In diesem Bande sind die novellistischen Arbeiten Stendhals gesammelt,
deren Abfassungszeit nach Le Rouge et le Noir fällt, also in die Zeit von
1830 bis zum Tode des Schriftstellers. Zwei Romanentwürfe, der eine aus
dem Jahre 1882, der andere etwa aus dem Jahre 1840, finden in diesem Bande
ihren Platz. In der folgenden Bibliographie sind bloß die ersten Drucke
angegeben; von einer Aufzählung der oft sehr zahlreichen nachfolgenden
Drucke ist abgesehen.
_Les Cenci_ (1599): erster Druck in der Revue des Deux Mondes, 1. juillet
1837, pag. 5-32. Auf eine 1825 in Paris erschienene Broschüre von 87
Seiten: Histoire de la famille Cinci. Ouvrage traduit sur l'original
italien trouve dans la Bibliothèque du Vatican, par M. l'Abbé Angelo Maio,
son conservateur, hat G. Hanotaux aufmerksam gemacht und hinter dem
Verfasser "Angelo Maio" Stendhal vermutet. Auch eine Relation de la mort
de Giacomo et Beatrix Cenci, französisch und italienisch 1828 in den
Mélanges der Société des Bibliophiles français veröffentlicht und in der
kurzen Vorrede mit 'Malartic' unterzeichnet, dürfte Stendhal zum Verfasser
haben. Vgl. G. Vicaire in Manuel de l'Amateur de Livres du XIX. siècle, I,
1894, col. 464-465, und: Gli originali delle Chroniques italiennes, con
postille autografe inedite: Les Cenci, a cura del dott. Giov. Barburo.
Casale, 1912, pag. 27.
Die Fürstin von Campobasso, unter dem Titel: _San Francesco a Ripa_,
zuerst gedruckt in der Revue des Deux Mondes. Juli 1853, pag. 166-179.
_La Duchesse de Palliano_. Zuerst gedruckt in der Revue des Deux Mondes.
August 1838, pag. 535-554.
_Vittoria Accoramboni_. Zuerst gedruckt in der Revue des Deux Mondes. März
1837, pag. 560-584.
_L'Abbesse de Castro_. Geschrieben um 1838 und zuerst gedruckt in der
Revue des Deux Mondes, Februar 1839, pag. 273-328 und März 1839, pag.
628-653. Die erste Buchausgabe: L'Abbesse de Castro par M. de Stendhal,
Auteur de Rouge et Noir, de La Chartreuse de Parme etc. Paris, Dumont,
éditeur, Palais-Royal, 88, au Salon litteraire, 1839, in 8°, SS. 329. Der
Band enthält außerdem Vittoria Accoramboni, Les Cenci. Von der Äbtissin
von Castro, meist vereinigt mit andern Novellen aus dem italienischen
Kreise, sind erschienen: fünfzehn französische, drei deutsche Ausgaben, je
eine spanische, italienische, schwedische, flämische, tschechische,
russische und polnische Ausgabe.
Ein Aufsatz Stendhals über etruskische Gräberfunde Les Tombeaux de
Corneto, den man in den französischen Ausgaben meist den Novellen beifügt,
findet in unserer Ausgabe seinen richtigen Platz in den Essais.
_Suora Scolastica_, deren Vorrede vom 21. März 1842 datiert
ist -- Stendhal erlitt andern Tags einen Schlaganfall und starb am 23.
März des Jahres -- ist 1837 begonnen, wie sich aus einem Briefe vom 16.
März 1837 an die Comtesse de Tracy ergibt, und unvollendet geblieben. Das
Fragment wurde zuerst von C. Stryienski in La Chronique de Paris Nr. IV,
25. Februar 1893, pag. 195-200, veröffentlicht, die Vorrede in der Revue
rétrospective, XVIII, 1. Mai 1898, pag. 289-293. Beides dann in den
Soirées du Stendhal Club, Paris 1904, pag. 127-141.
