DIE RACHE ARIBERTIS

Ariberti, ein Mailänder Edelmann und Besitzer mehrerer Ortschaften, hatte

gegen ein Mitglied der Familie Pecchio einen tödlichen Haß gefaßt; er war

in seinem Besitztum und später auch in seiner Liebe schwer beleidigt

worden. Pecchio führte gegen ihn einen Prozeß, den er gewann. Im Verlaufe

dieses durch Jahre sich hinziehenden Prozesses fiel Pecchio des Ariberti

schöne Frau auf, und es gelang ihm, sie von seiner Liebe wissen zu lassen

und die ihre zu gewinnen. Nach Verlust des Prozesses erging sich Ariberti

in Drohungen gegen seinen Gegner. Pecchio erfuhr, daß Aribertis Gattin auf

einem der Schlösser ihres Gatten in strengem Gewahrsam gehalten wurde. Sie

trug nur nach einem in der Welt Verlangen: aus Aribertis Tyrannei erlöst

zu werden. Insgeheim hatte sie genügend Geld für ihren Unterhalt

zusammengebracht. Das Schloß, in dem sie eingeschlossen war, lag nah bei

Lecco, eine Stunde Wegs von der Adda, die das Venetianische vom

Mailändischen trennt; einmal auf venetianischem Gebiet, konnte sie einen

andern Namen annehmen und war vor allen Verfolgungen so gut wie sicher.

Und ging es nicht anders, so wollte sie in Venedig in ein Kloster gehen,

dessen Regeln zu jenen Zeiten nicht sehr streng waren.

Während der kurzen Beziehungen zu Pecchio hatte er ihr Geständnis

empfangen. Seitdem waren drei Jahre vergangen, und Aribertis Tyrannei war

unerträglich geworden; er hatte drei spanische Duennen in Dienst genommen,

die seine Frau abwechselnd bewachten; nicht einmal des Nachts war die

Unglückliche allein: die wachthabende Duenna schlief bei ihr im Zimmer.

Eine Kammerfrau, vormals die Vertraute von Aribertis Gattin in ihrer

Liebschaft, war zwar nicht davongejagt, aber zur Gänsemagd degradiert

worden, als welche sie an dem Ufer der Adda ihre Herden hütete. Der

seltsame und in der Kunst der Rache raffinierte Mann hatte zu der

Kammerfrau gesagt: "Ich strafe dich so mehr, als wenn ich dich

wegschicke." Und als die Unglückliche den Wunsch aussprach, bei einer

andren Herrschaft in Dienst treten zu dürfen, antwortete ihr Ariberti:

"Versuch es nur, aber in weniger als vier Wochen bist du tot."

Pecchio wußte um alle diese Dinge, die übrigens in Mailand Stadtgespräch

waren zu der Zeit, als er sich für die Drohungen rächen wollte, die

Ariberti überall gegen ihn ausstieß seit dem Verluste seines Prozesses.

Eines Tages ging Pecchio, wie er sagte, auf die Jagd, wozu er sich als

Bauer verkleidete; so kam er an die Adda, wo er die Gänseherde seines

Feindes aufsuchte. Er vergewisserte sich, daß an diesem Tage jener

Kammerfrau allein die Obhut der Gänse anvertraut war und traf sie wie

zufällig.

"Großer Gott, wie seid Ihr verändert!" rief er ihr zu, "kaum seid Ihr

wieder zu erkennen!"

Die Kammerfrau brach in Tränen aus und sprach kein Wort.

"Wie leid mir Euer Unglück tut," sagte Pecchio, "erzählt mir doch, wie das

kam; zuvor aber wollen wir uns hinter jener Hecke verbergen, damit uns

nicht einer der Spione bemerkt, die immer um das Schloß streichen."

Die Kammerfrau erzählte ihr und ihrer Herrin Unglück. Sprach die Herrin

ihre frühere Kammerfrau einmal an oder lächelte sie ihr nur zu, so wurde

die Kammerfrau auf acht Tage bei Wasser und Brot eingesperrt. Die

Behandlung ihrer Herrin schien weniger hart, war aber noch grausamer.

