wahrheit«, wird der eine angenommen, der andere wird

verlassen werden. Ein Bettlein aber hat die Braut, d. h. die beschauliche

Seele, die mit Christus aufs engste verbunden ist und mit höchstem

Verlangen an ihm hängt. Von niemand, der da hineinging, lesen wir, daß er

verlassen worden sei. Die Braut selber sagt davon: »Ich suchte des Nachts

in meinem Bettlein, den meine Seele liebet«. Dieses Bettlein ist es auch,

von welchem aufzustehen sie sich weigert oder sich scheut, und von wo aus

sie dem klopfenden Freund die oben angeführten Worte zuruft. Denn außer

ihrem Bett, glaubt sie, sei der Schmutz, mit dem sie die Füße zu besudeln

fürchtet. Dina ist hinausgegangen, um die Fremden zu sehen, und hat ihre

Ehre dabei verloren. Und jener gefangene Mönch Malchus hat nachher an sich

selbst erfahren, was sein Abt ihm vorausgesagt hatte: ein Schaf, das den

Schafstall verläßt, fällt leicht dem Wolf zum Opfer.

Darum wollen wir keine zu große Gemeinschaft sammeln, deren Bedürfnisse uns

Gelegenheit geben, ja uns nötigen, auswärts zu gehen: wir würden sonst

andere gewinnen und selber dabei Schaden nehmen nach Art des Bleis, das

sich verzehren lassen muß, damit das Silber im Tiegel erhalten bleibe.

Fürchten wir uns vielmehr davor, daß nicht Blei und Silber zugleich vom

heftigen Feuer der Anfechtungen verzehrt werde. Die »Wahrheit«, wird man

uns entgegnen, hat gesagt: »Wer zu mir kommt, den will ich nicht

hinauswerfen«. Auch wir wollen nicht hinauswerfen, wen wir einmal

aufgenommen haben, aber wir wollen bei der Aufnahme vorsichtig sein: nicht

daß wir uns selber hinauswerfen, während wir sie hereinnehmen. Denn auch

der Herr selbst, so lesen wir, hat nicht einen bereits Aufgenommenen

hinausgeworfen, sondern er hat einen, der sich ihm antrug, zurückgewiesen.

Als der ihm sagte: »Meister, ich will dir folgen, wohin du gehst,« hat er

ihm geantwortet: »Die Füchse haben Gruben« u. s. w. Er ermahnt uns auch

dringend, wenn wir etwas auszuführen gedenken, vorher die Kosten, die zur

Unternehmung notwendig sind, zu überschlagen, indem er sagt: »Wer ist aber

unter euch, der einen Turm bauen will, und sitzt nicht zuvor, und

überschlägt die Kosten, ob er's habe hinauszuführen? Auf daß nicht, wo er

den Grund gelegt hat und kann's nicht hinausführen, alle, die es sehen,

fahen an, seiner zu spotten. Und sagen: 'dieser Mensch hub an zu bauen, und

kann es nicht hinausführen'«. Es ist schon viel, wenn einer für sein eigen

Heil zu sorgen weiß, und gefährlich ist's, wenn einer für viele sorgen

soll, der kaum sich selber zu behüten fertig wird. Im Bewahren aber ist nur

der gewissenhaft, der beim Aufnehmen ängstlich war, und niemand bleibt so

fest bei dem, was er einmal angefangen, wie der, der langsam und vorsichtig

drangegangen ist. Frauen aber sollten in diesem Stück um so vorsichtiger

sein, als sie in ihrer Schwachheit weniger schwere Lasten zu tragen

vermögen und ihnen Ruhe ganz besonders notthut.

Die Heilige Schrift ist ein Spiegel der Seele. Ja gewiß: wer in ihr lesend

lebt und ihr Verständnis sich zu Nutzen macht, der erkennt aus ihr die

Schönheit seiner Sitten oder wird ihrer Häßlichkeit gewahr, so daß er jene

mehren, diese beseitigen kann. An diesen Spiegel erinnert uns der heilige

Gregorius im zweiten Kapitel seiner »Moralia«: »Die Heilige Schrift wird

unserem geistigen Auge vorgehalten wie ein Spiegel, daß wir darin unser

inneres Gesicht wahrnehmen können. Hier erkennen wir unsere häßlichen wie

unsere schönen Züge. Hier merken wir, was für Fortschritte wir gemacht

haben und wie weit wir vom Fortschritt entfernt sind«. Wer aber die Heilige

Schrift ansieht, ohne sie zu verstehen, dem geht es wie dem Blinden, der

sich einen Spiegel vor die Augen hält, ohne daß er sich darin sehen kann;

