Dieser Lebensstrom hat viel zu viel Kräfte in Bewegung gesetzt, viel

zu viel Leistungen hervorgebracht, ja den Gesamtstand des menschlichen

Daseins viel zu sehr umgewandelt, als daß sich seine Macht verkennen

und seine Bedeutung angreifen ließe. Was in Frage kommen kann, ist

lediglich dieses, ob er das ganze Leben zu erfüllen und seinen

Gesamtstand zu beherrschen vermöge. Denn dagegen erheben sie freilich

schwere Bedenken, sie gehen von einem Punkte aus, der bei flüchtigem

Anblick nebensächlich scheinen mag, der sich aber bei näherer Prüfung

als so bedeutend herausstellt, daß jener ganze Lebensstrom mit all

seiner Tatsächlichkeit dadurch an die zweite Stelle gedrängt wird

und sich damit bescheiden muß, ein Stück eines weiteren Lebens zu

bilden. Jener behandelt den Menschen als ein bloßes Stück der Natur

und verlegt in sie sein ganzes Leben. Aber woher kennen wir die Natur,

wie wissen wir überhaupt von ihr? Wir kennen sie nur als ein Erlebnis

der menschlichen Seele, wir kennen sie nur in ihrer Wirkung auf die

Seele, und nur von der Seele aus wird das Bild entworfen, mit dem

sie uns vor Augen steht. Diesen Aufbau der Natur von der Seele her

hat eben die neuere Philosophie mit besonderer Klarheit aufgewiesen,

sie hat gezeigt, daß sowohl was in ihm an festen Elementen als an

Zusammenhängen vorliegt, uns nicht von außen zugeführt, sondern von

der Seele aufgebracht und von ihr in das auf uns eindringende Chaos

zu seiner Bewältigung hineingelegt wird; die Seele ist es, welche die

Natur erst im wissenschaftlichen Sinne entdeckt und aus der Flut der

Eindrücke herausarbeitet; dabei ist völlig klar, daß das nicht von

der sinnlichen Empfindung aus, sondern aus der Arbeit des Denkens

geschieht; das kann verkennen nur, wer wissenschaftliche und naive

Stellung des Menschen zur Umgebung in eins zusammenwirft. Mit der

Anerkennung des Unterschiedes tritt vor die sinnliche Empfindung die

Denkarbeit, also eine geistige Tätigkeit, und es zeigt sich zugleich,

daß im Bilde der Natur die Eindrücke auf ein Gerüst von Gedankengrößen,

von Begriffen aufgetragen und nur dadurch in ein Ganzes verwandelt

worden sind. In Wahrheit ist die Welt des Forschers mit ihrer Umsetzung

der Natur in Kräfte, Beziehungen, Gesetze etwas wesentlich anderes als

das, was die Sinne uns übermitteln. Diese Überlegenheit des geistigen

Wirkens bekundet aber eine Selbständigkeit des Seelenlebens gegen die

Natur und läßt uns zugleich verstehen, daß es seelische Antriebe sind,

welche über den Zwang der Selbsterhaltung hinaus der Befassung mit der

Natur einen Wert verleihen. Der Anhänger des Naturalismus legt, wenn

auch unwillkürlich, selbst dafür Zeugnis ab. Denn was ihn bewegt, ist

nicht bloß der Trieb, seine Kraft in Bewegung zu setzen, sondern ein

Streben nach Befreiung von irreleitendem Wahn, nach mehr Einheit und

nach mehr Wahrhaftigkeit der Weltanschauung; sind aber solche Ziele von

der bloßen Natur aus irgendwie zu begreifen, bekunden sie nicht ein

aller Natur überlegenes Leben und Streben? Kurz, es hat der Naturalist,

indem er die ganze Weite der Welt überdachte, leider etwas vergessen,

was im Grunde das Allernächste ist, er hat sich selbst, die eigene

