Paolo Santacroce, ein römischer Edelmann aus Fano, war wiederholt mit
Bitten in seine Mutter gedrungen, sie solle ihn zum gesetzlichen Erben
ihres Vermögens einsetzen. Da sie sich dessen weigerte, beschloß er, sie
ums Leben zu bringen. In solcher Absicht schrieb er an seinen älteren
Bruder Onofrio Marchese von Oriolo, der damals von Rom abwesend war, ihre
Mutter beflecke durch ihre Ausschweifungen die Ehre ihres edlen Hauses und
daß sie derzeit schwanger sei. In Wahrheit war die arme Frau
wassersüchtig, wie sich nach ihrem Tode herausstellte. Onofrio schrieb
seinem Bruder zur Antwort, er solle tun, was ein Edelmann seiner Ehre
schuldig sei. Daraufhin erdolchte Paolo seine Mutter und floh nach Neapel,
wo er bald darauf den Tod fand.
Diesem Verbrechen Pardon zu geben schien der Papst gar nicht geneigt,
zumal kurz vorher der Brudermord des Marc Anton Massimi sich ereignet
hatte und der Prozeß der Cenci wegen Vatermordes im Gange war. Papst
Clemens VII. befahl strenge Untersuchung, zumal der Hauptschuldige fehlte;
man fand die beiden Briefe der Brüder und alsbald wurde Onofrio verhaftet,
gerade als er auf dem Grundstück der Orsini dem Ballspiel oblag.
Als des Papstes Neffe, der Kardinal Aldobrandini, von dieser Verhaftung
hörte, gab er dem Monsignore Taverna, Gouverneur von Rom, den Auftrag,
sich persönlich des Prozesses anzunehmen und versprach ihm durch
Verwendung bei seinem Onkel den Kardinalshut, wenn es ihm gelänge, gegen
Onofrio ein Todesurteil zu erreichen. Es tut aber selber Hut mehr Wirkung
auf die römischen Prälaten als die Farbe des Goldes auf die Augen der
Banditen. Der Monsignore Taverna tat getreu, wie ihm aufgetragen.
Solange das Verhör dauerte, wollte der Kardinal Aldobrandini ihm anwohnen,
und war ihm da kein Tag zu heiß und keine Mittagsstunde; also sah man ihn
oft mitten im Juli sein Haus gegen die siebzehnte Stunde verlassen und
sich nach dem Kerker von Tordi Nona begeben, woselbst er sieben und acht
Stunden hintereinander blieb, um dem Verhör beizuwohnen. Selbes drehte
sich immer um jene Briefstelle, in der Onofrio schrieb, sein Bruder möge
tun, was die Ehre einem Edelmanne gebiete, und immer wieder wollte der
Gouverneur wissen, was er mit diesen Worten gemeint habe. Verwirrt im
Geiste durch das lange Verhör gab endlich Onofrio zu, daß er damit den Tod
der Mutter gemeint und verlangt habe, auf daß der Flecken abgewaschen
würde, mit dem die vermeinte Schwangerschaft des unglücklichen Weibes die
Ehre seines berühmten Hauses befleckt habe.
Dieses Geständnis kostete ihm das Leben; er wurde zum Tode verurteilt und
enthauptet.
Man sah eine große Dummheit darin, daß er dieses Geständnis gemacht hatte;
denn hätte er erklärt, jene Stelle in dem Briefe bedeutete, daß der
Eintritt jener unwürdigen Frau ins Kloster die Schmach abwasche, so hätte
er damit nicht nur sein Leben gerettet, sondern Lob geerntet, zumal es
nach den Gesetzen ritterlicher Ehre nicht zu den Pflichten des Sohnes
gehört, Fehltritte der Mutter zu rächen, sondern nur solche der Gattin
oder der unverheirateten Schwester.
Unter den Kardinälen, welche der Papst im Jahre 1604 ernannte, befand sich
auch Monsignore Taverna. Er hätte seine Barretta im Blute des Onofrio
Santacroce rot gefärbt, sagte man damals in Rom.
Es soll aber das Verlangen des Kardinals Aldobrandini nach der
Verurteilung des Santacroce seinen Grund in der Nebenbuhlerschaft bei
einer Dame gehabt haben, die er leidenschaftlich liebte und welche des
Onofrio Geliebte gewesen sein soll. Von Aldobrandini hatte sie einen
kostbaren Diamantring zum Geschenk erhalten, den die Dame wieder dem
Onofrio schenkte, der mit dieser Gunst seiner Geliebten prahlte. Als er
eines Tags den Kardinal begrüßte, legte er die Hand auf den Schlag der
Sänfte, so daß der Diamant jenem in die Augen funkelte.
Man erzählt auch, daß Onofrio eines Nachts den Kardinal mit Faustschlägen
angriff, als dieser gerade am Hause seiner Geliebten vorbeiging; und am
andern Morgen sei er im Vorzimmer des Kardinals erschienen, um ihm seine
Aufwartung zu machen, und tat so, als ob er ihn nicht erkannt hätte. Daher
die Wut und Rache des Kardinals.