ein solcher sucht nicht Belehrung aus der Schrift, wiewohl sie doch eben

dazu da ist. Er sitzt müßig vor der Schrift, wie der Esel vor der Leier. Er

gleicht dem Hungernden, der ein Brot vor sich hat und sich doch nicht damit

sättigen kann. Ihm ist das Wort Gottes eine unnütze Speise, mit der er

nichts anzufangen weiß, weil er weder selbst mit dem Verstand in sie

eindringen kann, noch auch ein anderer sie ihm mundgerecht macht, indem er

ihn belehrt.

Darum sagt auch der Apostel, indem er uns zum Studium der Schrift im

allgemeinen ermahnt: »Was aber geschrieben ist, das ist uns zur Lehre

geschrieben, auf daß wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung

haben«. Und an anderer Stelle: »Werdet voll heiligen Geistes und redet

untereinander in Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern«. Mit sich

selber nämlich redet, wer versteht, was er vorbringt und aus seinen Worten

Nutzen zu ziehen weiß. Derselbe Apostel schreibt an Timotheus: »Halt an mit

Lesen, mit Ermahnen, mit Lehren, bis ich komme«. Und wiederum: »Du aber

bleibe in dem, das du gelernet hast und dir vertrauet ist, sintemal du

weißest, von wem du gelernet hast. Und weil du von Kind auf die Heilige

Schrift weißest, kann dich dieselbige unterweisen zur Seligkeit durch den

Glauben an Christum Jesum. Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist

nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der

Gerechtigkeit, daß ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werk

geschickt«. Auch die Korinther ermahnt der Apostel zum Studium der Schrift,

damit sie, was andere über die Schrift sagen, auslegen können: »Strebet

nach der Liebe. Fleißiget euch der geistlichen Gaben, am meisten aber, daß

ihr weissagen möget. Denn der mit Zungen redet, der redet nicht den

Menschen, sondern Gott; wer aber weissaget, der bessert die Gemeinde.

Darum, wer mit Zungen redet, der bete also, daß er's auch auslege. Ich will

beten mit dem Geist und will beten auch im Sinn; ich will Psalmen singen im

Geist und will auch Psalmen singen mit dem Sinn. Wenn du aber segnest im

Geist, wie soll der, so an Statt des Laien stehet, Amen sagen auf deine

Danksagung, sintemal er nicht weiß, was du sagest? Du danksagest wohl fein,

aber der andere wird nicht davon gebessert. Ich danke meinem Gott, daß ich

mehr mit Zungen rede denn ihr alle. Aber ich will in der Gemeine lieber

fünf Worte reden mit meinem Sinn, auf daß ich auch andere unterweise, denn

sonst zehntausend Worte mit Zungen. Liebe Brüder, werdet nicht Kinder an

dem Verständnis, sondern an der Bosheit seid Kinder, an dem Verständnis

aber seid vollkommen«.

Zungen reden heißt: bloße Worte ausstoßen, ohne sie durch Auslegung

verständlich zu machen. Weissagen oder auslegen heißt: nach Art der

Propheten, welche Seher, d. h. Einsehende genannt werden, verstehen was man

sagt, so daß man es auch anderen auslegen kann. Im Geiste betet oder singt

Psalmen, wer nur hörbare Laute von sich giebt, ohne einen verständigen Sinn

damit zu verbinden. Wenn aber unser Geist betet, d. h. wenn wir nur

zusammenhangslose Laute hervorbringen, ohne mit dem Herzen zu fassen, was

die Lippen sprechen, so bleibt unsere Seele ohne die Frucht, die sie doch

vom Gebet haben sollte: nämlich, daß sie durch den Sinn der ausgesprochenen

Worte zur Sehnsucht und zum Verlangen nach Gott entflammt würde.

Darum ermahnt uns der Apostel, wir sollen unsere Reden so gestalten, daß

wir nicht, wie so viele andere, nur Laute hervorbringen, sondern auch einen

Sinn damit verbinden, und er will nicht, daß wir anders beten oder Psalmen

singen, weil dies ohne Frucht bleibe. Darin folgt ihm auch der heilige

Benedikt, wenn er sagt: »Wir sollen in solcher Verfassung Psalmen singen,

daß unser Geist mit dem, was wir singen, übereinstimmt«. Dies verlangt auch

der Psalmist mit dem Wort: »Lobsinget mit Verstand«. Den Worten und Lauten

soll die Würze des vernünftigen Sinnes nicht fehlen, damit wir in Wahrheit

zum Herrn sprechen können: »Wie lieblich sind deine Worte in meinem Munde«.