Seele, vergessen. Aber die Seele ist nun einmal da und läßt sich nicht

wegdisputieren; selbst wer sie leugnet, tut es aus einem Drange nach

Wahrheit, damit aber aus einem Antriebe seelischer Art. Und die Seele

ist nicht bloß da, sondern sie zeigt auch eine eigentümliche Art und

stellt aus ihr Forderungen, denen die naturalistische Lebensordnung

nicht zu entsprechen vermag. Das seelische Leben ist kein bloßes

Nebeneinander, es umfaßt alle Mannigfaltigkeit und bezieht sie auf

einen Mittelpunkt, es geht nicht in die Beziehungen nach außen hin

auf, sondern es bildet sich einen eigenen Kreis und gewinnt damit ein

Beisichselbstsein; es erschöpft sich nicht in bloße Tatsächlichkeit,

sondern es entwickelt Maße und Ziele aus sich selbst heraus und prüft

danach alles, was bei ihm vorgeht, kurz es ist ein wesentlich anderes

Leben, was hier entsteht, als das der sinnlichen Natur. Auch ist

dieses Leben nicht ohne ein gemeinsames Werk großen Stiles geblieben,

welches das menschliche Dasein wesentlich umgewandelt hat, in nichts

anderem liegt dies vor als in der Hervorbringung eines Kulturstandes,

womit der Mensch sich über die Natur hinaushob und ihr gegenüber ein

neues Reich mit eigentümlichen Größen und Gütern erzeugte. Das ergibt

allerdings eine Zweiheit, aber sollen wir den Aufstieg bekämpfen und

zugleich alle Kultur verwerfen, weil sie das Leben minder einfach

macht? Sehr wohl kann bei dieser Bewegung der Mensch die Natur zu weit

zurückgeschoben und sich in seiner Meinung zu sehr von ihr abgelöst

haben, -- die Bekämpfung dessen ist ein unbestreitbares Verdienst des

Naturalismus --, aber wenn der Kulturmensch zur Natur zurückkehrt und

ihr eine höhere Schätzung für das Ganze des Lebens verleiht, so wird er

dadurch nicht im mindesten ein bloßes Stück der Natur, seine geistige

Überlegenheit bleibt dabei unangetastet.

Von solcher Überlegenheit aus muß ihm aber die naturalistische

Lebensordnung als durchaus unzulänglich erscheinen. Denn folgerichtig

durchgedacht muß sie alles Bestehen einer Innerlichkeit und allen Wert

von inneren Gütern, muß sie zum Beispiel Größen wie Gesinnung, Pflicht,

Ehre, Persönlichkeit, Charakter als völlige Einbildungen verwerfen,

als ebenso verderbliche Einbildungen, wie es nach ihrer Meinung die

Ideen von Gott und Weltvernunft sind. Das will jene Lebensordnung

nicht, gewiß nicht; auch sie hält an jenen Größen fest, auch sie will

Moral, auch sie will eine Veredlung des Menschen, aber sie kann das

nur in Widerspruch mit den eigenen Grundgedanken. Selbst den Begriff

der Wahrheit kann sie nur in solchem Widerspruch beibehalten. Denn wie

kann von einer gemeinsamen und zwingenden Wahrheit die Rede sein, wenn

nur einzelne Individuen mit ihren verschiedenen, unablässig wechselnden

Meinungen nebeneinanderstehen, und wenn aus ihrem Zusammensein

höchstens ein gewisser Durchschnitt hervorgeht? Auch für echte Kultur

ist hier kein Platz. So sehr jene Ordnung die Lebensbedingungen nach

allen Richtungen hin zu verbessern vermag, sie gibt damit dem Leben

weder eine innere Bildung noch irgendwelchen Gehalt, sie überliefert es

geistiger Leere; über die bloß äußere Ordnung der Lebensverhältnisse,

die Zivilisation, kommt sie mit eigenen Mitteln nun und nimmer hinaus.

