Massencharakter und die Gleichförmigkeit der Sozialkultur gebracht;
daß es mit seiner Auflösung des Daseins in lauter Einzelpunkte und
seinem Mangel alles Kernes unmöglich das Menschenleben ausfüllen und
führen kann, das bedarf keiner näheren Darlegung. Nur das sei bemerkt,
daß die Individualkultur im Kern ihrer Behauptung denselben Fehler
begeht wie die Sozialkultur: wie diese aus der Menschheit unversehens
etwas weit besseres macht als ihre Begriffe gestatten, so muß die
Individualkultur das Individuum idealisieren, um es zum Hauptträger
des Lebens machen und in ihm dessen Hauptzweck finden zu können. Sie
denkt dies Individuum als groß und als Quell einer starken Bewegung,
mit höchsten Problemen befaßt und eine Welt der Wahrheit und Schönheit
in der eigenen Seele erbauend. Aber woher soll das alles innerhalb
des gegebenen Daseins kommen, dem doch einmal das Individuum nur ein
Glied einer weitschichtigen Verkettung bedeutet, nicht eine Stätte
ursprünglichen Lebens, nicht den Durchbruchspunkt einer neuen Welt. Wie
die Individualkultur das Individuum versteht, kann die ihm beigelegte
Selbständigkeit nur eine erträumte und das daraus entstehende Leben nur
ein eingebildetes sein. Schätzbare Anregungen im einzelnen und manche
vollberechtigte Kritik seien dabei dieser Individualkultur bereitwillig
zugestanden.
So scheitert die bloße Menschenkultur in jeder der Richtungen, die
sie einschlagen kann, und zwischen denen sie wählen muß; weder das
Zusammenstreben noch das Auseinandergehen der Menschen gibt dem Leben
einen Sinn und Wert und läßt die Seele ein Beisichselbstsein erreichen.
Denn auch die Individualkultur gelangt nicht zu einem solchen, da sie
die Seele in lauter einzelne Lagen und Stimmungen zersplittert, ohne
ihnen eine Einheit des Wesens und eine Innenwelt entgegenzusetzen.
Wenn die Ausführung beider Arten der Menschenkultur die Oberfläche
überschreitet, so tut sie das in schroffem Widerspruch mit der
Grundbehauptung des Ganzen.
Das empfindet auch die Gegenwart immer stärker, schon vor dem
Kriege war vielfach das Bloßmenschliche als viel zu klein erkannt
und mit dem Überdruß an seinem selbstgefälligen Gebaren eine tiefe
Sehnsucht nach Durchbrechung seiner Schranken und nach Erringung
eines weiteren, reineren, wahreren Leben erwacht. Augenscheinlich
wurde, daß die Ablösung des Menschen von der großen Welt und die
Bildung eines Sonderkreises ihn einer Enge und Kleinheit überliefert,
die er selbst auf die Dauer nicht aushält, die ihm die Tiefe seines
eigenen Wesens verschließt. So hörten wir viel von Übermenschlichem
und von Übermenschen reden. Aber alle echte und innige Sehnsucht,
die aus solchem Streben spricht, führt über ein ungestümes Wogen und
Wallen der Seele nicht hinaus, wenn dieses Übermenschliche innerhalb
der Welt der Erfahrung gesucht wird. Denn viel zu streng binden
hier den Menschen Natur und Schicksal, und zwar mehr noch von innen
als von außen, als daß ein kühner Aufschwung ihn davon befreien und
ein neues Leben schaffen könnte. Es muß das Menschenwesen überhaupt
einer inneren Umwandlung und Erhöhung fähig sein, wenn der Einzelne
wesentlich mehr aus sich machen soll; sonst ist alles Mühen verloren.