_Trop de faveur nuit_ wurde um 1838 geschrieben und aus der Handschrift
zum erstenmal veröffentlicht von F. von Oppeln-Bronikowski in La Revue de
Paris, 15. Dezember 1912, pag. 678-696, und 1. Januar 1918, pag. 5-26. Dem
Manuskript Stendhals gehen folgende Zeilen von seiner Hand voraus: "'Zu
viel Gunst schadet' (aufgegeben am 15. April 1889). Personen: der Fürst,
Großherzog und Kardinal; der Graf Buondelmonte; die Äbtissin Virgilia;
Felizia, Geliebte Roderigos; Rodelinde, Geliebte Lancelottos, Freundin
Felizias; Fabiana, 17 Jahre alt, munter, unbesonnen, Geliebte von X**;
Celiana, düstre Geliebte von X**, Freundin Fabianas; Martona, Vertraute
der Äbtissin Virgilia; Roderigo L., Geliebter Rodelindens; Lorenzo R.,
Geliebter Fabianas; sie liebt ihn über alles und hat seinetwegen Don
Cesare, Malteserritter, aufgegeben; Pierantonio D., Geliebter Celianas,
die nur eine sinnliche Liebe zu ihm fühlt; Livia, adelige Kammerzofe
Rodelindens. Trop de faveur nuit, Historie aus dem Jahre 1589. Dies der
Titel, den ein spanischer Dichter dieser Geschichte gab, aus der er eine
Tragödie machte. Ich werde mich wohl hüten, irgendeine der Ausschmückungen
zu gebrauchen, mit deren Hilfe die Phantasie dieses Spaniers versucht hat,
diese traurige Schilderung klösterlichen Lebens zu verschönern. Gewiß
steigern einige dieser Zutaten das Interesse, aber ich bleibe bei meiner
Absicht, die elementaren passionierten Menschen jener Zeit zu zeigen, von
denen unsere Zivilisation stammt; darum gebe ich diese Erzählung ganz
schmucklos." Stendhal hat seine Erzählung aus einer Chronik entnommen,
wonach sich der Vorfall im Kloster von Bajano bei Neapel zutrug. Der
Schluß der Erzählung ist nach Stendhals Aufzeichnungen gegeben.
_Le Chevalier de Saint-Ismier._ Erstmals nach der Handschrift
veröffentlicht von F. von Oppeln-Bronikowski in der Revue Bleue, 7.
Dezember 1912, pag. 709-714, und 14. Dezember 1912, pag. 737-740.
_Zwei Roman-Entwürfe._ Erstmals von C. Stryienski veröffentlicht in den
Soirées du Stendhal Club, Paris 1904, pag. 95-100. Der erste
Plan -- A-Imagination, das A ist alpha privativum -- ist gegen 1840
aufgeschrieben, wie sich aus der Julien Sorel erwähnenden Textstelle
ergibt. Den zweiten Entwurf hat Stendhal selber datiert. Der in dem Legat
angegebene Abraham Constantin war ein Miniaturenmaler auf Porzellan und
Kopist alter Meister, dessen Hauptwerke sich im Museum von Turin befinden.
Die Duchesse de Vaussey dürfte in Menta ihr Urbild haben. Vgl. Vie de
Henri Brulard und einen Brief Mentas in Comment a vécu Stendhal, 1900.
Roizard ist Selbstporträt; R. Colomb benützt es in seiner Notice.
_Aus italienischen Chroniken_. Im Jahre 1833 erstand Stendhal
zwölf -- nach Oppeln-Bronikowski, Einleitung zu Chroniken 1908,
dreizehn -- handgeschriebene Foliobände mit zeitgenössischen Berichten aus
dem Italien des Seicento, vornehmlich des römischen. Was er damit für
Absichten hatte und wie er durch ihre Verwendung der Originator des
Renaissancismus wurde, geht aus Briefen an den Freund R. Colomb und den
Verleger Calman Levy und aus Tagebuchaufzeichnungen hervor: sie sollten
ihm das stoffliche Material zu einer Reihe von Erzählungen liefern, denen
er den gemeinsamen Titel "_Les Bois de Premol_" geben wollte und die sechs
Bände umfassen sollten. "Ich habe alles nichts als Historische beiseite
gelassen und nur das gesucht, was das menschliche Herz schildert" und
unterm 27. April 1882 an Colomb aus Palermo: "was geht uns heute ein
Interdikt gegen Venedig an oder die Geschichte der zahllosen Verträge
zwischen Rom und Neapel? Aber es interessiert uns, wie man sich in jener
Zeit an einem Nebenbuhler rächte oder eine Frau eroberte. Ich las das
Manuskript dieser alten Berichte wie einen Roman."