So kann die naturalistische Lebensordnung die höheren Forderungen des

Menschenwesens nur in Widerspruch mit sich selbst festhalten; daß

bei solchem inneren Widerspruch zur Erfüllung jener viel geschehen

kann, ist schwerlich zu erwarten. Die Leere und Sinnlosigkeit, in die

hier das Leben gerät, muß augenscheinlich und zugleich unerträglich

werden, sobald die Frage aufs Ganze gerichtet wird, was der zum Denken

erwachte Mensch schließlich doch nicht unterlassen kann. Was wird hier

aus dem Ganzen des Lebens, was aus dem Lebensstand der Menschheit?

Kein inneres Band verknüpft hier die Menschheit mit dem All, auch kein

solches Band die Menschen untereinander. Wir mühen und hasten uns im

wilden Lebenskampf, damit sich mehr und mehr Kraft entfalte, aber es

gibt nichts, dem diese Kraft zugute komme, es gibt keine Möglichkeit,

sie in ein wahrhaftiges Leben eines Beisichselbstseins überzuführen.

Die der Kraftentfaltung anhangende Lust steht in grellem Mißverhältnis

zu all der Mühe und Arbeit, all der Aufregung und Aufopferung,

welche die Erhaltung des Lebens vom Kulturmenschen fordert. So

viel Verwicklung und Umständlichkeit in Erziehung und Bildung, in

staatlicher Ordnung und sozialem Aufbau, und das alles, damit wir im

wesentlichen dasselbe erreichen, was das Tier so viel leichter erreicht!

Über solche Bedenken sich leicht hinwegsetzen kann nur, wer einem

starken Optimismus gegen den Menschen und die menschliche Lage huldigt,

wer keine inneren Verwicklungen, keine schweren Probleme in ihr

anerkennt. So ging in der Tat der Naturalismus oft mit einem flachen

Optimismus zusammen. Dieser Optimismus hatte schon vor dem Kriege

manche Erschütterung erlitten, es waren im menschlichen Leben manche

Probleme und Widersprüche ersichtlich geworden, denen gegenüber der

Naturalismus vollständig wehrlos ist; so waren seine Flitterwochen

schon vorher abgelaufen. Die Erfahrungen des Weltkrieges müssen das

weiter vertiefen. Denn wären wir in den ungeheuren Erschütterungen, die

er bringt, und den Problemen, die er eröffnet, allein auf die Hilfen

angewiesen, die der Naturalismus zu bieten vermag, so bliebe nichts

anderes als eine völlige Verzweiflung, ein trostloser Pessimismus.

Und einem solchen Abschlusse wird doch die Menschheit mit aller Kraft

widerstehen, selbst in den schweren Verlusten und den durch sie

geweckten Zweifeln wird sie eine Überlegenheit gegen die bloße Natur

empfinden. Das Leid selbst erweist sich als der stärkste Gegner des

Naturalismus, sobald es ins Innere gewandt wird.

So wird dieser seinen Anspruch auf eine führende Stellung nicht

durchzusetzen vermögen. Aber glauben wir deshalb nicht, daß wir schon

mit ihm fertig sind, daß nicht viele offene Fragen verbleiben. Die

naturalistische Lebensordnung hat nicht nur einzelne Daten aufgedeckt

und zur Geltung gebracht, ihr Verdienst ist, in zwingender Weise einer

ganzen Seite unseres Lebens zur Anerkennung verholfen zu haben, die

ihr früher mit Unrecht versagt ward. Diese Anerkennung läßt sich aber

nicht vollziehen, ohne daß schwierige Fragen erwachen, manche Zweifel

entstehen, das Ganze unseres Lebens eine neue Beleuchtung erhält.

Den Naturalismus zu schelten mag der landläufigen Apologetik als ein

billiges Vergnügen überlassen bleiben; die vom Naturalismus vertretene

Tatsächlichkeit im Ganzen des Lebens zu würdigen ist eine Aufgabe, die

noch immer recht viel zu tun gibt. Der Mensch ist nicht bloß Natur,

aber er ist weit mehr Natur, als die älteren Ordnungen ihm zuerkennen,

und dieses Mehr wird nicht eher zur Ruhe kommen, als bis es sein Recht

gefunden hat.

Die Wendung des Menschen zu sich selbst.

Die Sozial- und die Individualkultur.