Der Krieg hat uns diese Wahrheit noch stärker eingeprägt, er stellt
uns die Unzulänglichkeit des bloßen Menschen und damit aller bloßen
Menschenkultur so deutlich vor Augen, daß nur eine flache Denkweise
sich folgendem Dilemma entziehen kann: entweder steht das Menschenleben
in tieferen Zusammenhängen und schöpft aus ihnen neue Ziele und Kräfte,
welche die bloße Wohlfahrt des Menschen überschreiten, oder das ganze
menschliche Sein ist eine, freilich unbegreifliche, Verirrung des
Weltlaufs, und alles Streben nach einem Sinn und Wert unseres Lebens
ist zu sicherem Scheitern verdammt. Es wäre ein großer Gewinn unserer
harten Zeit, wenn sie uns dieses Entweder -- Oder klar durchschauen
ließe und damit allen verwirrenden und verflachenden Mittelgebilden ein
dauerndes Ende bereitete.
Erwägungen und Vorbereitungen.
Wir sahen, daß es der Gegenwart an Bestrebungen nach kräftiger
Zusammenfassung des Lebens keineswegs fehlt, auch daß diese
Bestrebungen in Vorhaltung beherrschender Ziele den Lebensstand
schärfer beleuchtet und das Handeln vielfach aufgerüttelt haben.
Aber wir sahen auch, daß keine dieser Bestrebungen sich zu sicherer
Herrschaft über die anderen hinaushebt, daß sie nicht nur weit
auseinandergehen, sondern einander schroff widersprechen und das
Leben unter widerstreitende Antriebe stellen. Besonders gilt das von
dem Gegensatz der älteren und der neueren Denkart, der Versuch einer
Ausgleichung verbietet sich bei ihm ganz und gar. Hatte die ältere
Denkart, namentlich die religiöse, alle Hingebung an die sichtbare
Welt als einen Raub an einer höheren Ordnung und als ein Sinken des
Lebens von unerläßlicher Höhe behandelt, so besteht die neuere um so
mehr auf einer vollen Selbständigkeit, ja Ausschließlichkeit dieser
Welt, so gilt ihr alle Befassung mit übersinnlichen Dingen als eine
Verirrung des Strebens und eine Vergeudung der Kraft; des einen Gott
ist dem anderen zum Abgott geworden. Da ein so harter Widerspruch
ein freundliches Sichvertragen unbedingt ausschließt, so müßte eine
der Antworten die Oberhand gewinnen; auch das aber zeigte sich als
unmöglich. Die Lebensordnungen, die auf dem Boden der älteren Denkart
stehen, wie Religion und weltlicher Idealismus, entbehren in der
Kulturarbeit der Gegenwart einer sicheren Begründung und festen
Stellung, die modernen Denkweisen aber entsprechen viel zu wenig
den durch die Gesamtgeschichte der Menschheit eröffneten Tiefen des
Lebens, um einen Abschluß bieten zu können; so finden wir das Alte
erschüttert, auch vielfach in einer für uns zu engen Gestalt, das Neue
aber verbleibt in einer Fläche, über die wir notwendig hinausgehen
müssen. Dazu spalten sich die Hauptströme wieder in verschiedene Äste
mit weit auseinandergehender Richtung. Auf dem Boden der unsichtbaren
Welt sieht die Religion am Menschen die Schwäche, der weltliche
Idealismus die Stärke; jene spaltet die Wirklichkeit, diese verlangt
ihre Einheit. Innerhalb der modernen Daseinskultur aber ziehen die
Versuche einer Einfügung des Menschen in die Natur und einer Ausbildung
seines besonderen Kreises nach verschiedener Richtung, jene wird dieser
leicht zu kalt und seelenlos, diese jener zu eng und dumpf. Und die
Unversöhnlichkeit von Sozial- und Individualkultur trat mit voller
Klarheit vor Augen.