Ariberti sprach mit ihr immer nur in einem spottenden höhnenden Ton.

Pecchio schien von diesen endlosen Berichten sehr bewegt.

"Ach, Herr, wenn Ihr ein Christ seid, so solltet Ihr diese unglückliche

Frau, die Ihr einst so liebtet, retten. Bleibt sie noch ein Jahr in diesem

Zustande, so stirbt sie für sicher. Und sie wäre schon glücklich, könnte

sie nur eine Meile weit von hier fern sein! Sie hat ein Kästchen voll

Goldzechinen und zudem, wie Ihr wißt, viele Diamanten."

"Wohlan, ich werde sie retten", sagte Pecchio.

Die alte Kammerfrau und jetzt Gänsemagd fiel auf die Knie.

"Ich fürchte nur eines," sagte Pecchio, "Euer Geschwätz. Du oder deine

Herrin, ihr werdet reden, werdet euch jemandem anvertrauen und werdet mir

den Tod bringen."

Und als darauf die Kammerfrau sich zu schweigen verschwor, fuhr er fort:

"Genau heut in acht Tagen, am nächsten Dienstag, ist Neumond und zudem

Jahrmarkt in Lecco. Die Nacht über wird die Straße voller singender

Betrunkener sein. In dieser Nacht, wenn's zehn Uhr auf der Kirchenuhr

schlägt, werde ich auf der Adda sein, unten am Schloßgarten, dort, wo die

Maulbeerbäume und die vielen Nesseln stehen und wo ich mich früher immer

einschlich. Ich werde selber vom Comersee mein Boot herrudern; es ist sehr

klein; hoffentlich wird man mich nicht bemerken."

"Aber wir brauchen mindestens zwei Männer, um die Duennen festzuhalten und

ihnen einen Knebel in den Mund zu stecken; denkt daran, daß sie schreien

werden und daß man Euch auf der Adda verfolgen wird. Die Schiffleute

Aribertis sind lauter junge Leute, die den Preis auf der Regatta gewonnen

haben. Und wie soll ich es anstellen, meiner Herrin Nachricht zukommen zu

lassen? Ich kann ihr zwar durch ein zwischen uns verabredetes Zeichen zu

verstehen geben, daß ich ihr Wichtiges zu sagen habe, aber wie soll ich

ihr es sagen? Es geht oft monatelang, ohne daß ich sie sprechen kann."

Die Kammerfrau konnte nicht schreiben; alles schien sich zu vereinigen

gegen Pecchios Pläne. Schließlich wurde vereinbart, daß Pecchio ein

Fläschchen mit Mohnsaft, ein berühmtes Betäubungsmittel, das man damals in

Venedig bereitete, in zwei Tagen bringen solle. Berta hatte Angst, es

möchte Gift sein; aber Pecchio beruhigte sie, und sie kamen überein, daß

Berta den Duennen etwas von dem Safte geben solle. Darauf sollte sie jenen

Dienstboten, welche die Duennen nicht leiden konnten, Geld in die Hand

geben, auf diese Weise zu ihrer Herrin kommen und endlich, wenn sie

Pecchio etwas zu melden hätte, einen einzelwachsenden kleinen Weidenbaum

knicken, der mitten auf einer nahen Wiese stand. Pecchio kehrte nach

Mailand zurück und früher als gewöhnlich trieb Berta ihre Gänse in den

Schloßhof. Sie suchte hier eine Gelegenheit, mit ihrer Herrin zu sprechen,

noch vor der Ankunft jener Betäubungsmittel. Der Herr Pecchio war jung und

stand im Rufe geringer Beständigkeit. Berta, welche seine Rachepläne nicht

kannte, fürchtete, er könnte vergessen, zum Stelldichein an der Adda zu

kommen.