Und: "Die Eitelkeit und die öffentliche Meinung waren kaum im Entstehen,
und vom Fürsten verliehene Ehren nahm man mitnichten ernst ... Manche
glauben ja gar, jene Kultur wäre der unsern, auf die wir so stolz sind,
gleichwertig. Aber wir haben da ein Plus von zwei hübschen Dingen: die
Wohlanständigkeit und die Heuchelei. Unsere heutige Prüderie hat nicht die
leiseste Vorstellung von jener Kultur ... Aber dafür wären auch alle
unsere mumienhaften Tugenden den Zeitgenossen Ariostos und Raffaels höchst
lächerlich vorgekommen. Denn man schätzte damals am Manne nur, was er als
Person, als er selber war, und es war keine Eigenschaft der Person, so zu
sein wie jedermann: die Dummköpfe und Einfaltspinsel hatten da kein
Terrain." Und: "Das Leben ohne die Dinge, die es glücklich machen, wurde
nicht hoch eingeschätzt. Ehe man den beklagte, der es verlor, rechnete man
die Summe von Glück aus, die er genossen, und in dieser Rechnung nahmen
die Frauen einen weit größeren Raum ein als heutzutage." Und: "Diese
Sitten haben einen Raffael und Michel Angelo hervorgebracht, die man heute
höchst lächerlich durch Kunstakademien hervorbringen will. Man vergißt,
daß es einer kühnen Seele bedarf, um den Pinsel recht zu führen, und
erzielt nichts als arme Teufel, die einem Bureauchef den Hof machen
müssen, damit er bei ihnen ein Bild bestelle."
Einiges aus diesen Handschriften hat Stendhal in die Formen seiner
Novellen gebracht; fast wörtlich folgt er seinen Quellen in der Vittoria
Accoramboni und den Cenci. Anderes wird Episode, ja dient als Fabel, wie
in der Chartreuse de Parme. An der Ausführung seines Planes der weiteren
Bände wurde Stendhal durch den Tod verhindert; der Vertrag über neue
Chroniques italiennes mit der Revue des Deux Mondes war bereits
abgeschlossen und 1500 Franken an Stendhal als Vorzahlung geschickt
worden.
Stendhals Schwester Pauline Périer-Lagrange verkaufte durch Mérimées
Vermittlung die Manuskriptbände der Quellen an die Bibliothèque nationale:
es sind die Codices Italiani 169-179 und 296-297 der
Handschriftenabteilung. Zum ersten Male haben gleichzeitig
Oppeln-Bronikowski a.a.O. und C. Stryienski im zweiten Bande der Soirées
du Stendhal Club, Paris 1908, pag. 214-267, daraus einiges publiziert, der
Deutsche sechzehn, der Franzose zwölf gekürzte Stücke. Oppeln-Bronikowski
hat außerdem eine genaue Beschreibung der Codices gegeben, die ungeführ
fünfzig Geschichten enthalten. Ein kleiner Teil dieser Geschichten ist von
Stendhal durchkorrigiert -- "ich mache Bleistiftkorrekturen, um nicht beim
dritten Lesen die Geduld zu verlieren", wie er in einer Vorrede schreibt.
Unserer Übersetzung dienten als Vorlage: Abschriften nach den Originalen
in Paris, Stryienskis Text und für _Ariberti_ und _Farnese_ Stendhals
Correspondance. Die ausgewählten Beispiele wären leicht zu vermehren
gewesen, doch schien dies überflüssig. Das begrifflich und dokumentarisch
Neue von 1830 ist durch Burckhardt und Nietzsche und ihnen nachfolgend
durch zahlreiche Veröffentlichungen der Dokumente so vertraut geworden,
daß ein ausführlicherer Abdruck Stendhalscher Exzerpte obsolet wäre. Aus
einem der drei oder vier literar-kritischen Werke von Rang, die in den
letzten zwanzig Jahren in Deutschland veröffentlicht wurden, aus F.F.
Braungartens 'Das Werk Conrad Ferdinand Meyers, Renaissance-Empfinden und
Stilkunst', G. Müller, München 1920, seien hier einige Sätze zitiert:
"[sic! Anführungszeichen am Ende des Zitats (wohl am Absatzende nach dem
Losungswort) fehlt.]Bei Stendhal ist die Renaissancebegeisterung
wesentlich revolutionäre Weltanschauung: Stendhals Renaissancehelden sind
die Abenteurer, die Briganti und Condottieri. Cesar Borgia, 'le
représentant de son siècle' heißt es bei Stendhal ... Er stellt die
Renaissance als Ziel des natürlichen und freien Menschen in Gegensatz zu
der Knechtschaft und Verlogenheit des ancien régime. Er verherrlicht die
Leidenschaft und Aufrichtigkeit der Renaissance als lichte Gegenbilder der
Eitelkeit und der Galanterie und des verlogenen Ehrbegriffs des ancien
régime, die den Mann im Herrendienst und Frauendienst zum Sklaven macht.