Indem alles dies nicht nur Verschiedenartige, sondern Entgegengesetzte
auf uns eindringt, und dabei gerade das Streben nach Einheit die
Geister auseinanderführt und ihre Zerwerfung steigert, entsteht eine
geistige Anarchie, deren buntes Durcheinander den Augenblick ergötzen
mag, die aber für die Dauer zur Zerstörung wirken muß. Denn sie macht
alles ungewiß, was bisher als sicherer Besitz galt, und läßt Zweifel
und Streit an den tiefsten Wurzeln des Lebens nagen. Die Neuzeit
stritt zuerst über die nähere Fassung und Begründung der Religion,
schließlich wird ihr das Ganze der Religion zur Frage; vor den
Verwicklungen der Metaphysik fliehen wir in das Gebiet der praktischen
Vernunft und suchen in der Moral eine unangreifbare Wahrheit, bald
aber wird auch diese zunächst in ihrer überkommenen Fassung, dann
aber auch im Grundgedanken angegriffen und erschüttert. Gegenüber
solchem Unsicherwerden ganzer Lebensgebiete schien wenigstens der
Mensch als Ganzes, als lebendige Persönlichkeit, zu bleiben und einen
gewissen Halt zu gewähren, aber auch hier zeigt ein genaueres Zusehen
bald, daß der Streit sich auch auf jenen vermeintlich sicheren Träger
erstreckt, und daß im Begriff der Persönlichkeit ganz verschiedene,
ja entgegengesetzte Fassungen durcheinanderlaufen; eben das, was dem
einen an ihr groß erscheint, das erklärt der andere für verwerflich.
Die Ausdehnung und die Tiefe der Erschütterung entgeht uns leicht,
weil der Einzelne sie zunächst nur im Gebiet seiner eigenen Arbeit
empfindet und annimmt, daß es draußen besser steht. Ein Überblick des
Ganzen zeigt aber bald, daß die Unsicherheit eine durchgängige ist, und
daß keinerlei gemeinsames Lebensideal die heutige Menschheit verbindet.
Alles miteinander ergibt eine geistige Krise, wie sie so gewaltig in
der ganzen Vergangenheit nicht war, denn auch die größten Umwälzungen
früherer Zeiten beließen eine gewisse Gemeinsamkeit des geistigen
Lebensraumes, sie veränderten mehr die Wege als die letzten Ziele
selber. Heute gibt es in prinzipiellen Fragen keinen einzigen Punkt,
auf den wir uns aus der Verwirrung als auf ein gemeinsames Bekenntnis
zurückziehen könnten.
Eine derartige Auflösung versetzt eine hochentwickelte Kultur in
eine höchst peinliche Lage. Zahlreiche Kräfte sind da und fordern
Beschäftigung, eine genügende Bindung aber und eine sichere
Zielrichtung fehlt; so suchen sie tastend umher und erzeugen statt
echten Lebens mehr ein bloßes Lebenwollen, ein Sehnen und Haschen
nach Leben. Das ist ein Stand, wo eine freischwebende Reflexion die
Stelle geistigen Schaffens erschleicht, wo eine flache Klugheit eine
ungebührliche Macht erlangt, eine große Gewandtheit oft mit innerer
Leere zusammengeht, wo wir alles sagen können, was wir sagen wollen,
wo wir nur nichts Rechtes zu sagen haben. Ein solches Leben entbehrt
wie eines gehaltvollen Kernes, so auch eines festen Haltes und eines
sicheren Maßes, es läßt den Menschen wehrlos gegen all den Wirbel
von Eindrücken und Anregungen, der unaufhörlich auf ihn eindringt,
zugleich macht es ihn unfähig, Wesenhaftes und Wesenloses, Wahres
und Scheinbares, Bedeutendes und Unbedeutendes im Bestande der Zeit
auseinanderzuhalten, alles fließt ihm durcheinander, und der Wechsel
der Strömungen der Zeitoberfläche wirft ihn bald hierher, bald dahin,
läßt ihm aber dabei den Schein, als ob er selber denke.
Dazu die Zersplitterung der Menschheit, die ein solches
Auseinandergehen des Lebens erzeugt. Indem die Individuen nach der
Besonderheit ihrer Art, ihrer Lage, ihrem Beruf an verschiedenen
Punkten Stellung nehmen und verschiedene Richtungen wählen, entsteht
eine Sonderung in Sekten und Parteien, es droht ein Behandeln
aller Probleme vom Standpunkt der Partei, ein Verschwinden innerer
Gemeinschaft, die Gefahr einer seelischen Vereinsamung inmitten aller
Fülle äußerer Berührung. Unsere Welten spalten sich immer mehr, bis
schließlich jeder nur in seiner Privatwelt lebt. Eine solche innere
Vereinsamung erträgt die Menschheit nicht auf die Dauer. Zugleich muß
auch der Stand des geistigen Schaffens sinken. Und mit dem Schaffen
sinkt auch der Glaube, sein Zwillingsbruder. Vollauf verständlich wird
von hier aus, wie unsere Zeit, im Durchschnitt des Kulturbürgertums
betrachtet, sich als eine Zeit des Unglaubens, des Mäkelns und
Verkleinerns darstellt, des Unglaubens nicht an bloße Dogmen, sondern
an das Leben selbst und an sein Vermögen zur inneren Erhöhung und
Erneuerung. Was daraus an Stockung und Hemmung hervorgeht, das wiegen
alle äußeren Erfolge nicht auf.