Wenn das Dasein Gottes dem Menschen ungewiß wird und die Weltvernunft

ihm verblaßt, wenn zugleich die Natur eben bei wachsender äußerer

Annäherung ihm innerlich fremder wird und sein seelisches Leben

leer läßt, so scheint, um unserem Dasein einen Sinn und Wert zu

bewahren, nur noch ein einziger Weg zu verbleiben: die Wendung des

Menschen zu sich selbst, die Ergreifung, Nutzung, Ausbildung alles

dessen, was im eigenen Bereiche vorgeht. Solche Wendung läßt sich

aber in zwiefachem Sinne verstehen. Einmal kann sie bedeuten, daß

der menschliche Kreis die Stätte bildet, wo allein sich uns Tiefen

der Wirklichkeit erschließen, von wo aus alles zu entwickeln ist,

was mehr aus uns machen soll; dann geht der Mensch keineswegs in

das Bild auf, das sein unmittelbarer Anblick zeigt, dann können

große Möglichkeiten in ihm liegen und weitere Zusammenhänge von Welt

und Leben von ihm aus ersichtlich werden. So erfahren wir es heute

in erhebender Weise, wenn uns der Mensch in Staat und Nation weit

über den nächsten Anblick hinauswächst. Dies aber soll uns später

beschäftigen, an dieser Stelle kommt nur in Frage, ob das moderne

Leben eine Bewegung enthält, vom Menschen, wie er in der Erfahrung

vorliegt, vom Menschen, wie er leibt und lebt, eine allumfassende

Lebensordnung als eine reine Menschenkultur aufzubauen. Das würde die

Behauptung schärfer zuspitzen und dem Leben eine engere Bahn abstecken.

Eine derartige Behauptung ist aber in der Tat vorhanden und hat einen

eigentümlichen Anblick vom Leben und Sein hervorgebracht. Während von

früheren Zeiten her und bis in die Gegenwart hinein der Mensch sich

selbst und seinen Kreis im Lichte einer unsichtbaren Welt, sei es des

Gottesreiches, sei es einer Weltvernunft, sieht und versteht, ist

neuerdings auch eine breite Bewegung dahin aufgekommen, ihn ganz und

gar auf das sichtbare Dasein zu stellen, hier alle Ziele zu suchen,

ihn mit seinesgleichen nicht durch irgendwelche Vermittlung eines

Gedankenreiches, sondern nur durch das tatsächliche Zusammentreffen

auf dem Boden des Daseins zu verbinden. Eine solche Wendung darf sich

auf tatsächliche Veränderungen des Lebens berufen. In der Neuzeit sind

auf Grund der modernen Technik und der Beschleunigung des Verkehrs die

Berührungen und Beziehungen von Mensch zu Mensch unermeßlich gewachsen,

die Kräfte haben sich mehr zu fruchtbarer Arbeit zusammengefunden und

dadurch ihr Vermögen gesteigert, auch die Individuen sind weit mehr

in Bewegung versetzt und zu mehr unmittelbarem Empfinden geweckt;

durch alles zusammen ist der Mensch sich selbst und dem Menschen

weit mehr geworden. Solche Erfahrungen lassen es nicht als überkühn

erscheinen, daß der Mensch sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und