Und an anderer Stelle: »Nicht mit Flöten wird der Mann sich angenehm machen

vor Gott«. Nämlich die Flöte ertönt zu Lustbarkeit und Vergnügen, nicht zu

ernstem Nachdenken. Daher man von denen, die von ihrer eigenen Musik so

entzückt sind, daß sie die Erbauung des Verstandes darüber vergessen, mit

Recht sagen kann: sie spielen die Flöte, ohne damit Gott zu gefallen. Wie

soll man, sagt der Apostel, zu den Gebeten in der Kirche Amen sagen, wenn

man nicht versteht, was gebetet wird, und nicht weiß, ob es etwas Gutes

oder etwas Schlimmes ist, um was man betet. So erleben wir's ja oft, daß

Laien, die den Sinn der Worte nicht verstehen, in der Kirche aus Irrtum

sich selbst Böses erflehen, statt Gutes: wenn es z. B. heißt: »Laß uns so

durch das Zeitliche gehen, ut _non_ amittamus aeterna«[4] -- werden manche

durch den ähnlich klingenden Laut irregeführt und sagen: »ut _nos_

amittamus aeterna«[5] oder: »ut non admittamus aeterna«.[6] Dieser Gefahr

will der Apostel vorbeugen mit den Worten: »Wenn du aber segnest im Geist«,

d. h. wenn du beim Segnen nur unverständliche Laute von dir giebst, »wie

soll der, so an Statt des Laien stehet, Amen sagen?«, d. h. wer von den

Assistierenden, deren Aufgabe es ist, an Stelle der Laien zu antworten,

wird dann antworten können? »Wie soll er Amen sagen?«, weiß er doch nicht,

ob er es zu einem Segen oder zu einem Fluch sagt. Endlich, wer die Schrift

nicht versteht, wie kann sich der am Wort erbauen, wie soll er die Regel

auslegen und verstehen, oder verbessern, was unrichtig ist?

[Fußnote 4: Daß wir das Ewige _nicht_ verlieren.]

[Fußnote 5: Daß _wir_ das Ewige verlieren.]

[Fußnote 6: Daß wir das Ewige nicht _zulassen_.]

Darum sind wir auch nicht wenig erstaunt, daß man in den Klöstern, einer

Eingebung des Teufels folgend, keine Studien zum Verständnis der Schrift

treibt, sondern nur zum Gesang und zum Aussprechen der Wörter, nicht aber

zum Verstehen derselben Anleitung giebt: als ob das Blöken der Schafe

wichtiger wäre als das Weiden. Denn das Verständnis der Heiligen Schrift

ist die Speise und geistliche Erquickung der Seele. Darum läßt der Herr den

Ezechiel, ehe er ihn zum Predigen bestimmt, ein Buch verschlingen, das

alsbald in seinem Munde ward wie süßer Honig. Von dieser Speise redet auch

Jeremia: »Die jungen Kinder heischen Brot und ist niemand, der es ihnen

breche«. Den Kindern nämlich bricht Brot, wer den Sinn der Schrift den

Einfältigen eröffnet. Und diese Kinder, die verlangen, daß man ihnen das

Brot breche, das sind die, die ihr Herz sättigen wollen am Verständnis der

Schrift, wie der Herr an einer andern Stelle bezeugt: »Ich werde einen

Hunger ins Land schicken, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach

Wasser, sondern nach dem Worte des Herrn, zu hören«. Dagegen aber hat der

alte Feind einen Hunger und Durst, zu hören Menschenworte und das Geräusch

der Welt, in die Mauern der Klöster geschickt, also daß über eitlem

Geschwätz das Wort Gottes uns entleidet, zumal es uns ohne die Süßigkeit

und Würze des Verständnisses ungenießbar erscheint. Daher sagt der

Psalmist, wie oben erwähnt: »Wie lieblich sind deine Worte in meinem Munde.