Eine derartige Lage mag so lange keinen tiefen Schmerz bereiten und
keine Gegenbewegung erzeugen, solange der Einzelne sie nur wie ein
draußen vorgehendes Schauspiel betrachtet; sie muß unerträglich werden,
sobald sie zur eigenen Erfahrung, zum eigenen Erlebnis wird. Daß sie
das aber wird, dahin wirkt der gegenwärtige Weltkrieg mit elementarer
Gewalt; um den ungeheuren Aufgaben und Schicksalen nicht zu erliegen,
die er uns bringt, bedarf der Mensch eines festen Haltes und eines
sicheren Zieles; eine Kultur, die ihm das nicht bietet, droht zum
bloßen Schein zu werden, zu einem Kulturersatz, wie man das mit einer
heutigen Wendung sagen könnte.
* * * * *
Aber so schwer wir das alles nehmen, vergessen sei nicht, daß
keineswegs unser ganzes Leben in die geschilderten Gegensätze aufgeht,
daß vielmehr manches in ihm von der Verwicklung unberührt bleibt.
Denken wir nur an das kräftige nationale Leben der Gegenwart, an
die moderne Wissenschaft, an die moderne Technik! Unsere Zeit ist
grundverschieden vom ausgehenden Altertum, dem es zu Unrecht oft
gleichgestellt wird; denn während damals eine greisenhafte Ermattung
durch die Gemüter ging und außer der Religion sich alle Lebensgebiete
in trauriger Stockung befanden, sehen wir heute die regste Tätigkeit,
ein gewaltiges Vordringen an manchen Stellen, ein Erwachen immer neuer
Probleme. Darin freilich liegt die Schranke, daß die Bewegung mehr
auf die einzelnen Gebiete als auf das Ganze des Menschen geht, daß
die Expansion die Konzentration weit überwiegt, daß die verschiedenen
Antriebe und Ansätze sich nicht zueinander finden. Hier ist ein
schweres Problem, ja ein gefährlicher Notstand unverkennbar; aber
diese Begrenzung der Frage ist doch eine entschiedene Abweisung eines
völligen Pessimismus.
Auch das wollen wir ja nicht übersehen, daß die Bildung so
verschiedener Lebensströme nicht nur eine Schwäche, sondern auch
eine Stärke der Gegenwart bedeutet. Zeigt dieser Reichtum von
Bildungen doch, daß wir den verschiedenen Anregungen eine große
Offenheit entgegenbringen und die Lebensfragen mit besonderer
Energie ergreifen; so kommt vieles erst jetzt zur deutlichen
Aussprache, was früher verborgen blieb oder doch abgeschwächt wurde.
Die Gegensätze, unter denen wir jetzt leiden, sind wahrlich nicht
von gestern und heute, jede genauere Betrachtung entdeckt sie auch
in früheren Zeiten. Aber zu unversöhnlichen Widersprüchen sind sie
erst uns gewachsen, die wir, schon weil wir geschichtlich denken
und die Zeiten miteinander vergleichen, das Eigentümliche und
Unterschiedliche der Lebensgestaltungen schärfer sehen, zugleich aber
aus einem stärkeren Einheitsverlangen uns nicht wie das Mittelalter
mit einem bloßen Nebeneinander und einer geschickten Abstufung der
verschiedenen Gestalten begnügen können. So ist nicht sowohl unser
Vermögen kleiner als die Aufgabe größer geworden; die Aufgabe aber
hat nicht menschlicher Eigensinn ersonnen, es legt sie uns eine
weltgeschichtliche Notwendigkeit auf. Sie ist uns zunächst ein
Geschick, aber ein Geschick, das wir in Freiheit verwandeln und
zugleich zu einer inneren Erhöhung unseres Lebens wenden können.