mit emsigem wie zielbewußtem Handeln einen zusagenden Stand des Lebens

herbeiführt, der alle berechtigten Wünsche zu erfüllen verspricht; ist

ein überschwängliches Glück unerreichbar, wie es die Religionen dem

Menschen versprachen, so kann doch recht viel zur Hebung des Daseins

geschehen, in tatkräftigem Wirken dafür kann der Mensch seinem Leben

ganz wohl einen Sinn und Wert verleihen. Ihm mag es bei solchem Zuge

ein nicht geringer Vorteil dünken, wenn die Bindungen und Hemmungen

entfallen, welche von den älteren Lebensordnungen her einen Druck

auf das Handeln üben, wenn der Mensch nunmehr allen Anregungen der

Erfahrungswelt mit voller Unbefangenheit nachgehen kann. Auch die

einzelnen Lebensgebiete müssen sich damit eigentümlich gestalten, sie

müssen an Schlichtheit, an seelischer Nähe und Wärme gewinnen, wenn

sie lediglich daraufhin angesehen und danach bemessen werden, was sie

dem Menschen als Menschen leisten. Aller Verwicklung der Weltprobleme

enthoben, sieht sich hier das Handeln vor erreichbare Ziele gestellt,

die doch keineswegs geringfügig sind und menschliche Kraft ganz

wohl in Bewegung zu setzen vermögen. So ist es sehr begreiflich, daß

ein derartiges Streben vielen Anklang fand und einen eigentümlichen

Lebensstrom erzeugte.

Solche Fassung des menschlichen Daseins muß auch den Gegensatz

eigentümlich gestalten, der von altersher durch die menschliche

Gemeinschaft geht, und dessen Zusammenstoß ein Hauptantrieb der

Bewegung auf diesem Gebiete ist, den Gegensatz des Gesamtstandes und

des Befindens der einzelnen Individuen, den Kampf darum, ob möglichste

Unterordnung unter das Ganze oder freie Bewegung der Einzelnen das

Hauptziel bilde, ob mehr das Gemeinsame oder das Eigentümliche den

Charakter des Lebens zu bestimmen habe, ob mehr eine Organisation oder

eine Emanzipation der Kräfte zu erstreben sei.

Dieser Gegensatz von Gesellschaft und Individuum, von Zusammenstreben

und Auseinandergehen, von Ordnung und Freiheit durchdringt in weitester

Fassung die ganze Weltgeschichte, er wirkt von ihr zur Gegenwart

sowohl aus der Arbeit der Jahrtausende als aus den Erfahrungen des

letzten Jahrhunderts. Nachdem der Verlauf des Altertums mehr und

mehr die überkommenen Ordnungen zersetzt und den Schwerpunkt des

Lebens den Individuen zugewiesen hatte, erfolgt gegen sein Ende ein

immer stärkerer Rückschlag zugunsten einer festeren Verbindung der

Kräfte, philosophische Schulen wie religiöse Kulte schließen die

Individuen enger zusammen und lassen sie einander helfen und stützen;

das Christentum nimmt die Bewegung auf und führt sie bei wachsendem

Verlangen nach einem sicheren Halt und nach Befreiung von eigener

Verantwortung schließlich dahin, daß die religiöse Gemeinschaft, die

Kirche, zur alleinigen Trägerin göttlicher Wahrheit und göttlichen

Lebens wird, der Einzelne einen Anteil daran nur durch ihre Vermittlung

erlangt. Wir wissen, wie das auch in die Gegenwart hinein eine große

Macht erstreckt.

Eine völlig entgegengesetzte Richtung verfolgt die Neuzeit durch alles

ihr eigentümliche Schaffen hindurch, sei es der Aufklärung, sei es des

Humanismus. Aus allen ihren Bildungen spricht der Glaube an den Wert

und das Vermögen der Individuen, so daß auf deren Wirken das Leben

zuversichtlich gestellt wird; nichts unterscheidet die Kulturarbeit der

modernen Völker mehr voneinander als das Gebiet und die Art, worin sie

den Freiheitsgedanken zur Herrschaft brachten; auch für das Leben der

Gegenwart hat jener seine Macht keineswegs eingebüßt, er erzeugt immer

neue Bewegung.

Sodann aber entsteht auf dem Boden des letzten Jahrhunderts von

verschiedenen Seiten her ein starkes Verlangen nach mehr Zusammenschluß

der Einzelnen zu einem Ganzen und nach ihrer Befestigung dadurch,

das aber sowohl aus der inneren Bewegung des geistigen Lebens als

durch neue Aufgaben und Verwicklungen auf dem Boden der Erfahrung.