Auf diesen von Stendhal festgelegten Grundzügen baut sich das
Renaissanceempfinden auf. Auch das erschöpfendste Renaissancebild: die
Darstellung Burckhardts hat hier ihre Aufgabe. Stendhal, der immer nur an
das XVI. Jahrhundert denkt und von dessen civilisation renaissante
spricht, kennt übrigens das Wort Renaissance noch nicht. Stendhal hat die
Renaissance als Folie des ancien régime, d.h. des Barocks, geschaut ...
Das Renaissancebild des Romanciers Stendhal war rein psychologisch. Er
hatte bereits 1817 der Renaissancebewunderung das Losungswort gegeben: "le
seul siècle, qui ait eu à la fois de l'esprit et de l'énergie".
Stendhal hat einigen seiner Auszüge Bemerkungen vorangestellt; sie sind
folgend wiedergegeben:
_Zu Kardinal Aldobrandini_: "Das wirkliche Herz der italienischen
Kurtisane; die Sitten waren zu wild, als daß sie den Kurtisanen eine
leichtherzige Güte erlaubt hätten. Mit dieser Geschichte die Sammlung
anfangen. Hierauf chronologische Folge. In der Biographie Michaud den
Artikel Aldobrandini zu lesen, um über die Lügereien zu lachen. Alles das
ist vor der Kopie von mir in den Originalmanuskripten gelesen worden.
Augenschmerzen wegen des Staubes."
_Girolamo Biancinfiore_: "Art Don Juan oder giftmischender Casanova.
Wildes Geschwätz, sehr abzukürzen, macht den Eindruck, als ob es für
Kinder erzählt wäre. 24. April 1833."
_Die Brüder Massimi_: "Aus Höflichkeit, aus mondäner Klugheit diese
Geschichte nach Neapel verlegen. Anfangen mit der Geschichte der
Stiefmutter, umgebracht von den vier Brüdern."
_George Picknon_: "Unter Ganganelli kam ein Engländer, wie ich glaube,
nach Rom, um den Papst zu bekehren. Ganganelli ließ ihm einiges Geld für
die Heimreise geben. Ich hätte den Mann zu meinem Amüsement kommen lassen,
aber wahrscheinlich hatte der arme Ganganelli, mit den Jesuiten
beschäftigt, keine Zeit, sich zu amüsieren."
_Die Farnese_: "Bericht voll naiver Wahrheit im römischen Patois. Rom
1834. To make of this sketch a Romanzotto, 16. August 38. Courier hat ganz
Recht. Durch eine oder mehrere Huren haben die meisten großen Familien ihr
Glück gemacht. Das ist nun ja in New York nicht möglich, da gähnt man sich
aber auch die Kinnbacken aus. Alessandros idealisierte Porträtbüste von
della Porta in Sankt Peter auf seinem Grabmal. Das wahrhafte Porträt
Alessandros, der Paul III. wurde, zeigen im höchsten Alter zwei Büsten im
Palazzo Farnese, eine davon dem Michel Angelo zugeschrieben. Spaßiger aber
seiner würdiger Schmuck auf dem Ornat des Papstes."
Im ersten Bande von Stendhals Novellen 'Eine Geldheirat' sind folgende
Versehen zu korrigieren. S. 371, letzte Zeile, haben die Neuausgaben von
Contes bruns zu heißen: Phil. Chasles und Ch. Rabou. Auf S. 372: Le Mari
d'argent ist zuerst gedruckt in den Nouvelles Inédites 1855. Die genannte
Ausgabe ist der 1902 erschienene Neudruck von den alten Platten. S. 369,
Zeile fünf von oben muß es heißen Nouvelles Inédites. Arthur Schurig macht
mich auf eine erotische Geschichte aufmerksam, die unediert in Grenoble
liegt, die erste schriftstellerische Arbeit des jungen Beyle. Es ist zur
Zeit davon keine Abschrift zu erhalten gewesen. Die Heldin der Novelle
'Mina von W.' heißt in Stendhals Handschrift richtig Wrangel. Da die
Arbeit unter dem Namen Wangel bekannt wurde, schien es besser, dabei zu
bleiben. Zumal auch ein umfangreicher, noch nicht veröffentlichter Roman
den Titel 'Mme de Wrangel' trägt und dieser dann zur Unterscheidung von
der wesentlich verschiedenen Novelle den richtigen Namen in unserer
Ausgabe behalten wird.
_Franz Blei_