Endlich sei auch das erwogen, daß, wenn ein letzter, allumfassender
Abschluß überall auf unüberwindlichen Widerspruch stieß, dieser
Widerspruch selbst auch ein positives Verlangen zu erkennen gab und
dem Streben damit eine gewisse Richtung wies. Die Religion scheint uns
nicht fest genug begründet, nicht weil die ganze Zeit von Zweifelsucht
befallen ist, sondern weil wir höhere Ansprüche an den Erweis ihrer
Wahrheit stellen, sie nach dem Stande des Geisteslebens notwendig
stellen müssen. Ihre Gestaltung erscheint uns als zu eng, nicht weil
uns der Sinn für charaktervolle Geschlossenheit verloren ging, sondern
weil unser Leben durch Erfahrung und Wandlung hindurch eine größere
Weite gewonnen hat, und die Religion ohne schwere eigene Schädigung
sich dieser Erweiterung nicht entziehen darf. Auch der weltliche
Idealismus scheint uns nur deshalb nicht sicher genug begründet und
nicht voll unser Wesen durchdringend, weil neue Erfahrungen neue
Forderungen in dieser Richtung zu stellen zwangen. Daß der Naturalismus
unsere Seele nicht befriedigt, und daß uns die Ziele der Menschenkultur
in ihren beiden Hauptformen als unzulänglich gelten, das bekundet ein
Verlangen nach einem Beisichselbstsein des Lebens und ein Hinausstreben
über alles selbstsatte Menschentum. So steht durchgängig hinter der
Verneinung eine Bejahung, es gilt nur die verschiedenen Bejahungen aus
der Unbestimmtheit und Verworrenheit herauszuarbeiten und zueinander
in Beziehung zu setzen. Gewisse Punkte sind damit festgelegt, gewisse
Aufgaben uns gewiesen. So zweifellos sich daher die Gegenwart als
höchst unfertig und voller Verwicklung darstellt, sie bringt an uns
große Ziele und ruft unsere Kraft zu höchster Anspannung auf.
Hüten wir uns also, von dieser Zeit wegen jener offenen Fragen gering
zu denken! Keine Zeit hat die Möglichkeiten des Lebens in solcher
Fülle ergriffen und mit solchem Eifer behandelt, keine die Probleme
in solchem Umfang aufgenommen und so sehr aus Selbsttätigkeit wie
aus eigener Erfahrung zu lösen versucht. Freilich sind die Probleme
einstweilen größer als unser Vermögen zur Lösung, aber dies Vermögen
ist nicht an eine starre Grenze gebunden; warum sollte es nicht so
gut wie auf den besonderen Gebieten auch bei diesen zentralen Fragen
einer Steigerung fähig sein und uns der Aufgabe mehr und mehr gewachsen
machen? Stellen wir uns also zur gegenwärtigen Lage aktiv, verlieren
wir nicht den Mut, und vertrauen wir darauf, daß in dem Streben über
sie hinaus nicht der Mensch zum gegebenen Lebensstande aus eigener
Klugheit etwas hinzuersinnt, sondern daß das Ganze des Lebens selbst
in einem Streben zu neuem Aufstieg begriffen ist, wir aber im Dienste
dieses Aufstiegs unserem eigenen Streben einen Gehalt, ja eine Größe zu
geben vermögen.