Die spekulative Philosophie lief in eine Verkündigung eines alles

beherrschenden Gesamtgeistes aus, dem der Einzelne unbedingt dienen

müsse, stärker noch wirkte das Aufkommen einer historischen Denkart

mit ihrer Einfügung des Einzelnen in große Zusammenhänge, am stärksten

aber tat es das Aufkommen schroffer wirtschaftlicher Gegensätze, der

Konflikt von Arbeit und Kapital, der die Menschheit zu zerreiben

drohte und daher ein wachsendes Verlangen nach einer Ordnung ihrer

Verhältnisse durch die überlegene Macht des Staates hervorrief. Alles

miteinander hat manche auf die mittelalterliche Denkart zurückgreifen

lassen, vornehmlich aber hat es auf dem eigenen Boden der Zeit eine

neue Bewegung erzeugt, die Bewegung zu einer lediglich bei sich selbst

befindlichen und befriedigten Sozialkultur. Wieviel in der modernen

Gestaltung des Lebens ihr förderlich ist, daran wurde schon früher

erinnert; eben jene Gestaltung ließ den Menschen deutlich empfinden,

wie sehr er inmitten aller scheinbaren Freiheit am Ganzen hängt, ja

wie die freiere Bewegung selbst stark zur Einschränkung des Einzelnen

wirkt, indem sie ihn in mehr Berührung mit der Umgebung bringt und

deren Einfluß von allen Seiten auf ihn eindringen läßt. Alles derartige

zusammenfassend und die Kräfte zu gemeinsamer Arbeit verbindend,

erstrebt die moderne Sozialkultur eine Ordnung des menschlichen

Daseins, welche den Gesamtstand wesentlich hebt, im besonderen eine

Atmosphäre des Wohlwollens und des Wohlseins schafft, in der sich alle

Kräfte entfalten und alle Zustände bessern können. Es liegt in der

Natur der Sache, daß ein solches Wirken vornehmlich von außen nach

innen geht, daß es mit der Herstellung glücklicher Lebensbedingungen,

sowie zweckmäßiger Einrichtung des Zusammenlebens beginnt, in festem

Vertrauen darauf, daß dem ein Fortgang des Inneren entsprechen werde.

Denn was das Ganze gewinnt, das scheint sich notwendig auch in die

einzelnen Seelen zu senken. So wird hier das Handeln vornehmlich auf

die Umgebung gerichtet, es findet seine Höhe in eifrigem Wirken für

andere und das gesellschaftliche Ganze; damit wird alle Ethik zur

Sozialethik, und statt der Gottheit wird hier die Menschheit zum

Gegenstand der höchsten Verehrung. Demgemäß ist es auch die Leistung

für den gemeinsamen Lebensstand, die über die Bedeutung und die

Gestaltung der einzelnen Lebensgebiete, zum Beispiel der Kunst und der

Wissenschaft, entscheidet. Daß auch der Wahrheitsbegriff sich dieser

Denkweise anpassen kann, das zeigt der Pragmatismus, der, aus Amerika

stammend, auch in Europa zahlreiche Anhänger fand. Der Gefahr, die

von dieser Sozialkultur aus der Selbständigkeit der Individuen droht,

wird dadurch zu begegnen gesucht, daß sich mit jener Bewegung eine

demokratische Tendenz zu verbinden pflegt, das Streben, möglichst alle

zur unmittelbaren Teilnahme und Entscheidung aufzubieten und so einem

jeden die Ordnung des Ganzen auch zur eigenen Tat zu machen oder doch

als eine solche erscheinen zu lassen. Bemerkenswert ist auch, daß eben

auf modernem Boden das freie Zusammenleben und die eigene Bewegung der

Kräfte viel Organisation hervorgebracht hat, wie sie früher nur von

oben herab aus einer überlegenen Gedankenwelt möglich schien; denken

wir nur an die Gewerkschaften und ihr hervorragendes Wirken im Kriege!

Die Leistungen dieser Sozialkultur liegen deutlich zutage. Ihre

Richtung der Arbeit auf die Wohlfahrt aller hat viel Not und Härte

ausgetrieben, mehr Freude und Milde in das Leben gebracht, sie hat

hilfreiche Tätigkeit in alle Verzweigung des Daseins eingeführt,

jedem Menschenwesen ein Recht zuerkannt und es damit auch im eigenen

Bewußtsein gehoben, sie hat zugleich ein Gefühl der Verantwortlichkeit

jedes Einzelnen für den Stand des Ganzen geweckt, sie hat mit dem allen

eine höchst wertvolle Weiterbildung des menschlichen Daseins vollzogen.

