September 1832--Juli 1833.
Ich vermache dieses Manuskript dem Maler Herrn Ab. Constantin, meinem
Nachbarn, mit der Bitte, es nicht vor 1880 zu zeigen. Rome, 4. Oktober
1882. H. Beyle. -- Es muß hierin mehr Wohlklang als in Le Rouge sein,
damit es leichter ins Ohr gehe.
Plan. -- Die Herzogin will de Roizard nur als Tröster.
Sie fürchtet nur dieses eine: daß er sie verliebt anblicke.
Später sagt sich Roizard: sie will ganz einfach geliebt sein, und parbleu,
ich werde sie nicht lieben.
Sein Erstaunen, als er entdeckt, daß sie Liebe gar nicht will.
Bin ich denn zu alt? fragt er sich. Und da verliebt er sich.
Zunächst Beschreibung der Charaktere; die Charaktere gehen aus den
Umständen hervor.
Die Charaktere sehr sauber festhalten: die Ereignisse bloß en masse, die
Details nur in dem Maße zulassen, als sie sich einstellen (12. Dezember
1882).
Grund: man denkt nur im Augenblicke des Schreibens selber wirklich und
ernsthaft an die Details. Ohne mir das vorher zu sagen, habe ich so in Le
Rouge gehandelt. Das Detail strömte mir im Schreiben erst zu.
Statt das Buch mit dem Stumpfsinn der Beschreibung nach der Methode Walter
Scotts zu beginnen, könnte man anfangen mit der Charakteranalyse der
Herzogin, wie ich diese mir aufschrieb im September 1882. Ich fand am 12.
Dezember diese zwei Seiten vortrefflich, und hatte sie während der
Bataillen von Vidau völlig vergessen.
Nach diesen beiden Seiten die Beschreibung der Rue de Palais, und die
Soiree oder den Empfang bei der Herzogin.
Die Herzogin. Madame la Duchesse de Vaussay, über dreißig alt, eine
Leidenschaftliche. Fortgerissen von einem Feuertemperament ergab sie sich
allen Freuden und Genüssen, hatte aber doch immer die höchste Idee von der
Pflicht, nicht eine vernünftige Idee, sondern eine ganz abergläubische,
deren Fond sie niemals untersuchte und deren sie sich aus ihrer
Leichtigkeit, gerührt zu werden, bemächtigt hatte.
Sie hat, wie man sagt, einige Liebhaber gehabt, und ist das ohne weiteres
zu glauben; ihre Seele war Leben und Bewegung; immer war sie von den
geschickten Manövern eines Mannes fortgerissen, der Frauen zu haben
gewohnt war, oder sie erlag mit blinder Leidenschaft einem wirklich von
ihr eingenommenen Manne. Niemals liebte sie als die erste, niemals wollte
sie sich hingeben, sondern voller Gewissensqualen über ihren Fall, dem sie
ruhigen Blutes nicht ins Gesicht schauen konnte, glaubte sie ihn
auslöschen zu können, indem sie dieses Gewissen durch eine völlige
Unterwerfung unter den Mann beschwor, der gerade ihr Herr war. In ihrem
guten Glauben hielt sie sich noch durch eine befehlende Pflicht gebunden,
wenn ihr Verstand ihr schon deutlich sagte, daß der Mann, dem sie ihr Herz
bewahrte, längst eine andere anführte.
Roizard. For me. In einem Wort ist Roizard der idealisierte Dominique.
Ersichtlich höchst wechselvollen veränderlichen Charakters; ein Wort
bringt ihn das eine Mal zu Tränen, das andere Mal macht es ihn ironisch,
hart, aus Angst, davon weich zu werden und sich hinterher dieser Schwäche
wegen zu verachten. Er war von mittlerer Größe und zählte über vierzig
Jahre. Seine Züge waren groß, nicht schön, aber höchst beweglich. Seine
Augen drückten die geringste Nuance seiner Gefühle aus. Und darüber war
sein Stolz verzweifelt. Da er dieses Malheur fürchtete, war er brillant,
witzig, voller amüsanter Geschichten, elektrisierte seine Zuhörer und
machte das Gähnen im Salon unmöglich. In solchen Augenblicken erregte er
Abneigungen wie heftigste Bewunderung seiner Person. Man kann nicht
geistvoller sein, sagten seine Bewunderer. Aber die Mittelmäßigen
erschreckte die Lebhaftigkeit seines Imprevu. Ohne Emotion war er ohne
Geist. Im übrigen war sein Erinnerungsvermögen schwach, oder er
mißachtete, es zu Hilfe zu rufen. Dann war sein Wort so diskret wie
indiskret der Ausdruck seiner Physiognomie. Daß man erriete, was er
fühlte, hätte seinen Stolz zur Verzweiflung gebracht. Das Pompöse -- la
sostenutezza -- im Ausdruck eines Gefühles, Affektation im Ausdruck eines
Schmerzes waren ihm fremd und zuwider, so legitim solcher Ausdruck auch
sein mochte; in solchen Fällen war Roizard Ironie in Blick und Wort.
Seriöses, Pompöses, Trauriges waren nie in seiner Konversation, und nie
sprach er von dem einzigen, das ein Recht auf sein Interesse hatte; ein
echtes Gefühl oder Heroismus, die sich für das Vaterland opferten.
Wie weit darf der familiäre Ton des Verfassers dieses Romans gehen? Die
außerordentliche Familiarität Walter Scotts und Fieldings bereitet sehr
gut die Momente des Enthusiasmus vor. Ist der Ton in Le Rouge nicht zu
römisch? 4. Oktober 1832.