Dein Wort ist meinem Munde süßer denn Honig«. Worin diese Süßigkeit

bestehe, fügt er sogleich hinzu: »Dein Wort macht mich klug«. Das heißt:

aus deinem Wort, nicht aus Menschenworten, habe ich Klugheit gelernt, dein

Wort hat mich unterrichtet und belehrt. Auch was die Frucht dieses

Verständnisses betrifft, fügt er hinzu: »Darum hasse ich alle falschen

Wege«. Viele bösen Wege sind an sich schon so deutlich als solche zu

erkennen, daß alle sie von selbst hassen und verabscheuen; aber alle bösen

Wege können wir mit Hilfe des göttlichen Wortes erkennen und meiden. Daher

auch das Wort: »Deine Worte sind in meinem Herzen geborgen, daß ich mich

nicht an dir versündige«. In unserem Herzen sind sie geborgen und tönen

nicht von unsern Lippen, wenn wir durch stilles Nachdenken zu ihrem

Verständnis gekommen sind. Je weniger wir nach diesem Verständnis trachten,

desto weniger vermögen wir die bösen Wege zu erkennen und zu meiden und uns

vor der Sünde zu hüten.

Eine Versäumnis in dieser Hinsicht ist namentlich Mönchen, die nach

Vollkommenheit streben sollen, schwer anzurechnen, denn sie können die

Belehrung leichter haben, da ihnen eine Menge heiliger Bücher zu Gebote

steht und sie Zeit und Ruhe genug dazu haben. Jener Alte in dem Buch »Leben

der Altväter« tadelt mit Recht diejenigen, welche die Menge der

Schriftsteller rühmen, aber zum Lesen derselben keine Zeit finden. »Die

Propheten,« sagt er, »haben Bücher geschrieben, und nach ihnen sind unsere

Väter gekommen und haben über diesen Büchern gearbeitet. Ihre Nachfolger

haben sie dem Gedächtnis der Nachwelt empfohlen. Dann ist das heutige

Geschlecht gekommen und hat die Bücher abgeschrieben auf Papier und

Pergament und hat sie unbenutzt in den Fächern liegen lassen.« Auch der

Vater Palladius mahnt uns dringend zum Lernen wie zum Lehren: »Eine Seele,

die nach dem Willen Christi beschaffen sein will, muß fleißig lernen, was

sie nicht weiß und frei lehren, was sie erkannt hat«. Wenn sie aber beides,

obwohl sie könnte, nicht will, dann leidet sie an Wahnsinn. Denn der Anfang

des Abfalls von Gott ist der Ekel an der Wissenschaft, und wie kann man

Gott lieben, wenn man nicht begehrt, wonach die Seele allezeit hungert?

Auch dem heiligen Anastasius ist das Lernen und Studieren so wichtig, daß

er in seiner Mahnung an die Mönche den Rat giebt, die religiösen Übungen

damit zu unterbrechen. »Ich will den Weg unserer Lebensweise vorzeichnen,«

sagt er; »das erste ist die Sorge für die Abstinenz, Geduld im Fasten,

Anhalten am Gebet und Fleiß im Lesen, oder wenn einer der Schrift noch

nicht mächtig ist, im Zuhören, gefördert durch das Verlangen, zu lernen.

Das ist gleichsam das erste Kinderspielzeug in die Wiege derer, die noch

Säuglinge sind in der Gotteserkenntnis.« Nach einigen weiteren Sätzen sagt

er dann zuerst: »am Gebet soll man also anhalten, daß dasselbe fast keine

Unterbrechung erleidet«; dann aber fügt er hinzu: »Wenn möglich, sollen die

Gebete nur durch Lesen unterbrochen werden«. Auch der Apostel Petrus sagt

dasselbe in seiner Mahnung: »Seid allezeit bereit zur Verantwortung

jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in euch ist«. Und der

Apostel Paulus sagt: »Wir hören nicht auf zu beten, daß ihr erfüllet werdet

mit Erkenntnis seines Willens in allerlei geistlicher Weisheit und

Verstand«; und weiter: »Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen

in aller Weisheit«.

Auch im Alten Testament wird den Menschen in ähnlicher Weise eingeschärft,

sich mit den heiligen Geboten vertraut zu machen. Denn so spricht David:

»Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, noch tritt auf den Weg

der Sünder, noch sitzet, da die Spötter sitzen; sondern hat Lust zum Gesetz

des Herrn«. Und zu Josua, dem Sohne Nuns, sagt der Herr: »Laß das Buch

dieses Gesetzes nicht aus deinen Händen kommen, sondern betrachte es Tag

und Nacht«.

Freilich drängen sich oft auch in diese fromme Beschäftigung unheilige

verführerische Gedanken ein, und ob wir auch unsern Geist mit allem Eifer

auf Gott gerichtet haben, so macht uns doch die Sorge dieser Welt zu

schaffen. Und wenn derjenige solchen Anfechtungen ausgesetzt ist, der in

Erfüllung seines heiligen Berufes begriffen ist, dann wird jedenfalls der

Müßige ihnen auch nicht entgehen. Der heilige Papst Gregorius sagt im 19.