Aber das alles berechtigt sie noch keineswegs zur ausschließlichen

Führung des Lebens; sie kann eine solche nicht unternehmen, ohne auch

ihre Schranken erkennen zu lassen. Diese Schranken betreffen aber

sowohl das hier gesteckte Ziel als die Mittel zu seiner Erreichung. Der

Mensch geht in Wahrheit nicht auf in das Verhältnis zum Nebenmenschen,

er hat auch ein Verhältnis zu sich selbst und in engem Zusammenhang

damit eins zum All und muß von daher Maße des Lebens entlehnen; auch

kann er sich unmöglich so in seinen Zustand verschließen und alles nach

der Wirkung dafür bemessen, daß ihm alles Gegenständliche gleichgültig

wird, da erst dessen Aneignung dem Leben eine innere Weite und zugleich

eine reine Freude zu geben vermag. Einem Wesen, das mit seinem Denken

sich zur Unendlichkeit und Ewigkeit zu erheben und von da den eigenen

Stand zu betrachten vermag, wird die bloße Wohlfahrt, ein möglichst

schmerzfreies und genußreiches Leben, und sei es auch das Leben

aller, ein viel zu geringes Ziel; auch dessen Erreichung beließe ihn

in einer völligen inneren Leere, die als endgültiger Stand gedacht

peinvoller ist als aller Schmerz. Wer direkt auf Glück im Sinne der

Wohlfahrt ausgeht, der muß alles Wagnis und Opfer möglichst fern von

sich halten und fein säuberlich gebahnte Heeresstraßen wandern, wo

doch die Erfahrung lehrt, daß der Weg zu hohen Zielen nur durch den

Schmerz von Zweifel und Verneinung geht, und daß bedeutende Kraft nur

das zu wecken vermochte, was nicht wegen des bloßen Glückes, sondern

aus dem Zwange geistiger Selbsterhaltung angestrebt wurde, wie immer

dabei das subjektive Befinden ausfallen mochte. Jenes allein vermag

dem Handeln einen heroischen Charakter zu geben, während das bloße

Glückverlangen es unvermeidlich einem Philistertum gröberer oder

feinerer Art überliefert. So droht das Voranstellen der Sorge um die

Bedingungen und Mittel des Lebens das Leben selbst schwer zu schädigen,

ja tief herabzusetzen. -- Auch die Menschheit böte insofern kein hohes

Ziel, als die Zusammenhänge der Sozialkultur ihr keine innere Einheit

zu geben vermögen und sie statt eines zusammengehörigen Ganzen in ein

bloßes Nebeneinander einzelner Elemente verwandeln; fast unvermeidlich

wird damit der Durchschnitt zur Norm, und die Masse muß die Menschheit

vertreten; so verstanden wird der Menschheitsgedanke auf den Einzelnen

eher niederdrückend als erhöhend wirken, er bedroht ihn mit der

Gefahr einer Verwischung der Unterschiede und einer abschleifenden

Gleichmacherei.

Aber angenommen, das Ziel der Sozialkultur bliebe unangefochten, wie

will sie die Kräfte und die Gesinnungen zu seiner Erreichung finden?