* * * * *
Für die Denkarbeit gilt es vor allem die Richtung des Weges zu
finden, der uns über die gegenwärtige Verwicklung hinausführen
kann; es handelt sich für sie zunächst darum, welches Ziel dem
Streben vorschweben muß, sodann darum, welche Wege zu diesem Ziele
offenstehen. Was das erste betrifft, so bedürfen wir zweifellos einer
Tatsächlichkeit allumfassender Art, näher einer Gesamttat, welche über
die geschilderten Gegensätze hinauszuheben und ein Auseinanderfallen
des Lebens zu verhüten vermag. Ohne das gibt es keine Einheit und auch
keine Festigkeit. Aber zugleich gilt es klarzumachen, wie mit der
überlegenen Einheit einer solchen Gesamttat die Verschiedenheit der
Lebensbahnen vereinbar ist, die wir vorhanden sahen. Es muß in der
Art, wie wir Menschen zu jener Gesamttat stehen, angelegt sein, daß
wir sie nur von verschiedenen Seiten her erfassen können, daß daher,
was als Einheit zugrunde liegen muß, zugleich ein hohes Ziel und
eine schwere Aufgabe bildet. Der Boden aber, von dem aus nach jener
Gesamttat zu streben ist, kann kein anderer sein als das Leben selbst,
nicht irgendwelches draußen befindliche Datum, das Leben im Ganzen
betrachtet, nicht in einzelnen Betätigungen, auch nicht als bloßes
Denken. Wenn irgendwie, so muß sich von jenem aus ein Weg zum Ziel
finden lassen. Denn das Leben ist das Erste und Ursprünglichste, das,
worauf alles zurückkommt, und innerhalb dessen alles vorgeht; das, was
niemand leugnen kann, da das Leugnen selbst einen Erweis des Lebens
bilden würde. Wenn also jene Gesamttat, von der wir einen Zusammenhang
des Lebens hoffen, überhaupt erreichbar ist, so muß sie nicht nur
vom Leben aus, sondern innerhalb des Lebens erreichbar sein. Sehen
wir also, ob eine Durchmusterung seiner in Wahrheit etwas derartiges
aufdeckt. Finden können wir jenes aber nur, wenn wir das Leben nicht
wie etwas Fremdes betrachten, das wie ein Naturprozeß nur an uns
vorgeht, sondern wenn wir uns in seine eigene Bewegung versetzen,
es als eigenes ergreifen, es selbst zu erleben suchen. Es gilt, den
Tatbestand, der hier in Frage steht, das Zusammengehen des Lebens in
eine umfassende und überlegene Gesamttat, in uns selbst zu erwecken und
bei uns zu entwickeln, nur eine Kräftigung und Vertiefung des eigenen
Lebens kann uns das Ganze naherücken. So muß das Streben selbst eine
Lebensbewegung in sich tragen; ohne den Mut und die Kraft zu geistiger
Selbsterhöhung und zur Bezwingung der Widerstände kommen wir hier nicht
weiter. Einem solchen Emporklimmen aber wird alles eine Bereitschaft
entgegenbringen, was in der Menschheit nicht greisenhaft, sondern
jugendlich fühlt; Jugend aber mißt sich bei diesen Dingen nicht nach
der Zahl der Jahre.
Versuch eines Aufbaus.
Die Eröffnung eines neuen Lebens.
Der Aufstieg zur Hauptthese.
Um eine neue Höhe zu erklimmen, gilt es zunächst den Ausgangspunkt
richtig zu wählen; es kann dieser aber für unser Werk kein anderer sein
als das Leben selbst, das Leben zunächst dem bloßen Umrisse nach mit
Vorbehalt aller näheren Bestimmung. Denn was immer uns an Tatsachen
oder an Tätigkeiten begegnet, das setzt das Leben voraus und liegt
innerhalb seines Bereiches; auch seine Beschaffenheit hängt wesentlich
an dem, was sich beim Ganzen des Lebens herausstellt. Wenn demnach von
diesem Ganzen zu beginnen ist, so wird die erste Frage dahin gehen,
ob es einfacher Art ist, oder ob es verschiedene Arten und Stufen
in sich trägt. Nun bildet den ersten Angriffspunkt zur Beantwortung
dieser Frage die Tatsache, daß das Gefüge der uns umgebenden Natur
sich mit seinen Kräften und Gesetzen weit auch in das seelische Gebiet
erstreckt; unverkennbar bilden wir auch innerlich weithin ein Stück
der Natur. Denn wie in der Natur so treffen auch in einer gewissen
Fläche des Seelenlebens lauter einzelne Elemente zusammen, bilden
kleinere oder größere Verkettungen und Zusammenhänge, die sich aller
bewußten Einwirkung entziehen; der gesamte Komplex aber ist in einer
Selbstbehauptung gegenüber der Umgebung begriffen, die unablässig auf
ihn eindringt, aller Antrieb kommt hier von draußen, und nach draußen
hin geht alles Streben; so wird das Leben ein Austausch von Wirkung und
Gegenwirkung, es ist, was es ist, nicht für sich, sondern nur zusammen
mit anderem und in der Beziehung auf anderes. Ein derartiges Geschehen
bildet ein großes Stück unseres menschlichen Lebens, ein weit größeres,
als unser Bewußtsein ihm zuzuerkennen pflegt. Aber zugleich ist
darauf zu bestehen, daß unser Leben sich nicht in diese Art erschöpft,
daß es mit kräftigen Bewegungen ihren Rahmen durchbricht, und daß
diese Bewegungen sich zum Ganzen einer neuen Art verbinden, die eine
Selbständigkeit gegenüber der bloßen Natur erweist. Sehen wir, wie sich
das näher ausnimmt.