Kapitel seiner »Moralia«: »Mit Seufzen sehen wir jetzt Zeiten anbrechen, da

viele, die einen kirchlichen Beruf haben, entweder ihr Thun nicht nach dem,

was sie wissen, einrichten wollen, oder aber überhaupt verschmähen, das

Wort Gottes kennen zu lernen und zu verstehen. Sie verschließen ihr Ohr vor

der Wahrheit und wenden sich den Fabeleien zu; denn sie suchen alle das

Ihre, nicht was Jesu Christi ist. Überall tritt uns das Wort Gottes vor die

Augen, aber die Menschen mögen es nicht kennen lernen. Fast keiner begehrt

zu wissen, was er glaubt«.

Und doch ermahnen uns dazu die Klosterregeln, wie die Vorbilder der

heiligen Väter. Der heilige Benediktus giebt über das Lehren und Lernen des

Gesangs keine bestimmte Vorschrift, wohl aber hat er genaue Bestimmungen

über das Lesen. Er setzt für das Lesen wie für die Arbeit eine bestimmte

Zeit genau fest und ist für die Übung im Lesen und Schreiben so besorgt,

daß er unter den notwendigen Gegenständen, die der Mönch von seinem Abt

anzusprechen hat, auch Feder und Papier nicht vergißt. Er hat unter anderem

die Bestimmung, daß bei Beginn der Fasten jeder Mönch aus der Bibliothek

ein Buch empfangen soll, das er ganz durchzulesen hat; was aber wäre

lächerlicher als seine Zeit mit Lesen zu verbringen, ohne darauf zu achten,

ob man den Inhalt versteht oder nicht? Bekannt ist das Wort jenes Weisen:

»Lesen ohne zu verstehen ist mißverstehen«. Auf einen solchen Leser paßt

das Wort des Philosophen vom Esel vor der Leier. Denn ein Leser, der ein

Buch in der Hand hält, ohne daß er etwas damit anfangen kann, ist wie ein

Esel, der vor einer Leier sitzt. Und viel vernünftiger wäre es, wenn solche

Menschen sich sonstwie nützlich beschäftigen würden, statt müßig

dazusitzen, die Buchstaben anzusehen und die Blätter umzudrehen. An solchen

Lesern sehen wir das Wort des Jesaia sich erfüllen: »Daß euch aller

Propheten Gesichte sein werden wie die Worte eines versiegelten Buchs,

welches, so man's gäbe einem, der lesen kann, und spräche: 'Lieber, lies

das', und er spräche: 'Ich kann nicht, denn es ist versiegelt'. Oder gleich

als wenn man's gäbe dem, der nicht lesen kann, und spräche: 'Lieber, lies

das,' und er spräche: 'Ich kann nicht lesen'. Und der Herr spricht 'Darum,

daß dies Volk zu mir nahet mit seinem Munde, und mit seinen Lippen mich

ehret, aber ihr Herz ferne von mir ist, und mich fürchten nach

Menschengebot, das sie lehren: so will ich auch mit diesem Volk wunderlich

umgehen, aufs wunderlichste und seltsamste, daß die Weisheit seiner Weisen

untergehe und der Verstand seiner Klugen verblendet werde'«.

Man sagt im Kloster, daß die sich auf die Schrift verstehen, die sie lesen

können. Allein wenn sie hinsichtlich des Verständnisses der Schrift

gestehen müssen, daß sie davon nichts wissen, so ist ihnen ihr Buch

versiegelt, so gut wie denen, die da sagen, sie können nicht lesen. Gott

aber bezichtigt sie, daß sie ihm mit Mund und Lippen nahen, nicht aber mit

dem Herzen, weil sie das, was sie allenfalls lesen können, nicht im

mindesten verstehen. Solche Menschen, indem sie des Verständnisses der

Schrift entbehren, machen nur eine äußerliche Gewohnheit mit, haben aber

keinen Nutzen von der Schrift. Darum droht der Herr, daß er auch ihre

sogenannten Weisen und Gelehrten mit Blindheit schlagen wolle.