Alles ging nach Wunsch. Berta schläferte mit dem Mohnsaft die Duennen ein,

sprach mit ihrer Herrin, und am Jahrmarktstage in Lecco betranken sich

alle Dienstleute Aribertis, wozu die Zechinen dienten, welche Pecchio der

Kammerfrau zugesteckt hatte. Ariberti selber war in Mailand auf einem

Balle, den die Signora Arezi, eine der vornehmsten Damen des Landes, gab.

Zur ausgemachten Stunde fand Pecchio sich mit seinem Boote an jenem

einsamen Ufer des Schloßgartens ein. Die Duennen konnten die Flucht ihrer

Herrin nicht verhindern. Berta hatte alle Angst, sie zu vergiften,

verloren und ihrem Wein eine sehr große Menge von dem Mohnsaft

beigemischt. Sie folgte ihrer Herrin auf das kleine Boot.

Zu seinem großen Leidwesen sah Pecchio, daß Donna Teresa Ariberti noch

große Leidenschaft für ihn hegte oder daß diese neu entflammt war, während

sein einziger Gedanke war, sich von ihr zu befreien. Sobald das Boot auf

venetianischem Boden war, übergab er die Dame einem Franziskanermönch, den

er bestochen hatte und der ihn auf einer kleinen Insel nah dem

venetianischen Addaufer erwartete. Der Mönch versprach, Donna Teresa auf

Umwegen nach Venedig zu bringen. Aber sie beschwor Pecchio, sie nicht zu

verlassen, und da der Edelmann sich taub stellte, ging sie soweit, ihm

Vorwürfe zu machen, daß er sie unter dem Versprechen, mit ihr

zusammenzuleben, aus ihrem Schlosse entführt habe. Pecchio beeilte sich,

auf das mailändische Ufer zu kommen, wo er bereits vorbereitete Relais

fand, die ihn um zwei Uhr morgens nach Mailand auf den Ball der Signora

Arezi brachten. Einer der ersten, die er hier traf, war Ariberti, der,

obwohl jung und schön, nicht tanzte und düster dreinsah, als ahnte er, was

sich auf seinem Schlosse zugetragen hatte.

Am andren Tage erhielt er die traurige Kundschaft. In großer Eile fuhr er

heim und stellte genaue Nachforschungen an, konnte aber nichts entdecken.

Die Duennen waren noch halbtot und vermochten keine Antwort zu geben, dank

der ungeheuren Menge Mohnsaft, die Berta in ihrem Zorne ihnen beigebracht

hatte. Nach einigen Tagen vergeblichen Forschens entdeckte Ariberti beim

Durchsuchen des Zimmers der einen Duenna ein merkwürdig geformtes

Fläschchen. Die Duenna antwortete auf seine Frage, sie habe das Fläschchen

erst vor zwei Tagen gefunden und es wäre ihr, als habe sie es in den

Händen von Berta gesehen. Ariberti schlug sie fast tot dafür, daß sie ihm

das nicht früher schon gesagt hatte.

Voll Verzweiflung, kein Anzeichen gefunden zu haben, kehrte Ariberti nach

Mailand zurück, das Fläschchen nicht vergessend. Er selber nahm sich die

Mühe, bei allen Apothekern der Stadt damit herumzugehen und sie

auszufragen. Bei einem erfuhr er, das Fläschchen stamme aus einer

berühmten, von einem entlaufenen griechischen Mönch gehaltenen Apotheke.

Ariberti begriff, daß der Apotheker mehr wußte, als er sagte; er bedrohte

ihn erst, dann gab er ihm Geld. Da gestand der Apotheker, daß das

Fläschchen kein Gift enthalten habe, sondern ein starkes Betäubungsmittel,

das man den Kranken in gewissen Fällen gebe, und daß er selber dieses

Fläschchen ein paar Tage zuvor an den Signor Pecchio verkauft habe ...

Die Äbtissin von Castro · 第 34 / 51 题