Wie auf der Naturstufe alles Leben aus den gegenseitigen Berührungen
einzelner Punkte hervorgeht und zwischen diesen verläuft, so ist
es gebundener und damit sinnlicher Art, es trägt durch und durch
ein sinnliches Gepräge; diese sinnliche Art kann verblassen und
übersehen werden, nie aber kann sie völlig verschwinden; soweit das
Naturgeschehen reicht, kann sich nichts von ihr befreien und ihr
selbständig entgegentreten. Nun aber erscheint beim Menschen eine
derartige Befreiung, und zwar nicht nur in vereinzelten Zügen, sondern
in einer Gesamtentfaltung des Lebens, in der Entfaltung nämlich, die
vom Denken getragen wird. Denn in diesem erscheint eine Kraft der
Selbsttätigkeit und der Selbständigkeit, mit ihrer Hilfe vermag der
Mensch die Bindung an die Umgebung zu zerreißen, dieser gebieterisch
entgegenzutreten und seine Macht an ihr zu erweisen; ein auf Denken
gestelltes Leben bringt eigene Forderungen an die Dinge und zwingt sie,
sich ihnen zu fügen. Solche Selbständigkeit kann aber das Denken nicht
erweisen, ohne mit einer überlegenen Einheit die einzelnen Vorgänge zu
umspannen und sie miteinander zu verbinden, das aber nicht nach ihrer
sinnlichen Nähe, sondern nach einer sachlichen Zusammengehörigkeit,
die vom bloßsinnlichen Dasein aus völlig rätselhaft scheinen muß. Ein
Gesamtentwurf geht hier voran und wirkt im Fortschreiten vom Ganzen
zum Einzelnen zur Gliederung und Abstufung des gesamten Bereiches;
gegenüber der bloßen Anhäufung der sinnlichen Elemente erscheint ein
von Gedanken beherrschtes Ganzes, ein System, das jenes Ganze den
einzelnen Stellen gegenwärtig hält und sie dadurch erhöht. Hand in
Hand damit vollzieht das Denken eine Ablösung des Gegenstandes vom
menschlichen Befinden und die Zuerkennung einer eigenen Art und eines
eigenen Rechtes an ihn; das besagt eine durchgreifende Scheidung,
die Nebel des ersten Anblicks weichen, klar erhebt sich vor uns die
Welt. Aber die Scheidung bildet nicht den letzten Abschluß, der
Mensch hört nicht auf, kraft seines Denkens sich mit dem zeitweilig
ferngerückten Gegenstand zu befassen und ihn möglichst zu sich
zurückzuziehen; indem das gelingt, erfolgt eine innere Erweiterung des
Lebens, und es entsteht ein selbständiger Lebenskreis; diese Bewegung
treibt schließlich zum Gedanken eines bei sich selbst befindlichen
Zusammenhanges, einer allumfassenden Wirklichkeit. Eine solche wird
nicht von draußen dargeboten, sie kann nur von innen her entspringen.