Hieronymus, der größte Lehrer der Kirche und die schönste Zierde des

Mönchsstandes, ermahnt uns zur Liebe der Wissenschaften, indem er sagt:

»Liebe die Wissenschaft und du wirst die schnöde Lust des Fleisches nicht

lieben«; und er legt selbst Zeugnis davon ab, wie viel Zeit und Mühe er

darauf verwandt habe. Neben dem, was er, um uns durch sein Beispiel zu

lehren, über sein eigenes Studium schreibt, sagt er in einem Brief an

Pammachius und Oceanus folgendes: »In meiner Jugend war ich von einer

brennenden Lernbegierde erfüllt. Und ich war nicht, wie andere sich heraus

nehmen, mein eigener Lehrer, sondern ich habe zu Antiochia fleißig den

Apollinaris gehört und bin mit ihm verkehrt, während er mich in den

heiligen Schriften unterrichtete. Schon färbte mein Haar sich grau, und ich

hätte demnach eher Lehrer sein sollen als noch Schüler. Dennoch ging ich

nach Alexandria. Ich hörte da den Didymus; viel verdanke ich ihm, viel

Neues hat er mich gelehrt. Die Leute meinten, nun hätte ich endlich

ausgelernt. Da lernte ich noch in Jerusalem und in Bethlehem mit Mühe und

um teures Geld nächtlicherweile Hebräisch bei Barannias. Denn er fürchtete

sich vor den Juden und ward mir ein zweiter Nikodemus«. Wahrlich, er hatte

sich treulich gemerkt, was im Buch Sirach zu lesen ist: »Liebes Kind, laß

dich die Weisheit ziehen von Jugend auf, so wird ein weiser Mann aus dir«.

Nicht allein aus den Worten der Schrift, sondern auch aus dem Vorbild der

heiligen Väter hat er sich belehrt, und unter den Lobsprüchen, die er dem

dortigen musterhaften Kloster spendet, findet sich folgende Bemerkung über

die ausgezeichnete Pflege des Schriftstudiums in demselben: »Nirgends habe

ich ein so tiefes Studium und Verständnis der Heiligen Schrift und eine so

eifrige Pflege der Gottesgelehrtheit gefunden, wie hier. Man hätte jeden

der Mönche für einen Lehrer der göttlichen Weisheit halten können«.

Auch der heilige Beda, der schon als Knabe ins Kloster aufgenommen wurde,

wie er in der »Geschichte der Angelsachsen« berichtet, sagt: »Seitdem

brachte ich mein ganzes Leben in ein und demselben Kloster zu und habe mich

ganz dem Studium der Heiligen Schrift hingegeben; neben der Beobachtung der

Klosterregel und der täglichen Pflicht des Singens in der Kirche war es

allezeit mein höchstes Vergnügen, zu lernen oder zu schreiben«.

Jetzt aber bleiben die, die in Klöstern erzogen werden, so einfältig, daß

sie, zufrieden mit dem leeren Schall der Worte, sich um das Verständnis der

Schrift nicht kümmern, und nicht fürs Herz etwas lernen, sondern nur die

Zunge üben wollen. Sie trifft der Spruch Salomos: »Das Herz des Weisen

sucht Weisheit, aber des Narren Mund weidet sich an der Thorheit«, nämlich

wenn er sich an Worten erfreut, die er nicht versteht. Solche Leute können

ja Gott nicht lieben und in Liebe zu ihm entbrennen, da sie vom Verständnis

der Schrift, die uns über Gott belehrt, so weit entfernt sind.