Sie hofft alles von einem Handeln für andere, einem »altruistischen«

Handeln, und sieht nicht, daß ein solches Handeln eine bewegende

Kraft nur erlangen kann, wenn der andere nicht bloß neben mir steht,

sondern mit mir durch eine innere Einheit des Lebens verbunden, in

mein geistiges Selbst aufgenommen wird. Aber ein derartiger Begriff

muß der Sozialkultur als schlechthin unverständlich erscheinen und

die Sache als unerreichbar; jene läßt den anderen neben mir stehen

und verlangt doch, daß ich meine Kraft für ihn einsetzen soll. Nie

aber kann ein Mensch oder ein Ding eine starke Bewegung erzeugen,

solange es nicht ein Bestandteil meines eigenen Lebens wird. Eine

solche Bewegung geht nur aus innerer Notwendigkeit, namentlich aus

unerträglichen Widersprüchen des eigenen Lebens hervor; nur sofern der

Mensch auf sich selber steht und für sich selber schafft, kann er etwas

erreichen, das auch den anderen wertvoll ist; wer vornehmlich an die

Wirkung bei anderen denkt, der hat damit auf das Erstgeburtsrecht des

Schaffens verzichtet. -- In der Gesinnung aber setzt die Sozialkultur

freundliche, wohlwollende, zahme Menschen voraus, Menschen, die

kein radikales Böses kennen, nichts von wilden Leidenschaften und

dunklen Abgründen der Seele wissen, denen alles Dämonische oder

gar Diabolische, zugleich freilich auch alles Heroische, eine

unverständliche Größe ist. Mußten wir schon früher bezweifeln, ob

die Menschen so zahm, so gutartig sind, so hat der gegenwärtige

Krieg solchen Zweifel wohl zu vollem Siege gebracht. Damit aber wird

der Sozialkultur eine Hauptstütze entzogen, dem Bösen gegenüber hat

sie keine Wehr. Bei solchen Bedenken verkennen wir keineswegs die

Bedeutung edler Humanität und rastloser Hilfstätigkeit, die nach jener

Richtung hin entfaltet wird, auch nicht den Wert des Strebens, alles

Menschenbild zu heben und zur Selbsttätigkeit zu berufen; aber das

geschieht nur unter Überschreitung der begrifflichen Schranken jener

Lebensordnung, die Leistung geht hier, wie so oft, weit über die Lehre

hinaus. Im besonderen erhält die Menschheit oft einen tieferen Sinn,

als der eigene Boden der Sozialkultur begründet, sie wird, oft in

Nachwirkung der älteren Lebensordnungen, ein hoher Idealbegriff, der

echte Begeisterung erweckt. Solche Verschiebung der Begriffe macht dem

Herzen der Bekenner alle Ehre, das Problem aber löst sie nicht.

Diese Gefahren und Schranken mußten auch innerhalb der Menschenkultur

zur Empfindung kommen und eine Gegenbewegung erzeugen. Das ergab

die Bildung einer Individualkultur, welche sich ebenfalls ganz und

gar auf den Boden der Erfahrung stellt und jede Abhängigkeit des

menschlichen Daseins von weiteren Zusammenhängen ablehnt, welche aber

innerhalb der Erfahrung einen völlig anderen Ausgangspunkt nimmt,

nämlich das Fürsichsein, den seelischen Zustand des Individuums. Indem

sie die Sozialkultur als eine Mechanisierung und Schablonisierung

des Lebens bekämpft, stellt sie ihr ein Leben entgegen, welches

vornehmlich das Individuum zu stärken, es unter Befreiung von

aller Bindung ganz auf sich selbst zu stellen und zur vollen

Ausprägung seiner Eigentümlichkeit zu bringen verspricht. Indem sie

alle Lebensverhältnisse und alle Lebensgebiete zu Mitteln für die

Entfaltung und den Selbstgenuß des Individuums macht und zugleich

alles, was von der Vergangenheit zu uns wirkt, in lebendige Gegenwart

verwandelt, ergibt sich viel Freiheit und Frische, ein überströmender

Reichtum verschiedener Bildungen, entsteht ein leichtbeschwingtes,

freischwebendes, frohgestimmtes Leben; es wird sich selbst um so

mehr zu verstärken glauben, je mehr es das Unterscheidende pflegt

und den Abstand von anderen hervorkehrt; die Freude, etwas Eigenes,

Unabhängiges, Unvergleichliches zu sein, wird alles Tun durchdringen

und heben; Hauptgehilfen dieses Lebens werden Kunst und Literatur,

natürlich in einem besonderen Sinne verstanden.

Der Sinn und Wert des Lebens · 第 2 / 12 段