Diese Zustände in den Klöstern sind hauptsächlich auf zwei Ursachen

zurückzuführen: einmal auf die Eifersucht der Laien und Laienbrüder, ja

auch der Vorgesetzten selbst, sodann auf das leere Geschwätz und die

Müßiggängerei, die in den heutigen Klöstern vielfach zu Hause sind. Jene

wollen mit uns nur in irdischem Handel und Wandel zu thun haben, nicht aber

in geistlichem Verkehr mit uns stehen und gleichen den Philistern, die den

Isaak verfolgten, als er einen Brunnen graben wollte, und ihm das Wasser

wehrten, indem sie Erde hineinwarfen. Gregorius legt diese Geschichte in

seinen »Moralia«, Kapitel XVI, also aus: »Oft, wenn wir uns mit der

Heiligen Schrift beschäftigen, haben wir unter den Angriffen der bösen

Geister schwer zu leiden: sie streuen uns den Staub irdischer Gedanken in

den Sinn, um das Auge unserer Betrachtung für das Licht der inneren

Beschauung blind zu machen«. Dies hatte der Psalmist nur allzusehr

erfahren, als er sagte: »Weichet von mir, ihr Übelthäter, ich will

erforschen die Gebote meines Gottes«. Er erklärt damit deutlich, daß er die

Gebote Gottes nicht erforschen konnte, weil sein Geist zu kämpfen hatte

gegen die Anläufe der Dämonen. Sie sind dasselbe, was die bösen. Philister

bei Isaaks Brunnen waren, als sie ihn mit Erde füllten. Denn solche Brunnen

graben wir in der That, wenn wir in die verborgenen Tiefen der Schrift

eindringen. Es ist, als deckten die Philister uns den Brunnen zu, wenn

unreine Geister, während wir zum Himmel streben, uns irdische Gedanken

eingeben, und uns gleichsam das Wasser der göttlichen Erkenntnis, das wir

gefunden haben, entziehen. Aber weil niemand diese Feinde aus eigener Kraft

zu überwinden vermag, sagt Eliphas uns das Wort: »Und der Allmächtige wird

gegen deine Feinde sein, und Silber wird dir zugehäuft werden«. Das soll

heißen: wenn der Herr mit seiner Stärke die bösen Geister von dir treibt,

dann wird der Schatz des göttlichen Wortes leuchtend in dir sich vermehren.

Gregorius hatte wohl gelesen die Homilien des großen Christenphilosophen

Origenes über die Genesis und hat aus dessen Brunnen geschöpft, was er uns

über diese Brunnen sagt. Denn dieser eifrige geistliche Brunnengräber

ermahnt uns nicht nur eindringlich, aus diesen Brunnen zu schöpfen, sondern

auch sie zu graben. So sagt er in der zwölften der genannten Homilien:

»Lasset uns thun, wozu die Weisheit uns ermahnt: 'Trinke Wasser aus deiner

Grube und Flüsse aus deinem Brunnen; habe du sie aber alleine'. Trachte

also auch du, mein lieber Zuhörer, danach, einen eigenen Brunnquell zu

haben, daß, wenn du ein Buch der Heiligen Schrift vornimmst, du auch durch

eigenes Nachdenken einen Sinn herausbringest, und nach dem, was du in der

Kirche gelernt hast, trachte auch du zu trinken aus dem Brunnen deines

Geistes. Es sprudelt in dir ein Quell lebendigen Wassers, Geist und

Vernunft durchströmen dich in unversieglichen Adern und reichlichen Fluten,

nur dürfen sie nicht mit Erde und Schmutz angefüllt werden. Darum gieb dir

Mühe, dein Land umzugraben und den Unrat auszufegen, d. h. den Geist zu

bilden, die Trägheit auszurotten und des Herzens Härtigkeit zu erweichen.

Höre, was die Schrift sagt: 'Wenn man das Auge drückt, so gehen Thränen

heraus, und wenn man einem das Herz trifft, so läßt er sich merken'.

Reinige auch du deinen Geist, damit du dereinst aus deinem eigenen Brunnen

trinkest und aus deinen Quellen lebendiges Wasser schöpfest. Denn hast du

in dir aufgenommen das Wort Gottes, hast du von Jesus Lebenswasser

empfangen, im Glauben empfangen, so wird es in dir ein Brunnen des Wassers

werden, das in das ewige Leben quillt«.

Derselbe Origenes sagt in der folgenden Homilie über den obenerwähnten

Isaaksbrunnen: »Unter den Philistern, die den Brunnen mit Erde bedeckten,

sind ohne Zweifel die Leute zu verstehen, welche den Weg zur geistlichen

Erkenntnis verschließen, so daß sie selbst nicht trinken können und auch

andere daran verhindert werden«. Höre, was der Herr spricht: »Wehe euch

Schriftgelehrten und Pharisäern, die ihr den Schlüssel der Erkenntnis

weggenommen habt. Ihr kommt nicht hinein, und wehret denen, die hinein

wollen«. Wir aber wollen nicht aufhören, Brunnen lebendigen Wassers zu

graben, und bald mit Altem, bald mit Neuem uns beschäftigend wollen wir

jenem Schriftgelehrten im Evangelium ähnlich werden, von dem der Herr sagt:

»Der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorträgt«.

Ebenso heißt es dort: »Lasset uns zu Isaak gehen und mit ihm graben einen

Brunnen lebendigen Wassers; auch wenn die Philister uns widerstehen und

Streit anfangen, wollen wir doch mit ihm ausharren beim Brunnen, damit man

auch zu uns sagen könne: 'Trinke Wasser aus deinen Gefäßen und aus deinem

Brunnen'. Und also wollen wir graben, daß unsere Gefäße überströmen vom

Wasser des Brunnens, daß wir nicht genug haben, wenn wir für uns allein die

Schrift verstehen, sondern auch andere lehren und anweisen, zu trinken.

Mensch und Vieh sollen trinken, wie der Prophet sagt: 'Tier und Menschen

machst du gesund, Herr'«.

Und weiter unten heißt es: »Wer ein Philister ist und nach Irdischem

trachtet, der weiß auf der ganzen Erde kein Wasser zu finden, noch auch

verständigen Sinn«.

Was nützt es dich, Wissenschaft zu haben, wenn du sie nicht zu gebrauchen

weißt? Was nützt dich das Wort, wenn du es nicht anwenden kannst? Das ist

die Art der Knechte Isaaks, die in irgend einem beliebigen Land nach

lebendigem Wasser graben. Ihr aber nicht also: lasset ferne von euch sein

alles leere Geschwätz, und diejenigen unter euch, denen die Gabe des

Lernens verliehen ist, sollen sich mit Eifer in den göttlichen Dingen

unterrichten lassen, wie es von dem frommen Manne heißt: »Sondern er hat

Lust zum Gesetz des Herrn und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht«. Und

welchen Nutzen das unermüdliche Studium im Gesetz des Herrn bringe, das

besagen gleich die folgenden Worte: »Der ist wie ein Baum, gepflanzet an

den Wasserbächen«. Denn wer von den Wassern des göttlichen Wortes nicht

benetzt wird, der ist wie ein dürrer, unfruchtbarer Baum. Dieses Wort ist

gemeint, wenn es heißt: »Von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers

fließen«. Das sind jene Fluten, von welchen die Braut im Hohenlied zum Lobe

ihres Bräutigams singt: »Seine Augen sind wie Taubenaugen an den

Wasserbächen, mit Milch gewaschen, und stehen in der Fülle«.

Auch ihr also setzet euch, mit Milch gewaschen, d. h. im reinen Glanze

eurer Keuschheit strahlend, wie Tauben an diese Wasserbäche, und schöpfet

Weisheit daraus, auf daß ihr nicht bloß lernet, sondern auch lehren und

andern den Weg zeigen könnet; daß ihr den Bräutigam nicht bloß selber

sehen, sondern auch andern beschreiben möget!

Wir wissen: von der Einen Braut, die den Bräutigam durch das Ohr des

Herzens zu empfangen gewürdigt worden ist, steht geschrieben: »Maria

behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen«. Also die Mutter

des höchsten Wortes nahm seine Worte mehr zu Herzen als in den Mund und

bewegte sie im Herzen; sie überlegte jedes einzelne mit Fleiß und verglich

sie miteinander, ob sie genau übereinstimmen.

Aus dem Gesetz wußte sie, daß alles Tier unrein genannt wird, das nicht

wiederkäuet und die Klauen spaltet. So ist auch keine Seele rein, die nicht

die göttlichen Gebote wiederkäuet, indem sie darüber nachdenkt, so viel sie

vermag, und ihren Verstand anwendet, um sie zu befolgen, so daß sie nicht

bloß äußerlich Gutes thut, sondern wirklich gut, d. h. mit der richtigen

Gesinnung, handelt. Die gespaltenen Klauen aber bedeuten das

Unterscheidungsvermögen der Seele, worüber geschrieben steht: »Wenn du

recht anbietest, aber nicht recht teilest, so sündigst du«.

»Wer mich liebt,« sagt die 'Wahrheit', »der hält meine Worte.« Wer aber

wird die Worte und Gebote seines Herrn gehorsam halten können, wenn er sie

nicht vorher verstanden hat? Niemand wird eifrig im Thun sein, der nicht

vorher ein aufmerksamer Hörer war. So, wie wir von dem frommen Weib lesen,

das, alles andere vergessend, zu Jesu Füßen saß und auf seine Worte hörte,

gewiß mit jener verständnisvollen Aufmerksamkeit, die der Herr selbst von

uns verlangt, wenn er sagt: »Wer Ohren hat zu hören, der höre«. Könnet ihr

euch aber nicht zu solch hingebender Glut entflammen, dann ahmet im Eifer

und in der Begeisterung für die heiligen Wissenschaften wenigstens jene

frommen Schülerinnen des heiligen Hieronymus nach: Paula und Eustochium,

auf deren Antrieb dieser große Lehrer die Kirche durch so manche Schrift

erleuchtet hat.

Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, mit der Leidensgeschichte Abaelards · 第 9 / 17 题